Freitag, 10. Oktober 2014

Erlend Øye - Legao




















Neulich mit dem neuen iPhone, Siri und Shazam.

Ich: Siri, wie heißt dieser Song?

Siri: Das klingt für mich wie "Fence Me In", ein Outtake vom letzten Album von Damon Albarn.

Ich: Siri, nur halb richtig. Hör noch einmal genau hin.

Siri: Lass mich mal zuhören... Du hörst gerade "Say Goodbye", vom bisher unveröffentlichten Reggae-Projekt von Jens Lekman.

Ich: Siri, das ist hoffentlich nur ein Scherz! Obwohl, das habe ich zunächst auch gedacht. Noch ein Lied, Siri?

Siri: Lass mich mal zuhören... Ich höre zu... Ich bin mir ziemlich sicher, dass das "Bad Guy Now" von Belle & Seb...

Ich: Wag' es nicht das auszusprechen, Siri! Nächstes Lied!

Siri: Das klingt für mich wie "Whistler" von der isländischen Roots-Reggae-Band Hjálmar, oder?

Ich: Ganz nah dran, Siri. Noch ein letzter Versuch? 

Siri: Lass mich mal zuhören... "Who Do You Report To" - von Kings of Convenience, vielleicht.

Ich: Wärmer, sehr viel wärmer. Das ist alles von "Legao", dem zweiten Soloalbum von Erlend Øye.   



Auch auf LEGAO klingt wieder alles anders und vertraut zugleich. Auf jeden Fall haben die Songs in Italien, wo der Norweger seit einiger Zeit wohnt, viel Sonne abbekommen. Auf den leichtfüßigen Reggae-Rhythmen und reduzierten Bläsersätzen der isländischen Band Hjálmar, auf sommerlich-verbummeltem Gitarrengezupfe und nostalgischem Orgeldudeln schwebt Øyes Gesang dahin. Altersweise berichten seine gehauchten Erzählungen von den Geheimnissen des Lebens: „Life is long, and the world is small / Our paths will cross some other time“, singt er.

Es sind die simplen Weisheiten eines Weltenbummlers, verpackt in beglückende Popsongs: Da sind der Aufruf zur Selbstliebe „Save Some Loving“, das geschmeidige „Lies Become Part Of Who You Are“ und der Lovesong „Say Goodbye“, der sich vom leisen Gitarrenstück zum euphorischen Sommerpop aufschwingt. „This bubbling feeling“, das Erlend Øye beim Anblick seiner Liebsten in „Peng Pong“ überkommt: Man hat es auch beim Hören dieser fluffigen Lovesongs, die in Verliebtheit und Liebeskummer die gleiche kribbelig flimmernde Schönheit finden. La dolce vita, vertont für den Großstadtsommer.
(Musikexpress)


Seine zärtelnde Empfindsamkeitsmusik flicht er ein in die schlichten Patterns von Schmuse-Reggae, in UK traditionell Lovers Rock genannt. Aufgenommen wurden die zehn Stücke gemeinsam mit der isländischen Roots-Reggae-Band Hjálmar. Ein Norweger macht Reggae mit Isländern: Darf man das Ergebnis also als »Nordic Reggae« labeln? Nicht wirklich, denn Øye lebt schon seit einiger Zeit in Sizilien. Unabhängig davon taugt Øyes Reggae-Aneignung kaum für ungebrochene Sunshine-Klischees und kommt auch nur scheinbar kontrazyklisch im Herbst auf den Markt. Für Barcardi-laidbackness ist die Musik oft zu spröde, sentimental und reserviert. Überkritisch ließe sich bei der Begleitband Hjálmar eine gewisse Unbeholfenheit feststellen, auf einem Multikulti-Stadtteilfest würde sie jedenfalls nicht unangenehm auffallen.

Øyes unentrinnbar umschmeichelnder, in einprägsamen Sentenzen vorgetragener Gesang behandelt wie immer die ewigen Themen Liebe, Abschied, Sehn- und Eifersucht. Dass er Reggae als vorgefertigte Hintergrundstruktur und nicht als Ausdrucksform benutzt, tut dem Album gut – was wäre schließlich fragwürdiger gewesen als ein »echtes« Reggae-Album? Immer wieder hybridisiert Øye die schunkelnden Riddims, indem er sie mit Softrock-Harmonien, Postrock-Elementen oder einem Hauch Birkenstock-Romantik à la Belle And Sebastian aufmischt. Auch Bläser, Streicher, Rhodes-Piano, Synthies und Highlife-Gitarren sind zu hören. Und das tolle Stück »Bad Guy Now« ruft Erinnerungen an Felt auf und verwischt dabei auf interessante Weise die Grenze zwischen der Glücklich-wenn-ich-traurig-bin-Attitüde britischer Gitarrenbands und einer gewissen Dire-Straits-Stimmung für Erwachsene.

Was Øye an Reggae interessiert, ist weder das Politische (wie einst The Clash) noch das klangästhetische Potenzial, an dem sich Postpunk-Bands wie PIL der die Slits orientierten. Es ist der Pop-Appeal und sonst nichts. Øye folgt damit den Spuren von Boys Georges Culture Club und nicht zuletzt dem großen Green Gartside von Scritti Politti. Der kündigte bei einem legendären Konzert in Berlin vor zwei Jahren einen Song mit folgenden Worten an: »Pop Reggae and postmodernism – a marriage made in heaven or hell? You decide.« In diesem Sinne darf dann beim Durchstöbern der Winterkollektion jeder selbst entscheiden, was von der Ehe zu halten ist, die Erlend Øye zwischen Pop, Reggae und Indie-Innerlichkeit arrangiert hat.
(Spex)

2 Kommentare:

Ingo hat gesagt…

6,5 Punkte

Dirk hat gesagt…

Mit mir und Reggae - das wird nichts mehr!

4,5 Punkte