31. Mai 2025

Weeping Willows - Goodwill


Zum dreißigjährigen Bandjubiläum beschenken uns die Weeping Willows (und auch sich selbst) mit einem neuen Album. Und da wir mittlerweile das Jahr 2025 schreiben, orientieren sich Magnus Carlson (Gesang), Ola Nyström (Gitarre), Anders Hernestam (Schlagzeug) und Niko Röhlcke (Keyboards) an einer noch weiter zurückliegenden Vergangenheit als bei ihrem Debütalbum „Broken Promise Land“ (1997). Denn es sind Alben der 50er und 60er Jahre, wie beispielsweise von Scott Walker, Roy Orbison oder Elvis Presley, welche die Schweden als Vorlage für ihren croonenden Sänger sowie den orchestralen, schwelgerischen (manche würden noch schwülstigen ergänzen) Pop wählen.

Die letzten beiden Alben der Weeping Willows entstanden in Zusammenarbeit mit Barry Adamson, „Goodwill“ fand seinen Ursprung im Frühjahr 2024, als Magnus Carlson mit dem Gitarristen, Produzenten und Arrangeur Johan Lindström bei einem großen Projekt mit dem Schwedischen Radio-Sinfonieorchester zusammenarbeitete, bei dem sie Musik von Scott Walker interpretierten. Die Songs waren im Herbst komponiert und wurden im anschließenden Winter und Frühjahr in unterschiedlichen Studios in Stockholm aufgenommen, inklusive Streichern, Bläsern und Chorgesang, denn wo Weeping Willows drauf steht, muss Opulenz drin stecken. 

„Goodwill“ ist, wenn man Weihnachtsalben und Compilations außen vor lässt, das elfte Studioalbum der Schweden, dessen Musik als getragen und gediegen und dessen Texte über die Endlichkeit des Lebens und das Ende der Welt als düster bezeichnet werden dürfen.

Kommen wir noch zu drei Anspieltipps: „Swan Song“, „Goodbye To Yesterday“ und „The Cross Is Raised“.


 


 





30. Mai 2025

The Sherlocks - Everything Must Make Sense


5 Dinge, die du über Sherlock Holmes noch nicht wusstest! Platz 5 wird dich erschüttern!

1. Die Baker Street 221b in London war, als Arthur Conan Doyle die Detektivgeschichten erdachte, eine fiktive Adresse, da die Straße nur bis zur Nummer 85 durchnummeriert war. In der Baker Street in London firmiert seit 1990 ein Haus als Nummer 221b, weil sich darin ein Sherlock-Holmes-Museum befindet, in Wahrheit handelt es sich um die Hausnummer 235. An Stelle der Hausnummer 221, genauer: 219–229 Baker Street steht die frühere Zentrale der 2002 von der Banco Santander aufgekauften Abbey National Building Society, die auch eine Sekretärin beschäftigte, die Post an Sherlock Holmes beantwortete. 

2. Es gibt mehrere Denkmäler für den fiktiven Detektiv Sherlock Holmes: In Edinburgh vor dem Geburtshaus von Arthur Conan Doyle, in London an der oben erwähnten Adresse, im Schweizer Örtchen Meiringen (Stichwort: Reichenbachfälle) oder auch in Moskau in der Nähe der Botschaft des Vereinigten Königreichs. Nur diese zeigt auch Dr. Watson.

3. Der offizielle Werkkanon umfasst vier Romane und 56 Erzählungen. Deutlich größer ist die Anzahl an Sherlock-Holmes-Pastiches, also Sherlock-Holmes-Werke anderer Autoren unter Verwendung der Originalcharaktere sowie Sherlock-Holmes-Filme, deren Handlung nicht auf Doyles Erzählungen und Romanen basiert, die aber Figuren und Motive aus den Originalgeschichten verwenden. Beispiele sind das empfehlenswerte „The List Of Seven“ von Mark Frost  oder die „Enola Holmes“ Verfilmungen auf Netflix, die auf einer Jugendbuchreihe von Nancy Springer basieren.

4. Das Gesellschaftsspiel „Sherlock Holmes Criminal-Cabinet“ wurde 1985 in Deutschland mit dem Kritikerpreis „Spiel des Jahres“ ausgezeichnet. 1994 erschien von Playmobil eine Sherlock Holmes-Figur mit Deerstalker, Umhang, Gamaschen und Lupe.

5. Benedict Cumberbatch, Basil Rathbone, Ian McKellen, Roger Moore oder Robert Downey Jr. waren bereits Sherlock Holmes. Aber irgendwie auch Kiaran Crook (Gesang, Gitarre), sein Bruder Brandon Crook (Schlagzeug), Alex Procter (Gitarre) und Trent Jackson (Bass), denn sie bilden das aktuelle Lineup von The Sherlocks, die mit ihrem fünften Studioalbum erneut Platz 4 der UK Charts erreichen konnten. „Everything Must Make Sense“ ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, cream Vinyl, Picture Disc, Splatter Edition Vinyl, Zoetrope Picture Disc Vinyl) erhältlich. 


 


‘Everything Must Make Sense’ marks a strong evolution in their sound and in particular their songwriting, which tackles themes such as mental health, relationships, finding your place in life and the struggles of everyday problems throughout.
Vibrant and anthemic , The Sherlocks’ intention is set from the first note of the album opener, the electrifying title track ‘Everything Must Make Sense’ with its punchy guitars which sounds like a fusion of The Strokes and the early Stereophonics sound. Its propulsive driving groove is set to be a real soundtrack of the summer and is full of fire.
Full of strut, swagger and sun-drenched anthems, ‘Everything Must Make Sense’ captures the excitement of The Sherlocks live energy and how effortlessly they have created a stadium-sized sound on record. (…)
From the electrifying ‘Death of Me’ with its punchy guitars to the soaring ‘Man on the Loose’ with its infectious chorus, the whole album is full of gargantuan anthems that have an abundance of energy and intensity which is exemplified with the driving hooks of ‘Bedlam Town’ and the inspiring melody of the emotive ‘Tough Times Don’t Last’
‘Bones’ is full of drive and strut with frontman Kiaran declaring it ‘sounds like if Prodigy and Primal Scream had a baby, it’s a monster!’ and it really is and is one of the album’s many highlights.


 


29. Mai 2025

The Head And The Heart - Aperture


Ein eigenes Label (Every Shade of Music), ein neues Management und im sechsten Anlauf das erste selbst produzierte Album. Bei der sechsköpfigen US-amerikanischen Band hat sich seit dem letzten Album, „Every Shade Of Blue“ (2022), einiges verändert. Ein Grund mag gewesen sein, dass das „Corona“-Album weit hinter den Erwartungen zurück blieb: In den US Folk Charts kam es nur auf Platz 21, nachdem die Vorgänger Platz 3 bzw. die Spitze der Charts (und zwar gleich dreimal) erreicht hatten. In die Billboard 200 zog das Album, vermutlich zum Entsetzen der Top 20 gewöhnten Band und ihres Major Labels, überhaupt nicht ein.  

„Aperture“ soll nun eine Rückkehr von The Head And The Heart zu ihren Wurzeln oder sogar einen Neuanfang darstellen. Sieben der zwölf Songs entwickelten sich aus Jam-Sessions, zu welchen die Band zusammen kam. Man meint den vielschichtigen Folkrock-Songs, auf denen alle Mitglieder des Sextetts in unterschiedlichen Konstellationen mitsingen, den Spaß im Studio regelrecht anzuhören.

„Aperture“ ist als CD und LP (Blue Ember Vinyl, Clear Lens Vinyl, Twilight Galaxy Vinyl, Black Vinyl) erhältlich. 


The album opens gently with “After the Setting Sun,” where a sweet guitar line and echoing piano usher in one of Jon Russell’s most gorgeous vocal performances in recent memory. The track feels like a thesis for the rest of the record: reflective, open-hearted, and unafraid to sit in life’s transitions. (…)
“Time With My Sins” leans into the band’s folk and country roots, complete with banjo and harmonica. It’s a classic Head and the Heart moment (…).
While some tracks lean introspective, others are just plain fun. “Beg Steal Borrow” brings in bright basslines, beachy vibes, and standout vocals from Charity Rose Thielen, who plays a more prominent role throughout Aperture than on some past records. There’s a lightness here that feels earned—a band that’s pushed through darkness and landed somewhere sunny. “Fire Escape” is another chaotic good time, speeding through its verses with fast piano and a sneaky party story (…).
The themes here—love, honesty, communal support, the dance between independence and interdependence—are clear without being heavy-handed. Aperture captures a band willing to risk softness and sincerity in a world that doesn’t always reward it. There’s a rawness here, but also deep care. You can hear it in the harmonies, in the unguarded lyrics, and in the way every voice—especially Thielen’s—is given space to shine.



 


 




28. Mai 2025

Sparks - Mad!


Verrückt! Die beiden Mael-Brüder Ron und Russell sind aktuell zusammen 157 Jahre und 4 Monate alt!

Und im hohen Alter sind sie so erfolgreich wie nie zuvor: Durch ihre Zusammenarbeit mit Franz Ferdinand als FFS scheinen wieder viele Menschen auf die Sparks aufmerksam geworden zu sein, so dass ihre drei anschließenden Alben, „Hippopotamus“ (2017), „A Steady Drip, Drip, Drip“ (2020) und „The Girl Is Crying In her Latte“ (2023), allesamt auf Platz 7 der UK Charts landen konnten. Und dass, nachdem die letzten Top 10 Platzierungen Jahrzehnte zurück lagen („Kimono My House“; 1974; #4 und „Propaganda“; 1975; #9) und mehr als ein Dutzend ihrer Alben gar nicht in die Charts kamen. 

Mad!“ ist rockiger, aber nicht weniger versponnen geraten als seine drei Vorgänger (es gibt beispielsweise ein operettenhaftes Liebeslied an eine Stadtautobahn), ohne dabei New Wave, Synthpop und Electronic Opera zu vernachlässigen. Das Album läuft 45:45 Minuten und bietet 12 Songs, die über Transgressive Records als CD, Kassette und LP (black Vinyl, light blue Vinyl, red Vinyl) veröffentlicht wurden. Der Metascore bei Metacritic beträgt aktuell 82/100 Punkten und wir können nur hoffen, dass uns Ron und Russell Mael in dieser Form noch viele viele Jahre erhalten bleiben.

Sparks in Deutschland:
01.07.25 Köln, Live Music Hall
06.07.25 Berlin, Uber Eats Music Hall


 


Auch wieder erstaunlich: die enorme Vielseitigkeit der Maels. "JanSport backpack" nutzt synthetisches Hochglanzdrama, um im Markenrucksack einer geliebten Person das Symbol für ihre ständige Abkehr zu erkennen. An anderer Stelle zollt "I-405 rules" dem gleichnamigen kalifornischen Highway Tribut und lässt mit seinem Bienenschwarm-Orchester Schostakowitsch ein paar Runden im Grab rotieren. Mit Klassik-Annäherungen inklusive sentimentaler Piano-Linien hantiert auch "Don't dog it", bevor sich "A little bit of light banter" später als simpler Pop-Rocker durch seinen Stampf-Rhythmus rifft. Auch im Jahr 2025 hat kaum jemand so gut wie die Maels verstanden, dass Popmusik in erster Linie Spaß machen muss, dass sich selbst in Clownereien geistreiche Kommentare zum Weltgeschehen verstecken lassen und vor allem, dass man sich nicht über fehlende Geschmackssicherheit sorgen muss, wenn man mit Haut und Haaren hinter seiner Kunst steht. 


 


27. Mai 2025

Sophia Kennedy - Squeeze Me


Jedes Jahr werden vom Verband unabhängiger Musikunternehmen die VUT Indie Awards verliehen. Ich darf in die Jurie für die Kategorie Bestes Album sitzen, die 2022 von Sophia Kennedy mit „Monsters“ gewonnen wurde. Mit dem Veröffentlichungstermin am 23. Mai verpasst sie jedoch mit „Squeeze Me“ die Auswahlkriterien für die diesjährige Ausgabe, deren Gewinner traditionell auf dem Hamburger Reeperbahn Festival bekannt gegeben werden. Die Veranstaltung wäre für Sophia Kennedy eine Art Heimspiel gewesen, denn die in Baltimore geborene Künstlerin lebt seit früher Kindheit in Deutschland.

Beim Blick auf das Plattencover fragt man sich, ob Kennedy für ihr drittes Album ihre musikalische Welt auf den Kopf stellt, jedoch können Freunde des minimalistischen, experimentellen, geheimnisvollen, bittersüßen Elektropops schnell feststellen, dass „Squeeze Me“ alle genannten Adjektive zügig abhakt. 
Überraschende Momente und Songs lassen sich immer wieder leicht aufspüren: Da wäre die Piano-Ballade „Oakwood 21“, die von seltsamen Störgeräuschen untermalt ist, oder der Verweis auf „The Schlager Hitparade“ im Dubstep artigen „Runner“, den die Pet Shop Boys im letzten Jahr ebenfalls nutzten, oder das abschließende „Hot Match“, das zu Motorengeräuschen und monotonen Beats in Richtung Rock’n’Roll groovt.
Aufgenommen wurden die 10 Songs wieder gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Mense Reents  (Die Goldenen Zitronen) in Hamburg Altona, veröffentlicht wurde „Squeeze Me“ von City Slang als CD und LP (black Vinyl).    


Der schmale Grat zwischen Zu-dicht-dran und Zu-weit-weg ist auch das übergreifende Thema des Albums SQUEEZE ME, das wieder in kongenialer  Zusammenarbeit mit Mense Reents entstanden ist. Die zischelnden Synthiebeats von „Drive The Lorry“ erinnern an Flash And The Pan und Grace Jones, an die sophisticated-glamouröse Seite der Achtziger, die durch skurrile Soundsplitter kontrastiert wird. „Hot Match“ zeichnet sich durch den so lässigen wie unwiderstehlichen Dancefloor-Sog aus, im Hit „Rodeo“ verschränken sich unbeirrt Classic-Yacht-Pop mit spooky Hintergrundchören – die Welt da draußen mag zwar existieren, man möchte sie aber lieber durch die Augen von Sophia Kennedy sehen.


 


 





26. Mai 2025

Turin Brakes - Spacehopper


25 Jahre Bandgeschichte feiern die Turin Brakes, indem sie für die Aufnahmen ihres zehnten Albums in das Londoner Konk Studio zurückkehrten, in dem sie bereits ihr Debütalbum aufnahmen.

Die 11 Songs entstanden zusammen mit dem Produzenten Guy Massey (Spiritualized, Manic Street Preachers, Idlewild) und wären vor über 20 Jahren auch ein passender Nachfolger von „The Optimist LP“ gewesen. „The Message“ und „Horizon“ bieten warmen, eingängigen Folkpop, „Pays To be Paranoid“ zeigt die Turin Brakes in Psychedelic-Rock-Form, „Spacehopper“ ist mit seinen Streichern ungewohnt dramatisch geraten und nah an die Manic Street Preachers gebaut. Aber auch Freunde der akustisch gehaltenen, in Richtung Americana tendierenden Folksongs werden auf dem Album fündig („Almost“, „Lazy Bones“). An der ein oder anderen Stelle hat man jedoch das Gefühl, dass „Spacehopper“ eher in Nashville als in London aufgenommen wurde („Lullaby“, „What's Underneath“).

„Spacehopper“ ist als translucent blue Vinyl und als white base blue & red Splatter Vinyl erhältlich.

Turin Brakes in Deutschland:
27.02.26 Hamburg, Nochtspeicher
28.02.26 Berlin, Privatclub
02.03.26 München, Strom
03.03.26 Köln, Luxor


 


Spacehopper isn’t just a return to form — it’s a realisation of unrealised potential. Rather than simply revisiting the analogue innocence of their early days, Turin Brakes use the past as a launchpad for something richer. With Spacehopper, they’ve completed the circle — not by repeating themselves, but by finally fulfilling a promise made in the very room where it all started.



 


If you are going to get to a milestone record like your tenth, pressure is high to deliver but with Spacehopper, Turin Brakes have read the memo and have been triumphant in delivering to us a well-crafted, memorable and nostalgic collection that stands strong in the robust and golden TB catalogue.





24. Mai 2025

Stereolab - Instant Holograms On Metal Film


10 Fakten zum neuen Album von Stereolab:

1. Rund 10 Jahre hatten Stereolab nach 2009 pausiert, dann kehrten sie zumindest für Konzerte zurück. Zur Besetzung zählen die Gründungsmitglieder Tim Gane (Gitarre, keyboards) und Lætitia Sadier (Gesang, Keyboards) sowie der 1992 dazu gestoßene Andy Ramsay (Schlagzeug), Joseph Watson (Keyboards, Vibraphon), Bandmitglied seit 2004) und Neuzugang Xavier Muñoz Guimera (Bass).

2. Wenn nach so langer Pause neue Musik veröffentlicht wird, ist klar, dass man von einem Wartezeitrekord für Stereolab sprechen darf (oder muss). Zwischen „Not Music“ (2010), einer Sammlung unveröffentlichter Aufnahmen, die erst nach der Verkündung der Auszeit veröffentlicht worden war, und „Instant Holograms On Metal Film“ vergingen 14 Jahre, 6 Monate und 7 Tage. 


 


3. „Instant Holograms On Metal Film“ wurde am 23. Mai 2025 über Duophonic Records, das Label von Stereolab, und Warp Records als elftes Studioalbum der Band veröffentlicht. 

4. Die 13 Songs haben eine Laufzeit von 59:36 Minuten, die in der Bandhistorie aber schon mehrmals überboten wurde: „Transient Random-Noise Bursts with Announcements“ (1993; 61:52 Minuten), „Mars Audiac Quintet“ (1994; 66:57 Minuten), „Dots and Loops“ (1997; 65:52 Minuten), „Cobra and Phases Group Play Voltage in the Milky Night“ (1999; 75:37 Minuten) und „Sound Dust“ (2001; 62:54 Minuten).

5. Die Songs wurden von Tim Gane und Lætitia Sadier komponiert. Die Aufnahmen fanden im Press Play Studio in London statt, das Bandmitglied Andy Ramsay gehört. Gastbeiträge stammen u.a. von Cooper Crain (Cave), Rob Frye (Bitchin Bajas), Ben LaMar Gay (Komponist/Jazz-Multiinstrumentalist), Holger Zapf (Cavern Of Anti Matter) oder Marie Merlet (Monade).


 


6. „Instant Holograms On Metal Film“ ist der regulären Auflage als CD (in 4 panel outer sleeve with 6 page concertina booklet and inner wallet) und Doppel-LP (black vinyl in gatefold sleeve with printed inners) erhältlich. Zudem gibt es eine limitierte Auflage der Schallplatte auf clear Vinyl. 

7. Als Singles wurden seit Anfang April die Songs „Aerial Troubles“, „Melodie Is A Wound“ und „Transmuted Matter“ veröffentlicht. In die Charts kam keine dieser Singles, so dass „Pink Pong“ aus dem Jahr 1994 der größte Hit von Stereolab bleibt. Die Single aus dem Album „Mars Audiac Quintet“ erreichte Platz 45 der UK Charts.

8. Bleiben wir in den Charts: Um den eigenen Rekord zu brechen, den natürlich eben jenes „Mars Audiac Quintet“ hält, müsste „Instant Holograms On Metal Film“ Platz 15 erreichen. Das scheint nicht möglich, wenn man bedenkt, dass „Not Music“ (2010) zuletzt die Charts verfehlte und „Chemical Chords“ zwei Jahre zuvor auf Platz 102 kam. Vielleicht ist ein Rekord in Deutschland möglich, denn Stereolab erreichten bei uns noch nie die Charts. 


 


9. Bei Metracritic erreicht „Instant Holograms On Metal Film“ aktuell einen Metascore von 84/100. Zumindest bei den Kritikern können Stereolab also punkten. 


Leicht und komplex wirken diese neuen Songs. Mit Harmonien, die sich drehen und wenden, beim Stück „Melodie Is A Wound“ immer weiter in die Höhe wie beim Turmbau zu Babel. Wie immer bei den späten Stereolab wirken einige Stücke wie sehr unterhaltsame Labor-Experimente – man stellt sich die Band in weißen Kitteln vor.
Fantastisch sind die Songs, in denen die Charakter aus dem Kollektiv heraustreten. Das passiert in wundersamen Gesangsarrangements, die an Easy-Listening-Ensembles wie The Free Design erinnern. Oder in Stücken wie „Le Coeur Et La Force“, bei dem Lætitia Sadier mit warmer und sinnlicher Stimme ihre Leidenschaft für Nouvelle Chanson zeigt.


10. Stereolab werden vier Konzerte in Deutschland spielen. Das sind die Termine:
26.05.25 Köln, Gloria
28.05.25 Hamburg, Gruenspan
29.05.25 Berlin, Huxley’s Neue Welt
30.05.25 Frankfurt, Zoom


23. Mai 2025

10 Schallplatten, die uns gut durch den Juni bringen


10. Stereolab - Instant Holograms On Metal Film (Clear Vinyl) (2 LPs) (23.5.2025)






9. Die drei ??? - Die drei ??? (Folge 233) Die Nacht der Gewitter (2 LPs) (23.5.2025)






8. The Swell Season - Forward (Ivory Vinyl) (13.6.2025)






7. Comet Gain - Letters To Ordinary Outsiders (Limited Edition) (Pink Vinyl) (6.6.2025)






6. Drangsal - Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen (2 LPs) (13.6.2025)






5. Patrick Wolf - Crying The Neck (Limited Edition (Harvest Ochre/Umber Soil Vinyl) (2 LPs) (13.6.2025)






4. Carter the Unstoppable Sex Machine - Worry Bomb (30th Anniversary) (2025 Remaster) (180g) (LP1: Transparent Green Vinyl/LP 2: Black Vinyl) (13.6.2025)






3. Oasis - Time Flies... 1994-2009 (4 LPs) (13.6.2025)






2. Elbow - Audio Vertigo Echo: elbow EP5 (Limited Edition) (White Vinyl) (12')' (6.6.2025)






1. Pulp - More (Limited Edition) (Blue Marbled Vinyl) (6.6.2025)







21. Mai 2025

Dan Mangan - Natural Light


„Natural Light“ ist so etwas wie der Gegenentwurf zu „Being Somewhere“ (2022), das aufgrund der COVID 19-Pandemie von Dan Mangan und seinen Mitstreitern aus der Ferne aufgenommen wurde. 
Diesmal begaben sich Mangan und seine Kollegen Jason Habermann, Don Kerr und Mike O’Brien gemeinsam in eine Hütte an einem See, um gemeinsam Zeit zu verbringen: zu kochen, zu schwimmen und zu musizieren. Sie arbeiteten zusammen an älteren Songentwürfen Mangans und steckten plötzlich mitten in einem Aufnahmeprozess, der von Song zu Song und Tag zu Tag zielführender und kreativer verlief. Innerhalb von sechs Tagen entstanden so 13 Songs, was für Dan Mangan vollkommen unerwartet kam, da das Quartett zwar gemeinsam seit Jahren Konzerte spielte, aber noch nie zuvor gemeinsam aufgenommen hatte. Danach konnte der kanadische Singer/Songwriter die geplanten Aufnahmesessions in Los Angeles absagen. Entstanden ist auf diesem Wege ein harmonisches, getragenes, wohliges Album, das sich an Mangans Folk-Wurzeln orientiert. 

Natural Light“ ist als CD und P (black Vinyl) über Arts & Crafts erschienen.


It's always interesting to hear where he goes next, but his acoustic ballads are his signature for a reason — and that's why it's great to hear him return to his roots on Natural Light. Seemingly a response to Being Somewhere, which was recorded remotely during the pandemic, Natural Light is a band-in-a-room record developed with the most troubadour-y of all origin stories: a cabin in the woods, where Mangan and his band retreated for six days.
It's an album of grandeur (the horn crescendo of "I Hated Love Songs" leading into the strange pitter-patter sound collage of "Contained Free") and wide-lens lyricism (the political teachings of the aptly named "Soapbox"). But, most importantly, it's full of stripped-down introspection from someone who's really good at that sort of thing.


 


 





20. Mai 2025

The Amazons - 21st Century Fiction


Da waren es nur noch drei…

Die aus Reading stammende Band The Amazons startete vor 11 Jahren als Quartett und landete in der Besetzung Matt Thomson (Gesang, Gitarre), Chris Alderton (Gitarre), Elliot Briggs (Bass) und Joe Emmett (Schlagzeug) mit „The Amazons“ (2017; #8), „Future Dust“ (2019; #9) und „How Will I Know If Heaven Will Find Me?“ (2022; #5) in den Top Ten im Vereinigten Königreich. Es folgte der Ausstieg des Schlagzeugers, der Wechsel von Fiction Records zur Nettwerk Music Group und nun das vierte Album der zu einem Trio geschrumpften Gruppe. Jedoch konnte „21st Century Fiction“ die Erfolgsserie seiner Vorgänger nicht fortsetzen und landete auf Platz 26 der UK Charts.

Mit gutem Willen könnte man „Living A Lie“ eine Nähe zu Muse attestieren oder sich „Pitch Black“ (auch aufgrund gewisser Ähnlichkeiten zu „(Get Off Your) High Horse Lady“) auch auf einem späten Album von Oasis vorstellen, aber größtenteils tendieren die 13 Songs in Richtung (Hard) Rock. Vielleicht lassen sich Fans von Royal Blood begeistern? 
Thematisch sind The Amazons up to date: Es werden Themen wie existenzielle Angst, Unsicherheit und die verschwimmende Grenze zwischen Realität und Fiktion erforscht und die Ängste widergespiegelt, die sich in einer zerrissenen modernen Welt ergeben.

„21st Century Fiction“ ist als CD, Kassette und LP (clear with black Smoke (Smoky) Vinyl, red (Bloody Mary) Vinyl, yellow with orange and red (Yellow Flame) Vinyl, glass-clear Vinyl with red, yellow and black splatter) erhältlich.


 


Die Engländer mauern eine stadiontaugliche und pathetische Achtziger-Rock-Pop-Klangwand, die den massiven Songs von The Killers ähnelt, aber ohne sich wie U2 anzuhören und mit klareren Konturen.
Besonders kristallklar erscheint da der Kontrast aus einem Balladen-Teil und einer verstärker-gespeisten Grunge-Explosion in „Joe Bought A Gun“. Das Lied befasst sich mit den Ausreden eines Waffen-Fanatikers, sich gegen mögliche Wölfe vor seiner Haustür schützen zu müssen. Für Dramaturgie zeigen The Amazons in diesem traurig-wütenden Stück ein Händchen und übertreffen sich selbst.
Teilweise setzt das Trio ihre Arena-Power-Rezeptur der drei früheren Scheiben fort. Doch die Struktur eines Album-Spannungsbogens legt zusätzlich eine Überschrift über das Geschehen, als führten The Amazons eine Rock-Oper nach dem Muster von Bowie oder The Who auf.




19. Mai 2025

Alicia Edelweiss - FURIE


Die erste Vorladung (XI-MMXXV)

Personalien:
Dass Edelweiss Danner in Klagenfurt und Waidhofen an der Ybbs aufwuchs und sie sich mit 5 Jahren einen neuen Vornamen aussuchen durfte, offiziell in Alicia umbenannt wurde und als Künstlernamen diese beiden kombinierte, klingt viel zu ausgedacht, so dass es vermutlich wahr ist.

Tathergang:
Sie singt, komponiert, spielt Akkordeon, Gitarre, Klavier und Ukulele, integriert bei ihren Auftritten Zirkus- und Schauspielelemente, experimentierte mit Clownerie und Hula-Hoop, trat als Straßenmusikerin auf, war Akkordeonistin in der Ansa Panier, der Band von Voodoo Jürgens, und veröffentlichte nach dem Mini-Album „I Should Have Been Overproduced“ (2012) die Alben „Mother, How Could You – A Sick Tragic Comedy in 10 Acts“ (2016), „When I’m Enlightened, Everything Will Be Better“ (2019) und nun „FURIE“.

Plädoyer:
Die fabelhafte Welt der Alicia Edelweiss ist zwischen Artpop, Kammerpop und Freak-Folk angesiedelt und könnte Musikfreunde zwischen Princess Chelsea, Andrew Bird, Yann Tiersen und CocoRosie gefallen. Die teils epischen Lieder sind mit Gitarre, Drums, Klavier, Akkordeon, Streichern, Tierstimmen, Feldaufnahmen, Synthesizern, Glocken und Trompeten reichhaltig orchestriert.
FURIE“ ist über Glitterhouse Records (red Vinyl) erschienen und bietet in 50 Minuten 8 Songs. Digital gibt es sogar noch ein zusätzliches Stück.

Zeugen:
„Für mehr ambitionierten Artpop empfehle ich das Album FURIE von Alicia Edelweiss. Weniger experimentell – mehr, naja, furios.“
(Oliver)


Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
18.07.25 Waiblingen, Kulturhaus Schwanen

19.07.25 Koblenz, Horizonte Festival

20.07.25 Dresden, Palais Sommer am Neumarkt

30.08.25 Lindau, Zeughaus
18.10.25 München, Milla

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


16. Mai 2025

Jenny Hval - Iris Silver Mist


Wir brauchen hier einfach, um unseren hohen Ansprüchen gerecht zu werden, mehr ambitionierten Artpop und dabei unterstützt uns die norwegische Künstlerin Jenny Hval. Über 4AD Records veröffentlicht sie ihr neuntes Studioalbum, das sie nach dem Parfüm „Iris Silver Mist“ von Maurice Roucel benannt hat. 

Ähnlich wie ein Parfümeur kreiert sie ihre Soundscapes mit unterschiedlichsten Stoffen, die in ihrer Wirkung und Intensität im Verlauf der knappen Dreiviertelstunde variieren: Ihr traumhafter, entrückter, kunstvoller und gelegentlich verfremdeter Gesang lässt an Julee Cruise oder Elizabeth Fraser denken, die Texte über Isolation, Erinnerungen oder Dislokation können in Gedichtsform oder als Spoken Word-Passagen vorgetragen werden. Dazu gibt es filmhafte Synthesizer-Sound die durch häufig variierende Instrumentierung (Percussion, elektronische Beats, Streicher, Bleckbläser, Orgel) und Field Recordings (Vogelgezwitscher, Katzenschnurren, Reißverschlüsse) bereichert werden. Gelegentlich stolpert man über eine Art Refrain, stellt fest, dass ein Song nach einem knappen Minütchen schon vorbei oder sich auch über deren sechs hinziehen kann, dass er unmittelbar abbricht, in den nächsten überfließt oder eine unerwartete Wendung nimmt. Zwischen Ambientklängen und Clubsounds vergehen manchmal nur wenige Sekunden.

Ja, Dank Jenny Hval können wir hinter experimentellen Artpop ein Häkchen setzen und stellen fest, dass „Iris Silver Mist“ (black Vinyl, Northern Light Pearl Vinyl) das Potential zum Kritikerliebling hat: 86/100 Punkte bei Metacritic und Platte des Monats im Musikexpress:

IRIS SILVER MIST besitzt zwei Ebenen. Die erste besteht aus ausformulierten Liedern zwischen Art-Pop, Folk und Electronica. Jenny Hval zeigt seit vielen Jahren ihre grandiose Qualität als Songwriterin. Neue Stücke wie „Lay Down“, „To Be A Rose“ oder „All Night Long“ sind noch mal eine Spur besser, weil sie den Liedern viel Zeit gibt, ihnen kaum fassbare Arrangements schenkt. Synthie-Flächen klingen wie Geigen, Rhythmen aus dem Computer wie tropische Trommeln, alles fließt zusammen in einen warmen Nachtsound zwischen Edel-Pop, Folk und Electronica. Getragen von Texten, in denen Jenny Hval über Blumen und ihre Düfte singt, über das Frau-Werden, Frau-Sein, Frau-Bleiben. Und über die Zigaretten, die ihre Mutter auf dem Balkon raucht und deren Qualm in der Luft einen Tanz aufführt. Wirklich wahr: Dies ist die schönste Kippenpoesie der Welt. Die zweite Ebene von IRIS SILVER MIST eröffnet sich vor allem in der zweiten Hälfte des Albums.


 




15. Mai 2025

The Kooks - Never/Know


Da waren es nur noch zwei…

Die aus Brighton stammende Band The Kooks startete vor mittlerweile mehr als 20 Jahren als Quartett und legte in der Besetzung Luke Pritchard (Gesang, Gitarre), Hugh Harris (Gitarre), Max Rafferty (Bass) und Paul Garred (Schlagzeug) mit „Inside In/Inside Out“ (2006) und „Konk“ (2008) ihre besten und erfolgreichsten Alben (#2 bzw. #1 im Vereinigten Königreich) vor. Es folgten die Ausstiege der beiden zuletzt Genannten, kommende und wieder gehende Bandmitglieder bzw. Sessionmusiker und vier weitere Studioalben, von denen „10 Tracks To Echo In The Dark“ vor drei Jahren nur noch Platz 32 in den Charts ihrer Heimat erreichen konnte.

„Never/Know“ wurde von Lockenkopf Luke Pritchard allein komponiert sowie produziert und auf dem Plattencover taucht er auch allein auf. Ob sein nächster Schritt ein Soloalbum sein wird?
Die siebte Kooks-Platte (red Vinyl, black Vinyl, clear Vinyl) bietet 11 sommerliche Gute Laune-Rock/Pop-Songs („Never/Know“) mit 70ies Flair durch Psychedelic- („Tough At The Top“), Reggae- („Sunny Baby“, „If They Could Only Know“), Soul- („Arrow Through Me“) und Funk-Anleihen („All Over The World“). In einer Playliste würden sich einige Titel durchaus gut zwischen David Bowie, The Police und Razorlight einreihen lassen. 


Nicht nur per „/“ im Albumtitel versuchen The Kooks die unbeschwerte Dreistigkeit des nicht nur im Hit „Naïve“ bezaubernd naiven, aber nun auch schon fast zwei Jahrzehnte alten Debütalbums INSIDE IN/INSIDE OUT wieder heraufzubeschwören, das so wundervoll jugendliche Unbekümmertheit mit modischer Melancholie verband. Das gelingt in seltenen Momenten, so ausgerechnet in „If They Only Could Know“, in dem sich Pritchard wehmütig an seine Eltern erinnert und sich wünscht, sie hätten noch erlebt, dass ihr Sprössling das Glück gefunden hat.
Doch die Suche nach der Leichtigkeit der frühen Tage kann sich wie in „Arrow Through Me“ auch in Belanglosigkeit verlieren oder im penetrant sonnigen „Sunny Baby“ gleich ins Lächerliche kippen: „When you love me you make me feel ten foot tall.“ Dass Pritchard zwar schmissige Melodien kann, aber halt auch nicht der begnadetste Lyriker ist, merkt man nicht nur, wenn er „take me down to love street“ auf „you hit me like a freight train“ reimt. Ja, „it’s tough at the top“, da haste recht, Luke, aber so ganz oben auf der Höhe biste halt nicht mehr.


 


 





14. Mai 2025

The Raveonettes - Pe’ahi II


Das letzte „richtige“ Studioalbum von Sune Rose Wagner und Sharin Foo trägt den Titel „Pe’ahi“ und stammt aus dem Jahr 2014. Seitdem gab es ein Jahr mit einem Dutzend monatlich digital veröffentlichter Songs, die dann im von ihnen so genannten Anti-Album „2016 Atomized“ gebündelt wurden, eine mehrjährige Auszeit sowie die Rückkehr mit dem Coveralbum „The Raveonettes Sing…“ (2024). Also nichts, was in die Annalen des dänischen Duos eingegangen wäre.

Gut, dass sich dies nun ändert, denn The Raveonettes docken an dieses Album an, in dem sie es einerseits stilistisch und thematisch fortführen und andererseits den Albumtitel, das dazugehörige Cover sowie die überraschende Veröffentlichungstaktik adaptieren. 
Nicht ganz hingehauen hat der Anpassungsprozess hinsichtlich der Songanzahl (nur 8 statt deren 10 des ersten Teils ) sowie der physischen Veröffentlichung, denn aktuell ist „Pe’ahi II“ nur digital erhältlich. 


 


Für die lobenden Worte ist selbstverständlich Frau Dr. shgz. drp. Kerstin Kratochwill zuständig: 
Der Nachfolger klingt frisch und frei - der Raveonettes-Signature-Sound aus Sixties-Pop und Shoegaze reißt immer noch mit in seinem bitter-süßen Wechselspiel aus Noise und Melodie. Der Albumtitel spiegelt dies, denn er bezeichnet einen hawaiianischen Surf-Spot, an dem Wagner den plötzlichen Tod seines Vaters verarbeitete. Und auch die Fortsetzung befasst sich inhaltlich mit existenzialistischen Themen wie Leben und Tod, Schmerz und Sehnsüchten.
So wie Schicksalsschläge ein Leben verschieben können, setzen die Raveonettes musikalische Blitzeinschläge ein, um die Stimmung ihrer Songs zu verändern: Einfache Songstrukturen gibt es nicht, einfache Leben schließlich auch nicht. Und so finden sich in den treibenden Tracks immer mal wieder White-Noise-artige Einschübe, ambientlastige Instrumental-Teile oder auch Ausbrüche, die sich in Metal-Gewittern entladen und das Motto ihres eigenen Labelnamens atmen: The Beat Dies.
Und obwohl "Pe'ahi II" mit nur einer halben Stunde Spielzeit und acht Songs ein eher kurzes Album geworden ist, wirkt es wie eine eigene Welt, in der The Raveonettes die Widersprüchlickeit des Lebens packen und mit einer geradezu sprudelnden Genre-Vielfalt spicken: Surf-Sounds, Dream-Pop, Garage-Rock, Post-Punk oder Industrial-Disco, hier trifft Intensität auf Kreativität. In diesem Sinn: Rave on!




13. Mai 2025

Mark Pritchard & Thom Yorke - Tall Tales


 

Was hat sich Thom Yorke denn hier wieder für uns ausgedacht? Auf jeden Fall, fast auf den Tag genau 9 Jahre nach „A Moon Shaped Pool“, kein neues Radiohead Album.

Seitdem hat Yorke ein Soloalbum, zwei Soundtracks und drei Alben mit The Smile veröffentlicht und nun schiebt sich auch noch eine Zusammenarbeit mit Mark Pritchard vor die nächste Platte mit O’Brien, Selway und den beiden Greenwoods.

Pritchard war zuvor bereits als Remixer für Radiohead („Bloom“) sowie Yorke („Not The News“) tätig und erhielt im Gegenzug Thoms Stimme für seinen Song „Beautiful People“. Während der COVID 19-Pandemie wurde der Kontakt wiederbelebt und der musikalische Austausch begann via Email und Zoom. Pritchard schickte Yorke, der offensichtlich nichts mit seiner Freizeit im Lockdown anzufangen wusste und Keller sowie Speicher wohl schon entrümpelt hatte, rund 20 Demoversionen zu, dieser schrieb Texte, sang sie ein und schickte seine Versionen zurück. Nach und nach entwickelten die beiden Musiker so zusammen unter Einsatz zahlreicher Vintage-Synthesizer zwölf experimentelle Songs zwischen Ambient, Soundscapes und Electronica, die nun gebündelt als „Tall Tales“ vorliegen. Auch Yorks Gesang war nicht davor gefeilt, durch den elektronischen Fleischwolf gedreht zu werden.

Irgendwann im Verlauf der Entstehungsgeschichte müssen Pritchard & Yorke auch den Kontakt zum australischen Künstler Jonathan Zawada gesucht haben, der sich um das visuelle Konzept (Plattencover, Videos) des Projektes kümmerte.          

„Tall Tales“ ist über Warp Records als CD und Doppel-LP (black Vinyl) erschienen (jeweils auch in Deluxe Versionen) und steht aktuell bei Metacritic bei 82/100 Punkten.


Als Entrée dient der Achtminüter „A Fake In A Faker’s World“, wo staubige Maschinen durch Echoräume aus Kraftwerk und Ambient pluckern. Der Beat will nicht so recht, er stolpert, dann pausiert er wieder, begleitet von Yorkes Klagegesang. Pritchard, der drei Dekaden elektronische Musik von Techno bis Grime mitprägte, hat den Songs rostige, knarzige Fundamente aus uralten, ewig eingemotteten Synthesizern gebaut. Yorke indes schummelt sich mit 33 verschiedenen Stimmen durch alle Tonlagen, mitunter bis in die Unschärfe verzerrt.
Konventionelle Songstrukturen? Braucht man nicht, einige Tracks, wie etwa „Ice Shelf“, düsen einem als Ambient-Orkan um die Ohren. Mark Pritchard hat das Wurzelwerk elektronischer Musik ausgegraben und es Thom Yorke gegeben, um sich darin zu verlieren.


 


 


 




11. Mai 2025

Arcade Fire - Pink Elephant


So, einmal die rosarote (oder pinke) Brille aufsetzen und den Elefanten im Raum ignorieren: Arcade Fire kommen drei Jahre nach „We“ und den Vorwürfen an wieder und veröffentlichen ihr siebtes Album „Pink Elephant“. Wobei einem das mit dem Ausblenden bei Liedtiteln wie „Beyond Salvation“ oder „Circle Of Trust“ nicht gerade leicht gemacht wird. Auch Textzeilen wie „Return to all my enemies / All the pain they would like to / Or could have caused me / I return this evil to them with love in the Alien Nation“ deuten eher in Richtung des Elefanten, der mitten im Raum steht.

In New Orleans entstanden die 10 Songs (darunter drei eher kurze Instrumentalsstücke), bei denen Win Butler und seine Frau Régine Chassagne gemeinsam mit Daniel Lanois (U2, Peter Gabriel, Bob Dylan) als Produzenten fungierten. Der Sound des Albums ist nicht so episch, wie man es von Lanois, der beispielsweise für „The Joshua Tree“ oder „So“ verantwortlich war, erhofft hätte und weniger orchestral als zu den Anfangstagen von Arcade Fire. Tatsächlich macht sich teilweise ein Lof-Fi-Gefühl breit und zwischenzeitlich kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass „Pink Elephant“ ein Produkt nur von Butler und Chassagne sein könnte. 

Die drei Highlights des Albums sind die erste, etwas vertrackte Single „Year Of The Snake“ und die beiden langatmigen, aber fesselnden Elektropop-Stücke „Circle Of Trust“ und „Stuck in My Head“. Stilistische Vielfalt wollten Arcade Fire vermutlich mit der akustischen Ballade „Ride Or Die“ und dem etwas plumpen Noise-Rocker „Alien Nation“ demonstrieren. 

Die Plattenkritiken sind bestenfalls mittelmäßig, daher hier eine positive:

Doch auch ohne Metaebene ist es nach wie vor ein Vergnügen, mit welcher todsicheren Harmonieseligkeit Arcade Fire diese einnehmenden Mini-Dramen inszenieren. Grober gestrickt wirkt "Circle of trust", der Elektro-Popper zur um Community buhlenden App, während "Alien nation" zwischen Klöppel-Opening und comichaft jaulendem Industrial-Rock-Finale eine prächtige zweistimmige Groove-Bombe pflanzt. Neben dem ausladenden "Stuck in my head" das einzige mit kompletter Band eingespielte Stück dieses Albums, wobei jener Closer gerne ein neues "Rebellion (Lies)" wäre. Aber nichts da: Der bewegliche Herzreißer heißt vielmehr "I love her shadow", hebt unscheinbar an und verzückt schließlich mit bitzelnden Störgeräuschen und liebestollen Schwüren, die man dem Frontmann nur zu gerne abnehmen würde. Und so tun Arcade Fire, was sie können – entfallen muss an dieser Stelle leider der einzige dem Rezensenten bekannte passable Dickhäuter-Reim. Für Albernheiten ist "Pink elephant" nämlich doch viel zu gut.

„Pink Elephant“ ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, pink Vinyl, transparent with pink Vinyl, neon pink & transparent yellow Propeller Vinyl) erhältlich.


 





9. Mai 2025

Lowmoon - Cathedrals


New Order und The Cure zwischen 1984 und 1986. 
Man könnte auch als Referenzen die Bands der letzten Jahre nutzen, die sich ebenfalls deutlich auf das Werk dieser beiden Originale beziehen, also beispielsweise Letting Up Despite Great Faults, The Pains Of Being Pure At Heart, Wild Nothing, The Radio Dept. oder Beach Fossils.

„Cathedrals“ ist das zweite Album von Lowmoon nach „Monochrome“. Diesmal packt der aus Yorkshire stammende Mikey Wilson in seine 22 Minuten Musik 9 anstatt 8 Songs. Stilistisch bleibt es bei Lofi-Bedroom-Pop mit DIY-Attitüde, der von verhuschtem Gesang, tanzbaren Beats aus dem Drumcomputer, verzerrten Gitarren und Retro-Synthesizern geprägt ist. 

Nach dem letzten Hördurchlauf von „Cathedrals“ habe ich anschließend „Brotherhood“ und „The Head on The Door“ aufgelegt. Das reicht ja schon fast als Daseinsberechtigung, oder? Ob es diesmal auch mehr als 6,667 Punkte bei Platten vor Gericht werden? 


 


 


 





8. Mai 2025

Lael Neale - Altogether Stranger


Die US-amerikanische Musikerin kommt im Vor- und Nachnamen mit insgesamt zwei Vokalen und zwei Konsonanten aus. Ähnlich minimalistisch zeigt sie sich auch bezüglich ihrer Musik. Meistens hören wir einen monoton, aber flott pluckernden Drumcomputer, dazu Neales glockenhelle Stimme, ergänzt um Gitarre und ein elektronisches Instrument, beispielsweise ein Onmichord oder ein Mellotron, das dem Ganzen oftmals einen psychedelischen Touch verleiht.  

Von den 9 Songs ihres vierten Albums passen vom Opener „Wild Waters“ (sogar mit einer Art Handclaps angereichert) über „Down On The Freeway“ und „Come On“ gleich drei Lieder zu dieser Beschreibung. Ein weiteres Drittel, „All Good Things Will Come To Pass“, „Tell Me How To Be Here“ und „New Ages“, soll offensichtlich  Velvet Underground-Reminiszenzen darstellen. Ohne den maschinellen Rhythmus kommen die ruhigeren, sühärischen „Sleep Through The Long Night“ und „All Is Never Lost“ aus, „There From Here“ ist zum Abschluss des Albums eine hübsche Piano-Ballade.

Auch ihrem Lo-Fi-DIY-Ansatz sowie der Zusammenarbeit mit Guy Blakeslee bleibt Lael Neale auf „Altogether Stranger“ treu. Das Album ist auch hinsichtlich seiner Spielzeit (32 Minuten) und seiner Vinyl-Varinten (Lavender Marble Vinyl, Magenta Transparent Vinyl) nicht gearde ausschweifend unterwegs.


 


Lael Neale schafft mit solchen Zutaten eine charmante Dröhnmusik, die in ihrer solipsistischen Anmutung jede Menge schrägen Charme freisetzt. Man kann sie sich in einem Film von Quentin Tarantino vorstellen. Als Künstlerin, die gerade in einem kleinen Club vor sieben Zahlenden auf der Bühne steht, als die Handlung die Hauptdarsteller in den Club führt, wo sie diese mit ihrer Darbietung für ein paar Minuten alles vergessen lässt. All Is Never Lost singt sie gegen Ende des Albums. Ein tröstlicher Gedanke, selbst wenn er nicht besonders belastbar erscheint, wenn man an das Universum denkt. Andererseits: Woran sollte man sich sonst erbauen?


 


In "Come on" nimmt das Omnichord wieder eine Hauptrolle ein, während Neale ihre Stimmlage hochschraubt und den Eindruck verstärkt, man würde einen Sixties-Pop-Hit aus einer anderen Dimension empfangen. Nicht nur hier beweist die Künstlerin, wie sie selbst mit minimalen Mitteln raumfüllende Texturen produziert und jeden Song vollkommen erscheinen lässt.
Im Schlussdrittel verliert "Altogether stranger" etwas an Dynamik, was allerdings nicht allzu stark ins Gewicht fällt, da auch die ruhigen Stücke für sich stehend funktionieren. Da lässt "New ages" einen Schellenkranz an den Überbleibseln eines Surf-Rock-Riffs verhallen oder "All is never lost" die Illusion entstehen, dass im Hintergrund ein kleines Orchester brodelt. Das finale "There from here" setzt mit wenigen Piano-Tönen auf die ultimative Reduktion, verbindet eskapistische Sehnsüchte mit der trüben Vorhölle eines Flughafens. Keine rosigen Aussichten für die Erzählerin, und doch fühlt sich der Song in seiner sakralen Einfachheit wie die gesamte Platte ungemein trostspendend und hoffungsvoll an. Lael Neales Musik flackert wie ein Licht im Nebel, das einen auch dann wärmt, wenn man es nicht greifen kann.





7. Mai 2025

Tennis - Face Down In The Garden


Das mit Abstand längste Tennismatch der Welt fand zwischen John Isner und Nicolas Mahut in der ersten Runde von Wimbledon 2010 statt und dauerte 11 Stunden und 5 Minuten. Jetzt haben auch Alaina Moore und Patrick Riley ausgespielt, denn das siebte Album von Tennis wird auch deren letztes sein.

„15 - Love“ heißt es im Tennis nach dem ersten gespielten Punkt und für das Duo aus Denver bedeutet dies, dass nach 15 Jahren des gemeinsamen Musizierens Schluss ist, die Liebe aber weiter besteht, denn Moore und Riley sind glücklich miteinander verheiratet. Für ihre Verabschiedung vom Projekt Tennis nehmen sie sich nicht viel Zeit: „Face Down In The Garden“ läuft gerade einmal eine knappe halbe Stunde, bietet dafür aber den gewohnten und gewünschten Mix aus säuselndem, sphärischem Dreampop und romatischem Retro-Indiepop mit 70ies/80ies-Touch. 

Am Ende dürfte es schon „Spiel, Satz, Sieg“ für Tennis heißen, wenn es ihnen gelingen würde, mit ihrem siebten Versuch bei Platten vor Gericht einen Punktedurchschnitt zu erzielen, der eine Sieben vor dem Komma hat, denn dies ist ihnen bei „Cape Dory“ (2011), „Young & Old“ (2012), „Ritual In Repeat“ (2014), „Yours Conditionally“ (2017), „Swimmer“ (2020) und „Pollen“ (2023) tatsächlich noch nicht gelungen.

„Face Down In The Garden“ ist als CD und LP (Sea Glass Colored Vinyl, Cobalt Blue Vinyl, Eggshell Vinyl) erhältlich.


  


Die neun Songs, mit denen Moore und Riley das Projekt Tennis nun fürs Erste beenden, markieren einen würdevollen Abschluss. „At The Apartment“ und „In Love (Release The Doves)“ eröffnen und schließen das Album mit sphärischen Dreampop-Klangbädern, die zum tiefen Eintauchen einladen. In der geschmackvollen, pianolastigen Power-Ballade „At The Wedding“ zeigen sie, wie gut und eindringlich sie die Songwriting-Schule des Brill Buildings studiert haben.
Damit diese schmachtende Wohlfühlmusik nicht zu monochrom wirkt, haben Tennis genug bunte Details eingewoben, wie den melodiös pumpenden Bass-Groove von „Sister“, die Beach-House-Arpeggios in „Always The Same“ oder das überraschend kräftige Gitarren-Solo in „12 Blown Tires“. „I see our fates go on colliding“, singt Moore zum Ende dieses Songs. Wieder so ein von Vertrauen erfülltes Versprechen an ihren Partner – und ein großer Hoffnungsspender für uns, dass ihre gemeinsame musikalische Reise auch über Tennis hinaus noch weitergehen wird.