31. Januar 2025

Tunng - Love You All Over Again


Wie auf dem gestern vorgestellten „You & I Are Earth“ dreht sich auch auf dem achten Studioalbum von Tunng alles um die Liebe, auch wenn der Begriff hier weiter gefasst wird als von Anna B Savage. Eine schöne Entwicklung, nachdem das Konzept des Vorgängers „Dead Club“ (2000) einer gänzlich anderen Idee folgend den Tod thematisiert und allen Trauernden gewidmet war.

20 Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums besinnen sich Ashley Bates Sam Genders, Becky Jacobs, Mike Lindsay, Martin Smith und Phil Winter ihrer Anfänge und kehren zu dem zurück, was sie selbst als „Pagan Folktronica“ bezeichnen. Ebenfalls eine schöne Entwicklung, was wir exemplarisch gleich am Opener „Everything Else“ aufzeigen können: Der warme Folk-Sound wird von akustischer Gitarre und Piano geprägt, dazu knisteren, knirschen, knarzen und klicken elektronische Beats und Sounds, Sam Genders und Becky Jacobs singen gemeinsam oder abwechselnd und während sie der wundervollen Melodie folgend den Refrain weiter und weiter tragen, gesellt sich noch eine weitere Stimme hinzu und setzt einen zusätzlichen Kontrastpunkt. Auch das nostalgische Video folgt der Idee der Rückbesinnung, denn es zeigt Bilder und Clips aus den Anfangstagen der Band:  


 


Während die Musik von Tunng gemeinsam stand, ist für die Texte Genders zuständig, lediglich der zu „Snails“ stammt von Lindsay, der die 10 Songs in seinem MESS Studio (Mike’s Excellent Sound Space) in Margate auch produzierte. „Love You All Over Again“ ist als CD und LP (black Vinyl, red Vinyl, pink Vinyl) erhältlich.

Tunng in Deutschland auf ihrer „20th Anniversary Tour“:
09.03.25 Berlin, Silent Green Kulturquartier
10.03.25 Köln, Gebäude 9


 


Folktronisch betrachtet, stellt LOVE YOU ALL OVER AGAIN ein beeindruckendes Anschlussalbum an die ersten, zwischen 2005 und 2007 erschienenen Werke von Mike Lindsay, Sam Genders (beide Gitarre und Gesang) und ihren Bandmates dar. Tunng spinnen auch nach 20 Jahren noch feine märchenhafte Melodien, vergessen aber nie, hinter deren Rücken synthetische Eingrife abseits der Schulmedizin vorzunehmen.




30. Januar 2025

Anna B Savage - You & I Are Earth


Ihr letztes Album „in|FLUX“ wurde von Tunng-Mitglied Mike Lindsay produziert und auf seinem letztjährigen Soloalbum „Supershapes Volume 1“ sang Anna B Savage mit, diesmal haben die beiden den Veröffentlichungstag gemeinsam und da macht es nur Sinn, wenn „Love You All Over Again“ (von Tunng) und „You & I Are Earth“ auch nacheinander vorgestellt werden. Lady first.

Mit ihrem dritten Studioalbum veröffentlicht Anna B Savage zu warmen, sanften Folk-Klängen einen Liebesbrief an einen Mann („Lighthouse“) und an Irland, ihre neue Wahlheimat („Donegal“). Etwas Gälisch hat sie, wie man auf dem leicht jazzigen „Mo Cheol Thú“ hören kann, wohl auch schon gelernt. 

„You & I Are Earth“ ist geprägt von Annas tiefer Stimme sowie intimen, akustischen Arrangements und es ist ähnlich spannungsarm geraten wie im letzten Jahr „Patterns In Repeat“ von Laura Marling. Es bietet 10 Songs in 31 Minuten und ist als CD und LP (black Vinyl, clear Vinyl) erhältlich.

Anna B Savage in Deutschland:
15.04.25 Köln, Bumann & Sohn
16.04.25 Berlin, Franzz Club


Gezupfte Akustikgitarren-Patterns fließen und wogen, umspült von zarten Orchestrierungen. Im Hintergrund rauscht das Meer, Streicher quietschen wie Möwen. Dazu Savages Stimme, die warm und verschwörerisch aus dem Lautsprecher raunt, verletzlich, dabei mit viel klassischer Kunstfertigkeit. Keine Elektronik oder laute E-Gitarre, wie sie noch vereinzelt auf ihren früheren Werken auftauchten.
Das macht YOU & I ARE EARTH zu einem sehr schönen, aber auf Dauer arg kuscheligen Folk-Jazz-Vergnügen (…). Trautes Liebesglück macht eben nicht immer die aufregendste Kunst.


 


 




29. Januar 2025

10 Schallplatten, die uns gut durch den Februar bringen


10. Sam Fender - People Watching (black and white striped Vinyl) (21.2.2025)







9. Sharon Van Etten - Sharon Van Etten & The Attachment Theory (Amber Galaxy Vinyl) (7.2.2025)






8. Inhaler - Open Wide (pink Vinyl) (7.2.2025)






7. The Murder Capital - Blindness (Indie Exclusive Edition, Gold Yellow Vinyl) (21.2.2025)






6. Bdrmm - Microtonic (blue & white marbled Vinyl) ( 28.2.2025)






5. Sivert Høyem - Dancing Headlights (black Vinyl) (7.2.2025)






4. The Pains Of Being Pure At Heart - Perfect Right Now: A Slumberland Collection 2008-2010 (Limited Edition, Clear/Blue/Yellow Vinyl) (7.2.2025)






3. Tocotronic - Golden Years (Limited Indie Edition, Transparent Vinyl) (14.2.2025)







2. Doves - Constellations For The Lonely (white/silver marbled Vinyl) (14.2.2025)






1. Oasis - Whatever (remastered, 30th Anniversary Edition, Limited Numbered Edition, Pink & Blue Splatter Vinyl, Single 7'') (21.2.2025)







28. Januar 2025

Tom Meighan - Roadrunner


Schön abwechselnd, wie bei einem Elfmeterschießen, veröffentlichen Kasabian und ihr geschasster Sänger Tom Meighan neue Alben: „The Alchemist's Euphoria“ eröffnete nach der unschönen Trennung 2022 den Reigen und erreichte mit 7,333 Punkten Platz 74 bei Platten vor Gericht. Meighan konterte im folgenden Jahr mit „The Reckoning“, kam aber nur auf 7,000 Punkte und Rang 144. 
Also Kasabian - Tom Meighan 1:0

Diesen mittelmäßigen Wert von Meighan unterboten Kasabian 2024 mit „Happenings“ klar: 6,5 Punkte reichten lediglich zu Platz 199.  
Also nun die Chance für Meighan und sein zweites Soloalbum zum 1:1?

Um dieses Ziel zu erreichen verschob Meighan noch einmal den Veröffentlichungstermin vom 4. Oktober 2024 auf den 25. Januar 2025 und ging für eine Feinjustierung noch einmal ins Studio: „Roadrunner“ bietet 11 Songs, die häufig nach klassischem Kasabian-Material klingen, beispielsweise „White Lies“, „Exercist“ oder der Glam-Rocker „High On You“. Der Opener „Use It Or Lose It“ brettert direkt unerwartet rockig daher, auch „Headcase“ bollert energetisch. „Silver Lining“ und die akustische Ballade „Better Life“ lassen (auch Dank der Streicher) an The Verve denken. 
Schön, dass es „Would You Mind“, welches 2021 als seine erster Solo-Song veröffentlicht worden war, aber auf „The Reckoning“ ausgelassen wurde, nun doch noch auf ein Album geschafft hat.

Ich möchte wetten, dass sowohl die 6,500 Punkte von Kasabians letztem Album auch die 7,000 Punkte von „The Reckoning“ mit diesem Album übertroffen werden.

„Roadrunner“ ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, black with yellow Splatter Vinyl) erhältlich.


 


An entire album of furiously reflective pleasures, from the opening barrage of Use Or Lose It, White Lies, and Silver Linings, and through the power of tracks such as High On and Exorcist, and the sublime finish that exemplified in Do Your Thing and Would You Mind sees the musician crown the glory of those accompanying him and Bnann Infadel, Ele Lucas, Chris Haddon, Brodie Maguire, and Gareth Young certainly understand that they are being bolstered by the form of the songs to a point where they too are guided by the emotional, the resonance, and the drama of the piece.
Roadrunner is mature, it is empathy of the current state of the world, each and every corner of its being is fully rounded and erudite, Tom Meighan turns on the attitude and performs with incredible passion; so much so the end result is awesome, a sense of pleasure born in a raging cosmic storm.


 


Since leaving Kasabian in 2020, Meighan’s dramatic change in circumstances has undeniably ignited his recognisable sense of appreciation present throughout the album. Whilst staying true to himself, Meighan reflects on a real and challenging journey of self-acceptance and recovery, proving that, after over 20 years in the game, he has still not lost his touch. An amalgamation of tender, touching moments and stadium-ready anthems, ‘Roadrunner‘ is perhaps the most emotional and raw record from Tom Meighan yet.




27. Januar 2025

FKA Twigs - Eusexua


Blood Records pressen wunderbare, bunte Schallplatten in streng limitierter Auflage und manchmal hält auch die Plattenhülle ein besonderes Gimmick bereit. In der Regel sind die Auflagen, die sehr kurzfristig über Instagram & Co. angekündigt werden, in wenigen Minuten ausverkauft. 

Im Sommer 2024 ging der Ableger Bad World an den Start, der mit Flüssigkeiten befüllte Platten in einen jeweils begrenzten Vorbestellungszeitraum anbot. Zwei dieser tollen LPs, „Gary“ von Blossoms und der „bath water filled“ Soundtrack zu „Saltburn“, der von Discogs zum „Most Unique Release of the Year 2024“ gekürt wurde, fanden auch den Weg in meinen Plattenschrank.

Über ihre Kanäle in den sozialen Medien füttern Blood Records und Bad World ihre Follower nahezu täglich mit vagen Ankündigungen, dezenten Anspielungen und versteckten Hinweisen zu kommenden „Drops“. Dabei wurde auch schon das ein oder andere Mal über das Ziel hinaus geschossen. So gab es vor zwei Monaten über mehrere Posts hinweg die Ankündigung der Veröffentlichung des neuen Albums von FKA Twigs via Bad World. Die Aufregung im Internet war groß - und wurde noch größer, als der Release dann grundlos verschoben werden musste. Doch Anfang Dezember konnte man „Eusexua“ in einer (wohlwollend formuliert) optisch extrem reduzierten Plattenhülle (weiß, mit schwarzem Schriftzug) dann doch noch bestellen, jedoch waren die Kommentare recht eindeutig, denn das clear Vinyl war mit einer ebenso klaren Flüssigkeit befüllt. So etwas wie des Kaisers neue Kleider für über 50 € (ohne Versand- und Zollgebühren) und das bei einer Künstlerin, die offensichtlich sehr viel Wert auf das Visuelle legt. 




Damit war die „Eusexua“-Saga aber noch nicht beendet, denn nur wenige Tage vor dem offiziellen Release am 24. Januar wurde bekannt gegeben, dass sich das Label gegen diese Veröffentlichung bei Bad World entschieden habe. Auch hier wurden keine Gründe genannt.     

Die reguläre Version von „Eusexua“ kommt übrigens, mann kann es sich nicht besser ausdenken, auf clear Vinyl daher.


 


Auch das dritte Werk der 36-jährigen Musikerin mischt Sci-Fi-Sex mit ätherischem Symbolismus – es geht ums „Fühlen“, das wird auf jedem der elf Songs deutlich. In „Perfect Stranger“ umschreibt sie die befreiende Anonymität eines One-Night-Stands mit den Worten: „You’re a stranger, so you’re perfect/ Just give me the person you want tonight“, im dazugehörigen Video verkörpert sie in einer Szene Allen Jones’ berüchtigten BDSM-Tisch aus den 60er-Jahren – auf allen vieren trägt sie eine gläserne Tischplatte auf dem Rücken. Die vom britischen DJ Koreless und der US-Produzentin Eartheater produzierte Platte ist eine konzentrierte Hommage an die fisselig-scharfen Dance-Sounds der 2000er, an frühe Neptunes- und Timbaland-Produktionen, gemischt mit sphärischen, transzendentalen Anwandlungen. „Keep It, Hold It“ könnte mit seinen gospelartigen Call-and-Response-Teilen auch ein Mantra sein. Als ob FKA twigs zusammen mit Erykah Badu einen Trip nimmt und dann vom Raumschiff abgeholt wird.


 


Stand bei MAGDALENE noch zerstörerischer Heartbreak und Neuanfang im Mittelpunkt, geht es diesmal eher um Clubmusik und Euphorie auf dem Dancefloor (…). Nein, FKA Twigs zieht es eher zu den experimentelleren Nächten, zu den härteren Bässen und den intensiveren Gefühlen.
Als folgt sie mit dem Album dem Verlauf einer Nacht, zeichnet sie emotionale Höhen und Tiefen nach, verbindet Härte und nostalgische Popmomente. So etwa im Opener „Eusexua“ (bei dem unter anderem ihre neue BFF, die Experimentalpopprinzessin Eartheater, mitgeschrieben und -produziert hat) oder dem kathartischen „Drums Of Death“ (dessen Co-Producer Koreless der Legende nach den charakteristischen Beat direkt im Berghain aufgenommen haben soll – verleiht dem Ganzen natürlich die gewünschte Prise Realness). „Girl Feels Good“ dagegen erinnert an Madonnas „Ray Of Light“ und an Massive Attack in den Neunzigern, so wie auch „Striptease“ die Hochzeiten des TripHop heraufeschwört – allerdings mit einem Bass, der FKA Twigs eindeutig ins Heute verpflanzt.





26. Januar 2025

The Weather Station - Humanhood


Wenn jemand mit einem Metascore von 84/100 Punkten nicht zufrieden ist, dann handelt es sich vermutlich um Tamara Lindemann, den kreativen Kopf hinter The Weather Station. Unter diesem Namen wurden mittlerweile sieben Alben veröffentlicht, von denen die Kritiker nur so schwärmten: „Ignorance“, das 2021 über Fat Possum veröffentlicht wurde, Lindemann über den Status eines Geheimtipps hinaus bekannt und sogar in die UK Charts führte, überragt die restlichen (alle mit mindestens 84 Punkten bedachten) Alben bei Metacritic mit einem Wert von 89/100.

Tamara Lindemann (Gesang, Piano, Synthesizer), welche die Songs komponierte und gemeinsam mit Marcus Paquin (Arcade Fire, The National) auch produzierte, arbeitete auf „Humanhood“ mit Ben Whiteley (Bass), Kieran Adams (Schlagzeug), Philippe Melanson (Schlagzeug, Percussion), Ben Boye (Synthesizer, Piano) und Karen Ng (Saxofon, Klarinette, Flöte) zusammen. Als sechsköpfige Band wurden die 13 Songs (inklusive 4 instrumentalen Miniaturen) des Albums in zwei Sessions Ende 2023 live improvisiert und dadurch  in Form, Arrangement, Stimmung und Gefühl entschieden geprägt. Man kann diesem Setting bereits entnehmen, dass The Weather Station ihren intimen, luftigen Folk auf „Humanhood“ in deutlich jazzigere und experimentelle Gefilde trieben.     

Humanhood“ ist als CD und LP (black Vinyl, Ghost Vinyl, blue Eco-Mix Vinyl, red Eco-Mix Vinyl, graphite Eco-Mix Vinyl) über Fat Possum erschienen.

The Weather Station in Deutschland:
26.02.25 Hamburg, Nochtspeicher
28.02.25 Berlin, Silent Green


 


 


»Humanhood« ist also ein Selbstheilungsalbum, das immer wieder in dahingleitenden, scheinbar flüchtigen Klavier-Arrangements nach Erhabenheit, Klang-Perfektion und Transzendenz sucht. Zunächst noch als entfremdeter Zombie und lebendiger Automat in der digitalisierten Kunstwelt der Popsong-ähnlichen »Neon Signs« und »Mirror«, später offener, tastender, experimenteller, schwebender in »Body Moves«, »Ribbon« und »Fleuve«.
In den Hintergrund der voluminösen und orchestralen Wohlklang-Wucht mischt Lindemans Band eine Vielzahl elektronischer, irritierender Störgeräusche wie einen posttraumatischen Tinnitus. Mal ist es ein mechanisches Schaben in »Window«, mal ein schnarrendes, lauter und leiser werdendes Drone-Geräusch in »Irreversible Damage« – das ohnehin nur aus Fetzen von Therapiegesprächen zu Free Jazz besteht.
Pop- oder Rockmusik ist »Humanhood« an dieser Stelle schon lange nicht mehr. Aber diese Art der Losgelöstheit ist ausnahmsweise okay.


 




25. Januar 2025

Magne Furuholmen - Living With Ourselves


Drei Soloalben als Magne F, diverse Soundtracks und Kollaborationen, je zwei Platten mit der norwegischen Band Bridges und der „Supergroup“ Apparatjik (zu der u.a. auch ein Mitglied von Mew sowie Coldplay gehören) und nicht zu vergessen die elf Studioalben mit a-ha. Magne Furuholmen kann mit seinen mittlerweile 62 Lebensjahren auf so einige musikalische Veröffentlichungen (und mehr als 50 Millionen verkaufte Alben weltweit) zurückblicken und ist zudem seit vielen Jahren als bildender Künstler erfolgreich.

Nach der Rückkehr von a-ha in diesem Jahrtausend komponierten Magne Furuholmen und Pål Waaktaar-Savoy nur noch höchst selten gemeinsam Lieder (die Beiträge von Morten Harket waren in dieser Hinsicht seit jeher überschaubar) und beim letzten Album „The North“ standen sich jeweils sechs Songs von Magne und Pål gegenüber.

Am 1. November 2024 - seinem Geburtstag - veröffentlichte Magne Furuholmen den Titelsong aus seinem neuen Soloalbum „Living With Ourselves“. Jede Woche wurde ein weiteres der insgesamt 11 Lieder veröffentlicht, so dass das Album Mitte Januar komplett zu hören war. Die ältesten dieser Songs („Time Is On Your Side“, „God Is In The Details“) existierten bereits vor den Aufnahmen zu „The North“, wurden wohl aber von Pål und/oder Morten abgelehnt. 

Die physische Veröffentlichung von „Living With Ourselves“ war ungewöhnlich: eine CD gibt es nur in Japan, die LP war halb individuelles Kunstwerk und halb Schallplatte und auf nur 200 Exemplare limitiert.




„Living With Ourselves“ ist auch nicht schlechter (oder groß anders) geraten als Magnes Beiträge zu den letzten Alben von a-ha und zu seinen Highlights der beiden letzten Jahrzehnte zählen immerhin „Celice“, „Lifelines“, „Cosy Prisons“, „Giving Up The Ghosts“ und „I’m In“. 
„Look How Far We Haven’t Come“ ist eine bombastische Ballade mit Streichern, „You Won (And Then Some)“ flotter Synth-Pop, „Teo’s Theme“ klingt nach Craig Armstrong-Soundtrack, „Time Is On Your Side“ kommt als leicht schnulziges Duett mit Tini Flaat daher und „Giving In To Christmas“ ist tatsächlich ein lupenreines Weihnachtslied. Alle Lieder, aber wirklich alle Lieder, wären mit Morten Harket als Sänger noch besser. Da hilft Magne auch kein Autotune („One 4 All And All 4 None“, „God Is In The Details“, „White Horses“). Ganz im Gegenteil. 


 


 




24. Januar 2025

Mogwai - The Bad Fire


10 Fakten zum neuen Album von Mogwai:

1. Mogwai feiern dieses Jahr ihr 30-jähriges Dienstjubiläum. Stuart Braithwaite, Dominic Aitchison und Martin Bulloch gründeten mit dem vor 10 Jahren ausgestiegenen John Cummings die Band. Barry Burns stieß 1998 als zwischenzeitlich fünftes Mitglied dazu.

2. „The Bad Fire“ ist das elfte Studioalbum von Mogwai und erscheint knapp 4 Jahre nach „As The Love Continues“. 3 Jahre 11 Monate und 5 Tage, um genau zu sein. Lediglich zwischen „Every Country’s Sun“ (2017) und „As The Love Continues“ (2021) mussten Fans der schottischen Band länger auf ein neues Album warten.


 


3. Während Mogwai mit ihren ersten sieben Alben in den UK Charts irgendwo zwischen Platz 62 und 23 pendelten, gelang mit „Rave Tapes“ (2014) der erste Top Ten Erfolg. „Every Country’s Sun“ erreichte sogar Platz 6 und mit „As The Love Continues“ gelang erstmals der Sprung auf Platz 1. In Deutschland war bisher eine Top 20 Platzierung für Mogwai verbucht („Rave Tapes“ #16) bis „As The Love Continues“ Platz 3 erreichen konnte.

4. „The Bad Fire“ bietet 10 Songs in 54:51 Minuten. Der längste Albumtitel ist gleich in mehrerer Hinsicht „If You Find This World Bad, You Should See Some Of The Others“ mit einer Laufzeit von 7:23 Minuten.

5. Der Albumtitel „The Bad Fire“ bezieht sich auf eine alte schottische Bezeichnung für die Hölle.
Das Albumcover stammt vom Graphic Designer und Illustrator Dave "DLT" Thomas, der bereits für Mogwai („Rave Tapes“, „Every Country’s Sun“) arbeitete, aber auch Plattenhüllen für Maximo Park, The Twilight Sad, We Were Promised Jetpacks, Frightened Rabbit oder Travis gestaltete.


 


6. Bei Metacritic steht „The Bad Fire“ aktuell bei 82/100 Punkten. Damit stehen Mogwai erst zum dritten Mal bei einem Metascore von über 80: „As The Love Continues“ 83/100 und „Happy Songs For Happy People“ 85/100.


It's a record that calls back on various points from their oeuvre, such as the sparse atmospherics of Come On Die Young on the impressively unnerving Hi Chaos and What Kind of Mix is This? or the bombast of Happy Songs For Happy People while offering a fresh and, dare I say it, poppier version of the band on stompers such as Fanzine Made of Flesh or Lion Rumpus.
Among these brighter arrangements, however, is a pervasively darker mood, responding to the recent personal traumas Mogwai's members have suffered. While not made directly obvious thanks in part to the band's abstract song titles and predominantly instrumental setup, the middle section of the record, from the wistful Pale Vegan Hip Pain to the heartbreakingly vulnerable 18 Volcanos – which features Braithwaite's best and most exposed vocal performance since Punk Rock/CODY as well as My Bloody Valentine-inspired layers of fuzz – is its emotional core.
And yet, that is the transcendental nature of Mogwai's music summed up to a tee. Hammer Room masterfully brings the mood back up, reflecting perfectly how the Glasgow quartet can expertly balance light and dark while closing track Fact Boy elevates the listener onto a cosmic plane displaying the healing nature of their music.
Overall, The Bad Fire proves this legendary group can still produce moving, intelligent and vital work even as they embark on their fourth decade. As their lockdown-inspired success proved, Mogwai remain a guiding light in dark, troubling times.


7. Das Album wurde von John Congleton (Sigur Rós, Death Cab For Cutie, Franz Ferdinand, St. Vincent, John Grant, Goldfrapp) produziert, der erstmals mit den Schotten zusammen arbeitete und sich hinter Dave Fridman, Paul Savage, Andy Miller und Tony Doogan einreiht. 

8. „The Bad Fire“ ist als CD, Kassette und Doppel-LP seit dem 24. Januar 2025 erhältlich, Die Deluxe CD bietet einen zweiten Silberling mit Demoversionen der Albumtitel sowie ein zwölfseitiges Fotobuch. Schallplaten freund können zwischen black, clear, white und green Vinyl wählen. Auf der vierten Plattenseite befindet sich ein Etching. In der Deluxe Version gibt es auch hier die Demoversionen, jedoch auf black Vinyl.


 


9. Vor der Veröffentlichung des Albums schickten Mogwai bereits digital nd mit Videos versehen die Songs „God Gets You Back“, „Lion Rumpus“ und „Fanzine Made Of Flesh“ in die Welt.

10. Rund um die Welt werden Mogwai zwischen Februar und Mai reisen. Auch in Deutschland werden sie ihr neues Album live vorstellen: In Hamburg (Große Freiheit, 06.02.25), Berlin (Admiralspalast, 11.02.25) und Leipzig (Täubchenthal, 12.02.25) hat man die Gelegenheit zu Konzertbesuchen.


22. Januar 2025

The Veils - Asphodels


Aus gegebenem Anlass werfen wir einen Blick zurück ins Jahr 2017 auf den den Auftritt von The Veils mit „Axolotl“ im Roundhouse in „Twin Peaks“:


 


Mittlerweile, eine Woche ist es heute her, mussten wir Abschied von David Lynch nehmen und The Veils haben sich - zumindest für ihr siebtes Studioalbum - vom bluesigen Rock verabschiedet. In der dreigeteilten Unterwelt der griechischen Mythologie hätte es Lynch eigentlich verdient im Elysion zu residieren, auch wenn zu seinen Filmen besser das höllenartige Tartaros passen würde. Dazwischen befindet sich der Asphodeliengrund, nach dem Finn Andrews sein neuestes Werk benannte.

Dieses ist das intime, balladeske Piano- und Streicher-Album, auf das man bei The Veils schon so lange hoffen durfte und das man gut mit „The Boatman’s Call“ von Nick Cave And The Bad Seeds vergleichen könnte - nicht nur wegen der Parallelen hinsichtlich der griechischen Mythologie im Albumtitel.
„Asphodels“ wurde bereits im Frühjar 2023, also ungefähr zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Vorgängers „…And Out Of The Void Came Love“, der mit 7,800 Punkten Platz 27 bei Platten vor Gericht erreichen konnte, an nur fünf Tagen direkt live in den Roundhead Studios in Aotearoa, Neuseeland, aufgenommen. Und wie beim Album zuvor arbeitete Andrews eng mit der Streicherarrangeurin Victoria Kelly zusammen.

„Asphodels“ bietet 9 Songs und steht als CD und LP (black Vinyl, white Vinyl) ab dem 24. januar in den Plattenläden. The Veils werden bereits wenige Tage später in Deutschland gastieren:
01.02.25 Köln - Artheater
04.02.25 Hamburg - Hafenklang 
05.02.25 Berlin - Lido 


 


(…) this is not an album to put on to get your party started, it’s the kind of album you play by yourself or with a loved one, cosying up with a nice glass of something with a log burner on and the knowledge you can sit back, listen and absorb the music the lyrics and the beauty of the arrangements. (…)
The overwhelming feeling I felt listening to this album was of peace mixed with sadness and yet hope. It’s a lovely body of work that I suspect you won’t hear much on the radio but which, should you choose to discover it, you may just become addicted to (…).


 





21. Januar 2025

Anna Ternheim - Psalmer Från Sjunde Himlen


Seit mehr als zwei Jahrzehnten veröffentlicht Anna Ternheim Musik, jedoch musste man Songs in ihrer Muttersprache mit der Lupe suchen und konnte sie an einer Hand abzählen. Bisher.

Für eine Krebsstiftung übersetzte sie vor einigen Jahren beispielsweise das klassische Neujahrslied „Auld lang syne“ in eine schwedische Version („Minns det som iår“). Und als sie 2022 von New York zurück nach Stockholm zog, nahm sie an einer TV-Sendung teil, in der sie Lieder anderer Leute sowohl auf Englisch als auch auf Schwedisch interpretierte.
Für „Psalmer Från Sjunde Himlen“, ihrem erstes Album seit knapp sechs Jahren, wechselt sie nun komplett zum Schwedischen und hat sich dazu zwei Mitstreiter gesucht, die dieses sprachlichen Wandel mit ihrer eigenen Band bereits wiederholt vollzogen haben: Joakim Berg und Martin Sköld von der seit mehreren Jahren ruhenden Band Kent. Ganz überraschend kommt diese Zusammenarbeit nicht, denn Ternheim und Berg musizierten (mit Malcolm Pardon) bereits unter dem Pseudonym Dead People zusammen und brachten 2022 das Album „We Love“ heraus.

Da sich Anna Ternheim, Joakim Berg und Martin Sköld nicht nur die Produktion teilten sondern auch das Komponieren, ist es nicht verwunderlich, dass einige Lieder, wie beispielsweise „Hit men inte längre“, tatsächlich nach diesen schnellen, tanzbaren, eingängigen Synth-Pop-Songs von Kent klingen. „Brutna löftens land“ und „Enkelhet“, Annas Lieblingslied auf dem Album, stehen stellvertretend für die ruhigeren, verträumten und melancholischen der zehn Titel.

„Psalmer Från Sjunde Himlen“ ist als CD und LP (black Vinyl) erhältlich.


 


Im Mai wird Anna Ternheim in Deutschland gastieren. Man darf gespannt sein, ob sie auch ihre neuen „schwedischen“ Lieder spielen wird:
06.05.25 Lübeck, Kulturwerft Gollan
07.05.25 Köln, Kulturkirche
08.05.25 Osnabrück, Botschaft
09.05.25 Bremen, Schlachthof
10.05.25 Bochum, Christuskirche
11.05.25 Bielegeld, Ringlokschuppen


 


 





20. Januar 2025

Jasmine.4.t - You Are The Morning


Zuerst im Vorprogramm von Lucy Dacus auftreten, dann spielt diese deine Demoversionen ihrer Freundin Phoebe Bridgers im Auto vor, was dazu führt, dass diese dich direkt für ihr Label Saddest Factory Records als erste britische Künstlerin unter Vertrag nimmt. Und bei deiner nächsten Aufnahme ist dann auch direkt Julien Baker an Bord und dann können die drei Damen von Boygenius den Song auch direkt produzieren. Was klingt wie die Träumerei eines Teenagers in Manchester entpuppte sich als Realität der bereits in ihrem dritten Jahrzehnt stehenden transsexuellen Singer/Songwriterin Jasmine Cruickshank.
Dass in der Band Jasmine.4.t neben Jasmine mit Phoenix, Emily und Eden ausschließlich weitere Transfrauen stehen, ist eine bewusste Entscheidung, um für Trans-Rechte und Randgruppen einzustehen. 

You Are The Morning“ ist das 13 Song starke Singer/Songwriter-Folk-Rock-Debütalbum von Jasmine.4.t, das mit tatkräftiger Unterstützung von Boygenius entstanden ist und als black Vinyl und girlbath Vinyl zu haben ist.     


Songs wie „Elephant“ mit Backup-Vocals vom Trans Chorus of Los Angeles und Gitarre von Julien Baker über den ersten Crush nach ihrem Coming-out erinnern an Elliott Smith, das punkige „Guy Fawkes Tesco Dissociati- on“ wiederum etwa an die Silver Jews. Jasmine.4.t schafft es, komplizierte Gefühle, Transformation, Abschied und Neuanfang in wunderbar leichtfüßige Songs zu packen – aus dem Stand eines der besten Debütalben des jungen Jahres.


 


 


Der US-Songwriter Elliott Smith, 2003 verstorben, wird immer noch schmerzlich vermisst. Dann und wann wachsen Künstler oder Künstlerinnen nach, deren Vortrag so sehr an Smith erinnert, dass es wehtut, aber auch sehr tröstlich ist. Zumal, wenn die Songs dazu auch noch gut sind. (…)
Natürlich ist dieser Smith-Sound auch nostalgisch und führt direkt in die Neunzigerjahre, wohin ja gerade viele wieder nostalgisch zurückblicken ob des rechten Backlashes und der politischen Ödnis. (…)
Das Superstar-Rocktrio hat nun gemeinsam »You Are The Morning« produziert: ein queersolidarischer Ritterinnenschlag – und ein verdammt gutes, sensibles Songwriter-Album. Vielleicht hört Elliott Smith ja im Himmel davon.


 





18. Januar 2025

William Fitzsimmons - Incidental Contact


Nachdem sich William Fitzsimmons in den letzten Jahren - neben seiner Rolle als Ehemann und Vater von drei Kindern - ausgiebig mit Fremdkompositionen auseinandersetzte und diese als „Covers, Vol. 1“ (2022) und „Covers, Vol. 2“ (2022) veröffentlichte, benötigte es einen traurigen Anlass, um ihn wieder zum eigenen Komponieren anzustoßen: Im November 2022 verstarb unerwartet seine Stiefmutter, die über 25 Jahre hinweg die Partnerin seines Vaters, wie eine Mutter für ihn selbst und eine präsente Großmutter für ihre Enkel war, und hinterließ in der Familie eine große emotionale Lücke, die es nun zu verarbeiten galt.

„Incidental Contact“ bietet gleich dreizehn Mal folkig-warmen Wohlklang für die ruhigen und entspannten Momente. Elektronische Elemente, wie Synthesizer und Drumcomputer, lassen den Sound der 80er Jahre hoch leben, unerwartet poppige (und fast schon tanzbare) Ausflüge („Over You“), säuselnde Bläser („Incidental Contact“), feiner Chorgesang („Call My Name“), eine Gaststimme (Bre Kennedy auf „Holding A Place For You“) oder Streicher („Slowly Moving Cars“) sorgen für reichlich Abwechslung in diesen knapp 47 Minuten.  

„Incidental Contact“ ist als LP (transparent blue Vinyl) über Grönland erschienen.

Im Februar ist William Fitzsimmons solo in Deutschland unterwegs:
06.02.2025 Karlsruhe, Tollhaus

07.02.2025 München, Saal X

08.02.2025 Leipzig, Kupfersaal

10.02.2025 Hamburg, Christianskirche (Pop Seasons)

11.02.2025 Darmstadt, Centralstation

16.02.2025 Oberhausen, Ebertbad


 


 


 




16. Januar 2025

The Gentle Spring - Looking Back At The World


Eine Band wie gemalt für das Cologne Popfest!

Das Trio besteht aus Michael Hiscock (Gesang, Gitarre, Bass), Emilie Guillaumot (Gesang, Keyboards) sowie Jérémie Orsel (Gitarre) und residiert in Paris, was eine schnelle Anreise zu einem Konzert in Köln nicht vollkommen unmöglich erscheinen lässt. Zudem sind The Gentle Spring wohl für solche Ausflüge offen, schließlich spielen sie auch beim Skep Wax Weekender ihres Labels in London im Juli. Am 04. und 05. April 2025, dem Termin der Kölner Indiepopfestes, sind sie wohl noch verfügbar, denn ich konnte an diesem termin keine anderen Konzertverpflichtungen finden.

Neben der Verfügbarkeit ist natürlich die Musik das entscheidende Kriterium für das kuratierte Cologne Popfest. Mit gefühlvollem, akustisch-folkigem Indiepop für ein etwas älteres Publikum liegt man da schon ganz richtig. The Gentle Spring punkten mit wechselndem Boy-/Girl-Gesang, wundervollen Melodien und schlichten Arrangements, die immer wieder durch Streicher („Comments In The Streams“, „I Can't Have You As A Friend“) oder Bläser („Untouched“) aufgehübscht werden. 

Und mein Trumpf-As ziehe ich zum Schluss, denn Michael Hiscock war Gründungsmitglied bei The Field Mice, der vielleicht tollsten Band von Sarah Records. Vermutlich eine der Bands, die bei den Machern und Besuchern des Cologne Popfestes ganz ganz oben auf der Wunschliste stehen würden. (Und gerüchteweise besitzt ein Teammitglied des Cologne Popfestes alle Singles dieses Labels.) Würde man die Musik von The Gentle Spring mit der von The Field Mice vergleichen, könnte man feststellen, dass diese ein weniger breites Spektrum abdeckt, da sie einerseits von den stoisch pluckernden Beats und andererseits von dem gelegentlich auftretenden Gitarrenwällen befreit wurden, so dass wir hauptsächlich ruhigere Songs im Stile von „End Of The Affair“ zu hören bekommen.   
  
Der Samstag Nachmittag scheint mir der ideale Zeitraum für einen Auftritt von The Gentle Spring beim Cologne Popfest zu sein. Im Idealfall spielen dann am Abend noch ihre Label Kollegen Heavenly. Amelia Fletcher hat mit Sicherheit bereits eine Einladung zu diesem tollen Festival erhalten und müsste diese nur noch annehmen.

Looking Back At The World“ ist das 10 Song starke Debütalbum von The Gentle Spring und erscheint am 17. Januar über Skep Wax Records als CD und LP (black Vinyl).


 





15. Januar 2025

Ethel Cain - Perverts


Ihr kennt das: Man streift durch ein Museum für moderne Kunst, schiebt zwei Vorhänge auseinander, landet in einem dunklen Räumchen, setzt sich auf eine Bank, betrachtet eine kunstvolle aber unverständliche Video-Installation und taucht in seltsame, experimentelle Soundlandschaften ab, die nicht wirklich zu greifen sind und irgendwie aus Wortfetzen, Geräuschen und Klängen zusammengebastelt wurden. Ihr wisst schon, vielleicht etwas in der Art:


 


Dann seid ihr bestens vorbereitet auf „Perverts“, das zweite, irgendwo zwischen Ambient, Folk, Slowcore, Gothic und Klangexperiment schwebende Album von Ethel Cain vorbereitet. Die US-Amerikanerin heißt mit bürgerlichem Namen Hayden Silas Anhedönia und blickt auf ein 26-jähriges Leben, das von religiösen Traumata und Geschlechtsinkongruenz geprägt wurde, zurück.

Während die Installation im Museum meistens nur wenige Minuten läuft und dann von vorne beginnt, muss man für „Perverts“ etwas mehr Sitzfleisch mitbringen (und hat zudem gelegentlich den Eindruck in einer Endlosschleife gefangen zu sein): Allein vier Songs durchbrechen die 10-Minuten-Marke und bereits anhand der Songtitel („Perverts“, „Housofpsychoticwomn“, „Pulldrone“ und „Amber Waves“) kann man erahnen, was einen (auch thematisch9 erwartet. Insgesamt dauert das Vergnügen, das aktuell bei Metacritic mit 71/100 Punkten bedacht wird, eineinhalb Stunden. Die Kritiker sind etwas zwiegespalten und nicht ganz so euphorisch wie beim Debüt „Preacher’s Daughter“ (2022, 82/199).


Perverts, Ethel Cain’s foggy, horrifying, southern gothic pantomime, is a cryptic conquest seeking to draw out your deepest fears and desires.

If this was Perverts’ main currency, it would still represent a dramatic shift, but the majority of its running time is taken up by lengthy tracks that sound remarkably like they could have been released on a tiny cassette label in the early 80s, part of the deep underground wave of esoteric post-industrial music effectively spawned in part by Throbbing Gristle. 






13. Januar 2025

10 Schallplatten, die uns gut durch den Januar bringen


10. William Fitzsimmons - Incidental Contact (Transparent Blue Vinyl LP) (17.01.25)






9. Anna B. Savage - You & i Are Earth (Limited Indie Edition) (Transparent Clear Vinyl) (24.01.25)






8. The Underground Youth - Nostalgia's Glass (180g) (Turquoise Vinyl) (24.01.25)






7. Alpaca Sports - Another Day (Limited Edition) (Clear Vinyl) (30.01.25)






6. Frank Black - Teenager Of The Year (30th Anniversary Edition) (Gold Vinyl) (2 LPs) (17.01.25)






5. The Verve - This Is Music: The Singles (2LPs) (24.01.25)






4. Tunng - Love You All Over Again (Heart Red Vinyl) (24.01.25)






3. Manic Street Preachers - Critical Thinking (180g) (Limited Edition) (Clear Vinyl)  (31.01.25)






2. The Veils - Asphodels (White Vinyl) (24.01.25)






1. Franz Ferdinand - The Human Fear (Limited Indie Edition) (White Bio Vinyl) (10.01.25)







9. Januar 2025

Franz Ferdinand - The Human Fear


Neulich auf Volkers Couch beim Anhören des neuen Albums von Franz Ferdinand:

1. "Audacious"

Dirk: “Alright, here we go with riff one.” Wenn wir bis zu riff eleven kommen, wird das ein guter Start ins neue Plattenjahr.
Ingo: Klingt bislang sehr freundlich. 
Christoph: Mag den freundlichen Start auch. Wäre aber ohne die Stimme nicht auf Franz Ferdinand gekommen. Oh, weiter hinten kommen Franz-Ferdinand-Momente. Das Stück könnte mein Eleanor-Moment des Albums werden.
Torsten: Kommt euch der Refrain (musikalisch) auch irgendwie bekannt vor?
Dirk: Die erste Single aus dem Album. Nach einem herrlichen Break wird es sehr schön beatlesque. Eine kühne Singles-Entscheidung, aber ich mag das Lied sehr.
Torsten: Stimmt. Könnte gut auf einem Beatles-Album sein. Klingt gut. Hätte auf einem der ersten beiden Alben sein können.
Ingo: Irgendwie klingt das ganze Lied “vertraut”. Clevere Wahl als Single. Oh, Bläser für Dirk. Sehr plötzliches Ende. 


 


2. "Everydaydreamer"

Dirk: Also nichts mit riff two. Aber weibliche Backing Vocals! Ob das die neue Schlagzeugerin Audrey Tait ist? Dann mehr davon!
Ingo: Auch wieder ein schöner Refrain. 
Christoph: Bin nach 1,1 Liedern sehr angenehm überrascht. Allerdings dürfte Alex’ Gesang beim Refrain keine Spur höher sein, dann fände ich ihn fies. 
Dirk: Die Keyboards dominieren und halten uns “auf Trab” - oder soll ich “auf Achse” sagen?
Torsten: Beim Titel musste ich erstmal an Menswer denken. 
Ingo: Stellenweise ungewohnter Gesang von Kapranos. Um beim Titel zu bleiben: Kein traumhafter, aber ein guter Song. Und die Keyboards machen es hier wirklich aus. 


3. "The Doctor"

Ingo: 80er Keyboard zu Beginn. Erinnert mich irgendwie an Maximo Park. 
Torsten: Also, ich will beim Arzt lieber schneller nach Hause als später. Dirk: Das passt. Der Song handelt nämlich von Latrophobie, der langanhaltenden Angst vor Ärzten. 
Torsten: Also, ich hatte ja vorher Kakophonophobie. Aber das ist nach den ersten drei Stücken weg.
Christoph: Als Fan des Doctors (Who) war das auf dem Papier vorher besonders spannend. Es ist nicht verkehrt, aber auch kein spontaner Liebling. 
Dirk: Ja, okayer Song.
Ingo: Recht kurzweilige aber auch kurze Songs bislang. 


4. "Hooked"

Dirk: Was ist denn hier los? Elektroclash? 
Torsten: Und ‘Doctor’ und ‘Hooked’ nacheinander? Wer da nicht an Doctor Hook denkt.
Ingo: Ich hoffe, dass ist nicht die Blaupause für die Zukunft mit der neuen Drummerin. 
Dirk: Das ist fürchterlich. Vielleicht die Signatur vom Produzenten, der eher aus dem Pop- und Elektro-Sektor stammt?
Torsten: Typischer Skip-Song.
Christoph: Er singt “that’s alright.” Faktencheck: nein.
Ingo: “Hooked” bin ich durch den Song nicht. 
Dirk: Der übelste Franz Ferdinand Song ever.
Ingo: Schön, dass er vorbei ist. 
Christoph: Spielen sie hoffentlich nicht live!


5. "Build It Up"

Dirk: Oh, das klingt wieder nach frühen Franz Ferdinand.
Torsten: Der Anfang versöhnt schonmal wieder etwas.
Ingo: Nach weniger als einer Minute schon diverse typische FF-Momente. Fein!
Christoph: Oh ja, das tut gut. “Fix it up” gilt wohl auch für die Platte nach dem schlimmen Lied davor. 
Dirk: Das Artwork ist übrigens von “Seven twists” von Dóra Maurer, einer ungarischen Künstlerin, inspiriert. Farblich soll es an das Debütalbum andocken. Musikalisch passt das auch.
Torsten: Schöner, typischer Song. Mehr davon.
Ingo: Also daraus hätte eine andere Band 3-4 Titel generieren können. Franz Ferdinand machen daraus den für mich bislang besten Song des Albums. 
Dirk: Schön auch wieder der weibliche Hintergrundgesang.
Christoph: Ja, das ist ein sehr gutes Element!


6. "Night Or Day"

Ingo: Wieder ein prägnantes Keyboard zu Beginn. 
Dirk: Der mit Sicherheit beste Song des Albums. Ihr kennt ihn schon von meiner Jahres-CD und habt sicherlich gedacht, dass er mit den großen Franz Ferdinand Hits mithalten kann.
Torsten: Toller Song, aber warte mal ab, was Franz Ferdinand noch alles in petto haben.
Christoph: Ja, Dirk. Liebe den auch!
Ingo: Hier klingt Kapranos so ein wenig heiser stellenweise. Gefällt mir gut! Neue Facetten seines Gesangs. 
Dirk: Aber wie schnell ist diese Platte vorbei? 18 Minuten und es ist gleich schon an der Zeit,  die LP umzudrehen…
Christoph: Alex Kapranos ist ja mit einem der (mittlerweile) größten französischen Popstars verheiratet. 
Dirk: Ach, mit wem? Du wolltest doch einmal so einen Indie-Gossip-Blog machen…
Christoph: Da könnt Ihr es nachlesen! Ach, den gibt es ja leider noch nicht. Clara Luciani!
Ingo: Mit Prog-Moment zum Ende. Toller Song. 


 


7. "Tell Me I Should Stay"

Ingo: Bislang sprachen die Songs bis auf “Hooked” für sich. Mich muss niemand bitten, zu bleiben.  
Dirk: Der mit Abstand längste Song des Albums. Da kann man sich auch Zeit für ein sanftes Piano-Intro nehmen.
Torsten: Schöner, sphärischer Anfang.
Ingo: Überraschend. Auch der Gesang wieder. 
Christoph: Hatte gerade bei den ersten beiden Tönen einen “I like Chopin”-Moment. Der war aber schnell weg.
Dirk: Sehr ungewöhnliche Songstruktur. Hat irgendwie einen Musical-Touch für mich.
Ingo: Ich wäre nicht zwangsläufig auf FF gekommen, hätte ich diesen Song im Radio gehört. Nun, dort wird er nicht laufen und ich höre kein Radio. 
Torsten: Nur anhand der Stimme hätte man es zuordnen können. Gefällt mir aber sehr gut. Die Frage „Should I stay or should I go?“ stellt sich mir nicht.
Christoph: Der wird auch Teil des Franz-Ferdinand-Musicals werden, falls es das irgendwann gibt. Sehe die Choreo schon vor meinem inneren Auge. Tanzende Menschen auf mehreren Etagen in einer Bar.


8. "Cats"

Ingo: “Cats”? Noch mehr Musicalmaterial? Und wieder: Überraschender Gesang direkt zu Beginn.
Christoph: Kein Musical, Ingo! Aber sie covern ihr eigenes Frühwerk mit dem Rhythmus. 
Ingo: Aber das machen sie gut. 
Christoph: Ja, unbedingt!
Torsten: Für einen klitzekleinen Moment war ich etwas geschockt, weil das Gitarrenriff so auch auf einem Santiano -Album vorkommen könnte…zum Glück war der Moment nur sehr kurz.
Ingo: Du kennst Sachen… ;-) Aber du wohnst ja auch im Norden, oder?
Torsten: Ja, weiter nördlich geht es kaum. Zumindest innerhalb Deutschlands.
Christoph: FF, die Riesen des Shanty-Rocks, Torsten?
Dirk: Bisher eher das, was man einen Füller nennt.
Torsten: Sie scheinen da eine weitere Nische für sich gefunden zu haben.
Ingo: Dirk, “Cats” müsste doch DEIN Song sein. 
Dirk: Das hatte ich vorher auch gehofft.


9. "Black Eyelashes"

Dirk: Oh, wir tanzen Sirtaki mit Kapranos?
Ingo: Ah, das Blut des Vaters scheint durch. 
Christoph: Huch! Hätten sie stattdessen nicht was von Ta Toy Boy aus Griechenland samplen können?
Torsten: Der Anfang lässt Erinnerungen an schrecklichste Urlaubsmomente aufkommen.
Ingo: Der Song ist ja gar nicht mal so gut. 
Dirk: Aber nicht so schlimm wie “Hooked”. Also ein Ausfall pro Plattenseite und beide dauern keine 3 Minuten.
Ingo: Hätten sie drauf kommen können. Schade, dass man für Singles kaum noch B-Seiten benötigt. 
Torsten: Die griechisch angehauchte Shanty-Rock-Variante.
Christoph: Vielleicht persönlich relevant für Alex Kapranos, musikalisch nicht.


10. "Bar Lonely"

Ingo: Titelmelodie für eine amerikanische Cowboy-Serie?
Christoph: Das ist für mich eher ein Füller. Das Bar-Klavier nervt ein wenig.
Dirk: Ba-ba-ba-bald ist die Platte schon vorbei.
Ingo: Bei solchen Songs ist es in einer Bar schnell einsam. 
Torsten: Das perfekte Lied, um bei einem Konzert an die Bar zu gehen.
Christoph: Das vorletzte Lied ist doch immer der schlechteste Song? Hier ist es der drittschlechteste. 
Ingo: Der Piano-Part war gerade gar nicht so doof. 
Christoph: Wenn es lauter wird, wird es besser.
Torsten: Der Pianopart hätte gerne etwas länger sein dürfen. 


11. "The Birds"

Ingo: Vögel sind ja manchmal Katzenfutter. Vielleicht wird das ja noch ein Song für dich. Haben die vergessen, die Gitarre zu stimmen?
Dirk: Unsere Katzen sind ja keine Freigänger, daher bringen sie keine Vögel als Geschenk vorbei. Was aber bald kommt, ist die auf 1000 Exemplare limitierte trans-orange, black and white splatter effect LP von Blood Records…


Torsten: Ich glaube, am Anfang haben sie einfach ‘Hooked’ und ‘Black Eyelashes’ übereinander gelegt.
Christoph: Zu dem habe ich noch keine Meinung. Komisches Lied. Meine Erwartung an das Album war, dass alle Stücke so sind (also mir egal). Für ein so spätes Album sind aber Hits drauf, das mag ich. Das hier ist keiner.
Dirk: Wieder der Versuch, wie die frühen Franz Ferdinand zu klingen. 
Ingo: Der Song könnte mit den Durchläufen gewinnen. Oder grandios nerven. 
Torsten: Der Anfang nervt grandios…danach ist es erträglich. Mehr aber auch nicht.
Dirk: Die zweite Plattenseite ist noch kürzer als die erste. Und kann mich leider weniger überzeugen.
Christoph: Fürchte, ich werde ihn in drei Minuten schon vergessen haben, Ingo.
Ingo: Mit “Bar Lonely” und “The Birds” bekommt man auf jeden Fall die Bar oder das Konzert zum Ende hin rasch leer.  


Fazit: 

Dirk: Alex Kapranos erklärt den Albumtitel durch die Themen Angst und die menschliche Suche nach dem Nervenkitzel durch Überwindung der Ängste. Nach den ersten beiden Singles war mir weder Angst noch Bange. Doch leider gibt es den ein oder anderen Ausfall auf “The Human Fear”, das generell nach den frühen Franz Ferdinand zu klingen versucht.

Christoph: Mehr gute Momente als befürchtet, weniger Ausfälle als erwartet. Das ist eine Platte, die ich nicht kaufen werde, fürchte ich. Aber es ist auch irgendwie wohlig und beruhigend, dass Franz Ferdinand auch nach 30 Jahren (geschätzt) noch gute Lieder schreiben können. 

Torsten: Toller Songs auf der ersten Seite. Danach baut das Album doch stark ab. Night or Day, Everydaydreamer, audacious finde ich sehr stark. Bei ‘Hooked’ wird meine Plattennadel wohl versetzt. Insgesamt bin ich zufrieden. Meine Befürchtungen vor dem Anhören haben sich (meistens) nicht bestätigt. 

Ingo: Sehr starke Songs und Ausfälle halten sich ungefähr die Waage. “Always ascending” habe ich etwas stärker in Erinnerung. Homogener war es auf jeden Fall. Die Vielfalt von “The Human Fear” finde ich bemerkenswert. Keinesfalls ein "Alterswerk", sondern eine Mischung aus Stärken und Experimenten. Auch wenn diese nicht immer gelangen.