Mittwoch, 6. Juli 2011

WU LYF - Go Tell Fire To The Mountain



















Die erste Vorladung (IX)

Personalien:
Der Bandname nicht mehr als eine Abkürzung, die Gesichter verhüllt und die Nachnamen werden verschwiegen. Vier junge Menschen aus Manchester geben ihr Möglichstes, um über Geheimhaltung und Verwirrung einen Mythos zu erschaffen oder zumindest Interesse zu erwecken. Das Mehrmalige Löschen ihres eigenen Wikipedia-Eintrages inklusive.
Also sei hier auch nicht mehr verraten, als das, was "Jeau", "Lung", "Elle Jaie" und "Evanse" selbst bereit sind zu enthüllen: WU LYF (ausgesprochen "Woo Life") steht für World Unite! Lucifer Youth Foundation.

Tathergang:
Seit 2008 musiziert das Quartett gemeinsam, im November 2010 wurde in einer nicht mehr genutzten Kirche in Manchester das Debütalbum innerhalb von 3 Wochen nahezu live aufgenommen, selbst produziert und ohne Unterstützung einer Plattenfirma unter dem Titel "Go Tell Fire To The Mountain" Mitte Juni veröffentlicht.
Die Presse, vor allem in England, die für jeden Hype/Quatsch zu haben ist, reagierte begeistert (der NME vergibt 8/10 Punkten, Guardian und Independent schlossen sich mit jeweils 4/5 an), die Käufer weniger: Das Album erreichte Platz 98 in England.

Plädoyer:
Die Reibeisen-Stimme des Sängers klingt teilweise nach Tom Waits und "bellen, knurren, knarzen" passen in diesem Zusammenhang eigentlich besser als "singen". Schon abgeschreckt?
Dazu gibt es Gitarrenrock, irgendwo zwischen Foals und Modest Mouse und alles, was man von einem Album, das in einer Kirche aufgenommen wurde, erwarten durfte, also Gospel, Orgeln und jede Menge Hall. Wäre das Feedbach, das WU LYF derzeit erhalten eben so, wenn nicht nach allen Regeln der Kunst auf der Hype-Klaviatur gespielt würde? Ich habe meine Zweifel...

Zeugen:
Die aber gleichzeitig die sensationellste Musik des neuen Jahres schreiben – eine so kaum zuvor gehörte Mixtur aus Pop und Underground, aus Hip-Hop-Vorlieben und Einmanngospelinszenierung. Die, kurz, Heavy Pop spielen.

Denn als Ansage bringen die Mancunians gleich noch dank ihres ersten youtube-Videos das Genre mit, dessen Schublade sie sich selbst gezimmert haben. „Heavy Pop“ also. Als hätte jemand aus 100 Meter Entfernung unter Wasser eine Band aufgenommen, die Prince’ „Nothing Compares 2 U“ covert und dabei den jungen Tom Waits als Sänger an Sinead O Connors statt ins „Studio“ zerrte. Dann: „Such A Sad Puppy Dog“, zwei Minuten Einmanngospel bis ohne Vorwarnung 2Pac mit „Shorty Wanna Be A Thug“ das Lied in Geiselhaft nimmt. WTF? WU LYF!
(taz.de)

Dabei kommt es einem immer so vor als hätten Our Brother The Native gemeinsam mit Explosions In The Sky ein Album aufgenommen. Von erst genannten der schmerzerfüllte Gesang und von letzteren die glitzernden Gitarren mit viel Delay, Chorus und etwas Flanger. Ein Bild, dass sich wie synkopiert seinen Weg als „Cave Song“ hin zum „Heavy Pop“ bahnt. Ein bisschen dem Wahn verfallen erklingt zur ausgefeilten Rotzigkeit dann auch noch die Orgel wie zum Beispiel in „Such A Sad Puppy Dog“ wie zum zynischen Auftakt traurigen Flehens. Doch bewegen sich WU Lyf damit nicht zwangsläufig im Bereich der sakralen Niedergeschlagenheit. Sie verstehen es sehr gut ihre verbittert wirkende Indie- und Post Rock-Klangdimension, die sie aufstoßen („Dirt“), mit einer geifernden Poppigkeit zu vermengen. „Spitting Blood“ erscheint da mit seinem anstochernden Rhythmus schon wie losgelöst von all dem Ernst und zermarterten Pein. Und das folgende „Concrete Gold“ wie ein unmerklicher Ruhepol, zwischen den scharfzüngigen Auswüchsen.

Es lässt sich aber generell sagen, dass das gesamte Ende von „Go Tell Fire To The Mountain“ die Band deutlicher rasten lässt als alles zuvor Gehörte. Und damit soll nicht gesagt werden, dass die erste Hälfte des Albums stürmisches Auf-die-Fresse, sondern mürrisch-geladene Indie-Rockigkeit ist, die gar nicht erst versucht durch extreme Radikalität aufzufallen. Das Lauffeuer haben Wu Lyf gelegt, jetzt liegt es an uns sich einen Weg aus diesen dichten aber verlockend bitteren Unzugänglichkeiten zu suchen.
(crazewire.de)

Indizien und Beweismittel:


Ortstermine:
Aktuell keine Konzerte, aber so war es vor einigen Tagen in Paris.

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...

9 Kommentare:

Dirk hat gesagt…

Hören worüber wir schreiben (siehe Sidebar): Das Platten vor Gericht-Mixtape mit Musik aus unseren Juni-Vorstellungen, zusammengestellt von Oliver. Unter anderem mit: Arctic Monkeys, Foster The People und Death Cab For Cutie.

Oliver Peel hat gesagt…

Vielen Dank für den Link! :)

Wobei mich schon stark interessiert hätte, wie denn das Konzert von Wu Lyf im Museum Ludwig in Köln war. Ist denn niemand von euch dort gewesen oder hat gehört, wie das gelaufen ist? Ich kenne nur eine Quelle (ohne Bezug zum Konzerttagebuch), die von einem eher mittelmäßigen Konzert gesprochen hat.

http://allroyforprez.blogspot.com/2011/06/wu-lyf.html

Dirk hat gesagt…

Einige neue Gerichtstermine u.a. mit The Drums, The Subways, Firefox AK, Zola Jesus und Benni Hemm Hemm.

noplace hat gesagt…

ich habe mich sehr über den beitrag zu the gift gefreut. vielleicht bringt ihr noch den famosen benjamin francis leftwich unter. der herr hat die momentan berückendsten musikvideos zu seinem debütalbum.

und die band howth ist ebenso ein geheimtipp.

Olly Golightly hat gesagt…

apropos howth: dirk, wenn ihr nach dublin fahrt müsst ihr unbedingt mal nach howth raus. die klippen da sind mehr als sehenswert.

Olly Golightly hat gesagt…

7 Punkte. Wart Ihr in Howth, Dirk?

Dirk hat gesagt…

Nein, aber wir waren zuvor eine Woche an der recht einsamen, sehr schönen (und steilen) Westküste Irlands und haben dann in Dublin das Stadtleben genossen.

Zu WU LYF:
Leider kann ich diese Reibeisenstimme kaum ertragen.

5 Punkte

Christoph hat gesagt…

7,5 Punkte

Oliver Peel hat gesagt…

Keine schlechte Band und ein gelungenes Album, wenngleich der Hype natürlich überzogen ist.

-6,5- Punkte