Okkervil River - In The Rainbow Rain



















Das geht ja gut los! Nachdem Will Sheff auf seinem letzten Album „Away“ den Tod seines Großvaters und den Weggang einiger Bandmitglieder verarbeitete, eröffnet er die aktuelle Platte mit dem Bericht über einen Luftröhrenschnitt, der ihm als Kleinkind das Leben rettete. „Famous Tracheotomies“ listet berühmte Leidensgenossen wie den Schriftsteller Dylan Thomas, die Sängerin Mary Wells oder den Kinks-Chef Ray Davies auf und zitiert passend dazu „Waterloo Sunset“. Es ist also nicht der Auftakt zu erneutem Trübsal sondern zeigt Okkervil River deutlich positiver aufgestellt als zuletzt. 

Das neunte Album der Band trägt den Titel „In The Rainbow Bridge“ und verhält sich tatsächlich im Vergleich zum Vorgänger wie ein Regenbogen nach einem düsteren Gewitter. Die bunten Farben - und da müssen alteingesessene und traditionsbewusste Fans der Band sehr stark sein - sind im übertragenen Sinn eine luftige Produktion, pluckernde Drumcomputer, softe Keyboardsounds, sanftes Saxofongedudel, säuselnder Chorgesang und weitere 80er Jahre Referenzen. 

Die Kritiker sind äußerst zwiegespalten ob der neuen musikalischen Ausrichtung von Okkervil River: Bei Metacritic sind die letzten sieben Platten von Will Sheff & Co. gelistet und nur eine hat einen schlechteren Durchschnittswert als 78/100 Punkten. Genau, „In The Rainbow Bridge“ mit 69.




Das Quintett steht sich dabei nie auf den Füßen, sondern fügt Okkervil River in ihrem 20. Jahr nach Gründung Facetten hinzu, die man so noch nie von ihnen gehört hat. Ein noch prägnanterer Einsatz von Synthies als auf "The silver gymnasium", Drumcomputer und Gospel-Chöre mögen auf dem Papier irritierend klingen, doch fügen sich diese neuen Elemente wundervoll ins altbekannte Soundbild des von Streichern und Bläsern akzentuierten Folk-Rocks ein. Der unfassbar detailliert arrangierte "Family song" schindet da am meisten Eindruck – ziemlich genau so hätte wohl "Away" geklungen, hätte sich Sheff noch zusätzlichen Input von The-War-On-Drugs-Kopf Adam Granduciel geholt.
Es passt auch einfach so gut, wie die fast schon an Air erinnernden Soundscapes die sphärische Schwebe des "Shelter song" umgarnen und damit die optimale Trägerfläche für dessen tröstende Botschaft von spiritueller Verbundenheit darstellen. Dass sich Okkervil River auf für sie neuem Terrain bewegen, heißt ja auch nicht, dass sie überhaupt nicht mehr aufs alte zurückkehren: In "Don't move back to LA", einem Midtempo-Folk-Schunkler mit 60er-Dylan-Vibe, lamentiert Sheff mit gewohntem Humor den Wegzug seiner Freunde aus der Wahlheimat New York, während das beschwingte Country-Kleinod "External actor" sogar das Debütalbum "Don't fall in love with everyone you see" ins Gedächtnis ruft. In einer Diskographie, die fast ausschließlich aus hochkarätigen Diamanten besteht, ist "In the rainbow rain" vielleicht nicht der am hellsten funkelnde, doch kann es sich trotzdem ganz mühelos bei den anderen einreihen.
(plattentests)




Okkervil River in Deutschland:

21.09.2018 Hamburg, Reeperbahn Festival
26.09.2018 Berlin, Lido
27.09.2018 Köln, Gebäude 9