30. September 2024

Nilüfer Yanya - My Method Actor


Den Vorgänger haben wir hier übergangen, obwohl „Painless“ 2022 in zahlreichen Online-Bestenlisten auftauchte. Beispiele gefällig? BrooklynVegan (#5), Under The Radar (#6), Gorilla Vs. Bear (#12), Pitchfork (#16) oder Exclaim (#21).

Das soll uns bei „My Method Actor“, dem dritten Album von Nilüfer Yanya, das bereits Mitte September veröffentlicht wurde, nicht wieder passieren, denn erneut scheinen die Kritiker begeistert: Bei Metacritic sind aktuell 84/100 Punkte verzeichnet.

Für „My Method Actor“ zogen sich Nilüfer Yanya und Wilma Archer (bei den beiden früheren Platten noch Will Archer) komplett zurück und werkelten allein an den 11 Songs, welche sie auch zusammen komponiert hatten und die erstmals über Ninja Tunes veröffentlicht wurden. Lediglich für die Aufnahmen von Cello und Pedal Steel Guitar griffen sie auf Gastmusiker zurück und ließen sie in, wie Nilüfer Yanya es ausdrückt, „ihre Blase“. Sie sagt, dass das Album viel mit der Idee zu tun hat, von einem Lebensabschnitt in einen anderen zu wechseln. Im konkreten Fall betreffen diese Phasen des Übergangs wohl die zwischen zwei Alben, unterschiedlichen Labels, Wohnorten oder auch Geschlechtern. 

Die Londoner Singer/Songwriterin lässt auf „My Method Actor“ intimen, zarten Kammerpop zu pluckernden Beats oder souligen Indiepop, in den plötzlich auch einmal eine kreischende Gitarre einfallen darf, hören. Das Album ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, crystal amber Vinyl, transparent green Vinyl, gold and sky blue colour-in-colour Vinyl) erhältlich.

Nilüfer Yanya in Deutschland:
26.11.24 Berlin, Kesselhaus
 

Vieles auf MY METHOD ACTOR ist trotz der spärlichen Arrangements bunt und verwinkelt.
Niedlich gluckernde Rhythmusmaschinen und aufblühende Streicher, an Jazz geschulte Gitarren und kluge Melodien bilden den Unterbau für ein bisschen Lo-Fi, ein bisschen Soul, für Unaufdringlichkeit und Verbindlichkeit gleichermaßen. In „Mutations“ etwa gelingt Yanya ein uniques, dezent jazziges Gefüge, das sowohl auf The Cures 17 SECONDS wie auf The xx zurückgeht. Einerseits.
Andererseits wirken die hier und da in die filigranen Texturen gestopften Gitarrenwände seltsam deplatziert. Ausgerechnet in den beiden Singles „Like I Say (I Runaway)“ und „­Method Actor“ crashen die Shoegaze-Erinnerungen an Yanyas frühere Platten den luftigen Sound. Zum Glück erzählt der Rest des Albums eine andere Geschichte: Und dann liegt die Tiefe in der Reduzierung.


 


 


 


 




29. September 2024

Ist Ist - Light A Bigger Fire


Zuletzt erreichten Adam Houghton (Gesang, Gitarre), Joel Kay (Schlagzeug), Andy Keating (Bass) und Mat Peters (Synthesizer) mit ihrem dritten Album „Protagonists“ (2023) bei Platten vor Gericht einen Punktedurchschnitt von 7,750 und damit den 28. Platz in unserer Jahresendabrechnung. 
Wenn man den Albumtitel „Light A Bigger Fire“ darauf übertragen möchte, sollen es wohl nun die Top 20 werden.

Das Quartett bewegt sich weiterhin zwischen düsterem Post-Punk und energetischem Indierock und dürfte bei Fans von White Lies, Slow Readers Club oder Editors offene Türen einrennen. Auf „Light A Bigger Fire“ gehen sie nun einen Schritt weiter und könnten die kontinuierlich steigende Popularität der Band weiter anheizen. Das vierte Album von Ist Ist kommt mit großen Melodien und noch größerem Sound daher. Am besten nachzuhören auf „Lost My Shadow“, „The Kiss“ oder „Dreams Aren’t Enough“. 

Möglicherweise hat ihr Produzent Joe Cross (The Courtenners, Hurts), der auch schon als Songwriter mit Lana Del Rey, Zoot Woman oder La Roux arbeitete, ihnen die Tore für das Popradio (beispielsweise die von Keyboard-Klängen dominierten „Repercussions“ und „I Can’t Wait For You“) aber auch große Festivalbühnen aufgestoßen.

Der recht monotone und irgendwie gewollt tief wirkende Gesang von Adam Houghton schiebt Ist Ist für mich persönlich immer etwas in Richtung Gothic Rock. Dass es auch etwas abwechslungsreicher geht, zeigen der Refrain von „I Can’t Wait For You“ und das abschließende, als Piano-Ballade beginnende und dramatisch endende „Ghost“.

Light A Bigger Fire“ ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, eco-mix Vinyl, cream and crimson splatter Vinyl) erhältlich.

Ist Ist in Deutschland:
05.11.24 Köln, Luxor
06.11.24 Frankfurt, Zoom
07.11.24 München, Live/Evil
16.11.24 Bielefeld, Movie
26.11.24 Hamburg, Kent Club


 


IST IST’s last album, ‘Protagonists’, was a big step on this journey, but ‘Light A Bigger Fire’ places them in the heart of the modern pop world. Songs of heartbreak have never sounded so radio friendly without losing their introspective heart and soul. All the band’s classic hallmarks are still in place, from the melancholic bass lines, to the washes of atmospheric keyboards shackled to the tightest drums, the chiming guitar shapes and the baritone vocals and yet reshaped to reach out from beyond the cult.


 


There is a synth indulgence heard through Light a Bigger Fire which frees the band up that little bit more. A swinging sound that gears Ist Ist up as a collection of musicians with a Future Islands mindset to them. Intimate detail, and out-there instrumentals provide such a joy to hear. Confident work but, crucially, with this growth in interest, they have not lost what made their previous works so intimate. This bigger fire is a broader one, and there is no harm in hearing their wider sound at work. Songs like Dreams Aren’t Enough get to grips with this new tone well and there is much to love about Light a Bigger Fire. Lyrically charmed works, moments of impotence in the face of fear and whining guitar work solidify this numbness through trauma.  





28. September 2024

Katy J Pearson - Someday, Now


Von Pierson zu Pearson: 

Wenn das mit Kate Pierson und Katy J Pearson, die beide ihr aktuelles Album am 20. September veröffentlicht haben, nicht so gut gepasst hätte, wäre die Platte der jungen Britin möglicherweise nicht vor Gericht gelandet. Denn deren Vorgänger, „Sound Of The Morning“, kam vor zwei Jahren auf überschaubare 6,25 Punkte.

„Someday, Now“ ist das insgesamt dritte Album der in Bristol lebenden Singer/Songwriterin, deren Debüt „Return“ aus dem Jahr 2020 stammt. Die 10 Songs nahm sie innerhalb weniger Wochen mit einigen Labelkollegen von Heavenly Recordings und dem Produzenten Nathan Jenkins alias Bullion (Nilüfer Yanya, Carly Rae Jepsen, Ben Howard) in den Rockfield Studios in Wales auf. Tatsächlich ging Katy J Pearson mit klaren Vorstellungen hinsichtlich ihrer Mitstreiter und des Wunsch-Studios an die Aufgabe heran und schloss diese schneller und zielgerichteter ab als bei früheren Sessions. 

Als Ergebnis ist ihr gelegentlich skuril-schräger Indiepop nun deutlich schneller, eingänglicher und glatter geraten („Save Me“, „Maybe“). Gelegentlich kommen mir bei Hören des Albums The Cardigans in den Sinn („Constant“, „Long Range Driver“), was einerseits an Pearsons Gesang, der teilweise etwas tiefer als früher ist und damit an Nina Persson erinnert, und andererseits an einer Verbind aus Folk (mit akustischen Instrumenten) und dezenten elektronischen Klängen liegen mag. Aldous Harding ist, wie beim Vorgänger bereits erwähnt, meine zweite Referenz.

Someday, Now“ ist als CD und LP (blue and white marble Vinyl, sea green Vinyl) erhältlich.


Dass die dann besungenen Erzählungen von zwischenmenschlicher Nähe und Distanz trotzdem als wohlig-süße Ohrwürmer daherkommen, verweist auf das Talent der Songwriterin für Spannungsfelder. SOMEDAY, NOW handelt vom Zustand zwischen verspätet-wissender Rückschau und vorwärts-gerichtetem Pflichtoptimismus, den man auch alltägliches Leben nennt.
Dabei schafft es der Folk-Pop – besonders in „Constant“ – die Essenz von Gefühlen zu erfassen und in eingehende Texte und Melodien zu hüllen, ohne trivial oder kitschig zu sein. Liebesfrust kommt wie bei Arthur Russell im schüchternen Discobeat daher („Save Me“), arglos gepresste Vocals erinnern an Aldous Harding.


 





27. September 2024

Kate Pierson - Radios & Rainbows


Auch wenn The B-52’s weiterhin existieren und sporadisch Konzerte spielen, sind ihre Alben höchst rar gesät. Die 1976 gegründete Band kommt lediglich auf sieben Longplayer, der letzte, „Funplex“, war 2008 erschienen. 

Kate Pierson, neben Fred Schneider, Cindy Wilson, Keith Strickland und dem 1985 verstorbenen Ricky Wilson, Gründungsmitglied der Band aus Athens, Georgia, veröffentlichte 2015 mit „Guitars and Microphones“ ihr Solodebüt, dem sich nun mit „Radios & Rainbows“ der Nachfolger anschloss.

Catherine Elizabeth Pierson, mittlerweile 76 Jahre alt, mag mit dem natürlichen Alterungsprozess nicht so ganz klar kommen (besser nicht das Video zu „Evil Love“ ansehen), mag aber weiterhin Pop & Party. Und so versprüht „Radios & Rainbows“ auf 12 (größtenteils) temporeichen Songs gute Laune zu Rock-, Elektropop-, Dance- und Disco-Klängen. Dem Sound der B-52’s kommen vermutlich „Take Me Back To The Party“ und „Always Till Now“ noch am nächesten.  

Das Album entstand unter Mithilfe zahlreicher Gastmusiker und Komponisten - beispielsweise Sia auf „Every Day Is Halloween“ - und soll laut Pierson nicht ihr letztes bleiben: “My creativity has been unlocked! I still have a lot more songs in me, and I’m already looking forward to recording my next album!”

Bleiben abschließend noch zwei Fragen: Wie viele Punkte ist den Plattenrichtern „Radios & Rainbows“ wert? Und warum wurde das Foto für das Plattencover geschossen, als Kate Pierson noch die gelben Gumminhandschuhe vom Hausputz trug?


 


 






26. September 2024

The Waeve - City Lights


Kommen wir von „In  Waves“ zu The Waeve:

Erstaunlich, dass Graham Coxon zwischen den Aufnahmen für „The Ballad Of Darren“ (2023) und zahlreichen Konzerten mit Blur noch Zeit für gleich zwei Alben mit seinem Nebenprojekt The Waeve fand. Erst im Frühjahr 2023 war mit „The Waeve“ das Debütalbum des Duos erschienen, das Rose Elinor Dougall und er mit reichlich mit Musik voll packten: 54 Minuten in der regulären Fassung, 69 Minuten in der Deluxe Version. 

Nun gibt es bereits den Nachfolger „City Lights“, für den erneut James Ford (Depeche Mode, Blur, Pet Shop Boys, Fontaines D.C., Arctic Monkeys) als Produzent gewonnen werden konnte und das 10 Songs in 51 Minuten anbietet. Zwischen Songwriting, Aufnahmen und Konzerten muss sich das Pärchen ja auch noch um die gemeinsame kleine Tochter kümmern. 

The Waeve lassen nur im Opener und Titelstück an Blur denken, zeigen sich sonst wesentlich experimenteller und lassen in ihren Indierock-Sound auch British Folk, Krautrock, Jazz, Art Pop und Progressive Rock mit einfließen. Das kann auch einmal anstrengend werden, wenn beispielsweise in mehr als der Hälfte der Songs zum Saxofon gegriffen wird - auf dem über 7-minütigem „Druantia“ sogar von vier unterschiedlichen Musikern! Ob Graham Coxon Wetten gegen Mike Smith, Chris Storr und Nichol Thomson verloren hat? 
Bei einigen Songs, zum Beispiel „I Belong To…“, „Song For Eliza May“ oder „Girl Of The Endless Night“, gibt es feine Streicher-Arrangements zu entdecken. Den größten Gegenpol bilden das verträumte „Simple Days“ und der anschließende knarzende Rocker „Broken Boys“ - zumindest im Stream oder auf CD, denn die Doppel-LP muss man zwischen diesen Songs erst wechseln. 

City Lights“ ist als CD und Doppel-LP (black Vinyl, orange Vinyl) erhältlich. Bei Metacritic übertrifft das Album seinen Vorgänger aktuell um ein Pünktchen und steht bei einem Metascore von 81/100 Punkten.


‘City Lights’ is another towering achievement for The Waeve showing how well Graham Coxon and Rose Elinor Dougall combine and the breadth of their musical talents. It is an unpredictable and highly eclectic listen packed full of depth and textures making this a must listen. 

As expected, it’s the interplay between hard and soft that takes centre stage, whether via the pair’s dual vocals as on ‘You Saw’, the thematic tenderness of ‘Song For Eliza May’ and its abrasive, squalling guitar, or even through following the dreamy, melancholic ‘Simple Days’ with an enthrallingly unholy guitar sound on the deceptively pop ‘Broken Boys’. And against the full fever dream wig out that ‘Druantia’ falls into, is the opening title track, its classic songwriting accommodating a wiry (or should it be Wire-y) guitar line. Like stepping into a universe of the duo’s making, almost, it’s the kind of sonic escapism that’s akin to reading a good book.
(DIY)


 


 


 




25. September 2024

Jamie xx - In Waves


10 Fakten zum neuen Album von Jamie xx:

1. Die Veröffentlichung von „I See You“ liegt 7 Jahre zurück und da nach Jamie xx („In Colour“, 2015) zuletzt auch Oliver Sim („Hideous Bastard“, 2022) und Romy Madley Croft („Mid Air“, 2023 ) ihre Soloalben veröffentlicht hatte, wäre es eigentlich wieder an der Zeit für ein neues Album von The xx gewesen. Doch nun startet Jamie xx mit „In Waves“ den Kreislauf von vorne.


 


2. Aber ein bisschen The xx ist auch auf „In Waves“ enthalten, denn auf dem Song „Waited All Night“ sind Romy und Oliver Sim zu hören.

3. Weitere bekannte Gastmusiker, die Jamie xx ins Studio folgten: Panda Bear („Dafodil“), Honey Dijon („Baddy On The Floor“), Robyn („Life“) oder auch The Avalanches („All You Children“).


  


4. „In Waves“ bietet 12 Songs, die 44:44 Minuten laufen. Nicht enthalten sind seit 2020 veröffentlichten Singles „Idontknow“, „Let’s Do It Again“, „Kill Dem“ und „It’s So Good“. 

5. Die Deluxe Edition von „In Waves“ lässt uns die Punkte 3 und 4 ergänzen, da sie auf zwei Schallplatten (black Vinyl, white Vinyl) und einer zusätzlichen 12’’ (black & white Vinyl) insgesamt 17 Songs anbietet (u.a. die erwähnten „Let’s Do It Again“, „Kill Dem“ und „It’s So Good“) und noch eine Kollaboration mit Erykah Badu („F.U.“) bereit hält.

6. „In Waves“ ist darüber hinaus als CD und LP (black Vinyl oder white Vinyl) seit dem 20. September erhältlich. Wie die übrigen Alben von The xx und Jamie xx ist auch dieses über Young Turks erschienen, jedoch hat das zur Beggars Group gehörende Independent Label seinen Namen im April 2021 auf Young gekürzt. Der Name wurde wegen des gleichnamigen Songs von Rod Stewart gewählt und steht als ein britischer Slangausdruck für rebellische Jugendliche, aber eben auch für eine politischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die mit dem Völkermord an den Armeniern zu tun hatte.

7. Als Produzenten fungierten neben Jamie xx auf einzelnen Songs The Avalanches, Honey Dijon, Rodaidh McDonald und Luke Solomon.


 


8. Drei der zwölf Songs von „In Waves“ sind instrumental gehalten, zwei von diesen bauen Samples ein: „Wanna“ enthält „RipGroove“ von Double 99 und „Never Gonna Let You Go“ von Tina Moore und „Still Summer“ setzt auf Interpolation von „Nights in White Satin“ von The Moody Blues.

9. Bei Metacritic steht „In Waves“ aktuell bei einem Metascore von 84/100 Punkten. Damit kann der sehr hohe Wert von „In Colour“ (87/100) nicht ganz erreicht werden.  

Jamie references everything from Fela Kuti’s afrobeat to the avant-garde minimalism of Philip Glass. He layers UK pirate radio influences with Northern Soul and tropicalia, creating a sprawling, kaleidoscopic tapestry of sound. This isn’t merely music for the dancefloor—it’s music that tells a story, each beat and synth line carefully placed to evoke emotion and memory.

Where most of the record – ostensibly designed as chronicling a night out – meanders through skittish beats, soothing piano licks and the kind of scattershot sampling that can only in reality have been meticulously plotted, ‘Life’ provides a pure pop moment of the most joyous kind. Enlisting the Swedish icon to soundtrack a moment of dancefloor euphoria is in itself a masterstroke, but the track’s looped hook possesses the kind of earwormy immediacy that brings to mind Y2K staples ‘Lady (Hear Me Tonight)’ from French duo Modjo and Spiller’s Sophie Ellis-Bextor featuring ‘Groovejet (If This Ain’t Love)’. Notable, too, is the appearance of The Avalanches on ‘All You Children’, a similar – if less in-your-face – pop moment, a meeting of dancefloor collage-making minds of sorts.
(DIY)

10. Wer sich an dem von Jamie xx entworfenen Cover, das den Stil von „In Colour“ einerseits fortführt, andererseits in seiner schwarz-weiß Optik den Gegenpol dazu bildet, nicht satt sehen kann, dem sei der Shop von Jamie xx empfohlen, denn dort gibt es von Poster über Slipmat bis zum Puzzle einiges zu kaufen. Nur die Socken enttäuschen optisch ein wenig.




24. September 2024

The Voidz - Like All Before You


Es ist zum Heulen: Nach dem kurzen instrumentalen Opener „Overture“ (klingt wie ein Werk von Giorgio Moroder zu den Olympischen Spiele in Los Angeles von 1984) folgt „Square Wave“ und der Gesang von Julian Casablancas wird komplett vom Vocoder geschrottet. Als würden die Olsen Brothers zu einem New Order/Cure-Lied singen, das aus dem Lautsprecher eines billig Handys erschallt! 

Julian Casablancas? Ja, aus Julian Casablancas & The Voidz wurden mittlerweile The Voidz und wenn es darum gibt, weniger Alben zu verkaufen, dann war dieser Schachzug ein erfolgreicher: Das Debütalbum (noch mit dem Hinweis auf Julian Casablancas versehen) „Tyranny“ (2014) landete auf Platz 39 in den USA und Rang 111 im UK, für „Virtue“ (2018) (ohne Casablancas-Erwähnung) ist nur noch ein Platz 151 in den USA belegt. 

„Like All Before You“ ist also das dritte Album der Band und der nächste Song trägt den Titel „Prophecy Of The Dragon“ und dieser ist ein seltsames Sammelsurium aus Heavy-Gitarren-Riff, verträumtem Gesang, Videospiel-Gefiepse, 70ies Gitarrensolo, sanften Keyboard-Kaskaden, Vocoder-Einsatz und Geschrei. Das muss wohl als Experimental Rock-Band so sein. 

Diesem Ansatz bleiben Julian Casablancas (Gesang), Jeramy "Beardo" Gritter (Gitarre, Keyboards), Amir Yaghmai (Gitarre, Keyboards), Jacob "Jake" Bercovici (Bass, Keyboards), Alex Carapetis (Schlagzeug)und Jeff Kite (Keyboards) auch auf den noch folgenden 7 Songs treu. 

Gensau so der Sabotage der eigenen Punkteausbeute bei Platten vor Gericht (Vocoder und billig Produktion) sowie der Chartplatzierungen, denn „Like All Before You“ ist bereits digital erschienen und kommt erst Mitte Oktober als physische Veröffentlichung (CD, LP (red marble Vinyl, blue Vinyl)). Bei Metacritic stehen aktuell lediglich 61/100 Punkte für das Album zu Buche.


 


Variety remains the album’s undeniable strength, each track sounds instantly recognisable and reveals its own unique identity in respect of genre, style and beat. 
Take a song like the pulsating ‘Square Wave’, where basslines reminiscent of New Order outline the melody. Nicely enticing, it makes no attempts to hide the need to test a different idea. The vocals are given a robotic treatment and the pace is fast and demanding. 
Meanwhile, a raw juncture such as ‘Prophecy Of The Dragon’ uses different instrumental tricks, infectious hi-hats begin the affair before abrasive metal guitars interrupt to fire things up, and keep them heated. 
Elsewhere, there is the dream-like sonics of ‘Perseverance–1C2S’, a scenario that sees synth and guitar solos transport the listener to a distant place, a trippy moment before the sci-fi technology of ‘All the Same’ is heard. 
‘Like All Before You’ is a delightfully eclectic effort that never fails to startle, and it makes sense to continue following Julian Casablancas on this astonishing journey. 
An illustrious tour de force, this is experimental music that balances what’s classic, classy and cool. 




23. September 2024

Blossoms - Gary


Wir könnten darüber sprechen, dass ich Blossoms dafür liebe, dass sie zusammen mit Rick Astley (!) Lieder von The Smiths überzeugend auf die Bühne gebracht haben (was ich sehr gern gesehen hätte) und nun so lässig sind, im Refrain“ von „Mothers“ darauf anzuspielen: 
Our mothers said they were friends back in the '80s
I've seen old photos of them, they wore the same things
There was a time before you had your babies
At the club, dance to The Smiths and Rick Astley  

Wir könnten darüber sprechen, dass mir Blossoms meine erste liquid filled LP bescherten, die von Bad World, einem Blood Records Ableger, stammt und aktuell auf dem Weg zu mir ist:




Wir könnten über „Gary“ sprechen, das fünfte Album von Blossoms, das zwischen eingängliuchem Britpop („Perfect Me“) und süffigem Synthpop („What Can I Say After I’m Sorry?“), der gelegentlich auch mit 70ies Funk kokettiert, pendelt. Wir könnten natürlich mit dem Opener „Big Star“ beginnen, denn Tom Ogden und seine vier Kollegen sind mittlerweile große Stars in ihrer englischen Heimat (drei Nummer-Eins-Alben und dieses wird das nächste). 
Aber wir wollen uns auf zwei des 10 Songs beschränken: „Gary“ ist ein sommerlicher Hit, der von einem 2,40 m großen Glasfaser-Gorilla handelt, der Anfang 2023 aus einem Gartencenter in Lanarkshire gestohlen wurde und trotz einer Suchkampgne noch nicht wieder aufgetaucht ist, und könnte gut in eine Playliste zwischen „Good Enough“ von Dodgy und „Alright“ von Supergrass passen. Den Gegenpol bildet das direkt anschließende „I Like Your Look“, das ausschließlich vor oder nach dem „Wham Rap! (Enjoy What You Do?)“ laufen darf.


The album, like the very best pop music, doesn’t hang around. Ten songs, thirty one minutes and there’s no filler. Each song here could be a single from the opener Big Star where Tom muses on his shyness approaching industry figures, wistfully recalling classic music imagery and imagining himself in those situation. The Jungle-produced first single What Can I Say After I’m Sorry felt a little light on first release but makes perfect sense in the album context. (…)
Gary is Blossoms’ most accessible cohesive record to date. It’ll delight their long-term fans. It’ll win them a swathe of new ones with the more direct pop approach of the singles. And it’ll continue to infuriate those who see them as some sort of indie traitors. Gary is a fun, joyous half-hour distraction from the state of the world that doesn’t take itself too seriously. It might not change anything, but it’ll make you smile.


 


 





22. September 2024

Tindersticks - Soft Tissue


Getragener Indierock samt souliger Bläser, cineastischer Kammerpop mit Steichern, melancholisch-loungige Klangexperimente - die Tindersticks haben ihren Sound über nun vierzehn Alben (plus zahlreicher Soundtracks) gefunden und justieren diesen nur noch fein. 

So auch auf den acht Stücken von „Soft Tissue“, bei dem die Band den kollaborativen Charakter des Schaffensprozesses hervorhebt sowie ambitionierte, innovative und experimentelle Soundlandschaften verspricht. 
Den Plattenkritikern gefällt es offensichtlich, denn „Soft Tissue“ steht aktuell bei Metacritic mit einem Metascore von 84/100 Punkten dar. 

Das Album ist als CD und LP (black Vinyl, petrol coloured ECO Vinyl) erhältlich.

Tindersticks in Deutschland:
05.10.24 München, Prinzregententheater
06.10.24 Leipzig, Schauspielhaus
07.10.24 Berlin, Theater des Westens
13.10.24 Hamburg, Kampnagel
09.03.25 Dortmund, Konzerthaus


 


So entdeckt die Band Noir aus Nottingham auf Album Nummer 14 partiell den Soul wieder, wie etwa der zartschmelzende Opener „New World“ mit tänzelnden Bass- und Orgelfiguren und dynamischen weiblichen Backings und Bläser-Sätzen eindrucksvoll unter Beweis stellt. (…)
Aber auch „Always A Stranger“, bei dem Sänger und Produzent Stuart Staples wie ein leisetretender und kontrollierter Nick Cave bei einem von dessen musikalischen Exorzismen klingt, fasziniert. Mit „Turned My Back“ hingegen packen die Tindersticks kurz vor Schluss tatsächlich noch einen hymnischen Gospel-Hit auf das Kandelaber-beleuchtete Tanzparkett. Und das, obwohl SOFT TISSUE doch eigentlich ein prädestiniertes Kopfhöreralbum für die einsamen Stunden ist.




21. September 2024

10 Schallplatten, die uns gut durch den Oktober bringen


10. Wingenfelder - schlicht und ergreifend (Crystal Clear Vinyl) )18.10.2024)






9. Paul Heaton - The Mighty Several (Gold Vinyl) (11.10.2024)






8. Razorlight - Planet Nowhere (180g, Limited Indie Edition, Clear Smoke Vinyl) (25.10.2024)






7. Propaganda - Propaganda (Black Vinyl) (11.10.2024)






6. Embrace - Out Of Nothing (Red Splatter Vinyl) (18.10.2024)








5. The Smile - Cutouts (White Vinyl) (4.10.2024)






4. Porridge Radio - Clouds In The Sky They Will Always Be There For Me (Limited Edition, Marbled Grey Vinyl) (18.10.2024)






3. Public Service Broadcasting - The Last Flight (Limited Indie Edition, Transparent Clear Vinyl) (4.10.2024)






2. A Place To Bury Strangers - Synthesizer (Limited Indie Edition, Glow In The Dark Vinyl) (18.10.2024)






1. Pixies - The Night The Zombies Came (Crytal Clear / Smoky Red Vinyl) (25.10.2024)







20. September 2024

Bright Eyes - Five Dice, All Threes


Legen wir das neue Album von Bright Eyes auf, jedoch nicht die D-Seite der Doppel-LP (Black Vinyl, Red & Orange Splatter Vinyl oder Ghostly Blue Vinyl), denn auf dieser befindet sich ein Etching: „Five Dices“ ist der gewohnte Sound-Collagen-Einstieg (fallende Würfel und Stimm-Samples ziehen sich übrigens durchs komplette Album), es folgt das beschwingte „Bells And Whistles“, das seinem Titel alle Ehren macht, denn es wird auch ausführlich gepfiffen. Glöckchen wären mir ja lieber gewesen. „El Capitan“ galoppiert in Richtung einer Mariachi Band, deren Zusammentreffen nach 3 Minuten Wegstrecke wird ausführlich gefeiert, „Bas Jan Ader“ schunkelt sich zu Banjo- und Piano-Klängen in den Gehörgängen fest. Als Piano-Ballade startet „Tiny Suicides“, bei der jemand im Studio das Einfügen eine Lap Steel Guitar und jazzige Bläser für eine gute Ideen hielt, am Ende hört man jemanden laut schluchzen, vermutlich wegen der Lap Steel Guitar und der Bläser. 

Zeit zum Umdrehen der ersten Platte: „All Threes“ ist ein Duett mit Cat Power und kommt dem Psychedelic-Pop der Flamping Lips ziemlich nahe, ein kurzer jazziger Piano-Ausflug inklusive. Mit dem Garagenrocker von „Rainbow Overpass“ überraschen Bright Eyes komplett und man würde den Song eher dem Oberstschen Nebenprojekt Desaparecidos zuschreiben wollen. Nun folgt der beste Songs des Albums, „Hate“, der auch auf „Digital Ash In A Digital Urn“ von 2005 eine gute Figur abgegeben hätte und hier als Cliffhanger dienen soll. 

Ach, einen lege ich noch nach, denn „Five Dice, All Threes“ bietet auch noch ein Duett mit Matt Berninger von The National („The Time I Have Left“). Und vielleicht ist doch „Trains Still Run On Time“ das Albumhighlight…

Bright Eyes in Deutschland:
14.11.24 Köln, Carlswerk Victoria
15.11.24 Berlin, Tempodrom
16.11.24 Wangels, Rolling Stone Beach


 


Insgesamt 13 teils sehr unterschiedliche Tracks umfasst das neue Bright-Eyes-Album, ein möglicher Oberbegriff für das stilistische Sammelsurium ist wohl “Folkrock”. Nach diversen anderen Solo-, Band- und Projekt-Unternehmungen wie Monsters Of Folk (mit M. Ward, Mike Mogis und Jim James), Better Oblivion Community Center (mit Phoebe Bridgers), Desaparecidos und Mystic Valley Band kehrt Conor Oberst immer mal wieder zu seinen Ursprüngen zurück (das bisher letzte Bright-Eyes-Werk Down In The Weeds, Where The World Once Was stammt von 2020, davor war sogar neun Jahre Sendepause). Und das ist gut so.


 


Was "Five dice, all threes" aber so besonders bunt macht, ist der Band-and-friends-Vibe, der überall spürbar ist. Das kann erst melancholisch wirken, wenn "The time I have left" als Klavierballade mit Matt Berninger von The National beginnt, dann aber reichlich unernst mit Stimmmanipulation gespielt wird und beide nach gut vorstellbaren drei, vier Gläsern Wein am Ende ein Shalala anstimmen. Oder als jazzig-verträumtes Duett mit Cat Power in "All threes", das behauptet, Jesus wäre in einem Cagefight gestorben und Oberst würde Elon Musk bei einem Würfelspiel in einer Gasse umbringen. Da sind dann wieder diese Lyrics, die man auch in einem ziellosen Gespräch mit einem guten Freund erwarten würde. Und selbst der aufkommende Pessimismus wirkt 2024 positiver als je zuvor, weil er zusammen als Chor auf "Tin soldier boy" erscheint und runtergeschmettert wird: "Our days are numbered / Hear the countdown!" Allgemein gibt es ganz viel gemeinsames Singen und damit verbunden auch Mitsing-Vibe auf dem Jubiläums-Album.





19. September 2024

Nada Surf - Moon Mirror


Mittlerweile haben es die 1992 gegründeten Nada Surf auf 10 Studioalben gebracht, auch wenn die Abstände zwischen diesen zuletzt recht lang geworden waren. Seit 2012 veröffentlichen Matthew Caws (Gesang, Gitarre), Daniel Lorca (Bass) und Ira Elliot (Schlagzeug) ihre Alben regelmäßig im Vierjahrestakt. Große Überraschungen gab es wenige, wo Nada Surf drauf stand, war auch Nada Surf drin und so gut wie auf „The Weight Is A Gift“ (2005) waren sie seitdem einfach nicht mehr.

Dennoch sticht „Moon Mirror“ aus ihren Veröffentlichungen der letzten Jahre positiv hervor: Temporeicher Gitarrenrock („Intel And Dreams“, „Open Seas“), der gern auch mal ein wenig scheppern darf, Powerpop zum Mitsingen („New Propeller“, „In Front Of Me Now“), akustische, entspannte Klänge zum Zurücklehnen („Moon Mirror“) und zum Schluss einen sich langsamen aufbauenden 5-Minuten Song („Floater“), der zu Streicherklängen in Gitarrenlärm mündet. Neben „The One You Want“ (ebenfalls mit dramatischen Streichern ausgestattet) ist der letzte Song für mich das Highlight des Albums.  

„Moon Mirror“ entstand zusammen mit dem Produzent Ian Laughton (Supergrass, Ash) in den Rockfield Studios in Wales und unter Mithilfe ihres langjährigen Keyboarders Louie Lino. 

Moon Mirror“ ist als CD, Deluxe Doppel-CD (mit Demo-Versionen aller 11 Albumtracks) und LP (black Vinyl, coke bottle clear Vinyl) oder Doppel-LP (blue & white handpour color Vinyl (Galaxy Splatter Vinyl), ebenfalls mit den Demo-Versionen) erschienen.

Nada Surf in Deutschland:

27.11.2024 Köln, Carlswerk Victoria

01.12.2024 Hamburg, Markthalle

02.12.2024 Berlin, Metropol

03.12.2024 München, Backstage Werk


„In Front Of Me Now“ ist ein entwaffnend simpler und berührender Song, in dem Caws von seinem Ziel berichtet, mehr im Hier und Jetzt zu leben. Im charmanten Opener „Second Skin“ nimmt er sich vor, seinem Umfeld offener und aufmerksamer entgegenzutreten. (…)
Die Riffs von „Open Seas“ sind fast so eingängig wie der Nada-Surf-Klassiker „Always Love“ aus den Nullerjahren geraten, auch das Schlusslicht „Floater“ berührt. Andere Songs haben subtile Einsprengsel von Postrock, Folk und Highschool-Punk. 


 


 





18. September 2024

London Grammar - The Greatest Love


„… because the greatest love of all, is happening to me…“ singt Whitney Houston direkt in meinen Kopf, wenn ich auf das Plattencover des vierten Albums von London Grammar schaue. 

Ganz so schlimm ist die Mischung aus akustischem Dreampop („Fakest Bitch“), zu Breakbeats pulsierender Electronica („House“), melancholischem Trip Hop („You And I“, „LA“, „Ordinary Life“) und lieblichem Synthpop („Santa Fe“), die einem beim Anhören von „The Greatest Love“ entgegen schallt, aber dann doch nicht.

Das Trio besteht aus Hannah Reid, Dominic Major und Dan Rothman und hat in seiner britischen Heimat die Spitzenplätze der Album-Charts für sich gepachtet: Das Debütalbum „If You Wait“ landete 2013 auf Platz 2, die Nachfolger („Truth Is A Beautiful Thing“ (2017) und „Californian Soil“ (2021)) erreichten die Spitzenposition. 

Vor zwei Jahren konnte ich London Grammar beim Rock en Seine Festival in Paris sehen, jedoch hinterließen sie bei mir keinen bleibenden Eindruck. Daran dürfte auch dieses Album nichts ändern. „The Greatest Love“ ist angenehm, um es nebenbei laufen zu lassen, aber zukünftig wird bei diesen drei Wörtern weiterhin Whitney Houston erschallen.
 
„The Greatest Love“ ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, magenta Vinyl, Picture Disc) erhältlich. 

London Grammar in Deutschland:
05.11.24 Frankfurt, Jahrhunderthalle
07.11.24 Berlin, Velodrom


Weniger experimentell als The xx, weniger existenzialistisch als Por­tis­head beackern sie das Feld der Synthie-Pop-Melancholie, dominiert von Reids Alt­stimme.
Sie ist die Königin von „The Grea­test Love, was sich im Auftakt mit milder Breakbeat-Struktur in „­House“ bereits andeutet. Sie dominiert den Uptempo-Track „Res­cue“ ebenso wie den getragenen Schlüsselsong „Fakest Bitch“. 


 


Doch was noch mehr als die selbstbewusste inhaltliche Inszenierung oder der (vermeintliche) Kontrast von Intimität und Bombast zu faszinieren weiß, ist die Perfektion des Hook-lastigen, klassischen Pop-Kinos in Songs wie „You And I“, „Ordinary Life“, „Rescue“ oder „LA“, wobei sich letztgenannter harmonisch in ähnlich ätherische Dimensionen wie Chris Isaaks „Wicked Game“ schwingt (welches London Grammar ohnehin schon gecovert haben). Sollte es irgendwann doch noch mal zu einer neuen Auftrittsreihe im Lynch’schen Roadhouse kommen, könnten London Grammar mit (ihrer) Leichtigkeit durch- aus die Nachfolge der Chromatics antreten.





17. September 2024

MissinCat - Earthling


Die italienische und seit vielen Jahren in Berlin lebende Musikerin und Produzentin Caterina Barbieri hat sich ein wenig Zeit gelassen für ihr fünftes Studioalbum. Wir erinnern uns: Noch vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie hatte sie unter dem Namen MissinCat ihr letztes Album „10“ veröffentlicht und erstmals alle Lieder in ihrer Muttersprache gesungen.

Seitdem sind ziemlich genau fünf Jahre vergangen und MissinCat hat ein paar Veränderungen vorgenommen: Erstmals hat sie einige Texte zusammen mit jemand anderem - der Sängerin und Songschreiberin Alexia Peniguel, alias Alex St. Joan - geschrieben. Den Großteil des Albums hat sie selbst produziert und abgemischt, aber für einige Songs Anton Líni Hreiðarsson als zusätzlichen Produzenten (und Musiker) hinzu gezogen. Neben einigen neuen Liedern finden sich auf „Earthling“ auch einige ältere Songs, die Jahre auf ihrer Festplatte schlummerten und sich vielleicht deshalb für den Einfluss von außen qualifiziert haben. Das Album entstand in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Me And My Drummer Drummer Matze Pröllochs und Marius Kiefer (Cello). So dass der minimalistische Indiepop, der sich auf Barbieris Gesang sowie ihre Gitarren- und Synthesizeruntermalung fokussiert, durch elektronisch pluckernde Beats und akustisches Schlagzeug sowie warme Streicherklänge ergänzt wird. Der italienische Pianist Federico Albanese ist auf „Hit My Heart“ zu hören. Am Titel des Songs lässt sich auch schon erahnen, dass MissinCat für „Earthling“ auch zur englischen Sprache zurückgekehrt ist. Ein Blick auf die Trackliste zeigt zudem, dass am Ende des Album eine wunderschöne Coverversion thront: „Karma Police“ von Radiohead.
 
Überraschend ist, dass „Earthling“ bisher nur digital erhältlich ist.


Die Lieder auf dem neuen Album von MISSINCAT sind über einen Zeitraum von zwei Jahren konzipiert und aufgenommen worden. Sie wirken zerbrechlich und elastisch zugleich und sind komplett befreit von allem überflüssigen musikalischen Schnick-Schnack. Ein erstaunlich minimalistisches und zugleich reichhaltiges Popalbum mit Liedern zum Träumen und Abheben auf der einen, aber mit Geschichten zum Nachdenken über die menschliche Natur auf der anderen Seite.


 


 


 




16. September 2024

Snow Patrol - The Forest Is The Path


Es gibt Veränderungen bei Snow Patrol zu vermelden. Nein, nein, keine Angst, die Band fängt nicht plötzlich mit musikalischen Experimenten an und verhindert somit weiterhin wie Coldplay stilistisch zu schliddern und aufs geschmackliche Glatteis zu rutschen. Nein, auch beim achten Studioalbum setzen Snow Patrol auf pathestischen Stadion-Rock, der es mal amtlich krachen lässt („Hold Me In The Fire“, „Years That Fall“), bombastisch auffährt („Never Really Tire“, „The Forest Is The Path“), ganz schlicht daher kommt (These Lies“) oder bei Konzerten zum Mitsingen und Handytaschenlampe-Hochhalten-und-Schwenken („All“, „This Is The Sound Of Your Voice“, „Talking About Hope“) führen wird.

Also alles wie gehabt bei der irisch-schottischen Band, wenn auch nicht so gut wie auf „Final Straw“ (2003) und „Eyes Open“ (2006), aber auf keinen Fall schlechter als bei den drei Alben die diesen folgen sollten. Ganz im Gegenteil, die sechs Jahre Pause seit „Wildness“ haben Snow Patrol ganz gut getan. Oder zumindest dem, was von Snow Patrol noch übrig ist, denn nun kommen wir zur eingangs erwähnten Veränderung. Mit Jonny Quinn, der seit 1997 zur Band gehörte und auf allen bisherigen Alben Schlagzeug spielte, ist der langjährigste Begleiter von Gary Lightbody, vor einem Jahr ausgestiegen. Mit ihm ging Paul Wilson, immerhin seit 2005 und für 18 Jahre Bassist der Band. Somit sind Snow Patrol nur noch ein Trio, das aus Gary Lightbody (Gesang, Gitarre), Nathan Connolly (Gitarre) und Johnny McDaid (Keyboards).  

So sind auch die Plattenkritiken zu „The Forest Is The Path“ etwas milder als bei den Vorgängern. Erstmals seit „Final Straw“ (73/100) erreicht Snow Patrol bei Metacritic wieder einen Metrascore von über 70. Aktuell steht „The Forest Is The Path“ bei 71/100 Punktenm zuvor gabes für „Eyes Open“ 67/100, „A Hundred Million Suns“ 67/100, „Fallen Empires“ 58/100 und „Wildness“ 64/100 Punkte.

„The Forest Is The Path“ ist als CD, Deluxe CD (Hardback Book) und Doppel-LP (black Vinyl, red gold Vinyl, blue marbled Vinyl, tri-colour-in-colour Vinyl) erhältlich. 

Snow Patrol in Deutschland:
02.02.25 Frankfurt, Jahrhunderthalle
04.02.25 München, Zenith
05.02.25 Berlin, Tempodrom
07.02.25 Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle


 


Natürlich haben wir mit „Eve­ry­thing’s Here And No­thing’s Lost“ auch hier einen großen Pathos-Brocken fürs Stadion zu überwinden. Aber ansonsten gestaltet sich der Songreigen als „wohltemperiert“, fein strukturiert. Langeweile wird ausgebremst. Wenn doch eine härtere Gangart angeschlagen wird („Hold Me In The Fire“), dient das der Variations­breite. Produzent Fraser T Smith, auf den Light­bo­dy traf, als die beiden zusammen „All“ schrie­ben, verhinderte jegliches Verschlimmbessern der Songs durch falschen Perfektionsanspruch.


 


15. September 2024

Kraków Loves Adana - I Saw You I Saw Myself


Der kontinuierliche Strom an tollen Songs von Kraków Loves Adana war 2022 etwas versiegt, denn sowohl 2020 („Darkest Dreams“) als auch 2021 („Follow The Voice“) und 2023 („Oceanflower“) waren jeweils neue Album erschienen. 

Nun wird diese Lücke geschlossen, denn die Hamburger Künstlerin und Produzentin Deniz Çiçek hat Songskizzen aus dieser Zeit, die aus unterschiedlichen Gründen von ihr verworfen worden waren, wieder entdeckt und, überrascht von deren Qualität, wieder aufgegriffen. Schnell waren die Stücke aufgenommen, produziert und zu „I Saw You I Saw Myself“ zusammengefügt.

Das achte Album von Kraków Loves Adana vergleicht die Künstlerin selbst mit einem imaginären Soundtrack einer Coming-of-Age-Serie und thematisiert auf den 9 Songs sowohl erwiderte als auch unerfüllte Liebe. Musikalisch bekommen wir eingängigen Retro-Synthpop zu hören („Like A Dagger“), der gelegentlich an die Chromatics erinnert (zum Beispiel das düster pulsierende „I Saw You I Saw Myself“) oder sich auch mal am zeitgenössischen R&B anlehnt („Real For Once“). „The Greatest“ ist ein optimistischer Lichtschimmer in der Düsternis, „Break My Own Heart“ der hypnotische Hit des Albums.

„I Saw You I Saw Myself“ läuft lediglich 34 Minuten, so dass die Zugabe der 3 Songs der im Dezember 2023 erschienenen „Nothing’s Set In Stone“ EP nicht geschadet hättet. Das selbst veröffentlichte Album kann über die Bandcamp Seite von Kraków Loves Adana als colored Re-Vinyl käuflich erworben werden.

Peu à peu haben sich Kraków Loves Adana auch bei Platten vor Gericht in den Jahres-Charts nach oben gearbeitet: Sowohl „Songs After The Blue“ (7,333 Punkte) als auch „Darkest Dreams“ erreichten Platz 50 (7,500 Punkte), „Follow The Voice“ kam auf den 31. Rang (7,667 Punkte) und „Oceanflower“ knackte erstnmals die Top 20 (#17, 7,875 Punkte). Ich bin gespannt, wie „Saw You I Saw Myself“ abschneiden wird…
 

 


Keyboard-Bässe, Sound-Wolken, Synth-Melodien, elektronische Drums, alles auf das minimal notwendige reduziert. Der Gesang hat in guter 80er Synth-Pop-Manier auch eine leicht arrogante Note und vermittelt das Gefühl: „Die Welt kann mich mal”. Hier ist Simplizität und Monotonie das gewünschte Stilmittel. Manchmal fast schon hypnotisch-monoton, aber trotzdem nie langweilig.





14. September 2024

Hinds - Viva Hinds

 

„Viva Hinds!“ hat hier noch niemand gerufen, nachdem er ein Album der spanischen Band gehört hat.  
Deren Debütalbum „Leave Me Alone“ (2016) kam hier lediglich auf 6,125 Punkte, woraufhin „I Don’t Run“ (2018) keine Vorladung erhielt und für „The Prettiest Curse“ (2020) gab es dann 6,500 Punkte. 

Aber es lohnt sich, wenn man gut vernetzt ist und Pete Robertson (Linn Koch-Emmery, Crawlers, Orla Gartland), das ehemalige The Vaccines-Mitglied, seinen Produzenten nennen und sowohl Beck (auf „Boom Boom Back“) und Grian Chatten von Fontaines D.C. (auf „Stranger“) als Duettpartner gewinnen kann. Dann darf man sich auch mit mediokren Vorleistungen erneut versuchen bei Platten vor Gericht zu bewähren.

Dies müssen Carlotta Cosials und Ana García Perrote ohne ihre früheren Mitstreiterinnen Ade Martin und Amber Grimbergen bewältigen, da diese 2022 die Band verlassen haben.
Viva Hinds“ bietet einerseits rumpelnden Garage Rock („Hi, How Are You“) anderseits kratzt es durch stärkeren Synthesizer-Einsatz auch schon am Indiepop („The Bed, The Room, The Rain And You“) bzw. Dank eingängiger Melodien am Bubblegum-Pop („Superstar“). Und verdient sich „On My Own“ nicht fast schon das Label Twee?

Die 10 Songs laufen 31:21 Minuten, sind als CD und LP (Yellow Moon Phase Vinyl, Black Vinyl, Transparent with Magenta Blob Vinyl) erhältlich und stehen aktuell bei Metacritic bei einem Metascore von 83/100 Punkten.

Und, höre ich da jemanden „Viva Hinds!“ rufen?  


Trotzdem können die beiden nicht ganz verbergen, wie versiert sie sind. Perlende Gitarrensoli, leuchtende Meodien und ein perfektes Gespür für Atmosphäre und Aufbau bei gleichzeitiger Raubeinigkeit machen die Platte zum vibrierenden Hybrid zwischen Indierock und Pop. Auf VIVA HINDS sind die besten Hinds-Songs so far: Das sehnsüchtige und doch jubilierende Liebeslied „The Bed, The Room, The Rain And You“, die selbstironische Hymne „Superstar“ oder das voller Ungeduld losmarschierende „En Forma“, zusammen mit „Mala Vista“, Hinds‘ erste auf Spanisch gesungenen Stücke überhaupt.