Donnerstag, 26. März 2015

Sufjan Stevens - Carrie & Lowell























Nach den elektronischen Klängen und Experimenten von "The Age of Adz" (2010) kehrt Sufjan Stevens nach langer Auszeit zu seinen folkigen Wurzeln zurück. Was für eine gute Entscheidung, auch wenn der Grund ein trauriger war: Stevens' Mutter Carrie verstarb im Dezember 2012 und trieb ihn, statt zu neuen Weihnachtsliedern oder einem weiteren Themenalbum über Bundesstaaten oder Autobahnbrücken, zur Trauerarbeit und Vergangenheitsbewältigung. 

Der Albumtitel "Carrie & Lowell" bezieht sich somit auf seine Mutter sowie seinen Stiefvater Lowell Brams, der heute Stevens' Label Asthmatic Kitty betreibt. Sufjan Stevens wurde noch als Kleinkind von seiner Mutter verlassen und wuchs bei seinem Vater und seiner Stiefmutter auf, zur leiblichen Mutter, die an Depressionen litt und sich in den Alkoholismus flüchtete, gab es bis zur Sterbephase nur wenig Kontakt. 
Songtitel wie "Death With Dignity" oder "Drawn To The Blood" deuten also bereits auf ein sehr intimes und zurückgezogenes Album, auf dem, neben Sufjans Stimme, Chorgesang, dezent-atmosphärischen Synthie-Klängen, vor allem akustische Gitarre und Banjo dominieren, hin. Stilistisch dürfte es "Seven Swans" aus dem Jahre 2004 am nächsten stehen und Fans von William Fitzsimmons, Scott Matthew, und Elliott Smith gefallen. Als Highlights oder Anspieltipps würde ich "Fourth Of July", "Death With Dignity" und "Should Have Known Better" nennen.

Metacritic weist aktuell einen Punkteschnitt von 92/100 bei 10 berücksichtigten Kritiken aus. "Carrie & Lowell" dürfte somit zu Recht zu den Highlights in der Discographie von Sufjan Stevens gezählt werden, sowie in vielen Bestenlisten des Jahres 2015 auftauchen. 




Hin und wieder setzen Alltagsgeräusche oder ein sphärisches Keyboard Akzente. Ansonsten bleibt Sufjan Stevens allein mit seinen akustischen Gitarren und seiner Stimme – die hier ganz nackt als Kern seiner Kunst sichtbar wird. Warm, weich und zerbrechlich atmet und seufzt sie sich durch Songs von pastoraler Schlichtheit. Mit einem zitternden Vibrato im Falsett und einer fundamentalen Melancholie, die dicht am Abgrund tänzelt: "Fuck me, I'm falling apart". Stevens schreibt wie ein verschatteter Simon. Und singt wie ein gebrochener Garfunkel.
(Zeit)

Zu sehr reduzierten Gitarren- und elektronischen Pianoklängen reflektiert Stevens nun fast flüsternd sein Verhältnis zur Mutter, zu ihrer Abwesenheit, seiner Kindheit, zu Verlust und Tod. Womit wir wieder bei Elliott Smith angelangt wären, denn eine intimere, in träumerischer Innigkeit versunkene Singer/Songwriter-Platte, die auf ihren fingergepickten Gitarrenakkorden so meisterlich zwischen Licht und Dunkel hin- und hertanzt, hat es seit Smiths "XO" nicht mehr gegeben. "Carrie & Lowell", sagte Stevens dem US-Magazin "Pitchfork", sei nicht irgendein neues Kunstprojekt, diesmal ginge es wirklich um sein Leben. It's brillant anyway.
(Spiegel)




Die Dramatik entsteht dabei nicht durch laute Instrumentierung oder Gesang, sondern sie baut sich – gestützt von seiner Stimme – eher leise auf. Es bedarf nicht harter Arbeit, um in dieser musikalischen Umgebung Spannungsbögen aufzubauen. Denn ja, Sufjan Stevens bleibt ein Mann der leisen Töne.
Er sehnt sich („Fourth Of July“), er vermisst („Eugene“) – und er sehnt sich UND vermisst im titelgebenden Song, starb seine Mutter doch vor zwei Jahren und beendete damit die Chance auf Aussöhnung endgültig. Stevens´ Mutter verließ ihn, als er erst ein Jahr alt war, während sein Stiefvater Lowell Brams heute die Geschäfte von Stevens´ Label Asthmatic Kitty leitet und noch enger mit ihm musikalisch verbunden das 2009er Album „Music For Insomnia“ aufnahm. Patchworkfamilien definieren sich eben nicht nach Standards, doch der Kampf um Anerkennung und Liebe ist wie in allen Familien auch hier vorhanden. Nur ist nicht jeder in der Lage, ihn so herzzerbrechend zu formulieren, wie es Stevens´ kann. Wenn man nicht auf die Texte achtet, ist es flügelleicht, was einem mit „Carrie & Lowell“ dargelegt wird. Es bedarf etwas Anstrengung und Kopflastigkeit, das Einfache zu hinterfragen. Umso schöner, dass Texte, in denen es um tiefe Verzweiflung, suizidale Gedanken oder ein Kind ohne Mutter geht, so leichtfüßig daherkommen können. Ganz große Kunst. Chapeau, Monsieur Stevens!
(Auf Touren)



8 Kommentare:

Ole Pappert hat gesagt…

9 Punkte

d.teil hat gesagt…

anwärter auf top 10 des jahres 2015: auch von mir: 9,0 punkte.
gleich der opener ist ein grossed kleinod. der hätte bestens in den SOundtrack von Boyhood gepasst. tolles album. Fave.

Ingo hat gesagt…

Wundervoll. 8,5 Punkte

Volker hat gesagt…

Ich habe diese Diskussion als wirklich wirklich großer Stevens Fan schon an anderer Stelle geführt.
Ich kann das immer schwer einschätzen, vielleicht hätte mich das Album auch gekickt, wenn es meine erste Begegnung mit Stevens gewesen wäre, oder wenn ich vorher nur Age of Adz gehört hätte und verschreckt gewesen wäre (was ich nicht war). Aber das Hörer, die Seven Swans oder Michigan oder Illinois kennen, bei Carrie & Lowell plötzlich steil gehen, erschließt sich mir einfach nicht.
Selbst das 2005 schnell mal nebenbei veröffentlichte The Lord God Bird ist besser als alles auf dem neuen Album. Natürlich dennoch nicht schlecht, aber für Sufjan Verhältnisse 6,5 + 0,5 Fan-Bonus.

Ingo hat gesagt…

NPR's All Songs Considered: Listeners Pick Their Favorite Albums Of 2015
1. Sufjan Stevens, 'Carrie & Lowell'
2. Kendrick Lamar, 'To Pimp A Butterfly'
3. Courtney Barnett, 'Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit'
4. Tame Impala, 'Currents'
5. Father John Misty, 'I Love You, Honeybear'
6. Alabama Shakes, 'Sound & Color'
7. Grimes, 'Art Angels'
8. Jason Isbell, 'Something More Than Free'
9. Jamie xx, 'In Colour'
10. Adele, '25'
11. Sleater-Kinney, 'No Cities To Love'
12. Leon Bridges, 'Coming Home'
13. Joanna Newsom, 'Divers'
14. Wilco, 'Star Wars'
15. Beach House, 'Depression Cherry'
16. Original Broadway Cast Recording, 'Hamilton'
17. Kamasi Washington, 'The Epic'
18. Florence & The Machine, 'How Big, How Blue, How Beautiful'
19. Chvrches, 'Every Open Eye'
20. Björk, 'Vulnicura'
21. Lord Huron, 'Strange Trails'
22. My Morning Jacket, 'The Waterfall'
23. Hop Along, 'Painted Shut'
24. Josh Ritter, 'Sermon On The Rocks'
25. Carly Rae Jepsen, 'E•MO•TION'

aXel hat gesagt…

8

Julia hat gesagt…

9 Punkte - bei mir in den Top 5 dieses Jahr.

Dirk hat gesagt…

Platz 4 meiner Jahres-Charts: 9 Punkte.

Dann muss ich bei Platz 3 (bisher 8,5) noch einmal 0,5 nachlegen...