Mal sehen, wie den Plattenrichtern „Yummy“, das 18. Album von James , mundet… Viele Köche verderben den Brei, heißt es, aber auf die - mit e...


Mal sehen, wie den Plattenrichtern „Yummy“, das 18. Album von James, mundet…

Viele Köche verderben den Brei, heißt es, aber auf die - mit einer kurzen Unterbrechung - seit 1982 bestehende Band aus Manchester scheint dies nicht zuzutreffen, denn aktuell versammeln sich gleich 9 Musiker und Musikerinnen um den Herd, im Studio  und auf der Konzertbühne. Mit „Is This Love“, „Life’s A Fucking Miracle“ und „Our World“ kredenzen sie uns die gewohnt leichtfüßig-tanzbaren und eingängigen Singles. Besonders deliziös sind das über 6-minütige, opulente „Shadow Of A Giant“ und „Way Over Your Head“ geraten. 

Zum Nachtisch servieren James „Pudding“, 12 Songs (auf der Doppel-CD Deluxe Version) in Demo-Versionen, die es nicht in den endgültigen Aufnahmeprozess mit der kompletten Band geschafft haben.  

Werden die Hoffnungen von Tim Booth & Co. auf eine erneute Top-Platzierung bei Platten vor Gericht („All The Colours Of You“ landete zuletzt auf Platz 4) schmelzen wie das Wassereis in der Sonne oder entfaltet „Yummy“ seine schillernden Flügel und schwingt sich in noch höhere Endstand-Welten empor?

„Yummy“ ist als CD (plus Deluxe Version) und LP (black Vinyl, orange marbled Vinyl, zoetrope Picture Disc) erhältlich. 


Yummy is all killer no filler and as we approach the end of the twelve track album, the quality of the tracks is as high as ever. (…)
With nine studio albums under their belt since they reunited in 2007, James are more prolific than ever and Yummy cements their place as one of the most comercially and aristically – and most loved – alternative bands of their era. Unafraid of the unknown, they continue soaring to new heights of beauty and inspiration and their refusal to conform to societies expectations as to what a band of their longitude should he doing is commendable. 


 


Yummy is the sound of a band refusing to rest on their laurels, in love with their creative process and looking forward rather than backwards. James still possess the ability to produce the anthems with which they made their name, and Yummy has moments where they hit that sweet spot, but across the twelve songs here they’re searching for deeper connections, both internally within the band and with their audience. Their expansion to a nine-piece has opened up new possibilities, particularly vocally with Alper on board, and that allows them to make a James record that sounds like a James record, but not like one they’ve made before.





Stefanie öffnet für uns ihren Kleiderschrank und zeigt uns ihre liebsten Stücke: Da wäre als erstes der Parka, der mittlerweile fast drei Ja...


Stefanie öffnet für uns ihren Kleiderschrank und zeigt uns ihre liebsten Stücke: Da wäre als erstes der Parka, der mittlerweile fast drei Jahrzehnte auf dem Buckel hat und auf dem mit Filzstift Punk-Parolen wie „Pflasterstein flieg“ oder „Bulle halt’s Maul“ gekritzelt und Aufnäher von Normahl oder Chaos Z befestigt sind, die sie alle über die Compilation „Schlachtrufe BRD“ in den 90er Jahren kennenlernte. 

Dann das rote Hemd des Marke „Amöbe“, zu welchem eine schwarze Krawatte gehört, so dass man bei deren Kombination sofort an „Mensch-Maschine“ und Kraftwerk denken muss. Nicht zu vergessen die Creepers Schuhe, mit der man auf jeder 80er-Synthpop-Party glänzen kann! Und letztendlich ein T-Shirt mit den Konterfeis von Russell Hitchcock und Graham Russell, die zusammen das australische Softrock-Duo Air Supply bilden, deren „All Out Of Love“ (1980) Stefanie Schrank auch heute noch oft hört und mitsingt.

Beim letzten Kleidungsstück, einem Rock aus schwarzem Vinyl sind wir uns uneinig. Rock oder Mini-Rock? „12 Inch“, witzelt Stefanie.





Möglicherweise sind Wolke, die auf dem Radiosender 1live auch als die POPdolmetscher reüssierten, für ihre ins Deutsche übersetzten und inte...


Möglicherweise sind Wolke, die auf dem Radiosender 1live auch als die POPdolmetscher reüssierten, für ihre ins Deutsche übersetzten und interpretierten Coversongs bekannter als für ihre eigenen Lieder. Es ist ja auch mittlerweile ziemlich genau 12 Jahre her, dass Oliver Minck und Benedikt Filleböck ein Album über Tapete Records veröffentlichten, vier waren es insgesamt: „Susenky“ (2005), „Möbelstück“ (2006), „Teil 3“ (2008) und „Für immer“ (2012).

Für den Neustart beim Label MusiKiste greift das Kölner Duo nun auf die beliebte Tradition zurück, beim Comeback das Album nach dem Bandnamen zu benennen. Auch ihrem Brauch, eine Coverversion zu integrieren, bleiben Wolke treu und nehmen sich diesmal „Girls & Boys“ vor und entschleunigen den Song von Blur auf bezaubernde Art und Weise. An dieser Stelle muss ich auch ihre Versionen von „Last Christmas“ und „Common People“ besonders empfehlen.

Wolke spielen minimalistischen und intimen Kammerpop, der meistens mit Gesang, Piano, Bass und Drumcomputer auskommt und nur gelegentlich Streicher- („Vogel“) oder Bläserarrangements („Echolot“) einbindet. 

Wolke“ ist als LP (black Vinyl) erhältlich. 

Wolke unterwegs:
18.4.24 Köln, Stereo Wonderland 
1.5.24 Karlsruhe, Kohi

2.5.24 Nürnberg, Mata Hari 
3.5.24 Berlin, Bar Bobu 
4.5.24 Stade, Hanse Song Festival

5.5.24 Hamburg, Nachtasyl

6.5.24 Bremen, Urlaub

7.5.24 Hannover, Nordstadtbraut

25.5.24 Bonn, Kult 41


 


 





Schon gemerkt? Beginnend bei Kettcar, Einstürzende Neubauten, Christin Nichols und Sofia Portanet gibt es wohl so etwas wie eine Deutschland...


Schon gemerkt? Beginnend bei Kettcar, Einstürzende Neubauten, Christin Nichols und Sofia Portanet gibt es wohl so etwas wie eine Deutschland-Woche bei Platten vor Gericht. Da kommt in den nächsten Tagen noch mehr und weiter geht es deshalb heute mit Katharina Kollmann alias Nichtseattle

Diese lässt das Produzenten-Team Olaf O.P.A.L. und Sönke Torpus, sowie ihre vierköpfige Band in ihr Zelt einziehen - und was die alles mitbringen! Gitarren, Schlagzeug, Percussion, Bass, Akkordeon, Flügelhorn, Trompete und die Mundharmonika passt auch noch irgendwie mit rein. Da platzen fast die Nähte, für Handclaps fehlt fast der Raum, der Reißverschluss lässt sich nur noch unter größter Anstrengung hochziehen und dennoch entfalten sich die Songs zwischen Folk, Slowcore und Indierock weiter als auf ihrem zweiten Album „Kommunistenlibido“.

Ähnlich geht es auch der Platte, die mit 12 Songs, die selten unter der 4-Minuten-Marke bleiben und zusammen 66 Minuten laufen, so prall gefüllt ist, dass es gleich einer Doppel-LP (black Vinyl, blue Vinyl, clear Vinyl) bedarf. 

Thematisch setzt sich die Liedermacherin (bei der man stimmlich gelegentlich an Judith Holofernes denken muss) mit dem Mikrokosmos Haus auseinander und dieses scheint eher ein Mehrfamilienhaus zu sein, denn diverse Bewohner und ihre Befindlichkeiten werden unter die Lupe genommen und in aller Ausführlichkeit seziert und reflektiert.  

Nichtseattle schlägt ihr Zelt auf:
02.05.24 Kassel, Franz Ulrich (solo) 
03.05.24 Brilon, Stadtschenke (solo) - freier Eintritt
04.05.24 Stade, Hanse Song (solo) 
01.06.24 Neustrelitz, Immergut Festival 
03.06.24 Hamburg, Aalhaus 
04.06.24 Köln, Bumann & SOHN 
05.06.24 Nürnberg, Soft Spot
06.06.24 Leipzig, Conne Island 
07.06.24 Karlsruhe, Kohi Kulturraum 
08.06.24 München, Kammerspiele / Werkraum 
09.06.24 Frankfurt, Brotfabrik 
13.06.24 Berlin, Maschinenhaus 
08.-10.08.24 Haldern, Haldern Pop 


Nichtseattle ist ein Phänomen, weil man die Texte studieren kann, aber nicht muss, um sofort etwas zu fühlen. Erinnerungsschnipsel, die Tristesse, aber auch die Freude des Hier und Jetzt und die Ungewissheit vor der Zukunft stecken in der Tapete, knarzen zwischen den Dielen, und immer flüstert da Kollmanns Stimme trostspendende Orte. Zu viele ihrer Worte zu zitieren, würde einem Spoiler gleichkommen, weil es in einem ruhigen Moment erlebt werden muss. Und dann sitzt man fasziniert da und stellt sich vor, wer da bei Katharina Kollmann alles wohnt und wie dieses "Haus" aussieht, in dem man sie besuchen darf und warum man so unfassbar gerne so viel Zeit dort verbringt.


 


 





Die deutsch-spanische Sängerin und Songwriterin Sofia Portanet legt mit „Chasing Dreams“ ihr zweites Album vor. Ihr Debüt „Freier Geist“ ist...


Die deutsch-spanische Sängerin und Songwriterin Sofia Portanet legt mit „Chasing Dreams“ ihr zweites Album vor. Ihr Debüt „Freier Geist“ ist 2020 erschienen und wurde bei Platten vor Gericht sträflich übersehen.

Vom Synthpop der 80er Jahre bewegt sich Portanet im Verlauf des Albums in Richtung Elektropop und New Wave (um nocht Neue Deutsche Welle zu sagen) zum Pop der 90er Jahre („Ballon“ könnte auch von Blümchen stammen, oder?), dabei ist „Chasing Dreams“ noch poppiger und vielfältiger geraten als sein Vorgänger und hat auch Flamenco und Chanson im Angebot. Textlich startet Sofia Portanet mit Bezügen zu Rilke und Heine poetisch („Ich bin“), bewegt sich dann aber auf profanere Ebene rund um Liebes- und Beziehungs-Thematiken.

Portanet singt auf deutsch („Lust“, „Ballon“), englisch („Paralysed“, „Real Face“), französisch („Entre nos lèvres“) sowie spanisch („Coplas“). Auf „Lust“ und der das Album abschließenden Piano-Fassung von „Real Face“ gibt es Feature-Beiträge von Tobias Bamborschke (Isolation Berlin) bzw. Chilly Gonzales.

„Chasing Dream“ bietet 11 Songs in 32:38 Minuten und ist bereits als CD und LP (black Vinyl) erschienen. 
Im April ist Sofia Portanet auf Tournee:
17.04.2024 München (Feierwerk)
18.04.2024 Jena (Kassablanca)
20.04.2024 Stuttgart (Im Wizemann)
21.04.2024 Frankfurt (Brotfabrik)
23.04.2024 Köln (Blue Shell)
24.04.2024 Hamburg (Hebebühne)
26.04.2024 Berlin (Peter Edel)
 

 


   


Das große Finale von “Lust”, in dem Portanet Unterstützung von Isolation-Berlin-Sänger Tobias Bamborschke erhält, kommt in seinem Bombast gar an Mines Orchester-Inszenierungen heran.
Zum (Fast-)Abschluss dieses großen Albums erhält die sentimentale, spanische Hymne “Coplas” einen breitflächigen Chor an die Seite gestellt. Spätestens dann ist klar: “Chasing Dreams” gehört auf die Bühnen der großen Konzertsäle, um in seiner reinen Imposanz voll wirken zu können. (…)
Mit diesem multilingualen Meisterwerk hält Sofia Portanet jedes Versprechen des Debütalbums ein – und schafft mit dem neu gewonnenen Mut zum Tanzfieber noch mehr Kontaktpunkte für die Indie-Bubble. Extravaganz und Eingängigkeit haben sich selten so gut verstanden wie hier.


 


Auch "Mi amor" und die nicht ganz so grellbunte, dezent melancholische Single "Real face" animieren zum Tanzen – und zwar in etwa so, wie man beim good old ESC tanzen würde. Vieles auf "Chasing dreams" tendiert tatsächlich in Richtung klassischen Europops. Aber eben in schlau, sonst wären die Songs platter und billiger. (…)
Auf "Chasing dreams" sitzt nicht jeder Kniff, "Paralysed" zum Beispiel hätte ebenfalls ein wenig spannender geraten können. Aber für die unverkennbare künstlerische Vision, den absoluten Willen zur Ästhetik und ihre Abkehr vom vorgezeichneten Weg beim zweiten Album gebührt der Wahlberlinerin ein dickes Lob. Portanet umarmt den Camp und, ja, auch ein bisschen den Trash. Weil sie kann. Das ist trotz kleinerer Ausfälle hierzulande immer noch ziemlich einzigartig.


 




Die deutsch-britische Schauspielerin, Synchronsprecherin und Musikerin Christin Nichols  legt mit „Rette sich, wer kann!“ ihr zweites Album ...


Die deutsch-britische Schauspielerin, Synchronsprecherin und Musikerin Christin Nichols legt mit „Rette sich, wer kann!“ ihr zweites Album vor. Ihr Debüt „I’m Fine“ ist 2022 erschienen und erreichte bei Platten vor Gericht am Ende des Jahres mit einen Durchschnitt von 7,833 Punkten Platz 17.

„Vom Alternative Rock der 90er Jahre bewegt sich Nichols im Verlauf des Albums in Richtung Post-Punk, Elektropop und New Wave (um nicht Neue Deutsche Welle zu sagen)“, schrieb ich zu ihrem Solodebüt und könnte diese Zeile hier gut wiederholen, auch wenn „Rette sich, wer kann!“ etwas poppiger geraten ist. Textlich bezieht Nichols erneut in klaren Worten kritisch Stellung zu persönlichen als auch gesellschaftlichen Themen (Feminismus, Hedonismus, Aktivismus und andere Dinge ohne -mus).

Nichols singt größtenteils auf deutsch, baut gelegentlich englische Textzeilen ein („Totgelacht“) oder setzt komplett auf diese Sprache („Direct Flight To Seattle“, „The Rush“). Erstmals gibt es auch Feature-Beiträge, nämlich von Julian Knoth (Die Nerven) bei „In Ordnung“ sowie vom Rapper Fatoni beim Titelsong.

„Rette sich, wer kann!“ bietet 12 Songs in 44:09 Minuten und ist bereits als LP (black Vinyl) erschienen. 
Im Herbst kommt Christin Nichols auf Tournee:
09.08.2024 Essen (Zeche Carl)
30.10.2024 Hannover (Faust)
01.11.2024 Köln (Blue Shell)
02.11.2024 Stuttgart (Helene P)
03.11.2024 München (Milla)
21.11.2024 Hamburg (Molotow)
22.11.2024 Leipzig (Conne Island)
23.11.2024 Nürnberg (Club Stereo)


 


 


Nun also eine Politplatte? Wieder mehr Prada Meinhoff als Bespiegelung des eigenen Innenlebens? Nein, denn die einleitend erwähnte – und wichtige – Textzeile ist da gar nicht so repräsentativ. Im zugehörigen "Bodycount" teilt Nichols auch in noch ganz andere Richtungen aus, insbesondere hinsichtlich der immer noch bestehenden Geschlechterungerechtigkeit. Dazu glänzen herrlich druckvolle Synthesizer, die daraus einen schillernden 80er-Hit machen. Doch wer die herrlichen Gitarren des Debüts vermisst, kann beruhigt sein, die kommen auch noch zur Geltung. Schon durch das folgende Titelstück zieht sich wieder der markante Bass, und die Themen werden persönlicher. Angst und Angststörungen, damit haben viel mehr Menschen zu kämpfen, als die Leistungsgesellschaft anerkennen will. Und als erster von zwei Duettgästen rappt der Ursympath Fatoni mit.


 






Am 1. April jährte sich die Gründung der Einstürzenden Neubauten zum 44. Mal. Blixa Bargeld und N.U. Unruh waren seit der ersten Stunde dabe...


Am 1. April jährte sich die Gründung der Einstürzenden Neubauten zum 44. Mal. Blixa Bargeld und N.U. Unruh waren seit der ersten Stunde dabei, Alexander Hacke stieß kurze Zeit später noch als Teenager hinzu. Rudolph Moser und Jochen Arbeit sind somit die neuesten Zugänge im Lineup - sie sind seit 1997 in der Band. 

Neben den regulären Studioalben erschienenen zahlreiche Compilations, Remix- und Live-Alben, Soundtracks sowie spezielle Veröffentlichungen für ihre Supporter, außerdem gab es immer wieder Platz für experimentelle Werke, wie beispielsweise die achtteilige Musterhaus Serie. 
„Rampen (Apm: alien pop music)“ deckt nun gleich mehrere dieser Bereiche ab, denn die 15 Stücke, die 75 Minuten laufen, beruhen auf so genannten „Rampen“, öffentliche Improvisationen der Band, die sie auf ihrer letzten Tournee im Zugabenteil aufführten, die nun im Studio weiter geführt wurden, ohne ihre avantgardistisch-experimentelle Hülle abzustreifen und ihren monoton-fragmentarischen Zustand zu verlieren.

Rampen (Apm: alien pop music)“ ist als Doppel-CD und -LP (black Bio Vinyl, yellow Vinyl in der Deluxe Auflage) erhältlich. 

06.09.24 München – Muffathalle
09.09.24 Berlin – Columbiahalle
14.09.24 Köln – E-Werk
15.09.24 Hamburg - Elbphilharmonie
08.10.24 Frankfurt - Batschkapp
10.10.24 Hannover - Capitol
17.10.24 Leipzig - Haus Auensee


Ein Hauch von Vergänglichkeit, wenn nicht Abschied, liegt über dem Album, am deutlichsten im melancholisch leisen „Before I Go“. Doch schon das folgende „Isso isso“ schwingt wieder muskulös und auf den Punkt. In „Besser isses“ geht es um die notwendige Trennung von einem unangenehmen Partner – musikalisch eines der besten Stücke des Albums, kratzig wie eine Stahlbürste, aber voller Vitalität. Auch das rätselhaft mystische „Pestalozzi“ sticht heraus, ebenso das leise irrlichternde „Gesundbrunnen“. Abgesehen vom unnötig prätentiösen Titelzusatz „(apm: alien pop music)“ ein gelungenes Album von einer in Würde alternden Band.


 


So mäandert die Musik scheinbar ziellos, irrt durch Klanglabyrinthe auf immer höhere Level, auf denen es immer wieder neue Wort-Rätsel zu lösen gibt wie in einem Adventure-Game für literaturbeflissene Ex-Punks. Aber dass man das alles nicht so super ernst nehmen muss, signalisiert Bargeld dann spätestens mit seinem ersten Song in breitem Berlinerisch: Eine von Fieber geschüttelte Gitarre lärmt durch „Ick wees nich (noch nich)“, und Bargeld offenbart seine und unser aller Ratlosigkeit: „Und allet hat sich uffjelöst / Wat nu?“




10 gerecht gute Kritiken ungeordnet aufgereiht:  1. Auf den 12 neuen Stücken kommt ganz viel zusammen, was Kettcar über die Jahre als Band a...


10 gerecht gute Kritiken ungeordnet aufgereiht: 

1. Auf den 12 neuen Stücken kommt ganz viel zusammen, was Kettcar über die Jahre als Band ausgezeichnet hat. Es gibt kaum einen Song auf dem Album, der nicht a la Balu oder Balkon gegenüber dieses gemeinsam-am-Deich-sitzend-Mitsing-Gefühl erzeugt. Hervorzuheben sind da die düstere Bestandsaufnahme Auch für mich 6. Stunde, Rügen, ein Song über das Elternsein oder Einkaufen in Zeiten des Krieges. (…) Gute Laune ungerecht verteilt ist Kettcar at it’s best. Wer weiß, was das bedeutet, kann sich nur freuen, dass dieses Album Begleitung für herausfordernde Zeit ist.

2. Es sind oft nur Satzfetzen und kleine Szenen, Andeutungen und Assoziationen, aus denen Reimer Bustorff und Marcus Wiebusch kleine Bollwerke gegen die Verzweiflung zusammen schrauben. Gerade weil sie nicht vorgaukeln, etwas besser zu wissen. Und weil ihr Indie-Rock so kraftvoll ist, aber nie Dringlichkeit mit billigem Pathos verwechselt.

3. Für manche ist “Gute Laune, ungerecht verteilt” vielleicht ein bisschen zu viel Information, zu viel starke Meinung und zu viele gute Gedanken, auch über die unangenehmen Themen. KETTCAR perlen nicht an denen ab, die sich damit befassen wollen. Die Waage zwischen emotionaler Konfrontation und der Ration Kitt für den Seelenschmerz scheint am Ende ausgeglichen. Fühlt sich an wie nach Hause kommen, auch wenn es da einiges im Argen liegt.


 


4. Überhaupt findet man viele Zitate und Anspielungen an andere Acts, in "Doug & Florence", einer scheppernden, schwelgerischen Hymne an Pflegerinnen und Paketboten, heißt es im Sinne der Smiths "All ihr Pflegerinnen / Paketboten of the world unite / Unite and take over". Wo in den Achtziger Jahren noch die Ladendiebe umarmt wurden und zur Machtübernahme angespornt, sind es heute diese Dienstleister, die in einer sehnsuchtsvollen Klassen-Utopie Florence Nightingale mit Doug Heffernan von "King Of Queens" verbindet.
Weitere Assoziationen in den Tracks finden sich zu Acts wie The National, Sufjan Stevens, War On Drugs bis hin zu den Beatles. 

5. Alles Geschichten, so bildhaft geschrieben, dass sie einem Kurzfilm gleichen. Highlights auf Gute Laune ungerecht verteilt sind neben dem wirklich starken München vor allem auch Auch für mich 6. Stunde, Blaue Lagune oder auch Kanye in Bayreuth und der darin gestellten Gewissensfrage, über das Trennen von Kunst und Künstler. Es gibt viel, was Hörer*innen aus diesem Album mitnehmen können, und das sind bei weitem nicht nur Ohrwürmer.


 


6. Mit „Gute Laune, ungerecht verteilt“ erklimmen Kettcar nun eine neue Stufe. War das Vorgängeralbum noch vor allem eine mit moralischen Standpunkten untermauerte These, ist das neue Werk eine dialektische Meisterleistung. (…)
Kettcar geben auf manchmal pathetische, aber nie kitschige Weise den Stimmlosen eine Stimme. Der immer wieder aufflammenden Vereinzelung setzen sie die Hoffnung auf Zusammenhalt entgegen. Die Synthese dessen – ein Meisterstück.

7. Das Album "Gute Laune ungerecht verteilt" muss bewusst gehört werden und ist keine Musik für nebenbei. Beim Zuhören entdeckt man die vielschichtige Balance der Themen - politisch, persönlich, gesellschaftlich, empathisch. (…) Ein Album-Highlight ist die Alltagsbeobachtung "Einkaufen in Zeiten des Krieges", mit der herrlichen Textzeile: "Und nicht alle in Hamburg wollen zu König der Löwen“.
Musikalisch wie textlich ist die Band auf einem Höhepunkt angekommen. "Gute Laune ungerecht verteilt" klingt frisch und gelungen. Die Hörer*innen bekommen einen Spagat zwischen lauter, erdrückender Ernsthaftigkeit, und auch sehr leisen und zarten Balladen wie "Zurück". Und diese Lichtmomente sind, wie die schweren Themen, wichtig für das große Ganze.
(NDR)


 


8. »Mein Herz ist ein totgeschlagenes Robbenbaby« ist die vielleicht eindringlichste Zeile aus einem Song, der einem mit jedem Textvers ins Gewissen prügelt. Es ein absichtlich sperriger, an das Ende des Refrains gesetzter Satz, der den Zuhörer zu unmittelbarer Anteilnahme zwingt: Robbenbabys mit großen anklagenden Augen, die auf kalten Eisschollen blutig abgeschlachtet werden – das ist ein Bild, das jeder kennt, das jedem unter die Haut geht. In »München«, der ersten neuen Single von Kettcar seit 2019, wird die Zeile von einem Deutschen mit Migrationsgeschichte gesagt, weil er sich angesichts der stetig wachsenden rechten Gewalt und Kälte im Land so fühlt wie die Robbe: hilflos, allein, schutzlos, ausgeliefert. (...) voll mit wütenden Gitarren, die wie Alarmsirenen heulen, ist ein seltenes politisches Statement im deutschen Pop. Ein Rocksong, dessen Inhalt und Geschichte schon seit Jahren Gültigkeit haben. Aber nun, in den Tagen überfälliger Proteste gegen den aufgedeckten  zynischen Abschiebeplan der Rechten, zu einem Fanal wird. Es ist ein radikaler Song, der aufwühlt und agitiert.

9. "Kanye in Bayreuth" ist der wohl experimentellste Track der Platte. Das Stück pumpt und schnaubt im seidigen Hip-Hop-Gewand, Wiebusch sprechsingt und spiegelt den Jüngern des korrekten Musikgeschmacks die aktuelle Position ihrer moralischen Kompassnadel. Selbst, wenn sich diese Frage vorwiegend Musiknerds stellen, trifft sie den Zeitgeist: Wo sich positionieren zwischen Gut und Böse, Alt und Neu? Und wen noch supporten inmitten all der Shitstorms und Meinungspole? Rammstein, Morrissey, Kanye und Co. grüßen mit gequältem Grinsen. Vielleicht sind verschmitzt-verzerrte Mundwinkel ja das passende Bild für ein Leben in dieser aufgewühlten, rastlosen und gleichzeitig nach Halt suchenden Gesellschaft. Die sich in einem jedoch sicher sein darf: Kettcar sind da, sie sind mitten unter uns. Ein Glück.


 


10. Am Schluss kommen das Private und Politische auf „Gute Laune, ungerecht verteilt“ nochmal grandios zusammen: Im sprechend betitelten „Brief meines 20-jährigen Ichs (Jedes Ideal ist ein Richter)“ entwirft der 55-jährige Wiebusch als Gedankenexperiment eine Anklage seines jüngeren Selbst. Es ist ein mitreißender Text, ungnädig und von enttäuschtem Kopfschütteln durchdrungen, von der Band zurückhaltend, aber zackig unterfüttert. Im Finale gibt es den einzigen, aber entscheidenden Moment, in dem ein Hauch Versöhnlichkeit aufblitzt: „In deinem gespielten Optimismus, den verschollenen Idealen / In jedem grauen Haar, in deinem Eigenheimsparplan / Dem Kitsch in deinen Texten, deinen Falten im Gesicht / Seh ich, du hast immer noch die gleiche Angst wie ich“. Das erwischt einen mit der emotionalen Wucht von Kettcar-Großtaten wie „48 Stunden“ oder „Balu“, rührt aber auch an die hochpolitische Frage nach dem „richtigen“ Leben im falschen. „Und du tust, was du musst / Und du hoffst, dass es langt“ – da ist sie wieder: die Hoffnung.
(WAZ)