Neue Platten vorstellen, diskutieren und bewerten.




Freitag, 21. November 2014

Damien Rice - My favourite faded fantasy
Ingo Freitag, 21. November 2014 0 Kommentare

 




















Einige Songs von Damien Rices Debüt “O” (Platz 32 der besten Alben der Jahre 2000 - 2009 bei PvG) haben sich seit 2002 für mindestens zwölf Jahre in mein Gehirn eingebrannt. Diese gefielen mir so gut, dass die vier Jahre Wartezeit bis zur Veröffentlichung des Nachfolgers “9” schon recht lange erschienen. Auch “9” war ein starkes Album, aber die Wirkung von “O” erreichte es bei mir nicht. Zur Strafe ließ der irische Musiker uns nun sogar acht Jahre auf “My favourite faded fantasy” warten.

Schon die mit gut zwei Dutzend Musikern beeindruckend lange Liste der Mitwirkenden lässt vermuten, dass Damien Rice sich für “My favourite faded fantasy” nicht allein auf die Wirkung seiner Akustikgitarre verließ. Die Aufnahmen fanden auf Island statt und Damien Rice lud gefühlt JEDEN isländischen Musiker in sein Haus mit Studio ein um an seiner Musik zu basteln. Da sind eine stattliche Anzahl von Bläsern und Streichern angetreten, seinen Songs einen dicht gewobenen Klangteppich zu verschaffen. Doch auch unter diesen Bedingungen bewahrt Rice noch einige intime bis filigrane Atmosphäre. 

Unter den zahlreichen Gästen sind u.a. Helgi Jónsson und dessen Freundin Tina Dico sowie Markéta Irglová. Den Weggang von Lisa Hannigan können diese m. E. aber nicht komplett kompensieren. Rick Rubins Beitrag als Produzent erscheint mir eher unauffällig.

Ich finde man spürt das Herzblut, welches Rice in “My favourite faded fantasy” gesteckt hat.  Wer auf der Suche nach ein paar locker-fluffigen Songs ist, wird hier nicht fündig werden. Aber wer sich Zeit nimmt und die Muse findet, wird sicher einiges entdecken können. Doch während Rice sich und seine Songs auf “O” zurückhaltend unter die Lupe seiner Hörer begab, versucht er nun mit einem Megafon in der Hand die gleiche Wirkung zu erzielen. Das funktioniert nicht ganz. Trotzdem ist “My favourite faded fantasy” keine echte Enttäuschung und ich möchte nun wirklich nicht 16 Jahre auf den Nachfolger warten müssen.

Anspieltipps sind “It takes a lot to know a man”, “The greatest bastard”, “I don’t want to change you” und “Long long way”. 

“I don’t want to change you”:

“My favourite faded fantasy” wird in diversen Editionen angeboten und auch die limitierte Auflage in einer Holzbox ist noch verfügbar.

Donnerstag, 20. November 2014

Museé Mécanique - From Shores Of Sleep
Dirk Donnerstag, 20. November 2014 1 Kommentare




















Scheint wohl Konstantin Gropper Woche bei Platten vor Gericht zu sein! Erst werden die drei neuen EPs von Get Well Soon vorgestellt und nun folgt mit Museé Mécanique noch eine seiner Lieblingsbands. Und die Band aus Portland hat Gropper mit ihrem neuen Album "From Shores Of Sleep" erneut begeistert, denn er sieht in diesem „das fantasievollste, opulenteste, ambitionierteste und schlichtweg schönste Hörerlebnis seit langem“. 

Museé Mécanique, die aktuell aus Micah Rabwin, Sean Ogilvie, Matthew Berger, Brian Perez und John Whaley bestehen, ließen sich ein wenig Zeit für den Nachfolger von "Hold This Ghost", der 2010 den 27. Platz bei Platten vor Gericht (7,5 Punkte im Durchschnitt) erreichte. Zwischen orchestralem Folk- und verträumtem Kammerpop bewegen sich die 10 Songs auf "From Shores Of Sleep", die sich thematisch mit der Seefahrt und "dem ganzen, großen Drama des offenen Meeres" auseinandersetzen. Wellenrauschen, anschwillende Streicher, singende Säge, Akkordeon, Bläser und Chorgesang sorgen für einen Hörgenuss, der vermutlich diesmal die 7,5-Punkte-Marke durchbrechen wird. Ganz bestimmt, wenn Konstantin Gropper eine Bewertung abgibt.     

Wie sanfte Wellen strömen diese Lieder heran, funkeln sachte, erheben sich mit leicht schwingenden Flügeln. Andere ruhen förmlich in sich, nehmen dich sanft an die Hand, um dir eine verwunschene, jedoch schöne Welt vorzuführen. Einsam plinkernde Pianotöne treffen auf warm sprühende Akkordeontöne, Bläser zaubern pastorale Ornamente, Streicher wiegen sich im Klang der Akustikgitarren, ein Windhauch touchiert das Glockenspiel und die Stimmen schweben zart und leicht wie Federn durch die Lüfte.

„From Shores Of Sleep“ spült uns an jene Ufer des Schlafs, die uns auf die poetische Art träumen lassen. Flüchtige Songs, die sich weich an und um die Seele schmiegen, dir sagen, dass alles gut wird. Eine Flüchtigkeit, die jedoch in die Tiefe geht, zwar sachte, aber mit einer Nachhaltigkeit, die uns ein stilles Schwärmen beschert. Ist das Folk-Pop? Oder Chamber-Pop? Als Krücke dürfen Musée Mécanique so eingeordnet werden, ihren feinsinnigen und feinfühligen Songs werden derartige Stilzuweisungen nicht gerecht. Der Songreigen hat etwas Beruhigendes, Zufriedenstellendes und Wahrhaftiges. Es ist ein auf seltsame Weise schönes Album! Lasset die Worte nun ruhen und lauschet mit Andacht!
(CD Starts)


Mittwoch, 19. November 2014

Get Well Soon - Greatest Hits EP
Dirk Mittwoch, 19. November 2014 0 Kommentare




















Get Well Soon zum Dritten

"Greatest Hits" lautet der Titel der dritten und abschließenden EP, die kommenden Freitag veröffentlicht wird. Zu hören sind jedoch nicht die größten Gassenhauer von Get Well Soon, sondern Groppersche Lieblingslieder, darunter drei Welt- sowie drei Geheimhits. Mit dem Covern kennen sich Get Well Soon aus, gelang ihnen doch mit der Neuinterpretation von Underworlds "Born Slippy" eine sehr hörenswerte Umwandlung eines elektronischen Dance-Songs in eine akustische, verhaltene Ballade. Ähnlich gut gelingt dies selten, vielleicht noch Travis mit ihrer Version von "Baby One More Time" (Britney Spears). 

Was hat Konstantin Gropper zu "Greatest Hits" zu sagen?

Cover versions have a bit of a tradition with Get Well Soon. This EP is just a small collection of songs that I wanted to reinterpret. It has been my long-standing plan to cover only superhits on one record (I thought, I‘d learn something), but somehow that got lost somewhere along the way. That‘s why there are only three superhits and three secret hits on this EP. These versions  were developed for very different reasons and occasions over the years. I hope the selection is quite controversial.
(Konstantin Gropper)

Auf "Greatest Hits" gelingt es Get Well Soon sich die Songs zu eigen zu machen und in den persönlichen Klangkosmos zu überführen. Ein so großer und überraschender Coup wie mit "Born Slippt" gelingt ihnen jedoch weder bei den Welthits (z.B. "Rocket Man" von Elton John oder "Always The Sun" von The Stranglers) noch bei den obskuren Geheimhits (etwa "Lucifer Rising" aus dem Soundtrack des dazugehörigen Films vom Kenneth Anger). Verwundert die Augen (und Ohren) reiben darf man sich vielleicht bei der Auswahl (und Interpretation) von "Careless Whisper", der ersten Solo-Single von George Michael. Naja, so ganz überraschend kommt dies auch nicht, schließlich wurden Wham! und "Last Christmas" bereits einmal von Get Well Soon in ihrem Song "Heading Home To The Pole" zitiert ("Last time I gave you my heart, but the very next day, you were off with a sleigh").

"Greatest Hits" ist nicht die beste, aber auch nicht die schlechteste der drei November-EPs und reiht sich somit zwischen "The Lufthansa Heist" und "Henry - The Infinite Desire Of Heinrich Zeppelin Alfred Von Nullmeyer" ein. Man darf gespannt sein, ob sich Get Well Soon auf der anstehenden Tournee, wenn an einem Abend drei unterschiedliche Sets gespielt werden sollen, an der Aufteilung dieser drei EPs orientieren oder etwas komplett anderes ausgeheckt haben.



„Greatest Hits“, die dritte EP und krönender Abschluss, erscheint am 21. November. Darauf zu hören: Covers, unter anderem „Always The Sun“ von The Stranglers, George Michaels „Carless Whisperer“ und „Rocket Man“ von Elton John. Den Songs drückt Gropper seinen Stempel auf, ohne ihnen ihre Eigenständigkeit zu berauben. Verblüffend gut harmoniert seine tiefe Stimme mit den doch teils cheesy Pop-Songs. Ein Lächeln auf den Lippen ist beim Hören dieser Stücke kaum zu unterdrücken.
(curt)


Get Well Soon live:    
20.01.15  Leipzig, UT Connewitz
21.01.15  Berlin, Heimathafen
22.01.15  Bochum, Bhf. Langendreer
23.01.15  Frankfurt, Brotfabrik
28.01.15  München, Freiheiz
29.01.15  Wien, Porgy & Bess
30.01.15  Innsbruck, Weekender
31.01.15  Stuttgart, Wagenhallen



Dienstag, 18. November 2014

Get Well Soon - Henry - The Infinite Desire Of Heinrich Zeppelin Alfred Von Nullmeyer EP
Dirk Dienstag, 18. November 2014 0 Kommentare




















Get Well Soon zum Zweiten

Für den zweiten Teil ihrer EP-Trilogie packen Konstantin Gropper & Co. die Gitarren wieder weg und präsentieren in 20 Minuten 5 Soundtrack-artige Songs sowie einen thematischen Überbau:  

This one‘s a reverence to one of my favorite authors: Arnold Stadler. Or maybe it‘s a salute to his 60th birthday this year. Mostly his novel „Death and me, the two of us“ („Der Tod und ich, wir zwei“) has been accompanying and inspring me for quite a while now. These five songs are a musical hommage to this very romantic, dark, smart and funny book. Self-pitty, crooked biographies, fear of being alone, the ridiculousness of life and most of all the great longing. Just like in one of Stadler‘s most famous quotes: ,Once in this world and then like this.‘ I could go on forever about the content, but I‘d much rather recommend to read the novel. I also hope, this music will work on its own, too.
(Konstantin Gropper)

Nach einem kurzen Instrumental schwelgen Get Well Soon in getragenem Orchesterpop, vergessen die Abkehr vom Bombast der zuvor veröffentlichten "The Lufthansa Heist" EP und holen Keyboards, Piano, Streicher, Handclaps, Chorgesang usw. zurück in ihren so eigenen Klangkosmos. Die "Henry" EP zeigt deutlich, warum die so unterschiedlich arrangierten Songs der beiden EPs nicht ohne weiteres auf einem Album homogen zu kombinieren waren.
 
Zum stärksten Song der EP, "Mail From Heidegger", gibt es ein Video:



Nachdem auf dem ersten Release die rockigeren Klänge zelebriert wurden, feiert Gropper auf “Henry” den Autoren Arnold Stadler, dessen Roman “Der Tod und ich, wir zwei” Gropper in den letzten Jahren viel Inspiration geliefert hat. Die Stücke sind eine “Hommage an das sehr romantische, dunkle, intelligente und lustige Buch”, verpackt in ausgefeilte Arrangements, die luftig instrumentiert sind und meist in gemächlichem Tempo daherfließen. Die Erzählungen liegen klar im Vordergrund und das Songwriting ist deutlich anspruchsvoller, als bei “The Lufthansa Heist”. Die fünf Songs kommen mit allerlei Percussions, Bläsereinsatz, Streicherarrangements und orchestralen Klängen daher und zeigen die melancholischere Seite von Get Well Soon, welche die Band ebenso sehr ausmachen, wie die rockigen Klänge der ersten EP.
(White Tapes)

Montag, 17. November 2014

Get Well Soon - The Lufthansa Heist EP
Dirk Montag, 17. November 2014 1 Kommentare



















Get Well Soon zum Ersten

Konstantin Gropper ist offensichtlich seit jeher ein Fan von EPs und so haben sich in meiner Plattensammlung in den letzten Jahren so einige Extended Plays der Band Get Well Soon angesammelt, wobei die ersten Hüllen noch einen sehr starken DIY-Charakter haben: " Secret Cave, A Swan" (2005),  "My Tiny Christmas Tragedy" (2005), "Glaciers, Kisses, Apples, Nuts" (2006), "All That Keeps Us from Giving In" (2007), "Songs Against the Glaciation" (2008) und (in digitaler Form) "Get Well Soon and the Grand Ensemble. Live at the Konzerthaus Dortmund" (2010).

Nun wurden/werden im November im Wochen-Rhythmus gleich 3 EPs veröffentlicht, die wahlweise als limitiertes 10'' Vinyl oder per Download zu haben waren. Wer sich für die Vinyl-Version entschied, bekam die 3 EPs direkt in einer Lieferung zugeschickt, ansonsten machte "The Lufthansa Heist" am 07. November den Anfang.

I don‘t know exactly, if has been an early midlife-crisis or a second puberty, a simple rush of nostalgia or an identity crisis that led to the question: Why did I start this in the first place? In any case it led me back to the music, that made me want to have a guitar and start a band. I think they used to call it College Rock. And I swear I started to have pimples again when I produced these songs. 

(Konstantin Gropper)

In 26 Minuten versammelt Gropper hier 5 Lieder (sowie ein verstecktes und ein wenig an Weezer erinnerndes Instrumental), die eher die rockige Seite von Get Well Soon dokumentieren und vom Gitarren-Sound geprägt sind. Auf Bombast und Pathos wurde hier komplett verzichtet - können das Get Well Soon also doch noch! Nach dem letzten Album "The Scarlet Beast O' Seven Heads" (2012) musste man daran ja ein wenig zweifeln.

Im Januar folgt eine kurze Tour von Get Well Soon, bei der ich Songs wie "The 4:3 Days", "A Night At The Rififi Bar" und vor allem "The Pope Washed My Feet In Prison", ein entfernter Verwandter von Pulps "Common People", auf keinen Fall missen möchte!




Die fünf Stücke auf “The Lufthansa Heist” lassen dann auch wirklich an zerrissene Jeans und den ersten Kontakt mit Gitarrenmusik denken. Mit viel Verzerrung und ausgewachsenen Gitarrenwänden referenziert Gropper hier die Gitarrenmusik der letzten 20 Jahre. Von Grunge über College-Rock bis Indie-Rock ist alles dabei. Natürlich hübsch verpackt in den bombastischen Sound, für den Get Well Soon bekannt ist. So werden Erinnerungen an die Bandstücke “Busy Hope” oder auch “Listen Those Lost At Sea, Sing A Song On Christmas Day” wach, die nicht umsonst zu den stärksten Songs der Band gehören.

(White Tapes)

Get Well Soon live:    
20.01.15  Leipzig, UT Connewitz
21.01.15  Berlin, Heimathafen
22.01.15  Bochum, Bhf. Langendreer
23.01.15  Frankfurt, Brotfabrik
28.01.15  München, Freiheiz
29.01.15  Wien, Porgy & Bess
30.01.15  Innsbruck, Weekender
31.01.15  Stuttgart, Wagenhallen


Sonntag, 16. November 2014

TV On The Radio - Seeds
Ingo Sonntag, 16. November 2014 0 Kommentare






















Bei der Beschreibung des letzten TV On The Radio Albums “Nine types of light” zog ich noch die Begriffe “Avantgarde” und “Funk”. Für das fünfte Studioalbum “Seeds” kann ich mit “Electropop” und “Indierock” fast das ganze Spektrum abdecken. Und in diesem Fall ist noch weniger wirklich noch mehr. Schon auf dem Vorgänger wurde die amerikanische Band songweise radiotauglich aber noch nie klang TV On The Radio so gefällig und eingängig wie auf “Seeds”. Davon zeugt vor allem der instant Hit “Happy idiot”. “Could you”, “Love stained” und “Winter” sind ebenfalls stark und einen Ausfall leisten sich die routinierten Herren nicht. Das Ergebnis ist das Electropop Album des Jahres.

der blick gen himmel gerichtet wird einem bewusst, tv on the radio bewegen sich in ‘ seeds ‘ unhaltsam nach vorne. diese platte ist eine perfekte destillation von dem, was die band am besten kann. eine perfekte platte als einstiegspunkt für neulinge und eine lohnenswerte anschaffung für alle anhänger, die seit anbeginn ihr herz an tv on the radio verloren haben.
TV on the Radio are called many things, but until now a pop act wasn't one of them. Seeds, the band's latest, and first since the passing of bass player Gerard Smith, is the most clear-eyed and anthemic album of their career. It's also the closest thing to pop the group is likely to produce. 

Das Video zu “Happy idiot”:

Samstag, 15. November 2014

The Foreign Resort – New Frontiers
Olly Golightly Samstag, 15. November 2014 0 Kommentare



















The Foreign Resort scheinen ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Jedes Mal wenn das neue Album New Frontiers mein Büro beschallte, hagelte es von zufällig vorbeikommenden Kollegen Lob und Beifall. Natürlich wurden dann gerne Vergleiche heraufbeschworen und auch wenn der Name The Cure überdurchschnittlich oft fiel: Die drei Dänen schaffen es, Post Punk, New Wave, Shoegaze und Pop so gekonnt zu mischen, dass man eins der abwechslungsreichsten und kurzweiligsten Alben des Jahres aus diesem Genre zu hören bekommt.

Doch nicht nur The Cure-Einflüsse sind erkennbar. Die charismatische Stimme von Mikkel, die Tiefe der Melodien oder beispielsweise die wuchtigen Drums am Anfang von “Dead Ends Roads” erinnern stark an Depeche Mode. Das ist keinesfalls Zufall, denn Produzent von “New Frontiers” ist kein anderer als John Fryer (Depeche Mode, NiN, PJ Harvey). Trotz all dieser erkennbaren Einflüsse verliert The Foreign Resort nicht an eigener Identität. Zu ihrem Mix aus 80s Post Punk und New Wave kommen diese elektronisch-psychedelischen Zusätze gepaart mit sehnsüchtigen Ideen. (Radio Q)



Schön dicht und mit hohem Niveau gehen sie wieder zu Werke, lassen es mal mit Shoegaze Sounds richtig krachen oder wie bei Alone feine Wavepop-Melodien der Marke The Mary Onettes oder The Cure erschallen. Überhaupt scheinen sie sich zwischen den Genrestühlen am Wohlsten zu fühlen. Mal ist es wie beim Titeltrack oder dem an Clan Of Xymox erinnernden Landslide Wave-Rock, bei dem treibende Rhythmen auf eingängige Melodien und den Gesang mit Wiedererkennungswert von Frontmann Mikkel B. Jakobsen treffen, mal wird es getragen melancholisch wie bei Dead Leaves oder dem wunderschön verträumten Quiet Again. Doch ganz gleich, welche Marschrichting The Foreign Resort beim jeweiligen Song vorgeben, es bleibt immer authentisch. (sparklingphotos.de)





New Frontiers ist bereits das dritte Album der Kopenhagener. Die beiden Vorgänger sind mir bisher nicht bekannt – das wird sich ändern!

Im Februar 2015 sind The Foreign Resort für zwei Termine in Deutschland (ohne Gewähr):
06.02. Köln, Tsunami
07.02. Siegen, Vortex

Freitag, 14. November 2014

Bonnie 'Prince' Billy - Singer's Grave A Sea Of Tongues
Dirk Freitag, 14. November 2014 0 Kommentare




















Es stimmt eigentlich schon, dass Will Oldham bei Platten vor Gericht eher ein Außenseiter-Dasein fristet. Gerade eine Vorladung ("The Letting Go") hat er in den letzten acht Jahren erhalten - nicht gerade viel bei einer zweistelligen Zahl an Veröffentlichungen unter dem Namen "Bonnie 'Prince' Billy" im gleichen Zeitraum!

Kein Wunder, dass der nette Herr von Domino Records neulich anmerkte: 
Vermisse seit Jahren Bonnie Themen bei euch. Da muss sich doch mal wieder was tun und jetzt, mit dieser vielgelobten neuen Platte, wäre dafür das perfekte Comeback geboten. 

Ich habe ja nur einen kleinen Draht zur US-Folk-Gitarre und schätze von Bonnie 'Prince' Billy nicht viel mehr als "I See A Darkness", das ich über das Cover von Johnny Cash erst kennenlernte. Der Domino-Mann wollte diesen Misstand natürlich gerne beheben und schrieb mir:
Hast du denn einen kleinen Draht zur US-Folk-Gitarre? Bonnie ist berühmt geworden mit seinem "I See A Darkness" Album und Song (1999), als Johnny Cash den für sein American III Album coverte. Hast du bestimmt schon mal gehört. Davor war Bonnie schon sehr aktiv, insbesondere die Palace Brothers/Palace Music Alben waren tolle Früh-90er Folkplatten. Und nach 2000 war Bonnie dann einfach immer weiter und konstant aktiv was die Plattenproduktion betrifft. Da waren mal bessere mal schlechtere Dinger dabei. Mein Favorit ist "The Letting Go" (2006, war scheinbar auch Bonnies letzte VÖ, über die PVG berichtet hat) und jetzt eben sein aktuellstes tatsächlich endlich wieder sehr ansprechendes Album "Singers Grave A Sea Of Tongues". Ach und in Filmen hat der Gute auch schon viel mitgespielt. Da kann ich "Old Joy" (2006) empfehlen.

Aber vor den Filmen sollte es dann erst einmal die neue Platte sein. Kaum war "Singer's Grave A Sea Of Tongues" einmal durchgelaufen, kam bereits eine hoffnungsvolle Domino-Mail: 
Uuund? Inzwischen angekumpelt mit Bonnie? Oder für dich doch zu viel Country in seinem Folk? Hab das Album heute morgen erst wieder gehört. Ich empfehle als Anspieltipps "We Are Unhappy" oder "So Far And Here We Are".

Aber wie soll ich es ihm jetzt nur beibringen? Da ist für mich doch zu wenig Folk in seinem Country! Stattdessen lassen wir doch lieber andere die Platte hochloben:

"Singer's grave a sea of tongues" heißt das Werk – ein musikalisches Kleinod, auf dem Bonnie 'Prince' Billy einige Songs aus dem 2011 erschienenen Studioalbum "Wolfroy goes to town" noch einmal neu arrangiert hat. Aufgenommen wurde das Material mit Produzent Mark Neves (Lambchop, Silver Jews) in Nashville. Nicht weniger als 13 Musiker hat sich Oldham für die Neueinkleidung seiner Lieder ins Studio geladen. Waren die Songs im Original puristisch und still, bekommen sie in der Überarbeitung oft mehr Konturen, mehr Schärfe, mehr Tiefe. Am stärksten ist die Mitte des Albums geraten.

Das beschwingte "Quail and dumplings", hübsch dekoriert mit einer singenden Violine, nimmt den Hörer entschieden an die Hand und wandert mit ihm barfuß und mit geschlossenen Augen über Stock und über Stein. Im Vergleich zur Vorlage ist hier zwar etwas Intimität verlorengegangen, doch der Song kann sich so besser entfalten. Der Country-Walzer "We are unhappy", in dem Oldham anfangs allein über Akustikgitarre und Banjo singt, bekommt im weiteren Verlauf dank eines kolossalen Frauenchors gar einen Gospel-Anstrich verpasst.

Den besten Moment gibt es am Ende von "New black rich (Tusks)" – ein ebenso düsterer wie ergreifender Track, der so schön ist, dass er fast wehtut. Oldham haucht die letzten Zeilen des Songs derart sanft ins Mikro, dass der Zeiger der Wanduhr keinen weiteren Schlag wagt. Und es wird einem warm ums Herz. Diese Platte könnte wichtig werden im Herbst.
(Plattentests)


Dass eine regelrechte Bigband die neuen Songs von Bonnie Prince Billy umgesetzt hat, fällt kaum auf. Der Sound scheint zu schweben, hin und wieder fädeln sich die Klänge einer Steel Guitar oder einer Country Fiddle ein. Ultrareduziertes, äußerst raffiniertes Sounddesign ist das. Mit dem Bandprojekt Palace Brothers hat Will Oldham noch eine andere Klang-Ästhetik verfolgt, in Low-Fi gemacht, verzerrte. übersteuerte Aufnahmen, doch davon möchte der wohlüberlegt agierende Bonnie Prince Billy nichts mehr wissen. Der Künstlername erinnert manche Zeitgenossen nicht nur an Billy The Kid erinnert, im 19. Jahrhundert Amerikas größter Gesetzesloser. Der dreigeteilte Name Bonnie Prince Billy sorgt auch für verstärkte Aufmerksamkeit. Als Rezensent muss man ihn immer in voller Länge benutzen. Deshalb haben Sie nun schon mindestens sieben Mal den einprägsamen Künstlernamen gehört. Man merkt: Nicht umsonst gilt Bonnie Prince, na, Sie wissen schon, neben Bill Callahan und Devendra Banhart als einer der erstaunlichsten US-Songautoren der jüngeren Generationen.

Nothing Is Better, heißt dieser feine Country-Gospel-Titel. Stimmt, der aus Kentucky stammende Songschreiber hat jedenfalls noch nie ein richtig schlechtes Album gemacht. Auch Singer’s Grave – A Sea Of Tongues, die 15. Studio-LP des bärtigen Folk-Barden mit dem Künstlernamen Bonnie Prince Billy, wächst mit jedem Hören. Erschienen ist die Scheibe mit eindrücklich-angenehmem Alternativ-Country bei Drag City.
(BR)



Donnerstag, 13. November 2014

Simple Minds - Big Music
Dirk Donnerstag, 13. November 2014 0 Kommentare




















10 Fakten zum neuen Album der Simple Minds:

1. "Big Music" lautet der Titel des sechzehnten Studioalbum der schottischen Rocker, das Ende Oktober, fünf Jahre nach ihrer letzten Platte "Graffiti Soul", veröffentlicht wurde.

2. Zur aktuellen Besetzung der Simple Minds zählen die Gründungsmitglieder Jim Kerr (Gesang) und Charlie Burchill (Gitarre, Keyboards), Mel Gaynor (Schlagzeug), der mit kurzen Unterbrechungen seit 1982 dabei ist, Andy Gillespie (seit 2002 an den Keyboards) und Ged Grimes, der mittlerweile vierte Bassist der Band und erst seit 2010 im Team.

3. Zunächst sollte der Titelsong als erste Single ausgewählt werden, doch dann entschied sich die Band für "Honest Town", das am 10. Oktober veröffentlicht wurde. Das dazugehörige Video sieht so aus:


4. Neben den Simple Minds selbst, sorgten Gavin Goldberg (Simply Red, Chrissie Hynde, Mick Hucknall), Owen Parker (Pet Shop Boys, Girls Aloud), Steve Hillage (The Charlatans, The Orb) und Steve Osborne (A-ha, New Order, Starsailor) an den Reglern für einen bombastischen Klang des elektronisch aufgepeppten Stadion-Rocks. Iain Cook von Chvrches durfte als Co-Writer aushelfen. 

On Big Music, their own sound has had a makeover, too, combining huge synth lines with similarly gargantuan drums. Opener Blindfolded sums up what they seem to be aiming for on Big Music: epic songwriting. Everything is over the top, from the name of the album and Kerr’s lyrics to a sonic palate that screams arena tour. The OTT approach works, as well, with the first three songs (Blindfolded, Midnight Walking, Honest Town) sounding like great pop. There are moments when the approach starts to wane – Kill or Cure sounds like it’s come straight from the 80s rather than 2014 – but by the time closer Spirited Away kicks in, the band have managed to craft an album of pop that’s both true to their sound and interesting enough to give it a contemporary edge.
(The Guardian)

5. Obwohl bereits während der Aufnahmen des letzten Album "Graffiti Soul" (2009) parallel an neuen Songs gearbeitet wurde, zog sich die Herstellung von "Big Music" über fünf Jahre hin. Das klang 2009 bei Kerr noch ein wenig anders: "We really are flowing with ideas at the moment and as I already mentioned a few weeks ago I do feel that we are possibly writing two albums simultaneously at present. With every passing day I genuinely feel that is becoming a real possibility."
Im Frühjahr 2010 erwog die Band sogar die Veröffentlichung eines Doppelalbums.  

6. Ein Doppelalbum ist "Big Music" nicht geworden, aber zu den 12 regulären Titel gesellen sich auf der Deluxe Edition noch 6 weitere Songs: "Swimming Towards The Sun", "Bittersweet", "Liaison", "Riders On The Storm", "Dancing Barefoot" und "Blindfolded (Reprise").

7. Simple Minds und die Coverversionen: Mit "Let The Day Begin" hat sich ein Song von The Call auf das Album geschlichen. Gleich zwei Coverversionen  (eine fürchterlicher als die andere) sind auf dem zweiten Silberling der Deluxe Edition enthalten: "Riders On The Storm" von The Doors und "Dancing Barefoot" von Patti Smith. 

8. Auch die beiden Songs "Broken Glass Park" und "Blood Diamonds" kommen Fans der Simple Minds sicherlich bekannt vor, denn sie wurden 2013 in anderen Versionen bereits auf der Zusammenstellung "Celebrate: The Greatest Hits" veröffentlicht. "Swimming Towards The Sun" erschien bereits erstmals auf "Our Secrets Are The Same".

The happy consequence of their decades in the wilderness is that their 16th album finds them still sounding hungry for success. 55-year-old Kerr may look more like a roadie than a rock star these days, but his vocals are lean and lupine. You can almost see the panting ribcage of the outsider’s melancholy that always underlies the exhilaration of the pumped-out beats of Charlie Burchill’s guitar. High point Honest Town, gives a slick, new-Millennial pulse to all the retro heartache. But title track Big Music is a wince-inducing reminder of naff, leather-trousered bombast.
(Telegraph)

9. Fans und Sammler dürften sich neben der Deluxe Edition auch an der aufwendig gestalteten LP (Double vinyl edition as a heavyweight black vinyl in wide spine sleeve with printed inner sleeves) bzw. dem Deluxe Box-Set (including the original album, a DVD, and a poster and booklet in foil-blocked box) erfreuen.

10. Die Simple Minds werden "Big Music" im nächsten Jahr auch auf deutschen Bühnen vorstellen:
18.02.2015 Hannover, Capitol
20.02.2015 Bremen, Pier 2
21.02.2015 Lingen (Ems), EmslandArena
23.02.2015 Stuttgart, Theaterhaus
24.02.2015 Köln, Palladium
27.02.2015 Münster, Jovel Music Hall
28.02.2015 Olsberg, Konzerthalle Olsberg
03.03.2015 Kassel, Kongress Palais – Stadthalle
04.03.2015 Wiesbaden, Kulturzentrum Schlachthof
06.03.2015 Leipzig, Haus Auensee
07.03.2015 Karlsruhe, Tollhaus
08.03.2015 München, Tonhalle


Mittwoch, 12. November 2014

Pink Floyd - The Endless River
Dirk Mittwoch, 12. November 2014 0 Kommentare



















Ich bekenne: Das Ende von Pink Floyd kam für mich 1985 mit dem Ausstieg von Roger Waters. Ich bin also Waters-Anhänger, dem sich die frühen Aufnahmen der Syd Barrett-Zeit nie richtig erschlossen haben, für den "The Final Cut" somit das eigentlich letzte Album der von ihm geschätzten Pink Floyd darstellt, der "A Momentary Lapse Of Reason" (1987) noch eine Chance gab aber aufgrund dieser Hörerfahrung an "The Division Bell" (1994) schon kein Interesse mehr hatte. 

Nun gibt es 14 Jahre später ein fünfzehntes und definitiv letztes Album von Pink Floyd, das auf noch vorhandenen Aufnahmen aus der "Division Bell"-Zeit mit dem 2008 verstorbenen Keyboarder Richard Wright beruht, und das David Gilmour (Gitarre) und Nick Mason (Schlagzeug) zusammen mit zahlreichen Gastmusikern und Produzenten (Phil Manzanera, Bob Ezrin, Youth usw.) in den letzten beiden Jahren erarbeiteten. Bereits 1993 gab es die Idee "The Division Bell" eine zweite, rein instrumentale Platte, die den Arbeitstitel "The Big Spliff" trug, beizufügen. Dieser Plan wurde zunächst verworfen und nach dem Tode Wrights wieder aufgegriffen. 
Der neue Titel "The Endless River" bezieht sich einerseits auf "High Hopes", den letzten Song von "The Division Bell" („The water flowing / The endless river / Forever and ever.“), und andererseits auch auf die zweite Pink Floyd-Single "See Emily Play" ("Float down a river forever and ever").

"The Endless River" ist nun also ein instrumentales (mit Ausnahme des letzten Songs "Louder Than Words"), sphärisches und episches Ambient-Album geworden, dass langatmige Gitarren-Soli von Gilmour bietet, die gelegentlich, wie etwa in "Things Left Unsaid" oder dem zweiteiligen "Allons-y" , tatsächlich direkt als Pink Floyd identifizierbar sind, Masons Schlagzeugspiel kurzfristig in den Mittelpunkt rückt ("Skins"), die Stimme von Stephen Hawking ("Talkin' Hawkin'") und Saxophon-Gedudel ("Anisina") im Programm hat und letztendlich und hauptsächlich Richard Wright und seinen wabernden Keyboard-Klängen ein Denkmal setzt.
Das esoterische Plattencover und der gewählte Albumtitel passen perfekt zum schier endlos dahinplätschernden Sound von "The Endless River". Als Bonus-Beigabe für eine Wiederveröffentlichung von "The Division Bell" wäre das Album gut geeignet gewesen, als letztes Pink Floyd Album wohl eher nicht. Da bleibe ich doch lieber bei "The Final Cut".

Die Musik auf dem Album erinnert in schockierender Weise an jene, die unaufdringlich, fast unhörbar in Physiotherapie-Praxen läuft. Fango-Massage-Krankengymnastik und dazu Eso-Sphären-Klänge und eine Panflöte als Leadinstrument. Entspannen, zurücklehnen, die Augen schließen. Nur dass bei Pink Floyd Gilmours zur Selbstkarikatur gewordenes Gitarrenspiel den Part der Panflöte übernimmt. THE ENDLESS RIVER hat schon ein paar Momente. Aber es sind wenige. Immer dann, wenn sich die Band aus dem Pink-Floyd-Baukasten herausbewegt und dabei sogar ab und an ein atonales Freak-Out veranstaltet. Das wird aber schnell von Gilmours aufdringlicher Gitarre vertrieben oder von Nick Masons Phil-Collins-artigen Drum-Breaks zu Tode gedroschen.

Der Vergleich mit „Shine On You Crazy Diamond“ und allen Pink-Floyd-Alben seit A MOMENTARY LAPSE OF REASON verdeutlicht den Unterschied zwischen Kunst und Kunsthandwerk – abstrakter Expressionismus versus Keramikmalerei. Und dann kommen die Fans wieder und empören sich, weil man es gewagt hat, ein Album von Pink Floyd nicht gut zu finden, als hätte man sie persönlich beleidigt, als hätten sie ihr Leben verwirkt, nur weil diese Band sich nicht zu schade ist, ihr eigenes Denkmal umzustoßen. Aber was weiß ein Jungspund wie ich schon von Pink Floyd?
(Musikexpress)

Der historische Kontext des Ausgangsmaterials ist immerhin interessant: Was Pink Floyd 1993 beim Jammen auf Autopilot entglitt, ist nicht weit von dem entfernt, was jungen, sanften Prog-Adepten wie Air vier Jahre später kurzfristigen Götterstatus einbringen sollte. Sündteure Synth-Flächen, plastisch im Raum hängende Akustikgitarrenakkorde, bis zum Gehtnichtmehr hinausgezögerte Schlagzeugeinsätze und selbstredend Gilmours lyrische Stratocaster.

Der Wortanteil ist dagegen karg: Einleitend hört man Interviewfetzen der drei Bandmitglieder („We had certainly an unspoken understanding, but a lot of things unsaid“, sagt der 2008 verstorbene Rick Wright), und zum Abschluss singt Dave Gilmour einen bittersüßen, von seiner Frau Polly Samson getexteten Tribut an die eigene Band namens „Louder Than Words“: „We bitch and we fight, diss each other on sight/ But this thing that we do (…)/ It’s louder than words.“ Klingt fast wie ein Versöhnungsangebot an Roger Waters, auf jeden Fall berührend, genauso wie ein vom „Division Bell“-Track „Keep Talking“ übrig gebliebener Monolog von Stephen Hawking über die Verheißung der Kommunikationstechnologie der Zukunft, „das Unmögliche zu erbauen“. Ach, die Unschuld vor dem Internet!

Schade nur, dass dieses Material, das sich als Bonus-Disc einer Anthologie einen völlig legitimen Platz im Kanon verdient hätte, nun zum offiziellen letzten Pink-Floyd-Album samt luxuriöser Sammlerbox aufgeblasen werden musste. Bei allem Respekt, das geht sich nicht aus.
(Rolling Stone)    


Dienstag, 11. November 2014

Woods Of Birnam - Woods Of Birnam
Dirk Dienstag, 11. November 2014 0 Kommentare



















Als wir letztes Jahr ein Konzert von Maximilan Hecker besuchten, stellten wir fest, dass er auf der Tour von Felix Räuber, dem Sänger von Polarkreis 18, begleitet wurde, der mit "Running Out Of Time" auch ein eigenes neues Lied vorstellt. Möglicherweise wird man also in näherer Zukunft mit einem Soloalbum von Räuber zu rechnen sein. 

Die Frage, was denn die übrigen Mitglieder von Polarkreis 18, deren letztes Album "Frei" mittlerweile auch schon 4 Jahre zurückliegt, in der Zwischenzeit so treiben, wurde uns rund 10 Monate später im Vorprogramm eines Enno Bunger Konzertes beantwortet. Denn dort traten Woods Of Birnam auf, die aus dem Schauspieler Christian Friedel ("Das weiße Band") sowie Philipp Makolies (Gitarre), Uwe Pasora (Bass), Ludwig Bauer (Keyboards) und Christian Grochau (Drums) bestehen. Das Quartett hatte also die Abwesenheit des Polarkreis 18 Sängers genutzt und mit Friedel (Gesang, Piano) ein neues musikalisches Projekt gegründet, das im Herbst 2012 bereits Kompositionen für eine Neuinszenierung von Shakespeares "Hamlet" am Staatsschauspiel Dresden erarbeitet hatte. Auf den Konzerten, die Ende letzten Jahres stattfanden, konnte man mit der "Hamlet" EP und der "The Healer" EP bereits erste musikalische Eindrücke käuflich erwerben, was ich, da mir der Auftritt sehr gut gefallen hatte, auch tat.

Mit dem herausragenden "I'll Call Thee Hamlet", "Daylight", "Remembrance" und der Single "The Healer" schafften es auch vier Titel auf das von Tobias Siebert (Kettcar, Phillip Boa, Slut) produzierte Album. Auf "Woods Of Birnam" sorgt Siebert (And The Golden Choir) erneut für bombastischen Klang, die Band steuert facettenreichen Indiepop bei: von tanzbar und rockig ("The Healer") bis hin zu ruhig und sanft ("Soon", "Daylight"). 
Aus einem sehr homogenen, melancholischen und mitunter pathetischen Album ragt "I'll Call Thee Hamlet" positiv heraus, da keiner der übrigen elf Songs dessen Klasse erreicht, und fällt der im Refrain an Baltimoras "Tarzanboy" erinnernde 80er-Jahre-Synthie-Pop-Song heraus. 

Stellt sich abschließend nur noch die Frage nach dem Schicksal von Polarkreis 18 bzw. ob man nun überhaupt noch ein neues Album von ihnen braucht. Wenn es so ausfällt wie "Frei" und die Alternative so gut ist wie "Woods Of Birnam", dann muss man diese wohl verneinen.   



Mit “The Healer” als ihrer Debütsingle wird klar, dass Wood Of Birnam nicht länger auf den Schauspielbühnen des Landes verharren wollen. Der rhythmische Titel ist nämlich so viel mehr als typischer Indie-Rock: Tanzbar, ohrwurmlastig und fröhlich-melancholisch.

Und so zieht es sich durch das gesamte Album. Mal klingt es wie große Pop-Musik, mal wie typisch sanfter Alternative-Rock. Sensibel und melancholisch geht es zum Beispiel auf “Daylight” zu, während “I’ll Call Thee Hamlet” absoluten Favoriten-Charakter enthält, atmosphärisch ist und mehr als eindrucksvoll klingt. Zwischen Gesang und Instrumenten herrscht auf der gesamten Platte eine außergewöhnliche Mitte, ein perfekter Treffpunkt. Das Zusammenspiel aus groovendem Bass, außergewöhnlichen Beats und der feinen Gitarre von Philipp Makolies entführt den Zuhörer in die tiefsten Tiefen der melancholischen Soundwelten.

Ganz anders als erwartet, klingt Woods Of Birnam modern, erwachsen und sicher. Und ganz und gar nicht nach theatralischer Theaterband. Alle zwölf Tracks der Platte sind besonders und haben etwas mysteriös Spezielles an sich. 
(Musikbog)


Friedel ist einer der wenigen Schauspieler, die man nicht auf der falschen Bühne wähnt, wenn sie anfangen zu singen. Vielleicht weil er mit Woods Of Birnam auch auf der Theaterbühne steht und im Film so schlicht daher kommt. In jedem Fall kann er sich den Background-Gesang leisten und sieht gut aus dabei. Selbst die Ausflüge in den allzu mainstreamigen Achtziger-Jahre-Pop, wie bei "Dance", kann man ganz gut verzeihen und an einem späten Freitagabend oder frühen Samstagmorgen sogar abfeiern.

Naja, insgesamt überwiegt auf "Woods Of Birnam" definitiv das "Ich" bzw. "I" in den Texten. Die sind kein Blick auf die Gesellschaft oder den Zeitgeist, sondern ein Blick in das Gefühlsleben und die Befindlichkeit des Erzählers. Es sind Fragen, die er – oder sie – sich stellt, Ängste oder Regungen, die geschluchzt, gejammert oder notfalls auch geschrien werden wollen. Der immense Pathos, in den Woods Of Birnam die Empfindsamkeit hüllen, bietet dabei den nötigen Schutz, den zum Beispiel ein Liedermacher, der sich alleine mit seiner Gitarre und traurigen Liebesliedern dem Publikum stellt, nicht hat. Wie eine dicke Schicht Zuckerglasur schützen die fetten Gitarrenspuren und Keyboardmelodien, aber auch das Englisch der Texte, den empfindsamen und verletzbaren Kern vor Sätzen wie "Na so richtig politisch ist das jetzt nicht". Nein, ist es auch nicht. Es ist Musik zum Träumen. Es ist persönliche Musik, die auf die große Bühne will und nicht in die Tagesschau.
(Plattentests)

Woods Of Birnam live:
13.11.14 Dresden - Staatsschauspielhaus (Hamlet)
15.11.14 Köln - Die Wohngemeinschaft
16.11.14 Hamburg - Kleiner Donner
19.11.14 München - Literaturfest
22.11.14 Magdeburg - Projekt 7
12.12.14 Dresden - Staatsschauspielhaus (Hamlet)
23.01.15 Dresden - Staatsschauspielhaus (Hamlet)


Montag, 10. November 2014

The Twilight Sad - Nobody wants to be here & nobody wants to leave
Ingo Montag, 10. November 2014 1 Kommentare






















Im richtigen Moment können The Twilight Sad Songs die perfekte Musik sein. Die ersten beiden Alben “Fourteen autumns & fifteen winters” und “Forget the night ahead” enthielten schon eine stattliche Anzahl solcher Titel. “No one can ever know” war etwas subtiler angelegt und verschwamm trotz eines starken Gesamteindrucks etwas im Electro und Synthesizer Nebel. 

Das aktuelle vierte Album der Schotten dreht dieses Rad etwas zurück, wahrscheinlich trägt der Abgang des Keyboarders Martin Doherty dazu bei. Auf “Nobody wants to be here & nobody wants to leave” scheint die Band ihren Mittelpunkt gefunden zu haben. Aufgenommen in Mogwais Studio in Glasgow erscheinen die Songs etwas kontrollierter und gesetzter. Aber durch die Hintertür entfalten sie ihre Wirkung die der der früheren ungestümeren Titel nicht nachsteht. Stark. 

The 405:
This fourth album comes across as a consolidation of the edgy noise of their early records and the electronic aspects of its predecessor. They sound as powerful as ever, and their penchant for weaving subtle folk melodies amongst their noise is still pretty special. Nobody Wants to Be Here and Nobody Wants to Leave is a highpoint for the Twilight Sad and in many ways it is the best record they've made to date.

Meine Favoriten auf “Nobody wants to be here & nobody wants to leave” sind “There’s a girl in the corner”, “Last January”, “Drown so I can watch”, “In nowheres” und “Leave the house”. 

Das Video zur Single “Last January”:



Es dauert noch ein wenig, bis die Tour die Band nach Deutschland führt:
  • 27.03.2015 Köln
  • 28.03.2015 Hamburg
  • 04.04.2015 Berlin

Sonntag, 9. November 2014

The Smith Street Band - Throw Me In The River
Dirk Sonntag, 9. November 2014 0 Kommentare



















The Smith Street Band klingen so, als wäre Billy Bragg auf Krawall gebürstet oder Frank Turner wütend, und zwar so richtig.

Als Wil Wagner die Band 2010 gründete, nannte er sie zunächst "Wil Wagner And The Smith Street Band", denn eine Straße dieses namens gibt es in seiner Heimatstadt Melbourne tatsächlich und Bruce Springsteen hat schließlich auch seine E Street Band. Da Wagner (Gesang, Gitarre, Keyboards), Lee Hartney (Gitarre), James Fitzgerald (Bass) und Chris Cowburn (Schlagzeuger) aber lieber als Band wahrgenommen werden wollten, kürzten sie den Bandnamen. Mit "No One Gets Lost Anymore" (2011) und "Sunshine And Technology" (2012) erschienen bereits zwei Alben des australischen Quartetts. 

Auf "Throw Me In The River" prügeln und schreien sie sich in 45 Minuten durch 11 größtenteils energetische Songs, die sich Labels wie "Folk-Punk" und "Emo" verdienen. Wird es, wie zu Beginn des Titelsongs, einmal etwas ruhiger und zurückhaltender, so dauert es dann doch nur rund 1 Minute bis zum nächsten emotionalen, punkrockigen Ausbruch. Oder Wil Wagner und seine Kollegen steigern sich, wie in "The Arrogance Of The Drunk Pedestrian", ganz allmählich im Verlauf des Songs. Aber irgendwann bricht es auf jeden Fall aus ihnen heraus. 



Everyone has their breakup album and for The Smith Street Band, Throw Me In The River, is just that. The pacing of the album flows like the ocean, climbing and retreating, cymbals crashing like waves and driftwood emotions afloat in a sea of conflict. From heartbroken “Calgary Girls” to the bitterness in “I Don’t Wanna Die Anymore,” frontman Wil Wagner takes you through the anguish of love lost. For these Australian alt rockers this is their On the Impossible Past; heart-on-sleeve lyrics accompanied with beautiful melodies. Throw Me In The River provides the insight into the lonely, greyscale world one dwells in after being ripped out of one where you’re cherished.

The album opens with “Something I Can Hold In My Hands” which sets a scene of the romanticized life of being in a band. Heartstrings are tugged with “Surrey Dive” where Wagner sings, “come on just punch me in the face so at least you’ll think you’re right, lose the war and win the fight and I’m running scared.” The sincerity in his voice makes your heart feel like it has been crumpled up like a cast away letter.

Personal favorite, “Calgary Girls,” reflects on sweet moments and the aching and uncertainty of going forward alone. Wagner’s narrative is so honest and has a familiarity to anyone who has gone through a serious breakup. A particular verse that stood out, “we used to lie right here and speak, we were fucking great between these sheets, that she bought, to replace, the old ones she left when she needed her own space.” It transports back to a time where you've been haunted by memories of everyday items in an empty home.

It’s hard to not get caught up emotionally with the sincerity of Wagner’s vocals; you feel like you've tumbled under the current, directionless, struggling to breathe and without a hand outstretched to help you resurface. The album’s title track, “Throw Me in the River” has such raw emotion that getting caught up in it can leave you breathless, deflated and recalling a remorseful time in your own life.
(Punknews)


Der gekonnt arrangierte Wechsel zwischen schepperndem Druck und dem Platz zum Atmen zwingt einen sowohl zum Mitfiebern als auch Hinhören. Und das lohnt sich.
Denn neben den punkig-lockeren Uptempo-Nummern (Vorab-Single „You Don’t Have To Surrender“ als Hit und „East Melbourne Summer“ als Zaunpfahl winkender Uncle-M-Blutsbruderpakt mit den Labelmates Apologies, I Have None) betreiben Wagner und seine Smithies astreines Storytelling. Gerade “Calgary Girls“, „The Arrogance Of The Drunk Pedestrian“ und der Titeltrack stechen auf „Throw Me In The River“ als textliche Stützpfeiler heraus. Wil Wagner wackelt hier minutenlang, stößt sich an Zwischenmenschlichem und eigener Psyche, sein Kloß im Hals wird dein Kloß im Hals und dann spuckst du gemeinsam mit ihm die Melancholie aus, und brüllst in ganz großen (und lauten) Momenten die Wut heraus. Sowas von befreiend.

Gerade an dieser Inbrunst könnte man sich bei der Smith Street Band reiben. Denn, ausgefeilteres Songwriting hin, aufwendigere Produktion her: Wil Wagner ist es immer noch scheißegal, ob er Töne trifft, wenn er wie ein Ork im Porzellanladen mit seinen Stimmbändern alles niedermäht, um sich Luft zu verschaffen. Das stößt in den lauteren Nummern nicht auf, macht sich sogar ganz gut. Harmoniebedürftige Ohren werden sich in den ruhigeren Momenten aber öfter mal den weakerthans‘schen Wil vom Anfang wünschen. Eins ist der Smith Street Band dadurch aber gewiss: Wiedererkennungswert!
(Get Addicted)




Samstag, 8. November 2014

The Travelling Band - The Big Defreeze
Dirk Samstag, 8. November 2014 0 Kommentare



















Eine Band aus Manchester, die sich nicht an The Smiths, Joy Division, The Stone Roses oder Oasis orientiert. Sachen gibt's!

The Travelling Band sind ein Quintett, das bereits seit 2006 gemeinsam musiziert, mit "Under The Pavement" (2008) und "Screaming Is Something" (2011) bereits zwei Alben veröffentlicht hat und aus Adam P. Gorman, Jo Dudderidge, Steve Mullen, Chris Spencer und Nick Vaal besteht.

Ihr neues Album trägt den Titel "The Big Defreeze", wurde von Iestyn Polson (David Gray, Hard-Fi) so produziert, dass es die Live-Qualitäten der Band versucht nahezu authentisch einzufangen, strebt musikalisch in Richtung Folk-Rock der 70er Jahre und ist somit Freunden von The Decemberists, Calexico, Iron & Wine oder auch Crosby, Stills, Nash & Young und Creedance Clearwater Revival zu empfehlen.

Freunde der eingangs erwähnten Bands aus Manchester brauchen auch ein Herz für nasalen (Harmonie-)Gesang, Westcoast-Pop und Americana, um mit The Travelling Band glücklich zu werden.



‘Passing Ships’ gets the album off to a slow if incredibly catch start. While the music might not stand out from the crowd, the lyrical imagery captures the attention.

The record seamlessly transitions through from indie pop to very spacey, rock. There is a slight hint of Arctic Monkeys, which is fantastic. Some of the biggest highlights include ‘Hands Up’, which is the last album on the track. The pace of the song is amazing, the grunge, the rawness….it’s incredible. It’s an interesting departure right at the end of the record.

The instrumentation of ‘Borrowed and Blue’ is also fantastic. Similar to ‘Hands Up’, it is heavier than the rest of the album and a little darker. If anything, this is much more appealing than the happy pop of the first half of the record. The spacey, borderline psychedelic guitar, is a tasty addition to the song as well, and gives the music a much clearly individual identity to what went before.

Lyrically, there are some lines throughout the album that are a little cliché, and some that are difficult to decipher. But then in songs like ‘Sticks and Stones’ they have lyrics that are blunt, hones and directly reflect what they are thinking, such as “the world has gone to shit, and everything you’ve done is wrong.”

All in all, this album isn’t necessarily a MUST listen to, but it certainly worth checking out.
(For Folk's Sake)


Now though, The Travelling Band seem to have found more confidence in their own voice. There’s still plenty of the honeyed harmonies and reverb-soaked guitars throughout The Big Defreeze, but there’s a distinctly British seam running throughout. ‘Making Eyes’ has the bounce and punch of a Britpop anthem, closer ‘Hand’s Up’ begins with a spray of Suede-esque glammed-up guitars, while the sprawling psychedelia of ‘Borrowed And Blue’ is much more Pink Floyd than Grateful Dead. Each and every track on the record has an anthemic, confident quality, ably supported by subtle touches of strings, piano and massed voices.

It probably helps that the band have spent a big chunk of time on the road before putting these tracks to tape – it's something like three years since their last LP. You get the sense that these eleven songs have been pushed and pulled in all directions on stage already, and can easily be amped up and expanded if needed. The Big Defreeze is easily the pick of anything that The Travelling Band have put to tape so far, and proves that they’re more than a great act to catch on stage. If you’re a fan of unashamedly anthemic indie-rock, you’ll find plenty to enjoy here.
(Drowned In Sound)



Freitag, 7. November 2014

Das Platten vor Gericht Oktober Mixtape
Olly Golightly Freitag, 7. November 2014 0 Kommentare



Hören worüber wir schreiben: Das Platten vor Gericht-Mixtape mit Musik aus unseren Oktober-Vorstellungen.

1. The History Of Apple Pie – Jamais vu
2. Jens Friebe - Schlaflied
3. Martin Carr – The Santa Fe Skyway
4. Johnny Marr – Easy Money
5. Zola Jesus – Dangerous Days
6. Erlend Øye – Garota
7. Allo Darlin’ – Romance And Adventure
8. Goat – Hide From The Sun
9. Mina Tindle – I Command
10. Julian Casablancas + The Voidz – Where No Eagles Fly
11. Deacon Blue – A New House
12. The Wytches – Gravedweller
13. Holly Johnson – In And Out Of Love
14. Inspiral Carpets – Changes
15. The Vaselines – One Lost Year
16. Electric Youth – A Real Hero
17. Lily & Madeleine – Rabbit
18. We Were Promised Jetpacks – Safety In Numbers
19. The Flaming Lips – Lucy In The Sky With Diamonds
20. Love Inks – Shoot 100 Panes Of Glass




Platten vor Gericht // Oktober 2014 from Platten vor Gericht on 8tracks Radio.


Stars - No One Is Lost



















Würde man die kanadischen Stars einer gründlichen medizinischen Untersuchung unterziehen, könnte man vielleicht feststellen, ob mit den Stimmbändern von Torquil Campbell etwas nicht in Ordnung ist, denn auf "No One Is Lost" überlässt er Amy Millan ungewöhnlich häufig das Mikrofon.
Definitiv könnte diagnostiziert werden, dass die Stars erhöhtes Discofieber haben ("From The Night"), an Kitschismus erkrankt sind ("Turn It Up" mit Kinderchor), an progredienter David Guettaisierung leiden ("No One Is Lost") und den Folgen einer heftigen Amnesie unterliegen, denn sie haben offensichtlich vergessen, wie man großartige wie "Elevator Love Letter", "Your Ex-Lover Is Dead" oder "Take Me To The Riot" schreibt.

Die sechs Alben zuvor wurden von Krisen, Ängsten und Trennungen geprägt, sogar der Tod der Eltern war Thema. Vor NO ONE IS LOST hat sich die Band nun gesagt: Es geht uns gut, mal sehen, was sich daraus machen lässt. Man weiß: Geht es dem Künstler zu gut, sucht sich die Muse ein anderes Opfer. Es dauert dann auch ein bisschen, bis man ins Album findet.

Der handgemachte Disco-Pop der ersten Tracks wirkt unbeholfen. Viel besser ist das trotzige „Turn It Up“ mit Kinderchor, Bläsern und Streichern, auch Amy Millans sphärisch-schwelgerische Komposition „No Better Place“ funktioniert. Ihr Gesangskollege Torquil Campbell hält direkt mit dem epischen „What Is To Be Done?“ dagegen, und langsam, aber sicher dämmert es, wie Stars das mit den besten Jahren meinen: Gut ist auf Erden, was bald ein Ende finden wird.

Die Band hat das bei den Aufnahmen in doppelter Hinsicht zu spüren bekommen: Erst wurde bei ihrem Manager eine Krebserkrankung diagnostiziert, dann machte ihre Stammkneipe „The Royal Phoenix“ dicht. Da steht man nun rum, mit Angst um einen Freund und ohne was zu trinken. NO ONE IS LOST? Bittere Ironie.
(Musikexpress)

Bedauerlicherweise schöpfen Stars die reizvollen Begleitumstände der Produktion von No One Is Lost nicht konsequent aus: Das Studio befand sich über dem Schwulenclub The Royal Phoenix in Montreal, Discobeats und tiefe Bässe wummerten durch den Boden der Aufnahmeräume und fanden auf quasi hypnagogische Weise Einzug in die Songs. Allerdings nur in ein paar (die dann auch richtig super sind). No One Is Lost hätte ein großes, glossy Discoalbum werden können, das Ausgehen, Tanzen und In-der-Musik-Verlorengehen als Heilmittel gegen den ganzen Scheiß des Alltags propagiert und zelebriert, mit Amy Millan als allwissender Queen. Das wollten Millan, Campbell, Evan Cranley, Chris Seligman und Pat McGee dann anscheinend doch nicht und ließen es mit ein paar Dance-Grooves, einem in den Opener gesampelten Whitney-Houston-Lachen und einigen Field Recordings aus dem Royal Phoenix gut sein.

Das ist schade, denn Zeilen wie »I don’t care if we never come back from the night« und die pulsierenden, triumphalen Songgroßtaten »From The Night«, »No One Is Lost« oder »This Is The Last Time« tanzen genau auf dem schmalen Grat zwischen Glamour und Tragik, der die eskapistische Vorfreude der Werktätigen aufs Wochenende (oder whatever gets you through the night) ausmacht. Diese Sehnsucht nach dem einen magischen Moment, der womöglich nie kommt und von dem trotzdem alles abhängt – Euphorie und Absturz, das perfekte Stars-Terrain.

Doch der Mittelteil des Albums ist zu schwächlich-säuselnd geraten, als dass von der Erlösungsverheißung der Disco mehr als eine Ahnung (durch die Clubdecke sozusagen) bleiben könnte. Mit »Trap Door« kommt zwar der Beat zurück, aber dank Torquils theatralischem Gesang lauert ein schmalziges Gespenst hinter der Spiegelsäule, das auch von einer Trompete nicht vertrieben werden kann. Singt Amy Millan allein (»Are You OK?«, »Turn It Up«), ist alles gut, aber mit ihren Songs ist man aus der Disco auch schon wieder draußen auf bewährtem Indiepop-Boden.
(Spex)

Stars in Deutschland:
19.01.15 Frankfurt, Zoom
20.01.15 Köln, Luxor
21.01.15 Hamburg, Knust
22.01.15 Berlin, Nuu
23.01.15 München, Strom


Donnerstag, 6. November 2014

Cloud Boat - Model Of You
Olly Golightly Donnerstag, 6. November 2014 0 Kommentare



Das letzte Jahr erschienene Debüt-Album des Londoner Duos Cloud Boat ließ einen Teil der hiesigen Richter sehr ermüden. Das wollten Sam Ricketts und Tom Clarke dann wohl doch nicht so einfach auf sich sitzen lassen und schoben schnell den Nachfolger Model Of You hinterher, der im Vergleich zum Vorgänger sehr überrascht.

Es wundert also nicht, dass auch das zweite Album der beiden Produzenten sicher auch einige ihrer ersten Hörer und Hörerinnen vor den Kopf stoßen wird. Ein Jahr Zeit haben sich die beiden Londoner für das neue Album genommen und an dem getüftelt, was nun ihr Sound sein soll. Größer, reicher und epischer sollte es werden, das, was vorher bloß Fahrwasser war, tiefer, mitreißender und abenteuerlicher. (byte.fm)

Cloud Boat - Carmine from Cloud Boat on Vimeo.


'Model Of You' takes the duo’s established sound and ramps up the production, with brawnier drums and more prominent electronic loops. The extra oomph plays to their strengths, with Clarke’s sweeping vocals holding firm on the propulsive 'The Glow' and stunning synthetic workout 'Hallow'. (NME)



Closing track 'Hallow' is their longest to date, clocking in at seven minutes. Despite its length it is possibly the most efficiently effective song Cloud Boat have written to date, as it starts in muted gentle mode, and slowly builds through its extended running time. At the point when Clarke finally lets out all the tension you're right there with him, letting out the emotion that has been building not only in this song but in all the others preceding it. It's an impressive way to sign off their second album in as many years, and one that, along with the majority of the songs on the album, is likely to make them a much more striking live act. (the 405)



Cloud Boat geben sich jedenfalls Mühe, dass diesmal niemand in seinem Richterstuhl einschlafen muss.