Tracy Thorn - Record



















In Deutschland dürften Everything But The Girl als lupenreines One-Hit-Wonder durchgehen, denn ihre Single „Missing“ erreichte im Remix von Todd Terry 1995 Platz 1 der hiesigen Charts. Außer „Wrong“ (#59) im folgenden Jahr konnten Tracey Thorn und Ben Watt keinen Song in den Hitlisten platzieren. in ihrer englischen Heimat sah das vollkommen anders aus, denn Everything But The Girl konnten mit ihrer Mischung aus Folk, Lounge Jazz, Electronica und Trip Hop 12 Top 50-Singles und 9 Top 30-Alben verzeichnen, auch wenn ihnen dort der 1. Platz verwehrt blieb. Im Jahr 2000 spielte das Duo sein letztes Konzert auf dem Montreux Jazz Festival.

Während sich Ben Watt seitdem in diversen kreativen Tätigkeiten (DJ, Produzent, Autor…) verwirklicht und sich um ihre gemeinsamen drei Kinder kümmert - denn nach 27 gemeinsamen Jahren läuteten 2008 die Kirchenglocken für die beiden - findet Tracey Thorn zwischenzeitlich immer mal wieder Zeit für Gastbeiträge (zuletzt bei Jens Lekman und John Grant) oder Soloalben. Ihr aktuelles Album trägt den Titel „Record“ und erschien acht Jahre nach „Love And Its Opposite“ (2010) und sechs Jahre nach dem Weihnachts-Album „Tinsel And Lights“ (2012).

Thematisch umschreibt Tracey Thorn ihre neuen Lieder als „nine feminist bangers“, musikalisch stehen diese dem Synth- und Elektro-Pop zwischen Marc Almond und Pet Shop Boys nahe. Dabei erhält sie Unterstützung von Corinne Bailey Rae, Jenny und Stella von Warpaint und dem DJ und Produzenten Ewan Pearson. So tief wie auf „Queen“ hatte ich ihre Stimme gar nicht in Erinnerung, bei „Go“ klingt sie ziemlich nach Annie Lennox. Auch wenn das über acht-minütige „Sister“ überall als Highlight angepriesen wird (und mich an „Screamadelica“ erinnert), lautet der Titel meines Lieblingsliedes „Smoke“.




Der Album-Opener und gleichzeitig die erste Singleauskopplung „Queen“ legt mit einem elektronischen Beat los, der genau so bei den Dance-Pop-Veteranen New Order zu hören sein könnte. Für den musikalischen Feinschliff holte Thorn sich den DJ und Produzenten Ewan Pearson ins Studio. Ein großer Name in der britischen Clubszene, der auch für Depeche Mode oder The Chemical Brothers bereits seine Mix-Künste auffuhr. Er hat aus „Record“ eine sehr reife, spannende Elektro-Pop-Platte gemacht, die in ihrer Geradlinigkeit und Klarheit oft Erinnerungen an den New-Wave-Sound der 80er-Jahre wachruft. So bleibt auch das Tempo mit nur wenigen Ausnahmen treibend.
Es darf, soll und muss getanzt werden zu diesen neun Liedern.
(WAZ)




Indem »Air« durch Verweise auf andere Songs geprägt ist, wirkt sein eigentlicher Gegenstand bereits stark vermittelt. Daraus resultiert aber eine angenehm maßvolle Qualität, die das Realistische durch eingeführte Muster filtert. Wir können Anteil nehmen, müssen uns aber nicht bis zur Selbstaufgabe mit den Liedern identifizieren. Dabei gibt es hier durchaus unmittelbar rührende Momente. Etwa, wenn es in der romantisch-neurotischen Facebook-Ballade »Face« heißt: »I’m closing your page now. Are you looking at mine? Do you scroll through my fotos just to check that I’m fine with a casual disinterest or a trace of regret or a stab through your heart when you think how we met.« Entsprechend dem Prinzip der Bewegung befindet sich die Protagonistin im nächsten Stück »Dancefloor« aber schon wieder auf der Tanzfläche, wo sie gern »Good Times«, »Shame«, »Golden Years« und »Let The Music Play« hören würde. Tracey Thorns Stimme klingt insgesamt ein wenig tiefer, das Album tendiert in Richtung Electro-Pop, ohne sich genrehaft oder formalisiert anzuhören. Dafür sind die Lieder viel zu sehr mit Thorns geistreicher Präsenz und ihrer einnehmenden Gabe zur Poetisierung der Wirklichkeit aufgeladen.
(intro)