Revision: Frankie Goes To Hollywood


819 Jahre Liverpool - eine ungewöhnliche Zahl für Feierlichkeiten, deshalb gratulieren wir heute "Liverpool", dem zweiten und letzten Album von Frankie Goes To Hollywood zum 40. Geburtstag und überreichen als Geschenk eine kurze Revision.




"Welcome To The Pleasuredome"

1984, ZTT Records (16 Songs, 64:06 Minuten)

Dirk:
Frankie Goes To Hollywood dominierten das Jahr 1984. Es gab Skandale und Schlagzeilen zu zwei offen homosexuellen Bandmitgliedern (Holly Johnson und Paul Rutherford), ihren SM-Outfits, den Texten ("Relax" wurde von der BBC gebannt), dem Plattencover (gezeichnete Tiere und ihre Genitalien), den Videos (Reagan kämpft gegen Chernenko in "Two Tribes") oder dem cleveren Marketing mit den "Frankie Say..."-T-Shirts (ich trug das mit dem "Frankie Say Arm The Unemployed" Aufdruck). Und dann gab es den unglaublichen Erfolg in den Charts: Die ersten drei Singles der Band erreichten Platz 1 der Charts, was zuvor nur Gerry & The Pacemakers in den 60ern gelungen war und erst später von den Spice Girls getoppt werden sollte, wobei "Two Tribes" und "Relax" sogar wochenlang eine Doppel-Spitze bildeten. Und wer weiß, wie lang "The Power Of Love" zum Jahresende die Charts angeführt hätte, wäre nicht "Do They Know It's Christmas" von Band Aid erschienen? Auch das dazugehörige Album sprang direkt auf Platz 1 und verkaufte sich im Vereinigten Königreich innerhalb einer Woche mehr als 250.000 mal. 

Das Debütalbum "Welcome To The Pleasuredome" musste gleich ein aufgeblasenes Doppelalbum mit einer Laufzeit von über einer Stunde sein, was die Songs von Peter Gill, Holly Johnson, Brian Nash und Mark O'Toole einfach nicht hergaben (Paul Rutherford war nur Tänzer und sang im Hintergrund mit), so dass mit "War" (The Temptations), "Ferry Cross The Mersey" (Gerry & The Pacemakers), "Born To Run" (Bruce Springsteen) und "Do You Know The Way To San Jose" (Dionne Warwick, komponiert von Bacharach & David) gleich vier Coverversionen aushelfen mussten. Zudem wurde der Titelsong vom Produzenten Trevor Horn so ausgewalzt, dass er die komplette erste Plattenseite ausfüllte. Überhaupt Trevor Horn: Es gilt als gesichert, dass er durch seine Studiokünste allein für den bombastischen Sound zwischen Disco und Pop verantwortlich war und die Aufnahmen von Gill, Nash und O'Toole selbst neu einspielte oder dafür professionelle Studiomusiker hinzuzog.

Natürlich gehört es zur Historie von Frankie Goes To Hollywood, dass deren Debüt direkt ein Doppelalbum war, aber eine (noch) bessere Platte wäre es gewesen, wenn man sich hier auf 45 Minuten beschränkt hätte.    

8,5 Punkte


Ingo:
Der essentielle Output vieler Bands lässt sich auf ein “Best of”-Album eindampfen. Während typische “ca. ein toller Song pro Album”-Künstler dafür ein oder zwei Jahrzehnte benötigen, lieferten Frankie Goes To Hollywood allein mit zwei Alben genug Material. Das lag vor allem am Debüt, dessen Hitdichte enorm war. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte ich noch nichts mit aktueller Musik am Hut. In dem Alter hatte ich vermutlich nicht mal einen Hut. Ein tolles Pop-Album. 

8 Punkte


Oliver:
Wer war hier eigentlich (im positiven Sinne) größenwahnsinniger? Trevor Horn oder die Band selbst? Und wie gut ist denn bitte ihre Version von “Born To Run”? Fragen über Fragen …

8,5 Punkte


Axel:
Es hat Spaß gemacht, dieses Album nach wahrscheinlich über 30 Jahren mal wieder als Ganzes zu hören. Allerdings ist das kein Album, das man ständig in Gänze hört - im Alltag kann man sich auf die Hälfte beschränken. Im Gegensatz zu Torsten halte ich das Titelstück für eines der Highlights des Albums. 

8,5 Punkte


Torsten:
Ob ich 1984 die ganze Kontroverse um den Song ‚Relax‘ überhaupt wahrgenommen habe, kann ich nicht erinnern. Vielleicht, weil dies in Deutschland keine so großen Wellen schlug, wie im UK. Was ich jedoch erinnere, ist, dass mich der Song begeisterte- ohne dass ich jedoch auf den Inhalt achtete. Es war vielmehr die Dynamik des Songs, die mich fesselte. ‚Welcome to the pleasuredome‘, ‚two tribes‘ und ‚the power of love‘ fand ich ebenfalls großartig. Da ich damals erst 12 war, entging mir der Impact, den die Band auf die öffentliche Wahrnehmung der queeren Community hatte. Natürlich war dies auch knallhart kalkuliert und der Skandal um ‚relax‘ eingeplant, denn schließlich hatten ja auch schon Künstler wie die Sex pistols oder Serge Gainsbourg & Jane Birkin erfolgreich gezeigt, wie Skandale sich positiv auf Platzenverkäufe auswirkten. All das spielte für mich keine Rolle, ich mochte einfach die hervorragend produzierten Songs. Was ich nicht mochte, war die unfassbar aufgeblähte Albumversion von ‚welcome to the pleasuredome‘. Das Album erhält von mir 

8,5 Punkte


Volker:
Ein Herzensalbum, natürlich. Größenwahnsinnig und verrückt hat mich das damals vom ersten Ton an mit seinem Sound in den Bann gezogen. Beschränkungen braucht es hier keine, und die erste Seite ist ein makelloses Meisterwerk. Ich bin tatsächlich überrascht, dass so viele Mitrichter den Titelsong eher als Schwachstelle betrachten. Perfekter kann man doch eigentlich nicht in ein so überbordendes Album rein gezogen werden. Mich hat eher gestört, dass man bei Relax und Two Tribes auf die eingestampften kurzen Versionen zurück gegriffewn hat. 
Nicht zu vergessen enthält das Album den zweitbesten Weihnachtssong aller Zeiten.
Seither wandert nahezu jeden Record Store Day irgendeine FGTH Compilation in meinen Besitz (wobei ich mir die diversen Relax Versionen dieses Mal wohl schenken werde), und besonders die diesjährige Veröffentlichung der Radio One Sessions zeigt eindrücklich, welche Wandlung die Ursprungssongs unter der Ägide Horns genommen haben. In meinen Ohren A Match made in heaven.

10 Punkte


Gesamturteil: 8,667 Punkte




"Liverpool"

1986, ZTT Records (8 Songs, 43:43 Minuten)

Dirk:
Ziemlich genau zwei Jahre nach "Welcome To The Pleasuredome" erschien "Liverpool" und das Beste, was man über das Album sagen kann, ist, dass es kein Doppelalbum mit einer Laufzeit von über eine Stunde geworden ist.
Das Plattencover ziert kein Bandfoto sondern fünf Portraits der Mitglieder von Anton Corbijn, was den schwindenden Zusammenhalt innerhalb der Gruppe recht passend symbolisiert. Eigentlich müsste das Foto von Holly Johnson noch weiter von den übrigen abgesetzt sein, denn dieser war mit der rockigeren Ausrichtung der Musik überhaupt nicht einverstanden. Bei den Aufnahmesessions soll er entweder nicht kooperativ oder abwesend gewesen sein, so dass die anderen Bandmitglieder wohl bereits Simon Le Bon und Pete Wylie dessen Job angeboten hatten. Das Ende ist bekannt: Es sollte kein weiteres Album von Frankie Goes To Hollywood geben, Holly Johnson klagte sich aus dem Vertrag mit ZTT Records heraus, untersagte seinen ehemaligen Kollegen die weitere Nutzung des Bandnamens und versuchte den Erfolg solo fortzuführen, was nur anfangs gelang.

Tatsächlich wurden mit "Rage Hard", "Warriors Of The Wasteland" und "Watching The Wildlife" die drei besten Songs aus "Liverpool" als Singles ausgekoppelt, die restlichen fünf Lieder hat man schnell wieder vergessen und wundert sich vorher, warum sie teilweise sechs oder sieben Minuten dauern. Die damals entstandenen Coverversionen ("Suffragette City" (David Bowie), "Roadhouse Blues" (The Doors) und "(I Can't Get No) Satisfaction" (The Rolling Stones)) belegen den Wandel von Dance zu Rock und wurden für die B-Seiten der Singles aufgespart.
Ich erinnere mich noch, wie enttäuscht ich von "Rage Hard" war, als nach der eingängigen Strophe der harte und unmelodiöse Refrain einsetzte. Das anschließend veröffentlichte "Warriors Of The Wasteland" gefiel mir wesentlich besser. In den UK Charts sprangen für die Singles lediglich die Plätze 4, 19 und 28 heraus. Auch "Liverpool" schaffte es nur bis auf Platz 5 der UK Album Charts.

6,5 Punkte


Ingo:
Ich bin mir recht sicher, “Liverpool” bis zu dieser Revision nie angehört zu haben. Die Singles kann ich natürlich. Dirks Behauptung (“schnell wieder vergessen”) kann ich für die anderen Songs bestätigen. 

6,5 Punkte


Oliver:
Nicht nur der von Dirk erwähnte Titelsong des Debütalbums - auch die 12inch-Versionen ihrer Singles wurden gerne mal ausgewalzt und auf zehn Minuten oder mehr verlängert. Zudem gab es im Young Person’s Guide To The 12 Inch Mix von „Rage Hard“ eine detaillierte und selbstironische Anleitung, wie eine Remix-Version aufgebaut sein kann. Mochte ich damals schon und mag ich immer noch. „Liverpool“ bekommt von mir…

7 Punkte


Axel:
Hat mich damals schon nicht mehr interessiert, und so ist es heute noch. Langweilig. Noch langweiliger waren dann nur noch die Solosachen von Holly Johnson. 

6 Punkte


Torsten:
Das Album ‚Liverpool‘ ging damals irgendwie an mir vorbei. Ich kannte und mochte zwar die Singles, doch das Album fand erst viel später ein zu Hause in meinem CD- und später Plattenregal. ‚rage hard‘ fand ich damals gerade wegen seiner Härte großartig. Abgesehen von den drei Singles plätschert das Album jedoch eher so dahin. Dennoch fand ich es damals schade, dass dies bereits das letzte Album der Band darstellte - auch wenn mir später die ‚Americanos‘- Single von Holly Johnson trotz ihrer sehr poppigen Ausrichtung gut gefiel.
Wegen der drei guten Singles:

7 Punkte


Volker:
Das große Problem des Albums ist seine Normalität. 2 Plattenseiten, 8 Songs, nichts ausufernd Verrücktes, das kann nach einem solchen Bombast wie auf Welcome To The Pleasuredome schon enttäuschen. 
Wenn man sich das Album aber losgelöst von Erwartungshaltungen in Ruhe anhört, bleibt für mich ein starkes Zweitlingswerk mit tollen Singles und weiteren starken Tracks. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das Album damals beim ersten Hören wahrgenommen habe, aber ich weiß, dass es weiterhin genauso oft auf dem Plattenteller landet wie der Vorgänger.
Ich hoffe ja bis heute auf ein Comeback-Album. 

8,5 Punkte


Gesamturteil: 6,917 Punkte




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