26. Februar 2026

Gorillaz - The Mountain


10 Fakten zum neuen Album von Gorillaz:

1. Neunter Anlauf von Damon Albarn, um mit seinen Gorillaz die Spitze der Charts in Deutschland und USA zu erreichen. Hierzulande sind fünf Platzierungen in den Top 3 verbucht, jenseits des großen Teiches drei - aber ein Nummer 1-Album fehlt noch. Selbstverständlich nicht im Vereinigten Königreich, denn dort erreichten „Demon Days“ (2005) und zuletzt „Cracker Island“ (2023) die Spitzenposition.

2. 3 Jahre und 3 Tage lagen zwischen der Veröffentlichung von „Cracker Island“ und nun „The Mountain“, das ursprünglich für den 20. März angekündigt worden war, dessen Veröffentlichung dann aber auf den 27. Februar vorgezogen wurde. So oder so ausreichend Zeit, um ein eigenes Label zu gründen (Kong) und sich erstmals von Parlophone zu lösen, denn der Vertrieb erfolgt über The Orchard bzw. Sony Music.


 


3. Der Berg ist auf dem von Jamie Hewlett gestalteten Plattencover gut zu sehen, der Albumtitel für uns aber nicht lesbar, denn er ist in Devanagari geschrieben, ein weit verbreitetes indisches Schriftsystem, das von links nach rechts mit einem charakteristischen oberen Kopfstrich geschrieben wird. Es ist die Hauptschrift für Hindi, Sanskrit, Marathi und Nepali sowie viele weitere Sprachen in Nordindien.

4. Apropos Indien: Die Aufnahmen fanden nicht nur in England (London, Devon), USA (New York, Los Angeles, Miami), Syrien (Damaskus), Turkmenistan (Aşgabat) sondern auch in vier Studios in Indien (Mumbai, Neu-Delhi, Rajasthan, Varanasi) statt.


 


5. Noch länger ist die Liste der berühmten Gastmusiker*innen: u.a. Sparks („The Happy Dictator“), Bobby Womack („The Moon Cave“), Tony Allen („The Hardest Thing“), Idles („The Good Of Lying“), Mark E. Smith („Delirium“), Gruff Rhys („The Shadow Light“), Paul Simonon („Casablanca“) und Johnny Marr bei gleich fünf Songs. 

6. Auch die Stimme des 2010 verstorbenen Schauspielers Dennis Hopper ist auf dem Titelsong zu vernehmen. Dazu nutzte Damon Albarn einen unveröffentlichten Outtake aus Hoppers Auftritt in „Fire Coming Out of the Monkey's Head” aus „Demon Days“, dem zweiten Album der Gorillaz.


  


7. „The Mountain“ bietet 15 Songs in 66:22 Minuten. Die Deluxe Version bietet zusätzlich „Bolly Noir“ und „Noah's Descendants“ sowie die Darbietung des Titelsongs und „Meri Sapno Ki Rani“s durch Hindu Jea Band Jaipur. 


8. „The Mountain“ ist als CD, Deluxe CD, Doppel LP (black Vinyl, orange Vinyl, yellow Vinyl), Doppel-Picture Disc und in vier unterschiedlichen Varianten der Kassette erhältlich. Die ungewöhnlichste LP Version gab es bei Bad World: exclusively pressed to splatter effect LP with red liquid LP1 and yellow and white splatter disc 2 with exclusive character art centre-labels.  


 


9. Bei Metacritic sind alle Alben der Gorillaz gelistet - und noch ist es Zeit, um zu raten, welches den höchsten Metscore hat:„Gorillaz“ (2001; 71/100), „Demon Days“ (2005; 82/100), „Plastic Beach“ (2010; 77/100), „The Fall“ (2010; 67/100), „Humanz“ (2017; 77/100), „The Now Now“ (2018; 73/100), „Song Machine, Season One: Strange Timez“ (2020; 81/100), „Cracker Island“ (2023; 80/100) und „The Mountain“ (2026; 86/100).

10. 30 Konzerte und Festival-Auftritte der Gorillaz sind bisher angekündigt worden. Unsere Nachbarländer Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich und Polen sind vertreten - Deutschland aber nicht. 


25. Februar 2026

Mumford & Sons - Prizefighter


Mumford & Sons: Auf der Jagd nach den 70 Punkten

Wir befinden uns tief im Dschungel der Musikrezensionen. Marcus Mumford wischt sich den Schweiß von der Stirn, in der Hand eine zerfledderte Schatzkarte zum sagenumwobenen Tempel der 70 Metacritic-Punkte. Hinter ihm liegen die Ruinen fünf alter Alben, die alle unterhalb der verfluchten Zahl 70 eingefroren waren. Seit Jahren versuchen unsere Helden – Mumford und seine furchtlosen Söhne – das verlorene „Juwel der allgemeinen Begeisterung“ (auch bekannt als die 70er-Metascore-Marke) zu bergen. Doch der Weg ist gepflastert mit tückischen Fallen: bissige Pitchfork-Rezensionen, Geheimnisse ausplaudernde Produzenten sowie bandinterne Bösewichte, Treibsand aus Folk-Klischees und Wächter in Pretty Green-Kleidung, die „zu kommerziell!“ twittern.

In einer Welt, in der Banjo-Saiten gefährlicher sind als Macheten, stellen sich die Mumfords ihrem nächsten Abenteuer, haben die Hosenträger enger geschnallt und eine Elite-Truppe zusammengestellt, um den Fluch der soliden Mittelmäßigkeit endlich zu brechen. Da wäre Aaron Dessner, der Mann, der als Produzent schon Taylor Swift aus dem Pop-Sumpf rettete, der alle Rätsel knackte, um den Sound so melancholisch-intellektuell zu tarnen, dass kein Kritiker merkt, dass er eigentlich mitschunkelt. Zudem Hozier und Chris Stapleton, welche die Flanken mit so viel Stimmgewalt absichern, dass jede dauernörgelnde Kritikerstimme einfach übertönt wird. Außerdem noch Gigi Perez und Gracie Abrams, um einen frischen Wind zu bringen, der die 70er-Marke endlich in greifbare Nähe wehen soll. Zusammen wollen sie ein musikalisches Inferno entfachen und die Lunte für eine Wertungs-Explosion zünden. 

Wird „Pricefighter“ ein Schwergewicht unter den Folk-Alben sein oder bleibt am Ende nur viel heiße Luft und eine rauchige Bewertung von wieder einmal weniger als 70 Punkten? Und seid ihr Feuer und Flamme für das sechste Album von Mumford & Sons?


 




24. Februar 2026

Loney Dear - Making Friends Is Easy


Es gibt ein neues Album von Emil Svanängen, der seine Musik unter dem Pseudonym Loney Dear heraus bringt. Begonnen hat er damit 2003 und einigen Alben, die er selbst in Eigenregie veröffentlichte, anfangs noch als selbst gebrannte CD-Rs. Dann stieg sein Bekanntheitsgrad, er erhielt ein Dauer-Abo beim Haldern Pop Festival, Lob von Peter Gabriel und Verträge bei dessen Real World Records oder Sub Pop. 


 


Mittlerweile ist der Schwede bei seinem zehnten Studioalbum angekommen, das weniger minimalistisch ausgefallen ist als seine beiden Vorgänger „A Lantern And A Bell“ (2021) und „All Things Go“ (2024). Beste Beispiele hierfür sind das pulsierende „Kiddo“, welches das Album eröffnet und dessen Titel liefert, und das an Dramatik und Opulenz zunehmende „Undertow“.  


 


Emil Svanängen berichtet, dass „Making Friends Is Easy“ nach dem Verschwinden wichtiger Menschen aus seinem Leben entstand und ihn an der Schnittstelle zwischen dem Wunsch im Mittelpunkt zu stehen und der Sehnsucht nach Einsamkeit zeigt. Stellvertretend für die melancholischen, intimen Momente des Albums sollen das großartige „Night Cars“ und das falsettige „Flush“ genannt werden. Ein langjähriger Wegbegleiter ist Svanängen nicht abhanden gekommen, denn erneut hat er zusammen mit Emanuel Lundgren von I’m From Barcelona komponiert, arrangiert und produziert. 




Ein wenig mehr hätten sich die beiden Schweden gern ersinnen dürfen, denn „Making Friends Is Easy“ ist nach 9 Songs in 27 Minuten bereits auserzählt, wobei die letzten beiden Lieder auch den Gesang missen lassen. Bei mir steht das Album auf clear Vinyl im Plattenregal, wobei Seite 1 deutlich häufiger abgespielt wird.




23. Februar 2026

Ásgeir - Julia


Weder Björk noch Sigur Rós können sich mit den Federn des am besten verkauften  Debütalbums in Island schmücken, denn kein isländischer Musiker verkaufte mit seinem Erstlingswerk so viele Alben wie Ásgeir Trausti Einarsson mit „Dýrð í dauðaþögn“ (2012).   Es heißt, dass jeder zehnte Einwohner der Insel dieses Album besitzt, dessen isländische Texte auf den Gedichten von Ásgeirs Vater Einar Georg Einarsson beruhen und später für eine internationale Version („In The Silence“) von John Grant ins Englische übersetzt wurden. 

Mittlerweile ist Ásgeir bei seinem fünften Studioalbum, „Julia“, angekommen, das gleich zwei Veränderungen zu seinen früheren Werken auszeichnet: Zum ersten Mal in seiner Karriere hat er die Texte - mit Ausnahme des Titelsongs - komplett allein verfasst. Diesen Schritt ins Persönliche vollzieht Ásgeir auch musikalisch und zeigt sich in schlichten, atmosphärischen Arrangements möglichst nahbar und intim. Sein warmer Gesang, der wie gewohnt häufig ins Falsett übergeht, und die akustische Gitarre stehen im Mittelpunkt des Albums und zeigen, warum Nick Drake oder Bon Iver immer wieder als Referenzen genannt werden. „Julia“ entstand erneut in Zusammenarbeit dem isländischen Produzenten und Gitarristen Guðmundur Kristinn Jónsson sowie dem aus Nashville stammenden Cellisten Nathaniel Smith und kombiniert organischen Folk und sanften Americana mit zurückhaltenden, melodiösen Folkpop. 

Das Album ist bereits über One Little Independent Records als CD und LP (black Vinyl, green Vinyl) erschienen. Bis zu den nächsten Konzerten von Ásgeir in Deutschland vergeht aber noch ein wenig Zeit:
11.09.26 Hamburg, Mojo Club
12.09.26 Berlin, Hole 44
14.09.26 München, Technikum
15.09.26 Köln, Kulturkirche


Es ist eine in sich ruhende, poetische, harmoniebedürftige und nach innerer Ausgeglichenheit strebende Stilistik, mit der der Isländer hier in zehn wunderbaren Songs die Welt beglückt. Wobei gerade die Single "Ferris wheel" als wohl stärkstes Stück der Platte eher nach ganz viel sehnsuchtsgetränktem Fernweh klingt – genau wie im zugehörigen Video möchte man sich sofort hinter das Steuer des nächstbesten Wagens schwingen und in den Sonnenuntergang fahren. (…)
Erholt und voller Energie lässt sich dann auch besser "Against the current", also gegen den Strom schwimmen, wobei Ásgeir in diesem im Vergleich zum Großteil des Albums geradezu dynamisch wirkenden Highlight eher darüber sinniert, den eigenen Weg zu finden, ohne dabei gegen ständige Widerstände ankämpfen zu müssen. Denn letztlich möchten wir doch alle nur ein "Quiet life", wie es im tollen, Stimmung und Ton setzenden Opener thematisiert wird. (…)
Bei so viel wohltuendem Seelenfrieden sollte es jedenfalls leicht fallen, darüber hinwegzusehen, dass der Platte etwas mehr Pep gut getan hätte.


 


 





21. Februar 2026

10 Schallplatten, die uns gut durch den März bringen


10. Kapelle Petra - Lübbe. (180g) (Eco Vinyl) (2 LPs) 6.3.2026






9. Nothing - A Short History Of Decay (Limited Indie Edition) (Candy Corn Vinyl) 27.2.2026






8. Die drei ??? - Die drei ??? (Folge 238) Falsche Schuld (2 LPs) 20.3.2026






7. Morrissey - Make-Up Is A Lie (Zoetrope Vinyl) 6.3.2026






6. Ladytron - Paradises (2 LPs) 20.3.2026






5. Christin Nichols - Christin Nichols (LP) 6.3.2026






4. The Charlatans - Some Friendly (Expanded White Vinyl Version) 27.3.2026




3. Brigitte Calls Me Baby - Irreversible (White Color Vinyl) 13.3.2026






2. The Twilight Sad - It's the Long Goodbye (Red Vinyl) 27.3.2026






1. The Notwist - News From Planet Zombie (Clear Orange Vinyl) 13.3.2026







20. Februar 2026

Dead Dads Club - Dead Dads Club


Es gab vor einigen Jahren für wenige Jahre einmal eine Band namens Palma Violet. Sie waren bei Rough Trade unter Vertrag, der NME war schwer begeistert („Best New Band“ Award) und wählte ihre Debütsingle „Best Of Friends“ 2012 zur Single des Jahres, auch das Debütalbum „180“ fand so viele Fans und Käufer, dass es bis auf Platz 11 der UK Charts kam. Den Nachfolger, „Danger In The Club“ produzierte niemand geringeres als John Leckie (The Stone Roses, Radiohead, Muse, The Verve), aber der Hype hatte nicht lange Bestand, denn das Album erreichte lediglich Platz 25 der Charts. Auch das Bandgefüge war nicht besonders gefestigt, denn alle Mitglieder, mit Ausnahme von Chilli Jesson, gingen irgendwann in die Band Gently Tender über, während Jesson Crewel Intentions gründete. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ wohl weder die eine noch die andere Formation.

Nun ist Chilli Jesson wieder da. Also so richtig, denn seit 2021 tauchten sporadisch erste Lieder seines neuen Projektes auf. Mitglied im Club der toten Väter ist er wohl seit seinem vierzehnten Lebensjahr, und so verarbeitet er den Verlust seines Vaters auf dem Debütalbum seines Projektes Dead Dads Club, das er zusammen mit Rupert Greaves betreibt. Aus der kreativen Sackgasse in der Jesson wohl über einen längeren Zeitraum steckte, half ihm die Zeit heraus, die er Fontaines D.C. als Tour-Musiker begleitete. Diese Erfahrung und die Freundschaft zu den Bandmitgliedern gaben ihm den Anstoss, die 11 Songs des Albums zu schreiben, das von Carlos O’Connell, dem Gitarristen der irischen Band Fontaines D.C., produziert wurde. 

Über Fiction Records wurde „Dead Dads Club“, für das gleich fünf ältere Songs außen vor gelassen wurden, als CD und LP (black Vinyl, lime green Vinyl) veröffentlicht und den Lobgesang stimmt selbstverständlich der NME an:


There is wistful hope on opener ‘It’s Only Just Begun’, a memory of rattled parental arguments at the core of ‘Running Out of Gas’, and a final, lingering sense of light at the end of the tunnel on closer ‘Need You So Bad’, but for the most part these are songs that stand up on their own outside of any larger conceit.
Their strength comes, in part, from the production chops of Fontaines D.C.’s Carlos O’Connell. (…) ‘Don’t Blame The Son For The Sins Of The Father’ begins with a pummelling introduction that could slot happily into the ‘Romance’ playbook, while the Jack White-esque guitars on ‘Goosebumps’ are grizzled and abrasive in the most cheeky of ways. Alongside the prowling underbelly of ‘Humming Wires’, they’re some of the record’s best moments: songs designed to be turned up loud and played live.
But there’s impressive variety contained within ‘Dead Dads Club’ too. ‘Volatile Child’’s direct indie hooks throw back to the melodic smarts of early-Strokes; ‘Junkyard Radiator’ arrives woozy and disoriented in a drug-addled, psych-tinged haze, while ‘Need You So Bad’ rings with a gentle kind of euphoria. By digging into his bleakest moments, Jesson has steered himself musically back on course: no-one ever wants to join Dead Dads Club, but at least if you’re there you’ve got a good soundtrack.
(NME)


 


 




19. Februar 2026

The Green Apple Sea - Dark Kid


Gut Ding will Weile haben. Nach diesem Motto arbeiten möglicherweise auch Stefan Prange und seine musikalischen Mitstreiter bei The Green Apple Sea. Im Laufe der Jahre hat die 1998 gegründete und in Nürnberg ansässige Band nach und nach die Besetzung variiert und lediglich fünf Alben herausgebracht. 

2010 erschien über K&F RecordsNorthern Sky, Southern Sky“ (7,750 Punkte und Platz 16 bei Platten vor Gericht) und danach ging es beim gleichen Label im Acht-Jahres-Rhythmus weiter: Auf „Directions“ (7,000 Punkte) ließen Stefan Prange (Gesang, Gitarre), Christian Ebert (Keyboard, Gesang, Produktion), Michael Kargel (Schlagzeug, Percussion), Lena Dobler (Gitarre, Gesang) und Frank Theismann (Bass) nun „Dark Kid“ folgen.

Das Quintett bietet behaglichen, warmen Folk und melancholisches, zeitloses Americana, kombiniert mit mehrstimmigem Harmoniegesang und vielschichtigen, detaillierten Arrangements. Erdacht wurde „Dark Kid“ von Sänger und Songwriter Stefan Prange als eine Art Konzeptalbum, in dem er in einzelnen Episoden seine nicht gerade leichte Kindheit und Jugend verarbeitet. Die Begebenheit, dass er von seinen Stiefbrüdern mit dem Fahrradschloss an ein Treppengeländer gekettet wurde, wenn keiner Lust hatte, auf ihn aufzupassen, ist nur eine dieser Episoden.

Gut Ding will Weile haben. Und so muss man auch „Dark Kid“ (CD/LP (black Vinyl))Zeit zum Entfalten geben.

The Green Apple Sea live:
21.02.26 Köln, Wohngemeinschaft

26.03.26 Haselünne, Hasetor Kino

27.03.26 Grevenbroich, Cafe Kultus

28.03.26 Ankum, Kulturetage

29.03.26 Münster, Pension Schmidt

31.03.26 Berlin, studioeins session (Bikini)

01.04.26 Berlin, Schokoladen

01.05.26 Nürnberg, Kaiserburg 
03.05.26 Offenbach, Hafen 2

11.06.26 Nürnberg, One Mic Night
01.10.26 Hamburg, Small Size Sessions

23.10.26 Viechtach, Spital

24.10.26 Hersbruck, Kulturbahnhof


 


 


 





18. Februar 2026

Apparat - A Hum Of Maybe


Lange nichts von Sascha Ring gehört. Sein letztes Album unter dem Namen Apparat, „LP5“, liegt sechs Jahre zurück, zusammen mit Gernot Bronsert und Sebastian Szary verschmilzt er Modeselektor und Apparat zu Moderat und veröffentlichte vor vier Jahren „More D4ta“. 

Diese Woche beendet der in Berlin lebende Musiker, Produzent und Komponist die ihn umhüllende Stille, die auch einer langwierigen Schreibblockade geschuldet war. Diese konnte er durchbrechen, indem er sich - frei von Druck, Urteilen und dem Streben nach Perfektion - der Herausforderung stellte, jeden Tag eine Idee für einen Song zu entwickeln. Und so führte eine neue tägliche Routine zu einer therapeutischen Wirkung, so dass sich aus unzähligen Fragmenten, die zwischen März und September 2025 entstanden, erste Songs heraus kristallisierten, die nun sein sechstes Studioalbum bilden. Die 11 Titel sind experimentelle Stücke auf Radioheads Spuren („Glimmerine“), tanzbare, technoide Dance-Tracks im Stile von Moderat („A Slow Collision“) oder traumhafte Ambientsounds, die sich nahtlos in die Soundtrack-Welten von Apparat einfügen („Lunes“, „Williamburg“). Thom Yorke wird dieses Album lieben!

Die Zusammenarbeit mit anderen Musiker*innen sorgt dafür, dass „A Hum Of Maybe“ nicht kalt und künstlich sondern warm und organisch klingt. Zu nennen wären Philipp Johann Thimm (Cello, Klavier, Gitarre), der auch als Co-Autor und Co-Produzent des Albums fungierte, Christoph „Mäckie“ Hamann (Violine, Keyboard, Bass), Jörg Wähner (Schlagzeug), Christian Kohlhaas (Posaune) sowie die armenisch-amerikanische Produzentin und Sängerin KÁRYYN, die auf dem Song „Tilth“ zu hören ist. Gerade von diesen gesanglichen Kooperationen hätten es, wie auf „The Devil's Walk“ (2011) gern mehr sein dürfen.  

A Hum Of Maybe“ ist als CD und Doppel-LP (schwarzes Vinyl, türkisfarbenes Vinyl) erhältlich.




Das Ergebnis kann sich zunächst hören lassen. Der Auftakt mit "Glimmerine" und "A slow collision" liefert all das, was die Qualitäten des Musikers ausmacht: viele kleine Einfälle, ausgedehnte Klangteppiche, ein selbstbewusstes Kopfnicken Richtung Thom Yorke. Alles ist hier im zuweilen träumerischen Fluss, und langweilig wird es zunächst einmal gar nicht. Nach dem kurzen Zwischenpart "Gravity test" folgt ein spannendes Gastspiel, denn "Tilth" erweist sich als durchaus experimentierfreudiger Song, den die Sängerin Káryyn gekonnt veredelt.
Und auch "An echo skips a name" hält das sehr gute Niveau des bis hierhin Gebotenen, Apparat schraubt sich durch repetitive Elemente tief in die Gehörgänge. Ab diesem Moment allerdings gelangt der Vortrag an einen Scheidepunkt, der die Bewertung des Ganzen wohl nicht zuletzt von der Stimmung abhängig macht, in der die Songs konsumiert werden. "Enough for me" beispielsweise oder auch das folgende "Lunes" sind in manchen Momenten zwar noch immer solide gestrickt, könnten aber bei betont kritischer Betrachtung auch dezent inspirationslos wirken. Introvertiert, zuweilen auf ein kaum mehr wahrnehmbares Minimum reduziert: So geht die Reise in Apparats Inneres schließlich auf diesem Album weiter und im finalen "Recalibration" zu Ende. 




17. Februar 2026

Sarah Nixey - Sea Fever


Es ist schon ausreichend, dass Billie Eilish eine alte Band (Black Box Recorder) für sich entdeckt und einen ihrer Songs („Child Psychology“) in den sozialen Medien teilt und schon schnellen deren Streaming-Zahlung in zuvor nie erreichte Höhen. 

Sarah Nixey, Luke Haines und John Moore brachten in ihren aktiven sechs Jahren als Black Box Recorder drei Alben („England Made Me“, 1998), „The Facts Of Life“, 2000, und „Passionoia“, 2003) heraus und fanden sich einige Jahre später für wenige Konzerte wieder zusammen ohne ein angekündigtes neues Album zu veröffentlichen. Das letzte Konzert des Trios fand 2009 in der Londoner Queen Elizabeth Hall statt, mittlerweile ist ein weiteres angekündigt: am 22. Mai 2026 im Londoner Palladium. Ob Billie Eilish auch anwesend sein wird?

In der Zwischenzeit hat Sarah Nixey, die natürlich nicht mit dem musikalischen Output von Luke Haines mithalten kann, ihr viertes Soloalbum veröffentlicht, das mehr als sieben Jahre nach dem Vorgänger „Night Walks“ über ihr eigenes Label Black Lead Records als CD und LP erschienen ist.
Am flüsternd, hauchenden Gesangsstil ist Sarah Nixey selbstverständlich sehr schnell zu erkennen. Thematisch erkundet Nixey „die bittersüße Schönheit des menschlichen Lebens inmitten einer unbeständigen Welt voller wechselnder Jahreszeiten und brutaler Elemente“ und singt „Lieder voller tiefer Trauer, Erinnerung, Geburt und Veränderung, vor dem Hintergrund einer sinnlichen Naturwelt.“ Musikalisch stehen bei den 12 Songs unterkühlter 80er-Jahre-Synthpop („Rolling Waves“), sanfter aber düsterer Trip Hop („Lies Of The Land“) und akustischer, intimer Folkpop („Sea Fever“, „Pleasure Bay“) dicht neben einander. 
Sea Fever“ wurde gemeinsam von Sarah Nixey und Jimmy Hogarth aufgenommen und produziert, wobei die gemeinsamen Kompositionen die erste Plattenhälfte füllen, während die zweite Hälfte von Nixey allein geschrieben wurde.   


 


The first part of the record, is as nature driven as the song titles would have you believe (there’s trees, snow, waves, sea, winter and forest) the sparseness of vocal over quite minimalistic instrumentation, and in some parts it would pass as lo-fi trip-hop in places, more reminiscent of her earlier solo stuff. The title track with it’s hauntingly erratic drumbeat soothes whilst The Sound Of Falling Snow is as beautiful as the images it pertains to project. (…)
And just when you think you have the measure of the record and you’re expecting it to carry on drifting leisurely into your consciousness for the whole thing, Nixey changes tact and the second half conjures up new feelings, there’s a bit more anger, an edginess and impatience in the voice a change in mood and subject.
‘Lies Of The Land’ is where it begins and it’s fantastic, smacking as it does of her old band with Nixey just going for it, almost rapping her list of frustrations, it’s a post pandemic, post-Brexit state of the nation rant against inequality and division, “National security, national disgrace/Clap for carers, slam the strikes/Pay your taxes, job for life”, which turns out to be just the aperitif for the album’s highlight, ‘England’s On Fire‘, which is just the sort of song that PJ Harvey would give her back teeth for, a nuanced look at patriotism and nationalism, “England’s on fire, feel the flames/England’s on fire, gonna wave your flag”.


 


Sea Fever’s sonic mise-en-scène is perfectly detailed — a dark, downtempo world pulsing with synthesizers, gently arpeggiated acoustic guitar, and percussion straight out of a ’60s Serge Gainsbourg record. It’s the ideal setting for Nixey’s breathy, talky vocal style — a bit like Jarvis Cocker if he were a woman and never lost control of his emotions.
It’s also clear that this album, featuring songs with titles like “The Sound of Falling Snow,” “At the Edge of the Forest,” “Winter Solstice,” and “Spring Equinox,” is perfect for a February release when you might be listening somewhere warm while watching a whiteout from your window.




16. Februar 2026

Hundreds - Sirens


Ein Blick in die deutschen Album Charts kann Kurioses und Erschreckendes bieten. Diese Woche gleich beides. Von den 10 Alben, die letzte Woche die Top 10 bevölkerten (Die Toten Hosen verhinderten mit einem 30 Jahre alten Album zumindest eine Nummer 1 für Böhse Onkelz, denen Kaffkiez, ein Stranger Things Soundtrack, Ufo361, Only The Poets, Michael Jackson, Taylor Swift, HeavySaurus und Don Toliver folgten), konnten sich nur zwei in diesen halten (Taylor Swift und Don Toliver), hinzu kamen fünf Neuzugänge (der Soundtrack zu einem Videospiel, Sophia (nein, leider kein neues Album von Robin Proper-Sheppard), Joji, Kanonenfieber und Mayhem) sowie drei Aufsteiger (Olivia Dean, der Soundtrack zu KPop Demon Hunters und Bad Bunny, dessen aktuelles Album in der 52. Chartwoche Dank des Super Bowls auf Platz 1 sprang).

Warum ich mir die deutschen Album Charts angesehen habe? Um herauszufinden, welchen Platz Hundreds mit ihrem fünften Album „Sirens“ erreichten konnten. Zwar blieben zuvor „Aftermath“ (2014; #49), „Wilderness (2016; #77) und „The Current“ (2020; #57) nur für jeweils eine Woche in den Top 100, aber die sehr guten Plattenkritiken und die vorherigen Platzierungen ließen erwarten, dass zumindest ein Platz im Mittelfeld erreicht werden könnte. Jedoch Fehlanzeige, es gab zwar 13 Neuzugänge, aber das Hamburger Trio war nicht dabei. Der Grund dafür könnte sein, dass „Sirens“ zwar am 6. Februar digital veröffentlicht wurde, aber CD und LP (black Vinyl) erst eine Woche später folgten. Da muss ich mir die deutschen Album Charts wohl nächste Woche noch einmal ansehen und hoffentlich kann „Sirens“ viele Käufer*innen becircen und in die Plattenläden locken.

Sängerin Eva Milner, ihr Bruder Philip (Tasteninstrumente) und ihr Ehemann Florian Wienczny (Schlagzeug) verknüpfen auf „Sirens“ mystische Bilder mit aktuellen Themen (wie Migration, Identität, Eskapismus) und tauchen in Klangwelten zwischen dunklem, orchestralen Artpop („Sirens“, „Eliot“), atmosphärischer Electronica („Walk On Walls“), tanzbarem Elektropop („Blueberry Dream“) und an die 80er Jahre erinnernden Synthpop („Five Rivers“) ein.   

Hundreds unterwegs in Deutschland:
14.04.3026 München, Strom

15.04.2026 Jena, Kassablanca

16.04.2026 Leipzig, UT Connewitz

17.04.2006 Heidelberg, Karlstorbahnhof

18.04.2026 Stuttgart, Im Wizemann

20.04.2026 Wiesbaden, Kesselhaus

21.04.2026 Köln, Gebäude 9

22.04.2026 Nürnberg, Z-Bau

24.04.2026 Hamburg, Mojo

25.04.2026 Berlin, Columbia Theater

26.04.2026 Hannover, Musikzentrum


 


Generell lassen sich innerhalb des Albums wenige instrumentale Melodien, dafür eher Sequenzen und Fills finden. Das titelgebende "Sirens" bildet, genau mittig platziert, den Übergang zwischen den bereits bekannten Tracks der ersten Hälfte des Albums und dem deutlich akustischer instrumentierten, zweiten Teil. Obwohl "Eliot" kein klassischer Radiohit ist, gehört der Song zu den Highlights der Platte. Er zeigt auf kunstvolle Weise, was vielen Produktionen fehlt: das Verständnis dafür, dass das zwischen den Tönen Liegende keine bloße Abwesenheit von Klang ist, sondern sich diese Bereiche voller Wärme und Größe entfalten können, um dann ebendiesen erschaffenden Raum wiederum der Instrumentierung darzubieten. Zurückgenommenes Zusammenspiel von Klavier, Schlagzeug, Streicher, Bass und dezenten Bläsern: Man fühlt sich zart an Talk Talk erinnert. 


 


Erneut umschließen sich elektronische und orchestrale Instrumente zu einem Klangbild, das nach zeitloser Vergangenheit klingt. Der Fokus liegt diesmal jedoch stärker auf den reinen Kompositionen und noch weniger auf treibenden Synth-Pop-Beats.
Und die sind vielfältig: Mal verspielt, mal mit mechanischer Präzision tickend, mal mit kathedralischem Hall, filmreifem Sounddesign und steilen Spannungskurven.
Eva Milners Gesang schwebt über alledem – weniger sirenenhaft, als der Albumtitel vermuten lässt, sondern stets klar, präsent und mindestens genauso samtig wie die harmonische Grundlage.


 


Eine Musik, die ihre eigene Spiritualität in sich trägt und ebenso bodenständig wie transzendent wirkt. Dabei bleiben sich Hundreds stilistisch treu und bewegen sich erneut durch ein Spektrum, das von elektrifizierten Clubsounds bis zu sinfonieartiger Grandezza reicht. Ein wirklicher Hochgenuss und eine Platte, die zwar das oft verschriene Label „Made in Germany“ trägt, sich den damit verbundenen gängigen Klischees jedoch verweigert und stattdessen einen internationalen Anspruch verfolgt und erfüllt. Es ist ihr bestes Album seit dem grandiosen Zweitwerk „Aftermath“ (2014)!




13. Februar 2026

Alice Costelloe - Move On With The Year


Was kann ich euch über Alice Costelloe erzählen?

Vielleicht, dass die englische Singer/Songwriterin zwischen 2011 und 2018 zusammen mit dem US-Amerikaner Kacey Underwood in der Band Big Deal war und die Alben „Lights Out“ (2011), „June Gloom“ (2013) und „Say Yea“ (2016) veröffentlichte.

Vielleicht, dass sie seit 2022 Songs unter ihrem eigenen Namen herausbringt, 2024 eine erste EP („When It’s The Time“) folgen ließ und am 6. Februar 2026 ihr Debütalbum „Move On With The Year“ über Moshi Moshi Records veröffentlichte. Freunde der Schallplatte können die 10 Songs auf black Vinyl käuflich erwerben.

Vielleicht, dass sie „Move On With The Year“ zusammen mit dem Tunng-Mitglied und Produzenten Mike Lindsay (Laura Marling, Anna B Savage, LUMP) in dessen Margate Studio aufgenommen hat. Das Album bietet versponnenen Artpop und zarten Folkpop zu Mellotron-Drones, flatternden Flöten, verzerrten Synthesizern und stolpernden Klavieren.

Vielleicht, dass sich Alice Costello auf ihrem Solodebüt intensiv mit der Drogensucht und der emotionalen Abwesenheit ihres Vaters, dem im letzten Jahr verstorbenen Designer Paul Costelloe, während ihrer Kindheit auseinandersetzt.


Vielleicht, dass Alice Costelloe die Enkelin des Malers Lucian Freud ist, der ein Enkel von Sigmund Freud war. 2003 schuf der Maler ein Bild von seiner Enkelin. 


 


 


‘Move On With The Year’ marries sonic familiarity with emotional lyrical introspection, her often dainty but always dependable indie pop toying with minimalism while she expresses past wounds, emotional distance and long-avoided family scars. A huge step forward musically, as it would appear to be personally.
(DIY)


 


 


Move on With the Year is a work of refined, elegant art pop, rendered through stunning production, in which Alice Costelloe’s crystalline voice floats over a rich palette of electronic instrumentation with grace. In many ways, Costelloe has taken an intensely personal subject matter and transcended it, as if the real story—the only story, in fact—of the record is the music, which is to say she is a survivor. Although she cannot entirely lay the ghost of her father, the record isn’t a pyrrhic victory: by confronting the past, the present is lived and, possibly, embraced. If not, this album will make you dance. Sometimes that is enough.


11. Februar 2026

A.S. Fanning - Take Me Back To Nowhere


Ein Bruch im wahrsten Sinne des Wortes: Der seit einigen Jahren in Berlin lebende, irische Songwriter Andrew Stephen Fanning brach sich das Handgelenk und zwang ihn dazu, seinen Songwriting-Prozess an Keyboard und Drum-Machine zu verlagern. Dies kann man aus seinem vierten Album „Take Me Back To Nowhere“ deutlich heraus hören: Bewegte sich der Mann mit dem tiefen Baritone und den düsteren Songs früher zwischen Folk und orchestralem Rock, so sind nun Einflüsse von New Wave und Electronica deutlich zu vernehmen.

Klingt „Today Is For Forgetting“ nicht deutlich nach Leonard Cohen zu „I’m Your Man“ (1988) Zeiten, als er sich durch den Einsatz von Synthesizern einen moderneren Sound zulegen wollte? Und könnte das sphärisch schwebende „Now I’m In Love“ nicht einen Science-Fiction-Film mit Retro-Optik musikalisch untermalen? Und würde „Idiot Leader“ mit seinen stoischen Drum-Machine-Sounds nicht perfekt in eine Nebel umhüllte New-Wave-Disco im Berlin der 80er Jahre passen, irgendwo zwischen The Cure, Grauzone, Joy Division oder Anne Clark?   

Take Me Back To Nowhere“ nahm A.S. Fanning (Gesang, Gitarre, Synthesizer, Banjo, Melodica, Glockenspiel) zusammen mit seiner Live-Band - Bernardo Sousa (Gitarre, Synthesizer), Dave Adams (Orgel, Synthesizer, Klavier, Vibraphon), Fred Sunesen (Schlagzeug, Synthesizer) und Felix Buchner (Bass) - und dem Produzenten Robbie Moore   im Idea Farm Studio, einem abgelegenen, umfunktionierten Bauernhof in Südschweden auf. Das Album ist als CD und LP (black Vinyl, transparent blue Vinyl) erhältlich. 

Zusammen wird man das Album auch live präsentieren:
16.03.26 Langenberg, KGB

28.03.26 Altenkichen, Stadthalle

21.04.26 Hamburg, Knust

22.04.26 Leipzig, Secret Location

23.04.26 Dresden, Ostpol

25.04.26 Oberhausen, Gdanska
26.04.26 Offenbach, Hafen 2

27.04.26 Montabaur, Wohnzimmerkonzert
02.05.26 Berlin, Neue Zukunft


 


Aber durchgehend kühl und keyboard-lastig sind die Arrangements zum Glück nicht. Das regelrecht jubilierende Now I’m In Love könnte auch eine Platte von The Divine Comedy zieren, im Instrumental Back To Nowhere II nähert sich Fanning einem melodischen Post-Punk, ehe er gegen Ende mit dem prachtvollen Stay Alive und Talking To Ourselves als melancholischer Crooner im Nick-Cave-Modus brilliert. (…)
Das Ergebnis ist eine Platte, die nicht wie eine schnöde Kopie des bejubelten Vorgängers klingt, Hörer von Mushroom Cloud aber kaum weniger begeistern dürfte.


Fanning setzt mit „Take Me Back To Nowhere“ auf Reduktion. Die Musik wirkt durchdacht, ohne verkopft zu sein, und emotional, ohne sich je in große Gesten zu flüchten. Wenn hier Pathos auftaucht, dann trägt es bequeme Schuhe und entschuldigt sich fast dafür, überhaupt da zu sein.
Was das Album besonders macht, ist seine Konsequenz. Es gibt keinen Moment, in dem man das Gefühl hat, jemand hätte noch schnell „etwas Eingängiges“ einbauen wollen, um die Aufmerksamkeit nicht zu verlieren. Stattdessen vertraut das Album darauf, dass Zuhören an sich noch ein Wert sein kann.




10. Februar 2026

Ist Ist - Dagger


Zweimal standen Ist Ist mit einer ihrer Platten hier vor Gericht, zweimal konnten sie sich in unseren Top 30 platzieren: Los ging es 2023 mit „Protagonists“, das 7,750 Punkte sammeln und sich Rang 28 sichern konnte. Bereits im folgenden Jahr schloss sich „Light A Bigger Fire“ an und  erreichte mit ebenfalls 7,750 Punkten Platz 26. Vielleicht sollten wir also über „Dagger“, insgesamt das fünfte Album der Band, gar nicht zu Gericht sitzen, sondern direkt 7,750 Punkte als Urteil eintragen und abwarten, wo man sich am Ende des Jahres mit dieser Wertung einreiht.  

Oder würden sich die Plattenrichter vielleicht einmal eine Neuerung im Sound des Quartetts aus Greater Manchester wünschen? Denn Adam Houghton (Gesang, Gitarre), Mat Peters (Gitarre, Synthesizer, Keyboards), Andy Keating (Bass) und Joel Kay (Schlagzeuger) setzen zusammen mit ihrem Produzenten Joseph Cross (Hurts, Lana Del Rey, Courteeners) den eingeschlagenen Weg konsequent fort: Düsterer, energetischer Post-Punk-Sound, der aber mit mehr elektronischen Klängen ausgestattet wurde („I Am The Fear“, „Encouragement“). Das ruhige und atmosphärische „Song For Someone“ sticht nicht nur in dieser Hinsicht besonders aus den 10 Songs hervor. In einer Playliste gehören Ist Ist also weiterhin irgendwo zwischen Joy Division, White Lies und The Slow Readers Club.   

Dagger“ ist als CD, Kassette und LP in zahlreichen Farbvarianten erhältlich: black Vinyl, ruby red marble Vinyl, gold Vinyl und black in clear Vinyl. 


Dagger starts with its lead single I Am The Fear, a big bold slab of electronic rock that laid down a marker and a statement of intent that Ist Ist know their strengths and play to them. Written during the extensive touring for Light A Bigger Fire and recorded straight after a tour, it captures the real essence of the Ist Ist experience.

The record hardly pauses for breath after that. Makes No Difference and Warning Signs possess the anthemic qualities to fill academies and arenas with hook lines that it’s almost impossible to resist, songs that barge into your conscience and refuse to budge.

Burning might lack a killer chorus, but it doesn’t need one, it possesses a restless spirit, bulldozing guitars that sound big and ambitious and which hit the mark. The Echo touches back on the electronic vibe of the opener, a soaring monster full of echoing vocals and a chorus that you can see coming a mile off but which still lifts you off your feet. (…)

Dagger is an absolute triumph, their best work to date and a record that will, like its predecessors, do its own work for Ist Ist whilst scaling new heights in the charts and filling the more ambitious live rooms they’ve got planned for 2026.


 


 


 




9. Februar 2026

James Walsh - It’s Happening


Kinder, wie die zeit vergeht! Im Herbst feiert „Love Is Here“, das Debütalbum von Starsailor, bereits seinen 25. Geburtstag! Dieses Jubiläum feiert die Band, die 2024 mit „Where The Wild Things Grow“ ihr aktuelles Album veröffentlichte, mit eine Tour, auf der das Debüt selbstverständlich im Mittelpunkt stehen wird.


  


Der umtriebige James Walsh, Sänger und Gitarrist von Starsailor, kann aber wohl nicht anders, als zwischendurch weiter Songs zu komponieren und aufzunehmen. So kommt er mittlerweile, trotz Veröffentlichungen und Tourneen seiner Hauptband, auf sieben Soloalben in den letzten 14 Jahren. „It’s Happening“ wurde von Walsh im Alleingang geschrieben, in seinem Home Studio eingespielt und produziert. Der Singer/Songwriter präsentiert elf höchst reduzierte, zurückhaltende und warme Folk-Songs, in denen sich zu seinem Gesang und akustischem Gitarrenspiel nur pointiert Percussion, Piano oder E-Gitarre gesellen. Als Anspieltipps oder Highlights würde ich „Rachel“, auf dem Walsh die tragische Geschichte der Aktivistin Rachel Corrie, die im Gazastreifen bei ihrer Arbeit für die Internationale Solidaritätsbewegung getötet wurde, erzählt, und „Coney Island“ herausstellen.

„It’s Happening“ erscheint über das griechische Label Green Cookie Records als CD und LP (limitiert auf 200 Exemplare). 


 


Standouts include the heart-tingling ‘Loving You’: raw, tender, and infinitely relatable. There’s a spark of new love here, but it’s tinged with the bittersweet ache that only he can capture. ‘Shadows’ follows suit, diving into introspection and memory with lyrical clarity, turning personal reflection into something universally felt.
Walsh’s brilliance shines brightest when he pares things back. ‘Broken Days’ hums with weary hope, a meditation on holding on without fanfare, while closing track ‘Firefly Moments’ is the emotional apex: fleeting glimpses of beauty captured with serene, almost reverent precision. Inspired by Abi Morgan’s ‘This Is Not A Pity’, it lingers long after the final note. (…)
‘It’s All Happening’ sees James at his most intimate – alone in his studio, shaping mood and emotion as he always does – superbly!
There’s no need for fireworks or theatrics, this is a record that lingers; that resonates long after the music ends. It’s a powerful reminder that Walsh’s songwriting remains as sharp and emotionally honest as ever, capturing both personal truths and universal emotions, with unparalleled clarity.
Profound, evocative, and quietly compelling, ‘It’s All Happening’ reaffirms what we’ve always known: James Walsh has a special, unique ability to turn life’s intimate and fleeting moments into something special.






6. Februar 2026

Whitelands - Sunlight Echoes


2016 gründete der 18-jährige Londoner Etienne Quartey-Papafio zunächst als Soloprojekt Whitelands. Aber bereits im folgenden Jahr stand der Sänger und Gitarrist zusammen mit Michael Adelaja (Gitarre), Vanessa Govinden (Bass) und Jagun Meseorisa (Schlagzeug) erstmals als Quartett auf der Bühne. Einige selbst veröffentlichte Songs müssen wohl das Label Sonic Cathedral auf Whitelands aufmerksam gemacht haben, die 2024 das Debütalbum „Night-Bound Eyes Are Blind To The Day“ veröffentlichten. Nicht nur zur Freude von NME und Rough Trade, die mit Lob nicht sparten. 

Auch für ihr zweites Album arbeiteten Whitelands erneut mit dem Londoner Produzenten Ian Flynn zusammen. Für den Mix und das Mastering engagierte man den zweifachen Grammy-Preisträger Eduardo de la Paz (Arcade Fire, Manic Street Preachers, Editors, The National, The Charlatans) sowie Simon Scott von Slowdive. Zwei Songs („Songbird (Forever)“, „I Am No God, An Effigy“) wurden durch die Streicher von Iskra Strings bereichert, auf „Sparklebaby“ hören wir das ehemalige Lush-Mitglied Emma Anderson mitsingen. 

Aufgrund der gefallenen Namen lässt sich wohl schon vermuten, dass sich Whitelands zwischen Dreampop, Britpop und Shoegaze bewegen. Obwohl die Band im Entstehungsprozess von persönlichen Verlusten, Trennungen oder finanziellen Schwierigkeiten gebeutelt war, stecken in den 10 Songs viele helle, melodische Aspekte. Während die erste Hälfte von „Sunlight Echoes“ die ruhigen und verträumten Songs versammelt, rücken in der zweiten Hälfte, etwa bei „Dark Horse“ oder „Mirrors“, die shoegazigen, lärmenden Gitarren deutlicher in den Vordergrund. 

„Sunlight Echoes“ ist als CD und LP (transparent red Vinyl, transparent green Vinyl, transparent yellow Vinyl) erhältlich.


What makes Sunlight Echoes so compelling is how human it feels. This is a band unafraid to show growth, doubt, joy, and discomfort in the same breath. The songs hit quickly, but they also reward time, revealing new details with every listen. Whitelands have taken everything they learned from their debut and pushed it outward, sharpening their melodies while deepening their emotional reach. It is music made with conviction and heart, the kind that quietly embeds itself into your days. Even when the album ends, the warmth remains, proof that some echoes are brightest when they come from the sun.


 


 




5. Februar 2026

Lande Hekt - Lucky Now


Bereits 2010 gründete Lande Hekt im Alter von 17 Jahren zusammen mit Dean McMullen am Exeter College die Punk Rock / Indierock-Band Muncie Girls. 2012 stieß Luke Ellis hinzu und als Trio veröffentlichten sie mit „From Caplan To Belsize“ (2016) und „Fixed Ideals“ (2018) zwei Alben. Anschließend versuchte sich Hekt als Solokünstlerin und brachte über Get Better Records „Going To Hell“ (2021) und „House Without A View“ (2022) heraus. Im folgenden Jahr gingen die Muncie Girls noch einmal auf Tour und lösten sich anschließend auf. 

Ihr drittes Soloalbum „Lucky Now“ erscheint nun über ein deutsches Label: Tapete Records, was sich auch gut zusammenfügt, da man in Hamburg den Indie- und Janglepop der 80er Jahre zu schätzen weiß. Denn Lande Hekt wütet solo weniger als mit den Muncie Girls und orientiert sich vielmehr an The Pastels und Tallulah Gosh bzw. zeitgenössischen Nachfolgern dieser Bands - jedoch ohne sich die Zuschreibung zum Label Indierock komplett zu verderben, denn beispielsweise „A Million Broken Heart“ würde auch gut auf „It’s A Shame About Ray“ von The Lemonheads oder jedes Album von Nada Surf passen.  Entspanntere, folkige Klänge wie „Middle Of The Night“ könnten auch aus dem Bridgers / Baker / Dacus - Umfeld stammen.

Die 11 Songs von „Lucky Now“ entstanden in Zusammenarbeit mit dem Produzenten und Gitarristen Matthew Simms, der unter anderem Mitglied bei Wire oder Memorials ist, und sind als LP (black Vinyl, red Vinyl) erhältlich.


 


Dieser britischen Songschreiberin dient auf ihrem dritten Album nun das „Favourite Pair Of Shoes“ als Metapher für die kleine Auferstehung aus Ruinen. Um im Mode/Stil Bild zu bleiben: „Lucky Now“ klingt so klassisch britisch, wie ein Signature-Target-Shirt von Ben Sherman aussieht. Wobei der musikalische Bezugspunkt weniger Mod-Ekstase/-Verzweiflung als ein in den Eighties kultivierter Jingle-Jangle-Pop ist, der aber lieber den Blick frei nach vorn richtet, als auf die eigenen Schuhe zu starren.
Dabei ist die Methode in Sachen Dynamik so durchschaubar wie wirkungsvoll, wenn der freundlich singende Gitarren-Sound gern noch mal ein, zwei, drei Umdrehungen anzieht, ohne ganz frei zu drehen. Das wirkt zuweilen statisch, gibt aber später in Songs wie „Submarine“ mehr Nuancen frei. Zwischendurch schmiegt sich „Middle Of The Night“ akustisch an, wenn Hekt diesen Moment feiert, den man gern mal verpasst, weil erst später klar wird, wie schön er eigentlich war.




4. Februar 2026

Ailbhe Reddy - Kiss Big


Den auf dem Plattencover von „Kiss Big“ dargestellten intimen Moment misste Ailbhe Reddy beim Komponieren der 9 Titel, denn das Album entstand nach dem Ende einer langjährigen Beziehung. So untersucht die aus Dublin stammende Singer/Songwriterin die Taubheit, die Verwirrung und die kurzen Momente der Klarheit, die nach einem solchen Bruch entstehen. Aber auch, wie sich dadurch Identität verschiebt, neu ordnet und neu formiert. 

„Kiss Big“ wurde in London, New York, Dublin und Donegal geschrieben, ist literarisch von Werken wie „Fleishman Is In Trouble“ (Taffy Brodesser-Akner) und Sarah Kanes „Crave“ beeinflusst und wurde von Reddy gemeinsam mit Tommy McLaughlin (Villagers, SOAK) in dessen Attica Audio Recording Studio aufgenommen und produziert. In etwas mehr als einer halben Stunde gehen Indierock mit Leise-Laut-Dynamiken („So Quickly, Baby“, „Gorgeous Thing“) und Folkpop mit elektronischen Verzierungen („Allign“, „That Girl“, „Graceful Swimmer“) Hand in Hand, so dass Freunde von Julia Jacklin, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus dem Album eine Chance geben sollten. Der experimentellste Song („Crave“), basierend auf Texten von Sarah Crane, die Reddy sprechend vorträgt, wartet am Ende des Albums.  

Big Kiss“ ist nach „Personal History“ (2020) und „Endless Affair“ (2023) das dritte Album von Ailbhe Reddy und als CD und LP (red Vinyl) erhältlich.


‘Align’ is a slow-burning, electro-tinged opening to the album that brings to mind a mix of Mitski and The Postal Service. Ailbhe asks ‘What are you smiling at?’ and you can feel the pain in her voice. This is followed by the art pop or ‘That Girl’, an atmospheric piece with emo hooks underpinning core memories of this past relationship – and what came after: ‘It’s been so long since I last saw you from my car across the street. You looked happy with your new girl’.
‘So Quickly, Baby’ is a thoughtful and introspective account of the break-up – ‘We were two strangers living in the same house’ – while ‘Untangling’ has more of an alt-rock/early Sharon Van Etten feel running through. ‘Dead Arm’ throws some slacker riffs into the mix as Ailbhe recalls more fond memories, while ‘Gorgeous Thing’ is full of regret: ‘I should have said something to stop you from leaving’.
There are elements of Frightened Rabbit in the first stab of music on the penultimate ‘Crave’. This is a spoken-word monologue that finds Ailbhe recalling her favourite moments – no matter how small: ‘Watch great films, watch terrible films and complain about the radio’. ‘Heavy Cotton’ closes the record with a reluctant acceptance: ‘I knew you for a moment in time’.
‘Kiss Big’ is full of anthems for the broken-hearted. You’re going to love it.