Kettcar - Ich vs. Wir



















Die Übersehenen (VIII) - Unterkategorie: GHvC-Spezial

Apropos A Summer’s Tale: Es scheint in Mode gekommen zu sein, dass die Sommer-Festivals bereits im November und Dezember Teile ihres Lineups bekannt geben. Dem folgte auch eines meiner liebsten Festivals und gab mit Fury In The Slaughterhause, Passenger, Kat Frankie und Kettcar bereits erste Namen bekannt. Mit den Highlights (The National, Arcade Fire, Franz Ferdinand, Nick Cave) anderer Festivals, die ich in den letzten Jahren besuchte, kann dies nicht mithalten, ist aber zumindest ein guter Anfang. 

„Ich vs. wir“ steht noch gar nicht so lang in meinem Plattenschrank (farbiges Vinyl im gestanzten Gatefold-Cover und 30x30cm Booklet), ist in meinen Augen aber deutlich besser gelungen als zuletzt „Sylt“ (2008) und „Zwischen den Runden“ (2012). Der Sound ist wieder dringlicher und gitarriger, die Texte weniger „befindlichkeitsfixiert“ als sozial engagiert und kritisch. Und noch eine weitere gute Nachricht, bevor wie zu den Videos zu „Sommer ’89“ und „Ankunftshalle“, vielen guten Plattenkriken und weiteren, oftmals bereits ausverkauften, Konzertterminen kommen: Marcus Wiebusch hat auf die Rap-Versuche seines Soloalbums „Konfetti“ (2014) verzichtet.


"Ich vs. wir" ist keine Platte, die den Zweck verfolgt, ein paar Indie-Rock-Veteranen endlich mal wieder miteinander musizieren zu lassen. Kettcar sind angetreten, um notwendige Ausrufezeichen hinter notwendige Sätze zu stellen: moralisch, leidenschaftlich, folgerichtig. Auf die Frage bezogen, ob der Künstler eine Verantwortung gegenüber der eigenen Anhängerschaft, dem Rezipienten per se, oder auch dem Gesamtkonstrukt Gesellschaft trägt, haben Wiebusch und Co. hier ein knallhartes Exempel statuiert.(Plattentests)




»Sommer 89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)« gab als erste Single im Vorfeld den Weg vor, es ist ein Plädoyer für Humanismus und privatpolitisches Engagement trotz widriger Umstände. Durch das Einziehen der AfD in den deutschen Bundestag braucht es Bands wie Kettcar, denn in diesen diffusen Zeiten liefern die Hamburger nun den wichtigen Protest-Soundtrack. Plumpes Dagegen-Sein ist nicht ihr Mittel, stattdessen die genaue Beobachtung der sich verschärfenden Zustände, die in ihrer Direktheit ins Herz trifft. Die Wut gegen kollektive Aufmärsche von rechts wird in »Wagenburg« thematisiert. 
Aber auch mikrokosmische, privatpolitische Befindlichkeiten der Mittelschicht sind in »Die Straßen unseres Viertels« Thema – wenn zwischen Yoga, Leistungsanspruch und Überforderung die Empathie für das Wesentliche abhandengekommen ist. Empathie ist überhaupt das große Thema auf dieser Platte. Auch geht es um das Eintreten für die richtigen Dinge, mit Nachdruck, sich »von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen«. Aus der Komfortzone heraustreten, sich engagieren. Das Album hinterlässt ein Gefühl der wohligen Unruhe, und das hat es dringend mal wieder gebraucht.(intro)




Und dann, tja, legen sie auf ICH VS. WIR kompakte Kurzgeschichten hin wie „Trostbrücke Süd“, die aufhören und dann wieder anfangen, um in einer groß­artig hymnischen Zeile zu münden wie „Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser“. Noch großartiger nur die längstens überfällige Anti-Fußball-Hymne „Mannschaftsaufstellung“ mit ihrer eleganten Engführung von Nationalismus und Sport – und dem Chorus: „Und als wir gemeinsam vor dem Radio saßen, die Aufstellung hörten und unser Abendbrot aßen, nahmst du meine Hand und sagtest: Liebling, ich bin gegen Deutschland“. Nachspiel? Okay: „Irgendjemand sagt Gutmensch, und du entsicherst den Revolver“.Yeah. Ich bin für Kettcar, zu meiner eigenen Überraschung. Und überraschend sollte Musik doch sein, oder?(musikexpress)


Kettcar unterwegs:

18.01.2018 Saarbrücken, Garage (Ausverkauft)
19.01.2018 München, Tonhalle (Ausverkauft)
20.01.2018 A-Wien, FM4 Geburtstagsfest
21.01.2018 A-Graz, Orpheum
22.01.2018 CH-Schaffhausen, Kammgarn
23.01.2018 CH-Bern, Bierhübeli
24.01.2018 Erlangen, E-Werk(Ausverkauft)
25.01.2018 Stuttgart, Theaterhaus
26.01.2018 Dortmund, FZW (Ausverkauft)
27.01.2018 Bremen, Schlachthof (Ausverkauft)
28.01.2018 Kiel, Max
30.01.2018 Magdeburg, Altes Theater
31.01.2018 Dresden, Schlachthof
01.02.2018 Leipzig, Haus Auensee
02.02.2018 Wiesbaden, Schlachthof (Ausverkauft)
03.02.2018 Köln, Palladium
05.02.2017 Hamburg, Große Freiheit 36 (Zusatzshow)
06.02.2018 Hamburg, Große Freiheit 36 (Ausverkauft)
07.02.2018 Hamburg, Große Freiheit 36 (Ausverkauft)
08.02.2018 Hannover, Capitol
09.02.2018 Bielefeld, Ringlokschuppen
10.02.2018 Berlin, Columbiahalle (verlegt aus Huxleys) (Ausverkauft)
23.03.2018 Essen, Weststadthalle
24.03.2018 Bremen, Schlachthof

Kommentare:

Jörg hat gesagt…

Kettcar greifen wieder zu ihrem alten bewährten Songkonstrukt zurück: Starke Gitarren und direkt nach vorne. Besser als das im Befindlichkeitssumpf steckengebliebene Vorgängerwerk "Zwischen den Runden". Wichtige und gute Platte: 8,5 Punkte.

Volker hat gesagt…

Bin ich dabei

8,5

aXel hat gesagt…

7.5

Ingo hat gesagt…

7 Punkte

Dirk hat gesagt…

Das zweitbeste Album von Kettcar? 8 Punkte

Ingo hat gesagt…

Hier möchte ich auch noch nachlegen: 7,5 Punkte.