30. September 2025

Nation Of Language - Dance Called Memory


Die Kirsche symbolisiert in erster Linie Liebe und Leidenschaft, aber auch Fruchtbarkeit und die Vergänglichkeit des Lebens, behauptet die KI. Zumindest beim letzten Punkt haken Nation Of Language ein, denn textlich dreht sich ihre Platte mit den Kirschen auf dem Cover um Verzweiflung, Trauer, Verletztlichkeit und Wehmut. 

Insgesamt ist „Dance Called Memory“, nach „Introduction, Presence“ (2020), „A Way Forward“ (2021) und „Strange Disciple“ (2023), das bereits vierte Album des Trios aus Brooklyn, New York. Wie beim Vorgänger arbeiteten Richard Devaney, Aidan Noell und Alex MacKay wieder mit Nick Millhiser von Holy Ghost! als Produzenten zusammen. Ein Unterschied ist, dass Richard Devaney beim Komponieren einiger Songs zur Gitarre griff und diese nun einen neuen Stellenwert im Sound der Synthpop-Band erhält. 

Auf „In Your Head“ wären New Order stolz, „In Another Life“ könnte mit seinen pluckernden elektronischen Beats die Tanzflächen der Indieclubs füllen, „Silhoette“ klingt wie das Kind von Future Islands und den frühen Talk Talk,„I’m Not Ready For The Change“ stellt mit seinen mit gesampelten Drum Breaks eine Reminiszenz an My Bloody Valentines „Soon“ dar und das abschließende „Nights Of Weight“ ist eine Ballade zur Akustikgitarre.

Dance Called Memory“ ist als CD sowie LP (Starburst Orange Vinyl, Split Sky Blue/Oxblood Vinyl, Deep Blue Vinyl, Clear With Red & Blue Swirl Vinyl) erhältlich und steht aktuell bei Metacritic bei 80/100 Punkten.

Nation Of Language in Deutschland:
18.11.25 Köln – Gloria
19.11.25 Hamburg – Uebel & Gefährlich
21.11.25 Berlin – Columbiahalle
22.11.25 München – Technikum


 


Es wäre leicht, Devaneys Gesang mit dem Pathos von Ian Curtis oder dem Nachbeben von David Sylvian zu vergleichen, aber das würde dem nicht gerecht. Denn hier singt jemand, der gelernt hat, seine Trauer zu formen, nicht zu verstecken.
Besonders deutlich wird das im Herzstück des Albums, „Now That You’re Gone“, das aus einer persönlichen Erfahrung rund um Krankheit und Verlust hervorging. Die Emotionalität ist nicht inszeniert, sie liegt offen da, verletzlich, ungeschützt.
Produzent Nick Millhiser (LCD Soundsystem, Holy Ghost!) beweist einmal mehr ein feines Gespür dafür, wie viel Raum Traurigkeit eigentlich braucht. Statt bloßer Retro-Glätte wirkt das Album wie ein aufrichtiger Versuch, elektronischer Musik neues Leben einzuhauchen, durchzogen von genau der richtigen Dosis Shoegaze-Schwärze.
Sehr eindrucksvoll gelingt das auf „I’m Not Ready for the Change“, das mit zersplitterten Beats und flirrenden Synths die Unaufhaltsamkeit des Wandels vertont.
Wer hier auf Synthpop der seichten Sorte hofft, wird überrascht sein: „Dance Called Memory“ ist ein intimes, atmosphärisch dichtes Werk, das Verletzlichkeit nicht kaschiert, sondern kultiviert.




29. September 2025

Goodwin - Peekaboo


Nach fünf Studioalben mit The Slow Show begibt sich deren Sänger Rob Goodwin auf Solopfade. Das Ergebnis ist ein äußerst ruhiges und intimes Album, das klingt wie The Slow Show, denen alles Dramatische und Aufregende genommen wurde. 

Auf 10 Songs lauschen wir Goodwins sonorer Stimme und dem sanften Pianospiel von Lambert. Dazu gibt es ein wenig akustische Gitarre, äußerst spartanisch eingesetzte Rhythmen („Love Song“), dezente Streicher und gelegentlich  Chorgesang („4am“) im Refrain. Das war’s so ziemlich. 
Als Highlights stechen „Whiskey“, ein Duett mit Kesha Ellis, die auch auf „Don’t Change Nothing“ leise mitsingt, und aufgrund seiner Streicherarrangements auch „Miracle Cure“ hervor. Als Vorbilder dienten wohl Nick Drake und Leonard Cohen, wofür „How’s The Pain, Son“ ein schöner Beleg sein könnte. Manchmal sind knapp 33 Minuten Musik auch vollkommen ausreichend.

„Peekaboo“ ist als CD und LP (black Vinyl) erhältlich und Lambert wird Goodwin auch auf seiner Tour begleiten:
17.10.2025 Köln - Kulturkirche
18.10.2025 Lübeck - Kulturwerft Gollan
19.10.2025 Berlin - Heimathafen Neukölln

21.10.2025 Dresden - Jazzclub Tonne

22.10.2025 Nürnberg - Neues Museum


Nichts ist falsch an diesem Album. Es gibt keinen einzigen schwachen Song, Rob Goodwin führt stilsicher durch die musikalischen Kleinode, das Zusammenspiel mit dem Mann am Piano funktioniert organisch und pointiert. Zwei Könner im musikalischen Gespräch. Bei jedem Hördurchgang allerdings bleibt ein unterschwelliger, aber durchaus penetranter Zweifel hängen: Kann es sein, dass die ganze Chose dann doch ein Stück unter den Möglichkeiten geblieben ist? Dass die emotionale Wucht von The Slow Show, wenngleich auch nie klanglich ausufernd und mehrheitlich im ausgebremsten Segment unterwegs, doch die bessere Welt im Goodwin-Universum darstellt? Während die bislang fünf Alben der Band ausnahmslos eine regelmäßige Sehnsucht nach einer Wiederentdeckung auslösen, könnte "Peekaboo" auf Dauer eher der schleichenden Vernachlässigung anheimfallen.


 


 


 




28. September 2025

Jens Lekman - Songs For Other People’s Weddings


Oh you’re so silent, Jens! Das konnten Fans von Jens Lekman, in Anspielung auf die vor zwei Jahrzehnten veröffentlichte Compilation gleichen Titels, mehr als achteinhalb Jahre sagen, denn so lang liegt sein letztes Album, „Life Will See You Now“, zurück.

Songs For Other People’s Weddings“ ist das Album zum Buch zum Leben von Jens Lekman. Aber der Reihe nach: Der schwedische Musiker hatte auf seinem Debütalbum einen Song namens „If You Ever Need A Stranger (To Sing At Your Wedding)“ und setzte diesen in die Tat um, indem er über Jahre hinweg tatsächlich auf Hochzeiten von Fans sang. Dies bot den Anlass, um mit dem US-amerikanischen Autoren David Levithan an einem Roman über einen Hochzeitssänger und dessen Partnerin, die von Göteborg nach New York zieht, um dort Karriere zu machen, zu schreiben. Gewisse Parallelen aus den Leben von Lekman und Levithan existieren in der fiktionalen Geschichte, die nun auch die Grundlage für dieses Konzeptalbum lieferte.


 


Im Verlauf der Jahre wurde aus ursprünglich geplanten 10 Songs dann ein Album mit 17 Liedern, das fast 80 Minuten lang läuft. Dabei hilft, dass allein „Wedding In Leipzig“ mehr als 10 Minuten dauert. „Songs For Other People’s Weddings“ entstand im Studio zusammen mit Daniel Fagerström, der gemeinsam mit Lekman als Produzent fungiert, und einer Vielzahl an Gastmusikern, die Cello, Geige, Klarinette, Schlagzeug, Gitarre, Bass, Saxophon, Trompete, Flöte, Piano, Autoharp und Gesang beisteuerten. 

„Songs For Other People’s Weddings“ ist als CD und Doppel-LP (Opaque Green Vinyl, Opaque Yellow Vinyl) über Secretly Canadian erschienen. Jens Lekman wird für zwei Konzerte nach Deutschland kommen:
08.03.26 Berlin, Gretchen
09.03.26 Köln, Gebäude 9


 


Und wie prächtig ist dieses ungewöhnliche Album geworden – gewiss eines der berührendsten, euphorisierendsten Singer-Songwriter-Werke des Jahres. Die 17 Lieder oszillieren zwischen reduziert-akustisch (GOT-JFK) und ausufernd-opulent (Wedding In Brooklyn), beziehen Bläser, Streicher und Chöre ein, streifen Piano-Pop, Soft-Rock, Blue-Eyed-Soul, Latin, Easy-Listening und Lounge-Music, Balladen-Folk, sogar House. Und Lekman singt mit seiner weichen Stimme so gut wie noch nie – oft begleitet von Matilda Sargren, deren soulige Vocals er entdeckte, als er mit einem Jugendorchester aus der Nachbarschaft spielte, in der er bei Göteborg aufgewachsen ist.




27. September 2025

Laura Lee & The Jettes - Tough Love Paradigm


Andrea Wieczorek und Laura Friedrich tauschten ihre Nachnamen gegen Casablanca und Lee, gründeten zusammen das Duo Gurr, veröffentlichten 2016 das viel beachtete und gelobte Album „In My Head“ und ließen ihre gemeinsame Band anschließend langsam einschlummern.

Während Andreya Casablanca letztes Jahr mit „See More Glass“ ein erstes Soloalbum veröffentlichte, legte die andere Hälfte von Gurr bereits 2021 mit „Wasteland“ vor. Dass nun mit „Tough Love Paradigm“ ein zweites Album von Laura Lee & The Jettes erscheint, lässt die Zukunft von Gurr nicht gerade rosig erscheinen. 

Zu hören gibt es auf dem von Laura Lee selbst produzierten Album 90er Jahre Indie-Rock, der auch in Richtung College-Rock, Shoegaze und Krautrock schielen darf und sich zwischendurch auch einmal an einen deutschen Text traut („Zu viel“) und einen Spoken Word-Beitrag von Grant Box einbaut („Unsolicited Advice“). 

Unsolicited Advice ist auch der Name von Laura Lees eigenem Label, über das „Tough Love Paradigm“ als Kassette und LP (orange Vinyl) erscheint. Für Referenzen (jenseits von Gurr) greifen wir tief in die 90er Jahre-Kiste: Sleater-Kinney, The Breeders, Elastica und Throwing Muses.


 


Musikalisch hat das neue Album alles zu bieten, was auch auf dem Debüt schon zu finden war – insbesondere die verschiedenen Aspekte des Indie-Rock, mit dem Laura Lee selber aufgewachsen ist. Songwriterisch und kompositorisch indes werden neue Maßstäbe gesetzt. Indem Laura Lee etwa nach eigener Aussage das Songwriting ganz stark vom Rhythmus bzw. Schlagzeug her dachte, kommen in Songs wie „Body Options“ oder „Ordinary People“ unerbittliche Krautrock-Einflüsse zum Tragen. Die Idee – jedenfalls partiell – in Songs wie dem Opener „Grand Total Of Nothing“ oder eben „Unsolicited Advice“ mit Sprechgesängen (deutlich jenseits aller Hip-Hop-Ansätze) zu agieren, verleiht der Angelegenheit eine zuweilen geradezu hypnotische Note. Auf der anderen Seite sind dann ambitioniert komponierte Power-Pop Rausschmeißer wie der Titeltrack, Indie-Rocker wie „Zu viel“ oder Glam-Rocker wie „So Cool“ zu finden. Das abschließende „Heartbreak“ kommt gar im Gewand eines aufwändig arrangierten und metikulös strukturierten Retro-Pop-Songs mit 60s Flair daher.




26. September 2025

Múm - History Of Silence


Zwölf Jahre Stille unterbrechen Múm nun mit ihrem siebten Studioalbum „History Of Silence“. Wie seine beiden Vorgänger „Sing Along To Songs You Don't Know“ (2009) und „Smilewound“ (2013) ist auch dieses Album der Isländer über das Berliner Label Morr Music erschienen, und zwar als CD, Kassette und LP (black Vinyl, clear Vinyl). More Music hätten sich vermutlich die Fans von Múm nach dieser langen Zeit gewünscht, aber es sind lediglich 8 Songs in knapp 34 Minuten geworden. Wenn diese gute halbe Stunde aber so zauberhaft gestrickt ist, wie auf „History Of Silence“, dann kann man darüber gut hinweg sehen und hören.

Im Verlauf von über zwei Jahren werkelten Múm an dieser fragil wirkenden Mixtur aus Kammerpop und Folktronica. Die elektronischen Beats knistern zu den akustischen Klängen von Piano und Streichern, dazu gesellt sich der sanft gehauchte, oftmals mehrstimmige Gesang. Die Aufnahmen begann im Sudestudio in Süditalien und wurden in Reykjavík, Berlin, Athen, Helsinki, New York und Prag fortgeführt. In Akureyri nahm das Sinfonia Nord Orchestra unter Leitung von Ingi Garðar Erlendsson dann die Streichinstrumente auf.     

More Shows wären auch toll gewesen, aber leider spielen Múm in Deutschland nur in der Stadt ihres Labels:
27.1..25 Berlin, Lido


Auf den acht neuen Tracks tun Múm das, was sie besonders gut können, sie driften mühelos von einer Idee zur nächsten, scheinen sich zu zerfransen und kommen am Ende manchmal bei einem richtiggehenden Popsong an, einem melancholischen Herzerwärmer wie „Miss You Dance“ oder einer Etüde wie „Avignon“ (mit Piano und Streichern).
In „Our Love Is Distorting“ kommt dann auch Feedback zum Einsatz, in homöopathischen Dosen wohlgemerkt. Múm schaffen es, über die komplette HISTORY OF SILENCE eine Balance zu finden zwischen Kontemplation, Wohlklang und digitaler Verzerrung.


 


 





25. September 2025

NewDad - Altar


Wurde hier etwa letzte Woche der Dreampop-/Shoegaze-Donnerstag vergessen? Das wäre insofern recht passend, da auch NewDad ihr Shoegaze-Sounds etwas entfallen ist.

Im Hause NewDad ist auf jeden Fall viel los. Die 2018 in Galway gegründete Band benötigte etwas Anlauf für ihr Debütalbum, das  nicht nur von Robert Smith (The Cure) hoch gelobte „Madra“ (2024). Um so erstaunlich, dass seitdem die „Safe“ EP veröffentlicht wurde, Sängerin Julie Dawson Zeit für ihr Solodebüt („Bottom of the Pool“) fand und auch mit „Altar“ das zweite Album von NewDad fertiggestellt wurde - und das, obwohl ihnen die Bassistin Cara Joshi verlustig ging. 
Als Trio, neben Dawson an Mikrofon und Gitarre sind dies noch Seán O’Dowd (Gitarre) und Fiachra Parslow (Schlagzeug), schärfte man mit den Produzenten Sam "Shrink" Breathwick und Justin Parker den Sound zu klarerem, kantigeren 90er Jahre Alternative Rock und ließ den für Shoegaze elementaren, verhallten Reverb-Effekt außen vor. In einer Playliste würden sich viele der 12 Songs von „Altar“ gut zwischen the Joy Formidable und Fear Of Men machen. 

„Altar“ ist als CD und LP (Recycled Black Vinyl, Transparent Red Vinyl, Cream Vinyl, Silver with Blue and White Streak-Splatter Vinyl) erhältlich.

NewDad in Deutschland:
06.10.25 Hamburg, Nochtspeicher
07.10.25 Berlin, Lido


 


As before, there is a temptation to play spot the influences. NewDad, to their credit, have never been shy about their debt to the 1980s and 1990s, and Altar references the entire A-Z of late-20th-century alternative icons, from Cocteau Twins to Sisters of Mercy via The Cure and Pixies.
Crucially, though, NewDad bring something new – something Irish – to the formula. There is a keening mournfulness to Dawson’s voice that means at moments it’s like listening to Sinéad O’Connor fronting The Breeders. Stormy basslines push ever forward, tightly cranked with purpose, but Dawson sounds like the saddest person in the universe, and that juxtaposition between guitar abandonment and turbocharged ennui is hugely affecting. (…)
That isn’t to say Altar is a downer. At full throttle it re-creates the energy of a heaving indie disco: Heavyweight starts with a gauzy Sonic Youth riff; Pretty has the twitchy quality of jangling postpunk guitar; and a slamming Pixies energy ripples through the single Roobosh, with its descending riff and rising bass.
These highs and lows reach a thunderous crescendo on Something’s Broken, a stormy epic that suggests a Taylor Swift power ballad filtered through old-school indie angst. It is breathtakingly bittersweet, an autumnal chugger that confirms NewDad as alt pop’s irresistible new godfathers of glum.




24. September 2025

Wednesday - Bleeds


Apropos Big Thief: Vor zwei Jahren schrieb ich zu „Rat Saw God“: „Man stelle sich Big Thief im Lärm-und Krach-Modus vor.“ Wie passend, dass beide Bands nun nahezu zeitgleich zwei neue Platten veröffentlicht haben und direkt nacheinander vor Gericht gestellt werden können. Und der Termin für „Bleeds“ muss natürlich auf einen Mittwoch fallen.

Vom ursprünglichen Trio sind noch Karly Hartzman (Gesang, Gitarre) und Alan Miller (Schlagzeug) bei Wednesday, hinzu kamen im Verlauf der Jahre Xandy Chelmis (Lap Steel Guitar) und (als reines Studio-Mitglied und mittlerweile ehemalige Partner von Karly Hartzman) Jake „MJ“ Lenderman (Gitarre) sowie nach dem letzten Album Ethan Baechtold (Bass, Klavier). 

Bleeds“ ist das mittlerweile sechste Sudioalbum der Band aus North Carolina und nach dem erwähnten „Rat Saw God“ deren zweites für das Dead Oceans Label. Dieses spendiert neben der CD mehrere LP-Auflagen: Black Vinyl, Eco-Mix Vinyl (mit variierenden Farben), Pepto-Bismol Pink Vinyl, Stagnant Creek Vinyl und Fanta Yellow Vinyl.

Karly Hartzman sieht „Bleeds“ als spirituellen Nachfolger von „Rat Saw God“ und als Quintessenz-Album von Wednesday. Logischerweise entstand es im selben Studio (Drop of Sun in Asheville) und zusammen mit dem selben Produzenten (Alex Farrar). Ob es bei Platten vor Gericht auch die selbe (enttäuschende) Beurteilung von 6,000 Punkten erhalten wird?
Zur Umschreibung könnte man also erneut „Man stelle sich Big Thief im Lärm-und Krach-Modus vor“ sagen. Gleich die ersten drei Songs des Albums setzen auf lärmenden Alternative Rock sowie Grunge- und Shoegaze-Einflüsse, bevor mit „Elderberry Wine“ ein erster Country-Schunkler eingestreut wird. Abrupte Sprünge, wie zwischen dem krachigen „Candy Breath“ und dem ruhigen und akustischen „The Way Love Goes“ stehen mehrmals auf der Tagesordnung. „Pick Up That Knife“ zeigt, dass diese auch innerhalb eines Songs auftreten können. Den größten Lärmpegel erreichen Wednesday im 87-sekündigen Punk-Ausbruch „Wasp“. 

Wednesday in Deutschland:
08.02.26 Hamburg, Molotow
09.02.26 Berlin, Lido
10.02.26 München, Strom
  

 


 


This band just keeps on expanding on their vast array of influences and it’s exactly the reason why they’ve been getting so much well-deserved praise. While Bleeds may not have the monstrous impact of Rat Saw God, it’s a truly glorious follow-up with just as many moments of brilliance. The inclusion of the indie folk and subtle crusty noise rock influences just further enhances what this band can do. At this point, they’ve released two classic albums in a row, and the crazy thing is, they’re still such a young band. Wednesday is truly special in the way that they can take genres that a lot of bands make boring and turn them into a sound that is truly unique, completely their own, and most importantly, engaging to listeners. Bleeds is yet another fantastic addition to a discography that just keeps getting better.


 





23. September 2025

Big Thief - Double Infinity


Big Thief - Kritikerlieblinge, bei denen sich die Lobpreisungen der Alben noch nicht so richtig auf das Kaufverhalten der Musikhörer*innen ausgewirkt haben.

Die Band aus Brooklyn, New York, kommt mittlerweile auf sechs hoch gelobte Alben, die zunächst über Saddle Creek und anschließend über 4AD veröffentlicht wurden. „U.F.O.F.“ (2019) erreichte einen Metascore von 87/100 Punkten und Platz 142 in den US Charts, das im selben Jahr veröffentlichte „Two Hands“ weist Rang 113  bei 85/100 Punkten aus. Mit „Dragon New Warm Mountain I Believe In You“ schien 2022 der Durchbruch zu gelingen: Die Kritiker liebten das Album (88/100) und es gab Erfolge in den Charts diverser Länder: USA #31, Deutschland #24 und UK #15. Der Nachfolger heißt nun „Double Infinity“, erreichte bei Metacritic 84/100 Punkte, verfehlte aber bisher die Hitlisten in den USA und Deutschland. 


 


Die Band verlor zuletzt ihren langjährigen Bassisten Max Oleartchik und nahm „Double Infinity“ als Trio, bestehend aus Adrianne Lenker (Gesang, Gitarre), die auch bereits sechs Solo-Alben veröffentlicht hat, Buck Meek (Gitarre) und James Krivchenia (Schlagzeug) auf. Oleartchik sollte nicht direkt ersetzt werden, so dass sich zahlreiche Gastmusiker*innen innerhalb von drei Wochen in den New Yorker Power Station Studios einfanden. Aus einer Sammlung von mehr als 50 Songs wählten Big Thief 16 Titel aus, die aufgenommen wurden, 9 schafften es auf das Album., das als CD, Kassette und LP (Black Vinyl, Green Vinyl, Black With Green Sparkles Vinyl) erhältlich ist.

Lesen wir doch einmal exemplarisch in eine deutsche Lobhudelei hinein: 

Double Infinity wagt sich musikalisch dagegen ins Offene. Die Songs arbeiten stark mit Wiederholungen und Riffs, als hätte man die Sessions im letzten Moment noch arrangiert. Das wirkt, als würde man an der warmen Westküste – mit oder ohne Substanzen – auf den Pazifik hinausschauen, in die endlose Weite, wo nach einer Weile weniger der ganze Kosmos erscheint als die eigenen Ängste und Wünsche. Die repetitive Form senkt den Puls, der Ozean ist die Leinwand. (…)
Auch die Songs selbst mäandern eher, als dass sie den strengen Formen von Country und Folk folgen. Dieser Flow ist nicht ganz neu für Big Thief, zeigt sich auf Double Infinity aber deutlicher denn je. Wie präzise die Band tatsächlich ist, und dass die Mitglieder auf der besten Musikschule der US, der Berklee in Boston, waren, hört man im langsamen No Fear. Im zerdehnten Tempo und im für einmal ungeraden Metrum hört man noch besser, wie gut sie aufeinander hören und gemeinsam in einem Raum spielen. 
Gegen Ende des Albums finden Big Thief musikalisch wieder heraus aus der schönen ozeanischen Verpeiltheit. Geradezu beschwingt wiederholt Lenker in Happy With You den Titel als Mantra über einen geschwinden Groove und nette Harmonien. 

Big Thief in Deutschland:
13.04.26 Berlin, Columbiahalle
14.04.26 Köln, E-Werk
15.06.26 München, Tonhalle
16.06.26 Hamburg, Große Freiheit 36



22. September 2025

10 Schallplatten, die uns gut durch den Oktober bringen


10. Richard Ashcroft - Lovin' You (Limited Indie Exclusive Edition) (Blue Vinyl) 10.10.2025






9. Maxïmo Park - A Certain Trigger / Missing Songs (3 LPs) 31.10.2025






8. Just Mustard - We Were Just Here (purple Vinyl) 24.10.2025






7. Taylor Swift - The Life Of A Showgirl (Orange Glitter Vinyl) 3.10.2025






6. The Charlatans - We Are Love (Limited Specialist Edition) (Translucent Orange Vinyl) 31.10.2025






5. Anna Von Hausswolff - Iconoclasts (2 LPs) 31.10.2025






4. Ash - Ad Astra (Ltd Transparent Martian Red LP/Spine Sleeve) 3.10.2025






3. Pulp - Different Class (30th Anniversary Edition) (remastered) (Limited Super Deluxe Edition) (4 LPs) 24.10.2025






2. The Reds, Pinks & Purples - The Past Is A Garden I Never Fed (Sky Blue Vinyl) 15.10.2025






1. Oasis - (What's The Story) Morning Glory? (30th Anniversary) (remastered) (Limited Deluxe Edition) (3 LPs) (crystal clear Vinyl) 3.10.2025







21. September 2025

Marissa Nadler - New Radiations


Die aus Washington D.C. stammende Singer/Songwriterin Marissa Nadler brachte 2004 ihr Debütalbum „Ballads of Living and Dying“ und zuletzt 2021 „The Path of the Clouds“ heraus. Dazwischen liegen sieben weitere Soloalben, zwei Projektalben mit Stephen Brodsky bzw. Milky Burgess sowie rund ein Dutzend selbstveröffentlichte Platten mit Cover- oder Demoversionen. Um so erstaunlicher, dass dieser stete Fluss an Musik nun für fast vier Jahre versiegte. 

„New Radiations“ ist zudem eine Abkehr von ihren letzten beiden Alben, zu denen eine Vielzahl an Gastmusikern ihren Beitrag leisteten. Die 11 neuen Songs nahm sie in ihrem Heimstudio und in den Haptown Studios in ihrem Wohnort Nashville nahezu im Alleingang auf, lediglich Milky Burgess durfte elektrische Gitarre, Orgel und Synthesizer beisteuern und sie beim Arrangieren unterstützen. Nadler fungierte, unter Mithilfe ihres Freundes Roger Moutenot, auch selbst als Produzentin. 

Zwar fließt die Musik nun wieder, aber „New Radiations“ kann wahrlich nicht als sprudelnd oder mitreißend bezeichnet werden. In 46 Minuten gibt es rohen, kargen und schwermütigen Folk zu hören, bei dem das Fingerpicking ihrer akustischen Gitarre und ihre mehrmals übereinander geschichtete Stimme im Vordergrund stehen. Gelegentlich streut Milky Burgess verzerrte Effekte, Hammondorgel und bedrohliche Synthesizerklänge bei. 

Sollte jemand schaurig schöne Musik zur Untermalung eine David Lynch-artigen Films suchen, liegt er mit „New Radiations“ (Black Vinyl, White Vinyl, Smokey Transparent Vinyl, Grey Marble Vinyl, Clear Vinyl) richtig.


NEW RADIATIONS handelt von Abschied, Verblassen, Akzeptanz und Loslassen – und immer wieder vom Fliegen: „Back in the day, you were all the rage / When you could still hypnotize her / Rockets and planes, and through hurricanes / Fused to the sight of her fire“, singt Nadler in „Light Years“ mehrstimmig und geisterhaft zu zartem Fingerpicking – wie einst der selige Elliott Smith, wäre er nicht nach L.A., sondern nach Nashville gegangen.
In „Weightless Above The Water“ singt sie: „The sky took its hat off, the spaceship became my home, weightless above the water, I was finally alone“, und  Synthies umfließen den zerbrechlichen Songkern wie graue Ringe den Saturn. Nadlers klarer Mezzosopran schwebt zwischen entrücktem Gothic-Folk und ätherischem Pop, mit Synthesizern oder Streichern bestäubt, es finden sich kaum Ausbrüche. 


 


 





20. September 2025

Gruff Rhys - Dim Probs


„Dim Probs“, also „keine Probleme“, haben nur rund 750.000 Menschen weltweit, wenn es um die Texte auf „Dim Probs“ geht. Denn der aus Wales stammende Gruffudd Maredudd Bowen Rhys singt zum wiederholten Male - zuletzt auf seinen Soloalben „Pang!“ (2019) und „Yr Atal Genhedlaeth“ (2005), aber auch zuvor bereits auf „Mwng“ (2000) mit den Super Furry Animals - ausschließlich in seiner Muttersprache Cymraeg. 

So wirken die unverständlichen, fremdartigen Worte, die sich gerüchteweise um so erbauliche Themen wie Tod, Unkraut, Krieg und Seuchen drehen sollen, vorgetragen mit Rhys warmer Stimme äußerst beruhigend. Dazu steuert Gruff Rhys melancholischen, entspannten Folkock bei, der sich auf Gesang, Gitarre, Bass und weiteres Vintage-Equipment (Synthesizer und sanft pluckernde Drum-Computer) sowie gelegentlich Bläser setzt. Gruff Rhys wollte „die Energie der ersten Aufnahme bewahren und nichts mit Arrangements überladen“, so dass er sich des Öfteren ins Auto oder den zug setzte und die Grenze überquerte, um zu Ali Chant (King Hannah, Yard Act, Fenne Lilly) in dessen Studio in Bristol zu gelangen, um die nun vorliegenden 12 Songs schnell einzuspielen.

„Dim Probs“ ist das erste Album von Gruff Rhys auf dem schottischen Label Rock Action Records. Hoffentlich stellt es auch kein Problem dar, wenn sich ein großer kommerzieller Erfolg nicht einstellt, denn von seinen acht bisherigen Soloalben schafften nur zwei nicht den Einzug in die UK Top 50, nämlich die beiden in walisischer Sprache veröffentlichten „Pang!“ und „Yr Atal Genhedlaeth“. 

Dim Probs“ ist als CD, Kassette und LP (orange Vinyl) erhältlich, Gruff Rhys wird zwei Konzerte in Deutschland spielen:
17.03.26 Berlin, Prachtwerk
18.03.26 Köln, Die Wohngemeinschaft


So ist die Melancholie der illusionsfreien Bestandsaufnahme des Seins in den 12 Nummern grundsätzlich positiv besetzt, lädt ein, den Weltuntergang zu tanzen, die eigene Vergänglichkeit anzunehmen, um ein ums andere Mal mit der Leichtigkeit der Melodie im Ohr auf der Schussfahrt des Lebens zum Überholen anzusetzen.
Mal voluminös, mal minimalistisch, teils mit elektronischen LoFi-Equipment mit Produzent Ali Chant aufgenommen (auf dessen langer Kolloboratonsliste sich unter anderem Perfume Genius und PJ Harvey finden), machen wirbelnde Drums „Adar Gwyn“ Beine, kommt „Slaw“ ohne Worte aus, bis sich der heftig mit dem Jazz flirtende Schlussakkord „Acw“ in Schönheit auflöst.
Mit „Dim Probs“ hat Gruff Rhys Vergänglichkeit erneut einen akustischen Mehrwert gegeben.


 


 




19. September 2025

The Divine Comedy - Rainy Sunday Afternoon


10 Fakten zum neuen Album von The Divine Comedy:

1. „Office Politics“ (2019) war das zwölfte und bisher letzte Studioalbum von The Divine Comedy, das vor 6 Jahren, 3 Monaten und 8 Tagen veröffentlicht wurde. Das ist ein neuer negativer Rekord, denn zwischen den Veröffentlichungen von „Bang Goes The Knighthoood“ (2010) und „Foreverland“ (2016) lagen 5 Tage weniger.  

2. So ganz ohne neue Musik mussten die Fans aber nicht ausharren, denn auf der Compilation „Charmed Life – The Best of the Divine Comedy“ (2022) gab es mit „The Best Mistakes“ eine neue Single zu hören und in der limitierten Auflage elf weitere unveröffentlichte Songs. Zudem komponierte Neil Hannon die Soundtracks zu den Filmen „LOLA“ (2022) und Wonka“ (2023).

3. „Office Politics“ war übrigens das erste Studioalbum von The Divine Comedy, das die UK Top 5 erreichte. In Deutschland reichte es zu Rang 51, hier ist „Foreverland“ (2016; #41) der Rekordhalter. 


The songs are all elegant and cerebral, frequently wandering into a music hall-esque, light opera. Taking in subjects like the loss of his dad, bit by bit, to dementia; stupid arguments with his wife; and his daughter leaving home and spreading her wings. However, they are far from glum and miserable. “The Man Who Turned into a Chair” is a baroque pop song to lost youthful energy, while his mature hymn to love, “I Want You” could easily appear in Nick Cave’s setlist one of these days. “All the Pretty Lights” is a jaunty, Noel Harrison-like reminiscence of a childhood visit to the bright lights of central London and “Down the Rabbit Hole” is a gentle Roald Dahl-flavoured psychedelic trip.
Rainy Sunday Afternoon isn’t all about tales of nostalgia though and “Mar-A-Lago by the Sea” is a humorous poke at the ridiculous crassness of President Tiny Hands and his palace with “All that ostentatious wealth / the pictures of myself” and of “swapping wives for beauty queens” while “entertaining fascist leaches”. Indeed, Hannon’s gentle wit is still very much to the fore throughout and while Rainy Sunday Afternoon is unlikely to ensnare a new audience for the Divine Comedy, it will certainly keep Hannon’s existing crowd more than happy.


4. „Rainy Sunday Afternoon“ bietet 11 Songs in 42:54 Minuten und ist seit dem 15. September als CD, Kassette und LP (black BioVinyl) erhältlich. Eine limitierte Auflage der CD bietet mit „Live in Paris & London“ einen weiteren Silberling mit „deep cuts and fan favourites“ seiner Konzerte aus dem Jahr 2022.

5. Die limitierten Auflagen der Schallplatte kommt auf dark green BioVinyl bzw. dark red Vinyl daher. Außerdem gibt es für rund 70€ ein Deluxe LP Book, die (neben der erwähnten Live CD, folgendes beinhaltet: The album on black BioVinyl in an inner sleeve with artwork and lyrics, a 20 page behind the scenes look at the making of ‘Rainy Sunday Afternoon’ at Abbey Road with text from Neil, the band and engineer Tom Bailey, illustrated throughout with fly on the wall photos by Kevin Westenberg and the band alongside extracts from Neil’s lyric notebooks.   


 


6. „Achilles“ wurde als erste Single aus „Rainy Sunday Afternoon“ ausgekoppelt, schaffte aber nicht den Sprung in die UK Single Charts. Dies gelang zuletzt „At The Indie Disco“ (2010; #173). Der größte Hit von The Divine Comedy stammt aus dem letzten Jahrtausend: „National Express“ (1999) war die einzige Top Ten Single (#8).


  


7. Der zweite veröffentliche Song trägt den Titel „The Last Time I Saw The Old Man“. Thematisch dreht es sich um Neil Hannons Vater, der an Alzheimer erkrankte und verstarb. 

8. Ein tatsächliches Video erhielt aber erst der dritte vorab veröffentlichte Song „Invisible Thread“, der das Album abschließt und auf dem Neil Hannons Tochter Willow mitsingt:


 


9.  „Rainy Sunday Afternoon“ wurde im Herbst 2024 in den Abbey Road Studios aufgenommen und beschäftigt sich mit Themen wie Sterblichkeit, Erinnerungen, Beziehungen, politische und soziale Umbrüche. Neil Hannon hat alle Songs komponiert und produziert sowie (mit Hilfe von Andrew Skeet) arrangiert. Mit „All The Pretty Lights“ gibt es - nach „Christmas With The Hannons“ und „Home For The Holidays“ - den dritten Weihnachtssong von The Divine Comedy. 

10. The Divine Comedy werden als Septett drei Konzerte in Deutschland spielen. Das sind die Termine:
15.03.26 Köln, Stadthalle
18.03.26 Hamburg, Fabrik
23.03.26 Berlin, Huxleys Neue Welt

18. September 2025

Darren Hayman And His Electric Guitars - Amazing Things


Darren Hayman veröffentlicht so viele Alben, es dürften mittlerweile 20 seit dem Ende seiner Band Hefner sein, dass man auch schnell mal eins verpasst hat. So hier geschehen bei „More Break Up Songs“, das er im letzten Jahr als Teil der Band New Starts veröffentlichte. Das gleiche Schicksal soll „Amazing Things“ nicht erleiden.

Dieses Verb passt auch hervorragend zu dem übergeordneten Thema der Platte, denn „Amazing Things“ dreht sich knapp 45 Minuten rund um die Themen Tod und Trauer. Jedoch ohne dabei im Trübsal zu versinken. Das Album, das er nahezu im Alleingang aufnahm -  nur bei „Teenage Guitar“ spielt sein Freund Andy Field, der es auch mit komponierte, die Lead Gitarre - bringt er unter dem Namen Darren Hayman And His Electric Guitars heraus, denn dieses Instrument stand im Mittelpunkt des Entstehungsprozesses

Ich weiß nicht, wie „Amazing Things“ bei Platten vor Gericht abschneiden wird, aber das Video zu „All The Toys“, das von einem Himmel handelt, in dem man jedes Spielzeug haben kann, das man sich wünscht, und in dem sich alle Spielzeuge jeden Tag von selbst reparieren, ist definitiv Anwärter auf das Video des Jahres, auch wenn ich mit einer Träne im Auge sehe, dass Darren Hayman als Jugendlicher seine Krieg der Sterne Figuren nicht auf dem Flohmarkt verkauft hat: 


  


“Somebody just died..” is a truly indicative yet slightly deceptive opening line to a serene treasury of songs about death and grief that is both reflective and joyous in perfect measure. After losing his friend, Darren Hayman felt compelled to continue his conversations with him using his trademark heartfelt lyrics and music that is never morose nor downtrodden but uniquely in his manner.
Appositely introspective and uplifting, never denying an underlying grief, it emerges in such positive fashion to deal with it and thankfully he’s sharing it with us all. Lead single It’s Gotten Quiet Round Here is backed by a touching video using images from a Japanese thermal printing camera in honour of his friend’s love of toys – simply wonderful.




17. September 2025

Die Höchste Eisenbahn - Wenn wir uns wieder sehen, schreien wir uns wieder an


„Crucchi Gang“ (2020), „Die traurigen Hummer“ (2021), „Fellini“ (2023), „Artur & Vanessa“ (2023) oder auch „Alles was ich je werden wollte“ (2025). 

Es ist ja nicht so, als ob man als Fan von Moritz Krämer und Francesco Wilking in den letzten sechs Jahren keine neue Musik zu hören bekommen hätte, nur von Die Höchste Eisenbahn gab es seit „Ich glaub dir alles“ kein neues Album mehr. 

Jetzt war es also höchste, äh, Zeit für ein neues Album des Quartetts, das von Felix Weigt und Max Schröder vervollständigt wird. Auf Mila Records, dem neu gegründeten, eigenem Label veröffentlichen Die Höchste Eisenbahn „Wenn wir uns wieder sehen, schreien wir uns wieder an“ als CD und LP (light rose opaque Vinyl). 


  


Beim Konzert auf dem letzten Maifed Derby bot das Quartett vor über drei Monaten bereits „Bürotage“ und „Dieses Leben“ live dar, die sich gut in die 11 Lieder lange Best of-Setliste einfügten. Auf dem neuen Album gibt es gleich 14 neue Songs zu hören, zu denen man folgendes sagen kann:


Die Höchste Eisenbahn sezieren den Alltag erwachsener Menschen, seine Absurdität und Ambivalenz, seine ganze Tragik mit einem ebenso unbestechlichen wie empathischen Blick, und diese im allerbesten Sinne Gutmenschenmusik flüstert auch noch in all ihrer entspannt dahinfließenden Friedfertigkeit dauernd: Wird schon wieder.



 


Zwanzig Sekunden sind maximal nötig, um zu wissen, in welchem Kosmos man sich hier befindet. "Seit Du weg bist" ist der perfekte Einstieg in eine gute Dreiviertelstunde, in der lakonische Momente auf beschwingte treffen, lyrische Feinheiten für unpeinliche Reime sorgen und eine unverwechselbare Stimmung erzeugt wird, die in dieser Form wohl tatsächlich nur Die Höchste Eisenbahn hinbekommen. Wer bei der Band Furcht vor halbgaren Wortspielereien hat, muss sich nicht sorgen. 


 


Haltestellen für Die Höchste Eisenbahn:
27.09.2025 Neubrandenburg - Studio am See
02.10.2025 Leipzig - Täubchenthal
03.10.2025 Dresden - Tante Ju
04.10.2025 Wien (AT) - Fluc
06.10.2025 München - Technikum
07.10.2025 Freiburg - Jazzhaus
08.10.2025 Zürich (CH) - Exil
10.10.2025 Erlangen - E-Werk
11.10.2025 Jena - Kassablanca
21.11.2025 Heidelberg - Karlstorbahnhof
22.11.2025 Karlsruhe - Tollhaus
24.11.2025 Stuttgart - Im Wizemann
25.11.2025 Wiesbaden - Schlachthof
27.11.2025 Hamburg - Große Freiheit 36
28.11.2025 Rostock - Peter-Weiss-Haus
29.11.2025 Magdeburg - Moritzhof
01.12.2025 Köln - Gloria Theater 
02.12.2025 Essen - Zeche Carl
03.12.2025 Bremen - Schlachthof 
04.12.2025 Hannover - Faust
05.12.2025 Münster - Sputnikhalle
19.12.2025 Berlin - Huxleys Neue Welt





16. September 2025

Baxter Dury - Allbarone


Angst, Doppelgänger, Zeitgeist, Rucksack, Autobahn, Weltanschauung, Bratwurst, Kindergarten, Kitsch oder Vergangenheitsbewältigung. Es gibt zahlreiche deutsche Wörter, die den Einzug in die englische Sprache gefunden haben. 
Schadenfreude ist ein weiteres, denn im Englischen gibt es für dieses Gefühl, die Freude am Unglück anderer, keine exakte Entsprechung. Baxter Dury hat nun auf seinem neunten Album einen Song darüber geschrieben, auch wenn Fabienne Débarre, die zusammen mit JGrrey, Madeleine Hart und Georgie Jesson auf den neun Songs gesanglich unterstützt, das abschließende e unter den Tisch fallen lässt. Der Titelsong, so gesungen und geschrieben als wäre „Allbarone“ ein Städtchen in Italien, bezieht sich auf die britische Kette „All Bar One“, „Mockingjay“ ist selbstverständlich von „The Hunger Games“ beeinflusst und bei „Hapsburg“ handelt es sich um ein hochprozentiges, österreichisches Absinth-Produkt. 

„Allbarone“ wird erneut über Heavenly Records vertrieben und wurde von Paul Epworth (Maximo Park, Bloc Party, Mumford & Sons, Adele, Florence + The Machine) in dessen Londoner The Church Studio produziert. Baxter Durys Ansatz war, ein Elektropop-Album wie „Brat“ von Charli XCX zu schaffen und - nach seinen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Fred Again - einen deutlichen Schritt in Richtung Dancefloor zu gehen. So komponierten er und Epworth gemeinsam die Musik, während er die Texte, die Dury in gewohntem Sprechgesang mit weiblicher Unterstützung, hauptsächlich in den Refrains, vorgetragen werden.  

Bei Metacritic steht „Allbarone“ mit 87/100 Punkten besser da als seine vorherigen Alben - ob ihm nun auch erstmals der Einzug in die Top 40 der UK Charts gelingen wird? 

Allbarone“ ist als CD und LP (Black Vinyl, Venetian Marble Blue Vinyl) erhältlich und Baxter Dury kommt auf seiner Tour auch nach Deutschland:
27.11.25 Köln, Die Kantine
30.11.25 Hamburg, Uebel & Gefährlich
01.12.25 Berlin, Huxley’s Neue Welt
02.12.25 Heidelberg, Karlstorbahnhof


 


Was gleich geblieben ist, ist die Art und Weise, auf die Dury seine Vocals herausschleudert, und auch wenn schon der eröffnende Titeltrack klar macht, wie gut diese neue Kombination aufgeht, folgen die Höhepunkte später.
Einmal ist da das rund um einen Bass kriechende „The Other Me“, das, wie es erneut Identitäten verhandelt, in Form wie Inhalt am ehesten an das Vorgängeralbum erinnert. Und dann ist da „Return Of The Sharp Heads“, laut Künstler selbst ein Sittenbild des aktuell arg verrufenen Londoner Künstlerviertels Shoreditch. Wie akkurat der Track ist, kann der Rezensent nicht beurteilen, wohl aber: Angemessen schmierig für eine Hipsterbezirkstypologie klingt er.




15. September 2025

The Hidden Cameras - Bronto


Joel Gibb macht es uns wirklich nicht leicht. Das letzte Album von The Hidden Cameras war ein Ausflug in Country-Gefilde und wurde hier mit „Yi-ha!“-Kommentaren sowie 6,167 Punkten abgestraft.  

Nur gut, dass seitdem 9 Jahre vergangen sind, wir „Home On Native Land“ vergessen konnten und sich Gibb auf seine Ursprünge in der „Gay Church Folk Music“ besann und wieder Owen Pallett für die Streicherparts gewann.

Bevor jetzt alle begeistert im Internet nach tollen, limitierten Schallplatten-Auflagen von „Bronto“ suchen (vergeblich, es gibt lediglich black Vinyl), muss ich folgendes gestehen: Leider entsprechen nur drei der vier zuletzt getätigten Aussagen der Wahrheit, denn Gibb hat sich wohl in den letzten Jahren viel in den Clubs seiner Berliner Wahlheimat herum getrieben, an seine Synthpop-Helden der 80er Jahre erinnert (und die Pet Shop Boys und Vince Clarke für Remixe gewinnen können) sowie in München in stilechtes Disco- und Dance-Album aufgenommen. 


Zu gut informierten Beats, die Disco der 1970er-Jahre ebenso referenzieren wie Electroclash und Eighties-Pop, schüttelt Gibb Hits aus dem Ärmel, die er gemeinsam mit dem Münchner Produzenten Nicolas Sierig (Joasihno) in Szene setzte. Die besten: Das schwer nach Erasure klingende „Undertow“ (…) und „How Do You Love“ (…). Diese mischt er mit kleinen, an Western-Soundtracks erinnernde Instrumentalnummern. Inmitten des sehr durchrythmisierten Albums sind sie je nach Sichtweise Stolperstellen oder genau zur rechten Zeit kommende Atempausen.
Der Höhepunkt kommt schließlich am Ende: „Don’t Tell Me That You Love Me“ bilanziert zu den Streichern von Owen Pallett eine verlorene Liebe – und holt mit seiner klerikalen Melodie auch kurz den alten Kammerpop wieder mit ins Boot, schön.


The Hidden Cameras in Deutschland:
19.11.25 Berlin, Berhain Kantine
28.11.25 Hamburg, Molotow
03.01.26 Köln, Bumann & Sohn
06.02.26 Nürnberg, Club Stereo
09.02.26 Stuttgart, Wizemann Studio
10.02.26 München, Ampere
16.02.26 Leipzig, Moritzbastei


 


 


 





14. September 2025

The Beths - Straight Line Was A Lie


Da sind wir auch schon beim zweiten Teil des Beth-Doppelschlags: The Beths sind ein Indiepop-Quartett aus Neuseeland, das 2014 gegründet wurde und seit nunmehr sieben Jahren in folgender Besetzung musiziert: Elizabeth Stokes (Gesang, Gitarre), Jonathan Pearce (Gitarre), Benjamin Sinclair (Bass) und Tristan Deck (Schlagzeug). Im Verlauf von drei Alben konnten sich The Beths in den Hitlisten ihrer Heimat immer weiter nach oben arbeiten: Das Debütalbum „Future Me Hates Me“ (2018) kam auf Platz 19, danach erklomm „Jump Rope Gazers“ 2020 den 2. Platz und „Expert In A Dying Field“ (2022) erreichte schließlich die Spitze der Charts. Bei Platten vor Gericht ging es nicht stetig aufwärts, sondern auf und ab: 
Future Me Hates Me“ (7,500 Punkte, #28)
Jump Rope Gazers“ (7,000 Punkte, #113)
Expert In A Dying Field“ (7,250 Punkte, #87)

„Straight Line Was A Lie“ bietet unterhaltsamen, mitreißenden, eingängigen Powerpop mit schönem mehrstimmigen Gesang. Und damit ist nicht nur der das Album eröffnende Titelsong gemeint. Auf und ab geht es übrigens auch im Song „Mosquitoes“, der als zerbrechliche, akustische Folkballade beginnt, sich zum gitarrigen Indierock-Song steigert, um die Metamorphose dann noch einmal zu durchlaufen. The Beths zeigen sich im Verlauf von einer knappen Dreiviertelstunde vielfältig aber konsistent: „No Joy“ ist Garagenrock und bereitet doch Spaß, „Take“ kratzt am Post-Punk, „Metal“ entspricht glücklicherweise nicht seinem Titel sondern ist luftiger Janglepop, „Roundabout“ bezaubert durch seinen Streicher-Einsatz und „Mother, Pray For Me“ steht stellvertretend für die ruhigen, melancholischen Momente des Albums.

Ihr viertes Album „Straight Line Was A Lie“ veröffentlichen The Beths erstmals über ANTI- Records, und zwar in vielen bunten LP-Varianten: Blue Sky Vinyl, Lime Sherbet Vinyl, Ducky Yellow Vinyl, Lemon Blue Horizon Vinyl, Clean Slate Vinyl, Smoky Lilac Vinyl, Surf Blue Vinyl, Gummy Blue Shark Vinyl und Sapphire Vinyl. Eine Version mehr und deren Anzahl hätte der der Lieder (10) entsprochen.


 


Mit THE BETHS' „Straight Line Was A Lie“ reflektiert die Singer/Songwriterin Elizabeth Stokes in erster Linie sich und ihre (durchaus schwerwiegenden) Probleme selbst, wobei ihr die Band tatkräftig unter die Arme greift und mit einer gelungenen Mischung aus Indie-Pop und Alternative Rock mit oft melancholischem Hintergrund, dem aber auch druckvoll E-Gitarren oder 70ties-Orgeln gegenüberstehen, die Grundstimmung deutlich auflockert. So gesehen nachdenkliche Liebesgrüße aus dem Herzen Neuseelands.




13. September 2025

Jehnny Beth - You Heartbreaker, You


Heute und morgen schnell ein Beth-Doppelschlag: Zunächst die Französin Jehnny Beth, die eigentlich Camille Berthomier heißt. Mit ihrem Partner Johnny Hostile gründete sie das Duo John & Jen, bekannter ist sie als Sängerin der Band Savages und vor fünf Jahren erschien mit „To Love Is To Live“ ihr erstes Soloalbum, das bei Platten vor Gericht 7,833 Punkte erzielen und damit am Ende des Jahres auf Platz 16 landen konnte. Außerdem war sie in Radio und TV als Moderatorin aktiv, brachte zusammen mit Johnny Hostile ein Buch heraus, gründete ihr eigenes Label und spielte in Filmen („Anatomie eines Falls“) und Serien (aktuell ist sie in „Hostage“ auf Netflix zu sehen) mit.  

„You Heartbreaker, You“ ist ihr zweites Soloalbum, das aber komplett in Zusammenarbeit mit Johnny Hostile entstand: Das Duo komponierte und produzierte gemeinsam, Jehnny sang, Johnny spielte Bass, Schlagzeug, Gitarre und Synthesizer. Heraus kamen 9 Songs, die sie in unter 28 Minuten quer durch Post-Punk, Elektrorock, Metal, Noise und Industrial zerren und dem Hörer zwischen den brachialen, lärmenden Attacken auf die Gehörgänge keine Verschnaufpause gönnen. 
„I See Your Pain“ heißt der letzte Song - ob Jehnny Beth damit mich beim Durchstehen dieses Albums meint?  

„You Heartbreaker, You“ ist über Fiction Records als CD und LP (black Vinyl, white Vinyl, black and white special effect Vinyl) erschienen.

Jehnny Beth in Deutschland:
22.10.25 München, Strom
26.10.25 Berlin, Kantine am Berghain


 


 


Für alle, die erwarten, dass sie es den Leuten nun ein wenig einfacher machen würde, hat Beth einen Magenschlag parat: Der erste Track „Broken Rib“ ist Industrial-Metal wie aus den Neunzigern: manisches Flüstern, tonnenschwere Riffs, panikerzeugende Geräusche. Ein Song, so komfortabel wie eine Wanderung in kurzen Hosen durchs Distelfeld.
Und das ist erst der Anfang. Sie sei nicht gut für die Leute, stellt Jehnny Beth in einen Songintro fest, und belegt das mit „Obsession“, das TripHop im Tricky-Style mit Metal-Gitarren vermengt und kurz in einem Industrial-Inferno im Stil von Ministry aufflammt. In diesem Song taucht auch der Albumtitel auf: Jehnny Beth singt YOU HEARTBREAKER, YOU als kalter Rachengel. Wärme? Fehlanzeige. Stattdessen der Beinahe-Hardcore von „Stop Me Now“ oder „High Resolution Sadness“ – und am Ende ein Stück, das die Haltung des Albums perfekt zusammenfasst: „I See Your Pain“. Ein Album wie eine Zumutung.