Sophie Hunger - Supermoon
























10 Fakten zum neuen Album von Sophie Hunger:

1. "Supermoon", so der Titel des vierten Albums von Sophie Hunger, die als Émilie Jeanne-Sophie Welti vor 32 Jahren das Licht der Welt erblickte.

2. "Supermonn" lautet auch der Titel des Albumopeners und des ersten Videos:



3. "Supermoon" wurde von Hunger als Titel gewählt, da er wissenschaftlichen Theorien zu Folge nach einem Crash zwischen der Erde und einem Himmelskörper ins All geschleudert wurde, somit besteht der Mond aus alter Erde. "Wir heulen ihn an, weil er für uns so schön die Sehnsucht nach dem Fremden darstellt. Dabei ist er ein Teil von uns", sagt Hunger.

4. Nach ihrem letzten Album "The Danger Of Light" (2012), einer langen Tournee, einem Live-Doppelalbum ("The Rules Of Fire"), einem Buch und einer fiktiven Tour-Doku begab sich die Künstlerin zunächst nach San Francisco ("Ich ging nach Kalifornien ohne Versprechen, wann ich zurück sein würde"), um die Musik ruhen zu lassen. Doch der gute Vorsatz hielt nur zwei Wochen, denn im Studio von John Vanderslice wurde ein Fingerpicking eingespielt, zur Gitarre kam ein Gesang und fertig war der erste Song. Welcher es war? Natürlich "Supermoon".


Insgesamt sind die Jazzanklänge früher Alben in den Hintergrund getreten – mit ihren zwölf neuen Songs positioniert sich Sophie Hunger eher zwischen Neo-Folk und zeitgenössischer Psychedelik. Das sind wortmächtige Songperlen, die häufig den Charakter von Klangskulpturen haben, mit viel Liebe zum Detail und immer im Dienst der Textaussage arrangiert - ein weiteres Meisterwerk der Schweizer Songpoetin.
(BR)


5. Das Album wurde in San Francisco und Brüssel aufgenommen. Sophie Hunger produzierte es u.a. in Zusammenarbeit mit John Vanderslice (Death Cab for Cutie, Spoon), gemischt wurde es von Mark Lawson (Timber Timbre, Arcade Fire).

6. Mit "La Chanson D’Hélène" befindet sich eine Coverversion auf dem Album. Der Song war einst mit der Paarung Romy Schneider / Michel Piccoli berühmt geworden und lässt nun den ehemaligen Fußballer Eric Cantona in die Rolle Piccolis schlüpfen.

7. Neben diesem französischen Chanson sind (neben 9 Lieder mit englischen Texten) auch ein Titel auf hoch- ("Die ganze Welt") und einer auf schweizer-deutsch ("Heicho") zu hören.


Es ist schwer, Hungers Musik in ein Genre einzuordnen. Pop als Überbegriff ist zu weit, es gibt einige Brüche im Album. Zum Beispiel, wenn nach den sehnsüchtig klingenden Mad Miles und Love Is Not The Answer Lieder wie Superman Woman folgen: an dieser Stelle ist das Album lebhaft, swing-beeinflusst und vor allem tanzbar. Es ist jedoch nur ein kurzes Intermezzo. Das Lied Ganze Welt ist das erste deutschsprachige Lied der Platte. Es nimmt das Tempo wieder völlig raus.
Ein weiterer Bruch ist das Lied The Age Of Lavender, das durch den Rhythmus fast experimentell wirkt. Gefolgt wird es von Hungers Cover von La Chanson d’Hélène, damals von Romy Schneider und Michel Piccoli gesungen, begleitet nur von zarten Geigen und Klavier. Die Singer-Songwriterin mischt nicht nur die Sprachen, sondern auch die Genres. Gemeinsam ist allen Liedern Sophie Hungers klare Stimme.
Ohrwurmfaktor hat der Track The Living. Vor allem die Textzeile „When the butterflies burn“, die Hunger so oft wiederholt, bleibt solange im Gedächtnis hängen, dass man sie schließlich tagelang vor sich hin singt. Craze bietet eine Ladung Indie-Gitarren-Begleitung und zeichnet sich gerade durch seine Einfachheit aus. Insgesamt wirkt das ganze Album nicht durch elektronische Stilmittel überladen, sondern schlicht. Keine autogetuneten Sängerinnen, kein Mainstream-Pop, aber doch irgendwie Popmusik.
(mokant)


8. Fans sollten zur Deluxe Version von "Supermoon" greifen, denn diese wird auf einer zweiten CD um die Songs "The Capitalist", "Am Radio", "Spaghetti mit Spinat", "Les Plus Grands Cauchemars", "Weltmeister" und "Universum" erweitert. Hier werden alle 18 Titel vorgestellt.

9. Als erste Single wurde der Song "Love Is Not The Answer" ausgewählt und am 10. April veröffentlicht. Das Album folgte 14 Tage später und steht seit heute in den Plattenläden.


10. Somit ist an das Album leichter heran zu kommen als an Konzertkarten, denn die ersten vier der genannten Konzerte sind bereits ausverkauft:

06.05.15 München - Freiheiz
07.05.15 Köln - Gloria
13.05.15 Hamburg - Mojo
14.05.15 Berlin - Heimathafen
16.05.15 Frankfurt am Main - Women of the World Festival
20.05.15 Duisburg - Traumzeit Festival
18.06.15 Berlin - Kesselhaus
08.08.15 Luhmühlen - A Summer's Tale Festival


Darkness Falls - Dance And Cry
























"Hello Darkness (Falls), My Old Friend" - man möchte fast Simon & Garfunkel leicht abgewandelt zitieren, denn das Wiedersehen mit dem dänischen Duo ist sehr erfreulich. Und die Sache mit dem Zitat übernehmen Darkness Falls in dem so betitelten Song dann auch irgendwie einfach selbst.

"Alive In Us", das Debütalbum von Darkness Falls, verfehlte 2011 - trotz meiner 8 Punkte-Wertung - knapp unsere Top 50 und landete mit 7,250 Punkten auf Rang 53. Fast 4 Jahre ließen sich Josephine Philip und Ina Lindgreen nun Zeit, um den Nachfolger zu präsentieren. Wird "Dance And Cry" nun auch bei den anderen Plattenrichtern hohe Wertungen einfahren können?

Der Albumtitel ist gut gewählt, denn die 11 Titel pendeln zwischen tanzbarem Synth-Pop mit einer dunklen Note ("My Father Told Me (He Was Wrong)", "Hazy") und melancholisch-verzweifeltem Dreampop ("Liar's Kiss"). Kein Wunder also, dass einem beim Hören von "Dance And Cry" New Wave-Bands in den Sinn kommen, die für ihre eher unterkühlte, düstere Atmosphäre bekannt sind: "The Answer" lässt The Cure-Gitarren ertönen, "Thunder Road" atmet den Geist von "Black Celebration" (Depeche Mode) und der Gesang ist so packend (wenn auch nicht so exaltiert) wie der von Elizabeth Fraser (Cocteau Twins).




Mal sprühen die Snares etwas angedötscht, immer wieder durchzieht die Songs ein Knistern wie ein Vinyltonträger, der nach dem Flohmarktkauf erst einmal entstaubt werden muss. Doch der Anschein bleibt nur ein solcher, so tangiert etwa das deliriöse „Golden Bells“ über Stimmtaumel und heimliche trapsende Spukmelodie die Wirkung psychedelischer 60er/70er-Eurohorror-Soundtracks, ist aber fern einer tatsächlichen Retro-Replikation. Die Däninnen bevorzugen das modern Panoramische mit Unschärfe-Touch, erstrecken ihren Sound ebensogerne in die Breite wie über verschiedene Klarheitsebenen, wenn die Stimmen in „My Father Told Me (He Was Wrong)“ klar und deutlich erklingen, die vergilbte Orgel und Hälfte der Drums jedoch abgedumpft wie unter einer Eisdecke. Einzig „Thunder Roads“ wälzt sich zum Finale dann gänzlich im Vintage-Synth-Käse, aber an der Stelle können sich Darkness Falls das auch einmal erlauben. Die gemächliche Gangart, die auch vor allem „Night Games“ und „Liar’s Kiss“ mit Echogitarre und analog weicher Drum Machine an den Retro-nicht-retro-Wave von Chromatic erinnern lässt, kommt dem Großteil der subtil evolvierenden Stücke zugute, nur manch geradlinigere wie „Midsummer Wail“ versuppen ohne tragfähige Leitmelodie darin.
(auftouren)




Die dunkle Stimme von Josephine Philip schwebt über fragilen, faszinierenden Melodien, die mal mit einem lieblichen Glockenspiel, dann mit pluckernden Synthies oder staubtrockenen Gitarren angereichert wurden. 
Diesmal legte unter anderem der Raveonettes-Produzent Adrian Aurelius Hand an, was zu einem sowohl ästhetisch als auch inhaltlich ansprechenden Pop-Noir-Ergebnis geführt hat. »Dance And Cry« ist cool und abgründig zugleich. Darkness Falls kommen damit ihrem Ziel, der Atmosphäre des großen Soundtrack-Spezialisten Ennio Morricone eine moderne Entsprechung entgegenzusetzen, ein gutes Stück näher.
(intro)

Nadine Shah - Fast Food
























Die Tage werden länger, es grünt und blüht, die Nachbarn mähen ihre Rasen, lassen ihre Kinder darauf herumtollen, und holen die Terrassenmöbel aus ihrem Winterquartier. Und wer hat davon wieder nichts mitbekommen? Nadine Shah, englische Singer/Songwriterin mit berührender, leidender, ungewöhnlicher Altstimme, die in ihre tolle, kräftig rote Plattenhülle eine düsterere, verstörende Sammlung von 10 Songs gesteckt hat. Minimalistische, spröde Arrangements unterstützen die depressive, bedrohliche Grundstimmung, die nahezu von jedem Song auf "Fast Food" ausgeht. Ein Album für den Frühling oder nahenden Sommer klingt anders.

Nadine Shah nahm ihr zweites Album nach "Love Your Dum And Mad" (2013) erneut mit dem Produzenten Ben Hillier (Depeche Mode, Doves, Elbow, The Horrors), der sich auch ans Schlagzeug setzte, auf. Unterstützt wurden sie von Peter Jobson (I Am Kloot) am Bass und Nick Webb an der Gitarre. Das reicht aus für Shahs teils schroffen, teils theatralischen und phasenweise ungewohnt eingängigen ("The Fool") Mix aus Folk, Rock, Gothic, Blues und Kammerpop, der viele die Namen PJ Harvey, Nick Cave, Anna Calvi und Marianne Faithful rufen lässt. 




In diesen Miniaturen geht es durchaus deftig zur Sache. Etwa in "Fool", einer auf nadelnder Gitarre aufsattelnden Verhöhnung eines Verflossenen, der sich wohl für besonders clever hielt, ausgerechnet gegenüber Shah, die als Nachfolgerin von Nick Cave und P.J. Harvey gefeiert wird, mit Einflüssen wie Cave und Kerouac zu prahlen und auf unverstandenes Softie-Schaf im Wolfspelz zu machen: "You, my sweet, are a fool. You, my sweet, are plain and weak", ätzt sie ihm nach. Auch in "Matador" und "Nothing Else to Do" gibt sie, zwar bruised and battered, die am Ende Überlegene. Manchmal ist aber auch sie selbst diejenige, die im Staub zurückbleibt, enttäuscht, benutzt, "washed up", wie es in einem Song heißt. Dann bleiben die Phantasien vom Vamp, der die Männer mit der High Heel zerdrückt, tatsächlich Träume einer Pulp-Heroine: "Oh, it's criminal, I'm stealing cars in my dreams", singt sie in "Stealing Cars", dem zentralen und besten Song des Albums. Trommeln, Gitarren und Gesang, mehr braucht es zumeist nicht, um diese Noir Storys zu illustrieren.
"Living" ist dann, ganz am Ende, der Cliffhanger, ein erster Ausblick auf Shahs nächstes Album über das Leben als mittelloser junger Mensch im turbokapitalistischen, eigentlich längst lebensfeindlichen London unserer Zeit. Dann wird diese furchterregende, faszinierende private Auto-Exploitation auch noch politisch.
(Spiegel)




(...) Aber doch, das funktioniert. Zum einen, weil Depeche-Mode-Dauerproduzent Ben Hillier, der auch auf ihrem zweitem Album FAST FOOD der musikalische Partner der englischen Musikerin ist, nicht nur in „Nothing Else To Do“ die düstere, bedrohliche Stimmung virtuos inszeniert. Vor allem aber, weil Shah mit ihrer vollen, samtenen, wundervollen Stimme auch den Beipackzettel von Kopfschmerztabletten vortragen und damit Menschen zum Innehalten, Durchatmen oder auch Weinen bringen könnte.
Eine Stimme, die ihr zwar nicht ganz passende, aber trotzdem ständige Vergleiche mit PJ Harvey und Nick Cave eingetragen hat und konsequent auf alle Koloraturen, auf jedes überflüssige Beiwerk verzichten kann, weil sie ein überirdisches Timbre besitzt. Eine Stimme, die immer noch unangefochten im Mittelpunkt der Songs steht, auch wenn die im Vergleich zum noch von Shahs Klavier dominierten Debütalbum LOVE YOUR DUM AND MAD sehr viel ausladender instrumentiert sind mit Gitarren, Bläsern und reichlich Elektronik. Man sollte also, wenn man nichts zu tun hat, außer sich zu verlieben, ruhig erst diese Lieder hören, die meistens von Verlust handeln.
(Musikexpress)


Nadine Shah in Deutschland:
20.05.15 Hamburg, Prinzenbar
21.05.15 Berlin, Privatclub



The Slow Readers Club - Cavalcade























Den Club der langsamen Leser verlasse ich gewöhnlich erst um 16:00 Uhr nach dem letzten Klingeln. Erst seit einigen Tagen begegne ich ihm direkt danach im Auto wieder, und zwar in Form von "Cavalcade", dem zweiten Album eines Quartetts aus Manchester. 

The Slow Readers Club nennen sich Aaron (Gesang, Keyboards) und Kurtis Starkie (Gitarre, Gesang), James Ryan (Bass) und David Whitworth (Schlagzeug). Musikalisch bieten sie dem geneigten Zuhörer eine Kombination aus düsterem Indierock und elektronischen, tanzbaren Verweisen. 

Die aktuelle Single "I Saw A Ghost" könnte genau so gut von den Editors stammen, auch wenn der Sänger leider nicht mit einer solch tiefen und charakteristischen Stimme gesegnet ist wie Tom Smith. "Start Again" setzt vermehrt auf synthetische Klänge und braucht sich daher vor Vergleichen mit The Maccabees nicht zu schämen, "Plant The Seed" geht noch einen Schritt weiter und steht dem Synthie-Pop von Depeche Mode dadurch recht nahe. Dass auch häufig zu Recht The Killers und Interpol als Referenzen herangezogen werden, beweisen Songs wie "Fool For Your Philosophy" bzw. "Grace Of God". Dies sind nur einige Highlights aus einem gelungenen Album mit 12 Titeln in 43 Minuten, bei dem es vollkommen egal ist, wie schnell die vier Jungs lesen können.




It’s with their own unique, if somewhat dark, pen that The Slow Readers Club has signed their signature boldly to this album. There are twelve tracks in all, crafted to bring together catchy hooks with achingly beautiful poetry to tell a subtle story. Strong vocals hover over and through filtered beats, sometimes built for dancing, sometimes for listening, experiencing the sound as The Slow Readers Club have created it.
The tracks like the brooding, “Days Like This Will Break Your Heart,” or the ballad-leaning “Don’t Mind,” showcase introspective lyrics set against hypnotic keys and shimmering echoes that pull you into TSRC somewhat sad world. The eerie feeling that some of these tracks have isn’t without reason or design. "I Saw a Ghost" is one of the bolder moments of poetry on the album with lyrics like, "I am empty, I am hollow, I am solemn verse" dark by intention. As explained by singer / lyricist Aaron Starkie, "Ghost" is a song about depression and "...about appearing to have a normal happy life but carrying something with you that can descend at any moment and make everything appear bleak." Much of this album carries a similar heavy feeling, but somehow, you never feel caught in the ennui that exploration of this type can sometimes fall victim to.
Initially, the album seems to be somewhat front-loaded. Meaning the dark tones seem more predominate toward the end of the album, the more upbeat tracks at the start. Example? Down at track 10 you find "Here in the Hollow." A dark piece that layers the chanting lyrics “I won’t forget, I won’t forget, your voice still echoes in my head...” against the fast paced music to create a manic feel. Add in bleak, dark lyrics and that feeling becomes a full picture: “Here in the hollow you’ll lose your mind. Hopeless. Loveless. Petrified.” Taken together, it's that willingness to go so close to the bone that makes the song almost uncomfortable. And hats off to TSRC for creating such a tangible moment for their listeners and for crafting an album to follow the lines of a journey so subtly that you’ve listened over and over before you even realize just what journey you’ve been on.
Cavalcade strikes a nearly perfect balance of mood and moment. The album starts with some brilliantly upbeat, danceable tracks like “Forever in Your Debt,” “Start Again,” and ends with “Know the Day Will Come.” These tracks help to lend balance the darkness. The sense of knowing desperation, but seeing the glimmer of promise through the fog.
(In Your Speakers)




The lyrics are deeply introspective, can be simplistic and are occasionally clichéd; “Let me count the ways I love you” on opener Start Again. At other points they sound almost Euro-pop, most evident through the rhyming couplets on Days Like These Will Break Your Heart. While on the face of it this may not sound so great, the lyrical simplicity carefully cultivates fantastic imagery that makes their music as accessible as it is brilliant. The vocal performance from Aaron varies little, but this is no bad thing as his dulcet tones are captivating. When it does however, such as on Plant the Seed we hear some higher ranges that come as a pleasant surprise and contrast to the earlier tracks. Keeping this hidden for so long keeps the album fresh, reigniting your interest and drawing you in deeper, enveloping you in their dark little musical universe.
From Plant the Seed on, the tracks are like a runaway train, flowing from strength to strength and becoming a darkly enjoyable roller-coaster of emotion so thrilling, I simply couldn’t turn it off. Broad strokes, I suspect Cavalcade will be very popular with fans of alternative music old and new. Having already been championed by XFm they’re setting off on the right foot and deservedly so. Very few acts successfully make melancholic yet uplifting music, but Slow Readers Club have succeeded with this effort. All things considered, it looks very much like 2015 will be their year.
(xs noize)


Benjamin Clementine - At Least For Now























Bereits in seiner Februar-Ausgabe stellte der Musikexpress in der Rubrik "Hot List 2015" Benjamin Clementine vor...

Das Zeug zum Star hat Benjamin Clementine (26), ein Brite, der viel Zeit in Frankreich verbringt. Dort hat er gelernt, dass die Franzosen den Männern am Klavier sehr genau zuhören. Das Chanson-Publikum ist anspruchsvoll. Es will mehr als nur gute Unterhaltung, es will Drama und Existenzialismus. Und Clementine gibt ihnen das. Er trägt Schwarz, eine Turmfrisur und keine Schuhe, hat sich das Klavierspiel beim Hören von Erik Satie selbst beigebracht. Seine Stimme ist dunkel, und wenn sie stolz nach oben geht, liegt der Geist von Edith Piaf in der Luft. In seinen Liedern vermischt er Klassik mit Chanson, Soul mit Jazz. Seine Texte funktionieren auch als Poesie (...). Aber Clementine bleibt immer auch Pop, weil dieser Kerl weiß, wie eine Hookline funktioniert – und sei sie noch so ungewöhnlich. Seinem Stück „Condolence“, dem zentralen Song der EP GLORIOUS YOU, schenkte er elektronische Beats, jedoch ist Benjamin Clementine kein neuer James Blake. Er begibt sich eher auf die Spur der göttlichen Nina Simone. Für ihn und seine Hörer ist das ein Abenteuer.




... und sparte dabei noch zahlreiche erzählenswerte Episoden aus dem Leben Clementines aus: eine schwierige Kindheit als jüngstes von fünf Kindern ghanaischer, streng religiöser  Einwanderer in London, der gemobbte Teenager, der sich in die Bibliothek zu Gedichten von William Blake und T. S. Eliot flüchtet, sich das Klavierspielen als Autodidakt beibrachte und früh die Schule schmiss, die Flucht nach Paris, das Leben als Obdachloser, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, in der Métro Coverversionen vorzutragen, die Chansoniers Brel und Aznavour für sich entdeckte und irgendwann selbst entdeckt wurde. 

Allein diese Vita wäre berichtenswert - und dann kommen auch noch Clementines ungewöhnliche Stimme, gerne verglichen mit Edith Piaf und Antony Hegarty, sein ausdrucksvolles Pianospiel und sein Händchen für großartige Melodien ("London", "Nemesis", "Condolence") hinzu!
"At Least For Now" ist sein Debütalbum, das sechs ältere Stücke, die bereits auf zwei frühen EPs zu finden waren, sowie sieben neue Lieder kombiniert und mittlerweile auch in Deutschland veröffentlicht wurde. Die Musik konzentriert sich dabei konsequenter Weise auf Benjamin Clementines Stimme und das Piano, lässt Gitarre, Bass und Schlagwerk (oder Fußstampfen auf "St-Clementine-on-Tea-and-Croissants") dezent im Hintergrund stehen und Streicher an den richtigen Stellen groß aufspielen. Zu diesem Kammerpop gesellen sich Ausflüge in Richtung Chanson, Jazz, Soul, Klassik und Spoken Word-Beiträge. 




Benjamin Clementine verarbeitet seine Geschichte in wundervollen Gedichten, setzt sich dann ans Piano und lässt sie raus. Mal schreit er, mal wimmert er, manchmal bricht die Stimme fast weg, er singt jedes Wort so, als ob er selbst nicht glauben kann, dass er den ganzen Mist wirklich durchmachen musste. In "Nemesis" geht es beispielsweise um die wüsten Träume von einer gescheiterten Liebe. Dabei fühlt man sich oft hilflos, ist wütend und niedergeschlagen.
Auf Dramatik und Melancholie setzt Benjamin Clementine gerne in seinen Videos, wie man schon an dem zu "Condolence" erkennen konnte. Für den ein oder anderen mag es ein bisschen zu viel Gefühl sein, dem Rest hingegen sprießen die Haarfollikel mindestens fünf Millimeter aus der Haut. Das tolle an seiner Musik ist, dass man es ihm abkauf, Benjamin Clementine wirkt kein bisschen aufgesetzt. Seine Gefühle sind authentisch, fungieren wie ein Katalysator für unsere eigenen Emotionen. Man will beim Anhören flennen, lachen, wie wahnsinnig dirigieren und sich in einer Ecke wie ein Embryo zusammenkrümmen und hin und her schaukeln. Benjamin Clementines Musik ruft auf die Art und Weise eine Katharsis hervor, wie es keine andere Tragödie tun könnte.
Bei "Adios" bringt er das noch auf eine ganz andere Ebene: es wird religiös. Ab Minute 2:06 circa fängt er an, zu den Engeln zu sprechen und stimmt anschließend choral-artigen Gesang ein. (...) Auf At Least for Now experimentiert er generell sehr gerne. "London", zum Beispiel, erinnert irgendwie an eine Disney-Version von "London Calling" - nur halt, dass es umgekehrt ist, Benjamin will seine Heimat ja eigentlich verlassen. "Winston Churchill's Boy" hat durch den Einsatz eines Schlagzeugs ab 2:05 sogar eine leicht elektronische Anmutung. Tolle Überraschung, da er sich bei seiner Musik bislang auf Piano und minimalen Streichereinsatz beschränkt hat.
At Least for Now birgt wahnsinnig viel Variation und Gefühl und ist definitiv eine Platte, die die Alben-Bestenlisten von 2015 anführen wird. Definitiv.
(ego fm)




In wenigen Minuten ein ganzes Leben auf den Punkt zu bringen, das ist die große Aufgabe der Chansonniers. Und das gelingt auch diesem Schlaks, der auf dem Cover ausschaut wie ein bislang unbekannter Sohn der göttlichen Nina Simone – und häufig auch so singt. In „Winston Churchill’s Boy“ geht es um Randolph Churchill, den einzigen Sohn des großen Staatsmannes, einen Dandy, Trinker, Reporter – und tatsächlich später auch Abgeordneten. Den Schatten des Papas wurde er dennoch nie los, und so ist der Song auch eine Fabel, die von allen Söhnen mit starken Vätern handelt: „Don’t you ever judge Winston boy“.
„London“ ist eine autobiografische Erzählung: Clementine verließ die britische Hauptstadt, um sein Glück in Paris zu suchen. Dort spielte er Gitarre in der Metro – und hörte die Sirenen, die zum Abbruch des Abenteuers riefen: „London is all in you, why are you denying the truth.“ Waren die ersten beiden EPs, mit denen sich der Künstler in die Hoffnungslisten für 2015 spielte, meditative und lichtscheue Platten, lässt er auf dem Album mehr Licht an seine Kompositionen. Mehr Pop, weniger Neo-Klassik. Das macht AT LEAST FOR NOW noch immer nicht zu einer einfachen Platte. Aber zu einer sehr guten.
(Musikexpress)




This Is The Kit - Bashed Out
























This Is The Kit nennen wir eigentlich nur This Is The Knit, denn ein Auftritt im Vorprogramm vor The National zeigte uns die offensichtliche Liebe der Band zu Strickwaren. Selbst das Kabel, das die Gitarre von Kate Stables mit dem Verstärker verband, schien umstrickt zu sein.
Die Verbindung zu The National scheint auch dauerhaft zu sein, denn Aaron Dessner produzierte "Bashed Out", das dritte Album der britischen Folk-Pop Band, veröffentlichte es über sein eigenes Label Brassland und konnte zudem seinen Bruder Bryce für die Mitarbeit gewinnen. 

Glaubt man der einschlägigen Fachpresse, so dürfte der Durchbruch für This Is The Kit anstehen, obwohl sich die Saison für gestrickte Pullover gerade dem Ende nähert:

Bashed Out is carefully curated. This album, more than anything else she's created, has the potential for true commercial success. But keep this in mind, Kate Stables is more Mark Rothko than Jackson Pollock. Don't even bring up Warhol. This album is about the layers that play out in a minimalist way. Each brush stroke, each note, is purposeful. This album doesn't scream "listen to me", it gently draws you in.
(The 405)


"Bashed Out" ist bisher als Download und CD erschienen, eine Vinyl-Veröffentlichung ist für Mai / Juni geplant. Wer Alben von Joni Mitchell, Sandy Denny, Joan Baez (früher) und Sharon van Etten, The National, First Aid Kit, Jessica Pratt (heute) in seinem Plattenschrank stehen hat, der sollte auch über den Kauf von "Bashed Out" ernsthaft nachdenken.


These new songs don’t sound terribly different from Stables’ first recordings nearly a decade ago, but the music is bolder and more purposeful, with a broader, richer palette of sounds. Dessner works in a minimalist vein, placing a handful of instruments at various levels in the mix but never locking them into place. A barely audible bassline rocks softly against Stables’ plaintive guitar theme on opener "Misunderstanding". "Silver John" blossoms into a swell of synths (courtesy of Thomas Bartlett a.k.a. Doveman) and builds to a chorus of odd siren vocal calls. There’s a parallax quality to the music, an immersive sense of depth that makes the songs sound larger with each listen.
Even as he expands her range and emphasizes her idiosyncrasies, Dessner wisely stays out of Stables’ way, and she emerges easily as the dominant force on Bashed Out. Her guitar work is nimble but not fussy, and she conjures a sense of nameless menace on closer "Cold and Got Colder". On "Spores All Settling" her banjo playing is almost pointedly rudimentary, emphasizing the present moment rather than the perfect performance. She’s a complex and compelling personality, spiking her folksy whimsy (there’s a song about the smell of mushrooms) with shots of prickly wisdom. "And so the outside, it bashes us in, bashes us about a bit," she sings on the title track, one of the album’s weightiest moments. 
(Pitchfork)




Even when Stables returns to territory you’d nominally call “folk”, she’s taking it somewhere new, not hamstrung by any thoughts of Arran jumpers, finger-in-the-ear, and eyes closed musicality. Both “Spores All Settling” and “Nits” are singularly English in their approach; the former highlights Stables’ wonderful banjo playing while singing of some kind of cleansing (again with the water, just like The National) but surrounds it with an ocean of sounds that carry it off and upwards rather than drown it. That is of course tribute to Dessner’s brilliant production; at every turn there’s a moment where the listener can savour a melody or an individual instrument while never losing sight of the bigger picture. The swell of brass during the song about that most quintessentially British school infestations (it may not be about that, I’m willing to admit) is stunning, and once the piano waltzes in it becomes a heartbreaker of stadium-sized proportions.
It’s hard to find fault with Bashed Out; timeless and completely modern all at once, Stables might have taken a little bit of time to hit her stride with This Is The Kit but this combination of players has helped her realise a vision of sorts: it’s as lucid a record as you’ll hear all year.
(The Line Of Best Fit)


This Is The Kit in Deutschland:
04.06.15 Hamburg, Aalhaus
05.06.15 Berlin, Antje Oklesund
06.06.15 Dresden, Discororate Festival


I'm From Barcelona - Growing Up Is For Trees
























Die Erwartungen an ein neues Album von I'm From Barcelona sind meinerseits: einige fröhliche Indiepop-Songs, die man bereits beim zweiten Mal mitklatschen, -summen und -singen kann, weil schlichte Handclaps vorgegeben sind, der vielstimmige Chorgesang wieder eingängige La-la-las oder Na-na-na-nas vorträgt und die Texte so simpel gehalten sind, dass man sie beim zweiten oder dritten Hören schon abgespeichert hat. Natürlich wird es den ein oder anderen schwächeren Titel geben und mit ganz viel Glück einen Song, der mit "We're From Barcelona", "Treehouse", "Paper Planes" und "Mingus" mithalten kann. Das letzte Album von I'm From Barcelona, "Forever Today" (2011), krankte ein wenig daran, dass es aus der ersten Kategorie zu viele Songs und aus der zweiten Rubrik keinen einzigen gab.

Nun also "Growing Up Is For Trees", ein Album, für das sich Emanuel Lundgren und seine Mitstreiter vier Jahre Zeit ließen und das gemeinsam live im Sudio aufgenommen wurde, um alle (auf dem aktuellen Plattencover zählt man 19 Personen) in den Prozess zu integrieren.
Der tolle Opener "Violins" kann sicherlich mit den zuvor vier genannten älteren Singles mithalten, die nachfolgenden "Helium Heart" und das temporeiche"Lucy" sind ähnlich gut bzw. fast noch besser gelungen, "Growing Up Is For Trees" und "Gotta Came Down" schlagen einen ruhigeren und düstereren Wege ein, ähnlich wie einige Songs auf "Who KIlled Harry Houdini?". Damit wären 17 Minuten und die erste Seite von "Growing Up Is For Trees" beendet. 
Auch wenn die weiteren 5 Songs (bis auf "Sirens") diese Qualität nicht halten können, dürfte "Growing Up Is For Trees" das bisher zweitbeste Album von I'm From Barcelona sein.




Doch neben 'Violins' sind wir noch mit neun weiteren, neuen Stücken beglückt. Wir hören uns mal durch das Album: 'Helium Heart' ist durchaus cheesig, aber die leichte Rockreminiszenz à la 'Roadrunner' von den Modern Lovers reißt es wieder raus. Es folgt 'Lucy', ein selbst für ihre Bandverhältnisse äußerst zügiges, kraftvolles Stück. Das Lied macht Spaß, bleibt sofort im Ohr, und ist definitiv eines ihrer besten Werke im gesamten Schaffen. Erkennbar ist dies eindeutig daran, dass das Lied geradezu zwanghaft zur ständigen Schleife nötigt, aus der man sich erstmal mühsam wieder befreien muss.
'Growing Up Is For Trees', das Titelstück, bleibt recht ruhig, und begeistert mit einem gelungenen Text über die Schwierigkeiten ein Liebeslied zu verfassen. Am Ende ist ein wenig unbeholfenes Klaviergeklimper zu hören – wohl der kompositorische Beginn eines jeden guten Liebesschnulzenklassikers. 'Gotta Come Down' erinnert an das Vorgängeralbum. Sehr glatt, sehr schön vielstimmig. Die Menschenmasse der Band wird zu selten genutzt, aber immerhin an dieser Stelle. Dem schließt sich auch 'Not Just Anything' an, bleibt aber weniger hängen und hat etwas von einer B-Version von 'Violins'.
Beim flotten 'Sirens' wähnt man sich wieder etwas mehr in der Bandvergangenheit. Live wird das Stück mit Sicherheit sehr überzeugend, um nicht zu sagen gut tanzbar sein. Hier darf sich auch endlich der Bläsersatz mal so richtig in den Vordergrund schieben. 'Benjamin' ist ein mit kleinen Countryanleihen gespicktes, sehr sympathisches Lied über Fernweh. Wieder sorgen die Bläser für die Extraportion Eingängigkeit, welche das Lied eine Weile im Gehör verweilen lässt. Erstaunlich ähnlich ist 'Departure', sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Es ist eine winzige Prise unaufgeregter, aber unterm Strich das leicht bessere dieser beiden schönen Fernwehlieder.
Das gut fünf Minuten lange 'Summer Skies' beschließt das Album. Im Vergleich zum Restalbum erscheint es doch besonders unaufgeregt, und lebt vor allem von einem spärlichen, repetitiven Text. Gegen Ende wird ein wenig gejammt, aber zum Glück in Maßen und nicht eine halbe Stunde lang. Zum Ausklingen genau die richtige Wahl.
Wir halten fest, das neue Album von I'm From Barcelona geht als gut gelungen durch, auch wenn an der ein oder anderen Stelle das Potential der Band leider nicht ausgeschöpft wurde. Das Album möchte ein paar mal gehört werden, bevor es seine ganze Wirkung entfaltet, und besonders 'Departure', 'Growing Up Is For Trees', und 'Helium Heart' sind gelungene, zukünftige I'm From Barcelona-Klassiker. 'Lucy' ist nicht nur besonders gelungen, sondern ein Hit, und sollte als solcher bitte auch entsprechend gewürdigt werden.
(Tante Pop)

The Soft Moon - Deeper
























Maifeld Derby 2015 (III)

Beschließen wir unsere kleine Maifeld Trilogie mit The Soft Moon, dem Projekt des amerikanischen Musikers und Produzenten Luis Vasquez, und dem Hinweis darauf, dass ein geeigneter Zeitpunkt für den Auftritt in Mannheim weit nach Mitternacht liegen sollte. Und viel "Trockennebel" sollte bereit stehen!

Auf "Deeper" folgen düster-bedrohliche Industrial-Klänge, auf malträtierende Noise-Attacken und hypnotisch-tanzbaren Post-Punk. Seine besten Momente hat "Deeper" für mich, wenn sich Vasquez  ganz nahe an einen Synth-Pop-Hit heranwagt und man sich am Ende von "Wasting" fast in einem Depeche Mode-Song wähnt. Größtenteils ist es jedoch eher: EBM trifft Nine Inch Nails trifft The Cure. Das kann wirklich nicht bei Sonnenschein aufgeführt werden! 


Klar ist: Wenn Vasquez Schwarz meint, dann meint er Schwarz. Die Sonne ein Fremdkörper, das Leben kreischt sich kaputt. Eine ganze Platte lang ist so etwas kaum auszuhalten, deshalb gehen einem die New-Wave-Tanzschritte beim nachfolgenden „Far“ so leichtfüßig von der Sohle.
Doch man sollte sich an dieser Stelle nicht in Sicherheit wiegen: Mit „Wasting“ winkt Vasquez wieder aus der Gruft und klingt dabei wie die beste deutsche Goth- Band Pink Turns Blue, deren atemberaubend gute LP EREMITE an dieser Stelle beworben werden soll. Es folgt mit „Wrong“ ein pumpendes Stück EBM, das endgültig beweist, wie leidenschaftlich sich der Kalifornier in der düsteren Musikvergangenheit suhlt. Interessant ist, dass die Platte trotzdem spannend bleibt. Vasquez ist nicht nur Musiker und Produzent, sondern versteht sich auch aufs Sequencing: Jede Kurve in dieser Nachtfahrt in Richtung Friedhof bietet neue Nuancen. Diese Schwärze ist bunt.
(Musikexpress)




Weniger zugänglich als die Vorgänger scheint “Deeper” beim ersten Hören. Dabei hatte Produzent Maurizio Baggio seine Hände mit im Spiel, in dessen Studio in Venedig Vasquez die Platte aufgenommen hat. Mehr Dark als Minimal Wave ist es diesmal geworden. Technoide und Industrial-Klänge haben ihren Weg auf das Album gefunden, Vasquez paart sie mit eingängigen Melodiefolgen. So zum Beispiel im pulsierenden Track “Feel” oder beim Stück “Far”, in dem eine einprägsame Gitarrenfolge immer wieder zwischen Stakkato-Bass und Störgeräuschen aufleuchtet.
Vasquez Stimme nimmt eine kleinere Rolle auf “Deeper” ein. Aus der Ferne, durch verschiedene Filter und Verzerrer hindurch, dringen einzelne Gesangsfetzen in die Lieder. Knappe Zeilen wie “What is this place? I don’t know where I am” und “Why are we alive?” schrauben sich zwischen flirrende Beats und heulende Sirenen, so zum Beispiel bei der Singleauskopplung “Desertion”.
Eine Mannigfaltigkeit an Stimmungen kann man “Deeper” nicht attestieren. The Soft Moon schafft mit seinem dritten Album jedoch eine einzigartige Mischung aus Wave-Einflüssen, elektronischer Vertracktheit und Post-Punk.
(byte.fm)




The Soft Moon in Deutschland:
19.05.15 Berlin - Schwuz
21.05.15 Hamburg - Übel & Gefährlich
22.05.15 Köln - Gebäude 9
23.05.15 Mannheim - Maifeld Derby
24.05.15 Essen - Zeche Carl

East Cameron Folkcore - Kingdom Of Fear
























Maifeld Derby 2015 (II)

Unser alljährlicher Ausflug zum Maifeld Derby in Mannheim ist mittlerweile fest in unserem Terminkalender vermerkt und Karten werden frühzeitig als Scheuklappentickets bestellt, zu einem Zeitpunkt, an dem noch keine Band bestätigt ist. Bisher haben die Festivalmacher nicht enttäuscht und so wurden dieses Jahr auch Bands wie Mogwai, Fink, Foxygen oder Musée Mécanique verpflichtet, die in den letzten Jahren mit ihren Alben überzeugen konnten.

Auch East Cameron Folkcore werden dieses Jahr in Mannheim auftreten und dort ihr neues Album "Kingdom Of Fear" vorstellen, das als kritische Bestandsaufnahme unserer Welt verstanden werden soll und sich an Themenfeldern wie Überwachungsstatt, Kapitalismus, Fracking oder Korruption in Wirtschaft und Politik abarbeitet. Kein Wunder also, dass Jesse Moore, der Anführer dieses wilden Folk-Punk-Country-Rock-Orchesters, seine Texte inbrünstig herausschreit. "Kingdom Of Fear" ist ein Moloch von einem Album, der einen mit seiner Opulenz und Wucht, seinem kruden Stilmix und dem eigenen Anspruch sowie der überbordenden Länge von 1 Stunde (bei vierzehn, ineinander übergehenden Titeln) geradezu erschlägt. 


Auch „Kingdom of Fear“ sollte man dabei als „großes Ganzes“ sehen. Im Vordergrund stehen nicht die einzelnen Songs, die nicht selten nahtlos ineinander übergehen, sondern die wesentliche Aussage, die hinter den 14 Tracks steht. Entsprechend funktioniert das Intro „What The Thunder Said“ als eine Art Ausblick auf das, was in den Hörer in der kommenden Stunde erwarten soll. Dabei sind die Lieder in vier Kapitel gegliedert, was besonders in der Doppel-Vinyl-Version seine volle Wirkung entfaltet. Den Anfang macht der „The Grand Illusion“-Part mit der eröffnenden Titel-Nummer „Kingdom of Fear“, die als heimeliger Folksong startet, zum rotzigen Gitarren-Rocker wird, um schließlich sphärisch-besinnlich zu enden. „The Joke“ übernimmt mit warmen, fast souligen Gesangsharmonien, die immer mehr Richtung Punk-Attitüde changieren, bevor das positiv-stimmungsvolle „969“ mit viel Drive in die Vollen geht. Der Blick „Through The Looking Glass“ wird vom aufrüttelnden „The Greater Fool“ eingeläutet, bevor sich das temporeiche „Fracking Boomtown“ mit der höchst umstrittenen Fördermethode beschäftigt, mit der man Erdgas aus tiefen Erdschichten gewinnt. In Texas ist das Fracking bereits allgegenwärtig. Es gibt Erschütterungen und Erdbeben, das Grundwasser wird durch Chemikalien verseucht und Wasserknappheit entsteht, die sich zu extremen Dürren ausweitet. Der „Modern Man“ schließt sich dem mit reduzierten Melodien an, die es bei aller Bescheidenheit jedoch nicht am nötigen Tiefgang fehlen lassen, ehe „When We Get Home“ den musikalischen roten Faden mit hymnischen Melodiefolgen fortführt. Kommen wir zum dritten Kapitel „The People Speak“, mit dem das Volk seine Stimme erhebt: „Protest Hero“ tut dies mit dezenten Frickeleien in einer folkigen Gemengelage, bevor „Our City“ unvermittelt und mit zunächst leisen Klängen an die Reihe kommt. Keine Frage, dass es bei dieser akustischen Bescheidenheit nicht bleibt und so erheben EAST CAMERON FOLKCORE auch an dieser Stelle ihre streitbaren Stimmen, die bei „Blackheart For A Beating Drum“ von jaulenden Sirenen begleitet werden. „Newspeak“ verlegt sich am Ende tatsächlich noch einmal auf vergleichsweise versöhnliche Töne, während das letzte Kapitel „Ship of Fools“ „Into Hells Sea“ ablegt. Einige Untiefen gilt es noch zu umschiffen, bis es schließlich „Goodbye To Fear“ heißt.
(Terrorverlag)




Trompete, Mundharmonika, Banjo, Cello, Schellenkranz... Fast jedes in der modernen westlichen Musik gebräuchliche Instrument taucht zumindest einmal in irgendeinem Song auf. Entsprechend vielseitig ist auch der sich daraus ergebende Genre-Mix. Das titelgebende 'Kingdom Of Fear' könnte locker auch in einem Irish Pub aufgelegt werden. 'The Greater Fool' wiederum hat aufgrund der durchgehenden Präsenz der Blechbläser eine südstaatliche Bluesatmosphäre und 'Blackheart For A Beating Drum' verströmt einen Hauch von Achtziger-Jahre-Rock.
Alles in allem ein vielversprechendes Konzept, wenn das große 'Aber' nicht wäre. 'Kingdom Of Fear' kommt mit ganzen vierzehn Songs daher, einem Dutzend verschiedenen Instrumenten, mehrstimmigem Gesang und ganz viel Anspruch. Am Ende wird dem Album aber genau das zum Verhängnis. Viele Köche verderben den Brei und East Cameron Folkcore scheitern hier an ihren eigenen Ambitionen. Durch die schiere Masse unterschiedlicher Töne steigert sich die Band in ein regelrechtes Klangchaos hinein. Zuweilen entsteht der Eindruck, dass mehrere Tonspuren parallel nebeneinander laufen, was stellenweise zu Dissonanzen führt. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen, zumal die Idee des Stilmix, einhergehend mit den aufwühlenden Texten durchaus eine gute ist. Wer offen für musikalische Experimente ist und ehrlichen, leidenschaftlichen Gesang mag, sollte trotzdem einmal reinhören.
(whiskey-soda)


East Cameron Folkcore in Deutschland:
24.05. Mannheim - Maifeld Derby
26.05. Saarbrücken - Garage
27.05. Bielefeld - Forum
28.05. Hamburg - Hafenklang
29.05. Husum - Speicher
30.05. Berlin - Magnet Club
01.06. Jena - Rosenkeller
02.06. Dresden - Groove Station
03.06. Leipzig - Werk 2
04.06. Erlangen - E-Werk
07.06. München - Ampere
16.06. Köln - Underground
17.06. Trier - Ex-Haus
18.06. Wiesbaden - Schlachthof

Waxahatchee - Ivy Tripp























Maifeld Derby 2015 (I)

Bei der diesjährigen Ausgabe des Maifeld Derby Festivals stehen einige Bands im Lineup, deren Album wir hier bereits vorgestellt haben: Archive, José González, And The Golden Choir, Motorama, Love ASizarr oder Ball Park Music. Heute reiht sich auch Waxahatchee in diese Riege ein.

Waxahatchee ist das Bandprojekt der Singer/Songwriterin Katie Crutchfield, benannt nach dem Waxahatchee Creek, einem 34 km langen Zufluss des Coosa River in Alabama, dem Bundesstaat, in dem Crutchfield aufwuchs.

"Ivy Tripp" wurde Anfang des Monats über Wichita Recordings / Merge Records als drittes Album von Waxahatchee veröffentlicht und versammelt auf 13 Songs / 38 Minuten eingängigen Power-Pop ("Under A Rock"), schrammeligen Alternative Rock mit Grunge-Beigeschmack ("Poison"), munter vor sich hin pluckernden Lofi-Casio-Pop ("La Loose"), Piano-Ballade ("Half Moon") bis hin zu intimen, auf Gesang und Gitarre reduzierten Folk ("Blue", "Sommer Of Love"). Damit wird "Ivy Tripp" zum bisher vielfältigsten Album von Waxahatchee.


IVY TRIPP ist kantiger, wahrhaftiger, unprätentiös. Und etwas, das Zeit braucht, um beim Hörer anzukommen. Wenn man so will, braucht diese Platte einen Beipackzettel. Mit den Worten: „Falls nicht anders verordnet, dreimal am Tag zu Gemüte führen.“ Lässt man sich auf den Trip ein, offenbart sich Crutchfield als talentierte Songwriterin. Mit dem Herz auf der Zunge und ohne Scheu, die Dinge beim Namen zu nennen, ist IVY TRIPP wie der Liebesbrief eines Teenagers, der die „Bravo“ nie gelesen und Liebesbriefe zu schreiben stets abgelehnt hat. Schade nur, dass der Sound von Waxahatchee ab und an in Ideenlosigkeit abdriftet.
(Musikexpress)




»Ivy Tripp« markiert nun gewiss nicht Waxahatchees Entdeckung der Opulenz, doch es vermittelt erstmals innerhalb eines Albums einen Eindruck von ihrer ganzen Bandbreite. Bislang klangen ihre Veröffentlichungen in sich immer recht homogen, dagegen ist die dritte Soloplatte der Musikerin auf wohltuende Art weniger rund. Der Opener »Breathless« ist verzerrte Orgel und Gesang, monoton und feierlich. Doch schon das folgende Stück »Under A Rock« wird in Live-Manier angezählt, um nach wenigen Takten in eine gitarrendeftige Melodieseligkeit auszubrechen, die an den angepunkten Power-Pop von Bands wie den Weakerthans anknüpft. So wechselt das zum Großteil bei der Künstlerin zu Hause aufgenommene Album von Lied zu Lied zwischen Introvertiertheit und lauten Ausbrüchen. Drinnen ist es aber wie draußen: nämlich ganz außerordentlich.
(intro)


Waxahatchee in Deutschland:
23.05.15 Beatpol, Dresden
24.05.15 Maifeld Derby, Mannheim
25.05.15 K4, Nürnberg
01.06.15 Gleis 22, Münster
03.06.15 Molotow, Hamburg
07.06.15 Grüner Salon, Berlin
08.06.15 Blue Shell, Köln

Rah Rah - Vessels
























Beim letztjährigen Maifeld Derby lieferten sich Feurd von The Elwins und Jeff Romanyk von Rah Rah ein Kopf an Kopf Rennen um den auffälligsten Schnurrbart. Feurd siegte um Haareslänge. Wie passend, dass die beiden Bands nun an 6 Terminen gemeinsam durch Deutschland touren und nacheinander die Bühnen betreten (Termine siehe unten), da kann der Wettstreit in eine neue Runde gehen oder es können Bartpflegetipps ausgetauscht werden.

Sowohl The Elwins ("Play For Keeps") als auch Rah Rah präsentieren dabei ihre neue Alben und diesmal dürfte das kanadische Quintett den Sieger stellen, denn "Vessels" kann mit folgenden Pfunden wuchern: mit Marshall Burns und Erin Passmore sowie Kristina Hedluna gibt es gleich drei unterschiedliche Sänger(innen), die die Leadvocals übernehmen, feiner, von Gitarre, Bass und Schlagzeug getriebener Power-Pop, der mit "Be Your Man" oder "Good Winter" zwei potentielle Hits bereit hat, einprägsame, mehrstimmige Refrains sowie Boy/Girl-Gesang, dezent eingesetzte Synthesizer, wie bei "In Space" oder dem an Blondie erinnernden und in Richtung New Wave tendierenden "Chip Off The Heart" (noch so ein Single-Kandidat).

"Vessels" ist das mittlerweile vierte Album der 5-köpfigen Band, von denen ich bisher Joel Passmore, Erins Bruder, unterschlagen hatte. Produziert wurde es, wie auch schon sein Vorgänger von Gus Van Go und Werner F. "Breaking Hearts" (2010) und "The Poet's Dead" (2012) kamen bei Platten vor Gericht bisher auf einen Punktedurchschnitt von 7,333 bzw. 7,250 - das dürfte "Vessels" auch gelingen.


„Good Winter“ hieß die erste Vorabsingle des neuen Rah Rah Albums. Doch der luftig-leichte Indie-Pop funktioniert keinesfalls nur in der dunklen Jahreszeit. Gemeinsam mit dem ebenfalls im Vorwege veröffentlichten „Chip Off The Heart“ sind auch die Eckpfeiler in die Grundatmosphäre des Albums der Kanadier eingerammt. Die Songs der Band leben von ihrer Dynamik, die manchmal in überbordende Spielfreude ausufert und oft zum Tanzen auffordert. Die wechselnd weiblichen und männlichen Leadvocals sorgen für ein zusätzliches interessantes, weil geschickt eingesetztes Stilmittel. Auch in den schwelgerisch-melancholischen Momenten bleibt die Stimmungslage lebensbejahend, so wie  im Fall von „All I Got Is Today“, das die Band musikalisch in die Nähe der Landsleute von Arcade Fire rückt. Ansonsten bedient man sich musikalischer Einflüsse von New Wave über Neo Folk bis zu Power Pop, die man als Versatzstücke in den Kompositionen findet.
(Plattenladen Tipps)




Live sind Rah Rah ein echtes Abenteuer. Wilde Wechselspiele durch's Instrumentarium und am Mikrofon, jede Menge Herzblut und der ein oder andere Spezialeffekt führen dazu, dass auch jeder noch so ignorante Festivalgänger montags seinen Arbeitskollegen von dieser Band berichten kann. Und doch scheint der Mainstream nicht das Ziel der Kanadier sein, dafür sind sie viel zu abwechslungsreich und ein Quäntchen zu komplex.
"Vessels" ist ziemlich nah am 2012er Vorgänger "The Poet's Dead" – ein bisschen poppiger vielleicht, was sich an Songs wie "Chip Off The Heart" oder "Wolf Eyes" äußert. Die Band behält ansonsten aber ihren Stil bei, bleibt schwer zu vergleichen, hat etwas ganz Eigenes und liefert immer wieder kleine Hymnen zu klassischen popkulturellen Themen. Gutes Pop-Songwriting trifft auf raffinierte und temporeiche Arrangements. "Was will man mehr?", könnte man fragen. Nun ja, leider springt der Funke nicht immer über. Wer "Rah Rah" live gesehen hat, weiß, wie viel Energie diese Band hat. Bei den Aufnahmen ist vieles davon auf der Strecke geblieben: Die Produktion ist dick, doch es fehlt an Dynamik, sodass "Vessels" leider nur halb so mitreißend ist, wie es das Potential dieser Band vermuten lässt.
(éclat)

Rah Rah in Deutschland:
16.04.15 Frankfurt, Das Bett
17.04.15 Essen, Weststadthalle
18.04.15 Freiburg, Räng TengTeng
21.04.15 München, Milla*
22.04.15 Erlangen, E-Werk*
23.04.15 Leipzig, Moritzbastei*
24.04.15 Dresden, Beatpol*
25.04.15 Berlin, Privatclub*
26.04.15 Hamburg, Knust*

* gemeinsam mit The Elwins


Blur - The Magic Whip
























10 Fakten zum neuen Album von Blur:

1. Was zuvor geschah: 05. Mai 2003: "Think Tank" wird veröffentlicht, Graham Coxon ist bereits nur noch auf dem Song "Battery In Your Leg" zu hören. 09. November 2003: das "letzte" Konzert von Blur in Brasilien. 13. Juni 2009: das "erste" Konzert von Blur, wieder als Quartett, im East Anglian Railway Museum in Chappel. Zahlreiche weitere Konzerte folgen. 24. April 2015: "The Magic Whip" wird veröffentlicht.

2. Mit "Fool's Day" (2010) und "Under The Westway" / "The Puritan" (2012) erschienen in den letzten Jahren bereits zwei Singles, die Blur in der Besetzung Damon Albarn, Graham Coxon, Alex James und Dave Rowntree aufnahmen. Die 3 Songs sind auf "The Magic Whip" nicht enthalten. Leider.

3. Im Mai 2013 waren Blur für das Tokyo Rocks Music Festival gebucht, dass ohne Bekanntgabe von Gründen abgesagt wurde. Blur strandeten in Hong Kong und nahmen in den dortigen Avon Studios in 5 Tagen neue Songs auf. In Interviews zeigte sich Albarn noch unsicher, ob die Aufnahmen veröffentlicht werden würden.




4. Während Damon Albarn mit seinem ersten Soloalbum "Everyday Robots" tourte, arbeitet Graham Coxon gemeinsam mit dem Produzenten Stepen Street an den Songs.


Tatsächlich beginnt das neue Album geschichtsbewusst: Das Eröffnungsstück „Lonesome Street“ knüpft hörbar an die psychedelische Frühphase der Band rund um „She’s so High“ an, es quäkt ein froschartiger Synthesizer dazu. „If you have nobody left to love/I’ll hold you in my arms“, verspricht Albarn. Das ist doch schon mal etwas. Der dreckige Slow-Rock von „Go Out“ erinnert dagegen eher an das Spätwerk David Bowies, es donnert der Krach. Natürlich wird man von Blur auch wieder erwarten, dass sie den Phon-Orkan ihrer Hitsingle „Song 2“ neu entfachen, das allerdings ist wohl unmöglich. Mit Stücken wie „Ghost Ship“ und „New World Towers“ wird dann klar, dass es bei Blur 2015 nicht mehr nur um Gitarre, Bass und Schlagzeug gehen kann, sondern auch Hiphop- und Soul-Einflüsse aus Albarns Solowerk hier zu ihrem Recht kommen.
Die Band hat wohl auch begriffen, dass der Albumsound von „Think Tank“ mit all seinen verrückten Geräuschsamples bis heute etwas Besonderes ist, genau daran hatte ja auch Albarn mit Piep-und Funksignalen auf seinem letzten Solowerk weitergestrickt. Durch alle Lieder spuken hier Geräusche, vom pfeifenden Teekesselchen bis zum Spielomat beim ulkigen „Ice Cream Man“. Klanglich ist das Werk oft so nah bei „Everyday Robots“, dass man es auch für eine weitere Soloplatte Albarns halten könnte.
Man könnte daraus jetzt wieder ableiten, dass Albarn die Gruppe gar nicht mehr braucht. Oder aber man sagt, dass sein melancholischer Gesang, stimmlich wie inhaltlich, im Grunde immer von Blur geprägt war und deshalb auch in dieser Band am besten aufgehoben ist. Genau zu dieser Überzeugung kommt man bei „There Are too Many of Us“. Es ist wieder so eine apokalyptische Ballade, in der die Menschheit schon zur Marschtrommel in den Abgrund steuert. Aber gleichzeitig vermittelt sie das Gefühl, dass die Band, die sie spielt, noch nicht am Ende ist. Eine große Herausforderung hat sie allemal noch zu meistern: Nach den wirklich perfekt arrangierten Soloauftritten Albarns mit Streichern und Chorsängern jüngst müssen die außer Form geratenen Blur-Mitglieder jetzt schon einmal hart trainieren, um nicht nur die Energie, sondern auch die Qualität der neuen Songs im Konzert zu Gehör zu bringen.
(FAZ)


5. Stephen Street arbeitete zuvor mit Coxon an drei seiner Soloalben ("Happiness In Magazines", 2004, "Love Travels At Illegal Speeds", 2006, "The Spinning Top", 2009) und mit Blur in ihrer Britpop-Hochphase ("Modern Life Is Rubbish", "Parklife", "The Great Escape" und "Blur") zusammen.

6. Albarn stoppte auf seiner Tournee erneut in Hong Konk und komplettierte bis Januar 2015 die Texte, so dass die fertigen Tracks bis Ende Februar gemastert werden konnten. "The Magic Whip" enthält 12 Songs und läuft 52 Minuten. Die japanische Version enthält zusätzlich den Song "Y'all Doomed".




7. Zusammen mit Tony Hung gestaltete Albarn das Artwork für "The Magic Whip". "The album title The Magic Whip he explained was multifaceted," sagt Hung. "An ice cream in the UK, a firework in China and a 'whip' in a political sense. These extremes would reflect the different textures, breadth and depth of the album." Das Cover zieren die Chinesischen Schriftzeichen (Hanyu Pinyin) 模糊 魔鞭, die "Blur" und "Magic-whip" bedeuten.




8. Als erste Single wurde im Februar "Go Out" ausgewählt und nur digital veröffentlicht. So ist auch Platz 182 in den englischen Charts zu erklären. Abgesehen von "Don't Bomb When You're The Bomb" (2002) und "Fool's Day" (2010), die nur als stark limitierte Vinyl 7'' veröffentlicht wurden und die Charts vollkommen verfehlten, ist dies Blur zuvor noch nie passiert.
Nach "Go Out" folgten im März kurz aufeinander "There Are Too Many Of Us" und "Lonesome Street". Beide wurden ebenfalls mit einem Video versehen und nur digital veröffentlicht.

9. Metacritic weist aktuell einen Score von 86/100 Punkten bei 5 berücksichtigten Kritiken aus:

The Magic Whip turns out to be a triumphant comeback that retains the band's core identity while allowing ideas they'd fermented separately over the past decade to infuse their sound with mature and peculiar new flavour combinations.
Produced by Stephen Street – the man who stood behind the glass for them in their mid-nineties pomp – these songs inhale Albarn's experiences with world music and opera and Coxon's with psychedelic folk, count to 10, then exhale them with the band's unique and dynamic four-way chemistry.
Some of the songs come straight from the vintage Blur playbook that has always offered party pogoers and hangover weepers. Opener Lonesome Street builds on a classic, scratch'n'spring of a Coxon riff while Albarn spends his verses sneering at the mundanity of global consumer culture and the "5:14 from East Grinstead" before launching his heart into a weightless romantic chorus: "And if you have nobody left to rely on/ I'll hold you in my arms and let you drift." It's lifted by some old school "woo-woo"s, while the sing-song grunge of Go Out rocks on the rubber soles of James's bass notes and shudders with Albarn's "uh-uh-ohs".
Albarn's voice has weathered warmer and wearier over the band's career. The elegant melancholy honed in his solo work is evident on the beautiful Terracotta Heart (which you can read as being about the band's fraught, fraternal relationships) and New World Towers which finds the singer in alienated orbit around a love as distant as the neon green signs of Hong Kong.
Pyongyang – about North Korea's "silver rockets and cherry trees" – features a liquid bass and subaqueous vocal samples that could have slipped off an Eighties Kate Bush album.
Elsewhere, they take electronica from quirky to murky on Ice Cream Man and deliver a smooth, brass-flecked, reggae-soul groove on Ghost Ship.
Things get weirder and proggier with the sci-fi march of There are Too Many of Us and the thready pulse and oriental xylophone of Thought I was a Spaceman throughout which Albarn sings of his struggle to "dig out" his heart, only to find it buried in Hyde Park, where we'll be seeing Blur again this June. Welcome back and see you soon, guys.
(The Telegraph)


10. Wer Songs von "The Magic Whip" live erleben möchte, muss nach aktuellem Stand verreisen:
      13.06.15 Isle Of Wight Festival, Isle Of Wight
      15.06.15 Zenith, Paris
      20.06.15 Hyde Park, London
      16.-19.07.15 Benicassim, Barcelona

Alamo Race Track - Hawks
























Obwohl "Hawks" bisher nur in Belgien und den Niederlanden veröffentlicht wurde, sei jetzt schon an dieser Stelle auf das vierte Album von Alamo Race Track hingewiesen, denn nach der Großen Raubmöwe fällt der Übergang zu den Greifvögeln recht einfach. 

Vier Jahre ließen sich  Ralph Mulder (Gesang, Gitarre), Leonard Lucieer (Gitarre), Robin Buijs (Schlagzeug), Peter Akkerman (Bass) und Jaap Bossen (Gitarre) für den Nachfolger von "Unicorn Loves Deer" Zeit. Zeit, in der sie nicht nur viel tourten und Musik für Theaterproduktionen schrieben, sondern auch ein eigenes Studio bauten. Und dort entstanden dann in 2920 Stunden, bei 1200 Tassen Kaffee und nach 376 Edits 12 neue Lieder, die wieder einmal beweisen, wer die spannendste und vielfältigste Indierock-Band aus den Niederlanden ist. Wenn auch nicht gerade die am schnellsten arbeitende.

Verschachtelte Instrumentalteile, vertrackter Chorgesang, psychedelische Elemente, detailreiche, schöne bis skurrile Arrangements mit Banjo, Vibraphon oder Akkordeon, denen man die lange Studioarbeit nicht anzumerken vermag, die Abwesenheit exponierter Refrains (mit Ausnahme des an MGMT erinnernden "Everybody Let's Go"), das macht die Musik von Alamo Race Track. Und bis zum nächsten Album hat man wieder ausreichend Zeit, damit sich "Hawks" entfalten kann.







Stornoway - Bonxie
























Die Band Stornoway ließ sich zur Finanzierung ihres dritten Albums über PledgeMusic gleich zwei ungewöhnliche Aktivitäten für Fans einfallen: Zum einen konnte man gemeinsam mit ihnen zum Zorbing gehen, sich also im Inneren einer aufblasbaren, meistens transparenten, doppelhülligen Kunststoffkugel einen Abhang hinunter oder auch auf einer flachen Strecke rollen lassen. Dies war natürlich als Anspielung auf die Debütsingle "Zorbing" zu verstehen. Aber warum sollte man, so die andere seltsame Freizeitgestaltungsmöglichkeit, gemeinsam mit Stornoway Vögel beobachten gehen?

Das neue Album selbst sollte die Antwort darauf geben, denn "Bonxie" ist der englische Begriff für Stercorarius skua, die Große Raubmöwe, das Plattencover ziert ein Origami-Vogel, im Video zur Single "Get Low" tauchen sie auf und zwischen den den 11 neuen Liedern hört man immer wieder die Rufe von Ringelgans & Co. Da ich im Verlaufe meines Biologie-Studiums bei der ein oder anderen frühmorgendlichen Exkursion zum Thema Vogelgesang versagt habe und verzweifelt bin, kann ich die zwanzig unterschiedlichen Arten leider nicht unterscheiden. Das könnte vermutlich Sänger Brian Briggs, promovierter Ornithologie, wesentlich besser und leichter. Immer gut, wenn man einen Fachmann zur Seite hat, mögen sich auch Stornoway gedacht haben, denn mit Gil Norton (Pixies, Foo Fighters, Maximo Park) wurde ein renommierter Produzenten für die Aufnahmen verpflichtet. 

"Bonxie" liefert sehnsüchtig-entspannten Folkpop mit reichlich Chorgesang, der Dank des Einsatzes von Streichern, Orgel oder Synthesizer vielfältiger geraten ist als auf den Vorgängern "Beachcomber's Windowsil" (2010) und "Tales From Terra Firma" (2013), und vom lupenreinen Folkpop-Song ("Get Low") über einen Shanty ("Josephine") bis hin zu dramatischem 60er Jahre-Pop ("Love Song Of The Beta Male") einiges zu bieten hat. Nicht nur Vogelgezwitscher.  




Stornoway have created a fabulous album that is both a call to action and a set of stunning songs that are instantly engaging but continue to grow in the affections with each play, soaring majestically above the clouds, in wondrous awe at the world below.
(Backseat Mafia)




His smooth vocals prevail as the true soul of this band, laying back into every tone for its deserved play-out. Collectively, they stay faithful to their synthy, indie, alt folk vibe and flash hints at the Hammond-era, even flaunting their barber-shop abilities in Josephine.
Man on Wire sets the scene for much of the album, with build-ups burgeoning out from the mellowness, they absolutely fill all auditive space. The Road You Didn’t Take brandishes inherent catchiness with Fink-style rumblings and vocal clashes, but it’s a shame few other tracks can give the same hook – some riffs sounding near-recycled. Yet even if they have reached a plateau, it’s a still a high one at that. 
(The Skinny)


The Wombats - Glitterbug























Der Nördliche Haarnasenwombat ist mit nur noch rund 110 Exemplaren vom Aussterben bedroht. Dem Bestand der beiden anderen Arten der Wombats (Nacktnasenwombat und Südlicher Haarnasenwombat) geht es trotz der Zerstörung ihres Lebensraumes durch den Menschen, der Nahrungskonkurrenz mit nach Australien eingeschleppten Arten und der direkten Bejagung noch relativ gut. 

Auch ihre sehr entfernten Verwandten aus Liverpool, The Wombats, sind stark bedroht, und zwar davon, nicht mehr (oder nur noch sehr selten) auf meinen Plattenteller gelegt zu werden.

Der Grund dafür heißt "Glitterbug" und ist die konsequente Fortsetzung des mit "This Modern Glitch" (2011) eingeschlagenen Weges auf Gitarren zunehmend zu verzichten und alles mit Synthie-Kleister zu verkleben und mit stampfenden Rhythmen zu unterlegen. Die zuvor veröffentlichten Singles "Your Body Is A Weapon", "Greek Tragedy" und "Give Me A Try" hatten dies schon angekündigt und The Wombats ziehen dies nun auf Albumlänge konsequent durch. Der 80er Jahre-Pop von "Headspace" und "This Is Not A Party", das eine ideale Single für ______ (hier den Namen eines fürchterlichen Pop-Sternchens eintragen) abgegeben hätte, dürfen hier als Tiefpunkte angesehen werden. So rockig-gitarrenlastig wie "The English Summer" sowie die Bonus Tracks "Sex And Question Marks" und "Flowerball" hätte ich mir hingegen mehr Titel auf "Glitterbug" gewünscht. Anstatt "Let's Dance To Joy Division" muss es nun wohl "Let's Dance To Bastille" heißen. Schade, aber der Erfolg wird ihnen selbstverständlich Recht geben.






Heavy Pop beschreibt die Misere sehr treffend:

Soll heißen: das von ‘Bankrupt!‘ auf den Dancefloor stampfende ‘Greek Tragedy‘, ‘Your Body is a Weapon‘, mit seinem minimal bratenden Gitarren, und das unkompliziert jeden Gelegenheitshörer ins Boot holende ‘Give Me a Try‘ bleiben einerseits eventuell die Sternstunden der Platte und haben dazu als auserkorene Vorabsingles verdeutlicht, dass die Wombats ihr Songwriting entlang von Two Door Cinema Club‘schen Trademarks und vor allem der Passion Pit-verliebten Hochglanzproduktion weiter in den Schatten von Phoenix getrieben haben – im Grunde hätten diesen Vorbotenjob aber andererseits auch sieben der restlichen acht aufgefahrenen Album-Songs ähnlich mühelos übernehmen können.
Bis auf das (trotz R&B-Vocoder) farblos bleibende, den Albumfluss aber dankenswerterweise durchatmen lassende Balladenintermezzo ‘Isabel‘ und den regelrecht nachdenklich Größe andeutenden Schlusspunkt ‘Curveballs‘, marschiert ‘Glitterbug‘ nämlich zur Gänze in genau der selben Gangart ohne große Variationen in Tempo oder Herangehensweise vonpotentiellen  Singlekandidat zu potentiellen Singlekandidat.
Was zu bombensicheren Genrevertretern wie dem charmant-schillernd in die Beine fahrenden Opener ‘Emoticons‘, der pulsierenden 80er-Vision ‘Headspace’ mit seiner erschöpfenden Chorus-Repetition, dem stimmungspushenden Partysmasher ‘This Is Not a Party‘ oder drückenden Festivalraketen der Marke ‘English Summer‘ führt – allesamt haarscharf an der Grenze zur selbstverliebten Penetranz agierend: allesamt absolut zielstrebig in ihrer Zweckmäßigkeit. Die Unterrichtsstunden rund um zündende Melodien und unmittelbar packende Hooklines haben die Wombats niemals geschwänzt, das dabei erworbene Wissen arbeitet das Trio nun eventuell sogar treffsicherer denn je für sein immer breiter werdendes Zielpublikum ab.
Wo sich die beiden Vorgänger dabei aber beide mit äußerst überschaubarer Halbwertszeit ausgestattet erst nach und nach mittels Heavy Rotation in die kurzweilige Bedeutungslosigkeit verabschiedeten, übersättigt das unvariabler bleibende, allzu mustergültig auf der Suche nach dem makellosen Popsong wandelnde ‘Glitterbug‘ noch einmal deutlich schneller, gibt sich als Party-Playlistenabonniertes Feuerwerk weniger vielseitig und rundum satter. 




Der NME landet auch nur bei 6/10 Punkten:

Naturally, their sense of humour, not to mention their fondness for pop culture references, remains intact - the opening track is called ‘Emoticon’ and its first line is about how “It’s tough to stay objective, baby/ With your tongue abseiling down my neck” - but on the whole, this is a more mature, less gratingly zany offering than its predecessors. It’s also one which largely abandons the sonic pretence of being an ‘indie’ band in favour of becoming a ‘pop’ one. 
Mostly, ‘Glitterbug’ occupies an equidistant point between Passion Pit and The 1975; only ‘The English Summer’ and ‘Pink Lemonade’ bear much resemblance to the antsy, fidgety post-punk The Wombats made their name with, and both end up falling somewhat flat. In its place are the sleek, synth-laden likes of ‘Be Your Shadow’ and ‘Headspace’ – precision-engineered for mass appeal, but no less effective for it. Not everything works quite so well – insipid single ‘Give Me a Try’ is an instant left-swipe of a song, and ‘Curveballs’ provides an anticlimactic ending, bringing closure to the album’s narrative and little else besides – but a certain amount of filler is always going to be de rigueur for a band like The Wombats. They’ll live or die by their singles, and ‘Glitterbug’ finds them in better-than-decent nick.