Freitag, 14. November 2014

Bonnie 'Prince' Billy - Singer's Grave A Sea Of Tongues




















Es stimmt eigentlich schon, dass Will Oldham bei Platten vor Gericht eher ein Außenseiter-Dasein fristet. Gerade eine Vorladung ("The Letting Go") hat er in den letzten acht Jahren erhalten - nicht gerade viel bei einer zweistelligen Zahl an Veröffentlichungen unter dem Namen "Bonnie 'Prince' Billy" im gleichen Zeitraum!

Kein Wunder, dass der nette Herr von Domino Records neulich anmerkte: 
Vermisse seit Jahren Bonnie Themen bei euch. Da muss sich doch mal wieder was tun und jetzt, mit dieser vielgelobten neuen Platte, wäre dafür das perfekte Comeback geboten. 

Ich habe ja nur einen kleinen Draht zur US-Folk-Gitarre und schätze von Bonnie 'Prince' Billy nicht viel mehr als "I See A Darkness", das ich über das Cover von Johnny Cash erst kennenlernte. Der Domino-Mann wollte diesen Misstand natürlich gerne beheben und schrieb mir:
Hast du denn einen kleinen Draht zur US-Folk-Gitarre? Bonnie ist berühmt geworden mit seinem "I See A Darkness" Album und Song (1999), als Johnny Cash den für sein American III Album coverte. Hast du bestimmt schon mal gehört. Davor war Bonnie schon sehr aktiv, insbesondere die Palace Brothers/Palace Music Alben waren tolle Früh-90er Folkplatten. Und nach 2000 war Bonnie dann einfach immer weiter und konstant aktiv was die Plattenproduktion betrifft. Da waren mal bessere mal schlechtere Dinger dabei. Mein Favorit ist "The Letting Go" (2006, war scheinbar auch Bonnies letzte VÖ, über die PVG berichtet hat) und jetzt eben sein aktuellstes tatsächlich endlich wieder sehr ansprechendes Album "Singers Grave A Sea Of Tongues". Ach und in Filmen hat der Gute auch schon viel mitgespielt. Da kann ich "Old Joy" (2006) empfehlen.

Aber vor den Filmen sollte es dann erst einmal die neue Platte sein. Kaum war "Singer's Grave A Sea Of Tongues" einmal durchgelaufen, kam bereits eine hoffnungsvolle Domino-Mail: 
Uuund? Inzwischen angekumpelt mit Bonnie? Oder für dich doch zu viel Country in seinem Folk? Hab das Album heute morgen erst wieder gehört. Ich empfehle als Anspieltipps "We Are Unhappy" oder "So Far And Here We Are".

Aber wie soll ich es ihm jetzt nur beibringen? Da ist für mich doch zu wenig Folk in seinem Country! Stattdessen lassen wir doch lieber andere die Platte hochloben:

"Singer's grave a sea of tongues" heißt das Werk – ein musikalisches Kleinod, auf dem Bonnie 'Prince' Billy einige Songs aus dem 2011 erschienenen Studioalbum "Wolfroy goes to town" noch einmal neu arrangiert hat. Aufgenommen wurde das Material mit Produzent Mark Neves (Lambchop, Silver Jews) in Nashville. Nicht weniger als 13 Musiker hat sich Oldham für die Neueinkleidung seiner Lieder ins Studio geladen. Waren die Songs im Original puristisch und still, bekommen sie in der Überarbeitung oft mehr Konturen, mehr Schärfe, mehr Tiefe. Am stärksten ist die Mitte des Albums geraten.

Das beschwingte "Quail and dumplings", hübsch dekoriert mit einer singenden Violine, nimmt den Hörer entschieden an die Hand und wandert mit ihm barfuß und mit geschlossenen Augen über Stock und über Stein. Im Vergleich zur Vorlage ist hier zwar etwas Intimität verlorengegangen, doch der Song kann sich so besser entfalten. Der Country-Walzer "We are unhappy", in dem Oldham anfangs allein über Akustikgitarre und Banjo singt, bekommt im weiteren Verlauf dank eines kolossalen Frauenchors gar einen Gospel-Anstrich verpasst.

Den besten Moment gibt es am Ende von "New black rich (Tusks)" – ein ebenso düsterer wie ergreifender Track, der so schön ist, dass er fast wehtut. Oldham haucht die letzten Zeilen des Songs derart sanft ins Mikro, dass der Zeiger der Wanduhr keinen weiteren Schlag wagt. Und es wird einem warm ums Herz. Diese Platte könnte wichtig werden im Herbst.
(Plattentests)


Dass eine regelrechte Bigband die neuen Songs von Bonnie Prince Billy umgesetzt hat, fällt kaum auf. Der Sound scheint zu schweben, hin und wieder fädeln sich die Klänge einer Steel Guitar oder einer Country Fiddle ein. Ultrareduziertes, äußerst raffiniertes Sounddesign ist das. Mit dem Bandprojekt Palace Brothers hat Will Oldham noch eine andere Klang-Ästhetik verfolgt, in Low-Fi gemacht, verzerrte. übersteuerte Aufnahmen, doch davon möchte der wohlüberlegt agierende Bonnie Prince Billy nichts mehr wissen. Der Künstlername erinnert manche Zeitgenossen nicht nur an Billy The Kid erinnert, im 19. Jahrhundert Amerikas größter Gesetzesloser. Der dreigeteilte Name Bonnie Prince Billy sorgt auch für verstärkte Aufmerksamkeit. Als Rezensent muss man ihn immer in voller Länge benutzen. Deshalb haben Sie nun schon mindestens sieben Mal den einprägsamen Künstlernamen gehört. Man merkt: Nicht umsonst gilt Bonnie Prince, na, Sie wissen schon, neben Bill Callahan und Devendra Banhart als einer der erstaunlichsten US-Songautoren der jüngeren Generationen.

Nothing Is Better, heißt dieser feine Country-Gospel-Titel. Stimmt, der aus Kentucky stammende Songschreiber hat jedenfalls noch nie ein richtig schlechtes Album gemacht. Auch Singer’s Grave – A Sea Of Tongues, die 15. Studio-LP des bärtigen Folk-Barden mit dem Künstlernamen Bonnie Prince Billy, wächst mit jedem Hören. Erschienen ist die Scheibe mit eindrücklich-angenehmem Alternativ-Country bei Drag City.
(BR)



6 Kommentare:

Ingo hat gesagt…

7,5 Punkte

Dirk hat gesagt…

Wie gesagt: Für mich zu wenig Folk in Bonnie Prince Billy's Country.

5 Punkte

E. hat gesagt…

7,5

Volker hat gesagt…

Für mich Gott sei Dank wenig des spröden minimalistischen Folks in Bonnies Country.
Sehr gute 7,5 Punkte und sofort geordert (wird zum Jahresende noch mal teuer, Honig und Fear of Men mussten auch gleich mit in den Korb)

Volker hat gesagt…

Nebenbei, die 7", die er dieses Jahr zusammen mit Alexis Taylor rausgebracht hat, ist auch sehr lohnenswert.

Volker hat gesagt…

Und zum Dritten:

Blöd, dass man das Bonnie Prince Billy Album nicht mehr in Kombination mit der EP findet. Oder hat da der nette Herr von Domino noch was in petto?