So richtig konnte meine Begeisterung für Paris Paloma mit ihrem Debütalbum „Cacophony“ noch nicht auf die übrigen Plattenrichter überspringen. Aber vielleicht ändert sich dies mit „The Fatal Flaw“, denn auch an anderen Stellen nimmt die durchaus berechtigte Aufmerksamkeit für die junge Singer/Songwriterin aus Derbyshire zu: So nahm Florence Welch sie zuletzt mit auf Tour und einen Wikipediaeintrag gibt es für Paris Paloma mittlerweile auch.
Viele ihrer frühen Singles hatten es nicht auf ihr Debütalbum geschafft, so dass ich etwas besorgt war, als zum Record Store Day eine Vinyl-Single von ihr erschien: Auf der einen A-Seite „Good Boy“, das es im Jahr zuvor in meine persönliche Singles Top Ten geschafft hatte, auf der anderen A-Seite „Good Girl“, das im Januar diesen Jahres veröffentlicht wurde und mir tatsächlich noch besser gefällt. Erfreut stellte ich dann fest, als ich die Trackliste von „The Fatal Flaw“ sah, dass es beide Songs auf das Album geschafft hatten. Damit hatte sich die Hit-Dichte im Vergleich zu „Cacophony“ - hier überstrahlte „Labour“ alle anderen Songs - mindestens verdoppelt.
Bereits „Good Boy“, mit einem gesprochenen Intro von der Schauspielerin Emma Thompson, und „Good Girl“ mit seinen pulsierenden, tanzbaren Beats und einer Hinwendung zum düsteren Pop deuteten eine Wandlung bei Paloma an. Das Album strotz weiterhin von Bezügen zu Bildender Kunst und Literatur, wie die Titel „Rothko“, „Pre-Raphaelite“, „Pyrrhus“ oder „Miyazaki“ bereits aufzeigen, ist aber weniger introvertiert und akustisch gehalten als früher. Vielleicht hat es auch an der Tournee mit Florence + The Machine gelegen, dass es hier Dank wuchtiger Trommeln sowie pathetischer Chorgesänge und hymnischer Streicher mehr Dramatik und Opulenz zu hören gibt. „The Bleeding Part Of Me“ und „Silhouette On The Hill“ wären solche Theatralik-Monster, „Get Her The Fucking Flowers“ soll stellvertretend für die eher ruhigen und introvertierten Folk-Songs genannt werden, die es natürlich auch weiterhin gibt.
Textlich setzt sich Paris Paloma, die mit Nachnamen auch noch Phillips heißt, einerseits mit gesellschaftskritischen Themen auseinander: „Good Boy“ beleuchtet die toxischen Seite traditioneller Männlichkeitsbilder und die Erziehung von Jungen, während sie sich in „Good Girl“ mit der weiblichen Sozialisation auseinander setzt und ihre Wut über das Erfüllen von Ansprüchen, die nicht die eigenen sind, verarbeitet. Auch die Problematik mit KI für alle Kunstschaffenden. wird thematisiert und nicht zufällig ist der Titel des Openes der Nachname von Hayao Miyazaki, der nicht nur für Studio Ghibli bekannt ist, sondern auch für seine ablehnende Haltung gegenüber der KI-Plage in der Kunst, die er als „Beleidigung des Lebens selbst“ bezeichnet. Andererseits gewährt sie uns, wie in „Rothko“ oder „Get Her The Fucking Flowers“, wieder einen Einblick in ihr Inneres und ihre Gefühlswelten.
„The Fatal Flaw“ ist als CD und LP (Cherry Red Vinyl, Bloodshot Vinyl, Baby Blue Vinyl, Black Vinyl, Picture Disc, Beer With Black Smoke And White Splatter Vinyl) erhältlich.
Im Dezember ist Paris Paloma wieder in Deutschland zu sehen und hören:
03.12.26 München, Backstage
06.12.26 Frankfurt, Zoom
08.12.26 Berlin, Astra Kulturhaus
09.12.26 Hamburg, Große Freiheit 36
Musikalisch läuft das alles so ab, wie man sich wohl gemeinhin keltisch-paganistische Hexenrituale vorstellen mag: energetisch, rhythmisch treibend und phasenweise mit impulsiven Ausbrüchen à la Florence Welch. Wenn auch mit etwas konventionelleren Chord Progressions und Instrumentierungen. Insbesondere die Streicherarrangements sind hier qualitativ herauszuheben, neben einigen hübschen Soundspielereien wie zum Beispiel dem Cembalo-Einsatz in "Pre-Raphaelite". Der Clou, weshalb alle diese doch recht unterschiedlichen Kompositionen so gut zusammenwirken, liegt in wesentlichem Umfang im Mastering von Palomas Gesangsstimme, die trotz hoher Bandbreite und Stimmumfang in der Lautstärke nur selten ausschlägt und damit alle Tempowechsel erdet. Das ist zwar kein Gegenentwurf zum "loudness war", aber mindestens eine Rückbesinnung darauf, dass es auch elegantere Methoden gibt, mit seiner Produktion Eingängigkeit zu erzeugen.

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