Donnerstag, 16. Mai 2013

Daft Punk - Random Access Memories

















Acht Jahre nach "Human After All" erscheint mit "Random Access Memories" - wenn  man den Soundtrack zu "Tron" außen vor lässt - das vierte Album von Daft Punk. Und es menschelt auf dem neuen Album der roboterbehelmten Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter!

Selbstverständlich frönen Daft Punk im Verlauf der fast 75 Minuten dem Funk, House und Disco-Sounds, sowie den elektronischen Spielereien und dem Stimmverzerrer, sie unternehmen aber auch Abstecher in Richtung Jazz, Rock und Softpop. Durch den Einsatz zahlreicher Gäste erfährt die hinlänglich bekannte Musik des Duos genau das, was im ersten Song gemeinsam mit Nile Rodgers (Gitarre) und John Robinson (Schlagzeug) gefordert wird: "Give Life Back To Music". 
Giorgio Moroder plaudert im 9-minütigen "Giorgio By Moroder" über sein Leben und Julian Casablancas lässt "Instant Crush" so klinken, dass es auch ein Kandidat für das letzte Album der Strokes hätte sein können - inklusive eines Gitarrensolos. "Within" präsentiert und Chilly Gonzales am Piano, Pharrell Williams darf gleich auf zwei Titel eine Portion Soul beisteuern ("Get Lucky", "Lose Yourself To Dance") und dann wären, neben den Gesangsbeiträgen von Todd Edwards und Panda Bear, im unglaublich opulent ausgestatteten "Touch" noch Paul Williams (wohl ein Star in den 70ern) als Sänger zu vermerken.

Giorgio Moroder wurde nicht etwa für einen musikalischen Gastbeitrag eingeladen, sondern als Märchenonkel besetzt. Er erzählt von den Anfängen: Ich wollte Musik machen, bin mit kleinen Auftritten von Disko zu Disko getingelt, habe im Auto geschlafen … Der Wahnsinns-Arpeggiator-Track, der dazu ertönt, klingt kurioserweise nach »Supernature«, dem größten Hit von Moroders französischem Gegenspieler Cerrone – ein kleiner Roboterscherz am Rande. Daneben gibt es Ausflüge in Richtung Americana und Broadway, zu Santana-Jazz-Funk, Zapp-Electro-Funk und ins Autotune-Wunderland. Das Album zeigt Daft Punk gewissermaßen in einem Puppenstadium, in dem sie sich noch entscheiden könnten, (für das nächste Album in weiteren acht Jahren) entweder als Fleetwood Mac zu schlüpfen oder als ABBA.
 
Man mag einem Werk, das großteils über Imperativbotschaften wie »Lose Yourself To Dance«, »Get Lucky« und »c’mon, c’mon, c’mon!« funktioniert, unrecht tun, es über seine textliche Ebene entschlüsseln zu wollen. Aber genau besehen wird die Philosophie des Albums sehr schlüssig dargelegt. Zwischen den Tanzeinlagen ist viel von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit die Rede (»Please tell me who I am!«, fleht die Roboterstimme in »Within«), illustriert mit Klangbildern von Schwerelosigkeit (Funksprüche der letzten NASA-Mondlandemission Apollo 17 von 1972) sowie aus Unterwasserwelten. Zwei Roboter auf Identitätssuche? Ein herrlich klassischer Topos: die fast perfekte Maschine, der gerade ihr Defizit an emotionaler Empfänglichkeit bewusst wird (»You’ve almost convinced me I’m real«, schmachtet 70er-Pop-Star Paul Williams in »Touch«), die aber noch nicht versteht, dass genau diese Einsicht sie schon zum Gefühlswesen macht – im Normalfall zu einem rasenden, das irrational gegen jede programmierte Logik handelt. Die Folgen waren bisher (in einem Kanon von, sagen wir, 2001: Odyssee im Weltraum bis Terminator) unweigerlich: Aggression, Selbstzerstörung, Drama. Daft Punk räumen komplett auf damit. Ihre Revolution (diesmal ohne 909) klingt nach Bombast und setzt zugleich auf eine neue Mildheit. Auf das Ausagieren aller Konflikte im Gesellschaftstanz, gepaart mit der Hoffnung auf ein freudiges Ereignis, amouröser Art womöglich. Eine Revolution der Nonchalance.
 
Nebenbei funktioniert Random Access Memories auch auf einer noch allgemeingültigeren und sympathisch schlichten Ebene. Es ist eine Album gewordene Erkenntnis, die von Firmenfeier bis Hochzeitsparty und von 1977 bis in alle Ewigkeit gilt. Disco geht immer.
(Spex)


Es ist ein seltsam gediegenes Werk, handgemacht in der Anmutung, fast schon traditionell in den Mitteln: Disco für Leute, die mit Disco bislang nichts anzufangen wussten. Verschwunden ist das Zusammengesampelte, Klangteppichartige ihrer bisherigen Alben: Dass Daft Punk einmal als DJs begonnen haben, ist kaum noch herauszuhören, so viele Gäste sind diesmal an der Produktion beteiligt, von Strokes-Sänger Julian Casablancas bis hin zum Swing-Entertainer Chilly Gonzales. Es muss eine inspirierende Zeit im Studio gewesen sein, so frisch klingt das Ergebnis – als wäre endlich freigelegt worden, was von Beginn an tief im Innern der Elektronik steckte, aber stets verschämt blieb: verschwitzter, in die Beine fahrender Funk.

Die Wendung zurück beginnt mit Give Life Back to Music, einem programmatischen Titel, in dem Nile Rodgers seine Gitarre scratcht wie damals, als er mit seiner Band Chic den Funk in Richtung Disco trieb, schwillt zu bombastischen Soundwänden an, wie man sie von Earth, Wind & Fire kennt, macht vor Phillysound-Zitaten nicht halt. Mit jedem Gast wird ein anderer Dancefloor beackert, mit jedem Track geht es ein Stück weiter ins Vergangene: The Game Of Love startet bei Barry White, endet in einem Inferno aus Beats, lässt in der Mitte aber viel Raum für schwelgende Geigen-, Piano- und Percussion-Parts. Für die Dauer eines Stücks tritt sogar die Produzentenlegende Pharrell Williams aus der Kulisse und schiebt die Rhythmusspur ganz weit nach vorne. Mit dem virilen, als Single ausgekoppelten Get Lucky landen Daft Punk dann endgültig in der Old School. Nicht dass sie deswegen Renegaten wären und die elektronische Musik infrage stellten. Sosehr echte Instrumente diesmal im Vordergrund stehen, wenn es in die Details geht, fühlt man sich immer noch wie in einem Raumschiff, auf dem Weg in unendliche Weiten, begleitet von spacigen Effekten und retrofuturistischen Computerstimmen. "I knew this could be the future of music" ist so eine Sentenz, die im Titel Giorgio by Moroder kein Geringerer als Giorgio Moroder selbst auf die Umlaufbahn setzt. Während Daft Punk früher einen Sound machten, der in seiner vollkommenen Künstlichkeit handgefertigt wirkte, liefern sie nun mit echten Musikern an echten Instrumenten echtes Handwerk, das seine Wucht erst aus der Elektronik im Hintergrund bezieht.

In der Wirkung ergibt das ein Brett von einem Album, das das Beste aus Digital und Analog auf hinreißende, humorvolle und extrem tanzbare Weise vereint. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Partys des meteorologisch so verhalten begonnenen neuen Jahres demnächst maßgeblich mit Klängen aus der Daft-Punk-DJ-Kiste in Wallung kommen werden.   
(Die Zeit)

8 Kommentare:

Melanie Loeper hat gesagt…

Ich hör das Album grade und finde vor allem den Kommentar von der Spex passend. Bisher: 7,0

Ingo hat gesagt…

In einem Podcast stellte die Band ihre Einflüsse vor... der Podcast war langweilig. Somit passt er zum Album. 5,5 Punkte

Volker hat gesagt…

Großartig! Lange hat mich elektronische Musik nicht so berührt. Allein
wie emotional diese "Computerstimme" in "Within" die Zeilen "There Are So Many Things I Don't Understand" singt, ganz groß. Einen solchen Gänsehautfaktor hatte ich in der Kombination zuletzt bei "He's simple, he's dumb, he's the pilot" von Grandaddy.
Auch "Touch" finde ich in seinem Aufbau grandios, die tollste Stelle bleibt aber der Moment, in dem Giorgio Moroder seinen Namen nennt. Schon jetzt eines der Alben des Jahres.

9 Punkte

Dirk hat gesagt…

Eigentlich Ingos Domäne und eigentlich etwas früh, aber hier sind die Alben des Jahres der intro:

01 Daft Punk »Random Access Memories«
02 Haim »Days Are Gone«
03 Moderat »II«
04 My Bloody Valentine »m b v«
05 Woodkid »The Golden Age«
06 Casper »Hinterland«
07 Arcade Fire »Reflektor«
08 DJ Koze »Amygdala«
09 King Krule »6 Feet Beneath The Moon«
10 Rhye »Woman«
11 Darkside »Psychic«
12 Vampire Weekend »Modern Vampires Of The City«
13 Washed Out »Paracosm«
14 Chvrches »The Bones Of What You Believe«
15 Turbostaat »Stadt der Angst«
16 Jon Hopkins »Immunity«
17 The National »Trouble Will Find Me«
18 Daughter »If You Leave«
19 Biffy Clyro »Opposites«
20 Queens Of The Stone Age »... Like Clockwork«
21 Tocotronic »Wie wir leben wollen«
22 Foals »Holy Fire«
23 Die Goldenen Zitronen »Who’s Bad?«
24 Drake »Nothing Was The Same«
25 Nick Cave & The Bad Seeds »Push The Sky Away«
26 Arctic Monkeys »AM«
27 Prefab Sprout »Crimson/Red«
28 The Knife »Shaking The Habitual«
29 Mount Kimbie »Cold Spring Fault Less Youth«
30 Thees Uhlmann »#2«
31 Disclosure »Settle«
32 Bill Callahan »Dream River«
33 James Blake »Overgrown«
34 Phoenix »Bankrupt!«
35 Fuck Buttons »Slow Focus«
36 KanYe West »Yeezus«
37 Almut Klotz & Reverend Dabeler »Lass die Lady rein«
38 Boards Of Canada »Tomorrow’s Harvest«
39 Villagers »{Awayland}«
40 MGMT »MGMT«
41 Deerhunter »Monomania«
42 Kate Nash »Girl Talk«
43 Junip »Junip«
44 Mano Le Tough »Changing Days«
45 The Thermals »Desparate Ground«
46 Bonobo »The North Borders«
47 Forest Swords »Engravings«
48 Bastille »Bad Blood - The Extended Cut«
49 Kurt Vile »Wakin On A Pretty Daze«
50 Jake Bugg »Jake Bugg«

Olly Golightly hat gesagt…

...und hier die vom Mojo Magazine:

1. Bill Callahan - Dream River
2. Daft Punk - Random Access Memories
3. David Bowie - The Next Day
4. Arctic Monkeys - AM
5. John Grant - Pale Green Ghosts
6. Deerhunter - Monomania
7. Vampire Weekend - Modern Vampires of the City
8. Mark Kozelek & Jimmy Lavalle - Perils from the Sea
9. Nick Cave & the Bad Seeds - Push the Sky Away
10. John Murry - The Graceless Age
11. Phosphorescent - Muchacho
12. Prefab Sprout - Crimson Red
13. My Bloody Valentine - MBV
14. Holden - Inheritors
15. Queens of the Stone Age - Like Clockwork
16. Factory Floor - Factory Floor
17. Charles Bradley - Victim of Love
18. Arcade Fire - Reflector
19. Laura Mvula - Sing to the Moon
20. Pet Shop Boys - Electric
21. Mavis Staples - One True Vine
22. Laura Marling - Once I Was an Eagle
23. Earl Sweatshirt - Doris
24. Eleanor Friedberger - Personal Record
25. James Blake - Overgrown
26. Villagers {Awayland}
27. Disclosure - Settle
28. Manic Street Preachers - Rewind the Film
29. John Hopkins - Immunity
30. Primal Scream - More Light
31. Elvis Costello and The Roots - Wise Up Ghost and Other Songs
32. Glenn Jones - My Garden State
33. Bill Bragg - Tooth & Nail
34. Karen Gwyer - Needs Continuum
35. Midlake - Antiphon
36. Low - The Invisible Way
37. Cate Le Bon - Mug Museum
38. Kanye West - Yeezus
39. Roy Harper - Man & Myth
40. Black Sabbath - 13
41. Goldfrapp - Tales of Us
42. Paul McCartney - New
43. Haim - Days Are Gone
44. Johnny Marr - The Messenger
45. These New Puritans - Fields of Reeds
46. Foxygen - We Are the 21st Century Ambassadors of Peace & Magic
47. Julia Holter - Loud City Song
48. The Flaming Lips - The Terror
49. Tim Hecker - Virgins
50. Time is a Mountain - S/T

http://www.mojo4music.com/9206/mojo-top-50-albums-2013/

Olly Golightly hat gesagt…

5 Punkte

Volker hat gesagt…

Unglaublich, wie kann man dieses Album nicht lieben? Keine Platte lief dieses Jahr öfter bei mir

Dirk hat gesagt…

Ich habe dieses Jahr viele Platten gehört - das ist die schrecklichste!

2 Punkte