Neue Platten vorstellen, diskutieren und bewerten.




Sonntag, 19. Oktober 2014

Meret Becker - Deins & Done
Dirk Sonntag, 19. Oktober 2014 0 Kommentare


















Im Gegensatz zu ihrem fünf Jahre älteren Bruder Ben fällt Meret Becker nicht durch peinliche-blamable bis höchst bedenkenswerte Aktionen (Ansager der Böhse Onkelz am Hockenheimring, Unterstützung der Hells Angels) auf. Auch musikalisch hat sie mehr zu bieten als "Große Freiheit: Lieder & Geschichten aus St. Pauli" (2005), den letzten Versuch Beckers als Sänger.

Mit "Deins & Done" veröffentlicht die zukünftige Tatort-Kommissarin einen 19 Lieder, Miniaturen, Instrumentals und Zwischenspiele umfassenden Songzyklus, der zwischen Kammerpop, Folk und Country oszilliert. Meret Becker singt darauf, deutsch, englisch, gelegentlich auch gar nicht, greift  zur singenden Säge oder Melodica und präsentiert ein versponnenes, zerbrechliches, verspieltes und märchenhaftes Album. Highlight der Platte ist "Mein Brauttanz", ein an "Stella Maris" erinnerndes Duett mit Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten. "Romeo & Juliet", "Grau", "Eternity" und "Snowflakes For Breakfast" würde ich als weitere Anspieltipps nennen. Auf "Donkey Song" und "Trinklied" hätte ich hingegen gut verzichten können.

Meret Becker nennt ihre Musik selbst "Musique en miniature" und beschreibt "Deins & Done" als ein Konzeptalbum über "gescheiterte Liebe", dessen Songs im Verlauf von zwölf Jahren entstanden sind. Somit ist es nicht verwunderlich, dass zusammen mit Buddy Sacher ein ruhiges, zurückhaltendes und melancholisches Album entstanden ist.      

Meret Becker singt ihre deutsch- und englischsprachigen Lieder reduziert, verhuscht-feenhaft. Dass ihre Stücke dabei fast wie Demos klingen, ist ein Kunstgriff, der schon immer ihren Großstadtblues auszeichnete. Sie beherrscht auch die Kunst des gepflegten Duetts, das sie dieses Mal wieder mit dem einstürzenden Neubauten-Sänger Blixa Bargeld anstimmt. Weggefallen sind inzwischen die französischsprachigen und jiddischen Lieder und auch zur Singenden Sänge greift Meret Becker nur noch selten.
"Deins & Done" klingt mehr aus einem Guss als die Vorgängeralben und vor allem countriesker. Sie sagt, dass sie ihre Songs an den Cowboy in uns richtet, der für das Andere steht, den Ausweg, die Utopie, das Abendteuer. Und so ist "Deins & Done" ein Album von einem Outlaw für den Outlaw.
(BR)



Meret Becker live:

15.01.15 Reutlingen, Franz K
16.01.15 München, Lustspielhaus
25.02.15 Osnabrück, Rosenhof
26.02.15 Mannheim, Capitol


Samstag, 18. Oktober 2014

Shellac - Dude incredible
Ingo Samstag, 18. Oktober 2014 0 Kommentare























Steve Albini ist kein Weichspüler. Maßgeblich an der Enstehung von Nirvanas “In utero” beteiligt sagte er damals voraus, dass die Plattenfirma dieses Album wegen seiner Unzugänglichkeit nie veröffentlichten würde. Er irrte sich. Als Produzent von u. .a. The Auteurs’ “After murder park”, Helmets “Meantime”, The Pixies’ “Surfer rosa” und Joanna Newsoms “Ys” scheint er sich ansonsten musikalisch selten zu irren. Seine Ideen lebt er nicht nur am Mischpult sondern auch in der Band Shellac aus. 1992 mit Todd Trainer und Bob Weston in Chicago gegründet steht diese für anspruchsvolle bis angenehm anstrengende Rockmusik. 

Sieben Jahre nach “Excellent Italian greyhound” erschien nun das fünfte Studioalbum der Band (“The futurist” in der Auflage von 779 Exemplaren zähle ich nicht mit). “Dude incredible” verbindet vertrackten Math Rock, kraftvollen Hardcore, erhabenen Post Rock und Alternative. Als Assoziationen notierte ich während der vielen Durchläufe Tool, Henry Rollins, Helmet und wegen “All the surveyors” auch Tenacious D. 

The line of best fit” vergibt 10 von 10 Punkte:
It’s going to be hard for Albini, Weston and Trainer to ever top what we find on Dude Incredible. Worthy of filing alongside and above At Action Park and 1000 Hurts, it’s the sound of one of the great bands at the height of their powers.
Pitchfork.com kommt zu diesem Schluss:
What’s most impressive here, and what ties Shellac to their former peers who are either long gone at this point or grinding through the reunion treadmill, is the level of commitment involved. Albini’s a sweaty mess, Weston’s bass only gains more meat to it over the years, and Todd Trainer remains a drummer whose every hit sounds like it hurts a hundred times more than the last. It’s like they took a look at what they were doing and pulled everything apart, rediscovering the level of discomfort that drives them, and working out why they really need to be doing this in the process. Prior records often contained a track or two that were lost somewhere between inspiration, endurance tests, and technical feats (“Didn't We Deserve a Look at You the Way You Really Are” from Terraform ticks all those boxes), but there’s none of that here. Instead, Shellac go straight for your throat and don't loosen their grip until the bitter end.
Der Titelsong, “Riding bikes” und “All the surveyors” sind die stärksten Tracks auf diesem Anwärter auf den Titel “Rock Album des Jahres”. 

“Dude incredible”:

Freitag, 17. Oktober 2014

Element Of Crime - Lieblingsfarben und Tiere
Dirk Freitag, 17. Oktober 2014 0 Kommentare



















Lieblingsalben und Durchschnittsware.

Seit 1990 verfolge ich den Werdegang von Element Of Crime. In der Vorbereitung auf das Bizarre Festival, das damals auf der Freilichtbühne Loreley stattfand und Künstler wie Ramones, The The, Galaxie 500, Ride, Pale Saints oder Phillip Boa & The Voodooclub im Programm hatte, setzte ich mich erstmals mit der Band um Sven Regener auseinander. Damals hatte die Band bereits 4 Alben veröffentlicht, gesungen wurde jedoch auf Englisch. Nur der Song "Der Mann vom Gericht" deutete bereits an, wohin es später gehen sollte. 

"Damals hinterm Mond" sollte 1991 nicht nur für Element Of Crime eine Neuausrichtung sein, sondern konnte mir mit seinen romantischen und poetischen Texten auch den Zugang für deutschsprachige Musik ermöglichen.  Das Album gehört, zusammen mit "Weißes Papier" (1993) und "Romantik" (2001), weiterhin zu meinen Lieblingsalben. Die Wiederveröffentlichung auf Vinyl in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass diese drei Platten auch in diesem Format den Einzug in meine Sammlung gefunden haben. "Die schönen Rosen" (1996) und "Psycho" (1999) werden sicherlich auch noch folgen.

Leider muss ich jedoch auch sagen, dass die letzten Veröffentlichungen von Element Of Crime, nämlich "Mittelpunkt der Welt" (2005) und "Immer da wo du bist bin ich nie" (2009), im Vergleich zu den zuvor genannten Alben nur höchst mittelmäßig waren. 

"Lieblingsfarben und Tiere" setzt diese Tradition fort.  

Zwar gefallen mir der Titelsong, in dem Regener den Begriff "Schwachstromsignal-Übertragungsweg" in seinen Text einbaut, und damit sicherlich hoher Favorit als Preisträger für das längste und ungewöhnlichste Wort in einem Pop-Song sein wird (zumindest bis Markus Berges und Erdmöbel im November "Geschenk" veröffentlichen werden), und "Liebe ist kälter als der Tod" (trotz Saxophon-Massaker) ausgesprochen gut, vieles ist dennoch vorhersehbar, stagnierend und ähnlich (und besser) schön gehört. Zwar spielt Regener wieder häufiger Trompete, was vermutlich alle Fans von Element Of Crime begrüßen werden, aber dafür singt er mittlerweile auch teilweise mit kratzender, rauer Stimme, die hier im Vergleich zur instrumentalen Untermalung auch noch zu weit in den Vordergrund gemischt wurde.      

Keine fünf Sekunden müsste ‘Am Morgen danach’ laufen und man hätte den Song auch schon ohne den Gesang Regeners als Element-of-Crime-Song indentifiziert. Diese gewohnt warmen Klänge aus dem Norden und auf dem Hocker, der offensivste Romantiker, den die Welt je gesehen hat. Alles wie immer. Der nölige Gesang, der sich immer in den letzten Silben so richtig entfaltet. Lebensweisheiten serviert wie ein kühles Astra. Kompromisslos, zielgenau und so gar nicht kryptisch. Diese teils absurden Reimkonstrukte wie in ‘Lieblingsfarben und Tiere’ sind typisch und in jedem einzelnen Song doch wieder einzigartig.

Eine Platte von Element of Crime ist wie ein Hörbuch mit vielen kleinen Kapiteln. Jede Geschichte mit viel Empathie und Hingabe erzählt. ‘Rette mich (vor mir selber)’ ist zum Beispiel einer dieser Songs, der so schön nachvollziehbar ist. Es ist ein Liebeslied, das so niemand sonst schreiben würde: ‘Heimatlos und viele zu Hause, unterbeschäftigt und viel zu viel zu tun, rette mich vor mir selber, Hauptsache Liebe, Hauptsache Du.’ Das sind die Zeilen, die man sich von so einer Platte erwartet und warum sollte Sven Regener uns enttäuschen?
(bedroomdisco)


Allein der Titelsong: Ein Rhythmus wie für Rollatoren gemacht, eine Gitarre, die im Hintergrund jault wie ein getretener Hund, und Sven Regener singt davon, wie man dem kommunikativen Overkill mit Entschleunigung begegnet: „Denk an Lieblingsfarben und Tiere / Dosenravioli und Buch / und einen Bildschirm mit Goldfisch / das ist für heute genug.“ Ansonsten geht es um Autos, die erst anspringen, wenn man dagegentritt, um ein Wiedersehen im Baumarkt und um Liebe, die kälter ist als der Tod. Wenn dann gar nichts mehr hilft gegen die allumfassende Melancholie, dann setzt auch noch Regeners wimmernde Mariachi-Trompete ein.

Nein, Element Of Crime haben sich nicht neu erfunden. Kein Stück. Müssen sie aber auch nicht. Denn wenn es sie noch nicht gäbe, müsste man sie und ihre hingetupfte Schwergewichtigkeit unbedingt erfinden: Eine Band, die einem die Hand hält, wenn man merkt, dass man nicht jünger wird. Eine Band, die einem die Erbärmlichkeit des alltäglichen Lebens bewusst macht, aber die Lakonie, die einem darüber hinweghilft, gleich mitliefert. Eine Band also, mit der man getrost ins Rentenalter gehen kann: „Ein Trottel, der nicht versteht, dass das immer so weitergeht“, singt Regener. Es ist ein Trost. Nicht mehr, aber doch so viel. Fehlt nur noch ein Song über die Schönheit der Palliativmedizin.
(Musikexpress)


Donnerstag, 16. Oktober 2014

The Wytches - Annabel dream reader
Ingo Donnerstag, 16. Oktober 2014 0 Kommentare






















Quer durch viele Musikstile prügeln sich The Wytches. Kristian Bell (Gesang, Gitarre) und Gianni Honey (Schlagzeug) spielten bereits gemeinsam in einer Band in Peterborough. Nach dem Split zog es die beiden nach Brighton. Neben ihrem Studium kümmerten sie sich um eine neue Band. Mit Dan Rumsey (Bass, Gesang) und einem kurzeitig involvierten weiteren Gitarristen gründeten sie schließlich 2011 “The Witches”. Erst die Motivation auch über Suchmaschinen gefunden zu werden führte zur Umbenennung in “The Wytches”. Im Sommer erschien das von Bill Ryder-Jones (The Coral) mitproduzierte Debüt “Annabel dream reader”. Aufgenommen wurde es wie auch “Elephant” der White Stripes in den Londoner Toe Rag Studios. 

Auf diesem verarbeiten die drei Musiker so ziemlich alle musikalischen Einflüsse, welche sie in den letzten Jahren auf sich einprasseln ließen. Im Kern ist das dunkler Indierock mit ein paar Hardcore-Elementen. Aus der Rolle (im positiven Sinn) fallen vor allem die Surf-Gitarren. Der Song “Fragile male” komprimiert fast umfassend die auf “Annabel dream reader” gebotene Bandbreite. Live durften The Wytches passenderweise u. a. Blood Red Shoes, Metz und  die Japandroids unterstützen. Aktuell läuft die Headliner Tour durch die Heimat und Ende des Monats geht es in die USA. 

Finanziert wurde die Tour z. T. durch ein Programm der britischen Regierung (the third Music Export Growth Scheme), welches britischen Bands die “Expansion” ins Ausland ermöglichen soll. Unter den 16 Bands dieser dritten Runde sind u. a. The Wombats, Dry The River, Fink, Hadouken und auch The Wytches erschienen offenbar förderungswürdig. Wenn mit dem Programm nachgewiesen werden soll, dass britische Musik nicht nur für weichgespülten und harmonieverliebten Pop steht, sind The Wytches sicherlich eine gute Wahl. 

“Annabel dream reader” ist erfreulich roh und energiegeladen. Nur der Gesang dürfte etwas weniger angestrengt sein. “Digsaw”, “Fragile male”, “Part time model” und “Summer again” (zur zeitweisen Entspannung) sind meine Anspieltipps.

Annabel Dream Reader is a surprising mix of quasi-grunge and throw-back surf-rock which, while it can at times seem overly angst-ridden, is a relentless tide of energy and conviction. Although this debut LP might have its weaknesses, it might also be a sign of greater things to come.
 Das Paste Magazine empfiehlt und warnt zugleich:
Play this album at full volume, with plenty of dance/thrash room, and little to no glassware nearby.

Das Video zu “Robe for Juda”:


Und das zu “Gravedweller”:

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Deacon Blue - A New House
Dirk Mittwoch, 15. Oktober 2014 0 Kommentare




















Fans der schottischen Band Deacon Blue dürfen sich glücklich schätzen, denn  nachdem sie elf Jahre lang - von 2001 ("Homesick") bis 2012 ("The Hipsters") - auf neue Musik von Ricky Ross, Lorraine McIntosh & Co. warten mussten, ging es nun recht flott mit deren insgesamt siebten Platte.

Angeregt durch das gemeinsame Touren gingen Deacon Blue erneut mit Paul Savage von The Delgados ins Studio und nahmen 11 neue Songs auf, die typischer nicht sein könnten. Ruhige, melancholische Klänge, wie beim von Streichern und Harmoniegesang geprägten "Win" oder dem Robbie Williams-Soundalike "Our New Land", sind eher spärlich gesät. Meistens wird energetischer "Sophisticated Pop" geboten, der gelegentlich eine Spur zu viel Soul ("Wild") abbekommen hat. Als Anspieltipps für "A New House" würde ich "Bethlehem Begins", "A New House" und "I Remember Every Single Kiss" empfehlen.  

Wer den Weg der Glasgower Band, die seit 1985 besteht, noch gar nicht gekreuzt hat, dem sei deren Debütalbum "Dignity" aus dem Jahre 1987 ans Herz gelegt oder zur Singles-Compilation "Our Town" (1994) geraten. Deacon Blue  können auf zwei Nummer Eins- und drei Top Ten-Alben sowie zwölf Top 30-Singles im Vereinigten Königreich verweisen. An diese Erfolge wird "A New House" sicherlich nicht anknüpfen können, auf den Plattentellern ihrer Fans dürfte sich vor allem die A-Seite der Platte recht häufig drehen.     

A New House, the follow-up to the Top 20 album The Hipsters, is full of confidence, courage and rekindled passion for this new lease of life that Deacon Blue have.

Far from harking back to past glories, the album is a collection of depth and passion.
The melodic and rhythmic energy of A New House comes together on the lead single and title track, one of many with thoughtful lyrics on the album.

“I remember driving out when we were kids to see a new house being built in the suburbs,” singer Ricky Ross says. “It was as if they were trying to contain the countryside, building roads and houses on it. But you can never quite contain it.”
(Telegraph)


Almost every track on here could be interpreted both as a straightforward love song and as a metaphorical comment upon the nature of Scotland as a nation and its relationship with its closest neighbours.

Ascribing meaning to the reflective, string-laden lyrics of Win, for example (“when tomorrow comes / we’re out of here / gonna pack some things / gonna be our year”) might be putting so many unintended words in his mouth, but it’s undoubtedly a testament to the quality of Ross’ lyricism that these songs allow multiple open-ended but seemingly complete interpretations. Only Our New Land is unequivocal in its meaning.

Musically A New House is as polished as ever, although for a band who once seemed to course with the euphoric lifeblood of the working class Scots character, a symphonic sweep which puts the listener in mind of Elbow and a buoyant folk-rock reminiscent of latter-day Dylan feel slightly second-hand. Yet its heart is unmistakably Deacon Blue, and their many long-time admirers will love it.<
(The Scotsman)

Dienstag, 14. Oktober 2014

Julian Casablancas + The Voidz - Tyranny
Dirk Dienstag, 14. Oktober 2014 0 Kommentare




















Ambitioniert und experimentell soll es wohl sein, das zweite Soloalbum von Julian Casablancas. Irgendwo zwischen "Phrazes For The Young" (2009) und den letzten Alben von The Strokes ("Angles", 2011, "Comedown Machine", 2013) hat sich deren Sänger eine weitere Band angelacht: The Voidz nennen sich Jeramy Gritter (Gitarre), Amir Yaghmai (Gitarre), Jacob Bercovci (Bass, Synthesizer), Jeff Kite (Keyboards) und Alex Carapetis (Schlagzeug). Dass Carapetis vor Jahren einmal bei den Nine Inch Nails trommelte, kann man bei den Industrial-Ausflügen auf "Tyranny" erahnen.

Julian Casablancas und seine Jungs mixen im Verlauf einer vollen Stunde Grunge, Störgeräusche, Breakbeats, Falsettgesang, Garage Rock, Noise-Attacken, Metal, Punk-Rock, fiepsende Keyboards und vieles weitere wild durcheinander und halten das Ganze wohlmöglich für Avantgarde und ganz große Kunst. Schlimmste Phase des Albums ist das Aufeinanderfolgen des brachialen Terror-Songs "M.Utually A.Ssured D.Estruction" und das anschließende "Human Sadness", ein auf knapp 11 Minuten aufgeblasener, sich windende Moloch von einem Song.
"Tyranny" ist abgefuckt, absurd, enervierend, flatterhaft, hyperaktiv, schnoddrig, überladen, unvorhersehbar, verschroben, zerfahren und einigen tatsächlich eine tolle Review wert:

Bei „Take Me In Your Army“ glaubt man, Prince und Sheila E. säßen an einer Lo-Fi-New-Wave-Bastelei. In „M.utually A.ssured D.estruction“ geht es drunter und drüber. Sänger und Band versinken in tyrannischem Trash-Terror. Ähnliches folgt später noch einmal in den Grunge-Adaptionen „Where No Eagles Fly“ und „Business Dog“. Es sind aber andere Stücke, über die man besonders oft reden wird.

In „Human Sadness“ versuchen Julian Casablancas und die Band über die unglaubliche Dauer von elf Minuten das Träumerische der späten Mercury Rev, Störgeräusche, eine Melodie und schräge Gitarrensoli zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Irgendwie gelingt das dann tatsächlich auch. „Father Electricity“ ist mit temperamentvollem Breakbeat ein absoluter Höhepunkt. In „Dare I Care“ hat man den Eindruck, Casablancas habe Gefallen an der Musik von Omar Souleyman gefunden. Experimente, Ausbrüche und Leidenschaftsmomente entdeckt man hier immer wieder.
(Musikexpress)


Schon das eröffnende ‘Take Me In Your Army‘ ist da ein Stück drückender Synthierock, das seine Melodien schief gegen den Strich bürstet und eine verstörende Freude an der Disharmonie hat: die verdammt catchy Uneingängigkeit der nächsten Songs wird also bereits hier etabliert. ‘Where No Eagles Fly‘ will sich nicht entscheiden, ob seine annähernd 4 Minuten Laufzeit lieber ein flapsig groovendes Handreichen, oder ein brettharter Electronicclash darstellen soll – irgendwann lehnt Casablancas den Songs geschickt an die Abfahrt von ‘Vision of Division‘.
Auch ‘Father Electricity‘ wirkt, als würden zwei verschiedene Kompositionen auf einmal gegeneinander Sturm laufen, Melodie und Rhythmus spielen gegeneinander an, Casablancas und seine Voidz malträtieren dazu einen verspult-tropical pumpenden Jungle-Beat, der  nur zu absurd austickendem Moves auf der Tanzfläche rühren könnte. Direkter ist das schon das grandiose ‘Dare I Care‘, eine R&B-Dancehallvergiftung für die Zeit nach ‘Random Access Memories‘ (inklusive patentiertem ‘Room in Fire‘-Science Fiction-Kniddelmotiv) oder das Richtung Flying Lotus im muskulösen Badass-Outfit schielende ‘Xerox‘. (...)
Tyranny‘ ermöglicht Casablancas auf durchaus unerschrockene und mutige Art neue künstlerische Freiräume, die er dann auch absolut rücksichtslos ausfüllt. Man muss gespannt sein, was das für die nächste Strokes-Platte bedeuten wird.
(Heavypop)

Einiges wirkt überfrachtet, aber dann kommt plötzlich eine epische Großtat wie »Nintendo Blood«, schält sich diese einmalig lakonische Stimme durch den Ultrabrutal-Punkrock von »Business Dog«, gelingt Casablancas mit »Human Sadness« erlesener Pop. Den Mut, so etwas überhaupt zu machen, muss man ihm ohnehin zugute halten. Auf einem anderen Label als seiner eigenen Firma Cult Records hätte er diese Musik kaum unterbringen können.<

Tyranny mag in Teilen krawallig sein und die Hörer maximal fordern, am Ende wird die Geduld belohnt: Schicht um Schicht offenbart Casablancas einige seiner besten Songs seit längerer Zeit. Er ist nur einen Schritt vom Großwerk entfernt. Irgendwann wird es ihm noch gelingen.
(Spex)


Montag, 13. Oktober 2014

Mina Tindle - Parades
Dirk Montag, 13. Oktober 2014 0 Kommentare



















"minatindle.com is coming soon" steht aktuell auf der Homepage von Mina Tindle zu lesen. Seit Freitag ist jedoch bereits "Parades", das zweite Album der Französin nach "Taranta" (2012), da.

Die in Paris geborene Mina Tindle lebte eine zeitlang in Brooklyn und lernte dort Musiker von Grizzly Bear und The National, auf deren Album "The Boxer" (2007) sie auch als Gastsängerin zu hören ist, kennen. Diese Bande scheinen noch zu bestehen, denn The National-Gitarrist Bryce Dessner steuerte im Gegenzug nun Arrangements für die Songs "L'Astrakan" und "Taranta" bei. Mit den Produzenten Olivier Marguerit und Craig Silvey (Portishead, Arcade Fire) halfen zwei weitere prominente Namen bei den Aufnahmen von "Parades".

Mina Tindle wechselt auf den 12 Titeln zwischen englischer und französischer Sprache und präsentiert eingängigen, flotten Indiepop mit New Wave-Einschlägen, der gelegentlich melancholischem, balladesken Folk weichen muss. "Parades" könnte Freunden von Émilie Simon, Yann Tiersen, Emiliana Torrini und Regina Spector gefallen. Als erste Single wurde "I Command" ausgewählt:


    

Parades is Mina Tindle's sophomore album. It is made of 12 beautiful and poetic songs, where Shakespeare language subtly meets with Molière's.

Influenced by her Mediterranean origins, Parades is alike Mina Tindle: warm-hearted. It comes right in time to light up these chilled and grey autumn days. It is a touching and well-constructed record that brings varied emotions and invites us to follow Mina Tindle into her beautiful universe.
(stereofox)


Mina Tindle gibt sich nicht damit zufrieden, konventionelle Möglichkeiten auszuloten, sondern sie erforscht unerschrocken Wege, die jenseits alles Dagewesen neue Möglichkeiten aufzeigen, Organisches und Elektronisches miteinander zu verbinden. Dabei sind ihre Stücke so unterschiedlich, dass die Gegensätze zuweilen für den Hörer nicht immer auf Anhieb nachvollzogen werden können: Warum gelingen ihr zum einen großartige Pop-Hymnen mit großartigen Melodiebögen, während andere Tracks als spröde, monotone Klangexperimente enden? Drücken wir es mal so aus: "Parades" ist ein Album, das langsam - Ebene für Ebene - entblättert werden möchte. Es ist kein schlechtes Album, aber eines mit dem Anspruch, mehr bieten zu wollen, als bloße Pop-Unterhaltung.
(gaesteliste)



Sonntag, 12. Oktober 2014

Goat - Commune
Ingo Sonntag, 12. Oktober 2014 0 Kommentare






















Im Wikipedia-Eintrag zum schwedischen Dorf Korpilombolo finden sich nur zwei Sätze:
Korpilombolo is a locality situated in Pajala Municipality, Norrbotten County, Sweden with 529 inhabitants in 2010.
The band Goat claim to be from this town, but they spell the town's name incorrectly on their website.
Also wenn Dorf schon über eine Musikgruppe definiert wird, sollte man sich mit dieser befassen. Angeblich agierte die Gruppe als Dorfkombo in diversen Zusammensetzungen schon über einige Jahrzehnte. Auf Goat wurde ich aber nicht wegen des Wikipedia-Eintrages oder während eines Trips in die schwedische Einöde sondern 2012 wegen des Songs “Run to your mama” aufmerksam.

Dieser stammte vom Debüt “World music” der schwedischen Band. Das Niveau dieses Titel konnte die anderen Songs darauf nicht durchgängig erreichen aber zumindest habe ich es als sehr kurzweilig in Erinnerung. Live sollen die aktuell sieben Mitglieder üblicherweise einen bleibenden Eindruck hinterlassen, was nicht nur an ihren Kostümen sondern auch an der wilden musikalischen Mischung und den auf der Bühne zelebrierten Ritualen liegt. Besonders auf Festivals haben sie sich so zu beliebten Künstlern gemacht. 

Ich höre bei Goat Prog, Indierock, Electro, World Music (vor allem wegen afrikanischer Rhythmen) und viele andere lustige Einflüsse heraus. Das Ergebnis klingt sehr psychedelisch aber dank der treibenden Rhythmen nie verträumt. Das funktionierte schon recht gut auf “World music” aber “Commune” ist noch ein ganzes Stück überzeugender geraten. Da die neun Songs zwar ab und zu etwas anstrengend aber gerade deshalb fesselnd sind, muss ich gleich mehrere starke Titel nennen: “Words”, “Goatchild”, “Goatslaves” und “Hide from the sun”. 

Das Video zu “Hide from the sun”:


Goat’s Commune, the follow-up to their 2012 debut World Music, marks a welcome return from the Swedish band that somehow melds more influences than its lofty predecessor into one enormously satisfying record. […] There are so many interweaving styles and influences at play they'd be, frankly, too laborious to list individually. But among them are love letters to tribal sounds, sampling that's reminiscent of cult horrors, sharp riffing from the 60's, heavier dirges from the 70's, muddy distortion and precise, classical-daubed chord play. Together, Goat manage to make it all sound their own. 

Samstag, 11. Oktober 2014

Allo Darlin' - We Come From The Same Place
Dirk Samstag, 11. Oktober 2014 0 Kommentare




















Neuigkeiten aus dem Hause Allo Darlin'. Mit "We Come From The Same Place" veröffentlicht das englisch-australische Quartett nach "Allo Darlin'" (2010) und "Europe" (2012) sein drittes Album und klingt dabei etwas rauer, roher und weniger lieblich als zuvor. Auf Songs wie "Bright Eyes" oder "Half Heart Necklace" dürfen die Gitarren sogar ein wenig schrammeln. 

Die Sängerin und Songwriterin Elizabeth Morris ist mittlerweile verheiratet, lebt in Italien und im Gegensatz zu früher ging ihr das Komponieren diesmal recht leicht von der Hand:
“So many things have happened since I first wrote the songs that make up this album, it´s difficult to remember back to where it all began. The songs were written very quickly, during a period when I found writing songs very easy, whereas I often find songwriting very difficult. Some of the songs were written so fast I can´t even really remember writing them. The songs were a joy to write, and writing them made me feel better about lots of things.”   

Die 11 Songs von "We Come From The Same Place" bieten aber auch immer noch von Ukulele und Steel Guitar geprägten, luftigen Indiepop, mit dem alle Freunde von Camera Obscura, Lush, Belle & Sebastian und The Go-Betweens glücklich werden können. Platten-Sammler sollten sich auf das limitierte, weiß-blau marmorierte Vinyl stürzen. 



The songs rollercoaster between major and minor keys, acting as a mood-setter for Morris' words which are often complimented by brilliant riffs and bass lines from Paul Rains, Bill Botting and Michael Collins.

Morris' anecdotal vignettes are subtle, as if she's practically sitting next to you and telling you these stories over coffee. The warmth of her delivery draws you in to her hyper-detailed lyrics, but the true hooks run even deeper. Each song is buried with hidden gems in the form of the simplest, most effecting couplet or statement, casually tossed out there carrying universal wisdom. Just when you feel like you've objectively gotten everything you wanted from Morris' stories, she tosses out a line like "I wanted to impress you/ And I think you knew" ("Kings and Queens") or "I'm just tired of being strong" ("Romance and Adventure") and it reels you in even closer than you'd expect. We Come From The Same Place is a lyrical wonderland that keeps listeners exploring more with each listen. Indie-pop or not, it's infectious on many levels.
(exclaim)


The result is an album that uses an unmistakable scrawl to describe new vistas, like a postcard from an old friend. The tour-honed full-band interplay, especially on uptempo songs like the road anthem “Kings and Queens,” brings a frenzy that’s novel for Allo Darlin’. And where 2010′s outstanding debut album amped up its superbly catchy new-love vignettes with lyrical references to Weezer and Johnny Cash, and the richer follow-up, 2010′s Europe, used allusions to the Silver Jews or the Maytals to help jog the narrator’s memory of halcyon days, here the mentions of The Lion King, Joan Didion or Auto-Tune on the radio are mere details: humdrum fabric in the songs’ own vibrant tapestries.

Newly married and newly Italy-based, Morris acknowledges on “Santa Maria Novella” feeling like a “tourist” and the risk of being “corny.” But it has always been her fresh-eyed perspective, combined with her willingness to take the chance of raising eyebrows, that helps her songs hit an emotional sweet spot. That’s still true here — even when she’s gleefully embodying a stalker-ish figure out of hometown lore on “Half Heart Necklace,” a deceptively creepy standout. Meanwhile, the album’s best songs, “Crickets in the Rain” and “History Lessons,” both ruminate on a theme Morris has described as “anti-nostalgia.” To Allo Darlin’, this concept doesn’t mean rejecting the old all together; the billowing title track imagines a shared, communal past, and the defiantly sunny “Bright Eyes” is only a more freewheeling entry in a history of male-female duets that goes back to the first song on the band’s first album.
(wondering sound)


Freitag, 10. Oktober 2014

Erlend Øye - Legao
Dirk Freitag, 10. Oktober 2014 0 Kommentare




















Neulich mit dem neuen iPhone, Siri und Shazam.

Ich: Siri, wie heißt dieser Song?

Siri: Das klingt für mich wie "Fence Me In", ein Outtake vom letzten Album von Damon Albarn.

Ich: Siri, nur halb richtig. Hör noch einmal genau hin.

Siri: Lass mich mal zuhören... Du hörst gerade "Say Goodbye", vom bisher unveröffentlichten Reggae-Projekt von Jens Lekman.

Ich: Siri, das ist hoffentlich nur ein Scherz! Obwohl, das habe ich zunächst auch gedacht. Noch ein Lied, Siri?

Siri: Lass mich mal zuhören... Ich höre zu... Ich bin mir ziemlich sicher, dass das "Bad Guy Now" von Belle & Seb...

Ich: Wag' es nicht das auszusprechen, Siri! Nächstes Lied!

Siri: Das klingt für mich wie "Whistler" von der isländischen Roots-Reggae-Band Hjálmar, oder?

Ich: Ganz nah dran, Siri. Noch ein letzter Versuch? 

Siri: Lass mich mal zuhören... "Who Do You Report To" - von Kings of Convenience, vielleicht.

Ich: Wärmer, sehr viel wärmer. Das ist alles von "Legao", dem zweiten Soloalbum von Erlend Øye.   



Auch auf LEGAO klingt wieder alles anders und vertraut zugleich. Auf jeden Fall haben die Songs in Italien, wo der Norweger seit einiger Zeit wohnt, viel Sonne abbekommen. Auf den leichtfüßigen Reggae-Rhythmen und reduzierten Bläsersätzen der isländischen Band Hjálmar, auf sommerlich-verbummeltem Gitarrengezupfe und nostalgischem Orgeldudeln schwebt Øyes Gesang dahin. Altersweise berichten seine gehauchten Erzählungen von den Geheimnissen des Lebens: „Life is long, and the world is small / Our paths will cross some other time“, singt er.

Es sind die simplen Weisheiten eines Weltenbummlers, verpackt in beglückende Popsongs: Da sind der Aufruf zur Selbstliebe „Save Some Loving“, das geschmeidige „Lies Become Part Of Who You Are“ und der Lovesong „Say Goodbye“, der sich vom leisen Gitarrenstück zum euphorischen Sommerpop aufschwingt. „This bubbling feeling“, das Erlend Øye beim Anblick seiner Liebsten in „Peng Pong“ überkommt: Man hat es auch beim Hören dieser fluffigen Lovesongs, die in Verliebtheit und Liebeskummer die gleiche kribbelig flimmernde Schönheit finden. La dolce vita, vertont für den Großstadtsommer.
(Musikexpress)


Seine zärtelnde Empfindsamkeitsmusik flicht er ein in die schlichten Patterns von Schmuse-Reggae, in UK traditionell Lovers Rock genannt. Aufgenommen wurden die zehn Stücke gemeinsam mit der isländischen Roots-Reggae-Band Hjálmar. Ein Norweger macht Reggae mit Isländern: Darf man das Ergebnis also als »Nordic Reggae« labeln? Nicht wirklich, denn Øye lebt schon seit einiger Zeit in Sizilien. Unabhängig davon taugt Øyes Reggae-Aneignung kaum für ungebrochene Sunshine-Klischees und kommt auch nur scheinbar kontrazyklisch im Herbst auf den Markt. Für Barcardi-laidbackness ist die Musik oft zu spröde, sentimental und reserviert. Überkritisch ließe sich bei der Begleitband Hjálmar eine gewisse Unbeholfenheit feststellen, auf einem Multikulti-Stadtteilfest würde sie jedenfalls nicht unangenehm auffallen.

Øyes unentrinnbar umschmeichelnder, in einprägsamen Sentenzen vorgetragener Gesang behandelt wie immer die ewigen Themen Liebe, Abschied, Sehn- und Eifersucht. Dass er Reggae als vorgefertigte Hintergrundstruktur und nicht als Ausdrucksform benutzt, tut dem Album gut – was wäre schließlich fragwürdiger gewesen als ein »echtes« Reggae-Album? Immer wieder hybridisiert Øye die schunkelnden Riddims, indem er sie mit Softrock-Harmonien, Postrock-Elementen oder einem Hauch Birkenstock-Romantik à la Belle And Sebastian aufmischt. Auch Bläser, Streicher, Rhodes-Piano, Synthies und Highlife-Gitarren sind zu hören. Und das tolle Stück »Bad Guy Now« ruft Erinnerungen an Felt auf und verwischt dabei auf interessante Weise die Grenze zwischen der Glücklich-wenn-ich-traurig-bin-Attitüde britischer Gitarrenbands und einer gewissen Dire-Straits-Stimmung für Erwachsene.

Was Øye an Reggae interessiert, ist weder das Politische (wie einst The Clash) noch das klangästhetische Potenzial, an dem sich Postpunk-Bands wie PIL der die Slits orientierten. Es ist der Pop-Appeal und sonst nichts. Øye folgt damit den Spuren von Boys Georges Culture Club und nicht zuletzt dem großen Green Gartside von Scritti Politti. Der kündigte bei einem legendären Konzert in Berlin vor zwei Jahren einen Song mit folgenden Worten an: »Pop Reggae and postmodernism – a marriage made in heaven or hell? You decide.« In diesem Sinne darf dann beim Durchstöbern der Winterkollektion jeder selbst entscheiden, was von der Ehe zu halten ist, die Erlend Øye zwischen Pop, Reggae und Indie-Innerlichkeit arrangiert hat.
(Spex)

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Zola Jesus - Taiga
Ingo Donnerstag, 9. Oktober 2014 1 Kommentare






















Die Taiga ist bekanntlich eine Vegetationszone. Dort wachsen noch Bäume, welche für etwas Abwechslung sorgen. Nördlich der Taiga findet sich die Tundra. Dort gibt es dann noch Flechten, Moose, Gräser und ein paar Zwergsträucher. 

“Taiga” ist auch Nika Roza Danilovas (aka Zola Jesus) fünftes Album. Mit diesem ist Zola Jesus bei dem Label Mute gelandet. Seit 2006 bastelt sie an ihrer Karriere. Das Debüt “The spoils” erschien 2009. In Indiekreisen erfreute sich Zola Jesus eine Weile ein gewissen Beliebtheit, für den großen Durchbruch hat es bislang nicht gereicht. Statt dessen folgt mit “Taiga” nun ein Dammbruch. Hallige Gesänge, einfältige stampfende Beats und poppige Soundwände sorgen für eine Atmosphäre, die man sonst nur im Discozelt der Dorfkirmes vermutet. So einladend wie die billigen Lichteffekte dort ist auch “Taiga”. 

Die Single “Dangerous days”, “Hunger” (eigentlich schlimm, dass ich hier Discostampfer empfehlen muss) und vor allem das relativ reduzierte “Hollow” sind die besseren Songs auf “Taiga”. Der Rest ist Tundra.

Olly vergab für "Stridulum II" und "Conatus" jeweils 8 Punkte. Ich bin gespannt, ob seine Begeisterung anhält.

Vielleicht stimmt er ja tatsächlich eher Sonic Seducer zu:
Zola Jesus alias Nika Roza Danilova hat mit „Taiga“ ein großes Stück musikalische Unabhängigkeit gefunden. Während ihr genialer Durchbruch „Stridulum II“ noch sehr von der Kombination aus siouxsiesker Stimme auf sorgfältig ausgebreitetem Keyboardteppich profitierte, ist sie nun richtig vielseitig. [...] Durch und durch gut.

Das Video zu “Dangerous days”:


Passend zu der düsteren Musik kommt Zola Jesus im düsteren November nach Deutschland:
  • 10.11. Köln
  • 11.11. Berlin
  • 12.11. Hamburg
  • 13.11. Frankfurt

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Johnny Marr - Playland
Dirk Mittwoch, 8. Oktober 2014 0 Kommentare



















Nun ist es also doch passiert! 28 Jahre nach der Trennung unserer Lieblingsband The Smiths veröffentlichen deren kreativen Köpfe Johnny Marr und Morrissey erstmals im gleichen Jahr ein Soloalbum und feiern somit ein Wiedersehen vor einer etwas anderen Art des Gerichts.

Nachdem "World Peace Is None Of Your Business" von Morrissey nicht gerade zu den Highlights unter seinen bisherigen 10 Soloalben zu zählen ist und sich mit Alben der Güteklasse von "Viva Hate" (1988), "Vauxhall And I" (1994) oder "You Are The Quarry" (2004) messen lassen muss, hat "Playland" den Vorteil, dass Marrs erstes Soloalbum "The Messenger" (2013) nicht gerade herausragend war. 

Nachdem Johnny Marr jahrelang nur als Gastmusiker (The The, Pet Shop Boys) oder Bandmitglied in der zweiten Reihe (Electronic, Modest Mouse, The Cribs) in Erscheinung getreten war, scheint er sich nun auf seine Solokarriere zu konzentrieren. "Playland" bietet wenig überraschenden, temporeichen Alternative Rock britischer Prägung, der aber Modest Mouse und mit Abstrichen auch The Cribs und Electronic (oder besser: New Order) näher steht als The Smiths. Marrs herausstechendes Gitarrenspiel muss wohl ebenso wenig erwähnt werden wie seine begrenzten Fähigkeiten als Leadsänger. Statt dessen seien "Dynamo", "Candidate" und "The Trap" als Anspieltipps sowie "Playland", "Speak Out Reach Out" und "Boys Get Straight" als Skip-Kandidaten genannt.      

Auch wenn "Playland" vermutlich bei Platten vor Gericht nicht vor "World Peace Is None Of Your Business" wird landen können, so dürfte der Abstand hinsichtlich der Durchschnittswertung enger ausfallen als vor Veröffentlichung beider Alben gedacht.

Dynamo, with its gentle Smiths influence poking its head above the waves, nose-dives into a typical Johnny wall of sound; its energy is the track’s appeal, backed up by a strong flowing melody. Back in the Box is a fast paced, adrenaline fuelled rollercoaster ride, whereas 25 Hours reminds us of Marrs’ variety and talent with a guitar. Johnny is such a decent ‘riff writer’ that bands would fight over the scraps he throws away. Although some may focus on the guitar parts, where this album really shines is the use of drums and bass. Album-titled track Playland uses these instruments to form a perfectly balanced performance that is set apart from the rest, with Johnny shouting his way throughout, wanting to ‘push the button to a higher plane’. This Tension’s gentle guitar sits happily under a leading riff with the drum and bass again taking centre stage to lift the song to new heights. The great thing about this album is there’s so much going on that you don’t notice until much later on; it really is a Playland. It’s one of those rare albums where you enjoy it the first time, but the more you here it, the more it satisfies you for different reasons; it’s a grower and a shower. Although the lyrics can seem somewhat tangled and distant at times, the overall technique and experience on offer here is a wonder to behold, and makes the album a mixed bag of loveliness.
(Renowened For Sound)

Playland offers no such intrigue; it just sounds a lot like The Messenger. Some tracks can be a tad (or should that be trad?) workmanlike and the snarling riffs of the title track would surely snarl some more if they were paired with a more feral frontman. Still, there’s plenty here in the gorgeous, windswept vein of Dynamo and The Trap, both of which especially suit Marr’s slender singing style.
(The Guardian)


Die tanzenden Akkorde zu Beginn der neuen Single sind zwar dreist geklaut bei "Dashboard", dem einstigen Übersong auf dem Modest-Mouse-Album "We were dead before the ship even sank", aber jetzt dreimal geraten wer für das Original verantwortlich ist, und bei sich selbst klauen ist nur halb geklaut, wenn überhaupt. Das eindeutigste Selbstzitat stellt wohl aber "The trap" dar. Das sich mit Hall, flächigen Synthies und der vertrauten Melancholie im Netz der Achtziger-Jahre verfängt und damit sehr "smithstastich" ist. Verzeihlich aber ist das auch angesichts des überragenden "Dynamo". Ein von vorne bis hinten perfekter Indiepoprocksong der alles vereint was Marr so einflussreich und verehrenswert macht. Der Refrain geht hoch und höher als jede dieser Tiefkühlpizzen und das Solo kriegt auch nur dieser eine verdammte Kerl so maximal unorthodox und minimal sperrig hin.

Eine Großtat, der keine wirklich schlechten Tracks mehr auf "Playland" folgen. Trotz allem wirken die martialischeren Momente, etwa die punkenden Strophen von "Boys get straight", wie übrigens auch schon auf "The messenger", etwas bemüht und spielen nicht ganz in der selben Liga wie das übrige Material. Aber die werte Kollegin Depner hat es ja letztes Jahr auch schon geschrieben: Es bleibt sicher nicht sein letzter Versuch.
(Plattentests)

Johnny Marr in Deutschland - im Gegensatz zu Morrissey vermutlich ohne The Smiths-Song:
02.11.14 Köln, Luxor


Dienstag, 7. Oktober 2014

Kraftklub - In Schwarz
Dirk Dienstag, 7. Oktober 2014 0 Kommentare



















Vielleicht kann mir irgendjemand mit Rat und Tat zur Seite stehen und mir aus der Patsche helfen: Im letzten Musikexpress war in einem Bericht über Kraftklub folgendes Zitat eines Bandmitglieds zu lesen: "Wir würden dir gerne mit unserer Platte 30 Leute mitliefern, die dann in deiner Wohnung stehen und die Songs mitgrölen. Geht aber leider nicht."

Tja, was soll ich sagen, bei mir ist da leider etwas schief gelaufen! Kaum hatte ich bei "In Schwarz" zum ersten Mal auf den Start-Knopf gedrückt, klingelte es an der Haustür und 30 junge Menschen, passend zu Albumtitel und Band gekleidet, quetschten sich an mir vorbei in unser Wohnzimmmer, um in den Refrain von "Unsere Fans" mit einzufallen. Ein Song mit einem wirklich interessanten und humorvollen Text, der das Fans-Lieblingsband-Ding einfach auf den Kopf stellt. Die deutschen The Hives legten mit "Alles wegen dir" und "Wie ich" nach und zunächst sollten mich die 30 grölenden Leute in meinem Wohnzimmer noch unterhalten, doch spätestens nach 3 Songs erwies sich die Platte als gut gemachtes, aber wenig innovatives Update von "Mit K". Reziprok zur steigenden Begeisterung der plötzlich aufgetauchten Fanschar sank die meine. 
Das wirklich Schlimme ist: Sie sind immer noch hier! Ständig wollen sie Kraftklub hören und meine Abwesenheit - jemand muss ja den Nachschub an Bier organisieren und den Kühlschrank wieder auffüllen, denn man will ja kein schlechter Gastgeber sein - nutzen sie wohl auch ausgiebig dazu, denn mittlerweile können sie nicht nur jeden Refrain, sondern jedes verdammte Wort mitsingen,-grölen und -schreien.  

Als ich ihnen für den Song "Blau", der eigentlich ein verkappter Disco-Song ist, Glitzerhemden und Plateauschuhe besorgt hatte, um zumindest etwas Abwechslung in unseren musikalischen Alltag zu bringen, waren Unverständnis und Entsetzen ihrerseits gleich groß. 
Als ich nebenbei erwähnte, dass ich zu einem Konzert von Kraftwerk fahre, war das Geschrei und Gezanke sogar noch größer denn jeder wollte unbedingt mit ins Auto, weil sie die zweite Silbe des Bandnamens aufgrund ihrer Begeisterungsschreie wohl nicht richtig verstanden hatten. 
Große Sorgen bereitet mir auch das am 20. Oktober in unserem Wohnzimmer stattfindende Konzert von Enno Bunger. Trauriger Piano-Pop trifft auf mitgrölwütige Meute an Kraftklub-Fans. Das kann eigentlich nicht gut gehen...

Aber vielleicht kann mir irgendjemand mit Rat und Tat zur Seite stehen, mir aus der Patsche helfen und zum Beispiel im Rahmen der Bewertung bei Platten vor Gericht "In Schwarz" mitsamt der 30 Leute übernehmen. Ich wäre auf jeden Fall sehr dankbar. 
    


Die Chemnitzer haben den auf ihrem Debüt, MIT K, importierten Trademark-Sound britischer The-Bands ein Stück weit aufgegeben und die Tür der Indie-Disco von außen zugemacht. Und zwar mit Schmackes. Und so klingt auf dieser Platte alles ein bisschen größer, düsterer und, nun ja, schwärzer. Ansonsten zocken die Chemnitzer immer noch eingängige Dreiminüter aus der Hüfte, und Frontmann Felix sprechsingschreit immer noch seine Teenage-Angst-Texte für die Generation Rock zwischen Karl-Marx- und Hauptstadt ins Kabelmikro. Es geht also wieder um die Suche nach dem Selbst, der großen Liebe und Komplizen zur gemeinsamen Vernichtung von Hochprozentigem. Aber es werden auch mit der Fingerpistole drei „Schüsse in die Luft“ gefeuert, und an anderer Stelle wird gegen ’schlandweites Scripted-Reality-TV-Gucken in den Krieg gezogen.

 „Mein Rad“ ist eine liedgewordene Liebeserklärung an das gestohlene Stahlross – Kampfansagen an den Dieb inklusive. Das ist wohl das Lied, das der diebstahlgeplagten Jugend dieses Landes am meisten aus der Seele spricht. Für das grollende „Schöner Tag“ geht es mit dem einzigen Feature-Gast, Casper (das war irgendwie zu erwarten), zum Taubenvergiften in den Park.

Jeder der 13 Songs kommt dabei einem cleveren Weiterdreh der schon genial-genuinen Stücke auf MIT K gleich. Besonders gelungen: „Meine Stadt ist zu laut“, ein nonchalantes Stück Liedermacherei mit Westerngitarre, in dem der Gentrifikations- und Generationstwist dargeboten wird. Gern mehr davon!
(Musikexpress)

Die Klubtour von Kraftklub im Oktober und November ist restlos ausverkauft, daher die Termine im nächsten Jahr:

17.02.2015 GRAZ, ORPHEUM
18.02.2015 WIEN, GASOMETER
20.02.2015 ZÜRICH, KOMPLEX457
21.02.2015 SAARBRÜCKEN, E-WERK
22.02.2015 KASSEL, STADTHALLE
26.02.2015 KÖLN, PALLADIUM
27.02.2015 STUTTGART, SCHLEYERHALLE
01.03.2015 ERFURT, THÜRINGENHALLE
02.03.2015 HANNOVER, SWISS LIFE HALL
04.03.2015 FRANKFURT AM MAIN, JAHRHUNDERTHALLE
05.03.2015 LEIPZIG, ARENA LEIPZIG
06.03.2015 BERLIN, MAX-SCHMELING-HALLE
08.03.2015 MAGDEBURG, STADTHALLE MAGDEBURG
11.03.2015 HAMBURG, SPORTHALLE
13.03.2015 ROSTOCK, STADTHALLE ROSTOCK
14.03.2015 BREMEN, PIER 2
19.03.2015 MÜNCHEN, ZENITH
20.03.2015 WÜRZBURG, POSTHALLE
21.03.2015 MÜNSTER, HALLE MÜNSTERLAND

Montag, 6. Oktober 2014

Weezer - Everything Will Be Alright In The End
Dirk Montag, 6. Oktober 2014 0 Kommentare




















"Everything Will Be Alright In The End". Weezer geben mit dem Titel ihrer aktuellen Platte ein Versprechen ab, an dessen Einhaltung man bei der Band von Rivers Cuomo nach Jahren der höchstens mittelprächtigen Platten kaum noch zu glauben wagte.

Dazu ergriffen Weezer gleich zwei Maßnahmen: Dem alljährlichen Veröffentlichungswahn (2008 "Weezer", 2009 "Raditude" und 2010 "Hurley") wurde ein Ende gesetzt. Cuomo schrieb allein bzw. zusammen mit befreundeten Musikern  (u.a. Justin Hawkins von The Darkness, Patrick Stickles von Titus Andronicus oder Ryen Slegr von Ozma) gerüchteweise über 200 Songs, von denen 13 für "Everything Will Be Alright In The End" ausgewählt wurden. 
Außerdem wurde mit Ric Ocasek (The Cars) der Mann zurück ins Boot geholt, der bereits 1994 und 2001 für "das blaue bzw. grüne Album" (also die beiden besten Alben von Weezer) als Produzent mit verantwortlich war. 

Und so lassen der Opener "Ain't Got Nobody" und die folgenden "Lonely Girl" und "I've Had It Up To Here" tatsächlich an "The World Has Turned And Left Me Here" oder "Buddy Holly" denken. "Go Away", ein Duett mit Bethany Cosentino von Best Coast, und "Foolish Father", das mit einem "Everything Will Be Alright In The End"-Mantra ausgestattet wurde, sind weitere Highlight auf dem Album.

Nicht alle Songs können jedoch auf der Habenseite verbucht werde ("The British Are Coming", "Da Vinci") und das abschließende, "The Futurescope Trilogy" betitelte Space-Rock-Epos (bestehend aus den Songs "I. The Waste Land", "II. Anonymous" und "III. Return To Thaka") darf freundlich als ambitioniert bezeichnet werden, stammt aber eher aus dem Papierkorb von Queen oder Muse.

Obwohl "Everything Will Be Alright In The End" häufig an die guten alten Zeiten der Band erinnert und das Album in sich geschlossener und besser ist, als einige seiner acht Vorgänger, so wird es sicherlich nicht den erwünschten Stellenwert in der Diskografie von Weezer erhalten, denn im Zweifelsfalls legt man dann doch lieber eine der ersten drei Weezer-Platten auf.    


Weezer wirken so unverkrampft und vergnügt wie lange nicht mehr. Vielleicht liegt es an der Rückkehr von Produzent Ric Ocasek, der die Gitarren so schön brummig klingen lässt und Rivers Cuomo im Studio angeblich manchen Unsinn ausgeredet hat. Jedenfalls gibt es diesmal keine Rap-Einlagen, keinen Steve Aoki und kein Toni-Braxton-Cover. „We belong in the rock world“, singt Cuomo in „Back To The Shack“, der haarsträubenden ersten Single, die dem Album schon vor seiner Veröffentlichung einen unverdient schlechten Ruf einbrachte.

Dabei hat es mehr zu bieten: Im Opener „Ain’t Got Nobody“ paart Cuomo Selbstmitleid mit einer Melodie, wegen der man vor Lebensfreude Luftsprünge machen möchte. „Go Away“ ist ein entzückendes Bubblegum-Pop-Duett mit Bethany Cosentino von Best Coast. Nichts auf EVERYTHING  … wirkt, als hätte Cuomo versucht, zu rocken „like it’s ’94“, obwohl er das in „Back To The Shack“ behauptet. Lieber lässt er seiner Kreativität freien Lauf, auch wenn nicht jedes Experiment gelingt. „I’m letting all of these feelings out even if it means I fail“, singt er. Wenn wir Weezer-Fans das immer noch nicht kapiert haben, sind wir tatsächlich arme Trottel.
(Musikexpress)

Eine Mischung aus dem schwebenden Debüt und den wild umherschwirrenden, durchgeschepperten Gitarrenmelodien von "Pinkerton" sollte dieses Album werden. Klingt hin und wieder auch so, allein es fehlen Herz und Schmerz. Da kann Cuomo noch so oft vor sich hinleiden und "Ain't got no one to love and hug me" singen wie im etwas besseren Opener, es reicht nicht. Damals hätten wir ihn in den Arm genommen. Heute wirkt das eher befremdlich.

Zu allem Überfluss wird es am Ende auch noch richtig arty, wenn Cuomo mit einem Dreiteiler dieses Album ganz groß abschließen möchte. Was natürlich auch nach hinten los geht. Die wenigen wirklich guten Momente zaubern Weezer immer dann aufs Parkett, wenn sie es wie in "Da Vinci" und "Go away", dem überaus charmanten Duett mit Bethany Cosentino von Best Coast, ganz locker und luftig angehen lassen. Ein paar Huhus hier, ein bisschen Gepfeife dort, und fertig ist der Sommersong, der ihnen viel besser steht als dieses ganze aufgesetzte, selbstmitleidige Getue, für das Cuomo mittlerweile einfach ein paar Jährchen zu alt ist. Vielleicht ist es auch die Pose, in der sich der Rezensent selber langsam erkennt, sie aber nicht wahrhaben will. Bis dahin weiterhassen und alle Energie auf die Reflektorschilde.
(Plattentests)

Sonntag, 5. Oktober 2014

Martin Carr - The Breaks
Dirk Sonntag, 5. Oktober 2014 0 Kommentare




















Man darf sich durchaus fragen, wo das deutsche Indie-Label Tapete Records den englischen Musiker Martin Carr ausgegraben hat. Das Warum klärt sich spätestens beim Hören von "The Breaks". 

1995 hatte Carr als Songwriter und Gitarrist der Band The Boo Radleys im Verlauf der Britpop-Welle mit "Wake Up, Boo!" einen Top Ten-Single-Hit, der immer noch häufig morgens im Radio zu hören ist, und das dazugehörige Album "Wake Up!" kletterte sogar an die Spitze der englischen Charts. Diesen Erfolg konnten die Nachfolger "C'mon Kids" (1996) und "KIngsize" (1998) nicht wiederholen, obwohl sie qualitativ nicht schlechter waren. Ihr Meisterwerk legten The Boo Radleys jedoch bereits 1993 mit "Giant Steps" vor und eine Bestenliste des Britpop, die ohne diese Platte auskommt, kann nicht ernst genommen werden.

Mit dem Ende der 90er Jahre lösten sich The Boo Radleys auf, deren Sänger Sice veröffentlichte unter dem Namen Eggman ein harmloses Album, Martin Carr ließ unter dem Namen Brave Captain mit den beiden "Fingertip Saint Sessions" (2000 und 2001) aufhorchen, sang jedoch nicht in der gleichen Liga wie Sice und verlor sich (und sein Gespür für tolle Melodien) in den folgenden Jahren irgendwo zwischen Electronica und Klang-Experimenten.   

Dank der, auch für Carr überraschenden, Anfrage von Tapete Records können wir seit einigen Tagen nun "The Breaks" in den Händen halten. Martin Carr lebt seine Begeisterung für den Merseybeat und Psychdelic-Pop der 60er Jahre (The Beatles, Love, The Kinks), Burt Bacharach-Arrangements (Streicher! Bläser!) und eine Wall of Sound-Produktion im Stile Phil Spectors aus, lässt Westcoast und Soul mit einfließen ("The Santa Fe Skyway") oder präsentiert sich als Singer/Songwriter in schlichtem Sound-Gewand ("The Breaks"). Songs wie "Mandy Get Your Mello On" oder "Senseless Apprentice" stehen den Boo Radleys so nahe, wie nichts was ich in den letzten 15 Jahren gehört habe. 

Toll, dass Tapete Records dafür gesorgt hat, dass wir diese 10 Songs zu hören bekommen. Die Krönung wäre es gewesen, wenn man Carr zu einer Zusammenarbeit mit Sice Rowbottom hätte bewegen können.



There’s a lifetime of careful listening on show here, allowing Carr to play around with proper breezy Marvin Gayeisms on opener ‘The Santa Fe Skyway’ and follow it up with the lemonade-guzzling Elvis Costello pop of ‘St Peter In Chains.’ For a man who once made of pointing of saying he didn’t idolise Paul Weller like his Britpop contemporaries there’s a lot of late Jam and Style Council in evidence here, especially on the soul-boy kickback of ‘Mountains’, and the hammond flecked ‘Mandy Get Your Mello On.’ (...)

In truth there’s not a great deal to say about The Breaks. It neither needs nor wants close examination, it just requires your enjoyment. It deserves that attention too - no worlds will be changed, nor hearts broken here, but every spinners a winner and every cut hits its mark with skill. Solidly crafted and splendidly written.
(Drowned In Sound)



Samstag, 4. Oktober 2014

Philip Selway - Weatherhouse
Ingo Samstag, 4. Oktober 2014 0 Kommentare






















Es sind aufregende Zeiten für Radiohead-Fans. Erst tauchte das Gerücht auf, dass die Band an einem neuen Album arbeitet und dann folgte die überraschende Veröffentlichung von Thom Yorkes “Tomorrow’s modern boxes”. Und das alles geschah kurz vor dem schon länger bekannten Veröffentlichungstermin von “Weatherhouse”. 

Wie alle Radiohead-Mitglieder ist auch Philip Selway über seine “Hauptband” hinaus musikalisch aktiv. Bereits 2012 erschien sein Solo-Debüt “Familial”. Ein Jahr später folgte die EP “Running blind”. An zwei Mitglieder seiner Begleitband hat er sich über die Zeit offensichtlich gewöhnt, denn Adem Ilhan und Quinta duften nun auch stärker bei der Entstehung der Songs mitwirken. Quinta war Teil von Bat For Lashes’ Live-Band als diese für Radiohead einheizen durften. Vielleicht kam so der Kontakt zustande. Auf jeden Fall war Quinta wohl für die Streicher-Parts auf “Weatherhouse” zuständig. 

Das Gesamtergebnis ist eines Radiohead-Drummers würdig:  Ein Album voller dezenter Schönheiten auf Singer/Songwriter Basis mit präsenter elektronischer Untermalung. Wenn nun noch der Gesang einige markante Konturen aufweisen würde wäre die Sache rund. So geraten einige der Songs leider etwas belanglos. 

“Around again” ist in meinen Ohren der Hit des Albums, “Coming up for air” (erinnert mich an John Grant), “Don’t go now”, “Drawn to the light” und “Turning it inside out” sind ebenfalls erwähnenswerte Songs. Ohne den Radiohead-Bonus hätte es “Weatherhouse” sicherlich schwerer, Aufmerksamkeit zu erlangen. So stellt das Werk eine im Vergleich zu Radiohead merklich leichter verdauliche Alternative und ein nettes Zwischenspiel zur Verkürzung der Wartezeit auf das nächste Radiohead-Album dar.

DIY Magazine:
Traditionally, a weather house might be used to forecast incoming weather, a loose prediction of sorts based on the humidity of the atmosphere. Predictability isn’t something that’s ever sat well with Radiohead, and it’s no surprise therefore that the second offering from Philip Selway’s solo project is a venture of untested creativity, creating an atmosphere entirely of its own.

Das Video zu “It will end in tears”:


Und das zu “Coming up for air”:



Wer plant schon Konzertbesuche für 2015?
  • 05.02.2015 Berlin
  • 06.02.2015 Hamburg

Freitag, 3. Oktober 2014

Jens Friebe - Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus
Dirk Freitag, 3. Oktober 2014 0 Kommentare


















Wetten, dass Jens Friebe auf seinem fünften Album so klingt wie Ilja Richter (a), weder vor NDW-Banalitäten (b) noch Techno-Ausflügen (c) halt macht, die Streicher groß aufspielen lässt (d), auf englisch singt (e) oder einfach singen lässt (f)?
Nachzuhören ist dies auf den Songs "Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus" (a, d), "Hölle oder Hölle" (b), "Sei einfach nicht du selbst", "Warum zählen die rückwärts Mammi" (beide c), "Zahlen zusammen gehen getrennt" (d), "(I Am Not Born For) Plot Driven Porn" (e) und "Guess Which Celebrity Partied Too Much On Their 18th Birthday (Or Not)" (f).

Wetten, dass man - zumindest wer das alles tolerieren (oder gar goutieren) kann - an den 11 sehr unterschiedlichen Songs und vor allem Jens Friebes Texten viel Spaß haben kann?
Bitte per Selbstversuch durch das wiederholte Hören von "Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus" überprüfen!

Diese neue Platte des Berliner Diskurspoppers ist nicht nur besser als der bereits vier Jahre alte Vorgänger, ABÄNDERN, sondern ist generell ganz formidabel gelungen. Das bereits vorab auf dem Keine Bewegung!-Sampler veröffentlichte „Sei einfach nicht du selbst“ ist nicht weniger als ein modernes „Deutschland muss sterben“ – zwar nicht ganz so radikal in der Aussage wie der Slime-Klassiker, aber dafür entschieden eleganter und mit poetischem Mehrwert.

Friebe findet auch für den doofen alten Kapitalismus schöne neue Sprachbilder („Die einen treten auf der Stelle, die anderen sind die Stelle, auf die man tritt“) und beobachtet an anderer Stelle sehr genau das Leben in einem Land, „wo das ewige Eis schmilzt im Drink“ und junge Eltern an Silvester plötzlich feststellen, dass man zwar „endzeiteske Bondage-Sachen“ tragen und sich mit „Geschlechtsteilen aus Blei“ herumplagen kann, aber trotzdem schon längst Richard David Precht auf der Couch sitzt.

Kurz: Friebe ist ein Album gelungen, das – wahlweise zu bewusst billigen Synthie-Beats, melancholischer Orgel oder frenetischen Tribal-Rhythmen – sehr schlau vom Leben in dieser Republik berichtet, ohne gleich altersweise Bräsigkeit zu demonstrieren.
(Musikexpress)


Dabei zieht sich eine angenehme Melancholie durch das neueste Werk, nicht schwer, sondern schwebend: „Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen aus“, verkündet Friebe im Titelsong, einer sanften Klavierfantasie, Streicher schrauben den Refrain in die Höhe, der düstere Ball beginnt: „Wir gehen hin, wo die Dinge verschwimmen / wo das ewige Eis schmilzt im Drink.“ Hach.

Oder das leise „Schlaflied“, das in dunklen Zonen herumschwirrt, vollkommen unpeinlich, bei allem Piano und aller sanften Singstimme – wie Friebe sowieso jedes Pathos augenzwinkernd umspielt: „Mit allen, die man nicht vergessen kann / und allen, mit denen man nicht schlafen darf / schläft man im Schlaf.“ Oder die nachdenkliche Ballade „What will death be like“, einer ins Deutsche gebrachten Adaption des gleichnamigen Songs des schottischen Exzentrikers Nicholas Currie, genannt Momus. Das alles wirkt wohlgesetzt, souverän, reif – diese neue, dunklere Klangfarbe steht Jens Friebe sehr gut.

Ansonsten möchte man eigentlich die ganze Zeit nur tolle Zeilen zitieren. Denn Jens Friebe ist ein höchst origineller Popmusiktextautor, sehr sprachwitzig und mit Mut zu abgründigen Bescheuertheiten wie der folgenden Stelle in der flott daherstampfenden Silvester-Endzeit-Vision „Warum zählen die rückwärts Mammi“, die die Lage nach dem großen Kometeneinschlag beschreibt: „Was dann, was dann, was dann / oh, mein Gott, wär das nicht spannend / wir hätten superschlechte, endzeiteske Bondage-Sachen an.“ Später ist man dann wieder beim Bleigießen.

Und es ist ja nicht so, dass die elastischen Melodien, das schlau Funpunkige verschwunden wären. In „Hölle oder Hölle“, dem allerersten Stück, puckert das Bassdrum-Herz, klimpert das Keyboard ein biestiges Stakkato, der Hörer fängt innerlich an zu hüpfen, während Friebe im Refrain Uneinverstandenheit demonstriert: „Und das Spiel heißt Hölle oder Hölle / machst du mit? / Die einen treten auf der Stelle / die anderen sind die Stelle, auf der man tritt.“ Das geht scharf gegen Herrschaft und Gewalt, gegen Ausbeutung und Gleichgültigkeit, das ist eingängig und sloganhaft, aber niemals simple Steinewerferlyrik. (...)

Der Mann zieht alle musikalischen und thematischen Register, untersucht das Leben in all seinen Facetten: politisch und (neu!) existenziell, elektrisch (das Algorithmen-Hasslied „Dein Programm“), erotisch (die Fick-mich-Hymne „Plot driven porn)“ – und ekstatisch sowieso. Wird man jetzt wohl einige Wochen vor sich hin singen müssen.
(tagesspiegel)

"Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus" wurde von Berend Intelmann (Paula) produziert, hat zahlreiche Gastmusiker im Angebot (Chris Imler, Herman Herrmann, Justine Electra usw.) und ist Friebes Abkehr von ZickZack und Hinwendung zu Staatsakt.  

Jens Friebe unterwegs:
07.10.14 Hannover, LUX
08.10.14 Köln, Studio 672
09.10.14 Weinheim, Café Central
10.10.14 München, Mila
12.10.14 Regensburg, Alte Mälzerei
13.10.14 Wien, Stadtsaal
14.10.14 Dresden, Ostpol
16.10.14 Berlin, Bi Nuu