Montag, 26. August 2013

Julia Holter - Loud City Song

















Auf der Grundlage literarischer Werke (Sidonie-Gabrielle Colettes Roman „Gigi“ und Gedichte von Frank O’Hara) lässt Julia Holter schwermütigen Kammerpop, auf entrückte Ambientklänge und avantgardistischen, jazzigen Artpop treffen. Und im Gegensatz zu ihren ersten beiden Alben "Tragedy" (2011) und "Ekstatis" (2012) wurde das neue Album nicht allein von der 28-jährigen Künstlerin zu Hause mit dem Laptop aufgenommen, sondern zusammen mit zahlreichen anderen Musikern (u.a Ramona Gonzalez a.k.a. Nite Jewel) in einem Studio. Als Produzent fungierte Cole M. Greif-Neill (Ariel Pink's Haunted Graffiti, Beck), der Ehemann von Ramona Gonzales. Keine leichte Kost, aber eine Weiterentwicklung, die den 9 Songs von "Loud City Song" bisher sehr gute Kritiken einbrachte:



Einige Songs auf Loud City Song lancieren eine Art von Ambient-Musik, die vehement Kontemplation einfordert. Das ist gut so, denn sonst würde man die raren Momente von Aufwühlung verpassen, die sich in die ansonsten sehr streng aufgebauten Songs schleichen. Mal öffnet sich ein Stück zu sphärischen Weiten, ein andermal verdichtet es sich, und nervöse Streicher erzeugen Turbulenz. Manchmal scheint es, als bleibe die Musik stehen und sei als »Ding an sich« zu hören. Julia Holter beherrscht eben die Kunst des Transzendenzeffekts. Zu sich selbst kommt diese in der fantastischen Coverversion des Soul-Klassikers »Hello Stranger« von Barbara Lewis: pure ozeanische Verzauberung, die kein Morgen und kein Außen zu kennen scheint.
   Aber sicher gibt es das Außen doch, denn was wäre die Transzendenz ohne Immanenz? Bei aller Vorliebe für sakrale Atmosphären und E-Musik- Ernst schätzt Holter das Profane. Schmierige Cheapo-Synthies oder schlüpfrige Saxofoneinlagen signalisieren blasphemische Brüche, und in der Julia-Holter-Welt ist selbst experimenteller Yacht-Rock möglich. Außerdem erden die Feldaufnahmen und Alltagsgeräusche, mit denen Holter wieder arbeitet, den Klang. Geraschel und Vogelzwitschern stehen für realness im Erhabenen.
   Wenn man Julia Holter etwas vorhalten kann, dann ihr Beharren auf Referenz- und Kontextlosigkeit. In Interviews erklärt sie Quellenforschung gerne für obsolet, dabei sind die Spuren etwa von Joni Mitchell, John Cage oder Robert Wyatt unüberhörbar. Zudem erinnern einige Songs auf dem neuen Album an das lakonische Spiel des Japan-Bassisten Mick Karn. So verständlich die Geste des weiblichen Geniekults sein mag, sie wirkt doch etwas snobistisch. Und ganz davon abgesehen hängen auch an den Göttern und Göttinnen längst üppige Fußnotenapparate.
(Spex)


Der latent kammermusikalische Aspekt von Holters ersten beiden Alben TRAGEDY und EKSTASIS tritt auf LOUD CITY SONG durch die Beteiligung der Musiker in den Vordergrund, die elektronischen Atmosphären ein Stück weit zurück, was nicht heißen soll, dass hier keine Ambience vorhanden ist. Die erzeugt Holter teilweise allein durch den Einsatz ihrer Stimme. „Leicht“ in einem Pop-Sinn ist die Musik Julia Holters immer noch nicht, wenn sich etwa das pompöse, überladene „Maxim’s II“, das für ihre Verhältnisse fast schon „hart rockt“, in einen astreinen Freejazz-Track, circa 1965, verwandelt. Daneben steht etwa die Coverversion des 1963er-Hits „Hello Stranger“ der R’n’B-Sängerin Barbara Lewis, den Holter auf ihre Art bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Die Künstlerin betont – sehr zum Leidwesen der Theoretiker, die sich an der Analyse des konzeptionellen Überbaus ihrer Musik begeilen –, dass weder die Kenntnis von Colettes Roman „Gigi“ noch der Gedichte Frank O’Haras, von denen LOUD CITY SONG inspiriert ist, notwendig seien, um das Album zu genießen. Schaden kann das natürlich nicht.
(Musikexpress)



4 Kommentare:

E. hat gesagt…

acht punkte.

Ingo hat gesagt…

Teilweise zu wenig "loud" um mit mehr Punkten belohnt zu werden. 8 Punkte

Dirk hat gesagt…

Laut nicht, aber enervierend.

4,5 Punkte

Volker hat gesagt…

Das ist soooo anstrengend und so unbeholfen gewollt intellektuell und wichtig

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