31. Juli 2025

Ólafur Arnalds & Talos - A Dawning


Apropos Ólafur Arnalds: Der isländische Komponist, Multi-Instrumentalist und Produzent hat zwar vor fünf Jahren mit „Some Kind Of Peace“ (Platz 2 bei Platten vor Gericht mit 8,200 Punkten) sein letztes reguläres Studioalbum veröffentlicht, war aber seitdem alles andere als untätig. Es erschienen eine puristische Piano-Version des Albums, diverse Soundtracks („Defending Jacob“, „Surface“, „Moonhaven“ und „Deep Rising“) sowie mehrere Kooperationen auf Singles oder EPs mit RY X, Odesza, Jon Hopkins oder Loreen unter dem Namen SAGES.


 


Auch das vor wenigen Tagen erschiene „A Dawning“ ist eine Kollaboration, und zwar mit dem irischen Musiker Eoin French, der den Künstlernamen Talos gewählt hat. Das Album kommt nur auf 8 Songs, da es tragischerweise nicht fertig gestellt werden konnte, da Eoin French am 11. August 2024 im Alter von nur 36 Jahren nach schwerer Krankheit verstarb.

Zu hören gibt es auf „A Dawning“ typische Ólafur Arnalds Klänge zwischen Ambient und zeitgenössischer Klassik, mal minimalistisch am Klavier, mal durch Streicher veredelt, sowie Talos berührenden Gesang, auf drei Liedern ergänzt von Sandrayati („Bedrock“), Alexi Murdoch („Borrowed Time“) sowie Niamh Regan und Ye Vagabonds („We Didn’t Know We Were Ready“).

A Dawning“ steckt in einer von Talos gezeichneten Hülle und ist als CD und LP (black Vinyl, clear with black Yolk Vinyl) erhältlich. 


 


The resulting album is, predictably, a devastating listen. A seamless blend of its creators’ sensibilities, these eight tracks fuse Arnalds’ gentle pianos and crisp soundscapes with French’s poignant electronica and singular voice. It’s the remarkable textural synchronicity of these artistic polarities that gives the album its heart-clasping power. On “Signs,” one of A Dawning’s most soaring tracks (though still as gentle as a snowflake falling on the tip of your nose), beautiful vocals and intricate piano follow a heartbeat-like pulse, as if the two musicians’ souls are colliding. “west cork, 12 feb” takes a far different route to the same destination, abstracting French’s voice atop some of Arnalds’ most simple piano lines, dissipating into the ether like two souls heading in different directions. (…)
What’s perhaps most incredible about A Dawning is that, despite the circumstances of its creation, it never feels just plain sad. The emotions being explored here are so much richer, more complicated, and more transcendent than that. A top-to-bottom success and one of the most emotionally resonant albums you’ll hear this year, A Dawning will set your soul soaring.


 



30. Juli 2025

Message To Bears - Tired Eyes, Waking Hearts


33 1/3 Minuten bietet sich als ideale Spielzeit für eine Langspielplatte geradezu an. Der englische Komponist und Multi-Instrumentalist Jerome Alexander hätte nur 57 Sekunden länger in seinen verträumten Ambient/Folktronic-Welten schweben müssen, um diese zu erreichen.

Unter dem Namen Message To Bears erschafft er wunderschöne Klanglandschaften, indem er Akustikgitarre, Klavier, Elektronik, ätherische Samples, Streicher und sanft gehauchte Gesangsstimmen miteinander verwebt. Das dürfte Freunden von Federico Albanese und Ólafur Arnalds gefallen! Als Anspieltipps würde ich „Open Lungs“, „Capsize“ und „River Calls“ empfehlen.


 


Für „Tired Eyes, Waking Hearts“ hat er sich etwas zeit gelassen, denn der Vorgänger „Constants“ liegt bereits sechs Jahre zurück, und zahlreiche Gastmusiker*innen in sein Heimstudio eingeladen, die Gesang („Knots Tied In Grass“, „Half Light“ und „Capsize“), zahlreiche Streich- (Geige, Cello) und Blasinstrumente (Posaune, Trompete, Saxophon, Klarinette) beisteuern.  

Tired Eyes, Waking Hearts“ ist digital Mitte Juli erschienen, eine limitierte LP wird im September folgen. 


 


Tired Eyes, Waking Hearts is a tight, immersive ride through ambient orchestral layers and folktronica beats, with the spotlight track ‘Capsize’ delivering a raw snapshot of emotional tug-of-war—think swelling strings and soft piano clashing with glitchy electronics and field recordings. The album’s got roots in the moody intensity of Explosions In the Sky and the soul-baring simplicity of José González, making it a perfect fit for fans of Sufjan Stevens or Ry X. It’s all about capturing that shift from chaos to calm, with every note meticulously placed to pull you into its world. (…)
Whether you’re a longtime follower or just diving in, this album’s a standout in the Message To Bears catalog, proof that Alexander’s still got plenty to say through his music.


29. Juli 2025

Allo Darlin’ - Bright Nights


33 1/3 Minuten bietet sich als ideale Spielzeit für eine Langspielplatte geradezu an. Dass Allo Darlin’ diese Länge um 26 Sekunden verfehlen, führt schlimmstenfalls zu kleineren Abzügen in der B-Note. Als Ausgleich kommen aus Köln sicherlich Bonuspunkte für den Song „Cologne“, der extra für das von uns sehr geschätzte Cologne Popfest geschrieben und dort im April uraufgeführt wurde.


 


Auf „Bright Nights“ gibt es insgesamt 10 Songs zu hören, die Folkpop und Country näher stehen als dem Indiepop und Twee. Ukulele, Mandoline, akustische Gitarre und Geige dominieren schrammelige Gitarren, so dass zum vierten Album von Allo Darlin’ eher in der Scheune geschunkelt als in der Indiedisco getanzt werden kann. Manchmal klingt es auf dem Album auch eher nach einem Stelldichein von Paul Simon („Northern Waters“) und Vampire Weekend („Historic Times“) auf Hawaii als nach Kölle und seinem Popfest. 


 


Allo Darlin’ sind Elizabeth Morris Innset (Gesang, Gitarre, Ukulele), Bill Botting (Bass, Gesang), Mike Collins (Schlagzeug, Produzent) und Paul Rains (Gitarre), „Bright NIghts“ ist ihr viertes Album, das elf Jahre nach „We Come From The Same Place“ über Fika Records/Slumberland Recordings als CD und LP (black Vinyl, magenta Vinyl, „dusky nights“ (dark sky blue base with a hazy purple wisps) Vinyl) veröffentlicht wurde.


 


Die pandemische Einsamkeit führte zu Zoom-Calls. Und die Zoom-Calls führten zu neuen Songs – und zu BRIGHT NIGHTS. Die, das wird die Anhängerschaft des Quartetts beruhigen, bewegen sich in einem ähnlichen Koordinatensystem wie das bisherige Material; wohl aber erscheint die Band gewachsen, das zeigt schon der Opener „Leaves In The Spring“. Zu einer akustischen Gitarre und ein paar Slide-Gitarrenakkorden singt Morris hier: „I’m not afraid when I’m with you / Though we’re getting older but we know it.“
Nicht der einzige Song auf dem Album, der tief verankerte Liebesverbindungen bilanziert, vielleicht aber der schönste, weil er diesen (sehr sanften) Schlachtruf bereit hält. Denn das können Allo Darlin’ immer noch: Kleine Sätze singen, die überhaupt nicht kompliziert sind, aber ins Schwarze treffen. Zu kleinen Melodien, die hängen bleiben. Und zu Arrangements, die sich vielleicht ein bisserl mehr Rock trauen als früher. Im abschließenden Titelsong wird eine „family of musicians“ beschrieben, die nach allen Katastrophen ihre Instrumente nimmt und loslegt. Berührend. Und auch als Beschreibung dieser Band zu lesen. Schön, dass sie zurück ist.


28. Juli 2025

We Are Scientists - Qualifiying Miles


Vielleicht liegt es daran, dass „With Love And Squalor“, das Debütalbum von We Are Scientists, dieses Jahr seinen 20. Geburtstag feiert und das Duo dieses zuletzt live auch vollständig aufführte, dass Keith Murray und Chris Cain einen wehmütigen Blick zurück warfen, der ihr neues Studioalbum textlich und musikalisch beeinflusste. 

So entstand beispielsweise der Text zu „Dead Letters“, nachdem Keith Murray alte Korrespondenzen mit vergessenen Freund*innen und Weggefährt*innen aus den Anfangstagen der Band durchging und sich an Menschen erinnerte, die damals Teil seines Alltags waren, an die er seit Jahren aber nicht mehr gedacht hatte. So überwiegen auf „Qualifiying Miles“ auch eher die melancholischen Töne, die den nostalgischen Alternative Rock der 90er Jahre hoch leben lassen und gelegentlich an Nada Surf, Weezer oder R.E.M. erinnern.

„Qualifiying Miles“ isr das mittlerweile neunte Studioalbum der We Are Scientists, es bietet 12 Songs in knapp 43 Minuten und wurde über das deutsche Label Grönland Records als CD, Kassette und LP (Pink, Blue and Yellow Splatter on Clear Vinyl, Red/Pink Smash Vinyl) veröffentlicht.
  
Live ist das höchst unterhaltsame Duo immer sehenswert:
04.11.25 München, Strom
05.11.25 Erlangen, E-Werk
07.11.25 Dresden, Beatpol
09.11.25 Mainz, Schon Schön


  


Der Druck, der Perfektionismus, das Denken an die geschäftlichen Dinge rund um den Release wichen dem simplen Songschreiben und dem gemeinsamen Jammen. Diesen Vibe tragen sowohl die schlaue, tanzbare Single "Please don't say it" also auch das beinahe Weezer-eske "The big one"auf der befreiten Brust, während "The same mistakes" seine Melodie nur zu gern in dezentes Synthie-Gewand kleidet. Und so überzeugt "Qualifiying miles" nicht zuletzt durch Abwechslung. Und, sagten wir das schon? Durch Melancholie. 


 


Mit dem weiter ausholenden „A Prelude To What“ etablieren Keith Murray und Chris Cain diese Stimmungslage für ihr neuntes Album vom Start weg, um sie dann weiter aufzufächern.
Etwa wenn Murray im halb akustischen Waltz „Dead Letters“ halbwegs ratlos alte Korrespondenzen sichtet. Klang so nicht schon die bessere Hälfte der Neunziger? Wenn amtliche Gitarren einer erhöhten Pop-Sensibilität nicht im Wege stehen, schon. Nur mit „Indie“ kann man das nicht mehr stempeln. Oder doch wieder?




27. Juli 2025

Puder - Aha. Ok. Let’s Surf The Planet.


Die erste Vorladung (XIII-MMXXV)

Personalien:
Catharina Boutari wurde in Graz als Tochter eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, wuchs in Nordrhein-Westfalen auf, lebt und arbeitet in Hamburg. Sie ist Sängerin, Komponistin, Produzentin, Musikerin und Labelbetreiberin. 

Tathergang:
Catherina Boutari spielt seit ihrem 14. Lebensjahr in Bands und veröffentlicht seit 2000 Alben als Uh Baby Uh, Catharina Boutari und Puder, meistens im Bereich des deutschsprachigen Indierocks. Sie ist Absolventin des Popkurses der Musikhochschule Hamburg, hat dort Musiktheaterregie studiert und leitet ihr eigenes Label Pussy Empire Recordings, das nur Musik von Frauen veröffentlicht und alle Produktionen mit mindestens 50% Frauen oder auch diversen Menschen besetzt. 2016 rief sie die Reihe der „Puder Session Tapes“ ins leben, die bewusst mit den Normen der gängigen Produktionsbedingungen bricht. 
Und damit wären wir auch schon bei „Aha. Ok. Let’s Surf The Planet.“, das live beim Future Echoes Showcase Festival in Schweden aufgenommen wurden. Dazu lud sie die niederländische Sängerin Eliën sowie zwei portugiesische Musiker ein: den Jazz Kontrabassist Jorge da Rocha sowie den Elektro-Musiker und Beatmaker Tiago Sampaio aka St.James Park. Zudem ist an der Posaune Rainer Sell zu hören. 
„Aha. Ok. Let’s Surf The Planet.“ ist als Download sowie LP (Clear With Four Colors Splatter Vinyl) erhältlich:


Die Entstehung wird in dieser Dokumentation von Marie Krahl festgehalten:


 


Plädoyer:
Aha, eine handvoll Songs, die sich zwischen verträumtem, cineastischem Indiepop und knisternden, pulsierenden Folktronics bewegen, dazu feiner Harmoniegesang. Am tollsten gelungen sind „On My Sofa“ und „Howl!“. 
Okay, zwischendurch gibt es sechs instrumentale Soundscapes mit jazzigen Schlenkern und Field Recordings, welche die Live-Atmospäre der besonderen Aufnahmesituation unterstreichen, aber nicht zwingend notwendig gewesen wären. 

Zeugen:

„Aha. Ok. Let’s surf the planet“ ist ein bestechend ruhiges Werk. Selbstbewusst spielt es mit Stimme, den Worten und fast beiläufig eingestreuten Schnipseln. Es schwebt dabei locker zwischen dem historischen Folk und dem modernen Design der Electronic. Sowas darf auf vielen Ebenen funktionieren und die Kraft haben auch mit der Stimme und dem Chor zu überzeugen. 
Die Versatzstücke sind vielgestaltig, die Kompositionen faszinierend ausgereift. Puder hat sich die Zeit gelassen, die Landschaft auszurollen, die Ruhe zu nutzen und Dinge zu gestalten, die sich daraus ergeben. Das Bild, das dabei entsteht, kommt in kräftigen Tönen und Farben, die zu  einer Wanderung, wie einer Stadtreise mit Festival-, Kneipenbesuch und dunklen Gassen, passt. 
Selbst in den Titeln offenbart sich eine gelassene Zurückhaltung, die dem Werk entspricht und geradezu gemacht ist, für offene Fenster, Sonntage im Bett und dem Vogelgezwitscher am Morgen : „On my sofa“, „I don’t wanna wake up“ oder „Dreamer’s disease“.
Alles in allem, ein überraschendes, wunderschönes und empfehlenswertes Werk, das euch in den nächsten Monaten begleiten sollte.


Indizien und Beweismittel:

 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


25. Juli 2025

Ekkstacy - Forever


Vier Alben in fünf Jahren, das muss man Khyree Zienty aka Ekkstacy erst einmal nachmachen! Auf „Negative“ (2021, eher ein Mini-Album), „Misery“ (2022) und „Ekkstacy“ (2024) folgte vor einigen Wochen „Forever“, das es in limitierter Auflage auch als hübsches Blood Punch Vinyl gibt:

Der 23-jährige, von Drogensucht und Selbsthass geplagte Kanadier wagte einen Neuanfang und zog dafür in seine Heimatstadt Vancouver zurück. „Forever“ entstand im Studio auf Grundlage seiner Demos zusammen mit seiner Live-Band, was sich auch auf die Musik auswirken sollte. 

Neben den früheren Einflüssen aus Indierock, Post-Punk und New Wave (hier am besten beim Joy Division artigen „Sadness“ zu hören) nennt Ekkstacy nun auch Punk und Emo sowie Bands wie Japandroids oder Nirvana, die er zuletzt vermehrt hörte, als Einflüsse. So lässt er es auf den 13 Songs zwischendurch auch mal ordentlich krachen („Forever“) und schreit dazu herum („She Will Be Missed“). Der weibliche Hintergrundgesang auf „If I Had A Gun“ klingt ziemlich nach den Pixies, „Head In The Clouds“ ist mit seiner Leise-Laut-Dynamik ein feiner Grenzgänger zwischen Grunge und Shoegaze, „Messages“ lässt vermuten, dass er auch Nirvans „MTV Unplugged in New York“ aufgelegt hat. Im weiteren Verlauf des Albums werden aber deutlich ruhigere und melancjholische Töne nageschlagen („Wonder“, „Keep My Head Down“).

Und dann darf man auch einmal diese Quelle zitieren:

Grundsätzlich hat EKKSTACY mit "Forever" einen recht stimmigen Langspieler im Grenzbereich von Indie Rock und düsteren Dark-Wave-Elementen eingespielt. Eigentlich gefällt mir auch dieser grobe Querchnitt zwischen SMASHING PUMPKINS-Melancholie und den eigenwilligen Versatzstücken, die MARILYN MANSON auf dem "Mechanical Animals"-Jahrhundertwerk zusammengeschoben hat. Leider jedoch ist der Solokünstler aus Vancouver bei der Ausgestaltung seiner Songs manchmal eine Spur zu konsequent, setzt hier und dort sehr abrupte Enden und lässt die emotionale Tiefe seiner neuen Stücke nicht noch etwas weiter reifen. Dies ist insofern nicht allzu verwerflich, da die Gefühlswelten des kanadischen Musikers definitiv auf den Zuhörer übertragen werden. Doch gerade in den etwas intimeren Momenten geht es auf "Forever" gelegentlich ein bisschen zu schnell, und in den Punkten, in denen man gerne auch noch etwas länger auf den Harmonien hätte "herumreiten" können, fehlt dann der letzte Funke Überzeugungskraft.


 


 


 




23. Juli 2025

Blondshell - If You Asked For A Picture


Vor zwei Jahren wäre für „Blondshell“, das Debütalbum von Sabrina Mae Teitelbaum, mehr drin gewesen als Platz 97. Die ersten Urteile waren für die US-Amerikanerin sicherlich erfreulich (7,5 Punkte und 8 Punkte), doch dann versaute ich ihr leider den Durchschnitt (7,167 Punkte).

Jetzt also der zweite Versuch mit „If You Asked For A Picture“, das aber mit Kritikerlob nicht so überschüttet wurde wie „Blondshell“ (76 Punkte gegenüber zuvor 84 Punkten bei Metacritic).

 Die mittlerweile 28-jährige Teitelbaum beschreibt ihr zweites Album selbst als „erwachsener“ und „volller“, was aber nichts daran ändert, dass ihre Liebe dem Alternative Rock der 90er Jahre gehört und in ihrer Plattensammlung sicherlich Alanis Morissette, Red Hot Chili Peppers und The Smashing Pumpkins stehen. Blondshell hat ein paar wuchtige, grungige Songs im Angebot („What’s Fair“, „He Wants Me“) zeigt sich aber auch im akustischen, balladesken Gewand (wie beispielsweise „Two Times“, das eher an The Cranberries denken lässt) und beweist Gespür für überaus eingängige Pop-Melodien („23’s A Baby“).  

If You Asked For A Picture“ bietet ein Dutzend Songs, auf denen Blondshell Themen wie Kontrolle, Beziehungen und Selbstreflexion erforscht und auf eine noch tiefere autobiografische Geschichte verweist. Das Album ist bereits im Mai über Partisan Records als CD und LP (Coke Bottle Clear Vinyl, Sertraline Blue Vinyl, Model Rocket Red Vinyl, Flamingo Pink Vinyl, Ochre Transparent with Blue, Red, and White Splatter Vinyl) erschienen. 

Blondshell in Deutschland:
20.09.25 Hamburg, Reeperbahn Festival
23.09.25 Berlin, Hole44
25.09.25 Köln, Helios37


 


Stilistisch bedienen sich Blondshell und Produzent Yves Rothman dabei erneut aller gängigen Spielarten angesagter Indie-Rock-, Post-Punk-, Schrammelpop- und Alt-Songwriter-Stilistiken. Interessanterweise sagt Sabrina ja, dass sie sich dabei von Klischees männlicher Acts inspirieren lasse, die sie dann spielerisch aus einer weiblichen Perspektive interpretiere – was vielleicht auch erklärt, dass ihre Musik nicht nur bei jungen, weiblichen Fans gut ankommt. Ab dem Song „23’s A Baby“ – einer Reflexion über eine Eltern/Kind-Beziehung – kommen dann langsam wieder jene hymnischen Momente mit ausholenden Melodiebögen, Breitwand-Power-Chords, Mitsing-Refrains, Chorgesängen und elaborierten Zwischenspielen, Bridges und Soli zum Tragen, die bereits das selbstbetitelte Debütalbum so essentiell gemacht hatten. Letztlich funktioniert diese Dramaturgie aber – denn über die bis zum Ende der Scheibe immer besseren Songs wird ein Spannungsbogen erzeugt, dem man sich als Zuhörer kaum entziehen kann. Es ist ja immer wichtig, wenn es auf der schwierigen zweiten Scheibe bereits eine erkennbare künstlerische Weiterentwicklung zu beobachten gibt – uns das ist bei „If You Asked For A Picture“ zweifelsohne der Fall.





21. Juli 2025

Flunk - Take Me Places


Nach 25 Bandjahren verabschiedeten sich Flunk Ende Mai mit ihrem finalen Album „Take Me Places“. 

Die norwegische Band, wurde von Ulf Nygaard (Programming, Gesang, Produktion) und Gitarrist Jo Bakke in Oslo gegründet und später durch die Sängerin Anja Øyen Vister und den Bassisten Ole Kristian Wetten vervollständigt. Erik Ruud unterstützte das Quartett live und gelegentlich im Studio am Schlagzeug.


  
 


Flunk sind ihrem Label (Beatservice Records) und ihrem Stil (melancholischer Downtempo, verträumter Trip Hop, sanfte Folktronica und ätherischer Elektropop) über zahlreiche Veröffentlichungen hinweg stets treu geblieben - und daran ändert auch „Take Me Places“ nichts. Die zarte Stimme von Anja Øyen Vister ist wie immer zauberhaft, die Melodien von „I Think I Like You“ und „Slow Motion (Revolution Rock)“ setzen sich für lange Zeit in den Gehörgängen fest und selbstverständlich frönen Flunk auch wieder ihrem Faible für Coverversionen: „Paradise Circus“ von Massive Attack und „Message You At Midnight“ von Chet Faker werden in die Welt von Flunk überführt, wobei letzteres nun den Titel „Sleeping On The Phone Side“ trägt.

Take Me Places“ ist als CD und LP (black Vinyl) erhältlich und bietet 11 Songs in knapp 40 Minuten.





19. Juli 2025

Roller Derby - When The Night Comes


Deutschland hat insgesamt 2.389 Kilometer Küste, wenn man die Inseln einbezieht, davon 1.585 Kilometer Festlandküste. Da findet sich sicherlich auch einige Strandkilometer mit dem ein oder anderen schicken Strandhaus. 

Dass Deutschland also auch dringend sein musikalisches Beach House benötigt, haben sich möglicherweise Philine Meyer und Manuel Romero Soria aus Hamburg vor einigen Jahren gedacht und die Band Roller Derby gegründet. Hört man deren Debütalbum, so ist die Nähe zum hypnotischen Dreampop von Victoria Legrand und Alex Scally nicht von der Hand zu weisen. 

Bereits 2020 veröffentlichten Roller Derby ihre ersten Songs und so lassen sich zumindest auf den Streaming-Portalen zehn ältere Lieder finden, die für „When The Night Comes“ alle außen vor gelassen wurden. Dieses setzt auf zehn neue Songs, die von Moses Schneider (Tocotronic, Beatsteaks, Phillip Boa And The Voodooclub) produziert wurden und gelegentlich das Tempo etwas anziehen, so dass auch Retro-Gitarrenpop-Bands wie Alvvays, Still Corners oder Best Coasts als Referenz dienen dürfen.

When The Night Comes“ ist als CD und LP (black Vinyl, red Vinyl) bereits in diesem Frühjahr erschienen, kann aber durchaus auch im Sommer am Strand genossen werden. Auch die verspätete Entdeckung dieser Band lohnt sich! 


 


 


Am stärksten sind Roller Derby jedoch vor allem, wenn sie die Schwermut einmal nicht hinter einem Lächeln verstecken, sondern ihr allen Raum lassen, den sie einfordert, und dazu dann auch gewichtigere Akkorde anschlagen: "Silver jet" zieht hier alle Register und maximiert die ganze Dramatik, die sonst oft nur angedeutet wird. Ähnlich angedüstert daher kommt "Your love is a lie", dessen Gitarrenlinie sich unerbittlich ins Hirn schraubt – Johnny Marr würde bestimmt stolz und zustimmend nicken, wenn er Sorias Arbeit lauschte, besonders auch in "Goodbye". Dennoch überlässt "Emily's dance" wieder den Synthesizern die Hauptrolle und gesellt sich zu den Highlights. Obwohl manches zunächst ein wenig vorhersehbar erscheint, gilt spätestens, wenn "In spring" im akustisch angehauchten 60er-Pop landet und interessanterweise entfernt an Lady Gagas und Bradley Coopers "Shallow" erinnert: Bloß nicht unterschätzen! 


 




17. Juli 2025

Wolfgang Flür - Times


Vinyl Varianten: 1 - Stich! 
Auf vielfachen Wunsch geht das Platten vor Gericht Quartett in seine nächste Runde: Vier neue Spielkarten mit vier neuen Bands oder Künstler*innen! 
So geht’s: Die erste Karte des fünften Quartetts ausdrucken, am Rand ausschneiden, sammeln und schon bald spielen! 




Daher bietet TIMES genau den hypermelodischen Synthie-und-Roboterstimmen-Electropop, den man erwartet. Flürs Thema ist der Wandel der Zeiten. Er zitiert das "Hildebrandlied" aus dem 9. Jahrhundert, und bringt die Modell-Idee mit "Posh" auf einen neueren Stand. Er analysiert die Kraft des Kinos und lässt den Kraftwerk-Artworker Emil Schult über einen "Planet in Fever" reflektieren. Man könnte denken: Die Freude auf die Zukunft war gestern, heute regiert die Sorge. Aber dann gibt es Momente der Hoffnung - immer dann, wenn Flür ungewohnte Stimmen einfließen lässt. Zum Beispiel einen weiblichen Chor im Stil von Andreas Doraus' Marinas, der hilft, den besten Track "Über_All" zum tollen Popsong zu machen. Inklusive unverkennbarer Basslinie eines weiteren Gastes: Peter Hook.


 





16. Juli 2025

Die Zärtlichkeit - Popsongs


Vinyl Varianten: 1 - Stich! 
Auf vielfachen Wunsch geht das Platten vor Gericht Quartett in seine nächste Runde: Vier neue Spielkarten mit vier neuen Bands oder Künstler*innen! 
So geht’s: Die erste Karte des fünften Quartetts ausdrucken, am Rand ausschneiden, sammeln und schon bald spielen! 




Auf dem zwei Jahre alten Debüt von Die Zärtlichkeit spielte Jangle-Pop noch eine größere Rolle, der Einfluss von Bands wie The Smiths war unverkennbar. Dabei schien ein Song auch clever Morrisseys enttäuschende Irrungen und Wirrungen zu verhandeln, ohne konkret Namen zu nennen. POPSONGS, das zweite Album des Quartetts, wirkt etwas rougher.
Das gilt für den Ohrwurm „Vienna“, „Angst“ und auch den rockigen Titelsong. (…) 
Im besonders melodischen „Mixtape“ singt Andreas Fischer melancholisch von Dachböden und archivierter Vergangenheit, die ein Eigenleben entwickelt hat. „Schlechtes Vorbild“ klingt eher heiter, widmet sich aber Desillusionen und früheren Helden, die man heute durchschaut hat. Tobias Emmerichs eingängiges Gitarrenspiel passt zu den mehrdeutigen Texten. Endlich denkt eine Band mal an Menschen, die sich im Frühling zu Hause einsperren und diese diffuse Angst aus den unendlich langen Schulferien nicht vergessen haben. Diese POPSONGS sind eindeutig großartig.


 




15. Juli 2025

Die Heiterkeit - Schwarze Magie


Vinyl Varianten: 2 - Stich! 
Auf vielfachen Wunsch geht das Platten vor Gericht Quartett in seine nächste Runde: Vier neue Spielkarten mit vier neuen Bands oder Künstler*innen! 
So geht’s: Die erste Karte des fünften Quartetts ausdrucken, am Rand ausschneiden, sammeln und schon bald spielen! 




Getragen ist das Tempo, gedeckt die Melodien, lyrisch die Sprache, gedämpft die Stimmung, aber man folgt der Wahlberlinerin gern und willig in die Angst vor den eigenen Träumen („Alles was ich je geträumt habe“), betrauert mit ihr das allgemeine Vergehen (das wundervolle „Wenn etwas Schönes stirbt“) oder hört ihr zu, wie sie sich lakonisch in Richtungslosigkeit und Zukunftsangst verliert: „Ich fürchte fast, wir sitzen alle in der Falle“ („Wie stehen die Chancen“). (…)
Doch schnell sind wir zurück im Weltschmerzmodus, jeder Song ist noch berührender als der eben vergangene, man kommt aus dem Tränenverdrücken gar nicht mehr heraus, und eher früher als später stellt er sich ein, der heilende Effekt mutwillig herbeigeführter Trübseligkeit, die sich auch deshalb in Trost verwandelt, weil Sommer immer wieder vorsichtig die Hoffnung aufblitzen lässt.


 


 





14. Juli 2025

Mieze Katz - Dafür oder dagegen


Vinyl Varianten: 1 - Stich! 
Auf vielfachen Wunsch geht das Platten vor Gericht Quartett in seine nächste Runde: Vier neue Spielkarten mit vier neuen Bands oder Künstler*innen! 
So geht’s: Die erste Karte des fünften Quartetts ausdrucken, am Rand ausschneiden, sammeln und schon bald spielen! 




Ihr Soloalbum ist ernsthaft und mit Verve bemüht, das starke Band, das Flintas in der Musikbranche und darüber hinaus verbindet, in Szene zu setzen. Jedes Stück von DAGEGEN ODER DAFÜR entstand in Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Musiker:innen und setzt so auf Kooperation statt Alleingang. Miss Platnum, Antje Schomaker oder Eva Briegel, um nur einige zu nennen, sind Duettpartnerinnen. So weit, so löblich. Allein das Ergebnis dieses Vorhabens kann nicht so ganz überzeugen, denn statt starke, polarisierende Positionen zu bespielen, wie es der Albumtitel irgendwie nahelegt, wird thematisch durchgekaut, was bereits viele andere vorher dachten und formulierten, nur in harmlos und uneindeutig. Äußerst vorsichtig wird musikalisch umgesetzt, was sorgendurchwebte Tagträumereien oder Berlin-Mitte-Überzeugungen so hergeben. 
Der Titeltrack gemahnt an den schlagerhaften Fernsehgartensound von Kerstin Ott, bei "Cool" hat man das Gefühl, einem etwas zu schnell abgespielten Stück von Helene Fischer zuzuhören. Was Mieze Katz macht, ist moderner Schlager. Das wäre ja nicht schlimm, würde nicht durchschimmern, dass etwas anderes gewollt ist.


 


 


 





11. Juli 2025

The Reds, Pinks & Purples - The Past Is A Garden I Never Fed


Ein Song auf dem neuen Album von Glenn Donaldson trägt den Titel „The World Doesn’t Need Another Band“ - die Plattenrichter könnten das ähnlich sehen, denn es gibt ja bereits The Reds, Pinks And Purples, was vollkommen ausreichend ist, wie ein Blick auf das Abschneiden der bisher hier vorgestellten Alben verdeutlicht:
2020: Platz 32 für „You Might Be Happy Someday“ (7,667 Punkte) 
2021: Platz 65 für „Uncommon Weather“ (7,375 Punkte) 
2022: Platz 19 für „Still Clouds At Noon“ (7,833 Punkte) 
2022: Platz 17 für „Summer At Land’s End“ (7,833 Punkte) 
2022: Platz 4 für „They Only Wanted Your Soul“ (8,167 Punkte) 
2023: Platz 16 für „The Town That Cursed Your Name“ (7,875 Punkte) 
2024: Platz 41 für „Unwishing Well“ (7,625 Punkte)
2024: Platz 5 für „This Is Adult Art School“ (8,167 Punkte)

Dieser kontinuierliche Strom an Veröffentlichungen versiegt auch dieses Jahr nicht, denn Glenn Donaldson hat noch einmal nachgeschaut und festgestellt, dass von den über 200 Songs, die er in den letzten sechs Jahren geschrieben hat, der ein oder andere noch keine physische Veröffentlichung erfahren hat, was daran lag, dass The Reds, Pinks And Purples zwischendurch auch immer wieder digitale EPs herausbringen. „The Past Is A Garden I Never Fed“ schließt optisch und akustisch ans bisherige DIY-Oeuvre von Donaldson an und bietet melancholisch-niedergeschlagenen, jangelnden Gitarrenpop („I Only Ever Wanted To See You Fail“, „Your Cult Is On Fire“) und zwischendurch dürfen The Reds, Pinks And Purples auch immer wieder lärmen und schrammeln („The World Doesn’t Need Another Band“, „You’re Never Safe From Yourself“, „My Toxic Friend“).

„The Past Is A Garden I Never Fed“ ist als CD unl LP (neon pink Vinyl) erhältlich.


 


From the first clatter of drums and squalling guitars on The World Doesn’t Need Another Band, we are in the familiar territory of lo-fi textures, chiming guitar chords, and vocals that feel like overheard monologues. Donaldson’s singing is less about fronting a band and more about wistfully narrating a life. Even the more energetic cuts (I Only Ever Wanted To See You Fail, Your Cult Is on Fire) carry that reluctant acceptance that defines his songwriting.
The album moves with a rhythm that reflects its subject matter of day jobs, toxic friends, inner demons, and minor transgressions. Slow Torture Of An Hourly Wage feels like a thesis statement: its skipping drums and stabbing guitar chords conjure the numbing grind of precarious employment, while the keys briefly suggest something loftier. Elsewhere, You’re Never Safe From Yourself channels that anxious propulsion into something anthemic, as the drums push the song forward with a purposeful urgency.
But it is the quieter moments that linger. Richard In The Age Of The Corporation offers a Jarvis Cocker like study in weary observation, with circling guitar lines and lawyerly poise. And the final track, There Must Be A Pill For This, stands out for its finger-picked acoustic guitar, echoing vocals, and abrupt end that feels like the title is a question left hanging.




10. Juli 2025

Wet Leg - Moisturizer


10 Fakten zum neuen Album von Wet Leg:

1. Das 2019 von Rhian Teasdale (Gesang, Gitarre) und Hester Chambers (Gitarre, Gesang) gegründete Duo Wet Leg ist nicht länger ein Duo. Die bisherigen Live Musiker Henry Holmes (Schlagzeug), Josh Mobaraki (Gitarre, Synthesizer) und Ellis Durand (Bass, Gesang) sind nun vollwertige Mitglieder der Band.

2. Beim ersten Album von Wet Leg stammten die Songs größtenteils von Rhian Teasdale allein, nur gelegentlich waren auch Hester Chambers oder (noch seltener) Josh Mobaraki als weitere Komponisten vermerkt. Auf „Moisturizer“ tauchen vier Mal Teasdale und Durand zusammen als Songwriter auf. Aber auch Henry Holmes und Josh Mobaraki werden mehrmals zusammen mit Teasdale gennant. Überraschend ist, dass Hester Chambers gleich zwei Songs allen schrieb („Pond Song“, „Don’t Speak“).

3. Wie beim Vorgänger gibt es 12 Songs zu hören, die Laufzeit von „Moisturizer“ (38:22 Minuten) ist marginal länger als bei „Wet Leg“ (36:27 Minuten).

4. Es war kein Aprilscherz, als am 1. April das zweite Album von Wet Leg für den 11. Juli 2025 angekündigt und „Catch These Fists“ als erste Single veröffentlicht wurde.  „Moisturizer“ steht somit 3 Jahre, 3 Monate und 3 Tage nach „Wet Leg“ in den Plattenläden. 


 


5. Bisher ist Platz 74 in den UK Charts der größte Single-Erfolg von Wet Leg, denn sowohl „Chaise Longue“ als auch „Wet Dream“ konnten diesen erreichen. „Catch These Fists“, dem noch „CPR“ und „Davina McCall“ als Singles folgen sollten, konnte daran nichts ändern und erreichte Platz 99. Die Videos zu Catch These Fists“ und „CPR“ wurden von der Band selbst auf der Isle of Wight gedreht und sind Referenzen an die ebenfalls dort entstandenen Clips zu „Chaise Longue“ und „Wet Dream“: 




6. Es gibt eine limitierte Auflage der Schallplatte (Clear BioVinyl), der eine 7’’ Single beiliegt, auf der sich neben „Catch These Fists“ noch das unveröffentlichte „Hi From Me“ befindet.

7. Außerdem gibt es „Moisturizer“ als CD, Kassette und LP (Black BioVinyl, Neon Yellow Vinyl, Pink Vinyl, Coke Bottle Green Vinyl, Cream Vinyl und Picture Disc) käuflich zu erwerben. Die schickste LP-Variante gab es jedoch bei Bad World: pressed exclusively to ‘moisturizer’-filled LP.



8. Das Video zu „Davina McCall“ stammt vom englischen Regisseur Chris Hopewell, der auch schon für Radiohead, Franz Ferdinand, The Killers oder Goldfrapp arbeitete.


 


9. Wie auch das Debüt wurde „Moisturizer“ von Dan Carey (Fontaines D.C., Foals, Franz Ferdinand, Emiliana Torrini) produziert. Das Mastern übernahm Matt Colton (Muse, Coldplay, Depeche Mode, Hot Chip) und für das Mixing war Alan Moulder (Ride, The Jesus And Mary Chain, U2, Depeche Mode, Suede) zuständig.

10. Wet Leg werden für einen Festivalauftritt und drei reguläre Konzerte im Herbst nach Deutschland kommen. Das sind die Termine:
31.10.2025 New Fall Festival, Düsseldorf

07.11.2025 Theaterfabrik, München

09.11.2025 Columbiahalle, Berlin

10.11.2025 Docks, Hamburg


9. Juli 2025

Jeanines - How Long Can It Last


Eine weitere transatlantische Kooperation zwischen Slumberland Records und dem Skep Wax Label ist „How Long Can It Last“ von Jeanines.

Alicia Jeanine (Gesang, Gitarre) und Jed Smith (Bass, Schlagzeug, Produktion)  taten sich vor mehr als einem Jahrzehnt in New York unter diesem Namen zusammen und veröffentlichten ihre Musik zunächst selbst. Dann wurden sie von Slumberland Records unter Vertrag genommen und es erschienen mit „Jeanines“ (2019) und „Don’t Wait For A Sign“ (2022) ihre ersten beiden Alben.

Die Jeanines mögen ihren Indiepop schlicht und schrammelig sowie kurz und knackig, denn keiner der 13 Songs auf „How Long Can It Last“ dauert länger als 2:16 Minuten und insgesamt laufen auch nur zwei Lieder länger als zwei Minuten („To Fail“, „Coaxed A Storm“). Der DIY-Ethos wird vom Duo eben so hoch gehalten wie Referenzen an die 60er Jahre, an den etwas schrägen Gesang muss man sich als Neueinsteiger in die Musik der Jeanines erst einmal gewöhnen. Da reicht ein Hördurchgang des knapp 22-minütigen „How Long Can It Last“, das als CD und LP (white Vinyl) erhältlich ist, nicht aus.


 


Songs like opening track “To Fail” or “What’s Lost” bear some similarities to the straightforward catchiness of beloved indie bands like Black Tambourine or the Aislers Set, but the Jeanines’ choice to dial back the girl group reverb that those bands relished reveals grimmer lyrical perspectives and a more-earthbound pop sensibility. Parts of the Jeanines’ sound harkens back to the moody mystique of ‘60s bands that were finding their way between folk-rock and psychedelia. In particular, the choral-esque vocal arrangement on “You Can’t Get It Back” is reminiscent of the baroque harmonies of certain songs by the Zombies or the Left Banke, and flashes of electric 12-string guitar amplify the influence of the Byrds or later inspirational bands from the Paisley Underground scene of 1980’s Los Angeles. Folk-rock harmonies and guitar jangle meet with a newfound mod shuffle on standout track “On and On,” a song that can’t quite decide if it's ready to dance or grieve a lost love but still remains strange and captivating for the entirety of its 93-second run time. 


8. Juli 2025

Lightheaded - Thinking, Dreaming, Scheming


Es gab eine Hip-Hop Band aus Portland, Oregon, namens Lightheaded, aber da deren letzte Veröffentlichung bereits fast zwei Jahrzehnte zurück lag, dachten sich Cynthia Rittenbach und Stephen Stec aus New Jersey möglicherweise, dass dieser hübsche Bandname nicht ungenutzt bleiben sollte. Also wurde 2017 mit wechselnden Mitstreitern eine Band gegründet, die sich dem LoFi-Indiepop verschrieb.

Ihre Debüt-EP „Good Good Great!“ erschien 2023, gefolgt vom Album „Combustible Gems“ im folgenden Jahr. Ihr neuestes Werk trägt den Titel „Thinking, Dreaming, Scheming“ und ist über Slumberland Records als CD und LP (green Vinyl) erschienen. In Europa ist das Album über das britischen Skep Wax Label erhältlich, was besonders spaßig ist, da sich auf diesem der Song „Me And Amelia Fletcher“ befindet, der dazu auch noch an Talulah Gosh denken lässt. 

Lightheaded sind sich also ihrer Indiepop-Traditionen bewusst, und nahmen die 10 Songs dem entsprechend zusammen mit Gary Olson (The Ladybug Transistor) in New York, Alicia Vanden Heuvel (The Aislers Set, Poundsign) in San Francisco und Kevin Basko (The Lemon Twigs) in Philadelphia auf. Heraus gekommen ist eine Mischung aus charmantem C86-Sound, verträumter Janglepop mit Sixties Touch und lieblichem Folkpop mit Girlpop-Gesang. In einer Playliste würde der Großteil der Songs gut zwischen Belle & Sebastian und Camera Obscura passen. Zum Dahinschweben, möchte man mit Blick auf die Plattenhülle sagen.


 


Lightheaded makes a muscular kind of twee pop, with shimmering, wafting, girl-group vocals floating above a surprisingly emphatic foundation of rock-oriented guitars and drums. The opening track of this third full-length, “Same Drop” is feather-light but grounded, juxtaposing swoony, dreamy vocals with clarion runs of guitar and a trailing rattle of tambourine. (…)
This album is backloaded, with several of the best tracks coming right at the end, like the Left Banke-ish folk psychedelic “Garden” and “Patti Girl” which shares the same guitar lick, but in a more rock setting. Doo-woppy “Love Is Overrated” is just as good, with its stop-stepping, Phil Spector rhythm (boom bah-boom-boom etc.) and wheedling organ threads. The vocals don’t come in until nearly halfway through, but when they do, surrounded by string flourishes, they bloom like night flowers, sweet, overwhelmingly so, but touched with mystery and sadness.  
   

7. Juli 2025

Loch Lomond / Completions - Split


Sachen gibt es! Denn das gab es bei Platten vor Gericht noch nie: Ein Split-Album. 

Auf der einen Seite der Platte befindet sich „We Go There Often“ von der aus Portland, Oregon stammenden Folk-Band Loch Lomond, von der wir viel zu selten neue Musik zu hören bekommen. Das letzte reguläre Album, „Pens From Spain“, stammt aus dem Jahr 2016, vor drei Jahren erschien digital die EP (oder das Mini-Album) „The Young“. Ähnlich viel (oder besser: wenig) neue Musik wird uns auch nun geboten: Vier neue Folk-Songs zu Piano, Cello, Klavier, Glöckchen und Harmoniegesang, eingebettet in drei kurze Instrumentals. „We Go There Often“ führt die versponnenen Klangwelten von „The Young“ weiter und entstand in sommerlichen Hinterhöfen, verwilderten Gärten und einem gemütlichen Wohnwagen, in dem Hühner unter den Füßen herumliefen. Wenn wir nur alle paar Jahre neue Musik von Loch Lomond zu hören bekommen, ist das vollkommen in Ordnung, wenn wir dafür mit so tollen Liedern, wie dem dramatischen „Driving Gloves“ oder dem wundervollen „Small Hearts“, entschädigt werden.


Auf der zweiten Seite der Schallplatte befindet sich „Regulars“, eine fünf Song-Sammlung, die etwas mehr in Richtung Indierock zielt. Sie stammen von Completions, dem Projekt des Cellisten und Songwriters Shawn Alpay. Das Hauptverbindungsstück zwischen Loch Lomond und Completions stellt Brooke Parrott dar, die in beiden Bands aktiv und mit Alpay verheiratet ist.


Und wenn man schon gemeinsam ein Split-Album veröffentlicht und sich Musiker*innen teilt, dann drängt sich die Idee einer gemeinsamen Tournee geradezu auf und daher reisen Loch Lomond und Completions seit rund zwei Wochen gemeinsam durch Europa und werden ihre Tournee heute Abend mit einem Konzert in unserem Wohnzimmer beenden. Sachen gibt es!


 


 




6. Juli 2025

Big Special - National average


Mit ihrem Debüt „Postindustrial Hometown Blues“ haben Big Special im vergangenen Jahr eine Schneise durch die britische Musiklandschaft geschlagen – irgendwo zwischen Wut, Working-Class-Poetry und Post-Punk. Nun legten sie unangekündigt mit „National Average“ nach und liefern ein Album, welches dem Vorgänger nicht nachsteht. 

Schon der Opener macht klar: Big Special bleiben laut, bleiben politisch, bleiben poetisch. Doch diesmal ist da mehr Raum für Melodie, für Nachdenklichkeit, für Zwischentöne. Die Produktion ist klarer, die Arrangements mutiger, die Texte noch immer voller Dringlichkeit. Und die Wut und das Engagement des Duos ist jederzeit spürbar. 

Besonders herausragend ist „Get Back Safe“. Ein Song, der sich wie eine Umarmung anfühlt in einer Welt, die oft nur mit den Fäusten spricht. Hier zeigt sich die Band von ihrer verletzlichen Seite, ohne an Kraft zu verlieren. Weitere Highlights des Albums sind "The mess", "Yes boss", "Shop music" und "Domestic bliss".

Und während „National Average“ neue Wege geht, bleibt auch Platz für Rückbezüge: „Black Dog/White Horse“, ursprünglich auf dem Debütalbum erschienen, hallt nach wie vor nach – für mich einer der Hits des Jahres 2024. 

„National Average“ ist kein einfaches Album. Es ist ein Album, das fordert – aber auch belohnt. Es ist wütend, zärtlich, politisch, poetisch. Und es zeigt: Big Special sind gekommen, um zu bleiben. Innerhalb eines Jahres ist die Band bereits merklich gereift und hat dabei an nachhaltiger Wucht gewonnen. 

Big Special have created an album here that uses their original blueprint from Post Industrial Hometown Blues, yet smashes it to pieces with a dark and exhilarating album that challenges the brain with some pop moments a la Yard Act without the poncy art bollocks. 

(Louder than war)


"God save he pony":


Big Special live in Deutschland:

  • 18.09. Hamburg (Reeperbahn Festival)
  • 15.10. Hannover
  • 16.10. Berlin
  • 25.10. München
  • 28.10. Köln

4. Juli 2025

Haim - I Quit


10 Fakten zum neuen Album von Haim:

1. Da sich Danielle Haim 2022 von ihrem langjährigen Freund Ariel Rechtshaid getrennt hat, ist „I Quit“ das erste Album der Haim-Schwestern, das nicht von ihm produziert wurde. Diesen Job übernahmen nun Danielle Haim selbst, Rostam Batmanglij (Clairo, Carly Rae Jepsen, Vampire Weekend) sowie Buddy Ross (Frank Ocean, Bon Iver, Miley Cyrus).

2. Die Lieder wurden gemeinsam von Alana, Danielle und Este Haim sowie Rostam Batmanglij geschrieben. Tobias Jesso Jr. sowie Justin Vernon tauchen ebenfalls in der Liste der Komponisten auf.


 


3. Als erste Single wurde „Relationship“ ausgekoppelt - offensichtlich ein älterer Song, denn bei diesem wird auch Ariel Rechtshaid als Komponist genannt. Der Song erreichte Platz 23 der US Rock Charts, in deren Top 20 das Trio nur mit „Want You Back“ (2017) und „Now I’m In It“ (2019) kam. Mit „Everybody's Trying to Figure Me Out“, „Down to Be Wrong“ und „Take Me Back“ gab es vor der Albumveröffentlichung drei weitere Singles zu hören.


 


4. „I Quit“ ist am 20. Juni 2025 veröffentlicht worden und damit fast genau vier Jahre nach „Women In Music Pt. III“ (es fehlten 6 Tage, um genau zu sein). Die bisherigen Abstände zwischen zwei Alben waren kürzer.
Die längere Wartezeit wird den Fans mit mehr Musik versüßt: „I Quit“ bietet 15 Songs in 52:55 Minuten. Eine Laufzeit von einer Dreiviertelstunde erreichten die drei Schwestern auf einem Album zuvor nicht.

5. Die CD und die Kassette zu „I Quit“ gibt es gleich mit mehreren Artwork Alternativen, die erneut alle in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Paul Thomas Anderson entstanden: 




6. Und auch bei der Doppel-LP hat man reichlich Auswahl: Black Vinyl, Red Vinyl, Green Translucent [Seaglass] with Black & Pink Splatter, Light Blue Translucent Vinyl, Light Blue Vinyl, Purple Vinyl, Metallic Silver Vinyl, Dark Purple Vinyl.

7. Erstmals erreichten Haim mit „I Quit“ die Top 20 in Deutschland. Platz 19 ist eine Steigerung im Vergleich zu „Days Are Gone“ (#30), „Something To Tell You“ (#44) und „Women In Music Pt. III“ (#27). In Großbritannien kamen sie zum vierten mal „aufs Treppchen“, jedoch nach zwei Nummer Eins-Alben erstmals nur auf Rang 3 (und damit vor Benson Boone), denn Yungblood und Loyle Garner konnten mit ihren aktuellen Alben auf den Plätzen 1 bzw. 2 neu einsteigen. 


  


8. Der erste Song des Albums, „Gone“, enthält ein Sample von „Freedom! ’90“, weshalb neben den Haim-Schwestern und Rostam Batmanglij auch George Michael als Komponist aufgeführt ist. 

9. Der letzte Song des Albums, „Now It’s Time“, enthält ein Sample von „Numb“, weshalb neben den Haim-Schwestern, Rostam Batmanglij und Cass MCombs auch die vier Mitglieder von U2 als Komponisten aufgeführt sind. 

Und doch besteht ein Unterschied zum Vorgängeralbum: Die dunklen Wolken haben sich verzogen und einem stahlblauen Himmel Platz gemacht, Haim arbeiten konziser, bewegen sich näher am klassischen Song entlang als jemals zuvor, wenn sie dadurch auch durch die verschiedensten Räume lustwandeln.
Wir hören, wie die drei sich analogen Strukturen annähern, „Take Me Back“ leckt an Folk und Indie-Rock im Violent-Femmes-Sinne. Auf „Gone“ und „Cry“ winken sie Richtung Soul und Gospel. „Love You Right“ führt ohne Umwege zu den Fleetwood Mac der RUMOURS-Ära, während „Spinning“ auf einem Disco-Beat läuft.
Man mag das als angenehm eklektisch oder irritierend konturlos empfinden, aber doch verhält es sich so: All diese Songs sind so präzise in Szene gesetzt und so smart um die Stimmen der drei angelegt, dass ein sehr konsistenter Musikfluss entsteht, zumal Haim immer dann, wenn es allzu gemütlich zu werden droht, doch noch Bömbchen werfen, seien es die Drone-Gitarren in „Lucky Stars“ oder der stolpernde Beat in „Blood In The Street“. 

10. In der Plattenkritik schneiden die schneidet „I Quit“ mit einem Metascore von 80/100 recht gut ab, so punkteten die drei Vorgänger: „Days Are Gone“ (2013; 79/100), „Something To Tell You“ (2017; 69/100) und „Women In Music Pt. III“ (2020; 89/100).