Dienstag, 12. Juli 2016

Deftones - Gore






















Über den Sinn und Zweck von "Zwischenzeugnissen" kann man streiten: Während Halbjahreszeugnisse in der Schule zumindest noch ein Weckruf sein können, bin ich bei "Halbjahresmusikbestenlisten" skeptisch. Aber zumindest erinnerten mich gleich mehrere dieser Aufstellungen an ein Album, welches hier noch vorgestellt gehört.

Manche Alben muss man sich schön hören. Positiv formuliert nennt man solche dann "Grower". Auch "Gore" der Deftones ist ein Grower. Überraschend ist, dass es bislang bei mir gar nicht aufhören mag zu wachsen. 

Das letzte Album "Koi No Yokan" habe ich bereits zum stärksten seit "White pony" gekürt. Dann muss ich für das achte Album "Gore" wohl einen Schritt weiter gehen. Vier Jahre nach dem Vorgänger erscheint ein Werk, welches so souverän zwischen brachialem Alternative Metal, den stellenweise relativ harmonischen Passagen und Post-Metal Experimenten wandelt, dass ich mich in die zeitlose "White pony" Hochphase zurückversetzt fühle.  

Trotz starker Songs und grundsätzlich positiver Einstellung meinerseits gegenüber der Kalifornier, gab es immer wieder Gründe für "Asynchronitäten": Sei es ein wie ich finde schwaches Konzert vor vielen Jahren oder eine musikalische Dynamik zwischen hart/soft pro Album, welche ich nie ganz nachvollziehen konnte. Das war dann über Albumlänge doch einfach zu anstrengend. 

Obwohl ich inzwischen weniger harte Musik höre als vor einigen Jahren, komme ich mit "Gore" allerdings ganz vorzüglich klar. Die Ausbrüche kommen genau in den Momenten, wenn ich sie erwarte. Der Wechsel zwischen Forderung und Erholung ist stimmig wie selten zuvor. "Gore hätte schon vor einem halben Jahr erscheinen sollen. Dann nahm sich die Band den Mix noch einmal vor. Ohne die vorherige Fassung zu kennen: Es hat sich gelohnt. 

Mein Einstieg war der unfassbar starke Song "Hearts / wires".   "Prayers / triangles", "Doomed user", "(L)Mirl" und "Phanom bridge" sind ebenso empfohlen wie das gesamte Album. 

Und dann kann die Band noch mit einem besonderen Gast glänzen: Jerry Cantrell von Alice in Chains:


Plattentests.de wird das Album wohl nicht auf seiner Jahresbestenliste führen:
Ein verdammt gutes Album ist es geworden, einzig fehlt der letzte Schuss Genialität, der ihre Meisterwerke ausmacht. Von den Experimenten, die – so munkelt man – im Studio stattgefunden haben sollen, sind auf den finalen Songs kaum Anzeichen zu entdecken. Dass ein solches Album mit als schwächstes der Band seit über 20 Jahren bezeichnet werden kann, sagt allerdings lediglich aus, was für einen konstant hochklassigen Output die Truppe schlichtweg fabriziert. "Gore" ist also das Update, was Veränderung im Kleinen bringt und den Endanwender rundum zufriedenstellt.