29. November 2023

The Churchhill Garden - Metamorphosis


Der Name The Churchhill Garden ist bisher erst dreimal bei Platten vor Gericht gefallen: 2021 landete Andy Jossi aus der Schweiz mit der „Heart & Soul“ Collection sowohl bei Oliver (#5) als auch bei mir (#9) in der persönlichen Bestenliste. Da es sich um eine Zusammenstellung älterer Single handelte, wurde das Album hier nicht vorgestellt. Den Titel für die schönste Schallplatte hätte sich der Schweizer, der sich auch für das Design verantwortlich zeichnet, auf jeden Fall gesichert. Das Artwork gestaltete Andy Jossi dann auch für „Melt“ von Whimsical, der Band der US-amerikanischen Sängerin Krissy Vanderwoude, die auch auf vielen Songs von The Churchhill Garden zu hören war und mittlerweile ein festes Bestandteil dieses transkontinentalen Projektes geworden ist. „Melt“ erreichte übrigens Platz 49 bei Platten vor Gericht und auf Rang 14 bei Oliver.

Jetzt haben es Andy Jossi und Krissy Vanderwoude erneut getan und sieben, zwischen September 2020 und Juli 2022 digital veröffentlichte Singles neu abgemischt und auf einem Album gebündelt. Dieses trägt den Titel „Metamorphosis“ und ist als limitierte CD (100 Exemplare) und LP (250 Exemplare) in ebenso schicker wie opulenter Auflage (partially gloss varnished Cover, colored Inlays, 8 Page Booklet, green Vinyl, 60cm x 60cm Poster) erschienen:



„Metamorphosis“ ist nicht nur ein Augen- sondern auch ein Ohrenschmaus für alle Dreampop-/Shoegaze-Freunde: „Reality“ klingt wie ein schneller, energetischer Lush-Song, „Lonely“ erreicht das The Cure-Niveau (und zwar zu „Disintegration“-Zeiten) und selbstverständlich schwebt nicht nur über „Fade Away“ ein Hauch von Slowdive. 
Da drei der Songs über sieben Minuten laufen, wird auch eine Spielzeit von über 40 Minuten erreicht. 

Das Album kann (noch) über die Bandcamp-Seite von The Churchhill Garden bestellt werden.    


 


   


   


 



28. November 2023

Flyte - Flyte


Meine Begeisterung für „This Is Really Going To Hurt“, das vor zwei Jahren veröffentlichte zweite Album von Flyte, konnte hier nicht überspringen: Platz 6 in meinen Jahres-Charts, bei Platten vor Gericht 61 Ränge schlechter platziert.

Auf „This Is Really Going To Hurt“ wurde das Ende einer Beziehung des Sängers Will Taylor verarbeitet, mittlerweile ist er aber offensichtlich wieder frisch verliebt und an die Musikerin Billie Marten vergeben. Diese hören wir auch auf „Don’t Forget About Us“, einem von insgesamt elf warmen, optimistischen Folksongs, die zusammen das dritte Album von Flyte bilden. Weitere Mitstreiter sind Laura Marling (auf „Tough Love“), William Rees von den Mystery Jets und Suren De Saram von Bombay Bicycle Club. 

„Flyte“ hat einige schöne Songs zu bieten („Speech Bubble“, „Even On Bad Days“ und die erwähnten Duette), setzt sich aber weniger leicht im Ohr fest als sein Vorgänger. Die Arrangements der überwiegend ruhigen Songs sind eher schlicht und pointiert (etwa die Streicher auf „Perfect Dark“ oder die Steel Guitar auf „Even On Bad Days“) gehalten. Freunden von Laura Marling, Kings Of Convenience, Crosby, Stills & Nash und Simon & Garfunkel sind die zu einem Duo geschrunpften Flyte zu empfehlen.     

Flyte“ ist als CD und LP (black Vinyl) erschienen, eine limitierte Auflage gibt es mit einem alternativen Artwork - das hätten sie einmal beim Vorgänger machen sollen!  

Flyte kommen nächstes Jahr nach Deutschland:
15.02.24 Hamburg, Nochtwache
17.02.24 Köln, Artheater
18.02.24 Berlin, Privatclub


  


The acquired optimism comes with some of the duo’s starkest and most vivid songwriting. “Even on Bad Days”, underlined by the pensive chord loop, sees them exploring the positive-nihilistic attitude towards the lower points in life. “Even on bad days, I’ll fold your clothes / I’ll still kick your shins” Taylor sings, the instruments altogether sounding as quiet and contemplative as he. Crafted with Andrew Sarlo (the producer of many Big Thief projects), the feathery soundscape of Flyte is not only more intimate than the pair’s ever been but also heightens the introspective lyrics. They’re often smooth, dynamic tunes in which words find their most suitable home.




27. November 2023

The Polyphonic Spree - Salvage Enterprise


T-Shirts, Jutebeutel, Taschen, CDs, Schallplatten - nach Konzerten habe ich an Merchandise Ständen schon das ein oder andere gekauft. Zu den ungewöhnlichsten Dingen gehört sicherlich das weiße Chorgewand, welches alle Mitglieder von The Polyphonic Spree (und wir reden hier von mehr als 20) in ihren Anfangstagen trugen.

In den letzten Jahren war es ein wenig still geworden um Tim DeLaughter und seine zahlreichen Mitstreiter, denn das letzte reguläre Studioalbum („Yes, It’s True“) stammt aus dem Jahr 2013. Seitdem waren lediglich ein Remix- und ein Coveralbum  („Psychphonic“, 2014, und „Afflatus“, 2021) veröffentlicht worden. 

Mittlerweile gibt es aber „Salvage Enterprise“, eine neun Song starke Sammlung, auf der Tim DeLaughter seine Begeisterung für den orchestralen Pop der 70er Jahre freien Lauf lässt. Von Pink Floyd über Wings und David Bowie bis zu Simon & Garfunkel könnten die Querverweise lauten. Mit Pauken und Trompeten, zahlreichen Streichinstrumenten, Mellotron, Harfe, Orgel, Flöten und einem 16-stimmigen Chor wird der Sound immer weiter aufgeblasen. Die Songs sind immer vielfältig und -schichtig, häufig getragen, nachdenklich und melancholisch, gelegentlich dramatisch, gar nicht mehr euphorisch wie zu Beginn ihrer Karriere, aber immer noch und immer wieder toll.     


Since their rise in the early 2000s of a vast group in white, the group looked like a cult, but happily without the negative associations, and this album is certainly has a spiritual, heavenly bliss about it, not of religious zeal, but hitting familiar territory with sweet rich vocal harmonies and melodies, acoustic guitars, piano, orchestra and soaring melodies. Highlights include opener Section 44 (Galloping Seas), Section 45 (Wishful, Brave, And True), Section 47 (Got Down To The Sail), Section 48 (Shadows On The Hillside), Section 49 (Hop Off The Fence) with a little Strawberry Fields opening, and the dramatic, almost operatic curtain closer Section 52 (Morning Sun I Built The Stairs). Will it save our souls? Probably not, but it’s certainly uplifting, often beautiful work.


 


 



24. November 2023

Spunsugar - A Hole Forever


1997 wurde bei MTV die Sendung „Alternative Nation“ nach mehr als 5 Jahren eingestellt. Damals liefen dort Bands wie The Jesus & Mary Chain, Curve, Garbage und The Smashing Pumpkins - und damit dürften die Einflüsse von Cordelia Moreau, Elin Ramstedt und Felix Sjöström auch gut umschrieben sein, auch wenn die drei Schweden vermutlich zu jung sind, um damals diese Sendung gesehen zu haben.

Shoegaze, Post-Punk und Alternative Rock werfen Spunsugar zu den stampfenden Beats einer Drummachine zusammen, packen eine ordentliche Portion Keyboard-Klänge oben drauf und lassen den Sound der 90er Jahre wieder aufleben. Gelegentlich könnte man sich auch in eine Gothic-Disco zurückversetzt fühlen. Den poppigsten Moment des Albums erleben wir beim abschließenden „Taxidermy“. 

Nach „Drive-Through Chapel“ (2020) ist „A Hole Forever“ das zweite Album des Trios, das als LP (black Vinyl) erhältlich ist. Die 10 Songs wurden von Joakim Lindberg produziert, der diesen Job bereits für das vor einigen Tagen vorgestellte und ähnlich gelagerte „Lilies“ von Echo Ladies übernommen hatte. 


 


Die Skandinavier wählen dabei jedoch keine sperrigen Klänge, sondern entscheiden sich für einen sehr gefälligen Mix aus leichten Gothic-Rock-Avancen und melodischem Indie-Pop, der von der ersten Sekunde an butterweich die Ohren streift. SPUNSUGAR setzt auf einprägsame Melodien, bewahrt sich aber durch die epische Aufbereitung eine gewisse Tiefe, die lediglich dadurch beeeinträchtigt wird, dass "A Hole Forever" hin und wieder etwas abwechslungsreicher gestaltet sein könnte. Denn gerade wenn es um die Harmonien und die wiederkehrenden Keyboardflächen geht, fahren die Schweden eine recht strikte Linie, die durchaus den Tunnelblick vermeiden könnte.





22. November 2023

POM - We Were Girls Together


Ich weiß nicht, ob die Booker des niederländischen Down The Rabbit Hole Festivals die Band POM bereits gebucht haben, aber es würde mich wundern wenn nicht, denn
- die 2019 veröffentlichte erste Single des Quintetts trägt den Titel „Down The Rabbit Hole“,
- die Band stammt aus Amsterdam und schafft es in knapp 2 Stunden auf das Festivalgelände in Ewijk,
- mit ihrem eben so eingängigen wie schmissigen Fuzzpop können sie sicherlich auch schon am Nachmittag eine Menschenmenge, die vor einer Festivalbühne auf Snail Mail, Soccer Mommy oder Wet Leg wartet, beigeistern. 
 
Mittlerweile gibt es das 11 Song starke Debütalbum „We Were Girls Together“ als CD und LP (black Vinyl, pink Vinyl).


 


   


 



21. November 2023

Madness - Theatre Of The Absurd Presents C'est La Vie


10 Fakten zum neuen Album von Madness:

1. Madness existieren seit 1976, lösten sich 1986 auf (jedoch gab es eine kurzfristige Reinkarnation einzelner Bandmitglieder als The Madness), um sich 1992 zunächst nur für Konzerte wieder zu vereinigen. Erst Jahre später sollten Madness wieder gemeinsam ein Album aufnehmen, so dass dies die größte Lücke in der Diskografie von Madness darstellt (von „Mad Not Mad“ (1985) bzw. „The Madness“ (1988) bis zu „Wonderful“ (1999)). Danach folgt bereits der Abstand von „Can’t Touch us Now“ (2016) bis zu „Theatre Of The Absurd Presents C'est la Vie“, der 7 Jahre und 20 Tage beträgt.   
 
2. Insgesamt haben Madness nun 13 Studioalben veröffentlicht, jedoch erreichte keines von ihnen Platz 1 der UK Charts. Dies gelang nur den beiden Singles-Zusammenstellungen „Complete Madness“ (1982) und „Divine Madness“ (1986). 
„One Step Beyond…“ (1979) und „Absolutely“ (1980) kamen mit Platz 2 der Spitze der Charts am nächsten. In Deutschland erreichten nur fünf ihrer regulären Alben die Charts, zuletzt 2005 „The Dangermen Sessions – Volume One“, das für eine Woche auf Platz 81 stand.


Die Frische und Energie dieser knappen Stunde neuer Madness-Musik, zwischen Ska, Reggae, Funk, Soul-Pop und typisch britischen Music-Hall-Sounds – sie beeindruckt und begeistert. Die mit einem Spannungsbogen konzipierte Platte sollte möglichst nicht häppchenweise genossen werden, sondern gegen alle Playlist-Trends “am Stück”. Dann ist viel Freude am neuen Madness-Irrsinn garantiert – als “Mittel gegen das Chaos der letzten Jahre”, wie von der Band selbst empfohlen, könnte Theatre Of The Absurd Presents C’Est La Vie tatsächlich funktionieren. Wer bei Songs wie Baby Burglar, Round We Go, Is There Anybody Out There?, Run For Your Life oder In My Street nicht zumindest ein bisschen bessere Laune kriegt, dem ist wohl wirklich nicht mehr zu helfen.


3. „Theatre Of The Absurd Presents C'est la Vie“ bietet 14 Songs (und 6 kurze Wortbeträge des Schauspielers Martin Freeman), die sich auf 56:46 Minuten summieren. Damit ist es nach „The Liberty of Norton Folgate“ (60:56) und „Can’t Touch us Now“ (58:59) das drittlängste Album von Madness.

4. Madness (Graham “Suggs” McPherson (Gesang), Mark Bedford (Bass), Chris “Chrissy Boy” Foreman (Gitarre), Mike “Barso” Barson (Keyboards, Orgel, Piano), Lee Thompson (Saxofon) und Dan “Woody” Woodgate (Schlagzeug)) nahmen das Album Anfang des Jahres im Londoner Stadtteil Cricklewood auf. Sie fungierten erstmals selbst als Produzenten und erhielten Unterstützung vom Mischer und Tontechniker Matt Glasbey (alt-J, The Wedding Present, Sorry, Genghar).


 


5. Mit „C’est La Vie“ und „Baby Burglar“ schickten Madness dem Album zwei Singles voraus. Den Text von „C’est La Vie“ ließen sie die Schauspielerin Helen Mirren vortragen, ohne den Song vorher gehört zu haben: 


 


6. In Deutschland konnten nur zwei Singles die Charts erreichen: „Our House“ (1982) kam auf Platz 8, „Tomorrow’s (Just Another Day)“ (1983) auf Rang 43. Im Vereinigten Königreich haben Madness siebzehn Top 10-Singles. „House Of Fun“ erreichte 1982 sogar Platz 1 im UK und in Irland. Weitere Nummer-Eins-Singles: „One Step Beyond“ (1979, Frankreich), „Our House“ (1982, Kanada) und „Wings Of A Dove“ (1983, Irland).
Zuletzt kamen Madness 2013 mit „Never Knew Your Name“ (#88) in die Charts, daran konnten auch die aktuellen Singles nichts ändern.

7. Unter dem Namen „Theatre Of The Absurd introduces Acts 1, 2 & 3“ erschienen drei Videos zu den Songs „Round We Go“, „C’est La Vie“ und „Baby Burglar“: 


 


8. „Theatre Of The Absurd Presents C'est la Vie“ ist seit dem 17. November als CD, Kassette (pink) und Doppel-LP im Gatefold-Cover (black Vinyl, clear Vinyl) erhältlich.

9. Wer schnell genug war, konnte „Theatre Of The Absurd Presents C'est la Vie“ auch auf limitiertem Zoetrope Vinyl käuflich erwerben:



10. Im letzten Jahr waren Madness auch für einige Konzerte in Deutschland und spielten von den neuen Songs bereits „Baby Burglar“ und „If I Go Mad“. Wer mehr neue Lieder live hören möchte, muss dazu dieses Jahr noch zu einem der 13 angekündigten Konzerte ins Vereinigte Königreich reisen. 


20. November 2023

Palm Ghosts - I Love You, Burn In Hell


Während das am Wochenende vorgestellte Londoner Trio Bar Italia für seine Inspirationen offensichtlich über den großen Teich schaut, blickt die aus Nashville, Tennessee stammende Band Palm Ghosts offensichtlich ins Vereinigte Königreich zu The Cure, David Bowie, Echo & The Bunnymen, Joy Division, New Order oder White Lies. Also eine Mischung aus düsterem Indierock (manche sprechen auch von Gothic Rock), New Wave, Shoegaze und Post-Punk. 

Die Band existiert seit 2013, hat einen steten Wechsel an Mitgliedern zu verzeichnen und besteht aktuell aus den zwei verbliebenen Gründungsmitgliedern Joseph Lekkas (Gesang, Bass, Gitarre, Keyboards) und Walt Epting (Schlagzeug) sowie Benjamin Douglas (Gitarre, Gesang). Vor allem während und nach der Pandemie waren Palm Ghosts sehr kreativ, so dass „I Love You, Burn In Hell“ bereits ihr siebtes Album darstellt. 

Um jetzt nicht nur britische Bands in den Fokus für Vergleiche zu rücken, sollte erwähnt werden, dass Interpol einen Song wie „Sleep, Billy Sleep“ sicherlich als Single auswählen würden. Auf Bandcamp gibt es übrigens - und damit wären wir doch wieder in England - eine aus wohltätigen Gründen veröffentlichte Coverversion von „Grey Cell Green“ (Ned’s Atomic Dustbin).

I Love You, Burn In Hell“ könnte so vermutlich auch Mitte/Ende der 80er Jahre erschienen sein, wurde aber erst vor einigen Tagen als CD, Kassette und LP (black Vinyl, orange Vinyl) veröffentlicht.


But in all honesty, there’s nary a point of weakness. Beginning with keyboard washes, the gloomy “Tilt” moves with a goth-like intensity, and singer Joseph Lekkas’ voice is awash through an array of effects that leads the band through darkness. But there’s more than a glimmer of hope through “Drag,” the band’s direct approach, brightly lit with possibly its catchiest song yet. The track is sensational in its pop delivery with an infectious melody that’s sure to stop everyone in their tracks. Guitars wind around the track while the rhythm allows Lekkas and Douglas to run vocal melodies around it from beginning to end.


 


   


   


 



19. November 2023

Bar Italia - Tracey Denim


Gut, wenn wir es gestern schon erwähnt haben, dann soll „Tracey Denim“ hier auch eine Gerichtsvorladung erhalten.

Das Londoner Trio Bar Italia besteht aus Nina Cristante, Jezmi Tarik Fehmi und Sam Fenton und hat sich nach einem Café in Soho benannt, welches den gleichnmaigen Song von Pulp (auf „Different Class“, 1995) inspirierte. Sie spielen jedoch auf den 15 Stücken von „Tracey Denim“ keinen Britpop, sondern eine Mischung aus schwermütigem Indierock und schrägem Post-Punk. Diese klingt hier weniger nach LoFi als auf „The Twits“, was an der Produktion von Marta Salogni (Björk, Depeche Mode, Porridge Radio, Dream Wife) liegen könnte.

Bei Metacritic liegt „Tracey Denim“ (76/100), das auf CD und LP (black Vinyl) erhältlich ist, ein Pünktchen vor „The Twits“ (75/100). 


 


Diese bewegen sich mit ihrer Schroffheit und dem DIY-Charakter zwischen Lo-Fi, Post-Punk und New-Wave-Einflüssen. Eher leise als laut, eher langsam als schnell, eher eindrücklich als flach – auf Tracey Denim wartet an jeder Ecke ein Klangerlebnis, das in seiner Lässigkeit an Bands wie Dry Cleaning denken lässt. Allerdings liegt die Stärke der Band nicht unbedingt in perfektem Gesang. Ganz im Gegenteil: Der noch einmal aufpolierte Sound von bar italia besticht durch das Zusammenspiel der drei wenig aufpolierten Stimmen, die sich auf nahezu jedem Track abwechselnd an Themen wie Angst, Einsamkeit und unerwiderter Liebe abarbeiten. Das ist charmant und nahbar. Getragen wird das Album jedoch von den weichen Basslinien, cleveren Akkordfolgen und der vermittelten Authentizität. Zu Höchstformen läuft das Trio im Zusammenhang mit New-Wave-Anleihen wie in changer und Clark auf. Darüber hinaus besticht Tracey Denim mit einer neuen Vordergründigkeit der Gitarren. So bei der Post-Punk-Ballade Nurse!, dem lässigsten Stück der Platte über eine unangenehme Begegnung auf einer Party. Auf yes i have eaten so many lemons yes i am und maddington kann man hören, wie spannend Dissonanzen sein können.




18. November 2023

Bar Italia - The Twits


Zunächst müssen wir klarstellen, dass die Band nicht The Twits heißt, denn dies ist der Titel des Albums, sondern Bar Italia.

Das Londoner Trio gründete sich 2020 und zeigte sich seitdem äußerst produktiv: Über das kleine Label World Music erschienen eine EP („Angelica Pilled“) und die Alben „Quarrel“ (2020) und „Bedhead“ (2021). Das Jahr 2022 wurde mit einer weiteren, selbst veröffentlichten EP überbrückt und man unterschrieb einen Plattenvertrag bei Matador Records, so dass 2023 „Tracey Denim“ erscheinen konnte…

Aber wurde nicht gerade eben noch gesagt, dass der Titel des Albums „The Twits“ sei? Tatsächlich, jedoch handelt es sich hierbei bereits um das zweite Album von Bar Italia in diesem Jahr!

„The Twits“ wurde innerhalb von acht Wochen im Frühjahr 2023 in einem provisorischen Heimstudio auf Mallorca aufgenommen - und so klingt es auch. Minimalistischer, trockener, schräger 90ies-Indierock, der nach Demo-Versionen von The Breeders oder Outtakes von Pavement oder nach Sonic Youth-versuchen-es-mal-mit-Conutry klingt. 

The Twits“ ist als CD und LP (black Vinyl, clear Vinyl, silver Vinyl) erhältlich.


 


13 Stücke mit Postpunk-, Pop- und Plätschergitarren-Anleihen sind zu hören, Pavement, Sonic Youth oder Girls Against Boys sind Pop-Koordinaten, die man als Referenz nennen könnte. Der männlich-weibliche Wechselgesang funktioniert hier hervorragend, die Tracks mäandern meist midtempo vor sich hin, und immer wieder schälen sich auch ein paar schöne Verse aus den Songs hervor. Humor hat die Band auch, der Song „Real House Vibes“ erhält hier die Zusatzbezeichnung „Desperate House Vibes“. So viel ist klar: Die Vibes stimmen, Anlass zur Verzweiflung besteht nicht.


 


"The twits" beginnt mit dem Banger "My little tony": unpolierter Gitarrensound, und die eingeflochtenen Riffs erhöhen den Hörspaß bei dieser Punkrocknummer – muss man einfach lauter drehen. (…) In "Real house wibes (desperate house vibes)" wird die aus der Mode gekommene Shoegaze-Ästhetik vom Dachboden runtergeholt, und man schunkelt ein bisschen mit, während die Gitarren im Neunziger-Style verzerrt aus der Box dröhnen. Auch "Hi fiver" ist mit Shoegaze getunt; und die rhythmusgebenden Gitarren gleiten in dem Song zwischen klarem und Distortion-Sound. "Worlds greatest emoter", mit Schlagzeug eingeleitet, ist noch so eine laute Nummer, der Track ist ein antreibender, aber melodischer Punksong mit lärmenden Gitarren.
Wie gesagt – die Stärke des Albums ist, dass neben Gitarrenschrub noch andere Musikgenres hörbar werden: Im Walzer-Rhythmus kommt der Song "Twist" wie ein gemächliches musikalisches Zwiegespräch rüber. "Brush w faith", zweistimmig gesungen, ist loungetaugliche Musik für die späte Stunde, zu der man sich mit wiegenden Hüften in die Augen schaut; aber es wäre kein Bar-Italia-Song, wenn nicht am Ende das Effektpedal gedrückt würde. 




17. November 2023

Sun’s Sons - An Odyssey


Die erste Vorladung (XVI)

Personalien:
Kyle Kahraman (Bass), Felix Lothwesen (Schlagzeug), Sorin Della Monica (Piano, Synthesizer, Gitarre), Marius Wunderlich (Gitarre) und Lasse Kuhl (Gesang, Gitarre)) kommen aus Frankfurt und nennen sich Sun’s Sons.

Tathergang:
Ein Jahr nach der Bandgründung erschien die Debütsingle der Band, ihr folgten mit „You & My Mind“ (2021) und „Clean Slate“ (2022) zwei EPs. 
Im Offenbacher Kommune2010 Tonstudio wurde gemeinsam mit dem Produzenten Sebastian Neumann das Debütalbum „An Odyssey“ aufgenommen und selbst als LP (transparent naturell Vinyl) veröffentlicht.

Plädoyer:
Elektronisch angehauchter, euphorischer, tanzbarer Indiepop („Do It Again“, „Walking For Ages“) trifft auf berührende, melancholische, pathetische Balladen zu Streicher- und Bläserarrangements („Void 1“ plus sein Kammerpop-Anhängsel „Void 2“, „Machine“). Die Auszeichnung als Anspieltipp verliert „Matter Of Time“ in seinen letzten Sekunden aufgrund des Saxofon-Gedudels an „The House“.
„An Odyssey“ könnte Freunden von Polarkreis 18, Woods Of Birnam oder Like Lovers gefallen, ist mit einer Spielzeit von unter 30 Minuten jedoch deutlich zu kurz geraten. Dass eine halbe Stunde als zu gering eingeschätzt wird, dürfen Sun’s Sons selbstverständlich auch als Kompliment empfinden. 

Zeugen:

Der verträumte Vibe von „Keep Me Warm“ ist eines der Highlights. Wirkliches Hitpotenzial offenbart dann „What You Need“, das nicht zufällig bereits eine Vorab-Single war. Der Song ist tanzbar und bleibt tatsächlich im Ohr. Kein Wunder, dass Sun’s Sons nach eigener Aussage auf ihren Konzerten immer wieder nach dem Namen dieses Tracks gefragt wurden.
Die Frankfurter Band, die übrigens Wert darauf legt, ein Independent-Projekt zu sein, nimmt uns auf „An Odyssey“ tatsächlich mit auf eine ambivalente, aber immer spannende Reise. Und wir sind gerne dabei!

Indizien und Beweismittel:


 


   


   


Ortstermine:
25.11.23 Frankfurt, Mousonturm

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...



16. November 2023

Pale Blue Eyes - This House


Obwohl die Pale Blue Eyes im letzten Jahr mit ihrem Debütalbum „Souvenirs“ hier 7,375 Punkte und Platz 68 ergattern konnten, blieb der Nachfolger zunächst ohne Gerichtstermin. Bis heute.

„This House“ ziert ein Foto des Hauses, in dem Matthew Board (Gesang, Gitarre) aufwuchs und in dem das Album auch geschrieben und aufgenommen wurde. Der Anlass, warum dieses Foto, das seine Eltern in jungen Jahren zeigt, als Plattenhülle ausgewählt wurde, ist ein trauriger. Denn diese sind beide verstorben, zunächst sein Vater, fünf Jahre später seine Mutter. Somit ist „This House“ für Matthew Board eine Reise durch die eigene Vergangenheit geworden, die Erlebnisse und Erinnerungen neu zu Tage fördert und verarbeitet und damit den Weg für einen Neuanfang bereitete ohne in Melancholie und Trauer zu versinken. 

Wie beim Vorgänger bietet das Trio (zu dem noch Matts Ehefrau Lucy am Schlagzeug und Aubrey Simpson am Bass gehören) ein Amalgam aus Krautrock, Psychedelic-Rock, New Wave und Retro-Elektronica, so dass als Referenzen Bands und Künstler längst vergangener Epochen herangezogen werden können: David Bowie, Can und Kraftwerk stehen für die 70er Jahre, New Order, The Cure und Echo & The Bunnymen für die 80er Jahre sowie Stereolab und Cocteau Twins für die 90er Jahre. Bei derart stoischer, monotoner und repetitiver Musik darf der Name The Velvert Underground ebenfalls nicht fehlen, erst recht nicht, wenn diese von einer Band stammt, die sich nach einem Song aus dem Album „The Velvet Underground“ benannt hat.

This House“ ist als CD und LP (clear Vinyl, green Vinyl) erhältlich.


Mehr also benötigt es nicht, um eine tönende Tapete aus Wave, Krautrock, Britpop, Lo Fi-Psychedelik vor den heutigen Oktoberhimmel zu kleben. Stoisch marschiert der von elektronischen Schwirrpartikeln umflorte Rhythmus zur magischen Dreiminutengrenze, entfalten sich ein ums andere Mal Ohrwurmmelodien mit Hüftschwungqualität.


  


Schwebende Sounds, flirrende Gitarren, Synthie-Flächen und treibende Drum-Rhythmen gehören hierbei genauso zum Klangbild wie der eindringliche, hohe Gesang oder schwer zu ortende Electronics und Verfremdungen. Alles ist gut abgestimmt in „This House“, wechselt mitunter die musikalische Atmosphäre ähnlich wie man die Räume wechselt oder überlässt den Beats die Richtung zur nächsten Entdeckung.
Post-Rock-Elemente und New Wave, Synth-Pop und Indie-Rock vereinen sich in dem Haus, dessen Türen sich mit dem letzten Ton des Albums auf dem siebenminütigen „Underwater“ (Ein Song, der tatsächlich eine Atmosphäre verbreitet, als würde man sich unter Wasser befinden und am Ende sogar 'ausblubbert'!) endgültig schließen.




15. November 2023

Jordan Klassen - Marginalia


„Marginalia“ ist die Schwester-Platte zum im letzten Jahr erschienenen „Glossolalia“. Sowohl das sehr ähnlich gestaltete Plattencover und der kurze zeitliche Abstand zwischen den Alben weisen auf ihre besondere Nähe hin, als auch die Tatsache, dass eine physische Veröffentlichung erst jetzt in Form einer Doppel-LP erfolgt. 

Während Jordan Klassen „Glossolalia“ aufnahm, begann er bereits mit dem Komponieren von „Marginalia“, welches sich thematisch ebenfalls mit Spiritualität und Glaube auseinandersetzt. Klanglich kommt es aber weniger schlicht daher als sein älteres Schwesterchen, das einen besonderen Fokus auf Klassens Stimme legte und durch sparsam Folk-Arrangements davon wenig ablenken wollte. Nun setzt der Kanadier auch vermehrt auf Klavier, Keyboards, elektronische Spielereien und Orchesterarrangements. 

Wer nach einem idealen Album sucht, um es auf die B-Seite der Kassette mit Sufjan Stevens „Javelin“ aufzunehmen - hier ist es. „King Of The Empire“ ist mein persönliches Highlight, gefolgt vom Kammerpop von „Vanya“. „Overstep“ muss ich unbedingt einmal vor „Orinoco Flow“ von Enya hören und auf „Live Another Live“ hört man (eine weitere Parallele zum Vorgänger) die kanadische Singer/Songwriterin Alexandria Maillot mitsingen. 

„Glossolalia“ war letztes Jahr bei Platten vor Gericht nur die Rolle einer Marginalie zugestanden worden (Rang 98 mit 7,167 Punkten) - ob „Marginalia“ besser abschneiden wird?    


 


   


 

14. November 2023

Sparkling - We Are Here To Make You Feel


Letzte Woche waren wir beim einzigen Deutschlandkonzert von Noel Gallagher und seinen High Flying Birds (hier sind Bericht, Fotos und Setliste). Im Vorprogramm traten Sparkling auf, die sich selbstbewusst in Düsseldorf als Kölner Band vorstellen. Im Gepäck hatten Levin (Gesang, Gitarre) und Leon Krasel (Schlagzeug) sowie Luca Schüten (Bass, Keyboards) ihr zweites, wenige Tage zuvor veröffentlichtes Album „We Are Here To Make You Feel“.
Bereits 2019 veröffentlichte das Trio mit „I Want To See Everything“ sein Debütalbum und schaffte es damit in diverse Blogs und Magazine, ins Radioprogramm, zu einer BBC Radio 1 Session und aufs SXSW Festival (USA) und zum The Great Escape Festival (UK). Jetzt dann auch zu Platten vor Gericht. 

„We Are Here To Make You Feel“ ist als CD und LP (clear Vinyl, tarburst coloured Vinyl) erhältlich und bietet größtenteils eine Mischung aus euphorischem, eingängigem Elektropop und tanzbarem, temporeichem Synth-Pop. Die beim Debütalbum noch erwähnten Einflüsse von Post-Punk und Krautrock sprudeln hier aus Sparkling nicht mehr so wirklich heraus, das Durchmischen von deutscher, englischer und französischer Sprache wurde ebenfalls deutlich reduziert. Von außen sieht „We Are Here To Make You Feel“ nach einem Pet Shop Boys Album aus, innen ist es eher I Heart Sharks trifft Roosevelt trift Metronomy. 

Bleibt abschließend die Frage: Wie prickelnd findet ihr Sparkling


Hat man die ersten drei Tracks hinter sich, steht unweigerlich die Frage im Raum, welcher davon uns in den nächsten Jahren in einem Werbespot wiederbegegnet. Ohrwurmpotenzial haben sie alle. Gut, dass die Band nicht nur Bubblegum-Pop produziert, sondern mit "I get sad so easily" zeigt, dass mit den gleichen Zutaten nicht weniger druckvoll auch eine Anti-Hymne gezimmert werden kann. Mit "I want to go to France" schrammen die Drei so knapp am Eurodance vorbei, dass man nur die Hand raushalten müsste, um sich am Autoscooter abzuklatschen. Und Vati kratzt sich noch am Kopf, ob er da gerade "Around the world" von ATC vernommen hat, oder war es "Blue" von Eiffel 65? Diesen schamlosen Umgang mit dem Synthie muss man sich erstmal trauen – live dürfte das auf jeden Fall zünden.


 


   


 



13. November 2023

Beirut - Hadsel


Die Gemeinde Hadsel ist auf verschiedene Inseln der Inselgruppe Vesterålen im nördliche Norwegen verteilt. Die Einwohnerzahl lag 2020 offiziell bei 8061. Zach Condon, der sich nach dem Abbruch der letzten Beirut-Tournee mit Stimmproblemem, Sorgen und Selbstzweifeln hierhin zurückzog, wurde vermutlich nicht dazugezählt. Condon mietet sich dort eine Hütte und brachte neben Winterkleidung seine Trompete, ein Tonbandgerät und zwei Retro-Synthesizer mit. 

Die Hadsel kirke ist eine an der Nordostküste der Insel Hadseløy gelegene Holzkirche aus dem Jahr 1824. Sie ziert das Plattencover von „Hadsel“, da Zach Condon, der das Album nahezu im Alleingang aufnahm, die Orgel der Hadsel Kirche nutzen durfte. Nach Aussage von Condon spiegwelt sich in der Musik die wenigen Stunden licht, die unergründliche Schönheit der Berge und der Fjorde sowie die stundenlangen Dämmerungen wider.

„Hadsel“ wurde in Berlin Lichtenberg während des Lockdowns fertiggestellt, indem Condon den Klang der bereits erwähnten Instrumenten u.a. durch Waldhorn und Bariton Ukulele ergänzte. Dem DIY-Ansatz seines ersten Albums folgend fügte er auch noch selbst Rhythmen per Hand oder mit Hilfe alter Schlagzeugmaschinen hinzu, ohne seine Band zu involvieren. 
„Hadsel“ ist das sechste Album von Beirut und als CD, Kassette und LP (black Vinyl, translucent gray white marbled (icebreaker) Vinyl) erhältlich. Es wird in Deutschland in Berlin live präsentiert:
16.02.24 Berlin, Tempodrom
17.02.24 Berlin, Tempodrom


Die Songs schwelgen vielstimmig entlang der Orte, wie die Shuffle-Beats von „Arctic Forest“ oder das kurios schlurfende „Süddeutsches Ton-Bild-Studio“. Man wähnt sich auf einer Abenteuerfahrt durch ein mythisch aufgeladenes Europa. Ob es wohl am „January 18th“ bitterkalt war? Die Umsetzung jedenfalls wärmt vorzüglich.


 


Und so kommen die klassischen Beirut-Akkorde, die er zuvor auf dem Akkordeon einspielte, beim Titelstück von einer Orgel, was der Musik Größe verleiht.
Die weiteren Zutaten kennen Beirut-Fans: Condons vielfacher Gesang, eine glockenklare Trompete – der Klang unmittelbarer Schönheit. Von diesem Startpunkt aus entwickelt sich das Album, „Arctic Forest“ besiegt die Kälte mit tropischen Rhythmen, „So Many Plans“ ist Americana für die Region nördlich des Polarkreises, „Süddeutsches Ton-Bild-Studio“ ein entrückter Walzer, bevor im Finale der Rhythmus der Farfsa den Ton angibt. „Regulatory“ heißt das Stück, und darum geht es Zach Condon auf diesem Album: Dinge, die entgleist waren, neu zu regeln.


10. November 2023

Drop Nineteens - Hard Light


Am Anfang der 90er Jahre hatte der Plattenrichter Oliver einen Crush auf das Plattenlabel Hut Records, auf dem auch die Drop Nineteens zwei Alben („Delaware“, 1992, und „National Coma“, 1993) veröffentlichten. Die Drop Nineteens hatten wohl auch einen kleinen Crush auf Winona Ryder, denn ihr bekanntester Song trägt den Titel „Winona“, weniger Crush hatten die Bandmitglieder wohl über einen längeren Zeitraum auf sich selbst, denn es gab seit 1990 diverse Wechsel im Lineup und 1995 trennten sie sich endgültig.

Jetzt wäre eine Reunion nach 19 Jahren bei dem Bandnamen sehr passend gewesen, aber Greg Ackell (Gesang, Gitarre) brauchte dann doch etwas länger, um die alten Weggefährten zu mobilisieren. Dies gelang ihm aber bei Steve Zimmerman (Bass), Pete Koeplin (Schlagzeug), Motohiro Yasue (Gitarre) und Paula Kelley (Gesang, Gitarre) und damit bei 80% der Originalbesetzung.

Greg Ackell benennt Bands wie My Bloody Valentine, Dinosaur Jr., Pixies, Sonic Youth und The Cure als Einflüsse und dies lässt sich aus der aktuellen Mischung aus Alternative Rock und Shoegaze gut heraushören. Vor allem zu „Scapa Flow“, „Another One Another“ und dem abschließenden, über siebenminütigem „T“ lässt sich hervorragend auf die Schuhe glotzen, „Gal“ könnte auch The Cure’s „Bloodflowers“ entnommen sein, das von Paula Kelley gesungene „The Price Was High“ ist der Pixies-Song des Albums und „Policeman Getting Lost“ (ein The Clientele-Cover) überrascht mit folkigen Klängen.  

Hard Light“ ist 30 Jahre nach ihrem letzten Album über Wharf Cat Records (Hut Records gibt es leider nicht mehr) erschienen und zwar als CD und LP (Crystal Vinyl, Blue Sky Vinyl, Red Sky Vinyl, Light Cloud Vinyl und Hard Cloud Vinyl).


It’s a Christmas morning of an album, each track a new gift to treasure. It’s a set of songs that bring you deep into them, a mist of musical vapor in which snapshot reminiscences can be made out as the fog wavers.

Maybe it’s because it harks back to what feels like a simpler time. Maybe it’s because we all get old and we need musical anchors like this to hold on to. Maybe it’s because, just like they said on their old gem “My Aquarium”—“I think it’s better the second time around / And at the end / You can do it again.” Whatever the reason for this album hitting so strong, it’s undoubtedly a special record and one you’ll almost certainly adore (ya know, if you like this kinda thing). They sure “do it again” on Hard Light, and they do it almost perfectly.


 


A modern Drop Nineteens song sounds like a grown-up Delaware track. The album’s 11 tracks play to the band’s strong suits as they return from an extended hiatus, dwelling in shoegaze territory while adding a handful of excursions into baroque pop and post-punk that prove the band has a strong compositional foundation. It’s a smoother ride than Delaware, for better or for worse, but not without edges. Drop Nineteens have not lost all of their style; if anything, they’ve gained some finesse. It was never supposed to happen, but we should be glad that it has.




9. November 2023

Lol Tolhurst x Budgie x Jacknife Lee - Los Angeles


10 Namen (mindestens) rund um das Album „Los Angeles“:

1. Laurence „Lol“ Tolhurst: 64-jähriger englischer Schlagzeuger, Keyboarder und Autor, der Gründungsmitglied von The Cure und von der Debütsingle „Killing An Arab“ (1978) bis zum Karriere-Highlight „Disintegration“ (1989) Bestandteil der Band war.  

2. Budgie: 66-jähriger englischer Schlagzeuger, der eigentlich Peter Edward Clarke heißt und Mitglied von Siouxsie and the Banshees seit „Kaleidoscope“ (1980) bis zum Ende der Band 1996 (inklusive einer kurzzeitigen Reunion 2002) war. Von 1991 bis 2007 war er mit Siouxsie verheiratet, mit der er das Projekt The Creatures (1981 - 2005) hatte. Zusammen mit Lol Tolhurst betreibt er den Podcast „Curious Creatures“.

3. Garrett Jacknife Lee: Irischer Musiker, der sein Alter nicht an die große Glocke hängt, als Solokünstler nicht erfolgreich war, aber als Produzent und Mixer in den letzten 20 Jahren weltberühmt wurde. Er arbeitete u.a. mit U2, Snow Patrol, Editors, Kasabia, The Killers, R.E.M., Weezer oder Taylor Swift. Der Nachbar von Lol Tolhurst ersetzte in diesem Projekt den ausgestiegenen Kevin Haskins (Bauhaus, ebenfalls Schlagzeuger), stellte sein Studio in Topanga, Kalifornien zur Verfügung und produzierte das Album.


 


4. James Murphy: Der Kopf hinter LCD Soundsystem bot dem Trio an, auf dem Album zu singen. So entstand die Idee, für jeden der ursprünglich instrumentalen Stücke einen Sänger / eine Sängerin zu suchen. James Murphy komponierte die Texte für „Los Angeles“ und „Skins“.

5. The Edge: Der Gitarrist von U2 ist auf dem Song „Train With No Station“ zu hören, der Text stammt von Lol Tolhurst und seinem Sohn Gary. Zudem spielt er auf „Noche Oscura“ Gitarre.


 


6. Isaac Brock: Der Sänger der Band Modest Mouse ist für den Gesang und Text des Liedes „We Got To Move“ verantwortlich.

7. Bobby Gillespie: Der Sänger von Primal Scream ist sogar auf drei Songs zu hören: „This Is What It Is (To Be Free“, „Ghosted At Home“ und „Country Of The Blind“.


 


8. Joe Talbot: Der Sänger von Idles wurde ebenfalls gefragt, war aber zeitlich verhindert. Sein Bandkollege Mark Bowen sprang ein und spielt auf „Uh Oh“ Gitarre. Auf diesem Stück singt Arrow de Wilde (Starcrawler).


  


9. Mary Lattimore: Die Harfinistin ist auf „Bodies“ zu hören, die Stimme stammt von Lonnie Holley. Zu erwähnen wäre auch noch der Jazz-Trompeter und -Sänger Pan Amsterdam, der auf „Travel Channel“ zu hören ist.


There are times, mainly when Gillespie is rhyming “my addiction” with “crucifixion”, that Los Angeles sounds exactly how you might expect: Primal Scream’s XTRMNTR, Death In Vegas’s The Contino Sessions, The Cure and The Creatures prominent on its monochrome mood-board. At moments – We Got To Move, featuring Modest Mouse’s Isaac Brock, for example – it feels like brutalist big beat, the kind of music pumping out of the sound-system of a customised hearse, plastic skulls on the dashboard, Day-Glo paint on the fins.

Yet even at its most blatant, Los Angeles lands with a visceral impact, rich texturing and smart distortions adding a destabilising wobble. The Suicide churn of the title track is pushed over the edge by Murphy’s feverish state-of-the-nation yelp: “Los Angeles eats its children!/Los Angeles eats its young!” Uh Oh, meanwhile, featuring Starcrawler’s Arrow De Wilde and Mark Bowen of Idles, is a grinding industrial hoe-down, apparently dredged from the bottom of a roadside oil-can. Scrambling the dystopian lexicon further is the brilliant under-the-skin unease of Bodies, sinkhole beats under Lonnie Holley’s urgent vocals, Mary Lattimore’s harp opening up an uncanny urban hinterland in the closing seconds.


10. Los Angeles: bietet 13 Songs (3 blieben instrumental), in knapp 55 Minuten lang, liegt zurzeit bei Metacritic bei 76/100 Punkten und ist als CD und Doppel-LP (black Vinyl) zu haben.


8. November 2023

Wild Nothing - Hold


Die Pandemie sowie die Geburt des ersten Kindes sorgten dafür, dass Jack Tatums fünftes Album unter dem Namen Wild Nothing erst fünf Jahre nach „Indigo“ erschienen ist. Zudem sorgten die lange Isolation, veränderte Bedingungen im kreativen Prozess und die Erfahrungen der Elternschaft für ein Album, das sich unterschiedlichen Stimmungen und Einflüssen öffnet.
  
Der Opener „Headlights On“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Jorge Elbrecht, Tommy Davidson von den Beach Fossils sowie Harriette Pilbeam (aka Hatchie) und überrascht als ungewohnt tanzbarer Song. Ähnlich groovy ist das folgende „Basement El Dorado“ geraten, wonach das von Jack Tatum ansonsten selbst produzierte Album mit dem leicht jazzigen „The Bodybuilder“ tief im Sophisti-Pop der 80er Jahre versinkt. ABC, The Blow Monkeys, Spandau Ballet, Aztec Camera oder Prefab Sprout könnten auch für einige andere smoothe Synth-Pop-Songs der Platte Pate gestanden haben. Beim abschließendnen „Pulling Down The Moon (Before You)“ darf sogar Peter Gabriels „So“ herangezogen werden.
Auf „Suburban Solutions“ hören wir Molly Burch und Jacks Frau Dana Tatum mitsingen, nach einem spärischen Instrumental („Presidio“) rücken auf „Dial Tone“ erfreulicherweise die Gitarren etwas in den Vordergrund. „Alex“ beginnt mit akustischen Gitarren und plustert sich Dank seiner Shoegaze-Böen (die ganz leise My Bloody Valentine flüstern) zum besten Song des Albums auf.

Hold“ ist als CD, Kassette und Vinyl (split black & milky clear Vinyl, sea blue in coke bottle clear Vinyl, sea blue in coke bottle green Vinyl red/yellow wave Vinyl) erhältlich.


Das Tempo variiert auf "Hold", die Sehnsuchts-Regler bleiben konstant auf elf – darunter würde Tatum wahrscheinlich nicht einmal den kleinen Finger aufs Mischpult legen.
Auf der schnelleren Seite zappeln das direkt aus der Roller-Disco gebeamte "Suburban solutions" sowie das gleichsam als Single veröffentlichte "Dial tone", das jangle-poppige Fluffigkeit mit entfremdenden Vocal-Überlappungen koppelt. Dem gegenüber steht eine generell ruhigere zweite Albumhälfte, in der vor allem "Prima" die Zeit anhält, als würde man im Zuckerwattennebel nach Orientierung suchen. (…)
Den Deckel drauf setzt das an den kleinen Sohn gerichtete "Pulling down the moon (Before you)", das die lebensverändernde Magie frischer Elternschaft in einen vergleichsweise epischen Synth-Rock-Schmachter verpackt. Die Konturen von Tatums Musik mögen ab und an verschwimmen, doch in solchen Momenten packt sie wieder fest zu. "Hold" verdient sich seinen auf den ersten Blick nichtssagend wirkenden Titel, weil jeder Song auf seine Weise eine kleine Umarmung ist. Das klingt kitschig, ist es zweifelsfrei auch, aber genau hier liegen bekanntlich oft die tiefsten Wahrheiten vergraben. Paddy McAloon nickt anerkennend.


 


   


 



7. November 2023

Ilgen-Nur - It’s All Happening


Nach dem hoch gelobten und selbst veröffentlichten Debütalbum „Power Nap“ (2019) ließ die Pandemie Ilgen-Nur auf dem Weg zum SXSW Festival im Laurel Canyon stranden. In Kalifornien sammelte die Wahl-Berlinerin Eindrücke, Erfahrungen und Inspirationen, so dass später in Deutschland daraus die ersten Songs entstanden. 

2022 ging es zurück nach Los Angeles, wo gemeinsam mit M. Byrd, über dessen Debütalbum „The Seed“ hier im Juni verhandelt wurde, und dem Produzenten Jon Joseph das Album „It’s All Happenning“ aufgenommen wurde. Auch dieses wurde ohne Unterstützung einer Plattenfirma auf coke bottle green Vinyl veröffentlicht.

Slacker-Rock und E-Gitarre des Debüts wichen so der akustischen Gitarre und sonnigen Folk- und Dreampop-Songs, welche die Einflüsse des klasssichen Laurel Canyon Sounds der frühen Siebziger Jahre, wie Carole Ming oder Joni Mitchell, widerspielegeln oder mit jüngsten Veröffentlichungen von Weyes Blood oder Lana Del Rey zu vergleichen sind. Ilgen-Nur darf sich also durchaus mit internationaler Konkurrenz messen und vielleicht darf sie sich beim nächsten SXSW Festival ind Austin präsentieren. Vorher gibt es aber auf jeden Fall Termine in Deutschland:   
21.11.23 Leipzig, Naumanns
22.11.23 Berlin, Hole44
23.11.23 Bremen, Tower
24.11.23 Münster, Gleis 22
26.11.23 Hamburg, Knust
27.11.23 Köln, Bumann & Sohn
28.11.23 Wiesbaden, Kesselhaus
29.11.23 München, Milla


Der Opener "Lookout mountain" ist – fast logischerweise – eine Art Love Letter an L.A. und fungiert sozusagen als Aussichtspunkt für das Album. Die Gitarre duftet prächtig nach Prärie, die Tasten schunkeln, die Percussion versprüht Gemütlichkeit, der Gesang hallt nach. "Purple moon" übernimmt vieles davon und streift sich zeitweise noch einen Verzerrer über. Es entsteht eine großartige Melodie, die im Chorus und in den Bridges wunderschön gipfelt, wenn Ilgen-Nur die Saiten gefällig bimmeln lässt. Auch "Sweet thing", eine Liebeserklärung an ihren Mercedes, bringt trotz leiser Töne eine ungehörige Eingängigkeit mit sich. (…)
Die wahnsinnig dichte Atmosphäre des Albums sorgt dafür, dass man schon nach wenigen Durchläufen die ganze Platte auswendig mitsingt und -summt. Die vielleicht beste Medizin gegen unerwünschte Ohrwürmer ... hier ist sie!


 


(…) Das zeigt sich etwa besonders schön auf „Dream Of Hell“, das die Spannung zwischen den beiden Polen, zwischen Hässlichkeit und Schönheit, nicht nur einfängt, sondern auch auszuhalten weiß. Oder   geradezu theatralischen „Lookout Mountain“, eine Ode an die Stadt der Engel. Um Berlin geht es wiederum recht deutlich auf „Momentary Bliss“, einer Auseinandersetzung mit den Lebenslügen im Nachtleben, die klingt wie ein verschrobenes Schlaflied, das die falsche Ausfahrt in Richtung Spiegelwelt genommen hat. IT‘S ALL HAPPENING: Ilgen Nur fasst die Überforderung von der Gegenwart in selbstbewussten Sound. Und wir verlieren uns nur zu gern in ihren Songs zwischen Traum und Albtraum.


 



6. November 2023

The Kills - God Games


In den Jahren nach der Tournee zu ihrem letzten Album „Ash & Ice“ (2016) spielten The Kills vereinzelt noch ein paar Konzerte, veröffentlichten eine Single mit Coverversionen, eine EP und ein Live-Album, kramten in ihren Archiven, was in der „Little Bastards“ Compilation mündete, und stürzten sich in diverse Kollaboarationen sowie Solo-Singles. 

Vielleicht benötigte das Duo all’ das, um nun erstmals die Produktions-Zügel für ein Album komplett aus der eigenen Hand zu legen (und diese Paul Epworth, einem frühen Wegbegleiter der band, zu übergeben), einen ungewöhnlichen Aufnahmeort zu suchen (eine alte Kirche), am eigenen Sound zu feilen (in dem sich beispielsweise Elektronik und Bläser ausbreiteten sowie Gospel-Gesang einschlichen) und neue Wege des Songwritings zu bestreiten (hauptsächlich am Klavier). 

Dies führte Alison Mosshart und Jamie Hince zu den 12 Songs, die nun ihr sechstes Album bilden. „God Games“ ist als CD und LP (black Vinyl, red swirl Vinyl, boomslang green Vinyl, opaque pink Vinyl) erhältlich und wird aktuell bei Metacritic mit einem Metascore von 82/100 gelistet.


 


Im Zusammenspiel mit Hince als aggressiv-rhythmischem Seitenauspeitscher entsteht so immer wieder ein interessantes „Call and Response“. Sein Spiel ist von der gleichen Rauheit wie ihre Stimme und es wird häufg, wie etwa in „LA Hex“, mit starker elektronischer Verfremdung gearbeitet. „My Girls My Girls“ klingt wie ein Schlager auf Störgeräusch, „Wasterpiece“ hat etwas von den späten New Order, und wenn Mosshart auf „Bullet Sound“ singt: „The way you’re looking at me – wow!“, unterstreicht sie damit das selbstbewusste textliche Grundrauschen der Platte.


 


Es bleibt lebendig, der alte Minimalismus ist passé, The Kills pumpen ihren Sound auf. Mossharts Stimme wird gedoppelt, links und rechts im Ohr klimpern und klappern unzählige Percussionelemente, Synthies erzeugen Flächen, wo bei den Kills sonst Löcher waren. Und die Gitarre von Jamie Hince kracht nicht mehr alles voll, erzeugt spärlicher eingesetzt aber deutlich mehr Wirkung als in der früheren Dauerpräsenz. Das Stück LA Hex ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung, angelegt ist es als Darkwave-Hip-Hop-Gospel, Mossharts Sprechgesang klingt dem verhexten Thema entsprechend verfremdet, die Gitarre setzt erst nach gut zwei Minuten ein, für wenige Sekunden nur, als dreckige Erinnerung, bevor ein Gospelchor das Stück in Richtung Erlösung führt.


 


Wer grundsätzlich ein Problem damit hat, wenn Rockbands im fortschreitenden Bestehen Elektronik und Bremspedal für sich entdecken, wird auch mit der Entwicklung des britisch-amerikanischen Duos keine Freude haben. Alle anderen können einem weiteren wunderbaren Beispiel dafür beiwohnen, wie Identitätswahrung ohne Stillstand funktionieren kann. Wie Hince in "103" die Gitarre brutzeln lässt, während Mosshart eine ihrer besten Gesangsmelodien darauf tröpfelt, ist pures Gold. Auch der scheppernde TripHop-Blues von "Bullet sound" wirbelt trotz Midtempo genug Sand in der Arena auf, um Torero und Bullen gleichermaßen schwindlig zu machen. Und wenn The Kills den little bastard doch mal zum Schwitzen bringen wollen, brauchen sie keine Garagen-Dreckschleuder dafür – ein Geschichten aus der Disco-Gruft erzählender Synth-Pumper wie "Wasterpiece" tut's mindestens genauso gut.