Welchen Stellenwert Morrissey hier einst inne hatte, lässt sich vielleicht einfach daran zeigen, dass er die Ehre unserer ersten Revision hatte, „Ringleader Of The Tormentors“ (2006) und „Years Of Refusal“ (2009) nur knapp das Siegertreppchen verpassten, auf dem „You Are The Quarry“ 2004 als unser Album des Jahres noch thronte. Selbst „World Peace Is None Of Your Business“ erreichte noch Platz 17 bei Platten vor Gericht.
Aber, seinen wir ehrlich, seitdem veröffentlich der ehemalige Sänger von The Smiths mit „Low In High School“ (2017) und „I Am Not A Dog On A Chain“ (2020) bestenfalls mediokre Alben. Zwischendurch gab es noch ein überflüssiges Album mit Coverversionen („California Sun“) und viele Aussagen seinerseits, die einem den Spaß an seiner Musik reichlich vergällen.
Dennoch besteht bei jedem Fan die Hoffnung, dass Morrissey (in vielerlei Hinsicht) noch einmal die Kurve bekommt. Aber die Vorgeschichte des neuen Albums war schon nicht vielversprechend: Sein Album „Bonfire Of Teenagers“, das eigentlich 2023 hätte erscheinen sollen, blieb aufgrund von Streitigkeiten mit seiner damaligen Plattenfirma (wahrlich keine Seltenheit bei Morrissey) bisher unveröffentlicht. „Make-Up Is A Lie“ sollte ursprünglich „Without Music The World Dies“ heißen und ganz andere Songs beinhalten, denn ein großer Teil der ursprünglichen Trackliste wurde verworfen und durch neuere Aufnahmen ersetzt. Dass diese erneut mit dem Produzenten Joe Chiccarelli - seit Jahren ein Garant für Enttäuschungen im Morrissey-Kosmos - entstanden, ließ Schlimmes befürchten.
Und genau das bietet „Make-Up Is A Lie“ in 50 Minuten zuhauf. Ist der Titelsong die schwächste Single seiner Karriere? Müssen wir eine weitere unnötige Coverversion („Amazona“) ertragen, nur weil Morrissey im Song „Lester Bangs“ dem legendären US-Musikjournalisten ein Denkmal setzt, auf seine eigene Jugend als Musik-Nerd zurück blickt und Roxy Music (neben den New York Dolls) erwähnt? Hätten es „Zoom Zoom The Little Boy“ oder „The Night Pop Dropped“ früher überhaupt auf B-Seiten seiner Singles geschafft (Ich glaube nicht)? Und ist „Notre-Dame“, eigentlich ein überraschender Synth-Pop-Songs im Stile der Pet Shop Boys, überhaupt hörbar, wenn man weiß, dass frühere Live-Versionen mit einer rechtsextremen Verschwörungstheorie zum Brand von Notre-Dame kokettieren, die behauptete, dass es sich um einen „vorsätzlichen“ Brandanschlag gehandelt habe und mit „antichristlichen Angriffen“ in Verbindung stehe? Da hilft es auch wenig, dass er nach „Notre-Dame, we know who tried to kill you“ nun „Before investigations, They said, ‘There’s nothing to see here’“ statt ursprünglich „Before investigations, They said, ‘It’s not terrorism’” singt.
Aber erwähnt werden sollte auch, dass „Headache“ oder „Kerching Kerching“ durchaus gefallen können und das düster-atmosphärische „Many Icebergs Ago“ aus dem Album heraus ragt, wie ein Eisberg aus dem Meer.
Zum Auftakt singt Steven Patrick Morrissey, 66 Jahre alt, „You’re Right, It’s Time“, ein weiterer verworfener Albumtitel. Zeit wofür? „In search of wisdom/ So much wiser than my own/ I wanna let somebody love me/ If they can“, behauptet er mit dieser immer noch fantastischen Stimme, die Haken, Pirouetten und Schlaufen tanzen kann, von denen andere nur träumen können. Das schwermütige „Headache“ profitiert davon, das dramatische „Boulevard“ und die liebevolle Klavier-Hommage „Lester Bangs“ ebenso.Diese Stimme kann man nicht nicht lieben. Doch die Melodien bleiben schal, die Texte banal bis beknackt.

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