Shearwater - The New World


Ob Jonathan Meiburg zu seinem 10. Geburtstag bereits das damals frisch gepresste „The Colour Of Spring“ (1986) geschenkt bekommen hat? Oder ob er als junger Teenager die weitere Wandlung von Talk Talk auf „Spirit Of Eden“ (1988) und „Laughing Stock“ (1991) mit verfolgt hat?

Vermutlich nicht. Das hindert ihn aber nicht daran, zusammen mit seinen festen musikalischen Mitstreitern Emily Lee und Dan Duszynski sowie zahlreichen Gastmusiker*innen in die großen Fußstapfen von Mark Hollis & Co. zu treten und diese so gut auszufüllen, wie nur wenige zuvor. 

Laurie Anderson spricht auf dem 7-minütigem „You and Your Dog“, Streicher spielen groß auf („Daydream Unbeliever“), Saxophon, Klarinette oder Flöte geben sich dem jazzigen Gedudel hin und Kalebasse, Tamma sowie Yabara scheinen ebenfalls Musikinstrumente zu sein. Zwischendurch hören wir in diesem atmosphärischen, rätselhaften Art Rock noch Feldaufnahmen von deutschen Kirchenglocken und Amseln, tasmanischen Flüsse und Waldraben oder Kojoten in den kalifornischen Bergen.

Vier Jahre arbeiteten Shearwater an „The New World“, das in London, Berlin, New York und dem Hauptquartier der Band in Texas aufgenommen wurde und sich für die Bezeichnung „Kopfhörerplatte“ qualifiziert. Vielfach wird vom besten Album in der mittlerweile auch schon 25-jährigen Karriere der Band gesprochen.


 


Atmosphäre ist alles, Klang schwillt langsam an und wieder ab, im Hintergrund schabt irgendetwas, weiter vorne wird eine Gitarre wie aus Versehen angeschlagen, ein Baby schreit, eine Kirchenglocke ist zu hören oder ein Kojote, ein Blasinstrument meldet sich schüchtern, Songstrukturen verlieren sich immer mal wieder im Ungefähren, und Meiburg singt davon, dass dieses Leben irgendwie gar nicht so einfach, sondern ziemlich kompliziert ist.

„Forget all that you knew before“, singt er in „More And More“, und in dem Song kommen auch Karakaras vor. Diesen Vögeln, den kleinsten Raubvögeln der Welt, zu Hause in Mittel- und Südamerika, ist Meiburg jahrelang hinterher gereist, um sie zu erforschen. Er hat darüber ein Buch geschrieben. Soll auch toll sein, müsste man vielleicht mal lesen.


 


The New World erfordert (und belohnt), dass man sich Zeit nimmt für die neun teils langen Tracks – vorzugsweise unter guten Kopfhörern, denn dies ist auch eine brillant produzierte Headphones-Platte voller feiner Details und immer neuer Entdeckungen (Anspieltipps für HiFi-Fetischisten: A Mink In The Dusk, The High Ranges). Wenn im siebenminütigen Closer You And Your Dog zu Wieselmans virtuosen Klarinetten-Sounds und hauchzarten Piano-Tupfern die Avantgarde-Pop-Poetin Laurie Anderson (79) mit einer berührenden Spoken-Word-Performance zu hören ist, kehrt die von der US-Band angestrebte innere Ruhe, ein friedvoller Zustand tatsächlich ein – so wie man das von den besten Talk Talk-Alben kennt. Man taucht quasi ein in den Spirit of Shearwater.


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