30. April 2024

St. Vincent - All Born Screaming


10 Fakten zum neuen Album von St. Vincent:

1. Anne Erin Clark fungiert auf ihrem siebten Studioalbum erstmals allein als Produzentin, nachdem sie zuvor mehrmals mit Jack Antonoff („Daddy’s Home“ (2021) und „Masseducation“ (2017)) und John Congleton („St. Vincent“ (2014), „Strange Mercy“ (2011) und „Actor“ (2009)) zusammen gearbeitet hatte.

2. 10 Songs in 41:14 Minuten bietet „All Born Screaming“. Offensichtlich hat St. Vincent eine klare Vorstellung, wie viel Musik ein Album haben sollte, denn ihre bewegten sich immer zwischen einer Spielzeit von 39:09 („Actor“) und 43:38 Minuten („Marry Me“).


 


3. Am 29. Februar 2024 wurde mit „Broken Man“, einem „industrial menacing rock“ Song, die erste Single aus „All Born Screaming“ samt Video veröffentlicht.  Ihr folgten - jedoch ohne Videos - „Flea“ und „Big Time Nothing“ in den beiden anschließenden Monaten.


 


4. Das Video zu dem Song stammt vom Konzeptkünstler Alex Da Corte, der zudem zusammen als Creative Director mit St. Vincent für das Artwork verantwortlich zeichnet. So zeigt die Plattenhülle auch ein Bild aus dem Video zu „Broken Man“, in dem die Sängerin irgendwann beginnt Feuer zu fangen. Bereits für den Clip zu „New York“ arbeiteten Da Corte und Clark zusammen. 

5. „All Born Screaming“ ist als CD und in zahlreichen LP-Varianten erhältlich: black Vinyl, black/white Split Vinyl, red Vinyl, yellow Vinyl, clementine Vinyl, black/white Splatter Vinyl und red and yellow with black Splatter Vinyl. 


Da wäre etwa das auf sein Skelett reduzierte „Reckless“, auf dem Clark ihre Stimme zum Zittern bringt, wie es nur ein richtig emotionaler Streit auslösen kann – just bevor ihr ein akustisches Gewitter inklusive kirchenchor-ähnlichem Gesang zur Seite gestellt ist. Später lässt sie auf „Flea“ ihre Stimme über kalifornisch-verspulte Gitarren schlängeln, nur um mit „Violent Times“ einen Song zu liefern, der mit seinen großen Gesten in Gesang und Arrangement (theatralische Gesangsharmonien! Blasinstrumente!) glatt als eine Bewerbung für den nächsten James-Bond-Titelsong durchgeht. (…)
In der letzten Minute von „All Born Screaming“ nimmt uns Clark jedenfalls an die Hand und reist mit uns der Stratosphäre entgegen. Genese, Tod und Wiedergeburt – Annie Clark erspart uns nichts. Und genau dafür lieben wir sie.


6. Gleich fünf unterschiedliche Schlagzeuger sind auf dem Album zu hören: Josh Freese (The Vandals, A Perfect Circle), Dave Grohl (Nirvana, Foo Fighters), Cian Riordon, der auch das Mixing übernahm und bereits in die Entstehung von „Daddy’s Home“ involviert war, Mark Guiliana (Beat Music) sowie Stella Mozgawa von Warpaint.


 


7. Mit Cate Le Bon komponierte St. Vincent zusammen  den Song „Big Time Nothing“. Auf dem das Album abschließenden Titelsong spielt die walisische Musikerin Bass und steuert Backing Vocals bei. 


 


8. Der Song „Sweetest Fruit“ ist eine Hommage an die 2021 verstorbene und von Clark bewunderte Musikproduzentin Sophie. 

9. St. Vincent darf sich wohl offiziell als Kritikerliebling bezeichnen. Bei Metacritic steht „All Born Screaming“ aktuell bei 89/100 Punkten, ihre vorherigen Alben schnitten wie folgt ab: „Daddy’s Home“ (85/100, 2021) „Masseducation“ (88/100, 2017), „St. Vincent“ (89/100, 2014), „Strange Mercy“ (85/100, 2011) , „Actor“ (81/100, 2009) und nur das Debütalbum „Marry Me“ (78/100, 2007) liegt unter der 80-Punkte-Marke.

10. Wer St. Vincent live in Europa sehen möchte, hat dazu bisher 6 Möglichkeiten, jedoch keine in Deutschland: Solo-Konzerte gibt es in Bristol, London, Luxemburg und Antwerpen, hinzu kommen zwei Festival-Auftritte (Best Kept Secret, Northside) in den Niederlanden bzw. Dänemark. 


29. April 2024

Fat White Family - Forgiveness Is Yours


Würde man das farblose Plattencover mit bunten Punkten für jede Musikrichtung und jeden unerwarteten Stilwechsel akzentuieren, sähe es aus, als ob ein Konfetti-Regen auf „Forgiveness Is Yours“ niedergegangen wäre.

Spoken Word zu Flöten- und Tröten-Folk („The Archivist“), jazziger Psychedelic-Alptraum („John Lennon“), schrille Noise-Attacken zu groovigen Beats als ob zwei Lieder gleichzeitig laufen würden („Polygamy Is Only For The Chief“), ein weiterer Spoken Word-Beitrag über familiäre/kulturelle Abgründe zu wirrem elektronischen Geplucker („Today You Become Man“), pulsierende, düstere Electronica („Feed The Horse“), soften Synth-Pop („What’s That You Say“) irgendwo zwischen Baxter Dury und frühen Pulp oder schräge Cabaret-Klänge zu Chorgesang und Streichern („You Can't Force It“).

Fat White Family ist eine 2011 im Süden von London gegründete Band, die bereits drei Alben veröffentlicht („Champagne Holocaust“ (2013), „Songs For Our Mothers“ (2016) und „Serfs Up!“ (2019)) und zahlreiche Wechsel im Line up hinter sich hat. „Forgiveness Is Yours“ erscheint über Domino Records und ist als CD und LP (black Vinyl, clear Vinyl) erhältlich.

Der musikexpress sorgte dafür, dass die Plattenvorstellung von Fat White Family auf die der Pet Shop Boys folgt:
Wie dem auch sei, die Fat White Family hat sich in Richtung Synth-Pop entwickelt und klingt auf „Bullet Of Dignity“ wie eine diabolische Parallel-Welt Version der Pet Shop Boys. „Religion For One“ ist ein Walzer mit Streichern, Chören und dieser Mischung aus Grauen und Schönheit, die die besten Songs der Fat Whites auszeichnen. Auf „What’s That You Say“ geht’s gar Richtung Italo-Disco, inklusive erotisch gehauchter Vocals und catchy Bass-Linie.
Und auch auf lyrischer Ebene liefert Sänger Lias Saoudi wieder auf voller Linie ab: In „John Lennon“ trifft er im Ketamin-Rausch Yoko Ono, mit „The Archivist“ und „ Today You Become Man“ gibt es auch zwei Spoken-Word-Tracks, Letzterer beschreibt eine traumatische Beschneidungsszene. Klassische Fat White-Family-Themen also, so ein gängig wie selten zuvor – so klingt wohl keine andere Band.


 


 


 





27. April 2024

Pet Shop Boys - Nonetheless


Nicht nur das Cover darf als Reminiszenz an die frühen Alben der Pet Shop Boys verstanden werden, auch der nostalgische Sound von „Nonetheless“ taucht tief in die 80er Jahre ab: Auf „New London Boy“ hören wir den sprechsingenden Neil Tennant, der uns 1986 auf „West End Girls“ verzückte, „Dancing Star“ tänzelt zwischen „Domino Dancing“  und Madonnas „Holiday“ umher und packt auch noch eine „I Want A Dog“-mäßige Aufzählung oben drauf: anstatt Hunderassen sind es in dieser Hommage an Rudolf Nureyev jedoch Städtenamen, die mit dem Tänzer in Verbindung stehen. Und dann wären noch die zahlreichen, von Streicherklängen durchtränkten, melancholisch-warmen Balladen, wie beispielsweise „A New Bohemia“ oder „Love Is The Law“, zu nennen, die der „Behaviour“-Tradition folgen. Dem gegenüber stehen tanzbare Disco-Songs wie „Loneliness“ oder „Bullet For Narcissus“ für das ich mir die Rückkehr von Johnny Marr an der Gitarre gewünscht hätte. Aber schließlich können nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen, denn nach drei von ihm produzierten Pet Shop Boys Alben wurden wir endlich von Stuart Price erlöst! 

Für „Nonetheless“, das als CD, Blu-Ray, Kassette und LP (black Vinyl, white Vinyl, grey Vinyl, Zoetrope Picture Disc) erhältlich ist, arbeiteten Tennant & Lowe erstmals mit James Ford (Depeche Mode, Arctic Monkeys, Blur) zusammen. 
Mit „Wiedersehen“ und „Entschuldigung!“ hatten die Pet Shop Boys auf Single B-Seiten bereits Songs mit deutschen Wörtern und Liedtiteln versteckt, diesmal schaffte es das Kuriosum „The Schlager Hit Parade“ sogar auf das Album. Darauf erst einmal „Glühwein, Wurst and Sauerkraut“!


 


For those who wish the pair’s albums came with a reading list concealed inside a clutch of club flyers, there’s Dancing Star, a lovely three-minute biopic of Rudolf Nureyev – the Russian joining the vast dinner party of historical figures, including Casanova, Debussy, Hitler and the Queen, featured elsewhere in Neil Tennant’s lyrics.
Tennant specialises in the sort of pithy storytelling that’d make him an excellent people’s laureate, and New London Boy, about his glam rock adolescence, is gloriously affecting. Even better, musically, is Loneliness’s handbag-abandoning disco thump. The Schlager Hit Parade is a miss, lacking the pensive uncertainty the duo excel at, but it’s a rare flop. Essentially, there are three types of Pet Shop Boys albums: life-changing, great and OK. This one’s great.





26. April 2024

Air Formation - Air Formation


Mit „Top 3 der Shoegaze-Alben 2018“ begründete ich vor sechs Jahren meine 8 Punkte-Wertung für „Near Miss“, das auf Platz 11 meiner persönlichen Lieblingsalben und auf Rang 35 bei Platten vor Gericht landen konnte. Dieses Jahr könnte es für „Air Formation“ ähnlich aussehen…

Das Quintett Air Formation besteht aus Matt Bartram (Gesang, Gitarre), Ben Pierce (Bass), Richard Parks Keyboards(), James Harrison (Schlagzeug) sowie Ian Sheridan (Gitarre) und besteht unter diesem Namen - bei einer dreijährigen Unterbrechung - seit Anfang 2000. Die Debütsingle war 1999 noch unter dem Bandnamen B.E.A.B. Approved veröffentlicht worden.

Ihr sechstes Album „Air Formation“ entstand in Zusammenarbeit mit Pat Collier (The Wonder Stuff, The House Of Love, Adorable, New Model Army) und Simon Scott, dem Schlagzeuger von Slowdive. Vielleicht muss ich auch deshalb beim Hören der 8 Songs mit ihren aufbrausend-lärmigen Gitarren, den rauschenden Keyboards und dem ätherischen Gesang so oft an „Just For A Day“ denken…

„Air Formation“ wurde von Club AC30 auf CD und LP (black Vinyl, blue with silver Splatter Vinyl) veröffentlicht.





25. April 2024

10 Schallplatten, die uns gut durch den Mai bringen


10. Bat For Lashes - The Dream Of Delphi (Red Vinyl) (31.5.2024)






9. Villagers - That Golden Time (Limited Edition, Gold Vinyl) (10.5.2024)






8. Crowded House - Gravity Stairs (blue Viynl) (31.5.2024)






7. Paul Weller - 66 (Blue Vinyl) 24.5.2024)






6. Richard Hawley - In This City They Call You Love (Limited Indie Exclusive Edition, Transparent Blue Vinyl) (31.5.2024)






5. Billie Eilish - Hit Me Hard And Soft (milky white Vinyl) (17.5.2024)






4. Beth Gibbons - Lives Outgrown (180g, Limited Indie Deluxe Edition) (17.5.2024)






3. Camera Obscura - Look to the East, Look to the West (Limited Indie Edition, Galaxy Vinyl) (3.5.2024)






2. Arab Strap - I'm Totally Fine With It Don't Give A Fuck Anymore (Emoji Yellow Viynl) (10.5.2024)






1. Bernard Butler - Good Grief (Gold Vinyl) (31.5.2024)







24. April 2024

English Teacher - This Could Be Texas


Gestern wurden kurz die Jahres-Charts bei Metacritic angesprochen, in denen vor Taylor Swift noch Beyoncé positioniert ist. Jedoch hat diese die Führung an eine Band namens English Teacher verloren.

Hierbei handelt es sich um eine Indie-/Mathrock/Post Punk-Band aus Leeds, die mit „This Could Be Texas“ vor wenigen Tagen ihr Debütalbum veröffentlicht hat. Neben der Sängerin Lily Fontaine gehören Nicholas Eden (Bass), Lewis Whiting (Gitarre) und Douglas Frost (Schlagzeug) zur 2020 gegründeten Band. Nach einer ersten Single im Jahr 2021 folgte 2022 die „Polyawkward“ EP, welche nicht nur vom NME gelobt wurde, so dass offensichtlich auch jemand bei Island Records auf English Teacher aufmerksam wurde, denn über dieses Label wurde nun das 13 Song starke „This Could Be Texas“ als CD und LP (Galaxy gold marble Vinyl, pink & blue marble Vinyl, black Vinyl, milky white transparent Vinyl, green Vinyl) veröffentlicht.

Dann kommen wir doch einmal zu drei Konzertterminen in Deutschland, einigen Hörbeispielen und lobenden Worten des NME, die dem Quartett einen Metascore von 92/100 bescherten:

02.06.24 Mannheim, Maifeld Derby
27.10.24 Hamburg, Knust
01.11.24 Berlin, Neue Zukunft


 


 


You’ve probably heard English Teacher compared to Squid and Black Country, New Road, but there’s so much colour on the palette of this record than you may have thought. The moments of weight are always lifted by joyful and curious twists, the pathos by a human humour, and the mathier bits are never too wanky. ‘The Best Tears Of Your Life’ sees cyborg sounds and an orchestra totally in harmony, while the pure soulful balladry of ‘You Blister My Paint’ is a totally different approach to a tearjerker.
‘I’m Not Crying, You’re Crying’ glistens like The Smiths’ ‘The Headmaster Ritual’ put through the prism of Jonny Greenwood as Fontaine rolls through a stream of consciousness of her doubts. The album centrepiece is the title track, however, as it carries that lightness of touch with its nursery rhyme feel before building into kaleidoscopic art-rock wig-out and drifting back down to earth. What a ride.
What you have in ‘This Could Be Texas’ is everything you want from a debut; a truly original effort from start to finish, an adventure in sound and words, and a landmark statement.
(NME)


 





23. April 2024

Taylor Swift - The Tortured Poets Department


10 Fakten zum neuen Album von Taylor Swift

1. „The Tortured Poets Department“ ist das mittlerweile elfte Studioalbum von Taylor Swift und das fünfte in weniger als fünf Jahren, denn „Lover“ erschien im August 2019 und ihm folgten noch „Folklore“ und „Evermore“ (beide 2020) sowie „Midnights“ (2022). Wer denkt, dass sich dieser Output negativ in der Albumlänge bemerkbar macht, der sieht sich Dank 16 Songs in 65:08 Minuten getäuscht.

2. Jack Antonoff (seit „1989“ (2014)) und Aaron Dessner (seit „Folklore“ (2020)) waren zuletzt Swifts Produzenten und Co-Songwriter - so auch auf „The Tortured Poets Department“. Antonoff hat 8 Songs gemeinsam mit Taylor Swift geschrieben, Dessner deren fünf. Zwei Lieder („My Boy Only Breaks His Favorite Toys“ und „Who's Afraid of Little Old Me?“) komponierte die Sängerin allein.

3. Fehlt noch ein Lied: Auf „Florida!!!“ ist Florence Welsh zu hören, die auch die Co-Komponistin ist. Der zweite Feature-Gast ist Post Malone auf dem Opener „Fortnight“.

4. Dieser Song wurde auch als erste Single ausgewählt und am 19. April zusammen mit dem Album und einem zum Song gehörenden Video veröffentlicht:




5. Für Sammler von physischen Tonträgern wird „The Tortured Poets Department“ zu einem teuren Vergnügen, denn es gibt noch 4 Bonus-Tracks (The Manuscript“, „The Bolter“, „The Albatross“ und „The Black Dog“), die jeweils einzeln auf nach ihnen benannten Editionen zu finden sind.

6. Die in Deutschland gängige limitierte Version enthält „The Manuscript“ und ist als CD, Kassette und Doppel-LP (Phantom clear Vinyl oder ivory Vinyl) erhältlich. Die drei Auflagen mit den anderen Bonustracks stecken in unterschiedlichen Hüllen und bieten variierende Vinylfarben. In Deutschland ist zumindest die CD noch käuflich zu erwerben:


7. Streaming-Freunde bekommen hingegen in der „The Tortured Poets Department: The Anthology“ nicht nur die 4 genannten Songs, sondern auch noch 11 weitere. Damit hat „The Tortured Poets Department“ insgesamt 31 Lieder, die 122:21 Minuten laufen, zu bieten. Das hilft natürlich auch beim Brechen von Streaming-Rekorden...

8. Nicht nur bei ihren Produzenten und Co-Songwritern schätzt Taylor Swift Kontinuität, sondern auch bei der von ihr beauftragten Fotografin für das/die Plattencover: Wie auch schon bei „Folklore“, „Evermore“ und „Midnights“ sowie ihren vier neue aufgenommen und unter dem Zusatz „Taylor’s Version“ veröffentlichten Alben zeichnet sich Beth Garrabrant für die Fotos verantwortlich.

9. Offenbar lieben nicht nur die Swifties ihre Taylor, sondern auch die Kritiker: Bei Metacritic steht „The Tortured Poets Department“ aktuell bei 90/100 Punkten und damit auf Platz 3 der aktuellen Jahres-Charts. 

Inhaltlich umfasse es die psychologische Theorie der fünf Stationen der Trauer: Leugnung, Wut, Verhandlung, Depression und Akzeptanz. Diese emotionale Dringlichkeit steckt in jeder Pore. Im Titeltrack singt sie selbstironisch an ihr Schreibmaschine schreibendes Gegenüber: „You’re not Dylan Thomas, I’m not Patti Smith, this ain’t the Chelsea Hotel, we’re modern idiots“, das ist popkulturelle Selbstverortung und „Bonny & Clyde“-Antizipierung zugleich.
Denn ja: In Swift’scher Next-Ex-Boyfriends-Tradition verabschiedet sich die US-Amerikanerin spätestens in „So Long, London“ indirekt von Alwyn. In „But Daddy I Love Him“ rebelliert sie gegen toxische Umfelder, die es nur gut meinen, „Guilty As Sin?“ erinnert auch musikalisch an ihre Country-Anfänge. Mehr denn je aber sind es auf TTPD immer noch die heterosexuellen „He & She“- und „Me & You“-Gemengelagen, „Savior“-Irrglauben und emotionalen Abhängigkeiten, die Swift für eine ihr an den Lippen klebende Generation nach außen kehrt, die die große Liebe vielleicht noch nicht erfahren hat. Ihr anhaltendes Alleinstellungsmerkmal: Wie kein anderer Popstar unserer Zeit schafft sie es auch im Jahr 2024, zwischen Kunst und Kommerz ihre ureigene, ja einzigartige Beliebigkeit, wahlweise aber auch beliebige Einzigartigkeit, zu perfektionieren und auf diesem Level zu halten.

10. Auf ihrer The Eras Tour spielt Taylor Swift diverse Blöcke mit Songs zu ihren jeweiligen Alben. Ob bis zu den Deutschlandterminen im Sommer auch ein Block zu „The Tortured Poets Department“ hinzukommen wird? Das sind die 7 Termine in Deutschland:
17.-19.07.24 Gelsenkirchen, Veltins-Arena
23.-24.07.24 Hamburg, Volksparkstadion
27.-28.07.24 München, Olympiastadion


22. April 2024

Girl In Red - I’m Doing It Again Baby!


„I’m back, I’m better than ever,“ singt Marie Ulven Ringheim alias Girl In Red im Opener ihres zweiten Albums und der „I’m Doing It Again Baby!“ abschließende Track („★★★★★“) verleiht sich ebenfalls selbstbewusst im Titel fünf Sterne, jedoch purzeln die Punkte und Sterne bei den Plattenkritikern nicht so zahlreich wie beim Vorgänger. Bei Metacritic stehen für „I’m Doing It Again Baby!“ aktuell 71/100 Punkten zu Buche, „If I Could Make It Go Quiet“ (2021) kam noch auf einen Durchschnitt von 77/100.

You Need Me Now, die letzte Vorab-Single, ist konstruiert als Hit. Klassischer Aufbau und stärkere Rock-Influences – auch eine Richtung für girl in red, wird aber nicht weiter ergründet. Die Ankündigung des Features von Sabrina Carpenter in der zweiten Hälfte ist certified cringe, aber ansonsten funktioniert das alles als 2000er-Throwback gut. In der zweiten Hälfte des Albums finden sich kaum noch Highlights, dafür viele Klischees und Effekte. So schade es ist, teilweise wird die Attitüde sogar nervig (vor allem auf Ugly Side).

Der Titeltrack ist eine Hi-Energy-Hymne mit Disco-Bass und „big fat ego“, „Too Much“ treiben der Synthie-Pop mit einer Prise 2000er-Pop-Punk. In „A Night To Remember“ begibt sich Ulven auf den EDM-Highway, in „Pick Me“ brüllt sie ihre Liebesenttäuschung in den Cinemascope-Himmel.
Bei allem forcierten Mainstream-Appeal: Zwischen Herzschmerz und Aufgekratztheit steckt immer wieder das Thema mentale Gesundheit. Und angeschmachtet werden natürlich Mädchen.

Ihr Debüt bei einem Major Label (Columbia) entstand erneut in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Matias Tellez und wurde spätestens im Abschluss von Mark "Spike" Stent (Madonna, Björk, Taylor Swift, Ed Sheeren, Florence And The Machine) im Mix schön glatt gebügelt. Die Indie-Rock-Momente sind größtenteils verschwunden, hoch lebe zeitgeistiger Elektropop! Zumindest die Norwegerin scheint mit dem Ergebnis sehr zufrieden zu sein: „…I’m finishing the best album ever made.“ 
Vielleicht sieht das hier bei den Plattenrichtern zumindest Oliver ebenso, denn Girl In Red, die zuletzt von ihm 8.5 Punkte bekam und damit auf Platz 5 unserer Jahres-Charts kam, benennt Taylor Swift als ihren größten Einfluss…

„I’m Doing It Again Baby!“ ist als CD und LP (black Vinyl, white Vinyl, blue Vinyl, translucent red Vinyl, clear with red Splatter Vinyl) erhältlich.

Girl In Red in Germany:
13.09.24 Köln, Palladium
14.09.24 Köln, Palladium
18.09.24 München, Zenith
27.09.24 Berlin, Verti Music Hall


 





20. April 2024

The Libertines - All Quiet On The Eastern Esplanade


Zwar haben sich The Libertines nach ihrer Reunion und dem dazugehörigen Comeback-Album „Anthems For Doomed Youth“ nicht wieder getrennt, dennoch fühlt sich „All Quiet On The Eastern Esplanade“ erneut wie ein Comeback-Albuman, denn seit der letzten Veröffentlichung sind bereits wieder knapp 9 Jahre verstrichen. 

Die Besetzung - Carl Barât (Gitarre, Gesang), Pete Doherty (Gitarre, Gesang), John Hassall (Bass) und Gary Powell (Schlagzeug) - bleibt konstant, aber geändert hat sich, dass erstmals alle Bandmitglieder als Komponisten genannt werden und mit Dimitri Tikovoï (Placebo, Sophie Ellis-Bextor, The Horrors) ein neuer Produzent gefunden wurde. Möglicherweise haben sich zu den gewohnten Ehrerbietungen an Bands der 70er Jahre wie The Jam (hier beispielsweise in Form von „Run Run Run“ oder „Oh Shit“) deshalb auch viele Referenzen an den britischen, psychedelischen Pop der 60er Jahre in den Sound geschlichen, inklusive opulenter Arrangements mit Streichern, Bläsern und Klavier („Man With The Melody“, „Merry Old England“). Tatsächlich muss man beim Hören der 11 Titel daher häufiger an The Coral als an The Clash denken. 

Ihre Fans haben offensichtlich auf das vierte Album von The Libertines gewartet und es reichlich gekauft: Zum zweiten Mal (nach „The Libertines“ (2004)) erreichten sie die Spitze der Charts im Vereinigten Königreich und in Deutschland sprang mit Platz 7 ihre bisher höchste Chartposition heraus.

„All Quiet On The Eastern Esplanade“ ist seit Anfang April als CD, Kassette und LP (black Vinyl, red Vinyl, white Vinyl, clear Vinyl, Picture Disc sowie yellow, black and blue Splatter Vinyl) erhältlich.


(…) So etwa Dohertys Post-Brexit-Migrations-Reflexion „Merry Old England“, die ihren melancholischen Zauber zwischen Backing-Chören und wogenden Streichern entfaltet; John Hassalls „Man With The Melody“, der als erster Libertines-Song aus der Feder des Bassisten zum Elegischsten gehört, was man je von dieser Band gehört hat; oder auch den ebenso elastischen wie katerigen Swing „Baron’s Claw“, der mit jazzigen Bläsern den Geist der Roaring Twenties atmet.
Wem all das nun zu viele Abwege und zu wenig Libertines sein sollten: Zu Nummern wie „Run Run Run“, „Be Young“ oder „Oh Shit“ (in dem sogar melodische Spurenelemente von „Don’t Look Back Into The Sun“ verwurstet werden) kann man sich immer noch prima in die goldenen Jahre des Indie-Rock zurücktanzen.


 


 




19. April 2024

The Reds, Pinks And Purples - Unwishing Well


Ein Song auf dem neuen Album von Glenn Donaldson trägt den Titel „Learning To Love A Band“  - im Falle von Platten vor Gericht und The Reds, Pinks And Purples war es wohl eher Liebe auf den ersten Blick, wie es das Abschneiden der bisher hier vorgestellten Alben verdeutlicht:
2020: Platz 32 für „You Might Be Happy Someday“ (7,667 Punkte) 
2021: Platz 65 für „Uncommon Weather“ (7,375 Punkte) 
2022: Platz 19 für „Still Clouds At Noon“ (7,833 Punkte) 
2022: Platz 17 für „Summer At Land’s End“ (7,833 Punkte) 
2022: Platz 4 für „They Only Wanted Your Soul“ (8,167 Punkte) 
2023: Platz 16 für „The Town That Cursed Your Name“ (7,875 Punkte) 

Dieser kontinuierliche Strom an Veröffentlichungen (zwischendurch erscheinen auch immer wieder digitale EPs) reisst auch dieses Jahr nicht ab: „Unwishing Well“ schließt optisch und akustisch ans bisherige DIY-Ouvre von Donaldson an und bietet niedergeschlagen-melancholischen Gitarrenpop. Meine persönlichen Highlights sind aktuell, neben dem bereits erwähnten „Learning To Love A Band“, „Faith In Daydreaming Youth“, „Nothing Between The Lines At All“ und vor allem „Your Worst Song Is Your Greatest Hit“.  

„Unwishing Well“ ist als CD unl LP (white Vinyl, blue Vinyl, orange Vinyl) erhältlich.


On Unwishing Well, The Reds, Pinks & Purples deliver a much more intimate setting compared to last years The Town That Cursed Your Name. The tracks stay mellow but punchy with Donaldson’s lyrics that can just bring an instant rain cloud that we love!
(…) “Your Worst Song is Your Greatest Hit” is a cutting commentary on the commercialization of music and the pressure to produce hits. Donaldson sings it with a true conviction that you know rings true with so many other artists. “Unwishing Well” is the title track that wrestles with wellness and wishes, reflecting on the sobering reality of skepticism. “Learning to Love a Band” explores obsessive fandom and the blurred lines between idolatry and isolation. “We Only Hear the Bad Things People Say” reflects on human fallibility and the tendency to dwell on negativity as Donaldson sings “In my dreams, you’re still shining.”


 


 





18. April 2024

Feeder - Black/Red


Wie kann denn das neue Album von Feeder eine Trilogie abschließen, die erst mit dem Vorgänger „Torpedo“ (2022) begonnen wurde? Ganz einfach, bei „Black/Red“ handelt es sich um ein klassisches Doppelalbum, neun Songs auf der schwarzen, neun Songs auf der roten Platte, insgesamt eine Laufzeit von 66 Minuten. Passend farblich umgesetzt in der Plattenhülle sowie den Doppel-CDs, den Kassetten (wahlweise schwarz oder rot) und den Doppel-LPs (black/red Vinyl oder clear Vinyl oder Picture Disc oder Red & Black chequerboard Vinyl). 

Grant Nicholas (Gesang, Gitarre, Keyboards, Percussion, Produktion) und sein einzig verbliebener und seit 1995 durchgängiger Mitstreiter Taka Hirose (Bass) bieten härteren Haudrauf-Alternative Rock (wie „Perfume“), der gelegentlich mit verführerischen Melodien zu überzeugen weiß (bspw. „Sahara“). Vor Überraschungen ist man bei soviel Musik auch nicht gefeilt: Beispielsweise hätte „Hey You“ in den 80ern auch gut im Radio Zwischen Icehouse und The Outfield laufen können und „Soldiers Of Love“ kommt sogar mit Dudelsackbläsern daher!  


 


 


Looking back on the album after listening to it, it feels almost impossible to talk about all the tracks. It’s one hell of a journey that never once leaves you feeling bored. Whilst the themes aren’t the most thought provoking you’ve ever heard, it’s a good fun guitar led album, and sometimes that’s all you need. It’s proof that FEEDER still have life in them. All the tracks compliment each other greatly and most importantly feel fresh, they’re able to go toe to toe with their best work such as Buck Rogers, Feeling A Moment and Just A Day. 


  


 


The ’Black’ disc continues Torpedo’s hard-rocking renaissance, the tightly wound classic rock riffing of Playing With Fire and the expansive, cinematic landscape of ELF striking a charming juxtaposition with the irresistible pop rush of Hey You. ‘Red’ isn’t quite as heavy, but it’s just as intense, stuffed with Feeder’s ’00s trademark: melody-drenched, emotive alternative-rock anthems such as Sleeping Dogs Lie, Unconditional and Here Comes The Hurricane.


 





17. April 2024

Still Corners - Dream Talk


Wehmütiger Dreampop und einlullender Soft Rock zum Sechsten. Tessa Murray (Gesang, Keyboards) und Greg Hughes (Gitarre, Bass, Keyboards) griffen für „Dream Talk“ auf das Traumtagebuch der Sängerin zurück, die daraus über die geloopten Phrasen des Gitarristen sang. So entstanden 10 hypnotische Songs, die in gewohnter Manier im eigenen Dark Highway Studio aufgenommen und von Greg Hughes selbst produziert wurden. Stilistisch standen Still Corners einem Mix aus Mazzy Star und Chris Isaak (oder habe ich da gerade jemanden Chris Rea murmeln hören?) vermutlich nie näher. 

Mit „Today Is The Day“ eröffnet das stärkste Lied das Album, das mit Streichern und feinem Gitarrensolo aufgehübschte „The Ship“ ist ein weiteres Highlight. „Crystal Blue“ umweht ein Hauch von Enya, „Turquoise Moon“, das seltsam früh ausgeblendet wird, lässt an Lana Del Rey denken und „Secret World“ ist der experimentellste Song der Platte, der die beiden Non-Album-Singles „Heavy Days“ (2021) und „Far Rider“ (2022) gut zu Gesicht gestanden hätten.
Das Plattencover ist natürlich ein Alptraum.

Dream Talk“ ist als CD und LP (black Vinyl, coke bottle green Vinyl) erhältlich.

Still Corners in Deutschland:
14.05.24 Hannover, Lux
17.05.24 Hamburg, Bahnhof Pauli
18.05.24 Leipzig, UT Connewitz
19.05.24 Berlin, Lido


 




Gleich zu Beginn fühlt man sich bei den Gitarrenklängen von "Today is the day" wie im Double R Diner aus "Twin Peaks". Und wenn etwas zu rätselhaften Träumen passt, dann ja wohl "Twin Peaks". Doch schon in seiner zweiten Hälfte biegt der Song in Richtung der ätherischen Franzosen von Air ab. Denn ein Qualitätsmerkmal dieser Platte ist, dass sie immer wieder zu überraschen weiß und auch im Tempo eine gewisse Variabilität zeigt, jedenfalls für ein Album dieses Genres. Wie da prächtige Synthesizer durch das schillernde "Lose more slowly" fahren. Oder in "Let’s make up" auf einmal die Gitarren losgniedeln, wahrscheinlich auch noch schamlos mit geschlossenen Augen gespielt. Wie "The ship" mit markantem Streichereinsatz und Chören maritimer Sirenen – Vorsicht, Odysseus, lass dich lieber festbinden! – Akzente setzt. Andererseits wird eben auch Dreampop in Perfektion dargeboten. Beispielsweise in "The dream", bei dem zusätzlich geschickt platzierte Percussion-Elemente kleine Reizpunkte formulieren. Oder in "Crystal blue", das wiederum genauso klingt, wie es der Songtitel verspricht. Meeresrauschen, hier aber nicht wie an der Küste vor dem Beach House, sondern eher vor der Goldfrapp-Strandvilla. 


   


 


16. April 2024

James - Yummy


Mal sehen, wie den Plattenrichtern „Yummy“, das 18. Album von James, mundet…

Viele Köche verderben den Brei, heißt es, aber auf die - mit einer kurzen Unterbrechung - seit 1982 bestehende Band aus Manchester scheint dies nicht zuzutreffen, denn aktuell versammeln sich gleich 9 Musiker und Musikerinnen um den Herd, im Studio  und auf der Konzertbühne. Mit „Is This Love“, „Life’s A Fucking Miracle“ und „Our World“ kredenzen sie uns die gewohnt leichtfüßig-tanzbaren und eingängigen Singles. Besonders deliziös sind das über 6-minütige, opulente „Shadow Of A Giant“ und „Way Over Your Head“ geraten. 

Zum Nachtisch servieren James „Pudding“, 12 Songs (auf der Doppel-CD Deluxe Version) in Demo-Versionen, die es nicht in den endgültigen Aufnahmeprozess mit der kompletten Band geschafft haben.  

Werden die Hoffnungen von Tim Booth & Co. auf eine erneute Top-Platzierung bei Platten vor Gericht („All The Colours Of You“ landete zuletzt auf Platz 4) schmelzen wie das Wassereis in der Sonne oder entfaltet „Yummy“ seine schillernden Flügel und schwingt sich in noch höhere Endstand-Welten empor?

„Yummy“ ist als CD (plus Deluxe Version) und LP (black Vinyl, orange marbled Vinyl, zoetrope Picture Disc) erhältlich. 


Yummy is all killer no filler and as we approach the end of the twelve track album, the quality of the tracks is as high as ever. (…)
With nine studio albums under their belt since they reunited in 2007, James are more prolific than ever and Yummy cements their place as one of the most comercially and aristically – and most loved – alternative bands of their era. Unafraid of the unknown, they continue soaring to new heights of beauty and inspiration and their refusal to conform to societies expectations as to what a band of their longitude should he doing is commendable. 


 


Yummy is the sound of a band refusing to rest on their laurels, in love with their creative process and looking forward rather than backwards. James still possess the ability to produce the anthems with which they made their name, and Yummy has moments where they hit that sweet spot, but across the twelve songs here they’re searching for deeper connections, both internally within the band and with their audience. Their expansion to a nine-piece has opened up new possibilities, particularly vocally with Alper on board, and that allows them to make a James record that sounds like a James record, but not like one they’ve made before.





15. April 2024

Stefanie Schrank - Schlachtrufe BRD


Stefanie öffnet für uns ihren Kleiderschrank und zeigt uns ihre liebsten Stücke: Da wäre als erstes der Parka, der mittlerweile fast drei Jahrzehnte auf dem Buckel hat und auf dem mit Filzstift Punk-Parolen wie „Pflasterstein flieg“ oder „Bulle halt’s Maul“ gekritzelt und Aufnäher von Normahl oder Chaos Z befestigt sind, die sie alle über die Compilation „Schlachtrufe BRD“ in den 90er Jahren kennenlernte. 

Dann das rote Hemd des Marke „Amöbe“, zu welchem eine schwarze Krawatte gehört, so dass man bei deren Kombination sofort an „Mensch-Maschine“ und Kraftwerk denken muss. Nicht zu vergessen die Creepers Schuhe, mit der man auf jeder 80er-Synthpop-Party glänzen kann! Und letztendlich ein T-Shirt mit den Konterfeis von Russell Hitchcock und Graham Russell, die zusammen das australische Softrock-Duo Air Supply bilden, deren „All Out Of Love“ (1980) Stefanie Schrank auch heute noch oft hört und mitsingt.

Beim letzten Kleidungsstück, einem Rock aus schwarzem Vinyl sind wir uns uneinig. Rock oder Mini-Rock? „12 Inch“, witzelt Stefanie.





14. April 2024

Wolke - Wolke


Möglicherweise sind Wolke, die auf dem Radiosender 1live auch als die POPdolmetscher reüssierten, für ihre ins Deutsche übersetzten und interpretierten Coversongs bekannter als für ihre eigenen Lieder. Es ist ja auch mittlerweile ziemlich genau 12 Jahre her, dass Oliver Minck und Benedikt Filleböck ein Album über Tapete Records veröffentlichten, vier waren es insgesamt: „Susenky“ (2005), „Möbelstück“ (2006), „Teil 3“ (2008) und „Für immer“ (2012).

Für den Neustart beim Label MusiKiste greift das Kölner Duo nun auf die beliebte Tradition zurück, beim Comeback das Album nach dem Bandnamen zu benennen. Auch ihrem Brauch, eine Coverversion zu integrieren, bleiben Wolke treu und nehmen sich diesmal „Girls & Boys“ vor und entschleunigen den Song von Blur auf bezaubernde Art und Weise. An dieser Stelle muss ich auch ihre Versionen von „Last Christmas“ und „Common People“ besonders empfehlen.

Wolke spielen minimalistischen und intimen Kammerpop, der meistens mit Gesang, Piano, Bass und Drumcomputer auskommt und nur gelegentlich Streicher- („Vogel“) oder Bläserarrangements („Echolot“) einbindet. 

Wolke“ ist als LP (black Vinyl) erhältlich. 

Wolke unterwegs:
18.4.24 Köln, Stereo Wonderland 
1.5.24 Karlsruhe, Kohi

2.5.24 Nürnberg, Mata Hari 
3.5.24 Berlin, Bar Bobu 
4.5.24 Stade, Hanse Song Festival

5.5.24 Hamburg, Nachtasyl

6.5.24 Bremen, Urlaub

7.5.24 Hannover, Nordstadtbraut

25.5.24 Bonn, Kult 41


 


 





13. April 2024

Nichtseattle - Haus


Schon gemerkt? Beginnend bei Kettcar, Einstürzende Neubauten, Christin Nichols und Sofia Portanet gibt es wohl so etwas wie eine Deutschland-Woche bei Platten vor Gericht. Da kommt in den nächsten Tagen noch mehr und weiter geht es deshalb heute mit Katharina Kollmann alias Nichtseattle

Diese lässt das Produzenten-Team Olaf O.P.A.L. und Sönke Torpus, sowie ihre vierköpfige Band in ihr Zelt einziehen - und was die alles mitbringen! Gitarren, Schlagzeug, Percussion, Bass, Akkordeon, Flügelhorn, Trompete und die Mundharmonika passt auch noch irgendwie mit rein. Da platzen fast die Nähte, für Handclaps fehlt fast der Raum, der Reißverschluss lässt sich nur noch unter größter Anstrengung hochziehen und dennoch entfalten sich die Songs zwischen Folk, Slowcore und Indierock weiter als auf ihrem zweiten Album „Kommunistenlibido“.

Ähnlich geht es auch der Platte, die mit 12 Songs, die selten unter der 4-Minuten-Marke bleiben und zusammen 66 Minuten laufen, so prall gefüllt ist, dass es gleich einer Doppel-LP (black Vinyl, blue Vinyl, clear Vinyl) bedarf. 

Thematisch setzt sich die Liedermacherin (bei der man stimmlich gelegentlich an Judith Holofernes denken muss) mit dem Mikrokosmos Haus auseinander und dieses scheint eher ein Mehrfamilienhaus zu sein, denn diverse Bewohner und ihre Befindlichkeiten werden unter die Lupe genommen und in aller Ausführlichkeit seziert und reflektiert.  

Nichtseattle schlägt ihr Zelt auf:
02.05.24 Kassel, Franz Ulrich (solo) 
03.05.24 Brilon, Stadtschenke (solo) - freier Eintritt
04.05.24 Stade, Hanse Song (solo) 
01.06.24 Neustrelitz, Immergut Festival 
03.06.24 Hamburg, Aalhaus 
04.06.24 Köln, Bumann & SOHN 
05.06.24 Nürnberg, Soft Spot
06.06.24 Leipzig, Conne Island 
07.06.24 Karlsruhe, Kohi Kulturraum 
08.06.24 München, Kammerspiele / Werkraum 
09.06.24 Frankfurt, Brotfabrik 
13.06.24 Berlin, Maschinenhaus 
08.-10.08.24 Haldern, Haldern Pop 


Nichtseattle ist ein Phänomen, weil man die Texte studieren kann, aber nicht muss, um sofort etwas zu fühlen. Erinnerungsschnipsel, die Tristesse, aber auch die Freude des Hier und Jetzt und die Ungewissheit vor der Zukunft stecken in der Tapete, knarzen zwischen den Dielen, und immer flüstert da Kollmanns Stimme trostspendende Orte. Zu viele ihrer Worte zu zitieren, würde einem Spoiler gleichkommen, weil es in einem ruhigen Moment erlebt werden muss. Und dann sitzt man fasziniert da und stellt sich vor, wer da bei Katharina Kollmann alles wohnt und wie dieses "Haus" aussieht, in dem man sie besuchen darf und warum man so unfassbar gerne so viel Zeit dort verbringt.


 


 





12. April 2024

Sofia Portanet - Chasing Dreams


Die deutsch-spanische Sängerin und Songwriterin Sofia Portanet legt mit „Chasing Dreams“ ihr zweites Album vor. Ihr Debüt „Freier Geist“ ist 2020 erschienen und wurde bei Platten vor Gericht sträflich übersehen.

Vom Synthpop der 80er Jahre bewegt sich Portanet im Verlauf des Albums in Richtung Elektropop und New Wave (um nocht Neue Deutsche Welle zu sagen) zum Pop der 90er Jahre („Ballon“ könnte auch von Blümchen stammen, oder?), dabei ist „Chasing Dreams“ noch poppiger und vielfältiger geraten als sein Vorgänger und hat auch Flamenco und Chanson im Angebot. Textlich startet Sofia Portanet mit Bezügen zu Rilke und Heine poetisch („Ich bin“), bewegt sich dann aber auf profanere Ebene rund um Liebes- und Beziehungs-Thematiken.

Portanet singt auf deutsch („Lust“, „Ballon“), englisch („Paralysed“, „Real Face“), französisch („Entre nos lèvres“) sowie spanisch („Coplas“). Auf „Lust“ und der das Album abschließenden Piano-Fassung von „Real Face“ gibt es Feature-Beiträge von Tobias Bamborschke (Isolation Berlin) bzw. Chilly Gonzales.

„Chasing Dream“ bietet 11 Songs in 32:38 Minuten und ist bereits als CD und LP (black Vinyl) erschienen. 
Im April ist Sofia Portanet auf Tournee:
17.04.2024 München (Feierwerk)
18.04.2024 Jena (Kassablanca)
20.04.2024 Stuttgart (Im Wizemann)
21.04.2024 Frankfurt (Brotfabrik)
23.04.2024 Köln (Blue Shell)
24.04.2024 Hamburg (Hebebühne)
26.04.2024 Berlin (Peter Edel)
 

 


   


Das große Finale von “Lust”, in dem Portanet Unterstützung von Isolation-Berlin-Sänger Tobias Bamborschke erhält, kommt in seinem Bombast gar an Mines Orchester-Inszenierungen heran.
Zum (Fast-)Abschluss dieses großen Albums erhält die sentimentale, spanische Hymne “Coplas” einen breitflächigen Chor an die Seite gestellt. Spätestens dann ist klar: “Chasing Dreams” gehört auf die Bühnen der großen Konzertsäle, um in seiner reinen Imposanz voll wirken zu können. (…)
Mit diesem multilingualen Meisterwerk hält Sofia Portanet jedes Versprechen des Debütalbums ein – und schafft mit dem neu gewonnenen Mut zum Tanzfieber noch mehr Kontaktpunkte für die Indie-Bubble. Extravaganz und Eingängigkeit haben sich selten so gut verstanden wie hier.


 


Auch "Mi amor" und die nicht ganz so grellbunte, dezent melancholische Single "Real face" animieren zum Tanzen – und zwar in etwa so, wie man beim good old ESC tanzen würde. Vieles auf "Chasing dreams" tendiert tatsächlich in Richtung klassischen Europops. Aber eben in schlau, sonst wären die Songs platter und billiger. (…)
Auf "Chasing dreams" sitzt nicht jeder Kniff, "Paralysed" zum Beispiel hätte ebenfalls ein wenig spannender geraten können. Aber für die unverkennbare künstlerische Vision, den absoluten Willen zur Ästhetik und ihre Abkehr vom vorgezeichneten Weg beim zweiten Album gebührt der Wahlberlinerin ein dickes Lob. Portanet umarmt den Camp und, ja, auch ein bisschen den Trash. Weil sie kann. Das ist trotz kleinerer Ausfälle hierzulande immer noch ziemlich einzigartig.


 




11. April 2024

Christin Nichols - Rette sich, wer kann!


Die deutsch-britische Schauspielerin, Synchronsprecherin und Musikerin Christin Nichols legt mit „Rette sich, wer kann!“ ihr zweites Album vor. Ihr Debüt „I’m Fine“ ist 2022 erschienen und erreichte bei Platten vor Gericht am Ende des Jahres mit einen Durchschnitt von 7,833 Punkten Platz 17.

„Vom Alternative Rock der 90er Jahre bewegt sich Nichols im Verlauf des Albums in Richtung Post-Punk, Elektropop und New Wave (um nicht Neue Deutsche Welle zu sagen)“, schrieb ich zu ihrem Solodebüt und könnte diese Zeile hier gut wiederholen, auch wenn „Rette sich, wer kann!“ etwas poppiger geraten ist. Textlich bezieht Nichols erneut in klaren Worten kritisch Stellung zu persönlichen als auch gesellschaftlichen Themen (Feminismus, Hedonismus, Aktivismus und andere Dinge ohne -mus).

Nichols singt größtenteils auf deutsch, baut gelegentlich englische Textzeilen ein („Totgelacht“) oder setzt komplett auf diese Sprache („Direct Flight To Seattle“, „The Rush“). Erstmals gibt es auch Feature-Beiträge, nämlich von Julian Knoth (Die Nerven) bei „In Ordnung“ sowie vom Rapper Fatoni beim Titelsong.

„Rette sich, wer kann!“ bietet 12 Songs in 44:09 Minuten und ist bereits als LP (black Vinyl) erschienen. 
Im Herbst kommt Christin Nichols auf Tournee:
09.08.2024 Essen (Zeche Carl)
30.10.2024 Hannover (Faust)
01.11.2024 Köln (Blue Shell)
02.11.2024 Stuttgart (Helene P)
03.11.2024 München (Milla)
21.11.2024 Hamburg (Molotow)
22.11.2024 Leipzig (Conne Island)
23.11.2024 Nürnberg (Club Stereo)


 


 


Nun also eine Politplatte? Wieder mehr Prada Meinhoff als Bespiegelung des eigenen Innenlebens? Nein, denn die einleitend erwähnte – und wichtige – Textzeile ist da gar nicht so repräsentativ. Im zugehörigen "Bodycount" teilt Nichols auch in noch ganz andere Richtungen aus, insbesondere hinsichtlich der immer noch bestehenden Geschlechterungerechtigkeit. Dazu glänzen herrlich druckvolle Synthesizer, die daraus einen schillernden 80er-Hit machen. Doch wer die herrlichen Gitarren des Debüts vermisst, kann beruhigt sein, die kommen auch noch zur Geltung. Schon durch das folgende Titelstück zieht sich wieder der markante Bass, und die Themen werden persönlicher. Angst und Angststörungen, damit haben viel mehr Menschen zu kämpfen, als die Leistungsgesellschaft anerkennen will. Und als erster von zwei Duettgästen rappt der Ursympath Fatoni mit.