Brandon Flowers - The desired effect






















So sehr ich das erste The Killers Album mochte, weder die Killers noch Brandon Flowers zeigten bislang Tendenzen, erneut in diese Richtung zu musizieren. So reiht sich eine lange Kette enttäuschender Killers Platten aneinander. Und als Tiefpunkt kam dann 2010 mit “Flamingo” Brandon Flowers’ erstes Solo-Album heraus. 

Entsprechend niedrig waren meine Erwartungen an den Nachfolger “The desired effect”. Doch spätestens mit dem dritten Song  des Albums stellte ich mein Vorurteil in Frage: Nicht dass ich grundsätzlich finde, dass “Smalltown boy” gesampelt gehört, aber bei “I can change” funktioniert das schon ganz schön gut. Allein dieser Song und “Lonely town” machen “The desired effect” zu einem hörenswerten Album. Einige Songs gehen souverän am Totalausfall vorbei, so dass “The desired effect” durchaus als gutes Killers/Flowers Album durchgeht. So haben sich auch die zahlreichen Gäste durch ihren Beitrag nicht blamiert: Danielle Haim, Neil Tennant, Bruce Hornsby u. v. a. m..

Mit ‘The Desired Effect’ legt Brandon Flowers sein ultimatives Statement zum Pop der Achtziger Jahre ab und scheut sich nicht davor, auch gleich mit einem Bronski Beat-Sample im Track ‘I Can Change’ um die Ecke zu biegen. Die Pet Shop Boys sind auch nicht weit vom Sound der Platte weg und generell muss Flowers zugutehalten werden, dass wenn er was macht, es wirklich auf ganzer Linie durchzieht. Mehr Pop geht nicht und natürlich wird diese ordentliche Portion, die die Songs hiervon bereithalten, einige verschrecken – um nicht zu sagen: Die Killers-Fürsprecher der ersten Stunde vollends verwirren.

“Lonely town”:


Brandon Flowers live auf deutschen Bühnen:
  • 31.05. Berlin
  • 03.06. Köln

Birdpen - In The Company Of Imaginary Friends
























Am Wochenende sah ich Archive noch live beim Maifeld Derby und fast zeitgleich flatterte der dritte Longplayer von Birdpen ins Haus. Den Zusammenhang muss man Fans von Archive sicherlich nicht erklären, denn sie wissen, dass Dave Pen beiden Projekten seine Stimme leiht und werden sich dieses Jahr sicherlich nicht nur "Restriction", sondern auch "In The Company Of Imaginary Friends" gönnen.

Zumindest, wenn sie sich Archive ohne weiblichen Gesang, mit weniger Tempo und nicht so dominierenden Beats vorstellen können. Auf 11 Songs mäandern Birdpen durch getragenen, düsternen Indierock, der sich gelegentlich, wie im fast 10-minütigen, epischen "No Place Like Drone" viel Zeit nimmt und sich an den cineastischen Soundlandschaften ergötzt. Auf dem letzten Album von Pink Floyd gab es so etwas leider nicht zu hören. Songs wie "Alive" oder "Equal Parts Hope And Dread" verhindern mit ihren aufbrausenden Gitarren, dass es zu somnambul wird ("Cell Song") und lassen Birdpen auch zu einer Alternative für Fans des progressiven Rocks werden.  

"In The Company Of Imaginary Friends" wurde über PledgeMusic finanziert und ist nach “On/Off/Safety/Danger” (2009) und “Global Lows” (2012) bereits das dritte Album von Birdpen, bei denen  Mike Bird die erste Hälfte des Bandnamens beisteuert. 


Der Opener „Like A Mountain“ führt uns minutenlang instrumental in die Klangwelt ein, bevor überhaupt das erste Mal Gesang zu hören ist. Geprägt wird der Klang der Briten durch viele Soundflächen, Backgroundchöre in verhallten Räumen und traurig-getragenen Vocals, gemischt mit einigen Elektro-Einflüssen. Damit bewegen sie sich vorsichtig ein wenig in der Nähe von Dave Pens Hauptband Archive und wenn das Tempo und der Beat etwas in Richtung Indie-Rock angezogen werden, geht der Blick rüber zu British Sea Power. Das finale „Equal Parts Hope And Dread“ klingt dann wie die psychedelische Mischung einer Post-Rock-Band, die einen U2 Song spielt. Insgesamt lassen Birdpen so eine Mischung aus Art-Rock und Electro-Pop, der interessante Arrangements und Ideen für den aufgeschlossenen Hörer bereithält.
(Plattenladentipps)




Zwar klingt deren drittes Album »In The Company Of Imaginary Friends« softer, harte Gitarren fehlen völlig, aber die starke, herausgestellte Atmosphäre von dunkler Gedankenverlorenheit ist durchaus vergleichbar. Aufsehenerregende Elemente besitzt das Album erwartungsgemäß nicht, stattdessen schaffen Birdpen eine Stimmung von vollumfassendem, zeitweise etwas theatralischem Shoegazing, das manchmal in Richtung eines elektrifizierten Chris Isaak, manchmal in Richtung Sigur Rós schielt: Hier gibt es keine Hits, dafür aber Musik, die versucht, Emotionen mit abstrakter Wahrheit auszumalen.
(intro)

The Vaccines - English Graffiti
























10 Fakten zum neuen Album von The Vaccines:

1. Justin Hayward-Young (Gesang, Gitarre), Freddie Cowan (Gitarre), Árni Árnason (Bass) und Pete Robertson (Schlagzeug) ließen sich erstmals richtig Zeit für ihr Album, denn lagen zwischen "What Did You Expect From The Vaccines?" und "Come Of Age" nur 18 Monate, so mussten die Fans nun 32 Monate auf "English Graffiti" warten.

2. Zwischendurch waren The Vaccines aber nicht untätig und veröffentlichten im Sommer 2013 die "Melody Calling" EP, deren 3 neue Titel sich nicht auf dem neuen Album wieder finden.

3. Glaubt man Metacritic, die Plattenkritiken sammeln und aus deren Bewertungen einen durchschnittlichen Metascore berechnen, so ist "English Graffiti" das beste Album von The Vaccines. "What Did You Expect From The Vaccines?" (2011) wird mit 67/100 Punkten gelistet und "Come Of Age" (2012) mit 66/100. Das aktuelle Album steht bei 79/100 Punkten, aber auch erst vier berücksichtigten Bewertungen.


If lead single ‘Handsome’ (or what The Vaccines might sound like if they guest-starred on an episode of Scooby Doo) didn’t make it sufficiently clear, their third record is all over the map. This isn’t quite the same band you remember and it may not even be the band they ultimately become, but it’s the one that works best right now. 
Even when ‘English Graffiti’ sounds like The Vaccines, it’s a kitschier, more colourful, hyper-stylised version. ’20/20’ feeds bits and pieces from The Jam, The Beach Boys and Teenage Fanclub through Dave Fridmann’s sonic wheelhouse, with The Flaming Lips producer given far greater license to colour outside the lines than either of his predecessors (Dan Grech on 2011 debut ‘What Did You Expect From The Vaccines?’ and Ethan Johns on 2012’s ‘Come Of Age’), who seemed content to let them plug in and play. He outdoes himself further on ‘Dream Lover’ by making Freddie Cowan’s five-note guitar riff sound like a lumbering Godzilla coming into view against a backdrop of red skies, wailing sirens and B-movie synths. The result is possibly the best - and certainly the biggest - thing they’ve ever recorded. 
(NME)


4. Als Produzenten verpflichten The Vaccines Dave Fridman, da sich nicht nur generell dessen Arbeit schätzen (The Flaming Lips, MGMT, Mercury Rev, Weezer), sondern gezielt den Sound von Sleater Kinneys "The Woods" nacheifern wollten. 

5. Als Co-Produzent war in Fridmans Sudio in New York Cole M. Greif-Neill tätig, der zuvor bereits mit Künstlern wie Beck, Juia Holter oder Ariel Pink's Haunted Graffiti, bei denen er auch Mitglied war, arbeitete.

6. "Handsome" wurde als erste Single ausgewählt und Anfang März veröffentlicht. Auf der B-Seite befindet sich "Handsome (Reimagined)", der Dave Fridman Edit des gleichen Songs. Das vom kanadischen Regisseur Gerson Aguerri gedrehte Video sieht so aus: 




7. Während sich zuvor die ersten Singles aus den Alben der Vaccines in den 30er Rängen der britischen Charts tummelten ("Post Break-Up Sex" #32, "If You Wanna" #35, "No Hope" #37, "Teenage Icon" #39), kam "Handsome" nur auf Platz 74. 

8. "Dream Lover" soll im Mai als zweite Single folgen. Dazu Sänger Justin Hayward-Young: "I think that's the biggest song we've ever written. It's like a monster to me in my head."


Die Vaccines schießen auch heute noch gerne über das Ziel hinaus, tragen in manchen Momenten ein wenig zu dick auf und sind auch keine Kostverächter, wenn es darum geht, sich hier und da ein originelles Zitat auszuleihen. Doch ihr ungestümes Drängeln führt im Fall von Songs wie dem Opener „Handsome“ oder dem am Noise-Pop der 80er-Jahre geschulten Titel „20/20“ oft zu den schönsten Ergebnissen. Und auch wenn einmal nicht alle Regler auf Anschlag stehen, wie zum Beispiel bei der entzückenden Midtempo-Ballade „(All Afternoon) In Love“, widersteht die Band um Sänger und Gitarrist Justin Young erfolgreich der Versuchung, es sich zu gemütlich zu machen. (...)
Aus 50 fertigen Songs, die der Band zur Auswahl standen, haben es am Ende gerade mal elf Nummern auf English Graffiti geschafft, was für einen harten und kompromisslosen Ausleseprozess spricht. Entsprechend wenige Ausfälle gibt es auf dem Album zu vermelden, mit dem es den Vaccines trotz ihrer fortgeschrittenen Zitierkunst gelungen ist, eine Punktlandung im Hier und Jetzt hinzulegen.
(Musikexpress)


9. Den Titelsong sucht man auf "English Graffiti" vergeblich. Er befindet sich nur auf der Deluxe Edition des Albums. Letztendlich schafften es 11 der angeblich 50 Songs auf das Album, das 35 Minuten läuft.

10. Die Deluxe Ausgabe hat neben dem Titelsong noch zwei weitere neue Lieder ("Stranger" und "Miracle") sowie 4 unter dem Reimagined-Zeichen stehende Songs des Albums zu bieten. 


SoKo - My Dreams Dictate My Reality



Alles neu macht der Mai. Das Sprichwort könnte gut zu Stéphanie Sokolinskis neuem Album passen – wenn es nicht bereits im Februar erschienen wäre. Dass es bei uns erst in diesem Monat besprochen wird, liegt allein an der Trägheit des Autors dieser Zeilen.

Alles neu also bei SoKo. Fast zumindest. Herrschten beim Vorgängeralbum noch ruhige Gitarrenparts und Stéphanies brüchige Stimme vor, klingt ihr aktuelles Album wie der Soundtrack zu einem 80er Jahre Coming Of Age-Film, dessen Protagonistin, ein Goth-Mädchen, gegen die fiese High School-Welt rebelliert und auf der Suche nach ein wenig Nestwärme ist. Pretty in Black sozusagen. Die Melancholie in ihren Songs hat sich SoKo allerdings meistens behalten.

Soko steuert ihr Album genau dorthin, wo sie sich in puncto Inspiration am wohlsten fühlt: mitten in den Achtziger. Und so stehen gewohnt balladesken Atmo-Perlen wie "I Come In Peace", "Bad Poetry" oder dem mystischen Ariel Pink-Duett "Lovetrap" rotzfreche Pop-meets-Goth-meets-Punk-Stücke zur Seite, die sich vor einer Vielzahl von mittlerweile über 30 Jahre alten Großtaten aus dem Synthie-Punk-Genre nicht zu verstecken brauchen. (laut.de)



There seems to be a big debt of gratitude to The Cure, and early to mid ’80s alternative rock in general, on My Dreams Dictate My Reality – in fact, so gloomy and claustrophobic does it become at times that you fully expect Robert Smith to hove into view. The reverb-heavy guitar that introduces opening track I Come In Peace becomes a familar staple through the album, and it’s a sound that suits Soko’s voice. It’s the title track that really ramps up the Cure comparisons though: the sombre, gothic atmosphere of the track making it sound for all the world like an out-take from Disintegration. (musicomh.com)



Und wenn hier schon The Cure erwähnt werden: Produziert wurde das Album von Ross Robinson, der unter anderem auch für das Album 'The Cure' aus dem Jahr 2004 an den Reglern saß. Aber das ist nur eine Fußnote.

Tourdaten (ohne Gewähr):
12. Juli Berlin (Gretchen)

Lena - Crystal Sky
























Deutsches Pop-Fräuleinwunder (III)

Strategisches Marketing nennt man das wohl, wenn ein neues Album von Lena, Gewinnerin des ESC 2010, kurz vor dem alljährlichen Eurovision Song Contest veröffentlicht wird. Diese Idee hatten ihre Manager jedoch nicht exklusiv: Auch Conchita Wurst, amtierende ESC-Queen, und Ann Sophie, Deutschlands Vertreterin 2015, die nach dem Vorentscheid hier nur wieder gewinnen kann, wenn der Sieger erneut zurücktritt (und das dann mindestens 19 mal), brachten soeben neue Alben heraus. Und vielleicht haben ja auch Johnny Logan, Lordi und Dana International neue Platten draußen! Wer weiß oder besser: Wer will es wissen?

Zurück zu Lena, die heute ihren 24. Geburtstag feiert, und uns mit "Crystal Sky" nicht wirklich beschenkte. Die Vorab-Single "Traffic Light" tendiert noch in Richtung des Vorgängers "Stardust" (2012). Doch über die Vielzahl der 14 Songs des Fräuleins darf man sich wundern, denn wo ist der charmante Pop mit Indie- und Schwedeneinschlag des Vorgängers geblieben? Statt dessen gibt es glatt polierten, elektronischen, basslastigen und tanzbaren Pop. Hier ein wenig Dubstep ("Invisible"), dort die offensichtlich unvermeidbaren Stimmeffekte ("4 Sleeps") und Sprechgesang-Einlagen ("Catapult") und die schmachtende Ballade ("Sleep Now", "Home") wurde auch nicht vergessen. Da haben die zahlreichen internationalen Songwriter und Produzenten ganze Arbeit geleistet. "Crystal Sky" ist, kurz zusammengefasst, austauschbar und belanglos. 
Ist das nun Lena oder Ellie Goulding, darf man sich zukünftig fragen, wenn ein Song von "Crystal Sky" im Radio läuft. Die Antwort lautet: eigentlich vollkommen egal.    




14 Songs hat Lena mit namhaften Produzenten und Songschreibern wie Jonny Coffer und Kat Vinter aufgenommen. Zugespitzt ausgedrückt: Sie hat einen Song 14 Mal eingespielt, von "The Girl" bis "Home" klingt alles verwechselbar. Der Sound ist ein Amalgam aus elektronischen, basslastigen, experimentellen und tanzbaren Versatzstücken. Über den Clubsounds, Dubstep-Elementen und computergenerierten Retroeffekten liegt eine Stimme wie auf Helium. Viele Songs, sagt Lena, kommen "aus meiner Seele heraus und entsprechen dem, was ich gerade fühle". Warum klingt "Crystal Sky" dann nur so seelenlos, kalkuliert und künstlich?
Auf ein Stück wie "Taken By A Stranger" (2011) wartet man vergeblich. Von Gefahr war in dem melodielosen, aus elektronischen Klangbausteinen raffiniert konstruierten Song die Rede - und von Verführung. Das Lied von Stefan Raab und Reinhard Schaub erzählte eine spannende, anspielungsreiche Geschichte. Lenas "Crystal Sky" ist leer und ohne Leben.
(Kölnische Rundschau)


Was beim Hören von "Liquid Sky" zuerst auffällt, ist die veränderte Stimme. Diese wird diesmal in ein Meer von Hall und verdoppelten Spuren gebettet, was sich negativer anhört, als es gemeint ist. Natürlich schafft dieser voluminöse Sound auch eine gewisse Künstlichkeit und Distanz. Das ganze Album klingt sehr "produziert". Und doch erschließt sich mit jedem Song, den man hört, immer mehr ein stimmiges Gesamtbild.
Obwohl auf den 14 Songs von "Crystal Sky" mindestens ein halbes Dutzend Produzenten tätig war, ergibt sich ein durchgängiges Gefühl sanfter elektronischer Pop-Melancholie. Es handelt sich um ziemlich bombastischen, aber in den Melodien durchaus grazil geführten Mainstream-Pop. Verantwortlich zeichnen dafür Songwriter und Produzenten wie BIFCO (Ellie Goulding, Kylie Minogue), Jonny Coffer (Emili Sandé), Matty Benbrook (Faithless) oder Ryan Marrone (Lady Gaga). Und ihre Lena hat nichts Provinzielles oder "Nachgemachtes" mehr, sie steht vielmehr für einfachen State-Of-The-Art-Radiopop elektronischer Spielart.
Man kann dies mögen oder ablehnen, die Produktionsqualität ist aber kaum zu überhören. Es sind sogar einige recht gute Songs auf dem vierten Album der ESC-Siegerin von 2010 zu finden ("The Girl", "Keep On Living", "Catapult"). Lena distanziert sich von jenen Mitsing-Brettern aus ihrer Stefan-Raab-Periode. Wichtiger waren ihr Songs, die unter dem Glitzergewand eine schöne Sensibilität offenbaren. Eine Feinfühligkeit, die in den besten Momenten an die wunderbare englische 80er-Avantgarde-Popband Cocteau Twins erinnert.
(Mittelbayerische)


Schon im ersten Hördurchgang werden die Stärken und Schwächen von Lena Meyer-Landruts viertem Longplayer deutlich. Für eine Popproduktion gibt es wenig zu meckern: Hier gehts um modernen Electro-Pop mit ein wenig R'n'B und Neo-Soul-Einsprengseln, zielgerecht in ein (potentiell) international vermarktbares Soundkleid hinproduziert.
So international die Platte aber auch angelegt ist, so austauschbar klingt sie in einem Meer aus ähnlichen High-Gloss-Electro-Pop-Produktionen. Eine handwerklich perfekt durchgezogene und durchaus genießbare Auftragsarbeit und auch seitens Lena Meyer-Landrut ein durchaus nachvollziehbarer Schritt nach Vorne. Für ein wirklich in Erinnerung bleibendes und eigenständiges Werk fehlt es "Crystal Sky" aber doch etwas an Substanz. 
(laut)


Lena unterwegs:
21.10.2015 Berlin, Heimathafen Neuköln
22.10.2015 Hamburg, Gruenspan
23.10.2015 Leipzig, WERK2 - Halle D
25.10.2015 Stuttgart, Im Wizemann (Halle)
26.10.2015 Frankfurt, Batschkapp
27.10.2015 Köln, Gloria-Theater

Leslie Clio - Eureka
























Deutsches Pop-Fräuleinwunder (II)

Mit "modern Soul-Pop with a touch of retro", so die Selbsteinschätzung der Künstlerin, landete Leslie Clio vor zwei Jahren zwei Single-Hits und knapp vor den Top Ten der Albumcharts ("Gladys" kam auf Rang 11).

Mit modernem, Gutelaune-Pop zum Mitklatschen, -trällern und -tanzen und einem Touch von Soul, so die Einschätzung des Plattenrichters, feiert Leslie Clio nun ähnliche Erfolge: "Eureka" kam auf Platz 14 der Charts und die dazugehörige Single "My Heart Ain't That Broken" dudelt eben so oft aus dem Radio wie zuvor "Told You So" und "I Couldn't Care Less". Und würde sich dort "Be With You" nicht gut hinter "Shake It Off" von Taylor Swift oder "Girls Chase Boys" von Ingrid Michaelson machen? Und klingt "Damage Done" nicht wie eine Single von Sia (also eine, die nicht "Chandelier" ist)? Eben.
Für die internationale Feinpolitur auf "Eureka" sorgten als Produzenten Dimitri Tikovoi (Placebo, Goldfrapp, Sophie Ellis-Bextor) und Lasse Mårtén (Lykke Li, Johnossi, Franz Ferdinand).




Die Berlinerin, die mit ihrem Debüt GLADYS vor zwei Jahren auf der Retro-Soul-Welle mitschwamm, hat nun keine markante Wende hingelegt, aber konzentriert sich diesmal auf die Idee, mit der Motown einst das Musikgeschäft revolutionierte: den Soul weichzuspülen für ein weißes Publikum und damit in Mainstream-Pop zu verwandeln. Das gelingt Clio mit EUREKA tatsächlich, nur dass dieser Pop sich eben nicht an den aktuellen, im Computer gesetzten Hit-Standards orientiert, sondern eine ziemlich geschickte Simulation von handgemachter Musik aufführt. Dabei sind ein paar sehr flotte, aber auch nicht so wahnsinnig aufregende Songs entstanden.
(Musikexpress)


Clios Stimme hat immer noch Soul und paart sich weiterhin mit unkomplizierten Melodien. Doch könnte es sein, dass alles irgendwie poppiger geworden ist? Oder setzt die Blondine noch stärker auf ihren Retrosound? Es mag so oder anders sein – Hauptsache, die Füße bewegen sich. Im Video zur Vorabsingle "My heart ain't that broken" macht Clio es vor, in Leggings und rotem Pullover schüttelt sie ihren Liebeskummer so zauberhaft wie keine Zweite einfach ab und schließt musikalisch mit sanft geklimperten Klavier und Ohrwurmpotenzial da an, wo sie vor zwei Jahren aufgehört hat. Die Zeile "Love can be like magic, what we had was tragic" kommt ihr dabei so leicht von den Lippen, als würde sie von Katzenbabys erzählen.
Der Titelsong schlägt in die gleiche Kerbe. Zurückhaltende Beats und ein Saxophon dienen als Rahmen für Clio, die es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hat, überall gute Laune zu versprühen und die Welt mit Konfetti zu schmücken. Doch der Rausch der ersten Minuten ist spätestens mit "Damage done" erloschen. "We used to be so in love, now you're just pissin' me off", dichtet die Hamburgerin sich mühsam zusammen und gibt dem Sprechgesang eine Chance. "Fuck what they told ya" kann noch ein letztes Mal mit Trompeten und sorgloser Clio punkten, danach heißt es: Popballaden über Popballaden. Jazzig verpackte Klänge bei "Falling to pieces", fehlplatzierte Geigen bei "Only a fool". Hätte das wirklich sein müssen? Oder ist es schier unmöglich, Herzschmerz ausschließlich in perfekt choreografierte Tänzeleien zu verpacken? Um das Gleichgewicht wieder herzustellen, muss man zum Glück nur zurück zum Anfang von "Eureka" – dass es dort mehr Spaß macht, steht außer Frage. In Zukunft bitte mehr davon.
(Plattentests)




Leslie Clio unterwegs:
25.05.15 Essen, Pfingst Open Air
26.05.15 Stuttgart, ClubCann
28.05.15 Berlin, Postbahnhof am Ostbahnhof
29.05.15 Hamburg, Mojo Club
30.05.15 Köln, Gebäude 9
31.05.15 Frankfurt, Zoom
02.06.15 München, Strom
04.06.15 Würzburg, Posthallen


Balbina - Über das Grübeln
























Deutsches Pop-Fräuleinwunder (I)

Mit jedem phantasievollen, schicken, stylischen Video wurde der Hype um Balbina größer. Der Spiegel war seit der "Nichtstun" EP im letzten Juni in erster Reihe mit dabei und lobt seither in schöner Regelmäßigkeit die in Warschau geborene, aber seit ihrer Kindheit in Berlin lebende Sängerin über den grünen Klee. Und mehr und mehr Medien stimmten in diesen Lobgesang mit ein. Kostproben gefällig?  


Wie eine in strahlend weißes Wischundweg-Papier gekleidete Zauberfee stupst Balbina mal den Teekessel, mal den Teddybär an, stöbert nach den Lagen unter der Lebenslage. So mancher Fleck, der dabei aufs Kleid gerät, geht auch mit Seife nicht wieder weg, so sehr sie auch schrubbt. Dann rüttelt sie an den trägen Vorhängen, dann schüttelt sie den Wecker, warum er denn so leise war: Jetzt hat sie schon ihr halbes Leben mit Sinnieren versonnen.
Macht nichts. Aus diesen Tag-Träumen ist jetzt immerhin das klügste und geschmackvollste deutsche Popalbum des Jahres geworden. Hat sich doch gelohnt, die ganze Grübelei.
(Spiegel)


Habe ich schon hinreichend zum Ausdruck gebracht, dass man vor dieser Kunst lediglich niederknien kann? Es gibt in der Musik unserer Sprache nichts sonst, was ihr gegenwärtig vergleichbar ist.
(Berliner Zeitung)


Was für eine Platte! Was für eine Stimme! Was für ein sonderbarer, fremder, berückend schöner Sound! „Über das Grübeln“ heißt das neue Album von Balbina und es ist die tollste Entdeckung seit langer Zeit im deutschen Pop. 
(Rolling Stone)






Balbina singt mit tiefer Stimme zu elektronischer Popmusik, die mal knisternder R&B ist und immer wieder ihre Affinität zur Berliner Hip Hop- und Rap-Szene, in der sie in den letzten Jahren in Erscheinung trat, an die Oberfläche sickern lässt. Doch im Mittelpunkt steht weniger die Musik als die Texte:


Balbina arbeitet dramaturgisch mit Sprache, zerdehnt und verbiegt ihre oft viel zu langen Sätze und Worte in die Musik, wie es sonst nur HipHop-Künstler tun - oder Gesangs-Enigmata wie Herbert Grönemeyer und Nina Hagen. Beide gehören nicht umsonst zu ihren Vorbildern.
(Spiegel)


Denn Balbina geht so individuell und charismatisch in ihren Texten und ihrem Gesang mit der deutschen Sprache um wie Grönemeyer in seinen besten Zeiten; auch ähnelt sie ihm in der sonderbar eleganten Un-Eleganz, mit der sie, was beim ersten Hören vielleicht unbeholfen und stotternd erscheint, zu geschmeidigen Wort- und Klangflüssen zu verbinden versteht.
(Berliner Zeitung)


So zart und berührend und zugleich so erregend abweisend und kühl kündet die Berliner Sängerin darauf von den kleinsten Dingen des Alltags und von den großen Problemen, die sich daraus ergeben. Sie singt von der unwiederbringlich verrinnenden Zeit, von dem „Wecker“, den sie überhört hat und wegen dem sie nun „für Jahre verschläft“. Sie singt von ihrer eigenen Apathie, vom Nichtstun und vom Sich-nicht-entscheiden-Können, aber dies mit der kraftvollsten Entschiedenheit. Sie singt davon, dass ihr nichts einfällt („Mir fällt nix ein“), übermalt die leere Fläche des Nichts aber mit den einfallsreichsten Bildern in den buntesten Farben. Sie bittet in „Nichtstun“ die Langeweile darum, sich zu beeilen mit dem Vergehen, und beschreibt derweil mit schön schläfriger Alt-Stimme ihre Gefühle beim Blick auf die eigene Reglosigkeit: „Ich staube hier nur ein/ Wie ein Stofftier auf einem Regal/ Alles ist egal.“
(Rolling Stone)






"Wenn aus dieser tollen Frau kein großer Star wird, gibt es für den deutschen Pop keine Hoffnung," befürchtet der Rolling Stone. "Über das Grübeln" erreichte in Deutschland Platz 47 der Charts. Hoffnung besteht aber noch, denn Balbina ist aktuell mit Herrn Grönemeyer auf Tournee, so dass vielleicht mehr Menschen auf Balbina aufmerksam werden. Als Anspieltipps würde ich "Nichtstun", "Goldfisch", "Mir fällt nix ein" und "Dicke Luft" empfehlen.


Balbina live (ohne Herbert Grönemeyer):
07.10.15 Köln, Studio 672
08.10.15 Essen, Zeche Carl
09.10.15 Hamburg, Prinzenbar
12.10.15 Berlin, Privatclub
13.10.15 Dresden, Scheune
14.10.15 München, Milla
15.10.15 Stuttgart, dasCANN
17.10.15 Zürich, Bar Rossi
19.10.15 Hannover, Lux


Princess Chelsea - The Great Cybernetic Depression
























Bei 20.925.332 Aufrufen bei YouTube ist man zwar Klick-Millionär, als materiellen Gegenwert erhält ein Künstler dafür vermutlich aber nur 2,50 €. Die Neuseeländerin Chelsea Nikkel, deren Bühnennamen Princess Chelsea lautet, könnte uns vermutlich genaueres erzählen, denn das Badetonnen-Video ihres Songs "The Cigarette Duet" hat in den letzten 4 Jahren die oben genannte Zahl an Aufrufen gesammelt.

Der Song befindet sich auf ihrem Debütalbum "Lil' Golden Book" (2011), dem mittlerweile "The Great Cybernetic Depression" nachgefolgt ist. Darauf befinden sich 10 Songs, die zwischen Synth-,  Kammer- und Dreampop oszillieren. Beim Hören fallen mit Flunk ("Is It All OK?") oder sanfte Klänge von Ladytron ("Too Many People") ein. Der tiefe Gesang von Jonathan Bree (wie auch auf "The Cigarette Duet") liefert einen schönen Kontrastpunkt und lässt mehrmals an Stephin Merritts The Magnetic Fields bzw. The 6ths denken ("We Are Strangers"). Auf "Winston Crying On The Bathroom Floor" darf auch Chelseas Katze Winston ihren Gesangsbeitrag leisten.

Die Einflüsse reichen von 70er Electronica und Kraftwerk über die Pet Shop Boys,  Eurythmics und Air sowie SciFi-Soundtracks bis hin zum Film "Die unendliche Geschichte". Princess Chelsea gibt uns hier also eher die Kindliche Kaiserin, deren Namen bekanntlich in Vergessenheit geraten ist. Ob er vielleicht Chelsea Nikkel lautete?




The Great Cybernetic Depression is awash with lush, expansive electronica sounds, lent added nuance by a darkly baroque flair, which draws upon her classical training. A significant space obsession is blended with wry, personal and sometimes mundane lyrics, creating a playful narrative on modern life delivered with deadpan drama.
"No Church on Sunday", the first single from the new album is an ambient stadium rock number with added fairy dust, it was written by a friend of hers Jamie-lee and deals with weird feelings after leaving a strict religious background. 'No Church On Sunday' was a radio hit in New Zealand (...).
(New Zealand Music Commission)


This may have many reference points in pop electronica from the synths (Kraftwerk if they were less glum, a quieter Pet Shop Boys but also slightly kitschy Seventies moog albums) and contemporary pop. But with piano, sometimes searing electric guitar and disconcerting psychedelic effects it also obliquely refers to Beatles-pop from that strangely off-kilter time between Sgt Peppers and The White Album.
Or on We Are Very Happy a synth part straight out of Kitaro before she floats in with her featherweight vocal, "Despite everything, I think I still love you . . ." It is a beautiful song about the price of betrayal and how the hurt can never be truly healed.
The theme of sadness in relationships is also explored on the equally moving When the World Turns Grey. Her gift to is in neatly sidestepping what could be shallow irony. Her songs and delivery are convincingly personal, even if they aren't.
She also sounds vocally stronger here than her live showing suggested, much more confident on material like the ineffably catchy No Church on Sunday and We Are Strangers which opens with distant Jonathan Bree (possibly, I only have a stream to work from) in baritone mode before she too comes at you from a long corridor like a spirit figure.
The album title alone tells you she's smart but she also doesn't banner it here in songs which simply seduce you with surfaces then pull you into a strange dreamlike world of her imagining.
And it's a psychedelic world where sometimes you hear a cat crying like a synth.
Or vice-versa. Which seems to be the way of the world for Princess Chelsea.
(Elsewhere)




Princess Chelsea in Deutschland:
31.05.15 Hamburg, Molotow
02.06.15 Berlin, Privat Club


Paul Weller - Saturns Pattern
























Hui Weller! 56 Jahre alt, 24 Alben schwer (12 Solo und jeweils 6 mit The Jam und The Style Council) und kein bisschen leise. Man höre sich nur einmal an, was einem beim Opener "White Sky" aus den Lautsprechen entgegenschallt! "Has My Fire Really Gone Out?" fragte der Modfather 1993 und auch 22 Jahre später gibt es mit seinem neuen Album "Saturns Pattern" sich selbst und allen Zweiflern die richtige Antwort. 

Paul Weller rockt, groovt und packt in 9 Songs alles hinein, was ihn in den letzten Jahren musikalisch prägte und interessierte: R&B, blue-eyed Soul und Rock, der sich wahlweise die Vorsilben Psychdelic-, Kraut-, Space-, Brit- oder Blues- verdient. 

"In The Car..." dürfte den Menschen gefallen, die sich nach Wellers experimenteller Seite sehnen, wer den temporeichen, knackigen Rocker für das Live-Erlebnis sucht, wird bei "Long Time" fündig werden, "Going My Way" und "I'm Where I Should Be" können alle befriedigen, die sich einen weiteren Klassiker von Weller erhoffen, den man auch in Jahren noch wird mitsingen können, und mit "These City Streets" mündet ein Album von ihm endlich einmal wieder in einem epischen Song, der die 8-Minuten-Marke locker durchbricht.   

"Saturns Pattern" wurde von Jan "Stan" Kybert und Paul Weller selbst produziert und neben den Mitgliedern seiner Live-Band (Steve Cradock, Andy Crofts, Ben Gordelier und Steve Pilgrim) fanden sich auch Josh McClorey (The Strypes) und The Jam-Gründungsmitglied Steve Brookes im Studio ein. Wem die 9 Songs nicht ausreichen, der sollte zur Deluxe-Variante greifen, die das Repertoire um "(I'm A) Roadrunner" und "Dusk Til Dawn" sowie einen Remix von "White Sky" erweitert.




Schunkelnde Pianos, perlende Percussions, altertümliche Elektroeffekte und die Rückkehr zu einer Grooviness, die sich aus der Liebe zu R&B speist.
Mitunter klingen Weller und Band funky wie etwas von Brian Auger, in das ein fieses Gitarrensolo reingrätscht, bevor sich wieder der psychedelische blue-eyed Soul breitmacht, auf den sich Weller so wunderbar versteht. Mitunter sind sie eine swingende, die Wonnen der Natur preisende Yachtrock-Band.
Mitunter bricht sich aber auch Wellers Krautrock-Affinität Bahn, gleich im rumpeligen Opener – sehr energetisch, sehr enervierend. Oder in dem wüst daherstampfenden „In The Car“, featuring Megafon, elektronische Fiepser, Bottleneck-Rutschen. Dazwischen klassische, an The Jam erinnernde Songs wie „I’m Where I Should Be“, wo seine Stimme erhaben über präzisen Harmonien schwebt: „reach for the sky“ – warum auch nicht? Gibt ja sonst keine Grenze.
Manchmal will er zu viel in einem einzigen Song, was oft schiefgeht, hier aber das Acht-Minuten-Wunder „These City
Streets“ gebiert. Schönste Soul-Harmonien, dann setzt eine Hammond ein, ein psychedelisches Flattern, ein elektronischer Effekt, eine Ode an die Stadt und an die Liebe, ein urbaner Trip, der sich immer wieder hübsch verdaddelt und einzig durch einen weichen Bass und Wellers burschikos-britische Stimme gehalten wird, die einen Flow erzeugt, wie man ihn sonst eher von Curtis-Mayfield-Platten kennt oder von Lonnie Liston Smith.
Am Ende ändert der Track noch einmal die  Richtung, groovt sich neu ein, und Weller singt: „You still gotta way to go.“ Ja, bitte. 
(Rolling Stone)




Paul-Weller-Alben der jüngeren Vergangenheit changierten zwischen psychedelischen Stimmungen, Dub-infizierter Rhythmik und krautigen Repetitionen – Muster, die sich auch auf den neun Songs von Saturn’s Pattern wiederfinden. Und trotzdem gelingt es Weller nicht zuletzt aufgrund seiner ungebremsten Begeisterungsfähigkeit einmal mehr, sich neu zu erfinden. 2015 jongliert der modfather mit Genres wie Glam- oder Space-Rock und bricht zugleich mit ihren Konventionen, er lotet elektronische Klangspektren sowie die Möglichkeiten seiner Instrument- beziehungsweise Effektpalette aus, zeigt Ideen auf, nur um sie gleich wieder zu verwerfen. Er ist gewissermaßen lost im nach vorne blickenden Retro-space oder, wie der Künstler es in einem Songtitel selbstbewusst ausdrückt: »I’m Where I Should Be«.
Bands der (Prä-)Post-Punk-Ära wie This Heat oder The Pop Group brauchten ihrerzeit nur zwei oder drei Alben für die Verarbeitung ähnlicher Einflüsse – Weller macht daraus quasi eine Lebensabschnittsaufgabe unter dem immer noch gültigen und eher konventionellen Vorzeichen »Rock«. Doch das kann man ihm nicht verübeln, denn er schafft es, dabei stets die eigene Relevanz im temporalen Kontext zu reflektieren – und auch den eingangs erwähnten Aufruf zu beherzigen.
(Spex)

Champs - Vamala
























Freitag besuchte ich im Kölner Gloria das Konzert der Band Balthazar, das eigentlich bereits einige Tage früher hätte stattfinden sollen, wegen Krankheit jedoch abgesagt werden musste. Als Vorband waren BRNS zuvor angekündigt, deren Album "Patine" bereits hier vorgestellt wurde, doch beim Nachholtermin hatten sie offensichtlich keine Zeit. Sehr schade, aber ich werde die Band dann in einer Woche beim Maifeld Derby sehen.

Aber Ersatz, und zwar guter, war schnell gefunden: Michael und David Champion sind zwei Brüder von der Isle of Wight, die ihren Nachnamen schnell zum Bandnamen umwandelten: Champs. "Vamala" lautet der Titel ihres zweiten Albums, das nur ein Jahr nach dem Debüt "Down Like God" erschienen ist.

Die beiden Champions spielen verträumten, leisen Folkpop, der sich sehr stark auf deren Harmoniegesang konzentriert, so dass Lennon/McCartney, Simon & Garfunkel, Fleet Foxes oder Beck mit seinem "Sea Change" Album sicherlich als Einflüsse genannt werden können, auch wenn einem bei Michaels hohem Gesang auch Robin Gibb und die Bee Gees in den Sinn kommen können. Der Zusammenarbeit mit dem französischen Produzenten Dimitri Tikovoi (Placebo, The Horrors, Sophie Ellis-Bextor, Charli XCX) ist es wohl zu verdanken, dass "Vamala" nicht komplett auf der Retro-Schiene läuft, sondern auch Einflüsse von Electronica und vermehrt Keyboard-Klänge zu vermelden hat.




These 12 tracks are more sure-footed, but the duo still sup from the same lyrical pool of loneliness, isolation and lovelorn despondency. Luckily, their musical compositions, informed by their idiosyncratic vocals and harmonies, are sunnier. They range from 1970s AOR piano ballads (Sophia) to acoustic folk (Forever Be Upstanding at the Door), but electronic undercurrents and drum machine beats heard on the title track are pervasive. The subsequent clash of genres isn’t quite seamless, ultimately giving the album an uneven tone. Any stylistic imbalance is easily overlooked, but maybe album number three will get it just right.
(Irish Times)


VAMALA possess a noticeable authenticity that appeals to us, and you can hear this quality shine through their song “3,000 Miles”. Although not overly complicated, the piece possesses a certain low-key style that could ease your mind on a particularly stressful day. The other new song that really stood out to us is the final one entitled “The Devil’s Carnival”. It deviates from their norm with its gloomy soundscapes and dim guitar plucks, but sanguine piano chords, too, provide enough hope to make the affair a rather inspiring ones. Additionally, we must make note of the unique vocals that narrate CHAMPS’ work and greatly contribute to their excellent style.
(Hillydilly)


Lead single Desire, Blood and the title track are at the more up-tempo end of their spectrum, while Running and Roll Me Out are more sparse and haunting.
Their dual vocals on the gentle Forever Be Upstanding At The Door are reminiscent of Simon & Garfunkel, while Send Me Down is just one example of their delightful harmonising.
If you like MGMT and Hot Chip, or, going further back in time, Fleetwood Mac, you’ll probably appreciate this gentle album, which is easy listening in its truest sense.
(Sunderland Echo)



The Tallest Man On Earth - Dark Bird Is Home
























Wächst The Tallest Man On Earth auf seinem aktuellen Album über sich hinaus? Zumindest wird der Schwede Kristian Matsson auf nahezu jedem Titel von "Dark Bird Is Home" von einer kompletten Band begleitet, so dass der einsame Singer/Songwriter mit seiner Akustikgitarre nur noch partiell zu finden ist, etwa auf den ersten 3 Minuten des Titelsongs, der auch als zweite Single ausgewählt wurde und die zahlreichen Bob Dylan Vergleiche weiterhin rechtfertigt. Nach dem Hören von "Dark Bird Is Home" surren einem jedoch nun auch Namen wie Don Henley, Bruce Springsteen und Bruce Hornsby im Kopf herum. 

Ansonsten wird der schlichte Folk nun von Piano, Keyboards, Streichern, Bläsern und Schlagzeug verstärkt, wodurch die Gefahr der Monotonie nach zuvor drei Alben ("Shallow Grave", 2008, "The Wild Hunt", 2010, und "There's No Leaving Now", 2012) gebannt  wurde. Gleich zu Beginn des Albums fängt "Fields Of Our Home" an, sich durch langsam einfließende Keyboard-Klänge und anschwellenden Chorgesang aufzuplustern. Ein Zustand, der nahezu über den gesamten Verlauf der Platte beibehalten wird. Verloren werden damit ein wenig die intimen Momente, aber The Tallest Man On Earth strebt, so lassen es die ausgewählten Konzertorte  vermuten, offensichtlich auch nach Größerem. Den passenden Sound dazu hat er nun.

The Tallest Man On Earth spielt neben dem Roskilde Festival zuvor auch beim Best Kept Secret, Hurricane und Southside Festival. Im Herbst folgen weitere Konzerte:

12.10.15 Köln, E-Werk
13.10.15 Berlin, Huxleys neue Welt
14.10.15 Wien, Arena
16.10.15 Zürich, Volkshaus
  



Beginning with “Fields of Our Home,” a modest guitar strum ditty is accompanied by Matsson’s more steadied vocals, then slowly, methodically, horns, piano, keys, synthesizers, and shadowy vocal harmonies join the tune. It’s a subtle introduction into the more experimental woodshed the Tallest Man now finds his creative armaments hiding. By the second track, “Darkness of the Dream,” a full rhythm section, piano and various other stringed accouterments have joined the party, and Matsson’s suddenly crafted himself a hymnal of angelic-sounding acoustic pop.
Deftness of that wizardly fingerpicking rumbles in reverb-filled resonance on “Singers,” a classic Tallest Man track if there is one on Dark Bird, pecking out melodic acoustic guitar flurries with bassoon and strings. Matsson’s lyrics opine the plight of the songsmith, as he sings, “Guess we’re only in beginnings of our silence to return/I rise above it and I feel a little lighter/Guess we’re always in destruction of the little things we’d learn/But we’re only gone like singers.” Here, the opaqueness of the theme accentuates its darkness. Even buried as it is in a more vibrant soundscape of an album, Dark Bird is a devastatingly personal listen, much more so than his stripped-down efforts.
If Side A is the coming to terms with the darkness, Side B is Matsson confronting and attempting to overcome, his dark bird making that final turn toward the safety of home. “Sagres” is a gorgeously arranged pop song, lunging at understanding the demons, each verse a kind of plea for help, bookended by a sweeping retort of “come on, come on.” (...)
The beautifully plotted “Timothy” is another opportunity to gush at Matsson’s sudden affinities for radio-worthy folk-pop akin to the Decemberists before a return to the back porch pickin’ of “Beginners,” the On the Road-styled wanderlust romances of “Seventeen,” and the plaintive guitar/vocal bookend title track.
Of course, the grandiose nature of Dark Bird yearns for the perhaps hyperbolic assessments certain to be thrust upon it. Such is the plight of any poet: the inevitability of being misunderstood. One thing is for sure, though—as charismatic as Matsson’s Tallest Man on Earth has become over the last decade, he’s showing even more signs of timelessness as the fruits of his craft ripen.
(Paste Magazine)


Unknown Mortal Orchestra - Multi-Love
























Der NME verriet uns in seiner unermesslichen Weisheit kürzlich die 15 Songs, die wir in diesem Sommer überall auf Festivals hören werden. Neben The Maccabees ("Marks To Prove It"), Courtney Barnett ("Pedestrian At Best") und Florence + The Machine ("What Kind Of Man") auch vertreten: Unknown Mortal Orchestra mit "Can't Keep Checking My Phone". 

Adding a 70s funk strut to their perma-baked psychedelic jams, UMO mk III is made for sun-drenched afternoons (hey, we can hope) as the party’s just kicking off. Glitchy samples add an underlying dance element that means this’ll also sound as good at 3am as it does at 3pm.
(NME)

Ruban Nielson (Gesang, Gitarre), Jake Portrait (Bass) und Riley Geare (Schlagzeuger) entschieden sich jedoch für den Titelsong als erste Single und expandieren ihr Psychdelic Rock-Spektrum um jazzige Bläser, Disco-Rhythmen, eine gehörige Portion Funk & Soul und Synthie-Experimente. "Multi-Love" ist deutlich weniger vertrackt als dessen Vorgänger "II", melodischer geraten und dadurch tatsächlich mit mehr potenziellen Hit-Singles gesegnet. Man stelle sich eine Session von The Flaming Lips, Led Zepplin, Sly and the Family Stone und Captain Beefheart vor.

Und so feiert der NME das Album auch entsprechend in einer 9/10 Punkte-Bewertung ab:
After 'Multi-Love' comes 'Like Acid Rain', a two-minute carnival of thick drums (played by Kody, Nielson's brother and former bandmate in punk group The Mint Chicks), prodding bass and guitar pitched as high as the "La, la, la, la, yeah!" chorus. 'Ur Life One Night' has a similar spring in its step, with chopped vocals and a guitar solo made all the more dizzying by the synth jarring underneath. Most of the keys on the album come from vintage synthesizers Nielson reconfigured in his basement-studio. 'Can't Keep Checking My Phone' – a jittery anti-smartphone rant that opens with parping trumpet and references South American drink chicha – deploys them extravagantly, ending the opening sequence with a springy mesh of beats and electronics.
The trumpet – played by Nielson's father Chris, who worked with his sons in The Mint Chicks – adds gloss to 'Extreme Wealth And Casual Cruelty', a six-minute journey through strident guitar and urges to "abandon extreme wealth and casual cruelty." 
It forms a bridge from a lighthearted first half to a second portion that explores immigration and socially-conscious paranoia. 'The World Is Crowded' swaddles its titular warning in a ballad, but closer 'Puzzles' is harsher. Windows smash, guitars lurch from acoustic to Led Zep-loud and Nielson goes from singing "America, open up your door," to screaming "I don't want to solve your puzzles anymore." After seven disorientating minutes, it fades with Nielson's acoustic, a perversely simple conclusion to a dense, detailed and wildly engrossing album.




Allein der Titel “Can’t Keep Checking My Phone” sagt so viel aus, dass dem kaum mehr was hinzuzufügen ist. Lyrisch geht es also um das Einhergehen von Beziehungen und dem Zwischenmenschlichen. Musikalisch erfahren wir eine farbenfrohe Mischung aus verstaubten Synthesizern, mit Phasern versehenen Basslines und natürlich die eindringlich hoch präsente Stimme von Ruban Nielson. Direkt nach dem Betätigen des Play-Knopfes werden wir in eine rosapinke Wolke (yammi Zuckerwatte!) von experimentellen Sounds und durchdachten Akkordfolgen eingesogen.
Der Titeltrack “Multi-Love” bleibt eine der vielschichtigsten Kompositionen und bindet gemeinsam mit “The World is Crowded” und “Necessary Evil” meine persönlichen Favoriten des Albums. Wenngleich auch der Finisher “Puzzles” eine Erwähnung verdient hat. So aufwirbelnd das Album auch ist, findet “Multi-Love” hier ein buntes Ende und lässt das Unknown Mortal Orchestra bildlich als ersten über die Ziellinie treten. Die LP ist erwartend psychadelisch veranlagt, hat seine durchaus rockigen Passagen und Nielson reflektiert mit seinem Pathos Zerstörtes und Wiedergefundenes im Bezug zu vergangenen Romanzen.
(noisiv)


Unknown Mortal Orchestra in Deutschland:
26.05. Berlin, Kantine am Berghain
14.09. Hamburg, Übel und Gefährlich
15.09. Köln, Gebäude 9
16.09. Frankfurt, Zoom
17.09. Berlin, Lido

Emile Haynie - We Fall
























Den Namen Emile Haynie werden vermutlich die Wenigsten kennen, dennoch dürften die Meisten bereits Singles oder Alben gehört haben, die der 34-jährige produziert hat. Die Probe aufs Exempel gefällig? "Runaway" von Kanye West, "Locked Out Of Heaven" von Bruno Mars, "Summertime Sadness" oder "Born To Die" von Lana Del Rey, "Final Masquerade" von Linkin Park oder "Guts Over Fear" von Eminem? Dachte ich es mir doch!

Emile Haynie betreut Künstler, die in den unterschiedlichsten Genres, von Pop über Hip Hop bis hin zu Nu Metal, aktiv sind und überraschte Anfang des Jahres mit der Ankündigung eines Soloalbums. Für die Aufnahmen zog er von New York nach Los Angeles ins Chateau Marmont, durchforstete vermutlich sein reichhaltig gefülltes Adressbuch und setzte sich ans Telefon, um Freunde und bekannte Künstler ins Studio einzuladen. Es ist nicht bekannt, wie erfolgreich er beim Akquirieren war, aber die Liste der Gastsängerinnen und -sänger ist beachtlich: Brian Wilson, Andrew Wyatt (Miike Snow), Rufus Wainwright, Lana Del Rey, Charlotte Gainsbourg, DEvonté Hynes (Lightspeed Champion, Blood Orange), Nate Ruess (Fun), Colin Blunstone (The Zombies), Lykke Li, Romy Madley Croft (The xx), Randy Newman, Father John Misty, Julia Holter und irgendwen habe ich bestimmt vergessen aufzuzählen.

"We Fall" liefert folgende Erkenntnisse: 1.) Alben wie dieses, die zahlreiche verschieden Gaststars Revue passieren lassen, liefern - positiv formuliert - immer ein sehr vielschichtiges und abwechslungsreiches Bild. 2.) Emile Haynie ist sicherlich ein besserer Produzent als Komponist und ein besserer Komponist als Sänger. 3.) Bei der Auswahl der Singles ("Falling Apart", "Wait For Life") hat Haynie, der mit seinem Album eine Trennung zu verarbeiten sucht, ein glücklicheres Händchen bewiesen als beim Plattencover.

Das sagen die Kritiker zu den 11 Titeln auf "We Fall" und so klingen die beiden Singles:

Und so hatte Haynie beim Songwriting nicht nur seine Ex vor Augen, sondern auch die einzelnen Künstler ihre eigene Vision der Lieder. So klingt „We Fall“ meistens wie sein jeweiliger Interpret und wie eine raffinierte Zusammenstellung der besten Indiehits der letzten Jahre: Wenn Lana Del Rey in „Wait For Life“ haucht, klingt es wie ein Song der auch locker auf ihr Debüt gepasst hatte. Oder wenn Nate Ruess über den Marsch von „Fool Me Too“ singt, fühlt man sich sofort an seine Hauptband fun. erinnert. Fehlt eigentlich nur Jason Pierce von Spiritualized, dessen Hymne „Ladies And Gentleman, We Are Floating In Space“ im Abschlusssong eindeutig und absolut grandios zitiert wird. Ist doch super gelaufen. Aber wer nimmt jetzt die Ex in den Arm?
(Focus)




Er selbst singt dabei nur sehr selten – und wenn, dann eher charmant kratzig als gut. Dafür hat er eine unglaubliche Gäs teliste zusammengetragen. Holen Sie tief Luft und heißen Sie willkommen: Brian Wilson, Rufus Wainwright, Lana Del Rey, Charlotte Gainsbourg, Lykke Li, Randy Newman,  Father John Misty, Julia Holter, Nate Ruess und Colin Blunstone, die göttliche Stimme der Zombies. Entweder ist Haynie ein unglaublich netter Kerl oder ein genialer Erpresser. Auf jeden Fall ist er klug und talentiert genug, jedem Gast einen passenden Song auf den Leib zu schneidern.
Wenn Brian Wilson singt, dann an der richtigen Stelle, das Duett von Father John Misty und Julia Holter ist so zerschossen, dass es beiden Stimmen künstlerisch gerecht wird. Am Ende singt Haynie das Beziehungsdrama „The Other Side“ und zitiert dabei LADIES AND GENTLEMEN, WE ARE FLOATING IN SPACE, die große Heroin-und-Liebeskummer-Platte von Spiritualized. Diese Referenzen, diese vielen großen Namen – es ist kaum auszuhalten. Neid, Missgunst und Respekt.
(Musikexpress)




Natürlich gibt es bei diesem Staraufgebot auch einige schöne Momente. Die sind aber so selten, dass man bereits nach der Hälfte des Albums genug hat. Aber pünktlich nach dem Langeweile-Höhepunkt „A Kiss Goodbye“ ändert sich Stil und Laune für das hoffnungsvolles „Fool Me Too“. Das liegt vor allem an der etwas positiveren Grundstimmung, die von Sänger Nate Ruess perfekt in Szene gesetzt wird. Schön, geht doch.
Das darauf folgende „Nobody Believes You“ ist eine Reminiszenz an die 1960er-Band The Zombies, deren Sänger dann auch direkt ins Studio geladen wurde. Klingt dann auch schön nach früher. Und dann? Dann wird es wieder so dermaßen öde und belanglos, dass man fast schon ein bisschen Angst um die Pop-Musik der kommenden Jahre bekommen muss. Allerdings gibt Haynie die Erklärung zum schwachen „Come Find Me“ selbst: „Lykke Li kam zum Tee in mein Hotelzimmer, und ich sagte ihr nicht mal, dass ich gerne eine Aufnahme mit ihr machen würde. Stattdessen schrieb ich einfach schnell den Text auf und komponierte fünf Minuten bevor sie klopfte diese Melodie.“
Hauptsache wir sammeln so viele Namen und Musikrichtungen auf einem Album, wie irgendwie geht, scheint die Devise. Ich zitier derweil lieber einen bekannten Jutetaschen-Spruch: „Das kannst Du schon so machen, aber dann isses halt kacke.“ In diesem Sinne.
(Crazewire)


Sóley - Ask The Deep
























Sóley Stefánsdóttir konnte die versammelten Plattenrichter 2011 mit ihrem Debütalbum "We Sink" überzeugen und mit 8,100 Punkten auf dem 5. Platz in den Jahrescharts landen. Seitdem hat sich einiges getan bei der Isländerin: Sie hat ein Kind zur Welt gebracht und sich mit der "Krómantík" EP, einer Sammlung minimalistischer Klavierkompositionen, vom Piano als dominierendes Instrument  verabschiedet.  

Ein Blick auf das Plattencover lässt bereits vermuten, dass "Ask The Deep" von einer düsteren, bedrohlich wirkenden Atmosphäre umschossen wird, die uns frösteln lässt. Sóleys versponnene Märchenwelten sind nicht von niedlichen Elfen, sondern von Hexen, Teufeln und Dämonen bevölkert. Tribal-Beats, Orgelklänge, elektronische Sounds und skurrile Arrangements rücken Sóley ein wenig von den Soap&Skin-Vergleichen in Richtung Beach House oder Dillon. 


The mood darkens here from her previous work; from the album’s first stanzas, she sings of loving the devil himself, then wonders if he’s actually taken her over: “If my mind is the devil/ I will have to leave,” she sings through a cavern of piano and synth. “It’s never sunny anyway,” she continues, as if condemning the geographical downfalls to her northern hemisphere home in Iceland.
“Devil”, the album’s opener, sets a tempo and mood that follows steadily through the rest of the record. She sings through the same multiple tracks, mixed to the same level above her instrumentation. Certain songwriting choices feel lifted verbatim from their sources; the intro to “Halloween” echoes The Knife’s “Marble House” so closely it could be a remix of the 2006 single. Others, like the lurching back-and-forth beat on “Follow Me Down”, push Sóley toward a post where she can sing authoritatively over the swarm of instruments that build beneath her. But the songs swell in round, easy ways, rarely plunging into the sadness and anger that show themselves in flickers throughout her lyrics.
Ask the Deep is a steady album that’s tinged with melancholy and readily attentive to its own prettiness. But if there’s danger to be found emanating from Sóley’s music — and with lines like “maybe it’s best if I kill you right now,” there should be — it’s too quickly smoothed over by an unchanging sheen.
(Consequence Of Sound)




Sóley Stefánsdóttir hingegen scheint alle Farben gleichermaßen zu hassen. Früher gehörte sie zur Tagträumer-Folk-Band Seabear aus Reykjavik. Inzwischen ist sie Solokünstlerin, inszeniert sich auf Plattencovern als menschliches Francis-Bacon-Gemälde und schreibt Elektropopstücke, die kein Licht oder Land mehr sehen. Die Dunkelheit und das Morbide auf Sóleys zweitem Album Ask The Deep sind jedoch eher skurril als gefährlich. 
Es gibt ein Lied über Tänze mit dem Teufel, eins über Halloween und eins über jemanden, der erst lebendig begraben und dann wieder ausgebuddelt wird. Wäre die Platte ein Film, müsste also Tim Burton Regie führen. Dazu passend musiziert Sóley nach eigenen Klangvorstellungen. Ihre Songs tröpfeln im Schatten des Elektro-Zeitgeists. Sie tapsen und tasten, schleichen untanzbar voran – und manchmal auch unbemerkt an einem vorbei.
(Zeit)


Sóley in Deutschland:
25.05.15 Berlin, Volksbühne
27.05.15 Frankfurt, Zoom
28.05.15 Köln, Gebäude 9
24.09.15 Hamburg, Reeperbahnfestival

The Leisure Society - The Fine Art Of Hanging On
























The Leisure Society waren für zwei Singles aus ihrem Debütalbum "The Sleeper" (2009) für den Ivor Novello Award nominiert, konnten mit den beiden folgenden Platten "Into The Murky Water" (2011) und "Alone Aborad The Ark" (2013) die untersten Regionen der englischen Charts erkunden (Platz 75 bzw. 71), durften Lob von Brian Eno einstecken und Laura Marling auf Tour begleiten. 

"The Fine Art Of Hanging On" wird die von Nick Hemming angeführte Gesellschaft nun auch nicht in ungewohnte Chartshöhen katapultieren. Dabei hätte es das Album verdient. Beispiele gefällig? Wann hat man bei Belle & Sebastian zuletzt die Bläser so groß und befreit aufspielen hören wie hier auf dem Titelsong. Dazu gibt es zum Einstieg ins Album noch Peitschengeknalle wie auf "The Legend Of Xanadu". Danach schweben The Leisure Society in den Easy-Pop-Gefilden der High Llamas ("Nothing Like This") und liefern anschließend mit "Tall Black Cabins" schwermütigen Kammerpop ab, der alle Fans von The Divine Comedy begeistern dürfte. "I'm A Setting Sun" kommt ungewöhnlich glam-rockig daher, während "You Are What You Take" The Miserable Rich wieder auferstehen lässt. Meine Lieblingssongs, "You'll Never Know When It Breaks" und "All Is Now", folgen jedoch erst im weiteren Verlauf. 

Auch wenn "The Fine Art Of Hanging On" keine großen Charterfolge wird feiern dürfen, wäre es schön, wenn mehr Menschen auf The Leisure Society aufmerksam würden. 




The opening title track builds beautifully – beginning with a lonely, eerie synth line, before exploding into life for the chorus: it does sound a little bit dated, bringing to mind the Mumford And Sons-led nu-folk revival of 2010, but you can’t deny the energy and exuberance on display. Ten Black Cabins shows off the band’s more downbeat side, to gorgeous effect: it’s a gloriously hypnotic ballad, employing some atmospheric strings and a haunting piano line. There are touches of Conor O’Brien’s Villagers in Hemming’s vocal, or that of John Bramwell of I Am Kloot.
So far, so The Leisure Society. Yet there are genuine surprises on The Fine Art Of Hanging On for long-term fans. I’m A Setting Son is the most memorable moment, mainly due to it’s almost glam-rock beat and fuzzy guitar riffs, augmented by a blasting horn section, and a disorientating switch of tempo towards the end – it’s one of the big highlights of the album. Wide Eyes At Villains is another little gem, taking its time over five and a half minutes to slowly unfold and display big brass flourishes and more of those swooning strings. It’s at times like these you realise why Hemming is so highly rated by his peers.
Some people will remain perplexed – this is still, to all and purposes, a traditional, ‘classic’ sound, and anyone wanting to hear something revolutionary will probably be disappointed. Yet during the album’s closing track, an acoustic strum called As The Shadows Form, something draws you in to listen even more closer: and, as Hemming sadly sings lines like “all this may just keep you sane as the shadows form around you….I know this has to end, I know that this must be the end”, you’re reminded of the dying friend who inspired the album, and the emotional impact is like a punch to the gut. It’s moments like this that confirm Hemming to be one of our most underrated songwriters.
(musicOMH)


In the place where Ennio Morricone-style whipcracks and Jethro Tull flute lines meet, you’ll find the Leisure Society’s fourth album. This indie-folk band, fronted by guitarist Nick Hemming and piano-playing co-vocalist Christian Hardy, have inadvertently made a concept album inspired by the death of one of Hemming’s friends from cancer. While an upbeat piano hook anchors Nothing Like This and I’m a Setting Sun relies on chunky guitar riffs and peppy horns, the lyrics deal primarily with loneliness and mortality: on Outside In, Hemming sings, “In your heart you know you’re worth/More than you were ever told,” over a paradoxically chirpy melody. The Fine Art of Hanging On is another capably written set, but turns its back on the band’s pared-down folk roots in favour of baroque-pop arrangements that reach for the heights of Rufus Wainwright and Illinoise-era Sufjan Stevens, but don’t always hit the mark.
(The Guardian)


The Leisure Society in Deutschland:
02.06.15 Berlin, Berghain Kantine
03.06.15 Hamburg, Prinzenbar