Neben ihren fünfzehn Studioalben haben die Pet Shop Boys auch jeweils fünf Live- und Remix-Alben, zwei B-Seiten- und diversen Best of-Compilations veröffentlicht.
Am seltensten gehört habe ich jedoch die Musik, die sie zu Film- („Battleship Potemkin“), Theater- („My Beautiful Laundrette“), Musical- („Closer To Heaven“) oder Ballet-Aufführungen („The Most Incredible Thing“) beisteuerten. In die gleiche Kategorie gehört nun auch „A Man From The Future“.
„A Man From The Future“ ist eine musikalische/audio-biografische Hommage der Pet Shop Boys an den britischen Mathematiker, Computerpionier und Entschlüsseler der deutschen Enigma-Maschine im Zweiten Weltkrieg, Alan Turing. Das Hauptanliegen von Neil Tennant und Chris Lowe dürfte es aber bei diesem musikalischen Denkmal gewesen sein, Alan Turing nicht nur für seine wissenschaftliche Genialität zu ehren, sondern auch an das Unrecht zu erinnern, das ihm aufgrund seiner Homosexualität angetan wurde. So widmen sie sich etwa in „The Trial“ oder „Only in His Death“ explizit seiner strafrechtlichen Verfolgung wegen Homosexualität im Jahr 1952, der erzwungenen Hormonbehandlung (chemische Kastration) und seinem tragischen Tod durch Zyanidvergiftung im Jahr 1954.
Das Werk entstand in Zusammenarbeit mit dem Turing-Biografen Andrew Hodges und feierte im Juli 2014 seine Premiere bei den berühmten BBC Proms in der Royal Albert Hall in London. Es wurde mit dem BBC Concert Orchestra, dem BBC Singers-Chor, Neil Tennant sowie Juliette Stevenson als Erzählerin aufgeführt. Zusammen mit dem deutschen Komponisten und Produzenten Sven Helbig überarbeiteten die Pet Shop Boys die ursprünglichen Arrangements, um „A Man From The Future“ mehr als zwölf Jahre nach seiner Uraufführung zu veröffentlichen. Dem entsprechend hören wir auf den acht chronologisch aufgebauten Tracks klassische Orchesterarrangements, Kinderchorgesang, dezente elektronische Synthesizer-Klänge von Lowe, wenige gesungene Zeilen von Tennant und viele gesprochene Passagen. Beim ersten Hören erinnerte mich das Album eher an Public Service Broadcasting als an Pet Shop Boys.
Anders als auf früheren Alben ist nicht nur die markante Stimme von Tennant zu hören. Über weite Strecken trägt die Schauspielerin Juliet Stevenson, die schon 2014 die Erzählerin war, Passagen aus Andrew Hodges' Biografie „Alan Turing: The Enigma“ vor. Auf dem Buch basiert auch der Kinofilm „The Imitation Game“ mit Benedict Cumberbatch.Tennant greift in seinem Gesang oft einzelne Sätze der Erzählung auf und wiederholt sie. Musikalisch wechseln sich Streicherpassagen, elektronische Klänge und tanzbare Beats ab. (…)Die acht Stücke folgen Turings Leben chronologisch. „Natural Wonders Every Child Should Know“ ist nach einem Sachbuch benannt, das Turing als Kind geschenkt bekam. Es geht um seine Schulzeit im Internat und um seinen Freund Christopher Morcom, der 1930 an Tuberkulose starb.„The Enigma“, der einzige echte Dance-Track auf dem Album, erzählt von Turings Arbeit im Geheimdienstzentrum Bletchley Park, wo er die Entschlüsselung der Funksprüche deutscher U-Boote leitete.Das filmisch arrangierte „The Trial“ erzählt von Turings Verurteilung 1952 wegen der Beziehung mit einem anderen Mann, aus der er kein Geheimnis machte. (…)„A Man From The Future“ endet mit dem gleichnamigen Titelsong, der dem gewohnten Sound der Pet Shop Boys noch am nächsten kommt. Das Lied schlägt den Bogen zur Gegenwart. Der frühere britische Premierminister Gordon Brown liest darin seine posthume Entschuldigung an Turing von 2009 selbst vor, außerdem ist der Text der königlichen Begnadigung von 2013 zu hören.Die Geschichte endet mit dem Turing-Gesetz von 2017, mit dem Zehntausende weitere Männer begnadigt wurden, die zuvor wegen homosexueller Handlungen verurteilt worden waren.(Stern)

0 Comments:
Kommentar veröffentlichen