Chumbawamba - ABCDEFG

















Platten vor Gericht fragt - du antwortest (VI)
Heute (noch einmal) mit: Axel, langjähriger Chumbawamba-Fan


Axel, seit 20 Jahren hören wir die Musik von Chumbawamba und kaufen weiterhin ihre Platten. Welche Gründe gibt es, dies auch noch bei ihrem 17. Album „ABCDEFG“ zu tun?

Schöne Melodien und tolle Texte, wo hat man das denn sonst in dieser Kombination?


Nach dem Ausstieg von Dunstan Bruce, Danbert Nobacon und Alice Nutter (2004) hat sich der Sound der Band Richtung Folk und World Music verschoben. Was liefert „ABCDEFG“?

Ein Album, das die Hörer der letzten beiden Werke „A singsong and a scrap“ (2005) und „The boy bands have won“ (2008) nicht überraschen dürfte. „ABCDEFG“ macht dort weiter und ist empfehlenswert, auch wenn es für mich nicht an das großartige „Boy bands“ rankommt. Eines haben die letzten drei Alben jedoch auch gemeinsam: jeweils 1-2 Stücke, die etwas anstrengend sind – im Fall von „ABCDEFG“ sind das „Dance, idiot, dance“ und „Ratatatay“ (wie ja auch der Titel schon vermuten lässt...). Aber Musik und Text gehen bei Chumbawamba ja immer eine Symbiose ein, also darf das kein Vorwurf sein.


Bei Chumbawamba darf man gerne auch auf die Texte achten. In „Torturing James Hatfield" rechnen sie mit - genau - James Hatfield ab, der es guthieß, dass die Musik seiner Band Metallica in Guantanamo zum Foltern von Gefangenen benutzt wurde. Worum drehen sich die Texte noch?

Es ist ja ein Konzeptalbum über Musik, und aus deutscher Sicht interessant ist da die Beschäftigung mit Wagner („Wagner at the opera“) oder der ostdeutschen Klaus Renft Combo („You don't exist“). Im oben erwähnten „Dance, idiot, dance“ geht es um die British National Party, die mit volkstümlichen Anklängen versucht, ihr eigentlich faschistisches Weltbild zu übertünchen.





Wagner At The Opera

"ABCDEFG" ist voller Geschichten, die mit zartester Musik und himmlischen Stimmen erzählt werden. Chumbawamba hauen nicht auf die Pauke, um ihre Botschaften loszuwerden - insofern ist dies im wahrsten Sinne subversive Musik, denn die Texte sind alles andere als lieblich. Es geht aber auch generell um Musik als Ausdrucksmittel von Identität, ob es nun um Gesänge in Fußballstadien und auf Demos geht oder um Lieder, die sich Soldaten in den Schützengräben der Weltkriege vorsangen, um sich Mut zu machen.
(br-online.de)


Von den Gründungsmitgliedern sind nur noch Lou Watts und Boff Whalley bei Chumbawamba verblieben. Spielen sie eigentlich noch alte Songs und was erwartet einen auf Konzerten, Axel?

Ich war zuletzt auf der „Singsong“-Tour und kann jedem diese Kombination aus alten und neuen Stücken, alle in bester Folk-Manier gespielt, nur empfehlen. Das Nonnenkostüm, die Whiskyflasche oder den Anzug mit zwei Vorderseiten vermisse ich nicht.


Viele kennen von Chumbawamba leider nur den Song „Tubthumping“, der immer noch im Radio gespielt wird oder in Filmen zum Einsatz kommt, so zum Beispiel in „Fanboys“ aus dem letzten Jahr. Welcher Song aus dem aktuellen Album hat es ins Radio verdient?

Da in „Torturing James Hetfield“ auch „Tubthumping“ („Your favourite disc – it's Chumbawamba – their greatest hits (there's only one!)“) Erwähnung findet, sollte der ins Radio kommen!


Vielleicht abschließend noch ein wenig Werbung für „In Memoriam: Margaret Thatcher“?

Als Ethiklehrer halte ich das Ganze natürlich für absolut verwerflich. Trotzdem ist mein Exemplar längst bestellt und ich hätte da sicher auch noch eine Liste von Leuten, so dass man eine Serie daraus machen könnte -vermutlich genau wie Chumbawamba, die ja in „Passenger list for doomed flight #1721“ genügend Namen aufzählen.





Underground

Klar, dass Chumbawamba nicht so einfach ein Album herausgibt. Da muss auch noch anderes Kaliber her, um den hohen Anspruch des engagierten Quintetts zu befriedigen. Also her mit klugen Kommentaren von klugen Leuten wie Bertolt Brecht, Woody Guthrie und Sid Vicious, die alle irgendwie mit drin stecken im siebzehnten Album (!) der Band. Thematisch steht die Musik als Idee, als Konzept im Mittelpunkt, die im schnörkellosen Folkrock von Chumbawamba entweder ruhig dahin plätschert oder, wie in „Wagner At The Opera“, im Harmoniegesang mit einigen Rasseln und Trommeln aufhorchen lässt. Chumbawamba hatte einst mit „Tubthumping“ einen veritablen Hit, der ohne die damalige britische Politik um Margret Thatcher nicht denkbar gewesen wäre. Auch jetzt mischen sie sich ein und verpassen Metallica eine schallende Ohrfeige, die stolz darauf sind, dass ihre Musik als Foltermethode bei den Amerikanern Verwendung findet („Torturing James Hetfield“). „ABCDEFG“ ist ein reifes Album, das keine altersmilden Züge kennt.
(westzeit.de)

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