30. November 2024

Fazerdaze - Soft Power


Die Veröffentlichung ihres wohlwollend aufgenommenen Debütalbums „Morningside“, das mit 7,300 Punkten nur knapp an unseren Top 50 vorbei schrammte, liegt bereits sieben Jahre zurück. Danach nahm sich die neuseeländische Musikerin Amelia Murray eine fast fünfjährige Auszeit von der Musik, da sie unter Burnout litt und ungesunde persönliche Beziehungen zu verarbeiten hatte. Erst 2022 kehrte sie mit der „Break!“ EP und einem elektronischeren Sound zurück.

Diesen kann man auch auf „Soft Power“, dem zweiten Album von Fazerdaze, deutlich heraus hören, beispielsweise auf dem tanzbaren Synth-Pop-Song „Dancing Years“ oder bei „A Thousand Years“, einem soft klimpernden Electronica-Stück mit verfremdetem Gesang. Aber auch verhuschten Dreampop („City Glitter“) und verhallten Shoegaze („Bigger“) hat Murray noch im Angebot. Nur nicht mehr so reichhaltig. Mit „So Easy“ und „Cherry Pie“ wurden die beiden eingängigsten Songs als Vorab-Singles ausgewählt.   

Soft Power“ bietet 11 Songs in 37 Minuten, ist als LP (black Vinyl, silver Vinyl) erschienen und Freunden von Yumi Zoums, Hatchie, Tame Impala, Japanese Breakfast und Wild Nothing zu empfehlen.


Ihr neues Album ist weniger rockig orientiert, beinhaltet dafür aber mehr elektronische Elemente, Loops und programmierte Beats, mehr Dreampop- und Shoegaze-Atmo, und auch Versuche Disco-Elemente, E-Pop und Krautrock-Elemente einzubinden. Erstaunlicherweise ist das Album dadurch aber nicht wirklich abwechslungsreicher, sondern kohärenter geworden – wenngleich auch mit einem gewissen, dezidiert femininen Big-Music-Ansatz. Mehr noch als früher ist der Hörer also aufgefordert, sich dem Flow von Amelias Musik hinzugeben. Ein wenig Geduld und Einfühlungsvermögen vorausgesetzt, kann das aber durchaus eine lohnende Sache sein. 


 


 


Neben dem Titeltrack sind da vor allem A Thousand Years und Purple_02 zu nennen, die durchweg funktionieren und zum Träumen, Tanzen und Mitnuscheln einladen. Die Single Cherry Pie, der wahrscheinlich kraftvollste Song des Albums, wird sicherlich als weiteres Highlight gehört, wobei auch hier viel Wille zu Gefallen darin liegt und sich beim dritten Mal hören deshalb schon leicht abgenutzt anfühlt. Sehr gelungen ist das hauptsächlich akustische Sleeper und City Glitter, die in ihrer unaufgeregten Machart an das Debütalbum anschließen und ein schönes Goodbye oder im besten Sinne Rausschmeißer für dieses kurzweilige und positive Album sind.
Man legt sich gerne in Fazerdaze‘ Sound ohne sich dafür zu sehr konzentrieren oder anstrengen zu müssen. Das darf doch auch mal sein! Ob das Album großes Live-Potential entfaltet, wird sich sicherlich an der Besetzung und Inszenierung entscheiden. Als verflixtes Zweitwerk ist es abgenommen und Amelia Murray dürfte die Kritik weiterhin auf ihrer Seite haben.


 





27. November 2024

Warhaus - Karaoke Moon


Noch direkter als der Wettstreit zwischen Kim Deal und ihren ehemaligen Kollegen von den Pixies geht es dieses Jahr innerhalb der belgischen Band Balthazar zu. Denn nach „Contigo“ von J. Bernardt (alias Jinte Deprez) veröffentlicht auch deren zweiter Leadsänger Maarten Devoldere ein neues Album. Wie zuvor „We Fucked A Flame Into Being“ (2016), „Warhaus“ (2017) und „Ha Ha Heartbreak“ (2022) erscheint auch „Karaoke Moon“ (clear Vinyl, black Vinyl) unter dem Namen Warhaus.

Den Start in sein neues Album hatte sich Maarten Devoldere vermutlich anders vorgestellt, denn als er mit seinen mehr als 50 Songideen zu seinem Produzenten Jasper Maekelberg kam, stellte dieser schlicht fest, dass an den Demos noch einmal nachbessert werden müsse. Zusammen arbeiteten sie neun Monate in einem Dachgeschossstudio in Brügge an den Songs, von denen uns nun 10 gebündelt vorliegen. 
Das Endergebnis kann sich hören lassen: Maarten Devoldere raunt und croont sich mit sonorer Stimme durch seine düsteren und gleichzeitig entspannten Kompositionen. Dazu gibt es souligen Chorgesang, Streicher hier, elektronische Beats da, dann eine Jim Morrisson-Referenz, eine instrumentale Miniatur, Schlenker in Richtung Jazz bzw. Chanson und direkt zu Beginn einen der stärksten Songs aus dem gesamten Deprez/Devoldere-Kosmos.

 „Contigo“ steht hier derzeit bei 7,500 Punkten und ich kann mir gut vorstellen, dass Maarten Devoldere mit „Karaoke Moon“ in einen ähnlichen Bereich radeln wird.

Warhaus in Deutschland:
20.03.25 Köln, Gloria
22.03.25 Hamburg, Mojo Club
24.03.25 Berlin, Huxleys Neue Welt


 


Musikalisch flutscht es. KARAOKE MOON klingt schwelgerisch, aber nicht zugekleistert. Gediegen, aber nicht glatt. Es gibt soulige Falsett-Chöre zum geschmeidigen Bass, Freejazz-Eruptionen, orchestrale Opulenz und perkussive Rhythmen. Und dazu: Melodien zum Reinlegen. Popmusik ein bisschen anders – auch das beherrschen die Flamen vorzüglich.

Ohne Frage gibt es hier eine überraschende, neue, aufregende Version des Warhaus-Universums zu entdecken. Eine, die wieder mal beweist, sich ein Perspektivwechsel und musikalischer Wagemut bei gleichzeitiger Hintanstellung des Egos in der Hand versierter Künstler am Ende fast immer auszahlen.

Auch auf „Karaoke Moon“ geht es schwer rotweingetränkt zu. Es liegt nicht nur an dem charismatischen, tiefen Timbre Devolderes, dass einem beim Hören dieses Albums ganz nostalgisch zumute wird.
Wenn er in „Hands Of A Clock“ zu getragenen Streichern und einem walzernden ¾-Takt proklamiert, ein Kind der Nacht zu sein, dann könnte man fast meinen, dass hier ein James-Bond-Schurke zu Wort kommt, der mit einem Augenzwinkern und einer Rose im Knopfloch seinen nächsten Coup ausheckt.




26. November 2024

Kim Deal - Nobody Loves You More


Das Soloalbum von Kim Deal kommt ziemlich überraschend, denn - mit Ausnahme einer Handvoll 7’’ Solo-Singles vor mehr als einem Jahrzehnt - war die 63-jährige bisher nur in Band aktiv und kommt in 30 Jahren auf insgesamt 10 Studioalben mit den Pixies (4), The Breeders (5) und The Amps (1).

„Nobody Loves You More“ entstand im Verlauf von über 10 Jahren und greift auch auf einige der eingangs erwähnten Singles zurück („Are You Mine?“ und „Wish I Was“), die 2013 veröffentlicht und von Kim Deal nach ihrer zweiten Phase bei den Pixies komponiert worden waren. Klanglich sind wir aber eher beim Alternative Rock der Breeders, was auch nicht wundert, da mit ihrer Zwillingsschwester Kelley Deal, Jim MacPherson und Mando Lopez aktuelle und ehemalige Bandmitglieder in die Entstehung der 11 Songs involviert waren. Da Deal offensichtlich gut vernetzt ist, waren auch u.a. Jack Lawrence (The Raconteurs), Raymond McGinley (Teenage Fanclub), Ayse Hassan und Fay Milton (Savages) oder Josh Klinghoffer, ehemals Mitglied bei Red Hot Chilli Peppers, Warpaint und vielen anderen Bands, im Studio. Auch Steve Albini (Nirvana, Pixies, PJ Harvey) war als enger Freund von Kim Deal vor seinem Tod in die Aufnahmen involviert.
Aber „Nobody Loves You More“ weiß in seinen 35 Minuten auch zu überraschen: Bossanova, Noise- oder Surfrock, Lounge Music zu Streichern und Bläsern oder Balladen mit Countrytouch grenzen Solo-Kim von Breeders-Kim ab. 

Auch das elfte Album mit Kim Deal-Beteiligung erscheint über 4AD und zwar als CD, Kassette und LP (black Vinyl, Florida orange Vinyl, Dazzling Galaxy Color Vinyl). Bei Metacritic stehen stolkze 90/100 Punkten für „Nobody Loves You More“ zu Buche - das sind deutlich mehr als für „The Night The Zombies Came“ von den Pixies (72/100).
   

 


„Crystal Breath“, der große rätselhafte Hit, verknüpft nonchalant wuchtigen Rock mit twangy Gitarrensounds, eine leichte Surf-Anmutung findet sich in fast jedem Track.
Das mit trötenden Bläsern dahinschlingernde „Coast“ klingt wie eine Kreuzfahrt-Steelband, kurz bevor der allerletzte Schnaps getrunken wird – die Sonne geht schon wieder auf, wie kann das sein? „Big Ben Beat“ und „Disobedience“ frönen dem noisy Ausbruch, erinnern an verqualmte 90er-Jahre-Clubkonzerte und klingen trotzdem nicht nostalgisch. Höchstens ein sympathisches Bisschen verspätet.


 


Mutig gesetzt ist der Opener "Nobody loves you more", der musikalisch so brillant und vielschichtig ist, dass man unweigerlich Sorge bekommt, ob Kim Deal hier nicht gleich ihr Pulver verschießt (was sie nicht tut). Wir hören große Orchesterarrangements mit Streichern und Bläsern, einen feminin-intimen Gesang, der auch einer Jane Birkin nicht schlecht zu Gesicht gestanden hätte – und dazu als schönen Kontrast ein herrlich rumpeliges Schlagzeug, damit's am Ende nicht zu süßlich wird. In "Coast" wiederum trifft Lo-Fi-Pop nach Art der frühen Go-Betweens auf Harmonien, die raffiniert mit Blondie-Zitaten ("The tide is high") spielen. "Summerland" wäre ein Track, für den sich Lana Del Rey nicht schämen müsste – und "Are you mine" bringt wiegenden Sechsachteltakt, eine sehnsuchtsvoll-nächtliche Pedal-Steel-Guitar und traumwandlerische Akkordwechsel.


 


25. November 2024

Chime School - The Boy Who Ran The Paisley Hotel


Die erste Vorladung (XXII)

Personalien:
Chime School ist das Projekt des Musikers Andy Pastalaniec aus San Francisco, der hier vor ziemlich genau einem Jahr als Bandmitglied von Seablite mit „Lemon Lights“ vor Gericht stand und mit 7,333 Punkten die Top 75 erreichen konnte.

Tathergang:
Das selbstbetitelte Debütalbum seiner eigenen Band Chime School wurde 2001 veröffentlicht, mit „The Boy Who Ran The Paisley Hotel“ (Winter sky blue Vinyl) erschien der Nachfolger erneut über Slumberland Records. Die 11 Indie- und Janglepopsongs wurden von Andy Pastalaniec nahezu im Alleingang im eigenen Homestudio komponiert, aufgenommen und produziert. 

Plädoyer:
„Die in der Besprechung von Janglepophub erwähnten Chime School haben dieses Jahr auch ein schönes Album veröffentlicht. Nicht so schön wie das von Humdrum allerdings“, sagt Oliver. „Dafür hat es aber eine Katze auf der Plattenhülle!“, ergänzt Dirk.

Zeugen:

As a result, the brilliance of the janglier end of the 1990s Britpop scene engulfs the The Boy Who Ran The Paisley Hotel, with the album bookended by the neo acoustics of The End and Points of Light, which assume the mantle of being the greatest tracks that Noel Gallagher never trained monkey to sing, albeit augmented by the more subtle intricacies of Pastalaniec’s incidental jangled riffs that drift about with such beautiful purpose in the background.
The more driven 90s jangly indie-rock sound, recently brilliantly revived by The Shop Window, drags the listener on its dynamic Britpop coattails in Why Don’t You Come Out Tonight and Say Hello. Similarly, Britpop emerges in Another Way Home, Words You Say, and the simply stunning beauty of Negative Monday, which offer a dulcet, smooth, almost suave Olympian-era Gene essence that sidles through the jangle.
Of course the album would not be a Chime School release without the preppy, vibrant jangle-pop that American acts have a tendency to excel in with Give Your Heart Away, Wandering Song, Desperate Days and (I Hate) the Summer Sun all offering a jangle-fest that is reminiscent of The Telephone Numbers and The Umbrellas aesthetic.

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


23. November 2024

Mt. Misery - Love In Mind


Den Mt. Misery gibt es in mehreren Ländern, wie zum Beispiel Neuseeland, Australien und USA, und dort gleich mehrmals. Unser heutiges Quartett stammt jedoch aus dem Hafenstädtchen Hartlepool im Nordosten Englands.

Mt. Misery haben die Liebe im Sinn und sommerlichen Janglepop auf ihren Gitarren. Die Vorbilder für die Zweieinhalbminüter auf „Love In Mind“ sind unbestreitbar Teenage Fanclub dies- und Big Star jenseits des Atlantiks. Aber auch in anderen Ländern mit Mt. Misery lassen sich Referenzen finden, beispielsweise The Chills oder The Lucksmiths.

Die Band startete als Soloprojekt des Sängers und Gitarristen Andrew Smith, und wuchs 2019 zunächst zu einem Trio an. Ihr erstes Album „Once Home, No Longer“ veröffentlichten sie 2021 ebenfalls über Perfect Records,  das von ehemaligen The Field Mice-Mitgliedern betrieben wird. Nun gibt es den Nachfolger „Love In Mind“, der eine knappe halbe Stunde läuft, von Ian Catt (Saint Etienne, The Field Mice, Trembling Blue Stars, Heavenly, The School) abgemischt wurde und in limitierter Auflage auf royal blue Vinyl erhältlich ist. 


Love In Mind shines with strumming electric guitars, tight bass lines, and punchy drums, offering a warm backdrop to eleven thoughtfully composed tracks. This is an album that fits equally well as a soundtrack for a quiet afternoon or a long drive, its melodies staying with you long after the music stops. There’s a summery feel here that makes standout songs like On My Mind and Quiet Crown glow, even as the days grow colder and greyer. These tracks aren’t just catchy; they’re brimming with the kind of melodies that stir up goosebumps. The album title is well chosen as the songs perfectly evoke the joy and wonder of falling in love.

 
 


Three years on from their debut Once Home, No Longer, sophomore album Love In Mind is an indisputable indie pop triumph. Ruminating on love and connection via the myriad of emotions and pitfalls that frequently befall us all, Mt. Misery’s huge hearted harmonies and memorable melodies offer warmth, hope and an abundance of light.

The shimmering pop of On My Mind and Don’t Remind Me’s poignant jangle are my personal favourites across initial listens, but in truth the band do not put a single foot wrong across Love In Mind’s eleven stirring tracks. Unwaveringly beautiful and frequently moving, each song is a gift.




21. November 2024

Humdrum - Every Heaven


Oliver, es ist Ende November, hast du deine 30 Lieblingsplatten des Jahres 2024 schon ausgewählt und in eine Reihenfolge gebracht? Ich hoffe nicht, denn ich habe da noch einen Kandidaten für dich!

Humdrum kombinieren Boy/Girl-Gesang, schrammelnde Gitarren, zuckersüße Melodien im Sinne von Jangle-Pop, C86, Sarah Records sowie Shoegaze und verzieren es noch mit einem schönen Keyboard-Schleifchen. Packe beispielsweise „See Through You“, „There And Back Again“ oder „Eternal Blue“ (alle unten zum Anhören) in eine Playliste mit Songs von The Pains Of Being Pure At Heart, The Cure, Shout Out Louds sowie The Jesus And Mary Chain und sie fallen nicht negativ auf.    

Humdrum ist das Projekt von Loren Vanderbilt III., einem queeren Künstler aus Chicago, der sich auf dem Debütalbum „Every Heaven“ auf einen nostalgischen Trip in die 80er/frühen 90er Jahre begibt begibt. 

Auf „Every Heaven“ von Humdrum ist alles eher himmlisch als eintönig. Das Album ist über Slumberland Records auf blue Vinyl erhältlich. 


 


Granted, the songs on Every Heaven may have a ring of overriding familiarity about them (and indeed there are a few moments on some of them where you get that nagging feeling that you’ve come across that melody before) but that’s a minor and rather trivial issue, given that all ten songs are pure shameless indie pop perfection of a kind that has been sadly lacking for too long now. Indeed, sometimes it’s a welcome tonic and a refreshing antidote to much of the everyday sounds that have been assaulting our ears with so much relentlessness.
So who really cares if Every Heaven is unashamedly retrogressive and harking back to a long-gone era in some ways? Certain genres will always remain timeless and ultimately transcend all fads and trends regardless of whether they’re still ‘cool’ or not. On the strength of these sparkling pop confections collected together on this impressive debut, Loren Vanderbilt III certainly knows a thing or two about combining bittersweet sentiments with infectious choruses whilst harbouring a genuine passion for crafting brilliant tunes that proudly have all his musical influences on display.


 


Driven percussion intensity propels the chiming 90s guitar flourishes of The Railway Children or earlier Aztec Camera into the jangly indie-rock stratospheres of an act such as Ducks Ltd, resulting in the glorious “road trip jangle-pop” of tracks best represented by There and Back Again, the simply sublime Superbloom and Wave Goodbye that rivals any elongated opening to any album during recent times.
Diluting the intensity (if never totally relinquishing it) only serves to emphasize the jangled beauty still further. Here the crystalline, chiming resonation of Felt-style riffs pervades every available space in Test of Time, whereas the understated jangle-pop of Chime School confirms that Vanderbilt’s ability to find the most precious of jangled riffs and hooks remains firmly intact.




20. November 2024

She Drew The Gun - Howl


Die erste Vorladung (XXI)

Personalien:
She Drew The Gun startete 2013 als Soloprojekt von Louisa Roach. Zwischenzeitlich war es eine vier oder fünf Mitglieder umfassende band, aktuell steht der Fokus wieder auf der aus Wirral in England stammenden Singer/Songwriterin. 

Tathergang:
Mit „Memories of Another Future“ (2016), „Revolution of Mind“ (2018) und „Behave Myself “ (2021) gingen „Howl“ bereits drei Alben voraus. Die 10 Songs entstanden zusammen mit dem Produzenten Ash Workman (Christine & The Queens, Metronomy) in dessen Electric Beach Studios in Margate.
„Howl“ ist als CD, Kassette und LP (clear Vinyl, transparent green Vinyl) erhältlich.

Plädoyer:
Passend zu den drei kräftig leuchtenden Farben des Plattencovers sollen hier die drei alles andere überstrahlenden Stile glamouröser Elektropop („Howl“), an Unkle oder Massive Attack erinnernder Trip Hop („Mirrors“) und Retro-80ies-Pop („Nothing Lasts“) genannt werden. Die Plattenhülle tut den Augen etwas weh, die Musik der Platte den Ohren aber nicht.

Zeugen:

Merseyside has produced many talented, creative and prodigious musical artists over the years and She Drew The Gun must be considered in this elite echelon. Howl is their fourth studio album, with ten tracks for your delectation.
The title track opens the album with a hefty thwack of glam rock meets electropop. Shine On offers pounding drumbeats supplemented by Louisa Roach’s vocals which claw at your senses. An 80s Yazoo vibe wafts throughout Nothing Lasts, whilst Washed In Blue brings a feel of Cyndi Lauper melded with a determined driving rhythm. The chorus of Ritual will be your newest earworm.
An album which alternates between a velvet glove and an iron fist in its approach, you will certainly feel its effects.

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


19. November 2024

One True Pairing - Endless Rain


„Ich bin Team Thorpe“, schrieb ich 2019, als mit Hayden Thorpe und Tom Fleming die beiden ehemaligen Sänger der Wild Beasts ihre Solodebüts veröffentlichten. Thorpe ist, nach „Diviner“ (2019) und „Moondust For My Diamond“ (2021), mittlerweile bei seinem dritten Album angekommen und möglicherweise lässt mich das ungewöhnliche „Ness“ an meiner eingangs zitierten Aussage zweifeln. Eine gute Chance also für Fleming, mehr Punkte (nämlich 6) zu ergattern als sein Ex-Kollege.

Endless Rain“ lautet der Titel des zweiten Albums von One True Pairing, obwohl er für die Aufnahmen extra von London nach Dublin reiste. Vermutlich zogen die Regenwolken hinter Fleming her und gaben über dem Studio, in dem er sich mit dem  Produzenten John 'Spud' Murphy (Lankum, Black Midi, Caroline) befand, alles. Denn „Endless Rain“ ist eine melancholische, größtenteils akustisch gehaltene Regenwetterplatte (oder Doppel-Regenwetterlangspielplatte) geworden, auch wenn der Opener „As Fast As I Can Go“ (und später „Doubt“) einen erst einmal auf eine falsche (dramtische, elektronische, temporeiche) Fährte lockt. In seinen besten Momenten, beispielsweise „Tunnelling“ kann das Album an den Folk und Kammerpop von Anywhen erinnern.    


 


13 Songs, die stilistisch irgendwo zwischen Alternative Rock, Avant-Pop, Indie und Folk angesiedelt sind. Aber weniger expressionistisch und laut, sondern eher geerdet und unaufgeregt. Bodenständig, aber auch rau und spröde. Während der Aufnahmesessions legte One True Pairing großen Wert darauf, dass das Unvollkommene in die fertigen Tracks einfließen konnte. Die LP sollte am Ende nicht zu bearbeitet und gemacht klingen, sondern einen natürlichen, flüchtigen Charakter haben. Das ist gelungen. 


 


Erfreulich ist, dass der Sänger, dessen Stimme angenehm unperfekt erklingt, seine Titel eben nicht in einer Stimmungslage belässt, sondern auch im zweiten Teil des Ganzen ruhige Passagen mit belebenden vermengt. So ganz und gar solo ist er übrigens gar nicht unterwegs: Die stimmige Unterstützung beispielsweise durch Kate Ellis, Caimin Gilmore oder auch Lankum-Mitglied Cormac Mac Diarmada hat großen Anteil am Ergebnis. Und das ist vor allem: das perfekte Herbstalbum zur rechten Zeit.


 


Natürlich funktioniert es, Flemings wattig warmes und tiefes Timbre beim Schwinden in sanfte Melodiebögen zu beobachten – sonderlich bewegend ist dieses Erlebnis aber weniger. Regelmäßig zieht Fleming die Silbe leidend in die Länge, die Schattierungen sind in all der Dunkelheit nicht mehr zu unterscheiden. Etwas mehr Fokus auf Rhythmus- und Stimmungswechseln hätte der Platte gutgetan.
Die Arrangements in allen Ehren, bleibt „Endless Rain“ daher doch recht unscheinbar. Momente wie die weichen Harmonien in „Mid-Life Crisis“, die sich langsam in Streicherbetten fallen lassen oder die herrlichen Harfenklänge in „Frozen Food Centre“ sind da erfreuliche Glanzmomente, in denen das Songwriting vollkommen erscheint.




18. November 2024

Our Girl - The Good Kind


Auf ihrem Debütalbum rockten sich Our Girl einmal quer durch die 90er Jahre und konnten Freunde von Fuzz-/Grunge-/Riot Girl-/Shoegaze-/Indie-Rock für sich begeistern. Nur scheint es diese bei Platten vor Gericht nicht wirklich zu geben, denn mehr als 6,167 Punkte war „Stranger Today“ dem hohen Gericht nicht wert.

Seitdem sind 6 Jahre vergangen, Soph Nathan (Gesang, Gitarre) hat mir ihrer anderen Band The Big Moon zwei Alben veröffentlicht, ihren Produzenten Bill Ryder-Jones, der noch zum Ehren-Mitglied der Band ernannt worden war, haben Our Girl wohl etwas aus den Augen verloren und ihren Lebensmittelpunkt von Brighton nach London verlegt. 

Daher darf „The Good Kind“ nun auch musikalisch etwas andere Töne anschlagen: Soph Nathan, Josh Tyler (Bass) und Lauren Wilson (Schlagzeug) ließen ihr zweites Album zweigeteilt von John Parish (PJ Harvey, Dry Cleaning, Aldous Harding) und dem The Big Moon-Schlagzeuger Fern Ford produzieren oder bekamen beispielsweise von Stella Mozgawa (Warpaint) Besuch im Studio. Herausgekommen ist warmer, nachdenklicher, im Tempo gedrosselter, nur durch seltene laute Ausbrüche angetriebener und von Streichern veredelter Indierock. „The Good Kind“ ist weniger direkt und kratzbürstig geraten als sein Vorgänger, besticht aber durch eine größere Melodiösität und Varianz, so dass am Ende vielleicht mehr als 6,167 Punkte zu Buche stehen.

The Good Kind“ ist als CD und LP (White Vinyl, Clear & Blue Yolk Vinyl, Clear Vinyl) erhältlich.


  


Der Titel des Openers „It’ll Be Fine“ spielt mit dem zarten Fünkchen Hoffnung und erkennt dessen Fragilität. Dazu passen auch die butterweichen Gitarren, die Alternative-Pop-Untertöne und die Wärme des kurzen Streichereinsatzes. Ein weiterer magischer Track: „Something About Me Being A Woman“, das sich zart bis psychedelisch anschleicht, ein gewaltiges Herz für Pop besitzt und mittendrin mit der feinsten Schwere sowie einem richtig kraftvollen Finale punktet. Davon hat „Sister“ recht wenig, doch der stete Motor der anmutigen Leisetreterei findet letztlich doch den Weg mitten ins Herz.
Wiederholt werden Arrangements und Erwartungen aufgebrochen, wenngleich die luftige und doch so kompakte, reichhaltige Präsentation letztlich das A und O dieser Band ist. Our Girl finden immer wieder einen ganz spannenden Weg, sich entsprechend in Szene zu setzen, ob nun die lyrische Ader blutet oder mehrere kleine, aber feine Ideen sukzessive verschmelzen. „The Good Kind“ ist vor allem ein richtig schönes, anziehendes Album geworden, voller kleiner Songperlen und ganz viel liebevoller Energie.(Beatblogger)




15. November 2024

Isaac Roux - Troubled Waters


Die erste Vorladung (XX)

Personalien:
Hinter dem Pseudonym Isaac Roux steckt der belgische Singer/Songwriters Louis De Roo.

Tathergang:
Nach seinem erfolgreichen Abschluss am Liverpool Institute for Performing Arts (LIPA), einem Plattenvertrag bei Mayway Records und mehreren Singles, veröffentlicht Isaac Roux nun sein Debütalbum. Unter den 10 Songs von „Troubled Waters“ fehlt jedoch seine Debütsingle „White Rose“ aus dem Jahr 2022, dabei brachte diese bereits seine Karriere ins Rollen und führte ihn zum Sieg bei „De Nieuwe Lichting“, einem Musikwettbewerb, bei dem Studio Brussel nach neuen Musiktalenten sucht. Radiosendungen in Belgien, Niederlanden, Großbritannien und auch Deutschland nahmen den Song und die folgenden Singles „Colours“ und „Autumn Love“ ins Programm, die Zugriffszahlen bei Spotify stiegen kontinuierlich. 
„Troubled Waters“ ist als CD und LP erhältlich und wurde von Bert Vliegen (Whispering Songs, DIRK.) produziert.

Plädoyer:
Intime Folkmusik („Soaking Skin“, „Lost In Some Dream“), der auch einmal in Richtung Rock explodieren darf („Golden“), eingängige Popmusik („The Right Place“) und gefühlvolle Klavierballaden, die in epischere Arrangements hineinwachsen („Brotherhood“), lassen erwarten, dass man von Isaac Roux noch hören wird und dass seine Songs in Playlisten zu Bon Iver, Tom Odell, Other Lives oder Fleet Foxes gespült werden. 

Zeugen:

Unter der Regie des Produzenten Bert Vliegen, der beispielsweise mit seinen Arbeiten für die Whispering Sons schon gezeigt hat, wie effektiv sich mit atmosphärischen Mitteln Spannungen erzeugen und auflösen lassen, schuf Roux eine Sammlung nachdenklicher, melancholischer Selbstfindungssongs, die sich in klanglichen Räumen enormer Größe meist von einem akustisch geprägten Kern (etwa einem Piano-Intro oder einem folkigen Gitarrenmotiv) in weitläufige Soundscapes ausbreiten, in denen dann Platz für die zuvor beschriebenen Überraschungen ist. Das können dann zum Beispiel harsche Gitarrenriffs oder Soundwände, eine aus dem Nichts hereinbrechende Rhythmusgruppe, flirrende Synthesizer-Klangwolken, jubilierende Slide-Gitarren oder Drum'Bass-Elemente sein - oder einfach die Tatsache, dass Rouxs Vocals plötzlich in Kopfstimmen-Hysterie umschlagen. Langweilig wird es so natürlich zu keiner Sekunde.


Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
03.12.2024 Berlin, Privatclub 
13.02.2025 Köln, Wohngemeinschaft

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


14. November 2024

Soccer Mommy - Evergreen


Vor einiger Zeit drehte sich für kurze Zeit im Fußball alles um ein Pokalspiel in Schleswig-Holstein. Die Mannschaft der SG Oldenburg/Göhl kassierte bereits in der ersten Halbzeit ein halbes Dutzend Gegentreffer und lag nach 57. Minuten im Heimspiel gegen SV Wasbek 0:7 zurück. Danach passierte das Fußballwunder und die Tore fielen beinahe im 5-Minuten-Takt, jedoch auf der anderen Seite. 7:7 stand es nach 90 Minuten und die SG Oldenburg/Göhl konnte durch einen Sieg im Elfmeterschießen in die nächste Pokalrunde einziehen.

Ähnlich unvorhersehbar gestalten sich mitunter die Alben von Soccer Mommy. „Evergreen“ ist die vierte Platte der 27-jährigen Sophia Regina Allison und stellt die Verarbeitung eines tiefgreifenden und sehr persönlichen Verlusts dar. Musikalisch wählt sie den Weg des melancholischen, warmen, akustischen Folks und bestückt diesen gelegentlich mit cineastischen Streichern oder Flöten. Ausflüge in Shoegaze, Grunge oder Trip Hop sowie Experimente mit Elektronik bleiben im Gegensatz zu den beiden Vorgängern „Color Theory“ (2020) und „Sometimes, Forever“ (2022) außen vor. Erst gegen Ende des Albums wird sich mit Songs wie „Salt In Wound“ oder „Anchor“ auch das Label Indierock verdient.
Freunde von Phoebe Bridgers, Boygenius oder der letzten Mitski-Platte sollten zu „Evergreen“ greifen. Dies können sie erneut in zahlreichen LP-Varianten: Baby Blue Vinyl, Sky Blue Marble Vinyl, Evergreen Splatter Vinyl, Sea Blue Vinyl, Black Vinyl, Iridescent Green Vinyl und Opaque Pink Vinyl.

Soccer Mommy in Deutschland:
03.05.2025 Ampere, München
04.05.2025 Artheater, Köln
20.05.2025 Nochtspeicher, Hamburg
21.05.2025 Lido, Berlin  


Mit ihrem vierten Album präsentiert die Musikerin aus Nashville einen Soundtrack zur Verarbeitung von Verlust, zur Suche nach Erdung und Verständnis – eingebettet in einen manchmal schwerfälligen Musikfluss. Eine sehr persönliche Songsammlung, die in einem wolkigen „Evergreen“ zu Ende geht.


 


Das emotionale Herzstück des Albums ist indes den Richtlinien der Taylor-Swift-Schule entsprechend an fünfter Stelle platziert und heißt "Changes". Allison legt ihr ganzes Seelenheil in die Saiten, lässt den Refrain in ungeahnte Höhen wachsen und kehrt immer wieder zur leisen Introspektion zurück. Es passt zum Humor der Frau aus Nashville, dass sie direkt im Anschluss "Abigail" hinterherschießt: Mit dicken Synths und der Leichtigkeit der poppigen The Cure verweist sie auf die Dekade vor ihrem eigentlichen Lieblingsjahrzehnt, während sie der titelgebenden "Stardew valley"-Figur ihre Liebe gesteht. Doch selbst einen solchen Spaß-Song durchzieht ein melancholisches Hintergrundrauschen, das der abschließende Titeltrack in den Fokus rückt. 


 



13. November 2024

O’o - Songs Of Wishes And Bones


Die erste Vorladung (XIX)

Personalien:
Das französische Duo O’o besteht aus Victoria Suter und Mathieu Daubigné.

Tathergang:
Ihr erstes Album „Touche“ (2022) nahmen die Jugendfreunde in Barcelona, wo sie fast ein Jahrzehnt lebten, auf, während der Nachfolger „Songs Of Wishes And Bones“ in ihrem Zuhause im südwestlichen Frankreich entstand. Das Album ist als LP (black Vinyl) erhältlich.

Plädoyer:
Victoria Suter lässt sich in ihren Texten, die sie sowohl in englischer als auch französischer Sprache vorträgt, von Literatur inspirieren, in der sich Humor und Exzentrik mit den geheimnisvollen und übernatürlichen Elementen des Landlebens vermischen, und greift in der Umsetzung gelegentlich auf Tierparabeln zurück. Man möchte ihr die ruhigen Chanson- und theatralischen Artpop-Mosaiksteinchen zusprechen, die an Björk oder Kate Bush denken lassen.
Mathieu Daubigné fühlt sich beispielsweise von Apparat inspiriert, ist wohl für die musikalische Umsetzung und Produktion zuständig und bringt vermutlich eher die clubtauglichen Elektropop- und experimentellen Electronica-Steinchen ein, die das Mosaik „Songs Of Wishes And Bones“ trotz seiner Gegensätzlichkeiten vervollständigen.

Zeugen:

Mit ihrem zweiten Album hätten Sängerin/Texterin Victoria Suter Multiinstrumentalist/Produzent Mathieu Daubigné a.k.a. O'O Ihr „Terrain erweitert“ heißt es in der aktuellen Bio des französischen Duos. Das ist angesichts dessen, was O'O hier zwischen klassischem Chanson, verstiegener Avantgarde, perkussivem E-Pop und Club-Ästhetik bilingual zelebrieren sogar noch untertrieben. Es ist dann auch die Unberechenbarkeit, mit der O'O offensichtliche Gegensätze auf immer wieder überraschende Weise aneinanderreihen (ohne die Absicht, das Ganze zu einer Synthese zusammenzuführen), die den eigentlichen Reiz dieses Albums ausmachen. Dazu gehört auch, dass ständig zwischen ausformulierten Songs, Klanginstallationen, Rezitativen und musikalischer Tontaubenschießerei hin und hergependelt wird. Das ist denn auch nichts für Freunde bestimmter Genres sondern eher etwas für Entdecker, Querdenker und Musikfans, die offen für ungewöhnliche Musikabenteuer sind.

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


12. November 2024

Razorlight - Planet Nowhere


Weder haben mich wildfremde Menschen wegen dieser Neuigkeit auf der Straße angesprochen noch flog ein Flugzeug mit dem Banneraufdruck „Razorlight sind zurück!“ über den Himmel. Noch nicht einmal einen „Brennpunkt“ in der ARD gab es zur Rückkehr von Johnny Borrell (Gesang, Gitarre) und seinen Mitstreitern!  

Dies sind übrigens die zwischenzeitlich abspenstigen Gründungsmitglieder Björn Ågren (Gitarre) und Carl Dalemo (Bass) sowie Andy Burrows (Schlagzeug) und Neuzugang Reni Lane (Keyboards).   
Am letzten Album von Razorlight, „Olympus Sleeping“ von 2018, arbeitete übrigens keiner aus diesem Quartett mit, somit darf man „Planet Nowhere“ tatsächlich als ein Comeback-Album von Razorlight bezeichnen, denn Borrell, Ågren, Dalemo und Burrows waren letztmals auf „Slipway Fires“ (2008) gemeinsam zu hören.

Der sicherlich erhoffte kommerzielle Erfolg dieses Albums (immerhin Platz 4 sowohl in Deutschland als auch Großbritannien) stellte sich nicht wieder ein, wie die oben beschriebenen ausgebliebenen Reaktionen bereits vermuten ließen. Ganz im Gegenteil, denn „Planet Nowhere“ strandete im Niemandsland der UK-Charts und konnte mit seinem 68. Platz noch nicht einmal an den Vorgänger (#27) heranreichen.   

Die Band gingen für 5 Tage ins Space Mountain Studio des Produzenten Youth (The Verve, Shed Seven, James, Embrace, The Charlatans) in der spanischen Sierra Nevada, um zu sehen, ob nach der Best of-Zusammenstellung „Razorwhat? The Best of Razorlight“ aus dem Jahr 2022 musikalisch noch etwas in Razorlight steckt. Erst nach 4 Tagen relativ erfolgloser Sessions gaben Youth und der Song „Scared Of Nothing“ den Startschuss für weitere Songs und eine zweite Session in Spanien, wie man hier sehen kann.   
Glaubt man den Plattenkritikern und -käufern, wären Razorlight im Verlauf des vierten Tages besser aus Spanien abgereist.

Planet Nowhere“ bietet 10 Songs in knapp 33 Minuten und ist als CD und LP (Black Smoke Vinyl, Black Vinyl, White Vinyl, Blue Vinyl, Pink Vinyl, Coke Bottle Vinyl) erhältlich.


  


Versemmelt hin­gegen hat die Band um Johnny Bor­rell nun bedauerlicherweise ihr fünftes Album, „Planet No­where“, tatkräftig unterstützt von Produzent ­Youth. Das sensationell uninspirierte „Zom­bie Love“ lässt schon nichts Gu­tes ahnen, „Taylor Swift = US Soft Pro­paganda“ macht es nicht besser, und man wartet zehn (von zehn) Songs lang auf einen nennenswerten Re­frain. „Cool People“ ist am dichtes­ten dran und hat dabei immerhin recht hübschen Sixties-Charme zu bieten.


 


Razorlight bieten poppigen Indie-Rock mit britischem Flair, den idealen Soundtrack für Trips an britische Küsten mit mittlerweile wohl auch veganen Fish and Chips im Angebot. Mit „Empire Service“ ist ihnen zudem ein veritabler Postpunk-Song gelungen, andere Lieder mäandern hingegen in Kinks-Tradition oder erinnern an die frühen Kooks. Insgesamt wagt die Gruppe weniger Exzess als etwa ihre alten Freunde The Libertines und zudem kaum Experimente, aber das ist okay. PLANET NOWHERE ist ein solides Gitarrenalbum: nicht mehr, aber auch nicht weniger.





11. November 2024

Primal Scream - Come Ahead


Vielleicht ist es Bobby Gillespie in den letzten 8 Jahren seit der Veröffentlichung von „Chaosmosis“ irgendwie gelungen, in der Zeit zurück in die 70er Jahre zu reisen und dort viel Zeit im New Yorker „Studio 54“ zu verbringen. Denn das zwölfte, größtenteils tanzbare Studioalbum von Primal Scream, „Come Ahead“, klingt danach und trieft nur so von Disco, Funk und Gospel. Alles zusammen ist beispielsweise im Opener „Ready To Go Home“ zu hören. Die zahlreichen Streicher lassen auch an den vom Soul geprägten Phillysound denken. Aber Primal Scream wären nicht Primal Scream, wenn es nicht reichlich Ausnahmen gäbe: beispielsweise ist das 8-minütige „False Flag“ schleppende Electronica und „Deep Dark Watres“ Psychedelic-Rock. Auch „Melancholy Man“, der Titel deutet es bereits an, fällt als melancholische Ballade etwas aus dem Rahmen.    

Vielleicht, könnte ich in der Zeit zurückreisen, wäre dies erst einmal nur ein Trip um wenige Wochen zurück, dann könnte ich mir entweder doch noch die auf 750 Exemplare limitierte Schallplatte von „Come Ahead“ (split Red and clear LP with yellow splatter) kaufen oder die Macher von Blood Records zu einer Disco Ball Picture Disc überreden. Dies jedoch eher als Primal Scream Komplettist als wegen der Begeisterung für dieses Album.





 


 


Sie eröffnen das Album a cappella mit Gospelgesang: „Ready To Go Home“ – es geht um Gillespies verstorbenen Vater – mutiert zu einer mit viel Streicherdrama aufpolierten Siebziger-Disco-Kugel. Soulgetränkte Sängerinnen, dick aufgetragene Streicher und Disco-Bass pflastern weite Teile der Wegstrecke dieses Albums, so auch die Single „Love Insurrection“ mit Nile-Rodgers-Gedächtnis-Gitarre. Oft klingt das nach den Disco-Spektakeln von !!! aka Chk Chk Chk, die jedoch genau wie Primal Scream ihre kreative Sturm- und Drangzeit schon hinter sich haben.

Was erlauben Produzent David Holmes? Nach dem noch verheißungsvollen Gospel-Auftakt von „Ready To Go Home“ setzt gleich das Pluckern des Maschinenparks ein, und alles versuppt. Auf „Love Insurrection“ nölt Gillespie dann wieder, aber nicht wie er selbst, sondern wie ein fremder Gastsänger. Immer wieder blitzen schöne Momente auf, soulige Backing-Tracks und weibliche Backing-Vocals, bevor dann ein beliebiger Chorus einsetzt. Mögen es andere kosmisch nennen, dies hier stellt die Definition von „unausgegoren“ und „chaotisch“ dar.


 





8. November 2024

Amyl And The Sniffers - Cartoon Darkness


Breitbeiniger Alternative Rock („Tiny Bikini“), glitzernder Glam Rock („U Should Not Be Doing That“), wütender Punkrock („It’s Mine“, „Pigs“), zwischendurch eine eingestreute Rockballade („Big Dreams“) und dazu schreit Amy Taylor Texte über Krieg, Klimakrise und künstliche Intelligenz. Damit stürmen Amyl And The Sniffers zum zweiten Mal bis auf Platz 2 in den Albumcharts ihrer australischen Heimat.

Neben der Sängerin Amy Taylor gehören zur 2016 gegründeten Band Gitarrist Declan Mehrtens, Bassist Gus Romer und Drummer Bryce Wilson. „Cartoon Darkness“ wurde im 606 Studio der Foo Fighters in Los Angeles mit dem Produzenten Nick Launay (Nick Cave And The Bad Seeds, Grinderman, Idles, Maximo Park) aufgenommen und schrammt nur knapp an der 33 1/3 Minuten-Marke vorbei. Dementsprechend gibt es zahlreiche LP-Varianten des mittlerweile dritten Albums des Quartetts: Cola Marble Vinyl, Blue & Clear Swirl Vinyl, Black Glitter Vinyl, Black Vinyl, Black Clear Smoke Vinyl, Pink Vinyl und Glow In The Dark Vinyl.
   

„Die Zukunft ist cartoon … ist ein Witz“, lautet Taylors Verdikt. Und mit entsprechend fröhlichem Nihilismus geht das Quartett zu Werke. Ok, Weltuntergang! Aber bitte mit einer ordentlichen Portion Spaß! „Cartoon Darkness“ beginnt mit klassischem Punk. In „Jerk“ bellt Taylor mit einer so lustvollen Verachtung, dass man sich kurzzeitig ins Jahr 1978 zurückgebeamt fühlt. Die hysterische Überdrehtheit einer Poly Styrene (X-Ray Spex) muss freilich das unerreichbare Vorbild bleiben.
Als wüssten Amyl And The Sniffers selbst, dass die allermeisten Riffs gebraucht sind und das Vokabular in ihrem musikalischen Stammrevierrecht schnell erschöpft ist, mühen sie sich Kraft ihrer Fähigkeiten nach Veränderung. Die Standortbestimmung „U Should Not Be Doing That“ stampft selbstbewusst auf Glam-Pfaden. „Doing In Me Head“ erinnert an frühe Arctic Monkeys, „Pigs“ wagt ein beinahe virtuoses Gitarrensolo.


 


 


 





7. November 2024

Wendy James - The Shape Of History


I don't want your money honey
I want your love
I don't want your car baby
I want your ah! 

Punkte meint(e) Wendy James selbstverständlich mit diesem „ah!“. Bereits 1988 forderte die Sängerin von Transvision Vamp hohe Bewertungen für die Alben ihrer Band, jedoch flossen diese nach dem Debütalbum „Pop Art“ nicht mehr so üppig, so dass sich das Quartett auflöste und Wendy James größtenteils solo musizierte. Nun feiert sie ein kleines Jubiläum, denn mit „The Shape Of History“ veröffentlicht sie ihre zehnte Platte (inklusive ihrer drei Transvision Vamp- und den zwei Racine-Alben).

Und zu dieser lässt sich berichten, dass
- mit „Do You Dig It? Do You Love It? Is It Groovy?“ zumindest ein Pop-Punk-Stück enthalten ist, dass an das oben zitierte „I Want Your Love“ heranreichen kann,
- das New Wave-Stück „Freedomsville“ an Metric erinnert und ebenfalls ein Anspieltipp des stilistisch vielfältigen Albums darstellt
- Wendy James das Album selbst geschrieben, produziert und abgemischt hat, im Studio aber Unterstützung von u.a. Louis Eliot (ehemals Rialto und Kinky Machine) oder dem The Bad Seeds-Mitglied Jim Sclavunos erhalten hat
- sowohl die CD als auch die LP recht aufwendig gestaltet sind und die Schallplatte mit einer Besonderheit aufwartet: Damit alle 13 Songs in guter Qualität zu hören sind, befinden sich die ersten 9 Songs auf einer 12’’ Platte, die mit 33 1/3 Umdrehungen abgespielt werden muss, während die letzten 4 Songs auf einer 10’’ Platte sind, die mit 45 Umdrehungen läuft. 

Zur Haarschleife und möglichen Gesichtsglättungen möchte ich nichts sagen.


 


From Sweet Like Love and through tracks as dominant and dramatic as Everything Is Magic, May I Kiss You Just Enough To Get Us Into Trouble, the superb The Crack And The Boom Of The Creeps And The Goons, Do You Dig It Do You Love It Is It Groovy, Freedomsville, the unrepentant Step Aside Roadkill, Thank You For The Time We Shared, and the album title track, which also adds the beauty of the crescendo, bringing the recording to its climax superbly, The Shape Of History, the album’s influences are varied and complex, and yet throughout feeling the upsurge in her talented wit and wisdom. (…)
The attitude has never been doused, the assertive cool has remained in whichever way the Muse has been seen and appreciated, and in defiance, in her world’s eye view The Shape Of History has been defined, and painted by her own ideals; the chronicles of the present are outlined, expressed, and found to be sharp, insightful, and in true Wendy James fashion, outrageously colourful and full of style.


  


Her softly spoken, swaying and theatrical alternative pop sound offers an easy listening experience in the form of thirteen songs that were written between London and New York. ‘The Shape Of History’ finds James reflecting on love, life, and her journey in music (…). She’s got a rich musical history fronting Transvision Vamp and takes that expertise creating a sound that is undoubtedly hers. Soft, sweet, uplifting, and engaging, hers is a charming one. 




6. November 2024

Laura Marling - Patterns In Repeat


Der Vorgänger trug den Titel „Song For Our Daughter“ (2020) und war von Laura Marling für ein imaginäres Kind komponiert worden. Die Lieder von „Patters In Repeat“ entstanden dann 2023 nach der Geburt ihrer ersten Tochter und drehen sich thematisch um Mutterschaft, das Älterwerden und die Muster, die in der Familie über Generationen weitergegeben werden. Und vermutlich sind dann die Stimmen, welche zu Beginn des Albums leise zu hören sind, tatsächlich die von Laura Marling, ihrem Partner und dem kleinen Baby. Sie vermitteln den Eindruck, als säße man mit der Familie in der Küche und würde lauschen, wie Laura ihrer Tochter ein eigens für sie komponiertes Wiegenlied zur akustischen Gitarre singt. Dieses intime Folk-Setting bei „Child Of Mine“ löst sich dann aber recht schnell auf, denn welche Küche soll Platz für ein Piano, diesen himmlischen Chorgesang (Buck Meek, Maudie Marling) und all’ die Streicher bieten? Es bleibt aber eines der schönsten Liede, die Laura Marling auf mittlerweile acht Alben aufgenommen hat.

„Patterns In Repeat“ wurde tatsächlich teilweise in Marlings eigenem Homestudio aufgenommen und von ihr zusammen mit Dom Monks (Big Thief, Flyte) produziert, der hier vor einigen Tagen erst als Produzent im Zusammenhang mit der neuen Platte von Porridge Radio erwähnt wurde. Auch erst einige Tage ist es her, dass ein Blick auf die Top-Alben 2024 bei Metacritic geworfen wurde, denn The Cure hatten sich mit „Songs Of A Lost World“ (93/100 Punkten) direkt hinter den Spitzenreiter - „Brat“ (95/100) von Charli xcx - geschoben. Direkt nach Robert Smith & Co. positioniert sich mittlerweile nun „Patterns In Repeat“ (92/100).

Patterns In Repeat“, das insgesamt vielleicht etwas zu einlullend geraten ist, kann als CD und LP (black Vinyl, dark green Vinyl, cream Vinyl, Picture Disc) erworben werden.   


 


 


"Patterns in repeat" ist aber kein Konzeptalbum über das Muttersein. "The shadows" gibt sich beispielsweise programmatisch düsterer und in seiner Sprache nicht zeitgenössisch, passt also eher zu Marlings Frühphase: "Someone was sleeping while she did her leaving / Cowards go in the night." Und auch "Caroline" ist irgendwann in der Vergangenheit verflossen, auch wenn es in der Retrospektive versöhnlich klingt. Hier legt sich die Sängerin mit tieferer Intonation und mehr Überzeugung über ein elegantes Gitarrenmotiv und singt eine längst vergessene Melodie: "La la la, something, something, Caroline." Ein bisschen größer wird es noch mal mit dem Titelsong, in dem es beim Gesang Unterstützung gibt und an dem Marlings Partner George Jephson mitgeschrieben hat. Dann aber wird es Zeit zu gehen, und "Lullaby (Instrumental)" döst auf angenehme Weise weg. Das achte Album der Londonerin ist keins, das vom Hocker reißt, aber das sich wie ein warmes musikalisches Elternhaus anfühlt, in dem etwas Wunderbares wachsen kann.


 


5. November 2024

PeterLicht - Alles klar


Vinyl Varianten: 2 - Stich! 
Auf vielfachen Wunsch geht das Platten vor Gericht Quartett in seine nächste Runde: Vier neue Spielkarten mit vier neuen Bands oder Künstler*innen! 
So geht’s: Die vierte und letzte Karte des fünften Quartetts ausdrucken, am Rand ausschneiden, sammeln und schon bald spielen! 



Dabei steht der subtile Spott, den er hier zu akustisch geprägtem Indie-Pop über all jenen ausgießt, die es gut meinen, aber wohl falsch angehen, gar nicht mal repräsentativ für diese herzerwärmende Platte. Auf der demonstriert PeterLicht vielmehr seine Inselbegabung für ebenso solidarisierende wie abstrakte „Wir“-und-„ihr“-Oppositionen ( „Wir schulden euch nichts“), beschwört auf traumschöne Weise die Kraft des Eskapismus in persönlichen Krisenzeiten („Baum im Fluss“) oder singt ein grandios erhebendes „Einfaches Lied“ wider der allgemeinen Untergangsstimmung: „Diese Welt wird weiterbestehen / Sie wird nicht untergehen“. Wie schön, so ein simples Versprechen aus dem Mund dieses brillanten Um-die-Ecke Denkers und -Texters zu hören.