Bei der heutigen Plattenvorstellung gibt es so etwas wie einen Spoiler, der euch möglicherweise den Genuss des Albums etwas verderben wird.
Die in Dublin lebende Ellie O’Neill präsentiert auf „Time Of Fallow“ 10 karg instrumentierte Folksongs zur Akustikgitarre („Witness“), zu der sich gelegentlich Schlagzeug („Silent Water“, „Little Sister“) oder zumindest Percussion („Sister Of The Sea“, „Aconite“) gesellt. Textlich erforscht sie auf rohe und intuitive Weise Intimität und Verlust, Freundschaft und queere Identität. Referenzen von Joni Mitchell über Laura Marling bis Adrianne Lenker sind durchaus zutreffend.
Diese Intimität, die vermutlich auch in der Plattenfülle widergespiegelt werden soll, zeigt sich auch auf den zarten Ballade „Half Immune“ und „Sean's Song“, die am knarzenden Piano vorgetragen werden und so klingen, als säße man direkt neben der Künstlerin.
Dabei - und jetzt kommt es - übertreibt es O’Neill bisweilen ein wenig. So sind häufig, beispielsweise auf „Bohemia“, ihre inspiratorischen Geräusche derart deutlich zu hören, dass es mich persönlich stört. Dies sorgt bei mir nicht für ein ASMR-Phänomen und etwa Gänsehaut, sondern lässt mich nur noch auf das hörbare Einatmen achten und den Song aus den Augen (oder Ohren) verlieren.
Stilistisch zwischen Folk und Indie greifen die Tracks diese Stimmung unterschiedlich auf. Half Immune als einer der offensten Momente – schwebend, fast schwerelos, eher Gefühl als klare Struktur. Der Song ist bewusst roh belassen, inklusive hörbarer Hintergrundgeräusche und kleiner Störungen. Stücke wie Little Sister, Silent Water oder Seabird sind stärker im akustischen Songwriting verankert, haben sich aber eine flüchtige Skizzenhaftigkeit bewahrt. Oft stehen nur Stimme und wenige Instrumente im Raum, vieles bleibt angedeutet. Die Songs funktionieren weniger als abgeschlossene Geschichten, sondern eher wie lose Szenen oder Erinnerungsfragmente, die kurz auftauchen und dann wieder verschwinden.Am Ende ist Time of Fallow kein Album, das sich festlegen will. Vieles bleibt offen, manches bewusst unaufgelöst. Gerade das funktioniert gut: Die Songs geben genug Raum, um sich darin zu verlieren – ohne sich aufzudrängen.

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