Björk - Vulnicura























Als würde plötzlich mitten im Oktober ein geschmückter Weihnachtsbaum im Wohnzimmer stehen, darunter einige wenige Präsente, jedoch ohne liebevolles Geschenkpapier und zierende Schleifen, denn dafür fehlte durch die spontan vorgezogene Feier die Zeit: Am 14. Januar informierte Björk auf ihrer Homepage über ihr neues, im März erscheinendes Album. Wenige Tage später wurde "Vulnicura" bereits im Internet geleakt. Am 20. Januar sahen sich Björk und ihr Label, nach regem Treiben hinter den Kulissen, dazu genötigt, das Album über iTunes bereits digital zu veröffentlichen. 

"Vulnicura" ist das neunte Studioalbum von Björk, für das sie mit den Produzenten Arca (Kanye West, FKA Twigs) und Bobby Krlic .ak.a. The Haxan Cloak zusammenarbeitete. Musikalisch stellt es eine Rückkehr zu den Klängen von "Homogenic" (1997) dar, setzt somit auf ein Triumvirat, bestehend aus Björks einzigartiger Stimme, schwelgenden, orchestralen Streichern und knisternden, knirschenden und klackenden Beats. Besonders die eröffnenden Songs "Stonemilker", "Lionsong" und "History Of Touches" zeigen Björk von einer Seite, die wir auf ihren letzten Alben schmerzlich vermisst haben. Nur schade für sie, dass erste ihre zerbrochene Beziehung mit dem Künstler Matthew Barney sie wieder zu den emotionalen Streicher-Arrangements zurück brachte. Dies erklärt auch den Titel der Platte, der sich aus den lateinischen Begriffen für Wunde (vulnus) und Heilung (cura) zusammensetzt.
Dass "Vulnicura" mit nur 9 Songs fast eine Stunde lang läuft, liegt auch an "Black Lake", einem zehnminütigen Opus, das in der Mitte der Platte positioniert wurde. Danach werden die Songs etwas weniger melodiös, schwermütig und schwelgerisch und setzen die Tradition der experimentellen elektronischen Klänge ("Notget", "Mouth Mantra", "Quicksand") und schroffen Brüche ("Atom Dance" mit Antony Hegarty) ihrer letzten Alben fort. Letztendlich muss man 14 Jahre zurück gehen, bis zu "Vespertine", um ein besseres Album von Björk zu finden.

Die Kritiken für "Vulnicura" sind, unbefriedigende Veröffentlichungsgeschichte hin oder her, unglaublich gut. Metacritic weist aktuell einen Schnitt von 86/100 Punkten aus und auch im deutschsprachigen Raum wird an Lob kaum gespart:

Bitte sehr: „Stone Milker“, der erste Song der neuen Platte. Schöner kann es nicht werden. Panoramastreicher, so weit das Ohr reicht, und Björk singt dazu unverfälscht über echte Gefühle: Darüber, dass Momente der absoluten Klarheit selten sind. Dass es hübsch wäre, Gefühle zu synchronisieren, die gewohnten Koordinaten wiederzufinden. Einen Stein zu melken, darum geht es. Gefühle zu erzeugen, bei einem Menschen, dessen Herz eingefroren zu sein scheint. Es ist ein Lied über den geheimnisvollen Anfang einer schwierigen Beziehung, und diesem Anfang wohnt tatsächlich ein Zauber inne.

Fünf weitere Songs folgen, in denen Björk die Geschichte dieser Beziehung weitererzählt. „Lion Song“ handelt von der Unmöglichkeit, dieses Herz zu zähmen; in „History Of Touches“ wacht die Protagonistin mitten in der Nacht auf und kuschelt sich an. Björk war in ihren Liedern schon immer daran interessiert, Intellekt und Gefühl zu vereinen. So sehr in Richtung Emotionalität ist ihre Musik jedoch schon lange nicht mehr ausgeschlagen.

Das erste Drittel des Albums ist ein berührendes und erhabenes Erlebnis, dann schlägt die Stimmung um. Es wird düsterer, komplexer, existenzialistischer. „Black Lake“ erhält mittendrin einen pulsierenden Beat, die Körperlichkeit hält Einzug. Co-Produzent Arca hat einen grandiosen Job gemacht, er hält die Balance zwischen den Streichern, den Stimmen und den Beats, die an dieser Stelle immer prominenter werden.

Ein weiterer Bruch auf der Platte ist „Atom Dance“, Song Nummer sieben. Die Beziehung ist vorbei, jetzt startet die Transzendenz. Aus dem Nichts kapert Antony Hegarty als Gastsänger das Stück, es geht um Männlichkeit und Tanz, Natur und Tod. Man wird diese Stücke im letzten Drittel wahrscheinlich nicht so häufig hören wie die vom Anfang, aber sie sind ein wichtiger Teil dieses großartigen Albums, auf dem uns Björk so nahe kommt wie zuletzt auf HOMOGENIC.
(musikexpress)







Gesanglich ist Vulnicura eins ihrer sanftesten Alben geworden. Es gibt keinen dieser Björk-Momente, in denen sie Berggipfel aus Pappmaschee anzuschreien scheint. Am ungewöhnlichsten bleibt, auch nach Jahren in den USA, ihre englische Aussprache. In Mouth Mantra (einem der finalen drei Songs) erzählt sie davon, wie ihr die Stimme genommen wurde, wie sie geknebelt und stumm war. Umso liebevoller geht sie jetzt mit sich um. Selbstverständlich erkennt man sie in ihrer eigensinnigen Fülle trotzdem in jeder Sekunde. Ihre Stimme zieht immer noch jeden Vokal, bis er die Konsonanten um sich überspannt, und ist so sehr Transportmittel für Texte wie wortlos schwingendes Instrument.

Dem hat Björk eine Armee von Streichern zur Seite gestellt. Ganz zu Beginn, als sie ihre Wunden zum ersten Mal vorsichtig betastet, umspielen sie den Schmerz melancholisch, lassen sie keine Sekunde allein und erinnern in all dem persönlichen Drama daran, wer die Meisterin des souveränen Kitsches ist. Danach halten sie sich respektvoll im Hintergrund und treten nur nach vorn, um einzelnen Zeilen anschwellend Nachdruck zu verleihen oder die gespannten Familienbande entschieden zu zersägen. In manchen Momenten suhlt sich Vulnicura in Schwermut, in anderen lassen gezupfte Saiten, Rasseln und ein splitternder Beat den Song fast auseinanderfallen. Gemeinsam mit Arca hat Björk ihr achtes Album geschickt produziert, es rattert und dröhnt in ihrer Brust, und einmal schießt sie sogar Pac-Man-Effekte gegen die Gefühllosigkeit.

Herausragend bleibt aber die Stelle mitten in Atom Dance, zu der Antony Hegarty urplötzlich erscheint, um die verhuschte Ode an die zwei Hemisphären zum Duett zu machen: "No one is a lover alone." Wenn man sich nur eine Zeile von Vulnicura – das schon jetzt völlig zurecht gefeiert wird als Björks bestes Album seit Langem, eins der wichtigsten Alben 2015 und das einzige Album, das man je wieder zum Liebeskummer braucht – ins offene Herz schieben will, bevor es vernarbt, dann diese. Keiner liebt allein. Wenn man die Liebe zum Kunstwerk macht, kann sie sich selbst überdauern. Liebt Björk!
(Zeit)


Box And The Twins – Below Zero EP



Kurz bevor der Januar zu Ende geht noch schnell eine Empfehlung, die gleich aus zweierlei Gründen nicht in unser Bewertungsschema passt: Eine EP (#1) aus dem letzten Jahr (#2). Aber verheimlicht werden sollte sie auf gar keinen Fall.

Im März letzten Jahres veröffentlichte die Band Coctail Twins ihre Debut-EP namens Our Fears und präsentierte uns auf dieser vier sehr schöne Coldwave/Darkpop-Songs, eingehüllt in einen berauschenden Shoegaze-Sound, der jedem Fan dieses Genres ein verklärtes Lächeln ins Gesicht zauberte. Der Name der Band wurde mittlerweile in Box And The Twins geändert, da es mit wachsender Bekanntheit diverse Irritationen von und mit Fans und Bewunderern einer Band ähnlichen Namens gab. Aber die Musik bleibt unverändert toll und so hören wir auf der neuen EP wieder

düstere Sounds und eine hypnotische Stimme […]. Dies stellen sie schon beim eröffnenden Track western horizon unter Beweis, der sich mit jeder Minute und vor allem auch mit jedem weiteren Hördurchgang tiefer in den Gehörgang bohrt. Etwas fröhlicher beginnt das nachfolgende perfume well, doch hält dieser Eindruck nicht lange an, denn auch hier herrscht eine zugleich wohlige und bedrückende Düsterkeit vor. Dem Trio gelingt es auf Anhieb, den Hörer in eine fremde Welt zu entführen. Schließt man seine Augen, meint man die ungeheuren Emotionen förmlich greifen zu können. Kaum einer anderen Band gelingt es aktuell wohl, Sehnsucht und Melancholie so gefühlvoll in wundervolle Klanggemälde umzuwandeln. Tief in den Achtziger Jahren verwurzelt ist big nothing, das an Szeneikonen wie Siouxsie And The Banshees, X Mal Deutschland oder Malaria erinnert. (sparklingphotos.de)



Die drei (bzw. live vier) Kölner haben letztes Jahr schon mit so illustren Bands wie The KVB, Esben And The Witch und Leave The Planet gespielt und sind im Februar mit A Projection und im April mit den tollen Schonwald zu sehen:

28 | 02 | 2015 w/A PROJECTION @astrastube hamburg
30 | 04 | 2015 w/SCHONWALD @8 below munich
(ohne Gewähr)

Gaz Coombes - Matador























Stilprägendes Element und sicheres Wiedererkennungsmerkmal von Supergrass war in 17 Jahren Bandgeschichte immer der Gesang von Gaz Coombes. Nun veröffentlicht Gareth Michael Coombes, den man aufgrund seiner Vita (die Single "Alright" hat bereits 20 Jahre auf dem Buckel) eigentlich viel älter als 38 Jahre einschätzen würde, sein zweites Soloalbum und man denkt tatsächlich zunächst gar nicht an Supergrass.

Gaz Coombes experimentiert mit Elektronik ("The English Ruse") und steht den aktuellen Radiohead näher als den Erwartungen ("20/20", "Oscillate"). Der Bogen des ambitionierten und vielfältigen Albums, das immer wieder von synthetischen Klängen durchdrungen wird, spannt sich von balladesken, akustischen Songs ("The Girl Who Fell To Earth", "Seven Walls") bis hin zu Psychedelic Rock. Auf die Gospel-artigen Backroundsängerinnen ("Detroit", "Needle's Eye", "To The Wire") hätte er verzichten können, der ein oder andere markante Song mehr, wäre hingegen schön gewesen. 

Gaz Coombes nahm sich viel Zeit für "Matador", immerhin liegt sein Solodebüt "Here Come The Bombs" bereits fast 3 Jahre zurück, verarbeitete in den Texten viele persönliche Erlebnisse (Selbstzweifel, Drogenkonsum usw.) und spielte nahezu alle Instrumente im Alleingang ein. Ian Davenport (Phil Selway, Supergrass, Leaves) stand ihm als Produzent zur Seite und Loz Colbert von Ride setzte sich hier hinters Schlagzeug und tut dies hoffentlich im Verlauf des Jahres auch wieder für seine eigentliche Band, und zwar auch im Studio und nicht nur auf Konzertbühnen.   





Seit 2010 kämpft Coombes sich nun schon allein durch. Mit Supergrass sind der Wahnsinn des Rockstar-Lebens, „the poison, the powder and the lies“ („Detroit“) und der Erfolgsdruck verschwunden – aber eben auch der Erfolg. „I’m unable to sleep at night“, singt Coombes. Hin- und hergerissen zwischen Zweifeln und Zuversicht, „like a circle cut in half“, vertraut er auf sein Talent: Auf MATADOR spielt Coombes fast jedes Instrument.

Jede Note hat er liebevoll gewählt, jedes Stück selbstbewusst durcharrangiert. Ein melancholisches Piano trifft auf zaghafte Beats. Akustische Gitarre und Mellotron werden in elektronisches Fiepen und Blubbern eingebettet. Bei „20/20“ klingt das, als ob zwei Radiohead-Songs aus unterschiedlichen Schaffensphasen der Band aufeinander treffen, das zärtliche „The Girl Who Fell To Earth“ erinnert an ADORE von den Smashing Pumpkins. Nein, ein Hit ist bestimmt keiner auf MATADOR, aber dafür jede Menge heart and soul.
(musikexpress)

Zwar liebt der Mann aus Oxford immer noch die Pose (siehe Albumcover). Aber musikalisch ist Gareth „Gaz“ Coombes sehr ernsthaft um Anschluss an große Pop-Künstler wie Thom Yorke (Radiohead), Beck oder David Bowie bemüht. Dabei spart der Brite nach den frühen Jahren mit Geradeaus-Gitarren-Punkpop diesmal auch Elektronik-Elemente und komplizierte Beats nicht aus, etwa in „The English Ruse“ oder „To The Wire“. Und er erweist sich mit „The Girl Who Fell To Earth“ - seiner Hommage an Bowies „The Man Who Fell To Earth“ - als begnadeter Balladensänger.

(...) Textlich strebt er nach Authentizität und Ehrlichkeit - so geht es um die Drogenvergangenheit seiner ehemaligen Band, etwa in dem modernen Gospel „Detroit“ mit der Zeile „The poison, the powder and the lies...“. „Seven Walls“ indes ist eine streichersatte Liebeserklärung an Coombes‘ Frau, an „die Magie zärtlicher Momente“.

Mit „Matador“ knüpft ein hoch talentierter Songwriter nach längerer Talsohle wieder an seine besten Zeiten vor gut 15 Jahren an. Damals gelang auch Supergrass doch noch ein Meisterwerk - mit dem selbstbetitelten Album Nummer 3, bis heute ein Britpop-Juwel.
(Mittelbayerische)


Gaz Coombes in Deutschland:
13.02.15 Hamburg, Rock Cafe St. Pauli
14.02.15 Berlin, Frannz


The Charlatans - Modern Nature























Wenn man den Charlatans beim Veröffentlichen ihrer Debütsingle "Indian Rope" gesagt hätte, dass sie auch 25 Jahre später noch erfolgreich Platten aufnehmen würden, so wären sie sicherlich erfreut gewesen. Man hätte ihnen aber auch mitteilen müssen, dass in diesem Zeitraum auch zwei der Gründungsmitglieder verstorben sein würden.

1996 verstarb Rob Collins (Keyboards, Piano, Orgel) und The Charlatans veröffentlichten im folgenden Jahr mit "Tellin' Stories" eines ihrer stärksten Alben, das auch noch Aufnahmen ihres ehemaligen Tastenmanns enthielt.
Nachdem Jon Brookes (Schlagzeug, Percussion) 2010 an Krebs erkrankt war, erlag er im August 2013 den Folgen eines Hirntumors. The Charlatans begannen im Frühjahr 2014 mit den Aufnahmen zu "Modern Nature". Die verbliebenen Bandmitglieder entschieden sich, Brooks nicht durch einen neuen Musiker zu ersetzen und daher sind nun an dessen Stelle Pete Salisbury (The Verve), Stephen Morris (New Order) und Gabriel Gurnsey (Factory Floor) zu hören.

"Jon was adamant that there was going to be another Charlatans record, and you have to put that into your own thoughts." (Tony Rogers, The Charlatans)

"Modern Nature" ist das zwölfte Studioalbum von The Charlatans und wer nicht zur Deluxe CD oder zur limitierten LP greift (4 Bonus-Tracks, farbiges Vinyl) muss mit 11 Titel auskommen. Das Album zeigt die Veteranen nicht gerade in rockiger Stimmung und fernab jeder Hit-Single-Ambitionen. Getragene, düstere und soulige Klänge stehen, untermalt von Streichern, für die warme und melancholische Seite des Albums ("Keep Enough", "In The Tall Grass"), die sich auch mit dem Verlust eines Freundes und Bandmitgliedes textlich auseinandersetzt. Tanzbare, groovende Rhythmen ("Let The Good Times Be Never Ending", "So Oh") und die bewährten Orgel-Klänge zeigen die andere Seite der Medaille und lassen an die Frühphase der Band und deren baggy Style erinnern ("Come Home Baby").

Die Kritiken sind bisher durch die Bank sehr positiv, jedoch hält sich meine Begeisterung in Grenzen. An die sechs Alben aus den 90er Jahren reicht "Modern Nature" natürlich nicht heran, im Vergleich zu den übrigen Platten schneidet es aber sicherlich besser ab als "Wonderland" (2001) und "Simpatico" (2006) oder die Soloalben von Tim Burgess. Dürfte ich mir eine Wunschsetliste für ein Konzert der Charlatans auswählen, so wären, wenn ich jedes Album berücksichtigen müsste, "So Oh", "Come Home Baby" und "Let The Good Times Be Never Ending" meine Kandidaten von "Modern Nature".




Opener Talking in Tones has a Higher Than the Sun comedown vibe that feels more about the price paid for happiness than hedonism itself, but by the second track, So Oh, they start to come good on their upbeat promise. Backed by a bouncing bassline and Hammond organ, it’s more west coast than Black Country, and that warmth continues throughout. Rhodes piano tones and more organs accompany Come Home Baby, which is followed by Keep Enough, a glorious lament for an absent friend. Let the Good Times Be Never Ending, perhaps the strongest track, mixes slow-building Doorsian exposition with 5th Dimension-style wig outs and backing vocals. From the saddest of starting points, the Charlatans have made a joyful eulogy – and possibly the best album of their career.
(The Guardian)




Reuniting in a Cheshire studio six months after Brookes’s death, they decided to respond to their loss with an “uplifting,” “soulful” record. They’ve succeeded. Deeply infused with rich, subtle hooks, Modern Nature is a patient album that warms the bones with a steady fusion of mid-tempo Curtis Mayfield soul (muzzy organ, bongos and funk guitar), with memories of Madchester club nights (baggy beats, chunky chords, shoegazer vocals) and tasteful string arrangements.
A Zen glow rises like the sun through the standout tracks Talk in Tones, So Oh and Keep Enough. Members of New Order and the Verve sat at the drums while the still boyish Burgess sings sweetly and murmurs of strengthening presences and deepening affections. Since kicking drugs in 2006, he says meditation has given him a sense of “consistency and fire”, qualities he shares with this classy and consoling record.
(Telegraph)


Diagrams - Chromatics























Nachdem Sam Genders bei seinen ehemaligen Bands Tunng und The Accidental noch dem Folk und den Indietronics nachspürte, zeigte "Black Light", das erste Album das er 2012 unter dem Namen Diagrams veröffentlichte, deutlicher in Richtung Synthie- und Elektro, so dass schnell Vergleiche zu Metronomy oder Hot Chip zur Hand waren.

Mit "Chromatics" steht nun die zweite Platte von Diagrams in den Läden und die 42 Minuten schillern eben so bunt wie das Plattencover. Neben düsteren Folktronic-Klängen ("Shapes", "Serpent") reicht das Spektrum diesmal bis hin zu psychedelischem Indierock mit Hit-Qualitäten und den Flaming Lips im Hinterkopf. Besonders "Phantom Power" ragt hier heraus, dass sich nicht nur den Titel bei den Super Furry Animals entleiht, sondern sich auch an deren besten Tagen orientiert. 

Sam Genders zog es zwischen den letzten beiden Alben von London nach Sheffield und gemeinsam mit seinem Produzenten Leo Abrahams (Wild Beasts, Brian Eno, Jon Hopkins) und zahlreichen Gastmusikern schlug er auch musikalisch eine neue, spannende Richtung ein. 
Dadurch ist "Chromatics" tatsächlich stärker als sein Vorgänger geworden und sei Freunden von Tunng, Elbow und Super Furry Animals ans Herz gelegt. 




On the whole, Chromatics is a well-meaning collection of fairly eclectic rock which will find favour among fans of the previous generation of spacey-indie types. It doesn't stray very far from this template, but does just enough to suggest Genders has a few more strings to his bow. In the end, 'The Light and the Noise' is probably the clearest indication of its temper: a giddy, smooth, mid-tempo rocker with glistening psych edges that aren't allowed to impinge on the cogency of the whole. It's just a nice thing to be around.
(The 405)

‘Dirty Broken Bliss’ is another mover, maybe borrowing slightly from some of The Flaming Lips’ ‘Yoshimi…’: it’s anime, it’s youthful and it’s brilliant. Elsewhere, ‘Brain’ smashes together a bit of Pink Floyd with a gentler Arcade Fire, leaving space for the sound of a child’s heartbeat.

There are darker moments too, like the eerie vocals and wind swept landscape sounds of ‘Shapes’ or the heart-breaking love song ‘Just A Hair’s Breadth’, Genders singing about CGI while backed by reverbing brass and swirling strings before escalating into something Glen Campbell would be proud of.

Even with these moments, this is a feel-good record. It makes you feel good. It’s about love and life and happiness and positivity without being the slightest bit sloppy. It’s the perfect accompaniment to bashing away the January blues and starting 2015 with a smile on your face.
(Clash Music)


Diagrams kommt leider nur für zwei Konzerte nach Deutschland:
13.02.15 Berlin, Comet Club
14.02.15 Hamburg. Molotow


Natalie Prass - Natalie Prass























Möglicherweise fühlt sich Natalie Prass gerade wie im Märchen. Wie in "Die Sterntaler", um genau zu sein.
Die 28-jährige Singer/Songwriterin zieht in die Welt, mit nichts anderem als ihrem selbstbetitelten Debütalbum und verschenkt hier einen Song im Big Band-Kleid ("My Baby Don't Understand Me"), dort verbreitet sie mit Jazz- und Soul-Anklängen Freude, dann spielen die Streicher groß auf, so dass man an Soundtracks der Hollywood-Klassiker der 50er Jahre denken muss ("It Is You"), wiegt sich Prass im Walzer-Takt oder singt zu zeitlosem Kammerpop beseelt über Herzschmerz ("Violently"): "Break my arms, ’cos they want to hold you. Break my legs ’cause they want to walk to you/ I just want to know you violently." 
Zur Belohnung fallen für Natalie Prass die Sterne vom Himmel - und zwar in Form von überschwänglichen Kritiken.     

Der Musikexpress vergibt 5,5 von 6 Sternen:
In „My Baby Don’t Understand Me“ singt sie über das Leid in der Liebe, über eine Beziehung, die nichts anderes als eine sich lange ziehende Verabschiedung ist. Die Art und Weise, wie Natalie Prass über dieses Thema berichtet, ist so unglaublich, dass man es kaum glaubt. Sie verfällt nicht in die Banalität des Wehklagens, sondern haucht verträumt, etwas mädchenhaft, aber nie zu kindlich, zart, aber nicht ohne Rückgrat. Es ist eine Stimme, die sich nicht aufdrängt, aber trotzdem inmitten der üppig kolorierten Musik der Hausband des Spacebomb-Labels ihren Weg findet.

„Bird Of Prey“ ist nicht weniger grandios: Das Schlagzeug treibt wie in einer guten alten Memphis-Produktion und der Pianist kennt sich im Werk eines Ray Charles aus. Die Bläser bedrängen die Sängerin nicht, sondern begleiten sie gefühlvoll. Die Realität sieht aber auch hier nicht rosig aus: „You don’t leave me no choice but to run away, you are the bird of prey“. Ein großes Abenteuer ist der Song „Christy“. Auf die rhythmische Betonung wird verzichtet, stattdessen ziehen die Streicher wie bei einem kammermusikalischen Akt ihre Kreise. Plötzlich befindet man sich in der Nähe der Märchenwelt eines Disney-Films. Auch in diesem Ambiente kommt Prass brillant zur Geltung. Was schon erstaunt, ist dieses Album doch ein Debüt. Normalerweise braucht man für so eine Glanzleistung Zeit. Aber diese Frau ist ein Ausnahmetalent, der sofort alles gelingt.
(musikexpress)

Im englischsprachigen Raum sieht es nicht viel anders aus. Exemplarisch seien hier die 5 Sterne des Guardian genannt und zitiert:
Matthew E White’s album Big Inner may have been a critical smash in 2013, but its success looked like it might come at a cost for Natalie Prass. This self-titled debut was recorded in 2012 yet remained on the back burner while White’s Spacebomb label was forced to focus on promoting his own record. With the Virginia label – which also operates as a studio with house band – now giving Prass their full backing, however, she may concede that it was worth waiting: the 28-year-old’s country-soul songs are frequently spellbinding, but each one is given a further lift by the Spacebomb team’s arrangements. Your Fool is propelled by bursts of Muscle Shoals brass, whereas the harps on infidelity tale Christy give it a grandeur worthy of Scott Walker. So sweet are the strings on the standout Violently that it takes time to notice that Prass’s pure soul voice is singing about heartache in brutal terms: “Break my arms, ’cos they want to hold you.” The touchstones here, such as Dusty in Memphis, are all records that revel in a particular kind of musicality, yet this is a record that never feels retro, just timeless.
(Guardian)

"Bird Of Prey" wurde als erste Single ausgewählt, dabei sind "My Baby Don't Understand Me", "Violently" und "Reprise" noch stärker:





Prag - Kein Abschied























Der Albumtitel "Premiere" ließ  vor zwei Jahren vermuten, dass da noch mehr folgen sollte, auch wenn man aufgrund des viel beschäftigten Tausendsassas Nora Tschirner doch ein wenig Angst um das Fortbestehen ihres musikalischen Projektes mit Erik Lautenschläger und Tom Krimi haben musste. 

"Kein Abschied" deutet nun an, dass auch nach dem zweiten Album noch nicht Schluss mit Lustig und mit Prag ist. Wer sein Album jedoch "Kein Abschied" nennt, der muss sich auch gefallen lassen, wenn man zunächst erst einmal feststellt, dass es sich klanglich und stilistisch tatsächlich um eine getreue Fortsetzung handelt. Orchestraler Retro-Pop umschreibt dies wohl treffend, Chanson und Filmmusik darf man wohl auch in die Runde werfen, Indie-Schlager wäre wohl ein wenig beleidigend. Von "lustig" darf bei den melancholisch-tröstenden, schwermütig-poetischen Texten aber gar nicht die Rede sein.

Mit "All die Narben" und "Film Noir" wurden bereits zwei der Highlights mit Videos bedacht. "Dieser Himmel" und "Aus Versehen" gehört in die gleiche Kategorie. 
Erik Lautenschläger singt erneut den Großteil der Songs, Nora Tschirner darf dies bei "Der dunkle Weg", "Halt die Luft an" und "Was fällt dir eigentlich ein" übernehmen und "All die Narben" sowie "Aus Versehen" tragen sie im Duett vor. Der digitalen Version von "Kein Abschied" wurden noch "Aus Versehen" in einer orchestralen Version, "Laut und klar" sowie "Morgentau" hinzugefügt, dafür wurde der Download-Code in der der LP-Version leider vergessen. Zudem gerieten beim Pressen der Schallplatte die Titel ein wenig durcheinander. 




Auch auf Album Nummer zwei erzählen uns Tom Krimi, Erik Lautenschläger und Nora Tschirner leicht seufzig, aber stets wohlformuliert aus ihren Gedankenhaushalten oder von Dingen, die um sie herum passierten oder passieren könnten. Das hat natürlich immer wieder mit der Liebe und verwandten Unterkategorien zu tun, aber auch mit dem Tod (stärkster Song: „Dieser Himmel“) und der Nacht mit all ihren Möglichkeiten.

Die musikalischen Rahmenbedingungen sind ähnlich angelegt wie auf dem Debüt, vielleicht einen Zacken vielseitiger, wobei das Interessante ist: Trotz dieser Verortung zwischen schwermütigem Schlager, Chanson und Morricone haben Prag eine sehr eigene Klangsprache gefunden. Es ist schwierig zu beschreiben, was die ausmacht. Ein Schleier, eine Patina, ein Nebel, irgend so was liegt über den einzelnen Liedern. Prag sind wie die 85-jährige Dame mit den sauber ondulierten Haaren, die an der Feinkosttheke des KaDeWe immer 50 Gramm Aufschnitt kauft, oder wie die Wohnung, die zwar ein wunderbares Stäbchenparkett und fünf Zimmer hat, von denen zwei aber ganz und gar unmöglich geschnitten sind: etwas umständlich, aber durchaus interessant.
(musikexpress)




Zeilen wie jene aus "All die Narben" muten an wie vertonte Gedichte. "All die Narben sind verheilt / Gib ihnen noch ein Jahr / Dann sind sie nicht mehr da." Beeindruckend, wie Versmaß und Rhythmus sich mit den Worten zu einem so sinnvollen wie schönen Ganzen zusammentun – das Gegenteil von Reim-Dich-oder-ich-fress-Dich. Dieses große Talent von Prag, mit Worten Bilder zu malen, zeigt sich auch bei "Was fällt Dir eigentlich ein", dessen Thema manchem Hörer dank Sätzen wie "Was fällt Dir eigentlich ein, so einfach weg zu sein? / Es gibt für uns doch noch so viel zu tun / Warum gerade jetzt und was mache ich nun?" nur allzu bekannt vorkommen dürfte. Alles fügt sich zu einer Handlung und letztlich zu einer Geschichte.

Lyrik also, aber die müsste man nicht auf eine CD pressen, wenn da nicht noch die Melodien und Streicher wären. Die sind nach den Texten nämlich das zweite Aushängeschild von Prag. Immerhin hat das Trio ein ganzes Orchester im Hintergrund, das die Refrains immer wieder anschwellen lässt oder traurige Zeilen melancholisch untermalt. Bei "Der dunkle Weg" setzt ein Glockenspiel Akzente, immer wieder begleitet ein Klavier den Gesang. Doch so groß dieses instrumentale Repertoire ist, das Prag da auf ihrem zweiten Album auffahren: Es dient auch dem Erzählen. Wie man es aus Operetten kennt, veranschaulicht das Piano mit seiner Melodie Erik Lautenschlägers Worte "Da hatte ihre Stimme diesen Unterton", Bass, Cello und Violinen zeichnen in "Was fällt Dir eigentlich ein" Tschirners nägelkauende Zerrissenheit nach. Und so (er)zählen bei Prag die Instrumente genauso wie die Texte: eine ganze Menge.
(Plattentests)


Prag auf Tournee:
10.03.15 Hamburg, Kampnagel
11.03.15 Köln, Kulturkirche
12.03.15 Essen, Weststadthalle
18.03.15 Dresden, Scheune
19.03.15 Leipzig, Werk 2
20.03.15 Cottbus, Gladhouse
26.03.15 Wien, Theater Akzent
27.03.15 München, Strom
30.03.15 Berlin, C-Club


The Decemberists - What A Terrible World, What A Beautiful World























Die Band von Colin Meloy hat sich nach den Dekabristen (oder auch Dezembristen), einer Gruppe von Offizieren der russischen Armee, die am 14. Dezember 1825 in St. Petersburg aus Protest gegen das autokratische Zarenregime, Leibeigenschaft, Polizeiwillkür und Zensur den Eid auf den neuen Zaren Nikolaus I. verweigerten.  

Rebellische oder gar umstürzlerische Klänge sind auf dem neuen Album von The Decemberists nicht zu vernehmen und zum siebten Mal hat es die Band verpasst, eine Platte an jenem geschichtsträchtigen Datum zu veröffentlichen. "What A Terrible World, What A Beautiful World" erschien am 16. Januar und würde mit seinen traditionellen, zahmem Folk-Klängen und seiner ruhigen, beschaulichen Stimmung doch vielmehr in die dezemberliche Vorweihnachtszeit passen.

The Decemberists haben die kreative Pause nach ihrem ersten Nummer Eins-Album "The King Is Dead" (2011), um die Arrangements etwas zu entschlacken, sich textlich von den mythischen Fabelgeschichten ab- und den Alltagsepisoden zugewendet und sich, zum Plattencover passende, Fantasieuniformen zuzulegen. Zumindest das haben sie nun mit den Dekabristen gemeinsam.




Musikexpress, Spiegel und Spex sind nicht gerade begeistert von "What A Terrible World, What A Beautiful World":
»The Singer Addresses His Audience« heißt der Auftakt von What A Terrible World, What A Beautiful World, und hey, er ist tatsächlich eine Publikumsansprache. »We did it all for you«, bauchpinselt Meloy, dann entschuldigt er sich für einen Deo-Werbesong, den es nie gegeben hat, und dann singt ein brüderlicher Chor die Chose brühwarm nach Hause.

Dieser drucksende, ulkige Ton ist bezeichnend für die erste Decemberists-Platte nach beinahe vierjähriger Abwesenheit. Altbekannte Themen und altbekannt theatralischer Folkrock müssen sich auf What A Terrible World, What A Beautiful World an eine neue Holzhämmerigkeit gewöhnen, mit der zum Beispiel das Irish-Folk-Wiegen- und/oder -Sauflied »Better Not Wake The Baby« übers Ziel hinausschießt. Im eigentlich sehr vergnüglichen »Anti Summersong« scheitert ein großes Call-and-Response-Finale, weil es nicht über seine eigene Albernheit hinwegkommt.

Bereits 2006 haben The Decemberists auf dem Album The Crane Wife einen »Summersong« veröffentlicht. Trotzdem hat What A Terrible World, What A Beautiful World eindeutigere Rückbezugs- und -versicherungsmomente. Gerade seine eleganten und geschmackvollen Lieder erinnern daran, dass die Band schon vor Jahren ähnliche Songs geschrieben hat, meistens mit mehr Esprit und erschütternderem Ausgang. Meloy lebte dann von seiner Klugheit und Belesenheit, er konnte klotzen im Stil eines großen Dramatikers, weil er die großen Dramatiker alle in- und auswendig kannte.

What A Terrible World, What A Beautiful World verunglückt ihm nicht völlig, aber es hat das Gefühl der sicheren Hand verloren. Die großen Momente fliegen auf dieser Platte niemandem zu, die Band treibt einen eher mit sanfter und manchmal auch gar nicht so sanfter Gewalt zu ihnen hin. Vielleicht findet sie ihre Fingerspitzen wieder, vielleicht kommt als nächstes aber auch The Decemberists: The Musical, The Decemberists: A Light Summernight’s Operetta oder The Decemberists On Ice.
(Spex)

Der Rolling Stone sieht/hört dies - wer hätte das gedacht - anders:
Jedes Lied entfaltet sich langsam zu einem kleinen Kunstwerk, ohne ins Pompöse abzudriften. Nach dem klärenden Auftakt schwingt sich Meloy gleich zum „Cavalry Captain“ auf – eine Hymne mit stürmischem Background-Gesang, der auch das unheimliche „Philomena“ trägt.

Nein, gespart wird hier nicht, doch die Instrumentierung gerät nie zum Selbstzweck. Und welche Melodien sich Meloy wieder ausgedacht hat! So bezirzende, dass man dabei fast überhört, wie tragisch die meisten Lieder sind, ob die Slow-Motion-Liebesofferte „Carolina Low“, das wütend geklampfte Familiendrama „Better Not Wake The Baby“ oder „12/17/12“, das an den Amoklauf in der Newtown-Schule erinnert.

Die jugendliche Ahnungslosigkeit von „Lake Song“, die erwachsene Enttäuschung von „Make You Better“: Zwischen diesen Polen entwirft Meloy eine wundersame Welt. Es sind nicht nur die vielen Wasser-Metaphern, die R.E.M. heraufbeschwören, es ist auch diese vage Sehnsucht – nach einem besseren Leben oder wenigstens einem anderen. Meloy ist ein Beobachter des täglichen Horrors, aber auch ein Romantiker. Aus dem Schre-cken schöpft er Schönheit. „And I am hopeful/ Should I be hopeful?“, singt er zum Schluss, im versöhnlichen „A Beginning Song“. Es klingt nicht wie eine Frage.
(Rolling Stone)




The Decemberists nur mit einem Halt in Deutschland:
26.02.15 Berlin, Astra Kulturhaus


Menace Beach - Ratworld























Irgendwann schlich sich der Begriff Slacker Rock in den allgemeinen Sprachgebrauch ein und beschrieb die Mischung aus Alternative und College Rock, die Bands wie Pavement oder auch Beck Ende der 80er / Anfang der 90er Jahre fabrizierten. Dass so unterschiedliche Künstler wie Ween, Sonic Youth, Grandaddy oder Guided By Voices unter diesem von Richard Linklaters Film "Slacker" (1991) - im Deutschen mit dem Titel "Rumtreiber" versehen - abgeleiteten Label zusammengefasst wurden lag sicherlich auch an einer verbindenden Lebenseinstellung und Attitüde. In letzter Zeit wurden auch gerne Mac DeMarco, Yuck oder auch Courtney Barnett in diese Schublade gesteckt. 

Aktuell muss diese wieder aufgezogen werden, um Menace Beach passen einsortieren zu können und gleich der Opener ("Come On Give Up") oder der Titelsong ihres Debütalbums "Ratworld" zeigen, dass sie dort gut aufgehoben sind und sich im Werk von Pavement gut auskennen. Auch Sonic Youth dürften keine Unbekannten für sie sein ("Elastic", "Tennis Court").
Glücklicherweise haben Menace Beach aber noch mehr in Petto: Noise und Shoegaze sind zwei weitere Bereiche, die sie auf ihren 12 Songs abdecken, und My Bloody Valentine und The Jesus & Mary Chain dürfen als Referenzen herangezogen werden. Da ist es nicht verwunderlich, dass mir persönlich innerhalb der 33 Minuten Spielzeit die so geprägten "Blue Eye", "Dig It Up" und "Tastes Like Medicine" am meisten zusagen.

Für den Boy/Girl-Gesang sorgen Ryan Needham und Liza Violet, die den Kern der Band aus Leeds stellen und sich ihren Namen bei einem Nintendo-Spiel entliehen haben. Unterstützt werden sie von Hookworms Sänger Matthew 'MJ' Johnson an der Gitarre und bei der Produktion, sowie von Sky Larkin-Mitglied Nestor Matthews (Schlagzeug) und Matt Spalding (Bass).   




Besonders bemerkenswert ist nämlich, dass das Duo Ryan Needham und Liza Violet ein wirklich feines Händchen dafür hat, die Einflüsse amerikanischer Indie-Bands wie Pavement, Superchunk oder Eric´s Trip mit den frühen Brit-Pop-Bands wie Lush oder auch Echo & The Bunnymen zu verbinden. Der häufig zweistimmige Gesang der beiden Musiker tut hier sein Übriges. Und so konnte „Lowtalker“, die erste EP von Menace Beach, die heimische Presse ziemlich überzeugen.

Nimmt man die Retro-Brille allerdings ab und schaut sich die einzelnen Songs etwas genauer an, merkt man dann doch, dass die oben genannten Bands einen kleinen Vorteil gegenüber Menace Beach hatten – sie hatten ein Gespür für Hits. Hier liegt dann auch ein bisschen der Schwachpunkt auf „Ratworld“ (neben dem unfassbar hässlichen Cover). Zwar bleiben das recht simpel gehaltene „Dig It Up“ oder auch der Titeltrack direkt hängen, bei einer Vielzahl der anderen Songs ist dies allerdings nicht der Fall. Und so taugt dieses ambitionierte Debüt vor allem als Reminder an Bands, die man jetzt wieder aus den Untiefen seiner Plattensammlung hervorzaubert. Auf Albumlänge zeigen sich aber Schwächen, die es in Zukunft noch auszubessern gilt.
(crazewire)



Sleater-Kinney - No cities to love






















Sleater-Kinney ist eine der Bands, von der ich häufiger nach ihrer Auflösung als während ihrer aktiven Zeit gehört habe. Und “gehört” heißt in dem Fall “als Referenz erwähnt”.

Sleater-Kinney wurde 1994 in Olympia, Washington von Carrie Brownstein und Corie Tucker gegründet. Janet Weiss stieß 1997 hinzu. Häufig werden sie im Zusammenhang mit der Riot grrrl Szene erwähnt. Wie bei anderen Indie/Alternative Bands führten Anerkennung und Wertschätzung einiger Kritiker und der Fans nicht zum kommerziellen Durchbruch. Von 1995 bis 2005 veröffentlichte Sleater-Kinney sieben Alben. 2006 legten die Damen das Projekt auf Eis. 

Janet Weiss übernahm anschließend für eine Weil die Drums für Conor Oberst, Stephen Malkmus and the Jicks und The Shins. Corin Tucker gründete The Corin Tucker Band und Carrie Brownstein war (mit Weiss) bei Wild Flag aktiv. Außerdem startet sie eine Schauspielkarriere, die ihr mit der Serie “Portlandia” zu breiter Popularität in den USA verhalf. 

Doch nach einigen Jahren bekamen die Damen offensichtlich Lust, Sleater-Kinney erneut zum Leben zu erwecken. So kam es zu den Aufnahmen des aktuellen Albums “No cities to love”. Auf diesem klingen Brownstein, Tucker und Weis erneut frech und frisch. Der Gesang ist nicht zu quietschig, Gitarren und Drums sorgen für ständige Wechsel und Impulse. Im Vergleich zum Vorgängeralbum “The woods” klingt Sleater-Kinney einen Tick gesetzter.  Sleater-Kinney ist kaum noch Punk und auch auch mit Riot grrrl hat “No cities to love” wenig zu tun. Das ist einfach nur richtig guter Indierock! Vielleicht erntet die Band nun die Früchte für die Vorarbeit, die vor 20 Jahren begann.

“Fangless”, “Surface envy”, der Titelsong und “No anthems” empfinde ich als Highlights des kraftvollen Albums.

Metacritic zeigt aktuell 31 positive Reviews und einen Durchschnitt von 90 / 100 Punkten.

Indeed, there’s more than a convincing argument that ‘No Cities To Love’ could be Sleater-Kinney’s finest work to date. Honed to their sharpest point, it’s certainly their most immediate. ‘A New Wave’, ‘Gimme Love’, ‘Fangless’ - the whole front end of the album is one rattling, acerbic roar. 
Somehow, from nothing, they’ve pulled off a surprising but oh so welcome return, and this record plays like a triumphant middle finger salute, coolly showing everyone how its done… and writing the first line on a thousand ‘album of the year’ lists before January’s even out.


“A new wave”:

Maximilian Hecker - Spellbound Scenes Of My Curse























Noch mehr melancholische Pophymnen. Maximilian Hecker gibt seinen Fans das, was sie (vermutlich) erwarten. Zur Piano-Begleitung wälzt er sich im Herzschmerz und haucht oder singt mit Kopfstimme dazu. Das ist verträumt, traurig, zart, romantisch und zerbrechlich, das ist leider aber auch manchmal langweilig und vorhersehbar. 

"Spellbound Scenes Of My Curse" ist das mittlerweile achte Album, das von Maximilian Hecker veröffentlicht wurde und in meinen Plattenschrank wanderte. Auch das neunte Album wird sicherlich den Weg dorthin finden, denn ich werde die Hoffnung nicht aufgeben, dass noch jemand Hecker wachrüttelt, so dass er die Gitarren noch einmal so aufbrausen lässt wie in "Cold Wind Blowing" oder dass er einen eingängigen Pop-Song mit flotten Rhythmen unterlegt wie bei "Daylight" oder dass er einfach einmal nur zur Gitarre greift wie bei der alternativen Version von "Messed-Up Girl" und uns den Singer/Songwriter gibt oder uns einfach einmal überrascht und nicht das Erwartete präsentiert.

Dankbar nehme ich deshalb "Untouchable", ein Duett mit Rachael Yamagata, wahr, freue mich, wenn in "Gangnam Misery" der Falsettgesang ausbleibt und Schlagzeug und Gitarren etwas druckvoller sind, "Kastrup" von Streichern überflutet wird, in "Pearly River Gates" und "To Liu Wen, The Opposite House, 3 a.m." ein bezauberndes Xylophon erklingt und "Henningsdorf", ach, ich will nicht zu viel verraten. 

Und letztendlich sind dann doch wieder mehr als die Hälfte der 10 Songs gut gelungen, so dass man den Kauf von "Spellbound Scenes Of My Curse" nicht bereuen muss. Aber bitte,  Maximilian, zeige uns doch mehr unterschiedliche Gesichter von dir - nicht nur auf dem Plattencover.




Seine Songs drehen sich meist um Beziehungsgeflechte – um die kleinen, schönen Dinge am Gegenüber und um die immense Gefühlslast, wenn da keiner ist.

Jedes seiner zehn neuen Lieder handelt von einem Ort: in New York, Peking, Tokio, Taipeh, Seoul, Hongkong etwa sucht Hecker die Liebe, meist erfolglos. Um diese Leere zu bestärken, legt er stets Echo über seine Stimme. Das beispielhafteste Stück des egozentrischen Musikers auf seinem neunten Album seit 2001, als er mit „Polyester“ kurz Posterboy der Indieszene war, heißt „Partyworld“. Ätherisch, verwunschen, einsam soll es klingen. Doch so weit wie Maximilian Hecker mit SPELLBOUND SCENES OF MY CURE gedanklich auch wandern möchte, es bleibt doch ein musikalischer Stillstand.
(Musikexpress)




"To Lie Wen, the opposite house, 3 a.m." betet das chinesische Model in einer Pracht an, die nicht zu erwarten war. Vom ersten Xylophon-Tupfer über Heckers schmachtenden Kopfgesang bis hin zu den Streicher-Ausläufern an einer Küste aus opaken Gitarrensplittern: Alles sitzt, hat seinen Platz und betört das Gemüt in reinster Güte. "Love hotel hill" und "Gangnam misery" hingegen sind da nur nette Schwestern und in ihrer Machart von früheren Alben bekannt. Aber dann, in der eingangs erwähnten Hymne "Untouchable" wie auch dem abschließenden "Kastrup", ist es wieder da, das Gefühl des einen, wahren Momentes. Hecker hat sich in ihn verliebt, weil er eben dort lauert, wo man gar nicht mit ihm rechnet. Und weiß ihn hier so überzeugend umzusetzen wie kaum anderswo. Zwei Torch Songs ohne künstliches Kerzenlicht, aber mit jeder Menge Herzenswärme.

So ließe sich noch ewig über die intime Rafinesse von "Partyworld", das wohlige Ankommen in "Battery park" oder jenes wundersame Déjà-vu bei "Ayoama's glow" referieren, wenn der Chef nicht für Rezensionslängen die totale Austerität verkündet hätte. Also schließt dieser Text mit den Worten, die im Ruhrgebiet längst Flügel bekommen haben und die genauso für das vom Enterträner Hecker besungene Hennigsdorf bei Berlin gelten könnten: Anderswo is' auch scheiße.
(Plattentests)


Maximilian Hecker unterwegs:

22.01.15 Berlin, Privatclub
23.01.15 Hannover, Kulturzentrum Faust
24.01.15 Köln, Subway
25.01.15 Essen, Zeche Carl
27.01.15 Leipzig, Werk 2
30.01.15 Hamburg, Nochtspeicher

Teen Daze - A World Away























Abbotsford in der kanadischen Provinz British Columbia listet einige Eishockey-Spieler als bekannteste Söhne der Stadt. Der berühmteste Musiker trägt den Namen Chad Kroeger und ist Sänger der fürchterlichen Band Nickelback. Daher wünsche ich mir, dass Jamison Cox zu Weltruhm gelangt, damit sich dies ändert.

Seine Musik veröffentlicht er unter dem Namen Teen Daze, aktuell ist dies "A World Away", eine EP / ein Mini-Album, das 6 Titel kombiniert, 34 Minuten läuft und über Bandcamp für 5 € digital zu beziehen ist. 

Der geneigte Käufer wird feststellen, dass Cox nicht so recht weiß, in welche Richtung es nun gehen soll: Der Opener "Sun Burst" sowie "Reykjavik, January 2015" dürften mit ihrer Mischung aus Ambient-artigem Klapprechner- und Schlafzimmer-Pop Fans von The Album Leaf oder Message To Bears gefallen.  
"Another Night" hingegen zieht Kraftwerk in Richtung House und Techno und "Than", der temporeichste Song auf dem rein instrumentalen "A World Away", lässt The Chemical Brothers auf Videospiel-Sounds treffen.  


Teen Daze producer Jamison kicks off his new EP, A World Away, with the track “Sun Burst.” As the title suggests, distinct but placid tones of a synthesizer pierce – like rays of light – the track’s cloud barrier that consists of a mellow and unfaltering musical haze, shining first light on the still slumbering 2015. The following track “Another Night” starts of with heavy drums, soon accompanied with celestial fast-paced synthesizers that launches the mind into another dimension as the darkness of another night creeps up. Named after the Icelandic capital, which Jamison visited earlier this year, the EP’s third track “Reykjavik, January 2015,” is remarkably detailed. The level upon level of different sounds, stretching from a heart like pulsating base to clapping drums, truly shows Jamison’s true mark of skill. “Than” is the most upbeat track of the EP and that, strangely enough, brings to mind the early ’80s video games as it offers an iconic baseline and futuristic organ sounds.

Jamison rounds up the six-track EP with the equally haunting and slow burning “Desert” and “I Feel God In The Water.” The tracks cleverly tie up the EP with similar musical elements to “Sun Burst,” without having them sound alike.

Compared to earlier works of Teen Daze, like the album Glacier released in 2013, “A World Away” is strictly instrumental and less upbeat. Vocals could have been a nice touch, but after listening to the EP, it is not something that is missed. While not partially suitable for the dance floor, with the exception of “Another Night” and “Than,” the sounds of A World Away arguably works for any other situation, like music of the chillwave genre should. With the genre growing bigger by the minute, the works of Teen Daze and A World Away should be something for aspiring producers to look up to since his music has the influence to crown the beauty of the present.
(Noiseporn)




Teen Daze in Deutschland:

21.01.15 Hamburg, Übel & Gefährlich
22.01.15 Stuttgart, Freund + Kupferstecher
23.01.15 Berlin, Gretchen


BC Camplight - How to die in the north


















“Hide, run away” (2005), “Blink of a nihilist” (2007) und nun “How to die in the north”: BC Camplight zeigt mit seinen Albumtiteln, dass er nicht nur die leichten Seiten des Lebens beleuchtet. 

BC Camplight war früher B.C. Camplight und eigentlich heißt er Brian Christinzio. Aus New Jersey stammend, verschlug es ihn im Jahr 2003 nach Philadelphia. Dort knüpfte er Kontakt zu The War On Drugs und unterstützte  die Band zeitweise auf der Bühne. Auch an den Aufnahmen zu Sharon van Ettens “Epic” war er als Gast beteiligt. 

Eine kleine Lebenskrise trieb ihn 2011 nach Manchester. Für seine Suche nach dem perfekten Popsong ist England als Basis sicher keine schlechter Wahl. Mit einem neuen Label (er selbst nennt nicht nur deshalb John Grant als Referenz) und “How to die in the north” wagt er gut sieben Jahre nach “Blink of a nihilist” einen neuen weitgehend harmonischen schmeichelnden Angriff auf die Zielgruppe.

Wegen Christinzios Stimme und der ein oder anderen Surf Gitarre ist es kaum möglich, “How to die in the north” ohne Verweis auf Brian Wilson zu beschreiben. Sparsame psychedelische Klänge und ein paar rockige Passagen täuschen die ein oder andere Ecke und Kante vor, um auf der anderen Seite durch Souleinlagen abgeschliffen zu werden. Aber im Grunde ist “How to die in the north” ein kristallklares Popalbum. Und kein schlechtes…

“You should have gone to school”, das zuckersüße “Just because I love you”, “Thieves in Antigua” und “Lay me on the floor” sind meine Empfehlungen auf “How to die in the north”.

Whereas some artists labour the extent of their ambition to the detriment of their expression (I'm looking at you, Alt-J), not one second of How To Die in the Northfeels over-worked or incongruous. It is a private record of intimate calculations, made universal with the help of a versatile band and a wonderful voice. 2015 might only be a few days old, but we have already been treated to one of the year's most cherishable projects. Manchester's latest son may yet become one of its greatest.

“Just because I love you”:

“Thieves in Antigua”:

Belle & Sebastian - Girls In Peacetime Want To Dance























Mit schulterlangen Haaren, Schlaghose und passender Weste sowie Retro-Mikrofon (mit Kabel) - so stelle ich mir Stuart Murdoch vor, während er "The Everlasting Muse" performt. Platziert in der ZDF-Hitparade, ca. 1976, von Dieter Thomas Heck angekündigt als "der Stuart, der Murdoch", und beim Klezmer-artigen Refrain fängt das Publikum eifrig an mitzuklatschen. Einige schunkeln sogar.

Belle & Sebastian haben auf ihrem neunten Album noch mehr Überraschungen parat, die Traditionalisten erschrecken und verschrecken könnten. Bereits die tanzbare Vorab-Single "The Party Line" zeigte an, dass es die Glasgower mit dem Albumtitel "Girls In Peacetime Want To Dance" ernst nehmen. "Enter Sylvia Plath" ist überraschend elektronisch und Synthie-lastig wie "Electronic Renaissance" auf ihrem ersten Album "Tigermilk", steht dem Europop jedoch wesentlich näher. Auch das über 7-minütige "Play For Today", auf dem wir Dee Dee Penny von den Dum Dum Girls hören und das man eher auf einem Album der Pet Shop Boys vermutet hätte, darf sich das Etikett Disco anheften.

Das von Sarah Martin gehauchte "The Power Of Three" wäre, gesungen von Tony Hadley, ein sicherer Hit für Spandau Ballet in den Zeiten der New Romantics gewesen. Nur ein Saxofon-Solo hat man uns erspart. Und wenn wir gerade bei den Titeln sind, die nicht von "der Stuart, der Murdoch" gesungen werden, dann muss kurz eingeschoben werden, dass Stevie Jackson leider einmal wieder den schwächsten Song ("Perfect Couples") beisteuert.

Alle Fans von Belle & Sebastian dürfen sich jedoch auch auf eine Vielzahl an typischen Songs freuen. Egal ob "Nobody's Empire", "Allie" oder "Ever Had A Little Faith?" - alle genau so toll wie erhofft. Und damit wird "Girls In Peacetime Want To Dance" zu einem sehr abwechslungsreichen Album und zu einem der spannendsten der Band. 


Das neue Belle-And-Sebastian-Album hat wie immer viele schöne Momente und riskiert einen überraschenden ästhetischen Bruch. Mehrere Stücke reißen aus dem Donovan-Felt-Bacharach-Korsett aus und klingen nach astreinem Europop. Wir hören hysterische Filter am Anfang von »The Party Line«, Pet-Shop-Boys-artige Fanfaren in »Enter Sylvia Plath« und cheesy Der-Morgen-danach-Ermattung in »Play For Today«. Ob es die weltweiten Fans von Belle And Sebastian schätzen, dass ihre Lieblinge »mal was Anderes« ausprobieren, oder doch lieber Verrat wittern? Indiespießer werden sich bestimmt in den Netzwerken zu Wort melden, aber das Murren und Maulen lässt sich leicht kontern. Schon Bands wie New Order, Bis oder Saint Etienne flüchteten aus den Zwängen des existenziellen Bescheidwissens auf den basisdemokratischen Dancefloor der Urlaubsdisco. Und wer Stuart Murdoch schon einmal tanzen gesehen hat, weiß, dass er Twee-Pop nie mit Körperlosigkeit verwechselt hat.

Außerdem ist das alte Vokabular auf Girls In Peacetime nicht verschwunden. Belle And Sebastian sind weiterhin auf der niemals endenden Suche nach dem perfekten Popsong, wobei Murdochs glockenhelle Stimme immer noch den Kontakt nach ganz oben pflegt. Der Ex-Hausmeister einer Kirchengemeinde verleiht der Popidee namens Zeitlosigkeit gerne einen transzendenten Glanz, der profane Kirchentagshaftigkeit nicht scheut. Die bekannten Referenten Music-Hall-Geschunkel und Schaffel-Boogie (in »The Book Of You«, das an das alte »White Collar Boy« erinnert) bleiben erhalten. Und das großartige »Perfect Couples« startet mit einem tribalistischen Rave-Groove und landet über barocke Winkelzüge bei einem Northern-Soul-Stomper. Für Kontinuität in der Diskontinuität stehen zudem filmmusikalische Atmosphären und Teetischsinfonien wie das barocke »Today This Army Is For Peace«. Und doch ist Europop auf diesem sehr diversen Album mehr als nur eine Lockerungsübung. Die Band artikuliert ein Aufbegehren gegen die eigene Musealisierung in der Twee-Vitrine. Belle And Sebastian wollen mehr anbieten als Silver-Ager-Pop. Und das darf man einer Band von forty-somethings schon hoch anrechnen.
(Spex)




There are no pop sell-outs here – though, true, there’s a sheen to The Party Line, and an almost Arcade Fire gloss on the breathtaking duet, Play For Today; Enter Sylvia Plath is traditional disco. But all the positives come from more than just knob-twiddling. This is a confident, self-assured record that’s cohesive too. Sarah Martin’s voice finally clicks with the band’s ethos, eclipsing Isobel Campbell for good. Stuart Murdoch, ever the pop archivist, flits between the confessional and the motivational with his lyric sheet, somehow managing never to overshadow proceedings. 
This is Belle & Sebastian at export strength. Ever Had A Little Faith could be from the 3.. 6.. 9 Seconds Of Light EP, while closer Today (This Army’s For Peace) charts a newly subdued, almost submerged, territory. After two or three misfires and a couple of red herrings in the form of soundtracks, this band could be unstoppable once more… Terrible sleeve, though. 
(Record Collector)




Toni Kater - Eigentum























Toni Kater, so klärt uns die Presseinfo auf, landete 2004 mit "Wo bist du" einen Hit, an dem kaum jemand vorbeikam. Kaum jemand, damit bin dann wohl ich gemeint. Aber vielleicht auch noch der ein oder andere mehr, denn Wikipedia ergänzt, dass sich der Song nur eine Woche in den deutschen Charts hielt - und zwar auf Platz 99.

Das ist aber kein Grund, um der Musikerin und Autorin, die eigentlich Anett Ecklebe heißt, und ihrem vierten Album keine Chance zu geben.
"Eigentum" erscheint auf dem von Peter Plate (Rosenstolz) gegründeten Label pop-out und Fans von Rosenstolz könnten durchaus Gefallen an Toni Kater finden. Während "Eigentum" läuft, muss ich jedoch viel mehr an Jovanka von Wilsdorf und ihre Band Quarks denken. Neben der stimmlichen Ähnlichkeiten sind es auch die versponnenen Arrangements zwischen Elektro- und Kammerpop sowie Singer/Songwriter, die immer wieder dazu führen. Selten dominieren, wie in "India" oder "Heuschrecken" die perkussiven Elemente, meistens sind melancholische, somnambule Piano-Klänge zu vernehmen, unter die sich ständig ein Knirschen, Knistern und Klacksen mischt ("Anders betrunken", "Normal").
Textlich zeigt sich Toni Kater vielfältig und -schichtig: Gentrifizierung, Unterdrückung von Frauen und Kritik am Kapitalismus werden behandelt und weiten das Spektrum über die üblichen privaten und zwischenmenschlichen Themen hinaus aus.

"Eigentum" hätte weit mehr verdient als einen einwöchigen Chartaufenthalt auf den untersten Rängen!   




Wie eine Katze gibt sich die Musik Toni Katers vordergründig zahm, um dann - einmal die Hand nach ihr ausgestreckt - doch zu buckeln, zu fauchen und sich als eigenwillig zu positionieren. »Fräulein Jesus«, »Goliath« und »Heuschrecken« thematisieren mitnichten religiöse Erweckungsphantasien, sondern zollen den Geißeln unserer Zeit, Burn-Out und Größenwahn, Tribut. Dazu maunzt der vermeintlich harmlose  Minimal-Pop der Berlinerin, der sich aus Klavier, Bass und Schlagzeug sowie der Clavioline, einem analogen Synthesizer, speist. 

Man muss also genau hinhören, um hinter dem friedlichen »Panzer« Kritik an der Rüstungsindustrie zu erkennen und hinter »India« eine von Tribal-Beats befeuerte Feminismus-Hymne. Dann wandelt sich der sanfte Kater in eine feurig anklagende Raubkatze, die für »Heuschrecken« zum Kate-Bush-Sample greift und ihren wattigen Liebreiz immer wieder mit verstörenden Elektronik-Sounds und scharfsinnigen Lyrics durchbricht.
(intro)


Toni Kater unterwegs:

07.02.2015: Saturn, Hamburg
21.02.2015: Moritzhof, Magdeburg
22.02.2015: Moritzhof, Magdeburg (Lesung)
15.03.2015: Lokal-Harmonien, Duisburg
28.03.2015:  Merlin, Stuttgart