Get Well Soon - The Horror




















Sehr verehrter Konstantin Gropper,

ich möchte, im Bewusstsein was gleich noch folgen wird, extra darauf hinweisen, dass dies nicht floskelhaft zu verstehen ist, denn schließlich beschreiten wir seit nunmehr 11 Jahren, wenn auch nur einseitig bemerkt, zusammen einen musikalischen Weg. Begonnen hat unsere Beziehung 2007 beim Haldern Pop Festival und in den folgenden Jahren haben wir uns noch 14 weitere Male auf Konzerten (Mannheim, Frankfurt, Düsseldorf, Köln) oder Festivals (Maifeld Derby und A Summer’s Tale) getroffen. Am schönsten war die Überraschung, als Du meinen Sommer-Urlaub 2014 am Gardasee mit einem unerwarteten Auftritt im Auditorium Melotti in Rovereto konzertmäßig rettetest. Ein zufälliges, irgendwie „gemeinsames“ Pizzaessen vor dem Auftritt war natürlich auch inkludiert. Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir uns zuletzt im Mannheimer Nationaltheater gesehen, als Du „Vexations“ mit Orchester aufführtest. Dass hat offensichtlich bei uns beiden einen großen Eindruck hinterlassen, denn Dein neues Album „The Horror“ kommt nun auch im orchestralen Gewand daher. Der thematische Überbau kreist rund um das Thema „Albtraum“ und daher möchte ich Dir von einem meiner schlimmsten Albträume erzählen.

Dieser dreht sich rund um ein Album von Get well Soon, und „drehen“ ist hier bewusst gewählt, denn die Platte läuft und läuft und läuft und ich bekomme keine Refrains zu greifen, so sehr ich mich auch bemühe. Kein „It’s Love“, kein „The Last Days Of Rome“, kein „Ticktack! Goes My Automatic Heart“ weit und breit zu erkennen. Aber ich bin nicht der einzige der in diesem Nachtmahr leidet, denn Deine Band steht bereit und wartet darauf, endlich einmal losrocken zu können wie in „You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)“ oder „Marienbad“, aber sie wartet vergebens. 

Und nun, wie soll ich es ausdrücken, werter Konstantin, ist dieser schlimme Traum mit „The Horror“ tatsächlich irgendwie real geworden. Du croonst wundervoll wie Frank Sinatra, der sich in den eben so opulenten wie beklemmenden Soundtrack eines alten Edgar Wallace Films verirrt hat, und ich suche immer noch nach den packenden Hooks und starre verwirrt auf das Plattencover: „Der schwarze Hund in der Ecke“ - ist das nun Freud oder doch Wallace? Wir sind doch beide, dachte ich immer, im Team Katze!

Und so wird „The Horror“, jetzt musst du ganz stark sein, lieber Konstantin, nicht den Weg in meine Plattensammlung - in der die letzten vier 10’’ EPs neben den Vinylalben und den limitierten CDs im Buchformat und den damals im Frankfurter Bett gekauften, von dir vermutlich selbst gebastelten, ersten EPs im Pappcover stehen - finden. Also zumindest nicht in der Limited Deluxe-Vinyl-Box für 50 Euro. Als reguläre LP selbstverständlich immer noch, denn es handelt sich schließlich um ein Album von Get Well Soon, das seiner Konkurrenz natürlich immer noch meilenweit voraus ist, aber im bandeigenen Kanon eher einen hinteren Rang einnimmt. Dass Du Streicher und eingängige Popsongs verbinden kannst, hast Du doch zuletzt als Produzent von Sam Vance-Laws „Homotopia“, einer der bisher besten Platten des Jahrgangs 2018, beweisen. Beim nächsten Mal bitte auch für Get Well Soon.

Wir sehen uns im Herbst!

Dirk.


Get Well Soon Big Band - The Grand Horror Show - Tour 2018:

10.08.18 Hamburg, Elbphilharmonie
01.10.18 Berlin, Volksbühne
08.10.18 München, Münchner Kammerspiele
12.10.18 Leipzig, Westbad Leipzig
17.10.18 Köln, Kölner Philharmonie
28..10.18 Stuttgart, T1 Theaterhaus




Dem bieder-romantischen Optimismus seines letzten Albums "Love" setzt er jetzt ein unbequemes, an Scott Walker, David Lynch und Sinatras "In The Wee Small Hours" geschultes Crooner-Opus entgegen, das seinen gediegenen Orchester-Wohlklang immer wieder ins Surreale und (Schauer-)Märchenhafte driften lässt, dräuende Waldhörner und irrlichternde Oboen inklusive. Das ergibt ein dichtes Geflecht aus gedrückten Stimmungen, urgewaltigen Assoziationen und erhabenen, tief in die Zeitläufte resonierenden Klängen - ein ambitioniertes Werk, das in der jüngeren deutschen Musik seinesgleichen sucht.
Schade nur, dass es trotz seiner emotionalen Tiefe und intellektuellen Wucht ein zuweilen allzu träger Traumtanz bleibt, statt die dem Nachtmahr angemessene Dramatik und Dringlichkeit zu entfachen. Das böse Erwachen in Gestalt einer geifernden, laut bellenden Bestie in Schwarzbraun wird dieser nach Trost sinnende Schöngeist kaum bannen können. Leider.
(Spiegel)




Man kann auf THE HORROR jetzt nach­hören, wie Gropper sich durch Erinnerungstrümmer wühlt, den Schrecken auf links dreht und plötzlich mit so wunderbaren Songs wie „Nightmare No. 1“ und „Nightmare No. 2“ dasteht. Ein Glücksfall für die deutsche Popmusik 2018. Neben den klassischen Instrumenten kommen auch Field Recordings (Hotellüftung, Luftschutzsirene, Nebelhörner) zum Zuge, diese hat Gropper mit dem Samthandschuh des Grandseigneurs in seinen Songs verbaut, ach was, er hat sie hineingestreichelt, sie in einem Akt des Liebkosens in Melodien verwandelt. Und er hat sich bei Nelson Riddle den Swing aus dem Orchestergraben geborgt, den Arrangements, die Sinatras Stimme in den 50er-Jahren so leicht hüpfen ließen.
Zwischendurch gewinnen Groppers Songs aber auch jene deutsche Schwere, die in der Vergangenheit schon seine britpoppigsten Momente durchkreuzte. Das geht dann heftig ins Drama, wie bei „Martyrs“. „The Only Thing We Have To Fear“ startet mit Sam Vance-Law als Erzähler, der die Gebrüder Grimm auf Englisch ins Soundbild holt (…).
(musikexpress)





Kommentare:

Ingo hat gesagt…

Starkes Plädoyer, Dirk!

Olly Golightly hat gesagt…

Ich weiß gar nicht, was ihr alle hab(en werde)t.

8,5 Punkte

Ingo hat gesagt…

7 Punkte

Ole Pappert hat gesagt…

Kriegt mich diesmal nicht richtig. 6,5 Punkte