28. Februar 2023

Gorillaz - Cracker Island

 

Kaum zu glauben, wir haben Ende Februar und es sind in diesem Jahr bereits drei Alben von Mitgliedern der Band Blur erschienen: Nach „Radio Songs“, dem Solodebüt von Dave Rowntree, folgte „The Waeve“, ein neues Projekt von Graham Coxon, und nun liegt mit „Cracker Island“ das achte Album von Damon Albarns virtueller Band Gorillaz vor.

Das mit knapp 38 Minuten kürzeste Album der Gorillaz wartet wieder mit einer beeindruckenden Liste an Gastmusikern auf (u.a. Thundercat, Stevie Nicks, Tame Impala, Bad Bunny oder Beck), wurde größtenteils von Greg Kurstin (Liam Gallagher, Sia, Tegan and Sara, Kylie Minogue) produziert und bietet bei einem schwindenen Rap-Anteil („Tormenta“, „New Gold“) ein Mehr an melancholischem Damon Albarn-Pop („The Tired Influencer“, „Possession Island“) und tanzbarem Elektropop („Cracker Island“, „Tarantula“). Selten musste man bei einem Gorillaz-Album weniger skippen.

„Cracker Island“ ist als CD, Kassette und zahlreichen LP-Varianten erschienen: black Vinyl, transparent purple Vinyl, neon purple Vinyl, opaque peach pink Vinyl, Picture Disc, Zoetrope Picture Disc und als limitierte Box mit 10 farbigen 7’’ Singles.


Der fantastisch groovende Titelsong mit dem Bass-Zauberer Thundercat legt die Latte schon zu Beginn hoch.
„Oil“ braucht ein paar Takte, aber sobald Stevie Nicks im Refrain einsetzt, steigt das Stück höher und höher; es ist sogar ein Hauch Fleetwood Mac zu spüren. Besonders toll ist das raffinierte „Silent Running“ mit Gastsänger Adeleye Omotayo. Überhaupt sind die Songs durchweg großartig. 


 


Bedient der Titelsong mit Thundercat am Bass die Feier-Dimension, switcht Albarn bei „Oil“ seine melancholic mood an, zu ihm gesellt sich mit Stevie Nicks eine der größten Stimmen der Rockgeschichte – besser kann CRACKER ISLAND danach gar nicht mehr werden.
Viel schwächer aber auch nicht: „The Tired Influencer“ nimmt die Stimmung von Albarns Soloplatte EVERYDAY ROBOTS auf, Superstar Bad Bunny – gerade als Coachella- Headliner bestätigt – bringt den Latin-Pop von „Tormento“ souverän nach Hause, zum großen Finale in Moll holt sich Albarn dann Beck an die Seite: Das Treffen der 90s-Alternative-Superstars ist ein berührender Moment zu traurigem Klavierspiel und Mariachi-Trompeten.





27. Februar 2023

Death Valley Girls - Islands In The Sky


Iggy Pop ist Fan der Death Valley Girls, die seit 10 Jahren und über fünf Alben hinweg so einiges in einen Topf werfen: Garage Rock, Psychedelic Pop, Punk-Rock und Surf-Pop werden zusammen mit kryptisch-spirituellen Texten und zuckersüßen Melodien verquirlt und zum 11 Song starken „Islands In The Sky“ verkocht. Dabei bedienen sich die Death Valley Girls aus den gleichen Kochbüchern wie Vivian Girls, Dum Dum Girls und - um keine aktuelle „Girls“-Band zu nennen - The B-52’s. 

Das Quartett aus Los Angeles besteht in seiner aktuellen Bestzung aus Bonnie Bloomgarden (Gesang, Orgel), Rikki Styxx (Schlagzeug, Gesang), Sammy Westervelt (Bass, Gesang) und Larry Schemel (Gitarre) und bietet „Islands In The Sky“ in folgenden LP-Varianten an: blue translucent with purple translucent blob Vinyl,  red with green splatter Vinyl und black & silver Vinyl.


 


That album rules. It’s seriously so good. Death Valley Girls don’t fit into any easy subgenre categories. Sometimes, they sound like spaced-out psychedelic rock wizards. Sometimes, they make tough and direct and extremely catchy garage rock. Most of the time, they do some combination of those two things, with lots of other stuff also thrown in. They’ve always been great, but Islands In The Sky might be their best work yet.


  


The LA band have been hard at work in the studio, perfectly another brew of psych-pop, garage punk, and bubblegum.
‘Islands In the Sky’ is out on February 24th, and it’s led by new single ‘What Are The Odds’. Driven forwards by a surf pop guitar line reminiscent of the B-52s, its dazzling pop appeal owes a debt to Madonna’s evergreen single ‘Material Girl’.
Out now, it finds Death Valley Girls returning to their core values – a scuzzy pop song with an acerbic wit, ‘What Are The Odds’ is devilishly imaginative.


 


Islands in the Sky is no dystopian misery fest, though. Far from it. Instead, upbeat bubblegum psychedelic pop tunes rub shoulders with woozy and spaced-out vibes in a heady brew of dayglow grooviness that is aimed straight at the hips. In fact, as with 2020’s Under the Spell of Joy album, Islands in the Sky sees the Death Valley Girls edging away from the more hard-edged garage punk of their previous disc, Darkness Rains, and towards the middle of the dance floor, hand-in-hand with the B-52s and the Dandy Warhols – with wide eyes and big smiles on their faces.





26. Februar 2023

10 Schallplatten, die uns gut durch den März bringen


10. Fever Ray - Radical Romantics (Limited Edition, Red Vinyl) (10.3.2023)






9. Grant Lee Buffalo - Fuzzy (LP) (24.3.2023)






8. Miley Cyrus - Endless Summer Vacation (Limited Indie Edition, White Vinyl) (10.3.2023)






7. U2 - Songs Of Surrender (4 LPs, 180g, Limited Numbered Super Deluxe Collectors Boxset) (17.3.2023)






6. DMA's - How Many Dreams? (180g, Limited Edition, Neon Yellow Vinyl) (31.3.2023)






5. Inspiral Carpets - The Complete Singles (2 LPs, 180g) (17.3.2023)






4. Lana Del Rey - Did You Know That There's A Tunnel Under Ocean Blvd (2 LPs, Dark Pink Vinyl) (24.3.2023)






3. The Reds, Pinks And Purples  - Town That Cursed Your Name (Pastel Green Vinyl) (24.3.2023)






2. Niels Frevert - Pseudopoesie (Limited Edition, Yellow Vinyl) (24.3.2023)






1. Depeche Mode - Memento Mori (2 LPs, 180g, Opaque Red Vinyl) (24.3.2023)







25. Februar 2023

Faded Paper Figures - Morningside


Das aus Kalifornien stammende Trio Faded Paper Figures kann mittlerweile auf sechs veröffentlichte Alben seit der Bandgründung 2007 zurück blicken. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, das R. John Williams (Gesang, Synthesizer, Gitarre), Kael Alden (Synthesizer, Gitarre, Bass) und Heather Alden (Gesang) im Alltag ihr Geld als Literaturprofessor, Produzent von TV- und Filmmusik und Ärztin verdienen. 

Faded Paper Figures bewegen sich auf den 10 Songs von „Morningside“ zwischen pulsierendem Indiepop („New City“, „Therefore Me“) und melancholisch-warme Indiertronica („Prisoner’s Dilemma“, „Cold“), die in einer Playliste gut zwischen The Postal Service und Electric President passen. Elektronische Synthesizer Klänge werden dabei geschickt mit akustischen Instrumenten, wie Banjo, Gitarre oder Cello, verwoben. Nur das abschließende „Columbo“ tanzt hier temperamentvoll etwas aus der Reihe.  

Bisher ist „Morningside“ nur digital zu haben, im Verlauf des Jahres soll es aber auch auf Vinyl veröffentlicht werden. Gut so!




24. Februar 2023

dEUS - How To Replace It


Prä-pandemisch sah ich vor einigen Jahren die Band dEUS, die damals seit sieben Jahren kein neues Album mehr veröffentlicht hatte, beim Down The Rabbit Hole Festival. Dort widmeten sich die Belgier ausgiebig ihrem Album „The Ideal Crash“, welches in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feierte. 

Seitdem sind weitere vier Jahre vergangen und auch die Band um Tom Barman und Klaas Janzoons, die einzig verbliebenen Gründungsmitglieder von dEUS, hat die Corona-Phase genutzt, um neue Musik zu komponieren und aufzunehmen.

Das achte Studioalbum trägt den Titel „How To Replace It“ und ist als CD und Doppel-LP erschienen (black Vinyl oder clear Vinyl). Die 12 Songs entstanden gemeinsam mit dem Produzenten Adam Noble (Guillemots, Placebo, Liam Gallagher), der auch bereits bei den letzten beiden Studioalben „Keep You Close“ (2011) und „Following Sea“ (2012) mit Barman & Co. zusammen arbeitete. 

Nichts muss, alles darf - könnte das Motto im Studio gewesen sein und so gibt es brodelnden und experimentellen Alternative Rock, der seinen Schwerpunkt je nach Song in Richtung Groove, Noise oder Melodie  zu verlagern mag, einen Schlenker zum Jazz, Yacht-Pop oder Funk macht, sowie einen Sänger, der auch raunt, spricht, sprechsingt oder säuselt. Der Hörer schwankt zwischen Kinnladeherunterklappen („How To Replace It“, „Pirates“) und Ungläubigamkopfkratzen („1989“, „Simple Pleasures“). 


Man sollte dEUS dennoch keinen Strick daraus drehen, wie zig andere Bands in ihrer Komfortzone zu bleiben – wenn sich Barman in "1989" wie ein Leonard Cohen im Hawaiihemd nach der "time that I can't leave behind" sehnt, während halbherziger Yacht-Rock um ihn herum düdelt, scheint außerhalb davon die Inspiration auch nicht immer wie Milch und Honig zu fließen. Dafür will es die Platte im Schlussdrittel noch einmal wissen. Der Sitar-unterstützte Art-Funk von "Why think it over (Cadillac)" wirbelt sich in einen hypnotischen Strudel und spuckt die zurückhaltend-schöne Klavierballade "Love breaks down" aus, die wiederum "Le blues polaire" die Bühne bereitet: dem französischsprachigen Closer, der mit Frauengesang, Noise-Sägen und großen Melodiebögen ein elektrisch-akustisches Spektakel auffährt. Ob mit neun Monaten oder zehn Jahren Veröffentlichungspause, dEUS bleiben im Grundrauschen der Indie-Welt so beständig wie der Gezeitenwechsel – und können uns mit vereinzelten Flutattacken noch immer von den Füßen reißen.


 


Umso mächtiger der Titelsong-Auftakt des ersten Albums seit einer Dekade: Dramatische Trommeln, Tom Barman als suggestiver Flüsterer, eine verzerrte Gitarre und ein Piano-Lick als Haltegriffe, dann fährt noch eine Trompete in den Refrain-Slogan, bevor alles in einem kakofonen Crescendo endet.
Auf der anderen Seite schaffen dEUS es, sich mit „1989“ im Synth-Watte-Sound der Zeit noch mal ganz dahin zurückzuträumen, ohne bloß nostalgisch zu klingen. Dazwischen lotet die Band mit gewohnter, doch immer wieder erstaunlicher Offenheit aus, wo sie gerade steht, zeigt, wie man waltzen kann („Must Have Been New“), streift kurz das Weirdo-Jacket über („Simple Pleasures“), präsentiert Barman im elegischen „Love Breaks Down“ als noch nicht ganz gebrochenen Romantiker. Schließlich haben dEUS – sexy und ruppig –sogar den Polar-Blues auf Französisch. Chapeau!





23. Februar 2023

Hamish Hawk - Angel Numbers


Hamish Hawk ist in Edinburgh geboren und aufgewachsen, hat mittlerweile eine 3 vor seinem Alter und auch 3 Alben veröffentlicht. Pässe hat er nur zwei (den britischen und den neuseeländischen), dafür spricht er aber passables deutsch. 

„Angel Numbers“ bietet in Streichern schwelgenden Britpop, der gern mit Jarvis Cocker, Richard Hawley, Scott Walker oder Morrissey vergleichen und mit Bariton und starkem schottischen Akzent vorgetragen wird. Auf einem Mixtape von mir würde Hamish Hawk von Sam Vance-Law zu den Weeping Willows überleiten.

Die 12 Songs entstanden - wie auch der Vorgänger „Heavy Elevator“ (2021) - gemeinsam mit Rod Jones von der Band Idlewild in dessen Post Electric Studios in Edinburgh und auf „Frontman“ und „Rest & Veneers“ sind als Gaststimmen Anna B. Savage und Samantha Crain zu hören.

„Angel Numbers“ ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, dark blue Vinyl, clear Vinyl) erschienen und steht bei Metacritic atuell bei stolzen 87/100 Punkten.


 


It’s a real joy luxuriating in the singer’s love of words. The pleasure is not just in the lyrics however. From the stately arrangement and handclap percussion of Once Upon An Acid Glance to the interplay of piano and muscular rock guitars that underpin Hawk’s soaring vocals on Think of Us Kissing, it’s sonically impressive too.
On Elvis Lookalike Shadows, Hawk summons a sound somewhere between The Smiths and Idlewild to channel the King’s late career comeback shows, all delivered in his rich, rewarding baritone. If anything this might be the most consistent record of Hawk’s career: Angel Numbers and Money are sure to be big gig singalongs for an artist who is just getting used to audiences singing right back to him. Delve into his cosmic debris now.


 


Hawk writes like a poet, and as such you often have to dig harder to find his meaning, or even better apply your own. But these are everyday tales dressed up in finery that will embed them into your mind. The barrel chested “Elvis Lookalike Shadows" finds Hawk stepping into the shoes of the risen king with a confident swagger. Striding centre stage amidst a fanfare of chiming guitars and brass blasts. “Desperately,” one of the album's unassuming highlights, is a gradual build to an explosion of heartland rock. The magnitude of Angel Numbers' more boisterous numbers allows the more contemplative moments like “Bill” and “Grey Seals” to shine in their own right.
Restless but never overwrought, flamboyant but without a trace of flippancy, Hawk is a welcome antidote for the mundanity of modern living.





22. Februar 2023

Inhaler - Cuts & Bruises


DER SÄNGER IST DER SOHN VON BONO! So, jetzt ist es raus. Kommt ja auch keine Plattenkritik ohne diesen Hinweis aus, auch nicht meine Plattenvorstellung zum Debütalbum von Inhaler vor zwei Jahren. Sowohl in Irland als auch im Vereinigten Königreich konnte „It Won’t Always Be Like This“ Platz 1 der Charts erreichen und sogar in Deutschland kam das Album auf Platz 13, was mich zur Frage führt: Welcher Kinder berühmter Musiker konnten an die Erfolge ihrer Eltern anknüpfen?    

Tatsächlich sind es gar nicht so viele und an erster Stelle muss man mittlerweile Miley Cyrus nennen, die in den US Charts erfolgreicher ist als ihr Vater, der Country-Musiker Billy Ray Cyrus. Auch Nancy Sinatra, Jakob Dylan (auch Sänger der Band The Wallflowers), Ziggy Marley, Rosanne Cash, Jeff Buckley und Julian Lennon könnte man noch nennen, die alle gut am Namen als Sprössling ihrer bekannten Väter zu erkennen sind. Bei Elijah Hewson, dem Sänger von Inhaler, stellt sich dies anders dar, aber eine äußerliche und stimmliche Ähnlichkeit zu Paul David Hewson (aka Bono Vox) ist unverkennbar. 

Wie beim Vorgänger arbeiteten Inhaler, zu denen neben Elijah Hewson (Gesang, Gitarre) noch Robert Keating (Bass), Ryan McMahon (Schlagzeug) und Josh Jenkinson (Gitarre) gehören, mit dem Musiker und Produzenten Antony Genn zusammen. 

Wie der Vorgänger besticht auch „Cuts & Bruises“ durch eine Vielzahl an Vinyl-Varianten: black Vinyl, white Vinyl, silver Vinyl und black & red circle Vinyl sind zu haben. Zudem yellow Vinyl mit einem alternativem Plattencover, black & white splatter Vinyl mit invertiertem Albumcover und eine Zoetrope Picture Disc. 

Ähnlich wie beim Vorgänger sind die Plattenkritiken geraten, vielleicht ein wenig besser wie der Metascore bei Metacritic belegt: 69/100 Punkten für „It Won’t Always Be Like This“ und jetzt 72/100 Punkten für „Cuts & Bruises“.


 


Das zweite Album hat toll arrangierte Gitarren, riesengroße Hymnen und ein genaues Gespür dafür, wie man traditionelle Musik mit moderner Pop­-Energie spielt, etwa beim juchzenden „These Are The Days“. Bei „If You’re Gonna Break My Heart“ bricht das Herz keineswegs – es jubiliert! Man wünscht Inhaler viel Glück, weil die Lust an der alten Idee, eine Band zu sein, hier so schön leuchtet.


 


Die konservativen Alternative-Rock-Songs bieten eine Mischung aus The Killers, The Strokes und jeder Menge U2. Letztere offenbaren sich spätestens in seiner Stimme und den ganze Stadionbesetzungen umwerfenden Refrains wie in „These Are The Days“.
Songs wie „If You’re Gonna Break My Heart“ zeigen, dass der kleine Elijah seinem Daddy im Studio wohl zu oft auf dem Schoß saß. Das funktioniert auch in einer zweiten Runde, doch den allzu braven Inhaler fehlt häufig noch eine eigene Perspektive. Vielleicht wartet in der Zukunft noch eine Überraschung. So lange gibt es hier elf Variationen von „Beautiful Day“.


21. Februar 2023

Herr D.K. - Was mach ich mit meiner Zeit


Verweilen wir aus doppeltem Grund noch einen Tag bei Tapete Records: Henning von Hertel veröffentlicht nicht nur sein zweites Album dort, sondern ist auch Mitarbeiter des Hamburger Labels.

Dabei bleibt ihm offensichtlich ausreichend Zeit und Muße, um die im Albumtitel gestellte Frage mit dem Schreiben von melancholischen Texten dem dem Komponieren von eingängig-soften Indiepop zu füllen. Für den Musikexpress macht Herr D.K. mit seiner Zeit nicht weniger als das deutschsprachige Lied zu retten und es so klingen zu lassen, als sei das ganz einfach:

Und so geht es einfach immer weiter um Beziehungen und Freundschaft, um Lebenskrisen und das Weitermachen, ums Loslassen und Selbstzweifel, um die Liebe und, ja, das Leben. Die Poesie kommt so unprätentiös wie exakt daher, so elegant wie der sanft hingetupfte, sehr groovige, wunderwarmweiche Yacht-Pop, der sie begleitet, und zugleich so lakonisch wie die Stimme, die große Gefühle kann, ohne ironischen Sicherheitsabstand zu brauchen oder ins Pathos zu fallen. Sicher, da hat einer seine Hamburger Schule studiert, aber sich eben auch von ihr emanzipiert und seine eigene Stimme gefunden.

Was mach ich mit meiner Zeit“ folgt zwei Jahre nach „Beleuchtet den Hintergrund“, das bei Platten vor Gericht 7,2 Punkte erhielt, und ist als CD und LP erhältlich. Henning von Hertel musiziert auf den zehn Songs, die von Kristian Kühl (Leoniden, Ilgen-Nur) produziert wurden, gemeinsam mit Frederik Rosebrock, Phillip Fierka, Sebastian Genzink und Timo Meinen. Resi Reiner singt bei der schönen Single „Angst vor der Stille“ mit:


 


Herr D.K. unterwegs:
17.04.23 Köln, Helios37
18.04.23 Mainz, Schon Schön
19.04.23 München, Heppel & Ettlich
20.04.23 Berlin, Schokoladen
21.04.23 Hamburg, Hebebühne







20. Februar 2023

Robert Forster - The Candle And The Flame


„She‘s a fighter, fighting for good“ sind die einzigen Worte, die man im ungewöhnlich schrammeligen Opener von Robert Forsters achte Soloalbum vernimmt und sie umschreiben seine Frau Karin Bäumler und ihren Kampf gegen Krebs.


 


„The Candle And The Flame“ ist entscheidend von der Phase der Diagnose, der Zeit im Krankenhaus, der Chemotherapie und dem zwischenzeitlichen gemeinsamen Musizieren des Paares geprägt, auch wenn dies zwischenzeitlich oft für Wochen ruhen musste. Dennoch wurde die Musik zum Hoffnungsschimmer und Zufluchtsort, ließ Familie und Freunde - wie ihre Kinder Loretta und Louis oder Adele Pickvance, die schon auf den letzten drei The Go-Betweens-Alben Bass gespielt hatte - zusammen kommen, um im Wohnzimmer und im Studio an den neun Songs zu arbeiten und diese direkt gemeinsam aufzunehmen.

An seine Frau gerichtete Liebeslieder wie „Tender Years“ und Rückblicke auf ihre gemeinsame Zeit in Deutschland („The Roads“) lassen sich in dem Wissen, dass sich Karin Bäumler auf dem Weg des Besserung befindet, mit deutlich erleichtertem Herzen hören.


 


„The Candle And The Flame“ ist über Tapete Records als CD und LP (black Vinyl, clear Vinyl, purple Vinyl) erschienen.

Robert Forster in Deutschland:
27.03.23 Hamburg, Nachtasyl
28.03.23 Berlin, Festsaal Kreuzberg
30.03.23 Köln, Stadtgarten
31.03.23 Landsberg am Lech, Stadttheater


Vorahnung oder nicht –neben Erbauungsmaterial („There’s A Reason To Live“) ist „The Candle And The Flame“ vor allem eine Liebeserklärung an ihre lange Beziehung geworden, mit Rückschau auf all diese „Tender Years“ (Obacht, Heidelberg-Tourismus-Büro!) und „The Roads“ in Bayern, die für sie Freunde wurden, „they show us things we could never ever know“. Der tollste Songtitel ist natürlich „I Don’t Do Drugs I Do Time“. Aber es ist auch ein toller Song, der die Unbegreiflichkeit von Zeit in Tom-Petty-würdigen Zeilen wie „I’m walking to school in ’69, the next day I’m 35“ einfriert, aber nicht nur zurückschaut. „Make it stop and look ahead“, singt Forster, „see what’s coming around the bend.“ So unvermeidlich es sein mag.


18. Februar 2023

Simon Rowe - Everybody’s Thinking


Ist Simon Rowe entweder a) ein niederländischer Yoga Lehrer, b) ein neuseeländischer Drehbuchautor, c) ein englischer Fondsmanager oder d) der ehemalige Gitarrist von Chapterhouse und Mojave 3?

Gut, da wir hier bei Platten vor Gericht sind, dürfte dies nicht gerade die 500.000 Euro-Frage gewesen sein und es wird niemanden verwundern, dass d) die richtige Antwort ist.

Eher ist es erstaunlich, dass Simon Rowe zwischen 1991 und 2003 an Alben wie „Whirlpool“ (Chapterhouse), „Ask Me Tomorrow“ und „Out Of Tune“ (beide Mojave 3) beteiligt war, dann musikalisch für zwei Jahrzehnte von der Tonfläche verschwand und erst 2023 sein Debütalbum veröffentlichte. An den zehn Songs von „Everybody’s Thinking“ werkelte er wohl annähernd so viele Jahre und konnte dabei auf die Hilfe ehemaliger Bandkollegen und befreundeter Musiker zurückgreifen. So sind mit Andrew Sheriff, Ashley Bates und Stephen Patman zahlreiche Chapterhouse-Kollegen vertreten, Ian McCutcheon und Neil Halstead (Mojave 3) waren involviert, wie auch Hamish Brown von der Band Revolver. 

Wer jetzt aber bei der Nennung von Chapterhouse und Revolver auf ein Shoegaze-Album hofft, der könnte bei den schönen, entspannten, verträumten Folkpop/-rock-Klängen des Albums, die recht nah bei Mojave 3, Neil Halsteads Soloalben, Syd Barrett, Tim Hardin oder Fred Neil (auf dessen bekanntestes Lied der Albumtitel anspielen dürfte) sind, enttäuscht sein.

Everybody’s Thinking“ ist vor einigen Tagen erschienen und wird Anfang März als CD und LP (black Vinyl oder pink Vinyl) erhältlich sein.







17. Februar 2023

M(h)aol - Attachment Styles


Verweilen wir auch für die nächste Plattenvorstellung noch in Irland und bei einem weiteren Debütalbum: M(h)aol (ausgesprochen: „Male“) sind ein feministisches, politisches Post-Punk-Quintett, welches versucht hat, das raue Live-Erlebnis auch auf Platte zu bannen. Dazu wurden die 10 Songs von „Attachment Styles“ in einem kleinen Proberaum aufgenommen, ohne Kopfhörer, mit minimalen Schlagzeugmikrofonen und nur einer PA für den Gesang. Das Aufnehmen und Produzieren übernahm Bassistin Jamie Hyland selbst. Die Band wird von Róisín Nic Ghearailt, Constance Keane, Zoe Greenway und Sean Nolan vervollständigt.

Nach ihrer Debütsingle „Clementine“ (2015) vergingen erst einmal fünf Jahre bis zur nächsten Veröffentlichung „Laundries“, doch bereits mit diesen beiden Songs hinterließen sie Eindruck:
"M(h)aol may have only released two songs in five years, but when they are as searing and pertinent as ‘Laundries’, it’s more than enough to leave a vital mark" 
(The Quietus)

Bereits im folgenden Jahr folgte mit „Asking For It“ der erste Vorbote aus dem nun erschienenen „Attachment Styles“. Angetrieben von Sängerin Róisín Nic Ghearailt wüten, lärmen, scheppern und toben M(h)aol zu Texten über Vergewaltigung, Sexualität und Geschlecht fünfunddreißig mitunter noisige Minuten lang. Dabei kann ein Ausbruch bereits nach 2 Minuten vorbei sein oder sich, wie beim abschließenden „Period Sex“ auch über 7 Minuten hinweg langsam Richtung Höhepunkt anbahnen.


The result is a record that is equally vulnerable, triumphant and cathartic. “I’m just the dumb bitch that left the party with you,” vocalist Róisín Nic Ghearailt sing-speaks on spicky opener Asking for It, which unflinchingly tackles rape culture. As the track builds, the guitars become thick and gluey and Ghearailt’s voice rises to a roar: “My whole life won’t be defined by you.”
It’s the heaviest track on an album where most of the songs build from bare bones, the instrumentation disjointed and primal, allowing a message of self-acceptance to dominate. Bisexual Anxiety and Femme push back against “the black and white space of monosexuality” – you can hear Ghearailt’s eyes rolling as she sings: “I should have cut my hair off when I knew I was queer / It would have made it easier on everyone here.” Closing track Period Sex provides a lusty, heavy-breathing highlight, Ghearailt savouring the refrain of “I want to make a mess” with coquettish, gleeful defiance as a kaleidoscopic guitar ebbs and flows. It’s a brilliantly confrontational ending – “If this song makes you uncomfortable you should ask yourself, why?” the band ask at the start of the song’s video – to an album that makes good on all the skill and fiery wit that M(h)aol first hinted at seven years prior.








16. Februar 2023

Somebody’s Child - Somebody’s Child


Wessen musikalisches Kind könnte Somebody’s Child sein? Da fallen einem direkt Sam Fender und The Killers als potenzielle Elternteile ein. Also energetischer, tanzbarer und eingängiger Indierock. Gut, dass das Kind noch am liebsten mit der Gitarre spielt und Synthesizer sowie Keyboards noch nicht für sich entdeckt hat. 

Hinter Somebody’s Child steckt der Ire Cian Godfrey, der nach drei EPs nun sein selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlicht hat. „Somebody’s Child“ wurde von Mikko Gordon (Arcade Fire, Island, Idles, Gaz Coombes, Thom Yorke) produziert und via Frenchkiss Records als CD und LP (black und red Vinyl) veröffentlicht.

In Deutschland gibt es eine Gelegenheit, um Somebody’s Child live zu erleben:
11.03.23 Berlin, Privatclub 


Whether it’s a track such as ‘Sell Out’ that brings the catchy and smooth guitar riffs into any listener’s ears or if it is the honest lyricism in ‘I Need Ya’, there is a track for everyone. No matter what they are going through.
One track that stands out the most is ‘Broken Record’. Forget the banging drums and beautiful guitar feelings for a moment. This is a track that truly gets the feeling of being lost in this world. It’s four minutes of understanding the ups and downs of relationships and how important it is to get back up while life is kicking you down.
As the album comes to a close, it begins to feel like the listener is at a cafe or bar with a friend as they discuss everything life has to offer. ‘How Long?’ and others show off the gentle instruments and soft vocals that allow anyone to get an image of live music, a favourite drink of a listener, and being with their friends. 
That’s the feeling from this album. Serious conversations in fun and weird places that allow listeners and readers alike to feel safe discussing everything. The self-titled album is truly something special.









15. Februar 2023

Yo La Tengo - This Stupid World


10 Fakten zum neuen Album von Yo La Tengo:

1. In schöner Regelmäßigkeit veröffentlichen Yo La Tengo seit 1986 Alben, nur zwischen „Popular Songs“ (2009) und „Fade“ (2013) spannten sie ihre Fans etwas auf die Folter. Mittlerweile sind sie bei siebzehn Studioalben angelangt.

2. Da James McNew bereits seit 1992 Ira Kaplan (Gesang, Gitarre) und Georgia Hubley (Schlagzeug, Gesang) am Bass begleitet, hat die Anzahl ihrer Studioalben vor einigen Jahren die ihrer Bassisten übertroffen, denn dies waren insgesamt vierzehn. Alle mit McNew veröffentlichten Alben erschienen bei Matador Records. So auch das am 10. Februar als CD und Doppel-LP (black Vinyl) veröffentlichte „This Stupid World“.


 


3. Erst in diesem Jahrtausend gelang Yo La Tengo erstmals der Einzug in die US Billboard Charts: „And Then Nothing Turned Itself Inside Out“ (2000) kam auf Platz 138. Erst mit ihrem letzten Album „We Have Amnesia Sometimes“ (2020), das nur fünf improvisierte, instrumentale Ambient-Tracks enthielt, riss die Serie von sieben Chartplatzierungen in Folge, die 2013 mit „Fade“ auf Platz 26 gipfelte.

4. Die Aufnahmen zu „This Stupid World“ fanden zwischen 2020 und 2022 im bandeigenen Studio in Hoboken, New Jersey statt und mussten wegen der COVID 19-Pandemie für einige Monate ruhen, da es fast komplett gleichzeitig vom Trio eingespielt wurde. Das Album wurde auch von Ira Kaplan, Georgia Hubley und James McNew selbst produziert. 


 


5. Die CD von „This Stupid World“ (9 Songs) läuft 47:48 Minuten. Bei der zweiten Seite der ersten LP endet der Song „Brain Capers“ in einer so genannten Endlosrille („locked Groove“), d.h. eine Plattenrille wurde so gepresst, dass sie kreisrund wieder in sich selbst zurück läuft und nicht – wie sonst üblich – spiralförmig nach innen verläuft. Die Länge des Songs ist mit „∞“ angegeben. 

6. Nur auf der zweiten Seite der zweiten LP befindet sich ein auf der Plattenhülle nicht erwähnter, instrumentaler unbetitelter Song mit einer Spielzeit von 7:02 Minuten.

7. Es gibt zudem zwei limitierte LP-Auflagen von „This Stupid World“: clear blue Vinyl und transparent yellow Vinyl (in Japan).


 


8. Auf den Songs „Aselestine“ und „Apology Letter“ ist C.J. Camerieri, der auch schon für Sufjan Stevens, The National oder Rufus Wainwright musizierte, am Waldhorn zu hören. 

9. „This Stupid World“ wird von der Plattenkritik höchst wohlwollen aufgenommen. Aktuell steht es bei Metacritic bei einem Metascore von 85/100 Punkten. Ein Wert, den Yo La Tengo selbst erst einmal, mit „Extra Painful“ (88/100; 2014), übetroffen haben. 


Yo La Tengo ist eine Band der Vibes, mehr denn je. Orgel-Drones und sphärisch in der Luft gehaltene Akkorde bilden die Basis, Fuzz-Gitarren („Sinatra Drive Breakdown“) klassische Akustikgitarren („Aselestine“) oder verzerrte Gesangsspuren („Brain Capers“) dringen durch die meditative Gleichförmigkeit, sind Farbtupfer im Monochrom. Der Höhepunkt ist „Fallout“ ,ein wunderschönes Shoegaze-Stück mit einer sich majestätisch öffnenden Akkordfolge, in der sich die dominant verzerrte E-Gitarre fantastisch mit den motorischen, hohen Basstönen von McNews verbindet. Auffällig ist die flache Produktion des Lieds, die es wie einen Vintage-Track klingen lässt, ein Lo-Fi-Wunderwerk. (…)
Aber zu schön, zu allumfassend, sprich zu gut produziert, darf es nicht werden, da sind Yo La Tengo Puristen und ziehen die Authentizität einer DIY-Ästhetik höheren Produktionswerten vor. Vierzig Jahre gibt es die Band nächstes Jahr. „This stupid world“, diese blöde Welt, ist ein wenig schöner mit Yo La Tengo in ihr.


10. Yo La Tengo werden auch auf Tournee gehen und haben auf dem europäischen Festland 14 Konzerte angekündigt. Drei Auftritte werden auch in Deutschland stattfinden. Das sind die Termine:
20.04.23 Hamburg, Uebel & Gefährlich
23.04.23 Köln, Gloria
25.04.23 Berlin, Huxleys Neue Welt


14. Februar 2023

Kraków Loves Adana - Oceanflower


Wenn es zum Valentinstag nicht die üblichen Schnittblumen und Pralinen sein sollen, dann wäre das neue Album von Kraków Loves Adana eine lohnenswerte Alternative. Irgendwie blumig ist auch das Plattencover geraten und dies liegt an der Visulaisierung des Albumtitels „Oceanflower“, welcher eine Übersetzung der Geburtsnamen von Deniz Çiçek ist, denn diese bedeuten auf Türkisch Meer und Blume. 

Passend dazu wird das Album von „See It Bloom“ eröffnet, einem von bedrohlichen Gitarren und Deniz’ in tiefste Tiefen abtauchender Stimme dominiertem Düstersong mkt Mantra-artigem Refrain: „Some peolple wanna see the world burn, but I don’t, I wann see it bloom“. Beim folgenden „Whern The Storm Comes“ bleibt sie in dieser Tonlage, welche aber perfekt von Ruth Radelets Stimme kontrastiert wird. Zusammen mit Adam Miller ist diese nicht nur auf der ersten Single aus dem Album sondern auch auf „In Memories“ zu hören. Beide Songs würden sich gut auf den Alben der Chromatics, der ehemaligen Band von Radelet und Miller, einfügen. In einer Playliste würde der 80ies New Wave von „In Memories“ mit seinem Spoken Word-Part auch einen herrlichen Nachbarn von „Dr. Mabuse“ abgeben. Dem getragenen „Nobody’s Child“ kann man eine Nähe zu The Cure („Pornography“ oder „Disintegration“) nicht absprechen und beim äußerst eingängigen „Love Love Love“ würde man sich wünschen, dass New Order einmal wieder eine so starke Single gelingen würde. 

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass „Oceanflower“ wieder etwas gitarrenlastiger als seine Vorgänger geraten ist. Das siebte Album von Kraków Loves Adana bietet 10 Songs, die in Eigenregie und ohne Label als „very limited edition of dripping orange vinyl“ erschienen sind. Wenn man bedenkt, dass Kraków Loves Adana seit Beginn der Pandemie mit „Darkest Dream“ (2020), „Follow The Voice“ (2021) und nun „Oceanflower“ auf diesem Weg drei Alben veröffentlicht haben, muss man sich fragen, wie ihnen das auf unverändert hohem Niveau ständig gelingt und warum sich kein Label bei Deniz Çiçek und ihrem Partner Robert Heitmann meldet.    
 







13. Februar 2023

Amber Arcades - Barefoot On Diamond Road


Die niederländische Musikerin Annelotte de Graaf hat im Vorfeld ihres neuen Albums einiges verändert: Amsterdam statt Utrecht, braune gekürte statt platinblonde lange Haare und Fire Records statt Heavenly Recordings und eine Zusammenarbeit mit ihrem in New York ansässigen Produzenten Ben Greenberg, jedoch diesmal über den Atlantik hinweg und nicht vor Ort.

Auch musikalisch spiegelt sich dieser Wandel auf „Barefoot On Diamond Road“ wider: Der Opener „Diamond Road“ wird zunächst von einer Harfe dominiert und lässt an Björk oder Joanna Newsom denken, „Odd To Even“ wird von einem Cello begleitet, die Trip Hop Beats von „Contain“ führen in Richtung Portishead (ähnlich wie später „True Love“) und werden dann von My Bloody Valentine mäßigem Lärm unterwandert (ein Trick, den das sechsminütige Album-Highlight „I’m Not There“ wiederholt). Über „Life Is Coming Home“ schwebt ihre verzerrte Stimme über taumelnden Synthesizern, das folgende „Through“ ist ähnlich entrückt, bis sich unerwartetet eine Rock-Dynamik herauskristallisiert.

Tatsächlich ist man auf dem dritten und bisher spannendsten Album von Amber Arcades vor Überraschungen nicht gefeit. Thematisch drehen sich die 10 Songs um das Erwachsenwerden, die Einsamkeit in der Großstadt, die Unvorhersehbarkeit des Lebens und das Vergehen der Zeit. „Barefoot On Diamond Road“ erscheint am 10. Februar als CD und LP (black Vinyl und silver Vinyl in der limitierten Auflage).









12. Februar 2023

Charlotte Brandi - An den Alptraum


Nachdem Charlotte Brandi auf „The Hawk, The Beak, The Prey“ (2012) und „Love Is A Fridge“ (2016), die sie gemeinsam mit Matze Pröllochs als Me And My Drummer veröffentlichte, sowie bei  „The Magician“, ihrem 2019 veröffentlichten Soloalbum, die englische Sprache nutzte, sang sie 2020 auf der „An das Angstland“ EP erstmals auf Deutsch und hat damit offensichtlich zu der zu ihr passenden sprachlichen Ausdrucksform gefunden.

Damals wurde sie von Dirk von Lowtzow (Gesang auf dem Duett „Wind“), Marcel Römer (Schlagzeug) und Bernd Keul (Bass) im Studio unterstützt, diesmal hat sie komplett und bewusst auf männliche Mitstreiter verzichtet und „An den Alptraum“ unter FLINTA-Beteiligung, also nur mit weiblich oder weiblich gelesenen Personen, aufgenommen. 


 


Eine bekannte Gaststimme gibt es dennoch zu hören: Stella Sommer singt auf „Vom Verlieren“ mit. Nur Stimmen gibt es beim an ein Kirchenlied erinnernden A-Cappella-Opener „Der Ekel“ zu hören, der direkt das Thema Frauenfeindlichkeit anspricht. Dass das Immitieren von Dialekten höchst selten eine gute Idee ist, müssen wir bei „Wien“ erfahren. 

Die ambitionierte Liedermacherin wagt sich an kunstvollen Indiepop, Jodel-Exkurse, schräges Kunstlied sowie schummrigen Chanson heran und wird dafür mit Lob überschüttet:

Brandi findet die idyllischsten Melodien, zwischen couragiertem Chanson und cleverem Art-Pop. Sie klingt mal zart und zerbrechlich, mal kraftvoll-vehement, immer mit furiosem Facettenreichtum und im herausragenden „Wien“ auch noch mit selbstironischem, burschikosem Schmäh („Du bist so unsicher/Wie all die andern Deutschen auch“). Eines der Lieder heißt „Frau“ und ist ein eskapistisches Manifest, das zur Befreiung aus alten Rollenbildern aufruft. Wenn’s uns Platten wie diese beschert, ist es ausnahmsweise ein großes Glück, dass solche Themen immer noch notwendig sind.


  


Bei aller Gemachtheit der Songs bewahrt sich Brandi eine Leichtigkeit, die sich manchmal fast ungehörig anfühlt angesichts ihrer Themen. Denn hinter der Launigkeit und Sanftheit lauert nicht selten etwas Unergründliches und Dunkles. Schon der Opener „Der Ekel“ ist ein erhabener Song über die Abgründe der Frauenfeindlichkeit. Überhaupt spuken Themen wie Macht und Ermächtigung durch dieses Album – das im Übrigen männerfrei in vollständiger FLINTA-Besetzung aufgenommen und produziert wurde – wie Geister: mal komisch, mal unheimlich.
Im wundervollen Gitarrenstück „Todesangst“, das zwischendurch in grauem Rauschen untergehen darf, besingt Brandi existenzielle Panik in fast schlafliedhafter Tröstlichkeit. Ihre Worte sind bei alledem zugleich irritierend präzise und verrätselt, zwischen ihren Zeilen tun sich Welten auf – wenn man genau hinhört, quasi hindurchhört durch den schönen Nebel aus Synthesizern und tropischen Bläsern und Uuuuh-huuuu-huuuus. Vielleicht sind diese klugen Gespensterchansons nichts für Antenne Bayern. Zum Staunen sind sie allemal.


 


Charlotte Brandi unterwegs:
30.03.23 Hamburg, Nachtasyl
31.03.23 Bochum, Christuskirche
01.04.23 Stuttgart, Merlin
08.04.23 Berlin, Zenner





11. Februar 2023

Tennis - Pollen


Wollte man Musikrichtungen mit kugelförmigen Sportgeräten vergleichen, kämen für alle Spielformen des Metal die unterschiedlichen Kugel-Varianten des Kugelstoßens oder auch die des Boule zum Tragen. Bewegt man sich in den Rock-Bereich hinein, könnten Bowling- bis Billard-Kugeln helfen, Britpop wäre natürlich ein Fußball, Hip Hop wäre eine Basketball, Jazz der Tipp-Kick-Ball, der mit seinen Ecken unvorhersehbar in die Richtung rollt, die er möchte, und Schlager ein bunter Wasserball aus billigem Plastik fürs Freibad, mit nichts gefüllt als jeder Menge Luft.

Wollte man die Musik des Duos Tennis symbolisieren, taugt leider ein Tennisball so gut wir gar nicht. Er ist zwar außen ein wenig flauschig, aber im Inneren nicht weich genug. Für den soften Indiepop mit 70ies Touch wäre ein Schaumstoffball das passende Äquivalent.

„Pollen“, das sechste Album von Alaina Moore und Patrick Riley, ist am 10. Februar über das eigene Label Mutually Detrimenta erschinen und als CD und LP (black Vinyl, opaque green Vinyl oder pollen coloured Vinyl) erschienen.


 


Denn die Musik ist deutlich zugänglicher und vielleicht sogar glatter als auf den Vorgängern. Tennis entfernen sich ein wenig vom melodischen Keyboard-Sound und lassen wie in "Let’s make a mistake tonight" lieber mal hektische, mal dynamische Synthie-Töne einfließen. Der Song ist, eher untypisch für das Duo, sogar tanzbar und spielt mit elektrifizierter Gitarre. Einen noch größeren Auftritt hat das Saiteninstrument in "Glorietta", wobei vor allem auffällt, dass Moore wesentlich tiefer ansetzt und in ihrem Gesang Stevie-Nicks-Vibes mitschwingen.
All das wirkt zusehends lässiger und streift den deutlichen Siebziger-Charme abgesehen vom Opener "Forbidden doors" ab, der nur stellenweise etwas generische Indie-Pop nimmt wieder überhand – ahnlich, wie es in den Anfängen von Tennis der Fall war. Unterschiede gibt es aber dennoch. Man könnte auch sagen: Das Duo hat über die Jahre Erfahrungen gesammelt, ist gereift und traut sich auf "Pollen" entsprechend mehr.




10. Februar 2023

Pascow - Sieben


Gildo Horn, Mark Forster, Mary Roos, Thomas Anders - so richtig viel hat Rheinland-Pfalz musikalisch nicht zu bieten. 

Gut, dass mein Bundesland im Bereich Punk in den letzten Jahren PUNKten konnte. Da wäre zum einen mit dem Präfix Post- die Band Love A, die 2017 mit „Nichts ist neu“ Platz 36 in Deutschland erreichte, und zum anderen mit dem Suffix -Rock die Band Pascow, die 2019 mit „Jade“ bis Platz 47 der Charts kam. Beide veröffentlichen ihre Platten übrigens über das gleiche Label, nämlich Rookie Records. 

Unter dem Motto „Sieben auf die Fünf!“ hatte das Quartett aus Gimbweiler vor genau sieben Tagen Grund zum Jubeln. Denn tatsächlich stieg ihr siebtes Album auf Platz 5 in die deutschen Charts ein. Die 14 Punk-Rock-Kracher kommen ohne Ballade aus, überraschen an einer Stelle mit einer Violine, haben Gastbeiträge von Apokalypse Vega (Acht Eimer Hühnerherzen), Nadine Nevermore (N.T.Ä.) sowie der Trierer Sängerin Hanna Landwehr zu bieten und wurden im Lahnsteiner Tonstudio 45 von Kurt Ebelhäuser (Blackmail, okay noch eine Band aus Rheinland-Pfalz) aufgenommen und produziert. 

Pascow unterwegs, aber nicht in Rheinland-Pfalz:
15.02. Reutlingen, Franz K (ausverkauft)
16.02. Leipzig, Conne Island (ausverkauft)
17.02. Hannover, Faust (ausverkauft)
18.02. Hamburg, Markthalle (ausverkauft)
19.02. Hamburg, Markthalle (Zusatzkonzert)
25.02. Saarbrücken, Garage (Zusatzkonzert)
30.03. Bremen, Schlachthof
31.03. Düsseldorf, Zakk (ausverkauft)
01.04. München, Technikum
02.04. Zürich (CH), Dynamo
04.04. Karlsruhe, Substage
05.04. Köln, Gloria
06.04. Dresden, Tante Ju (ausverkauft)
08.04. Berlin, SO36 (Zusatzkonzert) 
09.04. Berlin, SO36 (ausverkauft) 


 


Die auf JADE sehr kenntliche Lust an der Variation fokussiert sich hier höchstens noch auf (Sound)Details. Das dringliche Allwetter-Outfit von Pascow – bestehend aus trockener Härte, Gewitztheit und unter der Oberfläche pulsierender Emotionalität – häutet sich nicht, zeigt sich viel eher in seinem aktuellem Glanz.
Bei so viel freundlicher Werktreue ist man allerdings doch dankbar, dass durch weibliche Gaststimmen einige Songs zu Duetten morphen und den bandeigenen Kanon zu erweitern wissen. Einsteiger*innen sei daher das Stück „Königreiche im Winter“ (featuring Apokalypse Vega) empfohlen. Danach liegen alle Karten auf dem Tisch.







9. Februar 2023

The Arcs - Electrophonic Chronic


Dan Auerbach ist Mitglied im Blues-Rock-Duo The Black Keys, das letztes Jahr sein elftes Studioalbum veröffentlichte, brachte zwei Solo-Alben heraus, betreibt das Easy Eye Sound in Nashville, ist als Produzent (Lana Del Rey, Cage The Elephant, The Pretenders) aktiv und findet nebenbei noch Zeit für weitere Nebenprojekte. 

The Arcs (Dan Auerbach, Leon Michels, Nick Movshon und Homer Steinweiss) wurden 2015 gegründet, veröffentlichten im gleichen Jahr ihr Debütalbum „Yours, Dreamily,“ und mussten drei Jahre später den Tod ihres Schlagzeugers Richard Swift verkraften. 

Tatsächlich entstand jedoch das erst jüngst veröffentlichte zweite Album „Electrophonic Chronic“ noch größtenteils gemeinsam mit dem Drummer, wurde aber erst Jahre nach den Aufnahmen zu Ehren Swifts fertig gestellt.

Electrophonic Chronic“ bietet 12 Psychedelic-Rock Songs, die Soul, Jazz, R&B, Blues und 70ies Pop assimilieren, steht aktuell bei Metacritic bei 85/100 Punkten und ist in zahlreichen LP-Varianten erhältlich: black Vinyl, clear with black splatter Vinyl, clear with neon yellow splatter Vinyl, clear with neon green splatter Vinyl, crystal clear Vinyl, clear & neon coral splatter Vinyl, clear with sky blue splatter Vinyl und zoetrope Picture Disc.


Schon im Auftakt klingen die Drums auf eine großartige Weise verdreht, der trippige Soul ist alter Wein in neuen Schläuchen, das Arrangement hätte auch von Conor O’Brien (Villagers) stammen können. Das folgende „Eyez“ bereitet die alten Klänge höchst modern auf. „Sunshine“ ist smoother Blue-Eyed Freak-Soul mit einem HipHop-Beat, bis das Lied in der Mitte in einen leicht irren Sha-la-la-Chor kippt. Auerbach und Michels haben aus den hundert Liedern ein vintage-warm gemischtes Soul-Set destilliert, das auf Fuzz und lauten Angriff weitestgehend verzichtet. Es ist vielleicht der Melancholie wegen, dass man den verstorbenen Freund hier noch mal spielen hört. 









8. Februar 2023

The Waeve - The Waeve


Blur sind wieder zurück, 8 Jahre nach ihrem letzten gemeinsamen Konzert. Aus einem Konzert in London wurden zwei, dann wurden nach und nach sechs (Festival-)Auftritte vor und fünf nach diesem Termin bekannt gegeben. Deutschland ist aktuell nicht dabei.

Ob es nach „The Magic Whip“ (2015) auch neue Musik von Blur geben wird, ist bisher nicht durchgesickert. Irgendwo habe ich die Aussage von Dave Rowntree gelesen, dass dies wohl maßgeblich an der Entscheidung von Graham Coxon liegen soll. 

Aktuell legt Coxon, dessen Produktivität sich durchaus mit der von Damon Albarn messen kann, nach zahlreichen Solo-Alben, Kooperationen und dem Nebenprojekt/der Supergruppe The Jaded Hearts Club (u.a. mit Matt Bellamy und Miles Kane) das Ergebnis eines weiteren Projektes vor: The Waeve.

Gemeinsam mit der Sängerin Rose Elinor Dougall, die früher Mitglied bei The Pipettes war und drei Soloalben veröffentlicht hat, veröffentlichte er im letzten April den Track „Here Comes The Waeve“, dem später noch „Something Pretty“ und „Can I Call You“ folgen sollten. Auf das ebenfalls „The Waeve“ betitelte Debütalbum nahm das Duo jedoch nur die letzte Single. Material scheinen die beiden Musiker also ausreichend zu haben, denn neben diesen 10 Songs, von denen die Hälfte die 5-Minuten-Marke locker durchbricht, konnten sie noch 4 weitere für eine bei Rough Trade 
exklusive EP bereit stellen.

„Everything goes“ war möglicherweise das Motto für das von James Ford (Arctic Monkeys, Florence and The Machine, Foals, HAIM) produzierte Album: Graham Coxon greift gern einmal zum Saxophon, einem der ersten Instrumente, das er in den 80ern erlernte, oder zur Cister, einem mittelalterlichen Zupfinstrument, Rose Elinor Dougall spielt Piano oder einen modularen ARP 2000-Synthesizer, den Gesang teilen sich beide und The Elysian Quartet sorgte bei 6 Liedern für die Streicher-Untermalung. The Waeve experimentieren auf ihrem Debüt mit Avantgarde, Folkrock, Kammerpop, Krautrock, Dreampop sowie Prog-Rock und finden manchmal dabei einfach kein Ende. So unterschiedliche Künstler wie Talk Talk, King Crimson, Van der Graafsche Generator, Broadcast oder Penguin Cafe Orchestra werden als Einflüsse für das Album genannt.

„The Waeve“ ist als CD, Kassette und LP (black oder green Vinyl) erhältlich.


Der Album-Opener „Can I Call You“ schwebt zunächst dank Dougalls nachtschattiger Vocals im Dream-Pop-Himmel, nach zwei Minuten ein Break, der Motorik-Beat dreht auf, Coxon singt und holt neben der Fender Telecaster auch sein Saxofon raus.
So teilen sich die beiden zehn Songs, mal schnappt er sich das Mikro, mal sie, mal im Duett. Ein eklektischer Trip durch Power Pop, New Wave, Dream Pop, Kraut und Folk mit viel Saxofonheulen, Gitarrenplärren und Streicherdrama. Leider, so muss man sagen, hat das Duo die Mangelware ans Ende gekehrt und pro Song in Folge eine Schippe Cheesyness draufgeschaufelt: Im letzten Album-Drittel trödelt es allzu ermüdend vor sich hin. Bleibt uns die abenteuerliche Energie der übrigen zwei Drittel, und das ist ja auch viel wert.


 


Da ist „Over And Over“, eine impressionistische Ballade, die wehmütig und detailversessen auch Platz für ein bisschen Bar-Jazz hat. Da ist das somnambule „Sleepwalking“, durch das ein Echo von Taylor Swifts „Shake It Off“ hallt. Da ist das symphonisch inszenierte Mini-Epos „Drowning“, das mit Xylofon-Arpeggios, dezenten Dissonanzen, Bläserakzenten und Minimal-Music-Anspielungen spielt und sich über einem ungeraden Beat ausbreitet, der ganz kurz zum Walzer wird. Und da ist „Someone Up There“, das zackig den New Wave der 80er-Jahre verarbeitet.