Sonntag, 2. November 2014

Tindersticks - Ypres



















Die flämische Stadt Ypres trägt im Deutschen den Namen Ypern. Im Ersten Weltkrief lag Ypern direkt an der Westfront und war zwischen 1914 und 1917 in drei großen Schlachten stark umkämpft. Man geht davon aus, dass allein die Alliierten den Verlust von 500.000 Mann zu beklagen hatten. Deutsch Truppen setzten dort erstmals Senfgas ein, weshalb der Begriff "Yperit" heute noch im französischen Sprachgebrauch synonym für Giftgas benutzt wird. Nach dem Krieg wurde die stark zerstörte Stadt wieder aufgebaut, auch heute noch zeugen zahlreiche Soldatenfriedhöfe sowie das interaktive In Flanders Fields Museum in den Tuchhallen von Ypern von den Schrecken des Krieges. 

2011 erhielten Stuart A. Staples und Dan McKenna von den Tindersticks den Auftrag die Dauerausstellung des Museums klanglich zu untermalen. Das Ergebnis ihrer Arbeit, eine dreigeteilte, orchestrale Klanginstallation, die den Museumsbesucher durch die einzelnen Räume begleitet, liegt nun unter dem Titel "Ypres" vor. Die sechs sinfonischen Soundscapes kommen ohne den Bariton von Staples aus, dauert bis zu 20 Minuten ("The Third Battle Of Ypres") und sind auch ohne vorliegende Film- oder Fotodokumente für sich allein rezipiert höchst beklemmend, verstörend und deprimierend.

Hier gibt es ein Video zu "Sunset Glow" zu sehen.

Dabei fängt alles ganz still an – eine blecherne Totenglocke läutet „Whispering Guns“ ein, dessen massive Soundwände erst nach und nach ihre Melodiebögen erkennen lassen. Die Spannung ist fühlbar, die unheilverkündende Atmosphäre steigert sich über die zwölf Minuten stetig, und geschickt binden Staples und McKinna das Geheul einschlagender Granaten in die Orchester-Arrangements ein. Dabei hat „Ypres“ mit seinen wie eine Spirale in die Tiefe ziehenden Endzeitstreichern in jeder Minute den typischen TINDERSTICKS-Sound, auch wenn die Platte, ihrem Zweck entsprechend, rein instrumental bleibt und Staples’ charakteristische Stimme fehlt.

Stilles Abwarten prägt „Ananas Et Poivre“, während „La Guerre Souterraine“, der auf das ausgedehnte Höhlensystem Bezug nimmt, mit dem die Stadt und die Umgebung während des Krieges untertunnelt wurden, die Angst in der Dunkelheit mit ihren Klopfgeräuschen großartig in Töne kleidet – weniger sinfonisch, aber ebenso unheimlich. Wieder anders „Gueules cassées“, das sich den entstellten und verstümmelten Soldaten widmet, die ihren musikalischen Ausdruck hier in reduzierten, an eine tiefe Bassflöte erinnernden Tönen finden, einsam und nackt. Der folgende „Sunset Glow“ mag einen Hauch verzweifelter Romantik in sich bergen, wie er auch andere TINDERSTICKS-Werken prägt, schlägt dann aber im zwanzigminütigen, finalen Epos „The Third Battle Of Ypres“ in schaurige Dramatik um.

„Ypres“ funktioniert auch ohne die Bilder, für die sie geschaffen wurde, indem sie eigene entstehen lässt. Es ist eine mächtige Platte geworden, eine von denen, gegen deren stimmungsverändernde Wirkung es keine Gegenwehr gibt, die aber über die Emotionen, die sie weckt, auch Unerlebtes erfahrbar macht. Hören auf eigenes Risiko – aber trotzdem durch und durch empfohlen.
(Terrorverlag)


Dieses Album ist und/oder macht rein depressiv. Es ist sowieso eine kuriose Idee, Hintergrundmusik von einem Museum als Album zu veröffentlichen. Für einen Spaziergang durch die Räume ist das absolut angebracht, aber nicht für das wiederholte Anhören im Wohnzimmer. Da wird der bequemste Sessel zu einer kleinen Folterbank.

Natürlich kann man sagen, dass sich Tindersticks an der Minimal Music von Arvo Pärt mit Klangteppichen und Clustern ziemlich gekonnt orientiert haben. Und emotional ist 'Ypres' auf alle Fälle auch. Aber wenn man das ganze drum herum mal vergisst, ist die Musik schlicht langweilig. Und gleich muss man die Aussage relativieren, denn zu große Hektik und sprunghafte Unterschiede wären als musikalische Untermalung in einem Museum unangebracht, na klar. Soll man jetzt als der Hörer 'Museumsbesucher' oder als der Hörer 'Käufer und Fan' diesem Album lauschen? Ich tendiere eher zum Letzteren. Auch, wenn es perfekt für 'In Flanders Fields' abgestimmt ist. Privat macht die eintönige Tragik einfach nur keinen Spaß.
(Whiskey-Soda)




2 Kommentare:

Ingo hat gesagt…

Äußerst gepflegte Langweile. 5 Punkte

Dirk hat gesagt…

... noch schwieriger zu bewerten als das Album der Einstürzenden Neubauten...

Vielleicht 5,5 Punkte? Denn freiwillig hört man das wohl eher selten.