Haircut One Hundred - Boxing The Compass


Ein Comeback nach 14 Jahren, wie gestern bei Hard-Fi, ist noch gar nichts, wenn man sich die 42 Jahre anschaut, die zwischen „Paint And Paint“ (1984) und „Boxing The Compass“, dem dritten Album von Haircut One Hundred vergingen. 


 


„Haircut wieviel?“, mag sich der ein oder andere zu dieser Ausgabe der Rubrik „Comebacks, auf die die Welt gewartet hat, oder?“ fragen, aber die Band um Nick Heyward war mit ihrem luftigen, jazzigen und hochglanzpolierten Pop-Ansatz der Wegbereiter des Sophist-Pop der frühen 80er Jahre, dem beispielsweise Aztec Camera, Spandau Ballet, The Style Council oder Wham! folgen sollten. In den Jahre 1981/82 waren Haircut One Hundred die große Pop-Hoffnung im Vereinigten Königreich: Die Debütsingle „Favourite Shirts (Boy Meets Girl)“ erreichte Platz 4 der Charts, das nachfolgende „Love Plus One“ sogar Rang 3. Mit „Fantastic Day“ und der Non-Album Single „Nobody’s Fool“ gelangen 1982 zwei weitere Top Ten-Erfolge. Das Debütalbum „Pelican West“ kletterte bis auf Platz 2 der UK-Charts, außerhalb der Insel blieb der Erfolg höchst überschaubar, auch wenn sie es ins deutsche Fernsehen (WWF Club mit Maraike Amado, Frank Laufenberg, Jürgen von der Lippe und dem „Roboter Bruno“) geschafft haben:


 


Nick Heyward, der Sänger und Songwriter der Band, reagierte auf den Stress durch die Medien und das ausgiebige Touren sowie den Druck, den das Label ausübte, um neues Material zu erhalten, mit gesundheitlichen Problemen. Die Band arbeitete ohne ihn an neuen Songs und strebte stilistisch eine reine Wiederholung des Erfolg-Albums „Pelican West“ an, während sich Heyward weiterentwickeln wollte. Letztendlich verließ er Anfang 1983 die Band.   

Während Heywood 1983 sein Solodebüt („Noth Of A Miracle“) veröffentlichte, das auf Platz 10 der Charts kam und drei Top 15-Singles abwarf, verfehlten die restlichen Haircut One Hundred mit „Paint And Paint“ 1984 komplett die Hitlisten und lösten sich noch im gleichen Jahr auf. Nick Heyward hat mittlerweile neun Soloalbum veröffentlicht, auch wenn er an die kommerziellen Erfolge der frühen 80er nicht mehr anknüpfen konnte. Mir gefällt von ihm am besten sein 1998 auf Creation Records veröffentlichtes Britpop-Album „The Apple Bed“. 

20 Jahre nach der Auflösung traten Haircut One Hundred erstmals wieder zusammen (und mit Nick Heyward) auf. Weitere 20 Jahre später ging man auf Tournee und veröffentlichte 2024 mit „The Unloving Plum“ sogar erstmals einen neuen Song. Dem folgt nun, 44 Jahre nach „Pelican West“, das erste Album in der klasssichen Besetzung mit mit Nick Heyward (Gesang, Gitarre), Blair Cunningham (Schlagzeug), Graham Jones (Gitarre) und Les Nemes (Bass).   

„Boxing The Compass“ ist ein nautischer Begriff und bedeutet „einmal komplett die Richtung ändern“ bzw. alle Himmelsrichtungen auf der Kompassrose durchgehen. Nick Heyward beschreibt es so, dass die Band nach all den Jahrzehnten persönlicher Reisen nun endlich wieder im selben Hafen eingelaufen ist. In diesem Hafen scheint, wenn man dem Plattencover glauben darf, ziemlich stark die Sonne und es läuft dort leichtfüßiger Sophist-Pop, der ein deutliches Funk- und Jazz-Update erhalten hat und bei dem die Bläsersätze häufig, wie beispielsweise bei „Soulbird“, im Mittelpunkt stehen.   


Dass Haircut 100 ihr Comeback mit einem konturlosen, Formatradio-gerechten Song namens „Come Back To Me“ starten, stimmt etwas traurig. Es sind halt auch Lyrics aus dem Setzkasten, und das kann Heyward eigentlich besser. Zumal es mit „Vanishing Point“ und Graham Jones‘ von schnellen Percussions begleiteter Signature-Stakkatogitarre gleich darauf zurück zum Segelschuh-Sound der frühen Jahre geht. Sogar der Bläsersatz ist selbstreferenziell, sprich bei ihrem ’81er-Hit „Favourite Shirts“ geklaut. „Soulbird“ und „Dynamite“ funktionieren ähnlich, in „That’s A Start“ (bester Song) und „Wonderful Life“ modifizieren Haircut 100 ihren vor 43 Jahren patentierten Sound. Und so geht es fort, und schön, dass es sie noch (oder wieder) gibt. Eine Erinnerung an kurze, tolle Tage des Pop. Nicht mehr, nicht weniger.




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