Montag, 20. Februar 2012

Tindersticks - The Something Rain

























Wann gab es eigentlich zuletzt ein Album der Tindersticks, das man jemandem, der die Band noch nicht kennt, uneingeschränkt empfehlen konnte?
Die ersten drei Platten würden vermutlich die meisten Unkundigen zu Fans werden lassen, mit Abstrichen auch noch "Simple Pleasure" (1999) und "Can Our Love..." (2001) - doch danach? Die letzten drei Veröffentlichungen der Tindersticks ("Waiting For The Moon", 2003, "The Hungry Saw", 2008 und "Falling Down A Mountain", 2010) waren bestenfalls medioker und dürften sicherlich auch bei ihren Anhängern die Vorfreude auf eine neue Veröffentlichung deutlich gedämpft haben.

Nun steht seit Freitag mit "The Something Rain" das (neben zahlreichen Live-Platten, Soundtracks, Compilations, Solo- und Nebenprojekten) neunte Studioalbum der Tindersticks in den Plattenläden und wartet darauf gekauft zu werden.
Das könnte sich als schwieriger erweisen als gedacht.

Bereits ihre letzten beiden Platten konnten sich in ihrer britischen Heimat nämlich nur in den untersten Rängen der Top 100 platzieren, so dass nach der Betreuung durch Beggars Banquet und 4AD, nun ein eigenes, Lucky Dog betiteltes Label gegründet wurde.
Obwohl Stuart Staples auf "The Something Rain" wie gewohnt in Kammerpop-artiger Umgebung croont und einige bemerkenswerte Songs aus dem Hut zaubert ("This Fire Of Autumn", "A Night To Still"), bekommt es der gewillte Hörer nicht leicht gemacht: "Chocolate" ist ein 9minütiger Spoken-Word-Opener, zwischendurch wird es ziemlich smooth ("Slippin' Shoes") und jazzig ("Come Inside"), all zu oft dominieren Klarinette sowie Saxophon in allen erdenklichen (und damit überflüssigen) Varianten und abgeschlossen wird die Platte mit dem überflüssigen, kurzen Instrumental "Goodbye Joe".



Über neun Minuten dauert der Opener: "Chocolate" kommt mit seinen gespenstisch gesprochenen Wortkaskaden wie ein verschütteter The-Notwist-Song daher, der Syd Barrett als Geschichtenerzähler sampelt. Der Opener gibt die Richtung vor - elegant, flächig und sehr atmosphärisch ist das hier. Ganz egal, ob "Show me everything" an Nick Cave erinnert, "This fire of autumn" an die späten Blur und "Medicine" an die verstörenden Devastations: Alles fließt zusammen, jede Note gehört an den ihr zugedachten Platz. So homogen und voller Selbstvertrauen haben Tindersticks schon seit ein paar Alben nicht mehr geklungen.

Es gab mehr als zwanzig Songideen, mit denen die Band ins Studio ging, neun davon haben es auf "The something rain" geschafft. Mit gewissenhafter Detailarbeit reichern sie diese verbliebenen Nummern mit essentiellen Feinheiten an: Saxophone werden gesampelt, gespenstische Keyboardflächen wachsen empor, orchestrale Experimente machen die Runde. Eine Frauenstimme mäandert körperlos zwischen den Lautsprechern umher, und Staples gibt den gebrochenen Gentleman. So viel Stil haben sonst nur alte Männer, die maßgeschneiderte Anzüge und passende Hüte tragen.

Dieses Album zieht einen ganz nach unten, dorthin, wo man eigentlich nicht mehr hin will: in die Abgründe der eigenen Laune. Ist man dort allerdings erst einmal angekommen, macht man es sich gerne gemütlich. Die 50 Minuten dieses Albums sind passgenau auf die zynischen Momente abgestimmt, auf die Situationen, in denen man sich im Selbstmitleid suhlt, man lauthals schreien will, aber keine Stimme findet. Für genau diese Momente haben die Tindersticks dieses Album geschrieben. Mit "The something rain" schmerzt das Leben erst so richtig. So soll es sein.

Tindersticks in Deutschland:

07.03.12 Berlin, Volksbühne
08.03.12 Berlin, Volksbühne
12.03.12 Köln, Gloria
13.03.12 Hamburg, Thalia Theater
17.03.12 Heidelberg, Stadthalle
18.03.12 München, Muffathalle

5 Kommentare:

Ingo hat gesagt…

Ich empfehle dieses Album mit 7,5 Punkten

Volker hat gesagt…

Dann muss ich wohl auch eine Lanze fürs Album brechen.
Mittlerweile habe ich es mehrfach gehört, und ich kann jetzt für mich halbwegs sagen, warum mir "The Something Rain" tatsächlich so viel besser gefällt, als der schwache Vorgänger.
Es sind die wunderbar warme Produktion und die unglaublich pointierte Instrumentierung. Man höre nur wie die verschiedenen Instrumente im Wechsel und Zusammenspiel den einleitenden Spoken Word Beitrag gestalten und entfalten, wie sich im nachfolgenden "Show me Everything" nach und nach die Instrumententupfer zum wohligen Schlagzeugklang gesellen oder wie bei einem meiner Höhepunkte des Albums "Medicine", die verschiedenen Streicher weniger das Gerüst des Song bilden, sondern in viel mehr umtänzeln. Dabei sind viele der angesprochenen Instrumente (ja auch die tollen Bläser) im Gesamtkontext durchaus etwas in den Hintergrund gemischt (aber wie gesagt dennoch klar herauszuhören), aber gerade das gefällt mir so gut, dass sie sich quasi ein wenig wie Erinnerungsfetzen anderer Stücke ind die Songs einschleichen. Das erhöht die Wirkung meines Erachtens noch mal ums Ganze. Das ist ganz großes Kino. Während "Falling Down a Mountain" sich momentan mit "Waiting For The moon" um den letzten Platz im Tinderstick Universum streitet, will ich mir gar nicht ausmalen, wo der Weg für "The Something Rain" enden könnte.

8,5 Punkte

E. hat gesagt…

6

Dirk hat gesagt…

Kann mich, wie gesagt, nicht wirklich begeistern.

6 Punkte

Oliver Peel hat gesagt…

Nimmt man mal den Spoken Word Opener und das (schöne) Instrumental weg, bleiben gerade mal 7 Songs übrig. Die sind allerdings wirklich sehr gelungen und äußerst filigran instrumentiert. Ein Grower!

7,5 Punkte