30. April 2025

Cloth - Pink Silence


Die erste Vorladung (X-MMXXV)

Personalien:
Die Zwillinge Rachael und Paul Swinton stammen aus Glasgow und nennen ihre Band Cloth.

Tathergang:
Das schottische Duo brachte 2018 erste Singles heraus, denen im folgenden Jahr das Debütalbum „Cloth“, welches über das Non-Profit-Indie-Label Last Night from Glasgow veröffentlicht wurde, folgte. Cloth profitierten jedoch insofern davon, dass jemand von Rock Action Records, dem Label der schottischen Post-Rock-Band Mogwai, auf sie aufmerksam wurde. Das Interesse, das sie mit ihrem zweiten Album „Secret Measure“ (2023) in den Medien erzeugten, war nun deutlich größer.
Und soll mit ihrem dritten Album „Pink Silence“ noch getoppt werden: Dazu arbeiteten Cloth in Bristol mit dem Produzenten Ali Chant (Yard Act, Perfume Genius, PJ Harvey) zusammen und können auf Beiträge von Owen Pallett, Adrian Utley (Portishead) und Stuart Braithwaite (Mogwai) verweisen.
Pink Silence“ erscheint über Rock Action Records als CD und LP (pink Vinyl, cloudy marble clear & green colored Vinyl).

Plädoyer:
„Pink Silence“ behandelt universelle Themen wie Beziehungen, Herzschmerz, Verlust und Selbstakzeptanz und Cloth bewegen sich dabei zu eindringlichem, ätherischen Gesang auf poppigen Wegen zwischen Dreampop und Folkrock. Freunden von Daughter könnte dies gefallen!

Zeugen:

The album opens with the track from which this phenomenon is based, a love story that plays out between the hours of dawn and dusk. Its synth lines and the whispery vocals from Rachael establish a curious atmosphere that matches the backdrop of the Pink Silence sky wonderfully. The instrumentation is written in such a way that it leaves the listener wanting more - Cloth are keen to not show their full hand just yet. It’s clear there is something coming but we aren’t given any indication as to what that is or how it will make us feel. As the song progresses, new textures and sounds are brought in. Distorted guitar lines, harmonies and a bassline that comes closer to the front give the track a real sense of intensity and urgency. (…)
A real highlight emerges in the halfway point of the album, ‘The Cottage’. It marks an audible shift from everything that comes before it and in many ways acts as a way for both Cloth and listeners to pause and just breathe for a second. (…)
Several tracks feature string orchestrations from Owen Pallett. The aforementioned ‘The Cottage’ is a favourite from Rachael and Paul but I particularly enjoyed the features on closing track, ‘Write it Down’. A bringing together of everything, it was always going to be the last song on ‘Pink Silence’. The instrumentation has a real sense of finality to it and the lyrics tie up any ends that had been left. A kind of continuation from ‘Burn’, the penultimate track, it explores the process of moving on from criticism to a place of acceptance. (…) Listening to the track several times over and over, one could suggest that the strings are a musical representation of the message that underpins all ten tracks on the album: that it’s okay to let go. An audible reminder that they can let the music speak for itself. It’s the perfect last song. 


Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


29. April 2025

Pale Lights - Pale Lights


Hört man beispielsweise „Golden Times“ bei einem Blind Date, so würde man aufgrund des nostalgischen Janglepops, der warmen Orgel mit Seventies-Touch und des Boy/Girl-Gesangs vermutlich schnell auf Belle & Sebastian tippen. Also auf einen von Stevie Jackson gesungenen Song. Wirft man dann noch einen flüchtigen Blick auf das Plattencover, so wird die Vermutung, dass es sich um unsere liebsten schottischen Indiepopper handelt, nur noch bestärkt.

Aber glücklicherweise ist Pale Lights groß genug auf die Plattenhülle gedruckt, so dass schnell klar wird, dass diese 8 Song-Sammlung, die ebenfalls „Pale Lights“ heißt, von der New Yorker Band stammt, die auf dieser Platte aus Phil Sutton (Gesang, Gitarre), Suzanne Nienaber (Keyboards, Gesang), Lisa Goldstein (Schlagzeug), Maria Pace (Bass), Andy Adler (Gitarre) und Kyle Forester (Gitarre, Keyboards) besteht.

Mit „You And I“, „Golden Times“ und „Say You’ll Be The One“ gibt es drei ältere Songs zu hören, die bereits 2020 digital veröffentlicht wurden. Hinzu kommen fünf neue Titel - welche die letzten Lieder von Pale Lights sein werden!
Phil Sutton hat nämlich beschlossen, die Pale Lights ad acta zu legen und sich auf sein neues (ähnlich gelagertes) Projekt Love, Burns zu fokussieren.

Jigsaw Records aus Portland und Kleine Untergrund Schallplatten aus Augsburg haben von „Pale Lights“ auch 300 Vinyl-Exemplare (black Vinyl) gepresst.
 
 
Musik, die, grob gesagt, die Ansätze von The Byrds in den späten 60ern und Big Star in den frühen 70ern fortschreibt. Auf eine Weise, die zwar ohne große Studios auskommt, aus der bei allem DIY-Spirit aber auch eine Menge detailverliebter Mühe spricht. Zugleich jedoch klingen Pale Lights unbedingt nach ihrer Heimatstadt New York. Und das gerade, weil ihre Songs so viele unterschiedliche Ansätze vereinen. Zum Beispiel die Geschichte, die der britische Leadsänger und Rhythmus-Gitarrist Phil Sutton mitbringt. In den 90ern war er mit Comet Gain Teil der zweiten Indie-Pop-Generation. Gesanglich wiederum gemahnt er gelegentlich an den jungen Lloyd Cole, dessen Stimme man damals aber nie in so warmen Produktionen hörte wie bei Pale Lights.


 


 





28. April 2025

10 Schallplatten, die uns gut durch den Mai bringen


10. The Kooks - Never/Know (clear Vinyl) (9.5.2025)






9. Clap Your Hands Say Yeah - Clap Your Hands Say Yeah (LP + Flexi 7", Yellow and White Splatter on Crystal Fuchsia Vinyl) (23.5.2025)






8. Sparks - MAD! (GSA Exclusive Boxset) (Limited Edition) (Red Vinyl) (23.5.2025)






7. Kathryn Joseph - We Were Made Prey. (Red Vinyl) (30.5.2025)






6. Turin Brakes - Spacehopper (Limited Translucent Blue Vinyl) (23.5.2025)






5. Garbage - Let All That We Imagine Be The Light (Neon Orange Vinyl) (30.5.2025)






4. Loch Lomond / Completions - Split (black Vinyl) (16.5.2025)






3. Suede - Sci-fi Lullabies Volume 2 (RSD 2025 Clear Vinyl) (12.4.2025)






2. Matt Berninger - Get Sunk (Limited Edition) (Opaque Sky Blue Vinyl) (30.5.2025)






1. Arcade Fire - Pink Elephant (Limited Edition) (Neon Pink & Transparent Yellow Propeller Vinyl) (9.5.2025)







26. April 2025

Billy Idol - Dream Into It


Fast 70 Jahre alt - und Billy Idol tanzt immer noch. So zumindest der Titel der ersten Single aus dem neunen Albums des Sängers, der mit bürgerlichem Namen William Michael Albert Broad heißt. „Still Dancing“ ist selbstverständlich, wie auch die Textzeilen „I’m still dancing but now I’m not alone“ und „from LA to Tokyo“ belegen, eine Anspielung auf seine Single „Dancing With Myself“, die 1980 mit Gen X und ein Jahr später als seine erste Solo-Single veröffentlicht wurde. Der zitatreiche, glamrockende New Wave-Song ist der neunte und letzte auf Idols neuntem Album - und auch der beste:


 


„Dream Into It“ wurde von Billy Idol gemeinsam mit seinem langjährigen Gitarristen Steve Stevens sowie den Songwriter Nick Long, Joe Janiak und Tommy English, der hier auch als Produzent fungiert, komponiert. Das Album erscheint elf Jahre nach „Kings & Queens Of The Underground“ und bietet gleich drei prominente weibliche Gastsängerinnen: Avril Lavigne („77“), Alison Mosshart von The Kills („John Wayne“) und Joan Jett („Wildside“). 

Seit 1984 hat Billy Idol - für junge Menschen: Das ist der Rockstar aus der Workday-Werbung - vor allem in Deutschland eine treue Fan-Gemeinde, die gleich sechs seiner vorherigen Alben (die Ausnahme bilden das Solodebüt aus dem Jahr 1982 und ein Weihnachtsalbum) in die Top 15 der Charts kaufte. Da sie so lange kein neues Album von Idol kauften mussten, ist bestimmt auch noch ein wenig Geld für die wahrlich nicht günstigen Konzertkarten vorhanden. Das sind die vier Termine in Deutschland:
18.06.25 Northeim, Waldbühne
27.06.25 München, Königsplatz
29.06.25 Bonn, KunstRasen
02.07.25 Wiesbaden, Brita Arena

Die Plattenkritiken zu „Dream Into It“ schäumen vor Begeisterung nicht gerade über:

Dieses Punkdingens beschäftigt Idol auch im weiteren Verlauf, in „People I Love“ erinnert er sich daran, wie es war, eine Punkrockband zu gründen. Das ist natürlich einigermaßen lustig, wenn so ein Altpunk dann einen Song singt, der „I’m Your Hero“ heißt und klingt, als sei der Geist von Bonnie Tyler in ihn gefahren. Ist hoffentlich ironisch gemeint – genauso wie die „Dancing With Myself“-Wiederaufereitung „Still Dancing“ zum Abschluss.

Steve Stevens quält seine Gitarre. Leider ist „Still Dancing“ als skrupelloses Zitat in eigener Sache schon der Höhepunkt seines ersten Albums seit einer Dekade, das dankenswerterweise so kurz ist, wie es Platten anno 1977 waren – aber auch durch gleich drei Frauen als Gäste nicht wirklich zu retten. Im Clinch mit Alison Mosshart (The Kills) traut sich Idol immerhin noch, „John Wayne“ zu sein, mit Avril Lavigne und „77“ gelingt ihm Okay-Punk-Pop. Aber „Wildside“ ist so verwegen wie ein Tote-Hosen-Song auf einer CDU-Wahlparty. Wurde Joan Jett für ihren Auftritt narkotisiert?




25. April 2025

Julien Baker & Torres - Send A Prayer My Way


„Bei Taylor Swift liegt es schon ein wenig zurück, Beyoncé hat es kürzlich getan und Lana Del Rey wird sich demnächst daran versuchen. Wollen wir vielleicht auch? Zusammen?“ 

Vielleicht hat Julien Baker mit ähnlichen Worten Mackenzie Scott in dieses Projekt reingequatscht. Für Baker, die bereits drei Soloalben im breit gefassten Folk-Universum herausbrachte und auch durch Boygenius, ihre gemeinsame Band mit Lucy Dacus und Phoebe Bridgers, in Kooperationen geschult ist, vermutlich nur ein kleiner Schritt, für Scott, deren sechs Alben als Torres eher im Alternative Rock angesiedelt waren, ein deutlich größerer. Dennoch stellte sie sich der Aufgabe und heraus kam mit „Send A Prayer My Way“ ein größtenteils lupenreines Country-Album.

Zwar könnte man „Dirt“ oder „No Desert Flower“ auch Folk oder Americana zuordnen, aber der Einsatz von Banjo, Fiddle und Steel Guitar verorten „Tuesday“, „Bottom Of A Bottle“ oder „The Only Marble I’ve Got Left“ ganz klar in dem Genre, das „Send A Prayer My Way“ plötzlich für einen bestimmten Plattenrichter besonders interessant werden lässt. 
Wie wohl den Country Music hörenden Republikanern beispielsweise „Sugar In The Tank“, das von den Erfahrungen beim Aufwachsen als queere Person in den Südstaaten erzählt, gefällt? Und wenn sie dann auch noch das dazugehörige Video sehen… 


 


Auf Bakers Anfrage antwortete Scott übrigens: „Prima Idee, ich habe uns schon zwei Cowboyhüte und Westernjacken mit Fransen und Stickereien besorgt.“

„Send A Prayer My Way“ ist als CD und LP (black Vinyl, orange Glitter Vinyl) über Matador Records erschienen.    


 


Von Cowboy-Klamauk ist dieses weit entfernt – dafür sorgt neben der Stilsicherheit der beiden Frauen allein schon das inhaltliche Grundgerüst, das unter anderem ihr geteiltes Schicksal als in den konservativen US-amerikanischen Südstaaten großgewordene queere Personen verarbeitet. Dennoch ist den beiden ihr Spaß hörbar anzumerken, "Send a prayer my way" klingt beschwingter, befreiter und lockerer als speziell Bakers Solo-Output.


23. April 2025

Revision: Inspiral Carpets



Heute feiern wir den 35. Geburtstag von "Life" und ehren aus diesem Anlass die Inspiral Carpets mit einer Revision.  



"Life"

1990, Mute Records (12 Songs, 40:00 Minuten)

Dirk:
Schon gewusst, dass es sich bei "Life" um das eigentlich zweite Album der bereits 1983 gegründeten Inspiral Carpets handelt? Rund ein Jahr zuvor war bereits "Dung 4" erschienen, jedoch noch ohne Unterstützung von Mute Records auf dem bandeigenen Label Cow - und das auch nur als Kassette. Und natürlich noch mit dem ursprünglichen Sänger Stephen Holt. Erst 2014 sollte "Dung 4" auf CD und LP wiederveröffentlicht werden. Die besten Songs wurden später mit ihrem neuen Sänger Tom Hingley (eine echt gute Entscheidung) auch neu und professioneller aufgenommen und als Single veröffentlicht ("Joe") oder mit auf "Life" gepackt ("Inside My Head", "Sun Don't Shine"). 
Schon gewusst, dass ich großer Fan der Inspiral Carpets war und selbstverständlich auch deren "Cool as Fuck" T-Shirt mein Eigen nennen durfte? Durch The Stone Roses schwappte die Madchester-Welle Anfang 1990 auch bis zu mir und brachte mir die bis heute währende Begeisterung für The Charlatans und James sowie einige weniger gut gealterte oder kurzzeitige Bands (Happy Mondays, Northside...). Aus der Madchester-Szene und dem Debütalbum der Inspiral Carpets ragen selbstverständlich deren Singles "This Is How It Feels" und "She Comes In The Fall" heraus. Der Großteil des Albums besteht aus schnellen, schnörkellosen Rock-Songs mit dominanter Orgel.      

8,5 Punkte


Ingo:
“Move” und “Directing traffic” sind für mich die Hits auf dem Debüt. Mit diesem lieferte die Band auch das stärkste Album gleich zu Beginn ihrer Karriere ab. 

8 Punkte


Oliver:
In der Liste meiner Lieblingsalben des Jahres 1990 erreicht “Life” knapp einen Platz in den Top 20. Zur illustren Nachbarschaft in diesem Bereich gehören auch The Charlatans oder The Soup Dragons. Weiter vorne in der Liste tummeln sich unter anderem Ride, The Heart Throbs und Carter USM. Letztere haben eine tolle Cover-Version des Inspiral Carpets Songs “This Is How It Feels” aufgenommen und ich habe mich im Vorfeld dieser Revision gefragt, welche Version ich wohl öfter gehört habe. Gefühlt würde ich sagen Carter USM, vor allem da dieser DJ in dieser Backstage-Disco gerne diese Version gespielt hat – zumindest in meiner Erinnerung. So oder so ein großartiger Song. Das Album erhält …

8 Punkte


Torsten:
Oliver, das mit diesem DJ habe ich ähnlich in Erinnerung. Ich mag mich gar nicht festlegen, welche “This is how it feels”-Version bei mir häufiger lief. Sie laufen beide immer noch recht häufig. Meine Highlights auf dem Album sind der eben genannte Song, “She comes in the fall”, “Sun don’t shine” , “Move” und “Sackville”.  

8 Punkte


Gesamturteil: 8,125 Punkte





"The Beast Inside"

1991, Mute Records (10 Songs, 56:11 Minuten)

Dirk:
Fast auf den Tag genau ein Jahr nach "Life" steht "The Beast Inside" in den Plattenläden. Und trotz des kurzen zeitlichen Abstandes klingt das zweite Album der Inspiral Carpets deutlich anders als sein Vorgänger: Die schnellen, schnörkellosen Rock-Songs mit dominanter Orgel muss man mit der Lupe suchen ("Caravan", "Grip"), stattdessen gibt es häufig langatmigen, getragenen Soundscape-Rock mit dominanter Orgel. Waren auf "Life" die Songs in der Regel in 3 Minuten auserzählt, dauern mehr als Hälfte der Songs auf "The Beast Inside" länger als 5 Minuten, das sphärische "Niagara" läuft über 7 Minuten und "Further Away" ist ein fast 14-minütiges Biest. Diesen Wandel hatte bereits die zwischen den Alben veröffentlichte "Island Head" EP angedeutet. Deren "Biggest Mountain" (mit seinem "Golden Brown"-Zitat) hätte "The Beast Inside" noch gut zu Gesicht gestanden.      

8 Punkte


Ingo:
Im Jahr, in dem Grunge im Mainstream ankam, war für “The beast inside” nicht viel zu gewinnen. Auch rückwirkend gibt es bei mir keinen Platz in einer Bestenliste. 

7 Punkte


Oliver:
Einen Platz in meinen Top 20 des Jahres 1991 belegen die Inspiral Carpets mit “The Beast Inside” nicht. Das zweite (bzw. je nach zählweise dritte) Album kommt nicht ganz an den Vorgänger heran. “Sleep Well Tonight” ist in meiner Welt allerdings ein kleiner Hit.

7 Punkte


Torsten:
Aufgrund von Taschengeldknappheit landete das Album 1991 bei einer Musikshoppingtour unter anderen Alben als Second-Hand-CD in meinem Rucksack. Beim Anhören zu Hause schraubten sich vor allem die schönen Intros in meinen Gehörgang. Gerade die Klanglandschaften auf “The Beast Inside” hatten es mir damals angetan (und tun es heute noch). Das Album ist dadurch vielseitiger als sein Vorgänger geworden und wirkt gereifter.

8,5 Punkte


Gesamturteil: 7,625 Punkte





"Revenge Of The Goldfish"

1992, Mute Records (12 Songs, 43:23 Minuten)

Dirk:
Mein liebstes Album der Inspiral Carpets steckt in einer Plattenhülle, für die sich die Band das Foto einer Installation namens “Revenge Of The Goldfish” von Sandy Skoglund borgten. Obwohl hier ein Hit den nächsten jagt, das Quintett zum Konzept der größtenteils schnellen, schnörkellosen Rock-Songs mit dominanter Orgel zurückkehrte und “Dragging Me Down” ihr größter Single Hit (#12) werden sollte, enttäuschte das dritte Album mit Platz 17 in den UK Charts, nachdem “Life” und “The Beast Inside” zuvor die Plätze 2 und 5 erreicht hatten.  

9 Punkte


Ingo:
Ein sehr homogenes Album. Die Rockorientierung lief eigentlich in meine Richtung. Trotz vieler starker Songs fehlt insgesamt der "Wow"-Moment, um "Life" als bestes Album der Band abzulösen. Trotzdem die gleiche Wertung.

8 Punkte


Oliver:
Die Hit-Dichte wird wieder höher. Zu “Generations”, “Bitches Brew” und “Dragging Me Down” haben wir dann auch endlich mal ausgiebig auf einem Konzert abtanzen können. Und “Two Worlds Collide” ist sowieso einer meiner liebsten Songs der Inspiral Carpets.

8,5 Punkte


Torsten:
Und wieder eine musikalische Weiterentwicklung. Die rockigere Ausrichtung hat mich persönlich aber nicht dazu bewogen, mehr Punkte zu ziehen. Im Ohr geblieben sind mir natürlich “Dragging me down” und “Two worlds collide”.

8 Punkte


Gesamturteil: 8,375 Punkte





"Devil Hopping"

1994, Mute Records (12 Songs, 44:38 Minuten)

Dirk:
Das vierte Album der Inspiral Carpets innerhalb von weniger als vier Jahren sollte ihr letztes werden. Zumindest mit ihrem Sänger Tom Hingley. “Devil Hopping” erreichte erneut die Top Ten (#10) und zudem schaffte die Band aus Oldham in der Nähe von Manchester insgesamt zehn Top 40 Singles - für Mute Records offensichtlich nicht genug, denn das Label ließ sie fallen, woraufhin sich die Band auflöste. Entlassen gehörte auf jeden Fall der Mensch, der dieses Artwork zu verantworten hatte.
Der größtenteils schnelle, schnörkellose Rock mit dominanter Orgel von “Devil Hopping” ist noch etwas rockiger geraten als bei seinen Vorgängern, hat aber nicht nur Killer wie “Saturn 5” oder “Uniform”, sondern auch jede Menge Filler zu bieten.

7,5 Punkte


Ingo:
In den schlechtesten Momenten klingen die Inspiral Carpets nach einer gar nicht mal so guten INXS-Imitation. Die meisten dieser und weitere nicht so tolle Momente finden sich auf “Devil hopping”. 

6 Punkte


Oliver:
Eine (Weiter-)Entwicklung ist dieses Album trotz einiger starker Singles leider nicht. Die schon von Dirk erwähnten “Saturn 5” und “Uniform” stechen positiv heraus.

7 Punkte


Torsten:
Mein CD-Regal erlebt seit Jahren ein eher tristes Dasein. In meine Plattensammlung hat sich “Devil Hopping” nicht einfinden können und schmollt daher als relativ selten gespielte CD vor sich hin. “Saturn 5” ragt heraus und füllte bei besagtem DJ verlässlich die Tanzfläche.

7 Punkte


Gesamturteil: 6,875 Punkte





"Inspiral Carpets"

2014, Cherry Red Records (12 Songs, 47:47 Minuten)

Dirk:
Eine Reunion mit Tom Hingley währte in diesem Jahrtausend zwar einige Jahre, neue Musik wurde aber zunächst keine veröffentlicht. Über den Ausstieg (oder Rausschmiss) des Sängers kursieren unterschiedliche Aussagen, je nachdem, wen man fragt.
2011 holte sich das verbliebene Quartett nach 22 Jahren seinen ursprünglichen Sänger (1983-1989) Stephen Holt zurück ins Boot und nahm “Inspiral Carpets” auf. Man erkennt deutlich, dass es sich um die Inspiral Carpets handelt (größtenteils schneller, schnörkelloser Rock-Songs mit dominanter Orgel), aber Holt ist eben nicht Hingley und “...” (hier einen beliebigen der 12 Songs des Albums einsetzen) ist noch lange kein “...” (hier nahezu jeden ihrer Songs aus den 90er Jahren einsetzen).

7 Punkte


Ingo:
Eine der musikalisch tollsten Disconächte meines Lebens erlebte ich 2014 in Manchester. DJ an dem Abend war Clint Boon. In dem Jahr vergab ich 8 Punkte. Nun im Rückblick und im Vergleich mit dem Debüt korrigiere ich leicht. 

7,5 Punkte


Oliver:
Ingo korrigiert um einen halben Punkt nach unten – ich um einen halben nach oben. Volker hat das Hitpotential ja damals schon erkannt. Ob er wieder bei 9 Punkten landet? Von mir kommen …

7,5 Punkte


Torsten:
Leider keine Songs mit Hitpotential. Lässt sich alles ganz nett anhören, aber bei mir bleibt nichts hängen. Instrumental mit Wiedererkennungswert, stimmlich nicht.

6,5 Punkte


Gesamturteil: 7,125 Punkte

22. April 2025

Beirut - Study Of Losses


Wie kann man sich das vorstellen? Klingelte im Frühjahr 2023 plötzlich Zach Condons Telefon und im Display tauchte eine ihm unbekannte Nummer auf? Und dann stellte sich die Anruferin nicht als Mitarbeiterin seines Mobilfunknetzbetreibers sondern als Viktoria Dalborg, Direktorin des schwedischen Zirkus Kompani Giraff, vor? Und ehe Condon das Gespräch freundlich beenden kann, da er gerade sein Album „Hadsel“ fertigstellt und weder von Frau Dalborg noch von diesem Zirkus je gehört hat, berichtet sie schon von ihrem nächsten Projekt, der Adaption eines Romans von Judith Schalansky? Und möchte er vielleicht einwerfen, dass er auch weder „Verzeichnis einiger Verluste“ gelesen noch die deutsche Autorin kennt, als ihn Dalborg schon fragt, ob er die Musik für „Study Of Losses“ beisteuern möchte? Und weil der kreative Kopf von Beirut so ein netter Mensch ist, lehnt er nicht direkt ab, sondern informiert sich zunächst über das Buch, sieht sich Videos der Kompani Giraff an und ist dann so begeistert, dass er zusagt. Ja, genau so kann man sich das vorstellen. 

Die Hauptthemen in Schalanskys Buch und in der Adaption für die Zirkusshow befassen sich mit dem Konzept des Verlusts und der Vergänglichkeit von allem, was uns bekannt ist: von ausgestorbenen Tierarten, verlorenen architektonischen und literarischen Schätzen bis hin zu abstrakteren Konzepten des Verlusts durch den Prozess des Alterns. Dazu passt der melancholische, wehmütige Orchesterpop von Beirut natürlich hervorragend. Sollten bei Zach Condon noch letzte Zweifel bestanden haben, räumt Viktoria Dalborg diese bei einem persönlichen Treffen und mittels einer Vorführung einer älteren Show durch ihre Akrobatentruppe aus. Condon schwärmt von der äußerst kreativen und ausdrucksstarken Darbietung sowie der gesamten Atmosphäre, die durch die Beleuchtung, das Bühnenbild und die Musik geschaffen wurde, und erlebt ein besonderes Erlebnis, das für ihn über ein normales Konzert oder Theaterstück hinausging. 

Durch Show und Buch Inspiriert, stellt er 11 Songs fertig, als ihn Dalborg bittet, ob er einige Lieder mit instrumentalen Themen erweitern könne, um die Gesamtlänge der geplanten Aufführung zu erreichen. Condon komponiert fleißig weiter und kontaktiert die Cellistin und Arrangeurin Clarice Jensen, mit der er bereits für „No No No“ (2015) zusammenarbeitete, um Instrumentalstücke für zu ein Streichquartett zu arrangieren. Herausgekommen sind also für „Study Of Losses“ insgesamt 18 Lieder, die fast eine Stunde lang laufen. Im Video zu „Caspian Tiger“, das im letzten November der erste Vorbote zu diesem Projekt war, erhält man auch erste Eindrücke zur Show der Kompani Giraff:


 


„Study Of Losses“ ist über Condons Label Popmeii Records als CD und Doppel-LP (transparent blue Vinyl, dark & stormy Vinyl, smoked out blue Vinyl) veröffentlicht worden.


 


Andererseits aber sorgt die Funktion als Begleitmusik dafür, dass sich Condon auf Stimmungen konzentriert, die epischen Melodiebögen, die wie Wolken vorbeiwehenden Streicher, das monoton schrammelnde Banjo, dass alles ganz im Dienste einer Gemütslage steht, die ausschließlich zwischen Grau und Beige schillert.
Sieben der 18 Stücke sind folgerichtig Instrumentals, aber auch in den Songs ist der Gesang immer wieder nur ein weiteres Instrument, singt Condon manchmal nur noch Hmmm oder Aahahah oder brummt wehmütig im Duett mit dem Cello. Das passt zum Thema des Albums, das sich, inspiriert von Judith Schalanskys Buch „Verzeichnis einiger Verluste“, so ausdauernd um Vergänglichkeit, Verlust und den eigenen Bauchnabel dreht wie die Songs, die wunderschön und doch vergeblich immer wieder dieselben Schleifen ziehen.

21. April 2025

Rialto - Neon & Ghost Signs


Louis Eliot begegnete mir erstmals zu Beginn der Britpop-Welle als Sänger der Band Kinky Machine mit „Shockaholic“ und „10 Second Bionic Man“, die zwar Einzug in den unteren Regionen der UK Charts hielten und auch gelegentlich in hiesigen Indiediscos gespielt wurden, aber beispielsweise nicht mit musikalisch ähnlichen Bands wie Supergrass oder Elastica mithalten konnten. Nach zwei Alben, die beide erfolglos blieben, war Schluss für Kinky Machine.



 


Anschließend gründeten Sänger Louis Eliot und Gitarrist Jonny Bull mit Rialto eine neue Band, die einen weniger klaren Rock-Sound im Sinne hatte und auf verspieltere und dramatischere Arrangements sowie beatleske Klänge setzte. Erst die dritte Single „Monday Morning 5.19“ zündete und erreichte Platz 37 der UK Charts, die Neuveröffentlichung der zweiten Single, „Untouchable“, erreichte anschließend sogar Rang 20. Überraschenderweise wurde die Band kurz vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums von ihrer Plattenfirma East West gedroppt. Im Vereinigten Königreich erschien dann „Rialto“ über das Indielabel China Records und schaffte er auf Platz 21 der Charts, in Deutschland kam das Album mit anderem Cover noch über East West in die Plattenläden. Das wirklich tolle, im Sommer 1998 veröffentlichte Debütalbum von Rialto steht sehr weit oben auf meiner Vinyl-Wiederveröffentlichungs-Wunschliste. 


  


Das gilt nicht für die „Girl On A Train“ EP (2000) und „Night On Earth“ (2001), die Rialto mit verändertem Lineup und einer Verschiebung zu elektronischeren Klängen anschließend herausbrachten. Der Erfolg blieb aus, so dass nach zwei Alben Schluss für Rialto war. 

Louis Eliot, mittlerweile 57 Jahre alt, veröffentlichte 2004 noch ein Soloalbum („The Long Way Round“) sowie 2010 „Kittow's Moor“ unter dem Namen Louis Eliot & The Embers. Zudem war er als Songschreiber für andere Künstler (beispielsweise Lily Allen oder Will Young) aktiv oder auch Tourmusiker in der Band von Grace Jones. 

Vor sechs Jahren musste Eliot während eines Spanienurlaubs für eine Notoperation ins Krankenhaus gebracht werden und war nur wenige Stunden vom Tod entfernt. Dies führte für den Londoner gleich in mehreren Bereichen zu einer Neuausrichtung oder Rückbesinnung und damit auch zur Wiedergeburt von Rialto. 


 


Dort, wo jetzt Rialto drauf steht, ist aber lediglich Louis Eliot enthalten. „Neon & Ghost Signs“ entstand ohne Mitwirkung der alten Weggefährten und wurde nahezu allein von Eliot komponiert und aufgenommen. Lediglich „Cherry“ und „No One Leaves This Discotheque Alive“ wurden mit Frederick Macpherson, dem Sänger der Band Spector, und dem Produzenten und Multi-Instrumentalisten Tam Johnstone geschrieben.
Der Opener „No One Leaves This Discotheque Alive“ ist ein großartiger Disco-Song,  der Rialto und Kylie Minogues „Can’t Get You Out Of My Head“ kreuzt. Hiervon hätte Oliver bestimmt gern ein Mash-Up, oder? Das anschließende „I Want You“ ist ein Glam-Rock-Stampfer, der an Goldfrapp denken lässt. Der Titelsong ist Synthpop, „Car That Never Comes“ ein bluesiger Rockabilly-Song, der mit diversen Auto-Geräuschen spielt und vielleicht so etwas wie Rialtos „Personal Jesus“ sein wird. „Cherry“ orientiert sich am funky David Bowie der 80er Jahre und „Put You On Hold“ könnte auch wieder auf einem Disco-Album von Kylie Minogue zu finden sein. Eher die ruhigen, romantischen „Sandpaper Kisses“ und „Gone“ würde man als klassische Rialto-Songs bezeichnen.

„Neon & Ghost Signs“ ist das zweitbeste Album von Rialto und erscheint am 25. April als CD, Kassette und LP (white Vinyl, neon pink Vinyl, Glow In The Dark Vinyl) über Fierce Panda Records.


 




20. April 2025

Anika - Abyss


Eigentlich hätte diese Plattenvorstellung nach der von „Ekko“ und „Décollage“ folgen müssen, denn einerseits hat sich die britische muikerin Annika Henderson (wie auch Tara Nome Doyle und Craig Dyer) als Wahlheimat ausgesucht, andererseits klingt „Abyss“ sehr anders als sein Vorgänger.

Bei Anika (als Künstlerin verzichtet sie auf ein n und ihren Nachnamen) hat sich wohl reichlich Frustration, Wut und Verwirrung über die Welt angestaut, die sie in den Berliner Hansa Studios in Musik kanalisieren musste. Heraus kamen 10 intensive und rohe Songs, die innerhalb kurzer Zeit mit einer Live-Band und unter Zuhilfenahme nur minimaler Overdubs aufgenommen wurden. Die Palette reicht vom energetischen Alternative Rock der 90er Jahre („Oxygen“, „Walk Away“) über düsteren Post-Punk („Hearsay“) bis zum melancholischen „Buttercup“ und weckt Vergleiche zu PJ Harvey und Hole, wobei Anikas Gesang teilweise an Nico denken lässt. In Bezug zu ihren früheren Soloalben sucht man hier Trip Hop, Dub und Elektronik so vergeblich wie Kleidung, Schuhe und Köpfe auf dem aktuellen Plattencover.

Abyss“ ist als CD und LP (black Vinyl, cloudy clear Vinyl, translucent gold & black marble Vinyl, black burgundy / white splash Vinyl) erhältlich. 

Anika in Deutschland:
10.05.25 Frankfurt, Mousonturm
07.08.25 Hamburg, Kampnagel Sommerfest
08.08.25 Rees-Haldern, Haldern Pop Festival
09.08.25 Fahrenwalde, Detect Classic Festival


Musikalisch beruft sich Anika sich auf jenen Teil ihrer Inspirationsquellen, die aus ihren bisherigen Arbeiten so noch gar nicht herauszuhören gewesen waren und erschuf eine musikalische Hommage an die Ikonen des Indie-Rock. So führt sie selbst Acts wie Hole, The Breeders oder die Pixies als Referenzen für Songs wie "Walk Away", "Oxygen" und den fast schon poppigen Titeltrack an. Auf der inhaltlichen Seite überrascht Anika mit einem Mix aus Sozialkritik, politischem Empowerment und Real-Poesie. Zweifelsohne zehrt sie dabei von ihren politischen Weltsichten, die sie als Journalistin fast schon ein Mal ins Europa-Parlament geführt hätten und mischt dieses dann mit ihrem andauernden Zwist mit ihren persönlichen Dämonen.


 


 




19. April 2025

Edwyn Collins - Nation Shall Speak Unto Nation


Wenn man die Bestenliste bei Metacritic vom gestern vorgestellten Perfume Genius (#3 mit „Glory“) langsam nach unten durchgeht, stößt man relativ schnell auf Edwyn Collins. Dessen „Nation Shall Speak Unto Nation“ wird dort mit einem beachtlichen Metascore von 84/100 gelistet. 


 


Der schottische Musiker ist mittlerweile 65 Jahre alt und gilt möglicherweise vielen als One-Hit-Wonder, denn mit der 1994 veröffentlichten Single „A Girl Like You“ konnte er Platz 3 in Deutschland und Platz 4 im Vereinigten Königreich erreichen. Zumindest auf der Insel wissen sie um Collins zweiten Hit, „Rip It Up“, der ihn 1983 mit der Band Orange Juice bis auf Platz 8 der Charts führte.


 


In den Charts spielt Collins keine besonders große Rolle mehr, denn weder sein letztes Album „Badbea“ (2019) noch „Nation Shall Speak Unto Nation“, die beide über sein eigenes Label AED Records veröffentlicht wurden, konnte die offizielle UK-Bestenliste erreichen. Um so schöner, dass zumindest die Plattenkritiker Edwyn Collins’ Werk Tribut zollen.  

„Nation Shall Speak Unto Nation“ ist sein fünftes Album nach seinen intrazerebralen Blutungen und sein zehntes Soloalbum insgesamt. Nach seiner erkrankung konnte Collins nur noch Ja, nein sowie den Namen seiner Frau sagen und es ist immer wieder beeindruckend und berührend zu sehen und zu hören, wie er sich mit Unterstützung seiner Frau Grace und der Liebe zur Musik ins Leben und zur Kreativität zurück kämpfte. 

Die 11 neuen Songs wurden in seinem Clashnarrow Studio im schottischen Helmsdale aufgenommen und von Edwyn Collins gemeinsam mit Sean Read und Jake Hutton produziert und bieten nostalgischen melancholischen Alternative Rock („Nation Shall Speak Unto Nation“) mit Northern Soul Einschlag („Sound As A Pound“). Mein Favorit ist eindeutig „It Must Be Real“. Oder doch das von irgend einem Idiophon getragene „A Little Sign“? Oder doch das flottere „The Heart Is A Foolish Little Thing“? Oder doch...


And there’s a surfeit of musicality on display here. ‘Strange Old World’ with its chugging Motown bassline jumps for joy, while the balladic ‘It Must Be Real’ contains one of Edwyn’s finest post-illness vocals, a work of real longing and emotion. ‘A Little Sign’ drips with feeling, while the wry, funny ‘Sound As A Pound’ is delivered with a beaming smile on its face. (…)
‘The Mountains Are My Home’ contains some neat Jansch-esque fingerpicking, while its folky cousin ‘The Bridge Hotel’ toasts Sutherland life, complete with bucolic flute. A space for happiness, joy, and relaxation, the album closes with the Jobim-flavoured ‘Rhythm Is My Own World’, substituting the sands of Rio for the exhaling tide of Brora beach – you suspect Edwyn wouldn’t have it any other way.


 


Musically, the tunes blend pop stickiness with sonic experimentation, but there is a strong sense of place. “The Mountains Are My Home” reflects Collins’ move to the highlands. It’s also a traditional roaming song in the style of Glen Campbell, propelled by a train-track rhythm. Has Collins ever sung more sweetly than on “It Must Be Real”? Never with such directness. The way he performs now has the conversational bluntness of Lou Reed refracted, perhaps, through the sunny disposition of Jonathan Richman. “When you love, love, love again, you succeed,” Collins sings on “Rhythm Is My Own World”. When he does admit to doubt, the notion is quickly dispelled. “Sometimes it brings me down,” he sings on “Sound As A Pound”, “the pain inside, but I’m ok.”


 


In particular, The Heart Is A Foolish Little Thing is a gorgeously bittersweet song about romance and realism, its beautiful hook reminding one of the kind of toytown Motown that Collins used to deal in when he was in Orange Juice.

Then there’s Sound As A Pound, which skips along on the joyful chorus line, “I feel fine / Sound as a pound”; Strange Old World, a gritty but positive co-write between Collins and his guitarist son William; and the unexpected diversion into bossa nova contentment with the closing Rhythm Is My Own World, coming after the low-key balladry of A Little Sign and It Must Be Real. All of this music is a blast, an affecting display of the emotional textures which Collins has always dealt in so confidently, regardless of his health issues.


18. April 2025

Perfume Genius - Glory


Ruhm fährt das siebte Studioalbum von Michael Hadreas reichlich ein. Um genau zu sein lässt sich dieser auf 90/100 beziffern, was „Glory“ zum aktuell drittbesten Album des Jahres* bei Metacritic werden lässt. Das findet der US-amerikanische Musiker offensichtlich richtig umwerfend. 

Wie bei den drei vorherigen Alben komponierte Hadreas einen Großteil der Songs gemeinsam mit seinem Partner Alan Wyffels und ließ „Glory“ von Blake Mills (Feist, Conor Oberst, Beck, Bob Dylan, Laura Marling) produzieren. Neu war ein offener und eher an einer Band orientierter Ansatz, der gegenüber den Ideen und Impulsen von Wyffels, Mills und den im Studio beteiligten Musikern, u.a. der Schlagzeuger Jim Keltner und die Gitarristin Meg Duffy, aufgeschlossener war. 

Hervorzuheben sind „No Front Teeth“, ein Duett mit Aldous Harding, die zerbrechliche Piano-Ballade „Me & Angel“ und das an Sufjan Stevens erinnernde „Full On“. Die zweite Plattenhälfte ist künstlerischer, experimenteller und weniger zugänglich gehalten, spendiert aber weitere Highlieghts, wie beispielsweise „In A Row“. 

Glory“ ist als CD und LP (black Vinyl, blue Vinyl) erhältlich.


* Es führt nach rund einem Drittel des Jahres der für Platten vor Gericht weniger relevante Latin-Musiker Bad Bunny („DeBÍ TiRAR MáS FOToS“) vor Heartworms, deren „Glutton For Punishment“ hier noch auf Bewertungen hofft. 


Perfume Genius in Deutschland:
01.11.25 Düsseldorf, Robert-Schumann-Saal
03.11.25 Berlin, Astra Kulturhaus
04.11.25 Hamburg, Mojo Club


 


Klar, "Me & Angel" ist trotzdem ein sehnsuchtsvolles Liebeslied, getragen durch zarte Percussion und eben die schwarzweißen Tasten, die die Welt bedeuten – das kann Hadreas immer noch. Auch "Dion" schreitet als getragener Piano-Walzer durch Sonnenstrahlen in verrauchten Zimmern. "Glory" bewegt sich jedoch sonst in eine ganz andere Richtung. "It's a mirror" schielt mit seinem Fokus auf Gitarren zu Folk und Country hinüber, traut sich zum Höhepunkt aber auch, an Lautstärke zu gewinnen. (…)
"No front teeth", das Duett mit Aldous Harding, hält sich ebenfalls lieber an Sechssaiter und lässt zum Finale sogar ein besonders verzerrtes Exemplar durch die Gegend heulen, als Abschluss für diesen fantastischen Doppelschlag zum Albumauftakt. Hier haben sich zwei sympathische und äußerst talentierte Weirdos gefunden.





17. April 2025

The Album Leaf - Rotations


„The Album Leaf läuft auch manchmal beim Yoga.“ 

Soll das etwa heißen, das die Yoga-Fachfrau in diesem Haushalt heimlich an meinen Plattenschrank geht, das zusammen mit Sigur Rós aufgenommene „In A Safe Place“ (2004) herauszieht und auflegt, um zu dieser Mischung aus Folktronic und Post-Rock den herabschauenden Hund oder den liegenden Schmetterling auszuführen?

Vermutlich eher nicht, denn offensichtlich hat es Jimmy LaValle in diverse Yoga-Playlisten bei Spotify geschafft. Dafür wäre auch „Rotations“, sein neuntes Studioalbum unter dem Namen The Album Leaf, bestens geeignet. In dieser einstündigen Yoga-Session könnten Adho Mukha Svanasana und Supta Bhadrasana wiederholt ausgeführt werden, vielleicht zu den sanft pluckernden Downtempo-Tracks wie „Rhythm Resolve“, „Whirling Echoes“ oder „Turn Of Fate“. Außerdem ließen sich zu den meditativen, sphärischen Ambient-Klängen - nennen wir exemplarisch das 7-minütige „Dance Of Seasons“ oder das noch länger dahin schwebende „Spiral Of Memories“ - ideal Atemübungen einbinden, um in einem ganzheitlichen Übungskonzept die Energien aus Geist, Körper und Seele zu vereinen. 

Ein spannendes Album, würde ich gern schreiben - das kann ich aber nur, wenn ich vor das Adjektiv das Präfix „ent“ setze.

Rotations“ ist - und das würde die Yoga-Session vermutlich zu oft unterbrechen - als limitierte Doppel-LP auf Splatter Vinyl erschienen:



True to his signature sound, ROTATIONS is a deeply relaxing, moody, and blissful collection of atmospheric electronic compositions.
LaValle seamlessly blends ambient textures with downtempo rhythms, creating a sonic landscape that feels both meditative and emotionally resonant. It’s a record that invites you to slow down, drift inward, and get lost in its subtle, layered beauty.
Perfect for late-night listening or moments of introspection, ROTATIONS reaffirms The Album Leaf’s place as a master of ambient storytelling through sound.


 




16. April 2025

Butler, Blake & Grant - Butler, Blake & Grant


Crosby, Stills & Nash waren ein US-amerikanisches Folk-Trio, das auch gern als Supergroup bezeichnet wird, da David Crosby Mitglied bei The Byrds, Stephen Sitlls bei Buffalo Springfield und Graham Nash bei The Hollies war. Ihr Debütalbum wurde 1969 veröffentlicht und trug den Titel „Crosby, Stills & Nash“, enthalten waren 10 Songs, die jeweils einer der drei Singer/Songwriter & Gitarristen komponiert hatte, der das Lied (mit Unterstützung der anderen beiden) dann auch sang.

Butler, Blake & Grant haben sich daran wohl ein Vorbild genommen, denn sie sind ein britisches Folk-Trio, das auch gern als Supergroup bezeichnet werden darf, da Bernard Butler Mitglied bei Suede war, Norman Blake bei Teenage Fanclub ist und James Grant die Band Love And Money gründete. Ihr Debütalbum wurde just über Butlers eigenes Label 355 Records (clear Vinyl, black Vinyl) veröffentlicht und trug natürlich den Titel „Butler, Blake & Grant“. 
Schade finde ich, das sie nicht auch das Cover von „Crosby, Stills & Nash“ nachgestellt haben: 



 
Auf dem Album sind selbstverständlich 10 Songs enthalten, die jeweils einer der drei Singer/Songwriter & Gitarristen komponiert hat, der das Lied (mit Unterstützung der anderen beiden) dann auch singt. Die Ausnahmen stellen das instrumentale „Rosus Posus“ (vom Trio gemeinsam komponiert) und „Bring An End“, das von Blake & Grant geschrieben wurde, dar:


 


Bei Metacritic steht „Butler, Blake & Grant“ aktuell bei 79/100 Punkten. 

Man darf gespannt sein, wer sich denn zukünftig - stellvertretend für Neil Young - zu dem Trio hinzu gesellen wird…


15. April 2025

The Underground Youth - Décollage


Wie die gestern vorgestellte Tara Name Doyle, lebt auch der aus Blackpool stammende Musiker Craig Dyer in Berlin. Das zwölfte Studioalbum seiner Band The Underground Youth hat er selbst komponiert, aufgenommen und produziert. Dafür übertrug er nach eigenen Angaben die aus der Bildenden Kunst stammende Technik Décollage, das Gegenteil der Collage, auf sein musikalisches Werk. Anstatt Teile von Bildern zusammenzukleben, werden bei der Décollage Teile eines Originalbildes entfernt oder zerstört, um neue Werke zu schaffen. 
Auf die Musik übertragen erklärt Dyer seine Vorgehensweise wie folgt: „I built walls of static coated hip-hop drum samples, layers of Lee Hazlewood style string arrangements and Serge Gainsbourg inspired mellotron melodies, then I began tearing away at these beautiful, chaotic walls of noise, exposing a new sound for The Underground Youth.“

Diese Trip-Hop-artigen Beats in Kombination mit cineastischen Streichern („One Of The Dreamers“, „You (The Feral Human Thunderstorm)“) hat man im Schaffen von The Underground Youth bisher nicht wahrnehmen können. Den so typischen Psychedelic Rock und Shoegaze zu lärmenden Gitarren haben The Underground Youth beim Decollagieren nahezu komplett abgezogen. „I Was There“ klinkt wie eine Mischung aus Shriekback und Primal Scream, „Father“ und „Calliope“ bewegen sich in sehr düsteren Gefilden - so könnte doch eine Zusammenarbeit von Nick Cave und Unkle klingen, oder?

The Underground Youth kamen mit ihren letzten vier Alben bei Platten vor Gericht jeweils unter die Top 60, dies wird auch „Décollage“ gelingen:
What Kind Of Dystopian Hellhole Is This?“ (2017; 7,250 Punkte, Platz 55)
Montage Images Of Lust & Fear“ (2019; 7,667 Punkte, Platz 17)
The Falling“ (2021; 7,500 Punkte, Platz 43)
Nostalgia's Glass“ (2023; 7,833 Punkte, Platz 24)

Décollage“ ist über Fuzz Club als clear yellow Vinyl, transparent bronze Vinyl oder eco-mix pink Vinyl erschienen. 


 


 


Trip-hop and Lee Hazlewood, for instance, are reimagined on “You (The Feral Human Thunderstorm).”
Led by Craig Dyer, the Berlin-based band mostly leaves behind their noise-heavy, psychedelic post-punk roots. The album is dark, but not heavy-hearted. “I Was There” hints at a touch of dark psych, but the overall tone remains airy and restrained.
“One Of The Dreamers” lives up to its name—dreamy and drifting. “Your Beloved Hollywood” leans into folk influences. The result is an atmospheric work, rich in references yet strikingly original.


 





14. April 2025

Tara Nome Doyle - Ekko


Zum letzten Aufgalopp des Maifeld Derbys werde ich Ende Mai / Anfang Juni nach Mannheim reisen. In den letzten Jahren durfte ich dort viele tolle Konzerte erleben und freue mich (auch wenn ich den Freitag auslassen werde) dieses Jahr auf Franz Ferdinand, Efterklang, The Notwist, Konstantin Gropper & Friends, Alex Mayr, Porridge Radio, Drangsal und viele mehr.

Für Samstag ist auch der Auftritt von Tara Nome Doyle fest eingeplant. Die in Berlin lebende Musikerin mit norwegisch-irischen Wurzeln kann dann auf Songs ihrer drei Alben „Alchemy“ (2020; 6,667 Punkte, Platz 163 bei Platten vor Gericht), „Værmin“ (2022; 7,333 Punkte, Platz 74) und „Ekko“ zurückgreifen. 

Ekko“ bietet 10 Songs in 30 Minuten und wurde am 11. April über FatCat Records als CD und LP (black Vinyl, clear Vinyl) veröffentlicht. Thematisch dreht sich das Album um Schmerz, Abschied, Neuanfang und schließlich um Akzeptanz. Passend dazu gibt es zurückgenommenen Kammerpop zu hören, der seine intime Stimmung und emotionale Tiefe durch die Reduktion auf Stimme, Klavier, Gitarre, Streicher, Mellotron und gelegentliche analoge Synthesizer gewinnt. Tara Nome Doyle, die in den letzten Jahren auch für Federico Albanese sang oder Mitwirkende bei Kat Frankies BODIES Projekt ist, hat für „Ekko“ mit dem ebenfalls in Berlin lebenden, Grammy-prämierten Produzenten und Toningenieur („The Joker“, „Chernobyl“) Simon Goff (Apparat) zusammengearbeitet und das Album größtenteils selbst produziert.

Am 31. Mai möchte Tara Nome Doyle in Mannheim doch bitte auf jeden Fall „Lighthouse“, „Bad Days“ und „Anthill“ spielen!


 


Doyle und ihre (handverlesenen und wenigen) Mitmusiker spielen Celli und Melotron, Geige und Klavier, hin und wieder kommen analoge Synthesizer und Flöten zum Einsatz, erzeugen betörende Kammermusik, die sich wie in „I Used To Fly“, „Heaven In Disguise“ oder „Lighthouse“ ins Hymnische öffnet. Doyles irischer Akzent sorgt für die nötige Erdung, so dass das Album nie ins allzu Ätherische entschwebt – jedenfalls fast nie: Der auf deutsch gehauchte Schlusstrack „Hinter den Wolken“ wirkt so luzid, als ob er nur vom Klavieranschlag auf Erden gehalten würde. Musik wie Balsam für gemarterte Seelen, also für uns alle.


 


In wenig mehr als 30 Minuten Spielzeit gelingt es ihr, echtes ‚Albumfeeling‘ aufkommen zu lassen und ein in sich geschlossenes, stimmiges Ganzes vorzulegen, das um die Geschichte von Echo (im Albumtitel in der norwegischen Schreibweise „Ekko“ zu finden) und Narziss kreist. Beiden Figuren sind nahezu instrumentale Tracks gewidmet, welche die A- und B-Seite der Platte eröffnen. Passend zu ihrer mythischen Vorlage klingen auch die insgesamt zehn Tracks entrückt und geheimnisvoll, mitunter gar meditativ.