The Gaslight Anthem - The '59 Sound




War es bei Philipp Poisel noch die permanente Radio Präsenz, die Schlimmes befürchten ließ, dürften sich die meisten meiner geschätzten Mitrezensenten in diesem Fall schon bei Betrachten des Covers vorahnungsschwanger abwenden. Lederjacken, böser Blick, Tattoos, hat sich Marcell hier heimlich wieder blicken lassen und jubelt uns eine seiner Dresch und Brüllbands unter? (Ich weiß Marcell, du hörst durchaus auch Sachen mit Pop-Appeal).
Nun gut zugegeben, dass es sich hierbei um keine Folk / Americana / Britpop-Veröffentlichung handeln dürfte, scheint evident, aber auch der vom Label angehaftete "Punkrock" führt viel mehr in die Irre, als das er hilft. Es handelt sich hierbei um nicht weniger als das poppigste, rockigste ins Ohr gehende Werk, welches mir dieses Jahr zu Ohren gekommen ist. Da ist dann natürlich wenig sperrig, vertrackt oder überaus experimentell, doch will man ja manchmal auch einfach nur mal 45 Minuten gut unterhalten werden, ohne auf jeden Nebenton achten zu müssen. Und das gelingt bei diesen 12 Songs - ohne einen einzigen Ausfall - perfekt.
Allein für die Idee mit "And Maria came from Nashville with a suitcase in her handI always kinda sorta wished I looked like Elvis" fast wortgetreu die Zeilen des Counting Crows Songs "Round Here" als Refrain für "High Lonesome" zu adaptieren, ist für mich schon 10 Punkte wert. Will man der Platte überhaupt etwas vorwerfen, dann vielleicht einen ganz kleinen Tacken fehlende Abwechslung. Aber wer will schon in den Krümeln suchen?




"The '59 Sound" Video

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So sieht es http://www.plattentest.de/:

Für das Leben braucht man keinen Führerschein - auch wenn es vielleicht ganz gut wäre, die Bedeutung mancher Schilder zu kennen und einen Fahrlehrer mit zweiter Bremse neben sich zu haben, der Unfälle verhindert. Aber jeder fährt auf seinen eigenen Straßen, durch sein eigenes Dasein, bei Sonnenschein oder bei Nebel. Die einen haben mehr PS unter der Haube, die anderen weniger. Man kommt anderen gefährlich nah oder ist ganz allein. Mal hat man das Lenkrad fest umschlossen, mal zittern die Hände. Vielleicht hat man grüne Welle, vielleicht sind plötzlich alle Ampeln auf Rot. Und doch geht es immer weiter. Meter für Meter ändern sich die Aussichten, vor allem, wenn man immer wieder leicht den Rückspiegel dreht. The Gaslight Anthem haben viele, viele Meilen hinter sich und keine einzige davon vergessen.
Brian Fallon singt von Frauen und den mehr oder minder innigen Beziehungen zu ihnen, von Sally, Jane, Gayle, Maria, Janey, Sandy, Matilda, Virginia, July, Nana, Mutter und Großmutter. Oder er erinnert sich an Städte, an Plätze, die ihm auch wie Frauen erscheinen, weil er sich auch zu ihnen hingezogen fühlt, ein kleines bisschen von sich darin verloren und gewonnen hat. Jersey, Kalifornien, Hollywood, Santa Anna. Derartige Augenblicke hat der Hörer zwar noch nicht mit Sandy, Virginia oder Janey in Kalifornien oder New Jersey erlebt. Aber doch zumindest mit Julia, Steffi oder Tante Erna in Berlin oder Castrop-Rauxel. So steht Fallon etwa im Regen, fühlt sich seltsamer denn je und überlegt, sich selbst einen Krankenwagen zu rufen. Er sucht auf dem Rücksitz eines ausgebrannten Autos nach Trost und nach Platz für seine Knie.
Oder er will die Nacht zu Architektur durchtanzen. Hauptsache irgendwas. Wir sind jung und brauchen die Welt. "Young boys, young girls / Ain't supposed to die on a Saturday night."
"The '59 sound" ist das zweite Album der fantastischen Vier aus New Brunswick, New Jersey. Trotz des beachtlichen Debüts "Sink or swim" wurden The Gaslight Anthem bislang kaum wahrgenommen, haben noch nicht geschafft, was ihnen jetzt gelingen könnte: für viele das Wesentliche in die Musikwelt zurückzuzaubern, die übergegenwärtige Coolness wegzuwischen, stattdessen wieder Sekunden in drei Minuten Musik zu verewigen, die Jahre halten.
The Gaslight Anthem schaffen es, dass plötzlich keiner mehr die aufgelösten Hot Water Music vermisst, die jahrelang als Nonplusultra einer Szene galten. "The '59 sound" hat ähnlichen Punkrock getankt, aber auch Folk und die großen Geschichtenerzähler wie Bruce Springsteen fließen mit, verleihen The Gaslight Anthem Kraft und Ausdauer. Sie fahren nicht nur mit drei, vier Akkorden, sondern stoppen immer wieder, schnappen nach Luft, greifen nach der nächsten Gedankenblase, sehen nach vorn und nach hinten. So mancher Song fängt klein an, wie etwa "Meet me by the river's edge", wächst bis zum Refrain hin behutsam und wird, oft nach dem zweiten Refrain, überlebensgroß, wenn das Navi im Kopf zur Standortbestimmung ansetzt. "And I'm not sure if we belong here / If I ever really left / Or If I can go home."
Sie kommt immer wieder, die Auto-Metapher, wie im herausragenden "Old white Lincoln". Fallon schmeißt den Wagen an, scheint der Zündkerze ein Dankeschön zuzurufen und braust durch die Straßen. An der Parkuhr zündet er eine Zigarette an, fünf Minuten Stillstand, dann geht das Leben weiter. Stop and go. "I always dreamed of classic cars and movie screens / Trying to find some way to be redeemed." Der Blick durch die Frontscheibe und in den Rückspiegel, seine eigene Auto-Biographie, scheint ihn wahnsinnig zu machen. Doch aus dem Leben auszusteigen, ist nun mal nicht möglich, höchstens die Illusion einer kurzen Pause. Und wer abbiegt, gerät auf
eine neue Straße, mit einem neuen Horizont vor der Brust und neuen Aussichten im Rücken. "So I'm just burning all around / All the miles on the road." Es bleibt nichts anderes. Halt Dich am Lenkrad fest! Drive yourself crazy! 9/10

Kommentare:

Volker hat gesagt…

9 Punkte

Dirk hat gesagt…

Schön, Volker legt mal wieder "einen Dreier" hin!

Ich war mal so frei und habe hier und da mal ein Video oder MP3-Link hinzugefügt....

Dirk hat gesagt…

Es gibt schon 10 Punkte für ein Counting Crows-Zitat???

Volker hat gesagt…

für den song auf jeden Fall ;-)

Volker hat gesagt…

für den song auf jeden Fall ;-)

Dirk hat gesagt…

Ist das nicht dieses Mythen umrangte Rock 'n' Roll-Album, das Bruce Springsteen und Bon Jovi vor vielen Jahren gemeinsam aufgenommen haben sollen? Wie sollte es eigentlich heißen...? Ach ja, „Born In New Jersey“.

4 Punkte

Volker hat gesagt…

ich wußte, dass das nichts für dich war, kommt aber nicht nur bei mir sondern auch allgemein dieses JAhr gut weg. Bruce Springsteen ist nicht zu verleugnen das stimmt. Olks Wertung würde mich interessieren (egal wie schlecht), da ich vor allem den Pop bzw. catchy-Faktor des Albums enorm finde.

Olly Golightly hat gesagt…

Als ich mir gestern in Funktion des Pop-bzw.-Catchy-Faktor-Beauftragten dieses Forums das The Gaslight Anthem-Album anhörte, ließ folgender last.fm Shoutbox-Eintrag nicht lange auf sich warten: Na Endlich hörst du mal was gutes !" Und der kam nicht von Volker! Bewertung folgt. Irgendwann.

Volker hat gesagt…

sondern von?
Weiblich doch hoffentlich, irgendwas sinnbringendes muß ich hier ja einbringen...

Olly Golightly hat gesagt…

Nope, männlich, ehemaliger Praktikant unseres Hauses und auch noch folgenden Tipp hinterlassend: "Ich empfehle dir aber das erste Album und die EP. Beide großartig."