28. November 2025

Midlake - A Bridge To Far


„The Trials Of Van Occupanther“ (2006) gilt gemeinhin als das beste Album von Midlake, auch wenn dessen Nachfolger „The Courage Of Others“ (2010) die höchsten Chart-Positionen für die Band aus dem texanischen Denton erreichen konnte: Platz 18 im Vereinigten Königreich und Platz 94 in den USA.
Das Problem dabei: Anschließend verließ Sänger und Songwriter Tim Smith die Band. 

Danach veröffentlichten Eric Pulido (Gesang, Gitarre), Jesse Chandler (Piano, Orgel, Flöte, Saxophon), McKenzie Smith (Schlagzeug), Mike Luzecky (Bass), Eric Nichelson (Gitarre) und  Joey McClellan (Gitarre) zwar noch zwei weitere Alben, aber erst jetzt hat das Sextett, will man den wohlwollenden Kritiken Glauben schenken, mit seinem sechsten Album zu außergewöhnlicher Form zurück gefunden.

A Bridge To Far“, das auf Lavender Swirl Colored Vinyl, Mint Green Vinyl und Pink Vinyl veröffentlicht wurde, verströmt in knapp 40 Minuten sanften Softrock zu Flöten-, Klarinetten- und Saxophon-Klängen, dröhnenden, temporeichen Psychedelic Rock und in jazzige Experimente abdriftenden Folk und Americana. Die 10 Songs entstanden zusammen mit dem Produzenten und Songwriter Sam Evian (Big Thief, Blonde Redhead, Okkervil River) im The Echo Lab Studio in Denton und mit Madison Cunningham konnte für „Guardians“ eine bekannte Gaststimme als Duettpartnerin gefunden werden.
So ist „A Bridge To Far“ (81/100) bei Metacritic das erste Midlake-Album, das die 80-Punkte-Marke überschreiten konnte. 


 


Vielmehr verschieben Midlake hier ihren Fokus etwas weiter in Richtung jener softrockigen Fleetwood-Mac-Reminiszenzen, die ihnen ja schon immer nah waren. Ein Gefühl von Hoffnung wollen sie mit dieser Platte verströmen, erklärt Pulido, und genau das gelingt ihnen mit diesen zehn butterweich psychedelisierten Songs auch ganz vortrefflich.
Vom süß verflöteten Harmoniegesangsschmeichler „Days Gone By“ bis zur fein getupften Entschleunigungsminiatur „The Valley Of Roseless Thorns“ wird man hier durch ein Album getragen, das einen mit umwerfender melodischer Schönheit aus sämtlichem Krisengedöns heraushebt, und dabei mit Songs wie „The Ghouls“ oder „The Calling“ auch mal einen zupackenden Drive entfacht. Streberhaft gut!




27. November 2025

Wisp - If Not Winter


Der Dreampop/Shoegaze-Donnerstag kann nicht in die Annalen eingehen, ohne dass wir über „If Not Winter“ Gericht gehalten hätten. Denn das Debütalbum der UAS-amerikanischen Musikerin Natalie R. Lu taucht dieses Jahr in vielen Bestenlisten von Shoegaze und Nu Gaze Fans und Verstehern auf.

Der in San Francisco aufgewachsenen Lu, die thailändischer und taiwanesischer Abstammung ist, gelang es 2023 mit der selbstveröffentlichten Single „Your Face“ über TikTok bekannt zu werden und so das Interesse von Music Soup bzw. Interscope Records zu wecken. Es folgten weitere Singles und die „Pandora“ EP (2024), die zu unzählbaren Streams führten. Letztendlich kam es in diesem Frühjahr zur ersten Veröffentlichung aus ihrem Debütalbum, das am 1. August als CD und LP (Black Vinyl, Iridescent Green Vinyl) veröffentlicht wurde. 

Von den zahlreichen vor 2025 erschienen Songs findet sich keiner auf „If Not Winter“ wieder, so dass dieses mit 12 Liedern in 38 Minuten ein kurzes Vergnügen ist. Wisp, so der Künstlername von Lu, umschreibt das Album als ihr Tagebuch, in dem sie Liebe, Verlust, Selbstzweifeln, Verletzlichkeit, Trauer und persönlichen Wachstum thematisiert und ihren Vorbildern, wie beispielsweise Cocteau Twins, Chappell Roan, Whirr oder Slowdive, huldigt. Zwischen Dreampop und Shoegaze mogelt sich also auch eine gute Portion Pop hinein. Der Gegensatz zwischen den teilweise brachialen Gitarrensounds und dem kindlich-ätherischen Hauchgesang strahlt einen besonderen Reiz aus. Dies gilt nicht für das manchmal überraschend schnell eintretende Ende einiger Songs.  


"Sword" begins the album with electronic washes and acoustic strumming that hint at the album's broader palette as they build to an epic swell, while eerie keyboards pierce "Guide Light"'s hazy guitars and trip-hop beats. “Latvia” is a particularly pleasant surprise: a pensive ambient collage of birdsong, church bells, and echoing piano, it's a new expression of Lu’s devotion to setting a mood. If Not Winter's biggest leap forward, however, is in her songwriting. (…)
Nevertheless, If Not Winter is the work of an artist who thinks and dreams big, and it secures Wisp's place as one of the acts defining the sound of shoegaze in the 2020s.


 


Songs tethered to her emotional life, there’s a bravery and honesty to Wisp’s work that is endearing. ‘Serpentine’ may come off as expertly executed 90s guitar pop, but the push-and-pull of relationship politics is genuinely affecting.
Closing with ‘Black swan’ – the barbed sonics could rival one of Mogwai’s soundscapes – and the acoustic relief of ‘All I need’, this a confident debut album, one fuelled by a palpable sense of intentionality. If this is the next wave of shoegaze, then the legacy of my bloody valentine, Slowdive et al is in creative hands.


 


For the most part, ‘If Not Winter’ is perfect pop shoegaze, constructed around Lu’s crisp vocal melodies first, with lyrics a close second and atmosphere third. While almost every song could work as a single, they can blend together on the album as a whole. Though the emotional details can get swept up in the wall of sound, ‘If Not Winter’ is still a triumphant debut – and more than anything, the sound of a young artist who’s still growing into herself.
(NME)


26. November 2025

Low Life Rich Kids - Lieblingslieder


Die erste Vorladung (XX-MMXXV)

Personalien:
Die Low Life Rich Kids sind ein österreichisches Trio, das aus Coco Brell, Mara Romei und Bernhard Eder besteht.

Tathergang:
Die beiden Schauspielerinnen haben den Singer-Songwriter und Theatermusiker selbstverständlich im Theater kennen gelernt. Aus der Inszenierung von Lucien Haugs „Über Nacht“ entwickelte sich die gemeinsame Debütsingle „Angst“, die 2023 in den FM4-Charts durchstartete, so dass ihnen klar war, dass sie zusammen eine Band gründen wollten. So kamen bis 2024 und zur Veröffentlichung der „LLRK“ EP sechs Songs zusammen, die nun für das Debütalbum um vier weitere Lieder erweitert wurden. „Lieblingslieder“ ist als CD und LP (black Vinyl) über Las Vegas Fecords erschienen, musste mangels Förderung teilweise über Kickstarter finanziert werden, bewegt sich zwischen New Wave, Elektropop sowie Neue Deutsche Welle und greift Themen wie wie soziale Medien, Klimawandel, Gleichberechtigung, verbale Aggression, Rassismus, Sexismus, Homophobie, globale Erwärmung, soziale Ungerechtigkeit oder Selbstoptimierungszwang auf. 

Plädoyer: 
„Die LOW LIFE RICH KIDS sind auch ein nicht so schlechter österreichischer Musik-Act dieses Jahr,“ lautet das Plädoyer von Oliver. Freunden von Christin Nichols über Mia. bis Nena zu empfehlen.

Zeugen:

Wie Text und Musik auf unterschiedlichen Ebenen sich verschränken und dabei noch mit musikalischen Zitaten „ironisch“ gespielt wird, macht das Stück „100 Grad Fahrenheit“ hörbar. Ein berührendes Elektropopstück über unseren in Not geratenen Planeten, das bedrückende Gefühl, der Hitze nicht zu entkommen, clever umgesetzt mit dem musikalischen Zitat von Eurythmics’ „Here Comes The Rain Again“.
Ein anderer Song bei dem die Klimakrise deutlich hörbar wird, ist „Italien“. Was hier als Feel-Good-Sommerhit beginnt, endet in einer apokalyptischen Stimmung, die Songschreiber Bernhard Eder selbst wirklich so empfunden hat.
(FM4)

Indessen verströmt die Platte keine Sekunde lang „Kunstismus“, also den aufdringlichen Vorsatz, als Kunst wahrgenommen zu werden. Vielmehr machen die „Lieblingslieder“ ungemein Spaß, spenden Energie, animieren zum Tanzen. (…)
Höhepunkt der „Lieblingslieder“ ist – jedenfalls in inhaltlicher Hinsicht – „Anti-Woke-Generation“. In agitiertem Rap-Vortrag, der im Refrain einem fast schlagerartigen, von lauten Gitarren unterlegten Sing-Sang weicht – was irgendwie gut zum hier beschriebenen Typus Mensch passt -, wird wortgewandt, präzise, giftig ins Gericht gegangen mit der zukunftsvergessenen Mentalität reaktionärer Dumpfnüsse, die ihr (von rechtspopulistischen Rattenfängern verheißenes) „Recht“ auf Ignoranz, Dummheit, Rücksichtslosigkeit und Rückständigkeit einfordern.

Low Life Rich Kids sind im New-Wave-Pop beheimatet, auch eine leichte Nähe zur Neuen Deutschen Welle ist nicht zu leugnen – obwohl die drei das empört zurückweisen würden. Nun präsentieren sie ihr Debütalbum „Lieblingslieder“, das melodiös und auch widerborstig klingt. Und eine alte Popregel beherzigt: Fröhliche Musik plus traurige Texte ergeben oft gute Songs.


Indizien und Beweismittel:


 


 


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


25. November 2025

Terry Hoax - Celebrate Nothing


PVG: Ingo, du hegst ja bekanntlich ein Faible für Terry Hoax. Hängt das mit einer gewissen Hannover-Verbundenheit deinerseits zusammen oder wie ist das zu erklären?

Ingo: Das begann 1992 mit dem Video zu “Policy of truth”, laut Angaben der Band weiterhin der am häufigsten gespielte Song einer deutschen Band auf MTV. Das Album “Freedom circus” entwickelte sich für mich zu einem Dauerbrenner. Auf der Tour 1995/1996 wollte ich die Band erstmals live sehen, gemeinsam mit dem ehemaligen Gast-Richter Marcell. Er hatte dann aber doch keinen Bock und wir verschoben den Plan. Es stellte sich dann aber heraus, dass die Band sich nach der Tour trennte. Das trug ich Marcell lange nach. 2008 konnte ich den Fehler von damals korrigieren: Es kam zur Reunion der Band und im Rahmen der Abschiedskonzerte von Fury In The Slaughterhouse in Hannover konnte ich sie als Support Act endlich live erleben. Zu dem Zeitpunkt lebte ich Hannover und das Konzert war in meiner Wahrnehmung ein Geschenk der Stadt und des Universums an mich. 


PVG: Den Verdacht erhärtete ja dein vorhandenes Fury In The Slaughterhouse-Fantum - wie sieht es denn da mit den Scorpions aus?

Ingo: Nein, weder dem Eishockeyclub noch der Band dieses Namens konnte ich etwas abgewinnen. Obwohl “Rock you like a hurricane” in “Stranger things” gut wirkt. 


PVG: Einige halten aufgrund des Namens Terry Hoax möglicherweise für einen Sänger. Was kannst du uns zu der Band sagen?

Ingo: Die Band lebt von Gitarren, aber vor allem von der Stimme des Sängers Oliver (Olli) Perau. Dieser versuchte auch mal als Solokünstler Perau sein Glück, als Juliano Rossi ist er im Jazz- und Swing-Umfeld aktiv. Olli gründete gemeinsam mit seinem Kumpel und Gitarristen Martin Wichary Terry Hoax. Martin ließ sich nach dem Split 1996 bis 2024 Zeit, bis er wieder zur Band stieß. Neben den beiden sind Hachy Hachmeister am Schlagzeug und Martins Bruder Markus Konstanten im Bandgefüge.  


PVG: Viele halten Terry Hoax für ein One-Hit-Wonder - und dann ist der Hit (Platz 49 in den deutschen Single-Charts 1992) auch noch eine Coverversion! Was kannst du diesen Menschen entgegnen?

Ingo: Hört euch das komplette Album “Freedom circus” und das Debüt “Life in times of…” an. Was diese Band aus Hannover Anfang der 90er Jahre auf die Bühne und auf CD gebracht hat, ist richtig gut. Nach der Reunion gab es kleinere Achtungserfolge und eine treue Fanbasis, welche die Band auf Händen trägt. Und Olli ist und bleibt einer der besten und charismatischsten Sänger Deutschlands. Und Hannovers. ;-)


PVG: „Band Of The Day“ (2009) hast du hier vorgestellt und tapfer als einziger mit 7,5 Punkten verteidigt, bei „Serious“ (2012) kamen dann nur noch 6,5 Punkte von dir und bei „Thrill!“ (2017) reichte deine Begeisterung offensichtlich nicht mehr für eine Vorstellung (obwohl ich mich ja tapfer durch den Vorgänger (5,5 Punkte) gekämpft hatte). Hattest du nach 8 Jahren Stille wieder Lust auf ein neues Album von Terry Hoax?

Ingo: Ja, zumal durch die Rückkehr Martin Wicharys eben ein Puzzleteil wieder auftauchte, welches vermisst wurde. 


PVG: Was gibt es denn auf „Celebrate Nothing“ zu feiern? Ich vermute ja: nichts, oder?

Ingo: Die Fangemeinde feiert Martin Wicharys Rückkehr. Ich könnte mir auch einbilden, dass man wieder eine andere Bandchemie raushört. Der Spaß der Band mündete in einem für mich überraschend stark nach “Poprock” klingendem Album. 


 


PVG: Welcher Song von „Celebrate Nothing“ hätte denn das Potential, um aus Terry Hoax ein Two-Hit-Wonder werden zu lassen?

Ingo: “Circle of desire” ist für mich das Highlight des Albums. Der Titelsong, “Meanwhile”, “High into the sky” und “Shame on me” könnten so gut wieder jedes Radioprogramm in Deutschland bereichern. Aber zwingende Hits konnte ich leider nicht entdecken. 


 


PVG: Mit welchen Argumenten bringen wir denn die anderen Plattenrichter dazu, ein Urteil über „Celebrate Nothing“ zu fällen?

Ingo: Ich musste hier schon einige Revisionen ertragen. Wenn nicht mindestens vier Richter “Celebrate nothing” bewerten, kommt nächstes Jahr aus Anlass des 30. Jubiläums des Splits der Band hier die große Terry Hoax-Revision bei Platten vor Gericht. 


PVG: Diese Drohung sollte Wirkung zeigen! Letzte Frage: Sehen dich Terry Hoax zukünftig weiter auf ihren Konzerten?

Ingo: Ja. Ein Fan aus jüngerer Zeit lebt in Bonn und organisiert ca. alle zwei Jahre ein Terry Hoax-Konzert in der Bonner Harmonie. Es wäre eine Sünde, nicht dabei zu sein. Vor Weihnachten findet traditionell ein “Terry Christmas”-Konzert im Capitol in Hannover statt. Heimspiel vor den Hardcore-Fans. Das würde ich auch mal wieder besuchen.




24. November 2025

The Mary Onettes - Sworn


Oh, wie schön war das Debütalbum von The Mary Onettes! Das schwedische Quartett veröffentlichte seine Alben über unser schwedisches Lieblingslabel Labrador Records und konnte 2007 prompt Platz 13 bei Platten vor Gericht erreichen. 
Leider konnten weder Labrador Records, die uns tolle Alben von Pelle Carlberg, Club 8, Sambassadeur, The Legends oder Acid House Kings bescherten, noch The Mary Onettes ihr hohes Niveau behalten. 

Philip Ekström (Gesang, Gitarre), sein Bruder Henrik Ekström (Bass), Petter Agurén (Gitarre) und Simon Fransson (Schlagzeug) verabschiedeten sich leider von dem Sound, der uns an The Cure, The Jesus And Mary Chain, New Order oder Shout Out Louds erinnerte, und spülten diesen mit an die 80er Jahre erinnernden Synthieklängen einmal sanft durch. Als Ergebnis landeten „Islands“ (2009), „Hit The Waves“ (2013) und „Portico“ (2014) bei Platten vor Gericht weit, weit entfernt von den Spitzenplätzen.

Es folgte der Abschied von Labrador Records, einige Singles, die über das US-Label Cascine erschienen, aber kein weiteres Album von The Mary Onettes, die begannen, in ihren Leben andere Schwerpunkte zu setzten als ihre gemeinsame Band.  
Erst 2022 gab es ein neues Lebenszeichen mit einer Single („What I Feel in Some Places“) bei dem in Göteborg beheimateten Indie-Label Welfare Sounds & Records. 2023 folgten zwei weitere Singles („Easy Hands“ und „Forever Before Love“), aber erneut kein neues Album. 


 


Als im Frühjahr 2025 mit „Tears To An Ocean“ eine weitere Single erschien, glaubten, 11 Jahre nach dem letzten Album, vermutlich nur die Wenigsten an einen weiteren Longplayer, aber dieser wurde im Juni zeitgleich mit der Doppel-A-Seiten-Single „Eyes Open / Hurricane Heart“ tatsächlich angekündigt. 

Mittlerweile ist „Sworn“ als CD und LP (black & white Splatter Vinyl) erschienen, lässt die älteren Singles außen vor, bietet 11 Lieder in knapp 43 Minuten und kann als kleiner Schritt in die richtige Richtung verstanden werden. Die endgültige Rückkehr zu gitarrigen Shoegaze-Klängen täuschen The Mary Onettes aber im Opener „WDWHL“ und dem anschließenden „Hurricane Heart“ nur an, um dann doch oftmals wieder zum verhallten Dreampop und nostalgischen 80ies Synthpop zurückzukehren. An a-ha darf man sich auch wieder erinnert fühlen und sich bei „Eyes Open“ fragen, wie Gastsängerin Maja Milner wie ein kompletter Kinderchor klingen kann.  


 


Wie gut, dass es „Eyes Open“ gibt! Zwischen Indie Pop, vorwitziger Elektronik und einem kraftvollen Gastbeitrag von Maja Milner (Makthaverskan) werden sogar Erinnerungen an The Naked And Famous wach. Das kommt unerwartet … und richtig gut.
Die Forderung „Stop The Melody“ verhallt am Ende des Albums hoffentlich ungehört, und doch brennt sich eben dieser Song binnen Sekunden ein. Dichte, warmherzige Texturen, willkommene Schwere und sich gezielt entladende Melodieteppiche erfassen sofort auf überdimensionalen Schwingen und ringen mit vermeintlicher Unterkühlung. Aufgetaut wird in Form von „Tears To An Ocean“, das jedoch eine ganze Weile braucht, um Schwung aufzunehmen. Lautes Stampfen und bunte Eingängigkeit nehmen das Heft fest in die Hand. Fast klassisch und traditionell klingt hingegen „Hurricane Heart“, treibend bis motorisiert, reich an Hooks und Melodien, gefühlt stetig wachsend.




23. November 2025

10 Schallplatten, die uns gut durch den Dezember bringen


10. The Pogues - Fairytale of New York EP (Limited Edition) (Zoetrope Vinyl) 12.12.2025






9. Cranes - Wings Of Joy (180g) (Black Vinyl) 5.12.2025






8. Nick Cave & The Bad Seeds - Live God (2 LPs) (Black Vinyl) 5.12.2025






7. a-ha - Minor Earth, Major Sky (25th Anniversary Edition) (180g) (Silver Vinyl) (2 LPs) 12.12.2025






6. Northside - Chicken Rythms (2025 Reissue) (Green Vinyl) 27.11.2025






5. Death Cab For Cutie - Plans (Atlantic 75 Series) (180g) (45 RPM) (2 LPs) 19.12.2025






4. Blur - The Great Escape (30th Anniversary Edition) (2 LPs) 12.12.2025






3. Tom Smith - There Is Nothing In The Dark That Isn't There In The Light (LP) 5.12.2025






2. Club 8 - Seasonal Echoes (LP) 5.12.2025






1. Oasis - (What's The Story) Morning Glory? (2014 remastered) (Limited 7"-Boxset) (4 Singles 7") 12.12.2025







21. November 2025

Club 8 - Seasonal Echoes


Nicht nur die Plattenrichter sondern auch Karolina Komstedt und Johan Angergård hatten im letzten Jahr viel Vergnügen an „A Year With Club 8“ und den monatlich veröffentlichten neuen Songs. Das Album schaffte es in die Top 20 bei Platten vor Gericht (#19; 7,833 Punkte) und mit dem Konzept „Ein Song pro Monat“ machten Club 8 einfach auch im neuen Jahr weiter.

Warum das Duo nun ausgerechnet bei seinem zwölften Album im zehnten der zwölf Monate aufhörte, war nicht wirklich zu eruieren. Ich vermute, dass es mit meiner im letzten Dezember geäußerten Beschwerde zusammenhängt, dass „A Year With Club 8“ erst veröffentlicht wurde, als meine persönliche Jahresbestenliste bereits stand sowie die Jahres-CDs gebrannt und verschickt waren. Das wollten Komstedt & Angergård wohl nicht wieder riskieren.

So hört „Seasonal Echoes“ nach 10 Liedern in gerade einmal 24 Minuten auf und man hätte doch noch so gern mehr gehört von diesem charmanten Indiepop, der sowohl an nationale (also schwedische) Bands, wie The Cardiagans, Sambassadeur oder The Cardigans, als auch internationale Vorbilder (New Order, The Field Mice, Saint Etienne, Cocteau Twins) denken lässt. Wenn Karolina Komstedt im Song „Born The Wrong Time“ die Textzeile „The Girl With The Thorn In Her Side“ singt, ist klar, dass auch the Smiths in diese Aufzählung gehören.

Mein persönliches Highlight: „Staying Alive“, dass, neben „Lazy“ und „None Of This Will Matter When You Are Dead“, die Hoffnung am Leben lässt, Johan Angergård könnte noch einmal zu The Legends in Form ihres ersten Albums zurück kehren wollen.     


 


But it’s ultimately pure Club 8: sunny melodies and harmonies laced with minor chords, Peter Hook-style basslines, the occasional roaring guitar, breathy vocals, and plenty of reverb. If any or all of the above appeal to you, songs like “Born the Wrong Time,” “ooo,” and the weirdly jaunty “None of This Will Matter When You’re Dead” are pure sonic catnip.


 


At just 22 minutes, Seasonal Echoes is a bite-sized happy pill intent on urging listeners to release heavy feelings from their hearts and watch them blow away in the wind. Club 8 is quintessential to the indie music scene, and their contributions have only expanded with the release of this vibrant record. Seasonal Echoes is everything cheery and sweet, and holds the confidence that it can carry listeners tenderly through the harsh winter ahead and into spring’s familiar embrace.





20. November 2025

Marina - Princess Of Power


10 Fakten zum neuen Album von Marina:

1. Nach drei Alben unter dem Namen Marina & The Diamonds („The Family Jewels“, 2010, „Electra Heart“, 2012, und „Froot“, 2015) gibt es mittlerweile auch drei Alben unter dem auf Marina gekürzten Namen („Love + Fear“, 2019, „Ancient Dreams In A Modern Land“, 2021, und „Princess Of Power“, 2025). Eine Wartezeit von 4 Jahren, wie nur zwischen „Froot“ und „Love + Fear“ als auch der Namenswechsel vollzogen wurde, konnte um 5 Tage unterschritten werden. 

2. Der Vorgänger blieb in den Charts hinter den Erwartungen zurück: „Ancient Dreams In A Modern Land“ war das erste Album von Marina Diamandis, das nicht in die Top 10 der UK einziehen konnte (#17), in Deutschland wurde die zuvor schlechteste Chart-Position (#24) ebenfalls unterboten (#43). 
Mit „Princess Of Power“ fand sie nun zurück in die Erfolgsspur: Platz 7 im Vereinigten Königreich und Platz 14 in Deutschland. 

3. „Princess Of Power“ ist Marinas erste Veröffentlichung auf ihrem 2022 in Kooperation mit BMG gegründeten eigenen Label Queenie Music. Zuvor trennte sie sich von ihrem vorherigen Label Atlantic Records.


 


4. Das 13 Songs starke Album entstand in Partnerschaft zwischen Marina und dem US-amerikanischen Komponisten und Produzenten CJ Baran (Carly Rae Jepsen, Melanie Martinez). 

5. Ende Oktober erfolgte die Veröffentlichung einer Deluxe Edition von „Princess Of Power“. Gleich 4 neue Songs und ein Remix („Sex is Power“, „How to Say Goodbye“, „Key to the Castle“, „Unfamiliar Heavens“ und „Everybody Knows I'm Sad (Remix)“) erweitern die Spielzeit von 47:39 Minuten auf 65:45 Minuten.

6. Kommen wir zu den Schallplatten-Varianten (jeweils 13 Songs) von Princess Of Power“: Purple Translucent Vinyl, Pink Translucent Vinyl, Yellow Translucent Vinyl, Blue Vinyl und Clear Vinyl.  
Blood Records bzw. dessen Ableger Bad World (die Deluxe Version) hatten besondere Varianten von „Princess Of Power“: double purple ‘butterfly’ effect LP bzw. liquid LP format with purple splatter effect disc 2.




7. Die frühen Songtexte, die sie für ihr sechstes Album schrieb, wurden in Gedichte umgewandelt, nachdem Diamandis erkannte, dass sie als solche besser funktionieren. Passend, dass Ende letzten Jahres ihr erstes Buch namens „Eat the World: A Collection of Poems“ über Penguin Random House veröffentlicht wurde. 


 


8. Der größte Single Hit im Vereinigten Königreich von Marina ist „Primadonna“ (#11), in Deutschland ist es „Hollybood“ (#15). Zuletzt konnte sie mit „I’m A Ruin“ (#169) vor zehn Jahren die offiziellen UK Charts erreichen. Daran konnten auch „Butterfly“, „Cupid’s Girl“ und „Cuntissimo“, die Singles aus „Princess Of Power“, nichts ändern.


 


9. Bei Metacritic steht „Princess Of Power“ aktuell bei 74/100 Punkten. So schnitten ihre vorherigen Alben ab: „The Family Jewels“ (68/100), „Electra Heart“ (57/100), und „Froot“ (75/100), „Love + Fear“ (62/100) und „Ancient Dreams In A Modern Land“ (77/100)). 


"Stuck in a loveless generation / Ready to go through a transformation", verkündet der Titeltrack mit feierlichen Konservenstreichern und einem pulsierenden Disco-Beat, der jedes Märchenschloss zum Wackeln bringt. "Cuntissimo" trägt seine Camp-Grandezza schon im Titel, verschachtelt Italo-Disco-Stromschläge mit Fake-Opulenz, um am Comer See abhängend Ex-Partner*innen zu ignorieren. Dass "Cupid's girl" diesen kompromisslosen Drive einfach weiterführt, funktioniert genauso gut wie der erst majestätisch dösende, später dann doch losgaloppierende "Metallic stallion". "I chase him fast 'til I get on top", singt Marina hier, dabei beweisen die bisher genannten Tracks, dass sie sich in ihren besten Momenten ihren Platz an der Pop-Sonne längst verdient hat.
Dann gibt es wiederum aber auch Songs wie "Butterfly", die lieber in ihrem Kokon geblieben wären. Der hochgepitchte Refrain nervt schon beim ersten Hören, der kindlich-esoterischen Schmetterlings-Metaphorik fehlt ein notwendiger ironischer Unterbau. (…)
Doch eine gute Dreiviertelstunde kann man sicher auch schlechter als mit einem guten, nur an wenigen Stellen die Geduld strapazierenden Pop-Album verbringen.


10. Zuletzt stand Marina Anfang 2016 in Deutschland auf einer Bühne. Auch aktuell sind keine Konzerte bei uns geplant, aber im Mai 2026 spielt sie einige Konzerte in England und dann steht die Festival-Saison an…



19. November 2025

Stella Donnelly - Love And Fortune


Noch eine australische Künstlerin direkt hinterher: Auf die 32-jährige Hatchie folgt die 33-jährige Stella Donnelly, die ebenfalls bei ihrem dritten Album angekommen ist und auch erst eine Vorladung bei Platten vor Gericht vorzuweisen hat.
Anders als bei Hatchie wurde nicht das Debütalbum („Beware Of The Dogs“, 2019) übersehen, sondern dessen Nachfolger („Flood“, 2022), was um so erstaunlicher ist, da das Erstlingswerk hier durchaus überzeugen und mit 7,500 Punkten Platz 35 ergattern konnte.

Hoffentlich war unsere ausgebliebene Vorladung nicht der Grund dafür, dass Stella Donnelly nach der Veröffentlichung von „Flood“ und dem anschließenden Touren ernsthaft darüber nachdachte, das Leben als Musikerin an den Nagel zu hängen. 

Vorerst bleibt dieser Nagel erst einmal unbenutzt, denn Donnelly hat das ungewollte einer langjährigen freundschaft in einem persönlichen Album namens „Love And Fortune“ verarbeitet. Den Großteil des Albums bilden sehr zarte, schlicht gehaltene, meist langsame, andächtige Songs. Exemplarisch könnte man das nahezu a-capella vorgetragene „Baths“ oder die Piano-Ballade „Love And Fortune“ nennen, bei denen ihre Stimme deutlich im Mittelpunkt steht. Nur gelegentlich zeigt die Australierin zusammen mit ihren langjährigen Mitstreitern und Freunden Marcel Tussie, Sophie Ozard, Julia Wallace, Timothy Harvey und Ellie Mason, im Bandsound ihre poppig-fröhliche Indiepop-Seite. 


 


Es gibt natürlich immer noch klassische, an den Sixties oder Seventies orientierte Popsongs wie W.A.L.K., das an die Bangles erinnert, oder den tanzbaren Closer Laying Low. Und einen potenziellen Hit hat das Album ebenfalls zu bieten – das vorab ausgekoppelte Feel It Change begeistert mit einem ganz wunderbaren Bass-Gitarren-Groove und Lead-/Harmony-Vocals zum Niederknien.
Aber insgesamt ist das in Naarm/Melbourne aufgenommene Love And Fortune ein gedämpfteres, intimeres, introvertierteres Album geworden, das manche Unsicherheit der Protagonistin widerspiegelt. Dies seien Trennungslieder, und nicht nur romantischer Natur, macht Stella Donnelly deutlich. (…)
Wäre sehr schade gewesen, wenn diese elf feinen Indiepop-Lieder der Welt verborgen geblieben wären.




18. November 2025

Hatchie - Liquorice


Da hat jemand aber gut Lachen! Vermutlich wurden von Hatchie Alben von The Cocteau Twins, The Sundays und Lush aufgelegt und zu den Klängen der späten 80er / frühen 90er Jahre ausgiebig geküsst.
Zum Knutschen finden vermutlich auch Freunde dieser Bands den verschnörkelten Dreampop und sanften Shoegaze von Hatchies drittem Album „Liquorice“.  

Dieses komponierte die Australierin Harriette Pilbeam erneut mit ihrem Partner, dem Musiker Joe Agius (The Creases). Die Arbeiten begannen in ihrem Elternhaus in Brisbane  im Verlauf der COVID 19-Pandemie, führten über die ersten Demoaufnahmen und weiteres Komponieren in Melbourne bis zu den abschließenden Aufnahmen iim September 2024 in Los Angeles. Als Produzent fungierte, neben Joe Aguis, Melina Duterte (Jay Som), am Schlagzeug saß Stella Mozgawa von Warpaint.

Das vorherige Album von Hatchie, „Giving The World Away“ (2022) kam bei Platten vor Gericht lediglich auf 6,667 Punkte und bei Metacritic auf 73/100 Punkten. „Liquorice“ steht nun bei einem Metascore von 81/100 Punkten - ob auch die Urteile der Plattenrichter höher ausfallen werden?
Liquorice“ ist über Secretly Canadian als CD und LP (Black Vinyl, Lipstick Red Vinyl, Anchor Blue Vinyl) erschienen.


Hatchie selbst traut sich in den neuen Tracks „Carousel“, „Wonder“ oder „Sage“ klangmäßig ganz in die Nähe von Britpop-Heldinnen wie Lush, packt die schönsten Melodien in atmosphärische Gitarrenwände aus Zuckerwattenfluff und Gitanes-Qualm. Der Opener „Anemonia“ ist eine verträumte Synthie-Klicker-Klacker-Ballade mit unerwartet abruptem Ende, das bittersüße „Only One Laughing“ erinnert an schottische Indie-Bands der späten Achtziger wie The Motorcycle Boy.
Inmitten all dieser Vorbilder findet Pilbeam mehr und mehr zur eigenen Stimme, ihrer Identität. Und die ist gar nicht mehr so zart und sanft (ok, doch hin und wieder), sondern weist biografische Risse und Flecken auf, die ihrem Dream Pop sehr gut bekommen. 


 


 




17. November 2025

Dear Boy - Celebrator


 

„Oh, ich bin gerade über ein cooles Album gestolpert: Celebrator von Dear Boy. Irgendwo las ich: ‚Teenage Fanclub melodies cascading through Catherine Wheel’s guitar landscapes‘ und das trifft es ganz gut.“
(Oliver)

Möglicherweise hat Oliver diesen Plattentipp für uns bei MNRK aufgespürt, die noch  ergänzen, dass Dear Boy sonnengetränkten Britpop auf beatlastigen Shoegaze treffen lassen. 

Bleibt noch zu ergänzen, dass Dear Boy mit Songs wie „Now More Than Ever“ auch Freunde des US-Indierocks (beispielsweise Jimmy Eat World oder Weezer) mit ins Boot nehmen wollen. 
Bei dem Quartett aus Los Angeles handelt es sich um Ben Grey (Gesang, Gitarre), Austin Hayman (lGitarre, Gesang), Keith Cooper (Schlagzeug, Gesang) und Lucy Lawrence (Bass, Gesang). Grey und Cooper gründeten die Band jedoch, als sie in London lebten, vielleicht lässt sich dadurch der besondere Hang zu Britpop und Shoegaze erklären. 2022 veröffentlichten Dear Boy mit „Forever Sometimes“ ihr Debütalbum, „Celebrator“ kam nun erneut über Last Gang Records heraus, und zwar auf White Vinyl und Clear with Confetti Splatter Vinyl.


Celebrator has done a truly remarkable job at encompassing what it was trying to do, an honest homage to the awkward chasm of 90s combination pop-rock. If it weren’t for some modern production elements sneaking through the tracks, Dear Boy could have fooled me into thinking that Celebrator is three decades old lost media. (…)
The 10-track album has some shining moments where the listener can hear a seamless blend of ‘90s Britpop and quintessential LA alternative. Songs such as “Now More Than Ever,” Wanderlow,” and “The Address” are where the band’s creative skills have come together without overpowering each other, creating the three songs on the album that bottle all the great elements of Celebrator. Titular track “Celebrator” stands out on the album as having the most Britpop elements within its production, whereas album closer “Daylight Savings” is overdrive-heavy, pedal-pushing, and quintessentially shoegaze within its instrumental. These are the nuances within Celebrator that have made the album momentarily engaging.
All in all, Celebrator is niche and once the novelty of the theme wears off, the album starts to taste bland. While it is not a groundbreaking album by any means, one cannot deny that the quartet have done a sublime job at reheating ‘90s leftovers. Hopefully Dear Boy will commit to creating something more original in the future, leftovers are great, but everyone loves a new recipe.


 


 





16. November 2025

Austra - Chin Up Buttercup


Der Ermutigung „Chin up“ kommt Katie Stelmanis auf dem Plattencover ihres fünften Albums zwar nach, ihre Tränen kann oder mag die als Austra bekannte Künstlerin aber nicht verbergen. „Kopf hoch“ heißte es also für die Kanadierin, die auf „Chin Up Buttercup“ versucht, die Trauer über das Ende einer Beziehung zu verarbeiten, indem sie sich auf der Tanzfläche verausgabt.  

Als besonderen Einfluss benennt Stelmanis dabei Madonnas 1998 veröffentlichte Album „Ray Of Light“, das in Zusammenarbeit mit William orbit entstanden war. Ihr Orbit trägt den Namen Kieran Adams, ist ein in Toronto beheimateter Komponist, Musiker, Produzent sowie DJ und gemeinsam benutzten sie den polyphonen Synthesizer JUNO-106 von Roland sowie den monophoner Analogsynthesizer Korg MS-20, um dem Sound von „Ray Of Light“ möglichst nahe zu kommen. 

Seitdem ich das weiß, frage ich mich, wie unserer Juror Ingo, seine Zuneigung zu Astra und die gleichzeitige Abneigung von Madonna in seinem Urteil unter einen Hut bringen wird…

Chin Up Buttercup“ ist als CD und LP (Black Vinyl, Orange Vinyl) erhältlich.


„Fallen Cloud“ zum Beispiel ist herrlichster Synthpop mit einem auffordernden Beat darunter. Stelmanis Stimme steigt selbstbewusst aus der Echokammer, während sich der Track beharrlich und unwiderstehlich ins Licht vorarbeitet.
Im Titeltrack verschmelzen theatralische Elemente mit tief pumpendem Bratz-Bass, auch „Think Twice“ spielt mit überdrehtem Humor, die musikalische Stimmung tendiert in Richtung Ibiza-Beachclub. Die vorab veröffentlichte Single „Math Equation“ (das Stück mit der „Fuck“-Zeile) schafft sich eindrucksvoll Raum, dehnt und staucht den Groove, die Beats bouncen an die verspiegelten Wände. CHIN UP BUTTERCUP ist souveräner Abschied und funkelnder Neubeginn, in Wunden gestreutes Salz mit ganz viel Glitzer drin.


Austra in Deutschland:
08.03.26 Hamburg, Mojo Club
12.03.26 Berlin, Kesselhaus
17.03.26 München, Technikum
18.03.26 Köln, Club Bahnhof-Ehrenfeld


 


 




15. November 2025

Adults - The Seeds We Sow Are Sprouting Buds Nonetheless


Ich weiß nicht, ob dies die vier Hunde von Carl (Bass, Gesang), Joe (Schlagzeug), Joely (Gitarre, Gesang, Synthesizer, Keyboards) und Tom Gitarre, Gesang, Synthesizer, Keyboards) sind. Genau so wenig weiß ich, wie die Mitglieder von Adults mit Nachnamen heißen.

Was ich weiß, ist, dass das Quartett 2018 ein erstes Mini-Album namens „The Weekend Was Always Almost Over“ (vermutlich mit vier Kinderfotos von ihnen auf dem Cover) veröffentlichte, dem 2022 das gemeinsame Debütalbum „For Everything, Always“ folgte. Der Covergestaltung und ihrem Label - Fika Recordings bleiben sie auch auf „The Seeds We Sow Are Sprouting Buds Nonetheless“ treu. Wie auch ihrem langjährigen Mitstreiter Rich Mandell, der die Aufnahmen, die im Laufe von drei Monaten auf Dächern und in Lagerhäusern in Südlondon stattfanden, zusammenführte. Der DIY-Charme wurde dabei selbstverständlich beibehalten.

Was ich auch weiß, ist, dass „The Seeds We Sow Are Sprouting Buds Nonetheless“ auf green Vinyl zu haben ist, dass die 13 Songs in knapp 38 Minuten munter durch Folkpop, Indierock, Powerpop und Twee rumpeln und lärmen, Boy/Girl-Gesang zu bieten haben und Freunden von Los Campesinos!, Martha, Tullycraft, The Spook School oder The Pains Of Being Pure At Heart gefallen dürfte.


 


 





14. November 2025

The Mynabirds - It’s Okay To Go Back If You Keep Moving Forward


Für Laura Burhenn ist „It’s Okay To Go Back If You Keep Moving Forward“ tatsächlich der Versuch, durch zurückzugehen vorwärtszukommen.
Hinter ihr liegen diverse Traumata und Therapiesitzungen, acht Jahre ohne Albumveröffentlichung, eine eben so lange Zeit ohne einen einzigen neuen Song komponiert zu haben und die Trennung von ihrem Label Saddle Creek, über das sie zwischen 2010 und 2017 vier Platten unter dem Namen The Mynabirds veröffentlichte. 

„It’s Okay To Go Back If You Keep Moving Forward“ sollte eine Rückbesinnung auf ihre Anfangstage sein, als sie allein am Klavier komponierte und dazu sang und mit Laboratory Records ihr erstes eigenes Label gründete, um ihre Musik zu veröffentlichen. Die Aufnahmen fanden live und ohne Overdubbs oder digitale Tricks statt, die Veröffentlichung erfolgt über ihr eigenes Label Our Secret Handshake und die politisch engagierte Burhenn schließt sich der „Disarm Spotify“-Kampagne an, um gegen eine Firma zu demonstrieren, die Künstler*innen zu schlecht bezahlt und KI-generierte Musik fördert. 

Inspiriert von Leonard Cohen, dessen Textziele „That’s how the light gets in“ sie sich auf den linken Unterarm tätowieren ließ, von Tori Amos’ „Silence All These Years“ und dem Buch „Your Silence Will Not Protect You“ von Audre Lorde entstand mit „Ramona, Patron Saint Of Silence“ ein erster neuer Song, der die Stimmung für „It’s Okay To Go Back If You Keep Moving Forward“ vorgeben sollte: balladeske Klaviertöne und Laura Burhenns Stimme bilden eine stille Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Nur gelegentlich pointieren ihre Mitstreiter dies mit Cello, Vibraphon, Orgel oder Schlagzeug.

It’s Okay To Go Back If You Keep Moving Forward“ (black Vinyl, transparent blue Vinyl) ist ein mäanderndes, meditatives Album geworden, das eine Ruhepol in lauten Zeiten setzen soll. 


 




13. November 2025

White Lies - Night Light


Auf dem Plattencover zu ihrem siebten Album „Night Light“ schauen Harry McVeigh (Gesang, Gitarre), Charles Cave (Bass) und Jack Lawrence-Brown (Schlagzeug) in unterschiedliche Richtungen. Dieses Bild lässt sich auch ganz gut auf die 9 Songs übertragen, die nach dem Kraut- und Prog-Rock der 70er Jahre (etwa im knackigen Opener „Nothing On Me“) und dem New Wave und Post-Punk der 80er schielen. Während sich Songs wie „Juice“ das Label „typisch White Lies“ verdienen, überrascht beispielsweise „Everything Is OK“ als eindringliche und an Bruce Springsteen erinnernde Ballade. Bei „Going Nowhere“ hallt sowohl der häufig wiederholte Titel nach als auch die Vermutung, dass hier die Talking Heads das Vorbild waren. Selbstverständlich ist dies, wie immer bei den White Lies, düster, melancholisch und cineastisch in Szene gesetzt.

Anders als früher, probte die Band die Songs zunächst live, bevor sie ins Studio gingen, dort wurde aber Seth Evans (Keyboards, Synthesizer), für mehrere Jahre Mitglied bei Black Midi, als kreativer Mitstreiter einbezogen. Auch während der Aufnahmen als Quartett wurde versucht, diesen Live-Stil beizubehalten. Als Produzent fungierte Riley MacIntyre, der als Tontechniker auch schon für The Kills, NewDad oder London Grammar tätig war.

„Night Light“ ist als CD und LP (black Vinyl, red Vinyl, clear Vinyl, red and black marbled Vinyl) erhältlich.

White Lies in Deutschland:
09.02.2026 München, Muffathalle

17.02.2026 Berlin, Huxleys Neue Welt

20.02.2026 Hamburg, Grosse Freiheit 36

24.02.2026 Köln, Live Music Hall


Der Opener von „Night Light“ zieht gleich die Regler hoch, ein Feuerwerk an hypnotischen Breitwand-Beats, das „Nothing On Me“ da abbrennt – mit einem ähnlich dynamisch-melodischen Sog ist mit „In The Middle“ der Schlussakkord der Platte unterwegs.
Was sich in den sieben Kapiteln dazwischen abspielt, klingt dann nicht nur für White-Lies-Insider gewöhnungsbedürftig, die Band öffnet sich dem Experimentellen, was von den dicken Arrangements, mit denen Harry McVeigh, Charles Cave und Jack-Lawrence Brown auf dem Vorgänger „As I Try Not To Fall Apart“ Stadiongröße anpeilten, doch deutlich abweicht. (…)
Im Spagat zwischen eigenen Tugenden und inhaltlicher Weiterentwicklung wird „Night Light“ unter dem Strich dann doch nicht das Album sein, an das man sich im Zusammenhang mit den White Lies als erstes erinnern wird.


 


 




12. November 2025

The Dears - Life Is Beautiful! Life Is Beautiful! Life Is Beautiful!


Murray A. Lightburn hat in in den letzten 25 Jahren drei Soloalben und neun Alben mit seiner Band veröffentlicht. Diese Band heißt The Dears und hat in diesem Zeitraum fast eben so viele Bandmitglieder gehabt. Da ist es schon erstaunlich, dass der Chef die Belegschaft des letzten Albums, „Lovers Rock“ (2020), zusammenhalten konnte: Das Ehepaar Murray A. Lightburn (Komponist, Gesang, Keyboards, Gitarre) und Natalia Yanchak (Keyboards, Gesang), sowie Jeff Luciani (Schlagzeug), Steve Raegele (Gitarre) und Remi-Jean LeBlanc (Bass).

Erstaunlicherweise klingt „Life Is Beautiful! Life Is Beautiful! Life Is Beautiful!“ aber anders als sein düsterer Vorgänger: optimistischer, orchestraler Indierock („Tomorrow And Tomorrow“) steht neben saxophonlastigem Seventiespop irgendwo zwischen Roxy Music und David Bowie („Doom Pays“) sowie beschwingten 80er Jahre Einflüssen („Tears Of A Nation“). Mein persönliches Highlight: der mit Bläsern bestückte Northern Soul von „Deep In My Heart“, aber auch die The Smiths-Reminiszenz „Dead Contracts“ ist erwähnenswert. 

Wie viele frühere Alben von The Dears entstand auch deren neunte Platte in Hotel2Tango Studio in Montreal, jedoch hatte Lightburn sich und seinen Mitstreitern einen straffen Zeitplan auferlegt, so dass die 11 Songs innerhalb eines Monats eingespielt waren und er in seinem Heimstudio an den Feinheiten arbeiten konnte. Offensichtlich ist ihm dabei entgangen, dass einige Songs zu abrupt abbrechen.

Life Is Beautiful! Life Is Beautiful! Life Is Beautiful!“ ist als LP (Gold Nugget Vinyl) erhältlich.


Auf ihrem neunten Album ist wie immer ein tragisches Gefühl – die Kanadier stemmen sich gegen die Unbill der Welt. Doch der Ton ist hoffnungsvoller als sonst. Songwriter Murray Lightburn sagt, er habe eine unterstützende, positive Platte machen wollen, und so ist der Albumtitel eine Aufforderung, die Schönheiten des Lebens zu feiern, trotz allem. (…)
Die Musik dazu ist der hier angestammte Post-Punk, Art-Pop und New Wave, die Haltung die des Existenzialisten – öfters wird die Band mit den Smiths verglichen, manchmal auch mit Serge Gainsbourg. Hinzu kommt Northern Soul mit feierlichen Bläsersätzen. Eine zerkratzte Zuversicht ist in diesen Liedern. Gute Gründe, dankbar zu sein.


 


 




11. November 2025

Betterov - Große Kunst


Die aktuellen Top 5 der deutschsprachigen Platten des Jahres 2025 sehen aktuell, wie gesagt, so aus:
1. Tocotronic - Golden Years
2.  Drangsal - Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen
3. Die Zärtlichkeit - Popsongs
4. ClickClickDecker - Wir waren schon immer da
5. Hotel Rimini - Gefährdete Arten

Daran möchte auch der 31-jährige Manuel Bittorf aka Betterov nun mit seinem zweiten Album „Große Kunst“ etwas ändern, vor allem, da er zuletzt mit „Olympia“ (2022) nicht nur bis auf Platz 5 der deutschen Albumcharts kommen konnte, sondern auch 7,875 Punkte und Platz 13 bei Platten vor Gericht einheimste. 

Während Tristan Brusch sich für sein neues Album gegen eine weitere Zusammenarbeit mit Tim Tautorat (Annenmaykantereit, Olli Schulz, Provinz) entschied, blieb Betterov seinem Produzenten treu. „Große Kunst bietet in knapp 46 Minuten 17 Songs, darunter jedoch fünf instrumentale Miniaturen (Overtüre, drei Intermezzi und Epilog) und ist als CD und LP (schwarzes Vinyl, schwarz-weiß Corona-Vinyl) erhältlich.

Große Kunst auf „Große Kunst“: Der Enno Bunger-Pastiche „Große Kunst“ und die Sturm und Deang-Songs „Du hast in mein Herz gemalt“ und „Papa fuhr immer einen großen LKW“.

Betterov unterwegs:
04.03.2026 Dresden – Club Tante JU

05.03.2026 Wien – WUK Halle

06.03.2026 Linz – Posthof

07.03.2026 München – Muffathalle

09.03.2026 Stuttgart – Im Wizemann Club

10.03.2026 Freiburg – Jazzhaus

12.03.2026 Bern – Gaskessel

13.03.2026 Zürich – Plaza

14.03.2026 Dornbirn – Conrad Sohm

16.03.2026 Nürnberg – Z-Bau Saal

18.03.2026 Köln – Carlswerk Victoria

20.03.2026 Dortmund – Junkyard

21.03.2026 Osnabrück – Botschaft Osnabrück

22.03.2026 Bremen – Kulturzentrum Schlachthof

23.03.2026 Hannover – Pavillon

24.03.2026 Jena – Kassablanca

26.03.2026 Leipzig – Felsenkeller

27.03.2026 Magdeburg – Factory
28.03.2026 Hamburg – Docks


 


Diese Platte will nicht nur verstanden, sondern gespürt werden. "Große Kunst" ist ein selten ehrliches, musikalisch kluges, textlich herausragendes Album, das Herkunft weder verklärt noch verrät und persönliche Geschichte stimmig mit gesellschaftlichem Bewusstsein verbindet, ohne jemals verkopft zu wirken. Betterov erzählt so, dass man nicht weghören kann, er bringt Schmerz, Heimat und Hoffnung in bewundernswerter Klarheit zusammen. Das hier ist keine Pose, kein Projekt, kein Trend, sondern Leben.


 


Mit Kindheitserinnerungen punktet auch "Papa fuhr immer einen großen LKW". Piano, Streicher, einsetzende Synthie-Flächen, robustes Finale: Bittorf, im Nach-der-Wende-Berlin geboren, gewährt Einblick in seine Kindheitserinnerungen. An für den Jungen wie magisch wirkende Ausflüge, für den Vater einfach harte Wochenenden im Truck, denn Papa Bittorf war Kraftfahrer. Betterov gewährt nicht nur intime Einblicke, sondern lässt die Hörer*innen aktiv miterleben, und das über die gesamte Platte hinweg – mit einer Aufrichtigkeit und textlichen Hingabe, die tief bewegt.
Auch zu Beginn des Albums wird niemand geschont. Mit tiefen Blicken rein in Seele und Liebesleben. Scheitern inbegriffen. "Alles nur ein Film", feinsinnig und schüchtern instrumentiert, wartet mit verwirrenden Erlebnissen auf, die man nur zu gut kennt. Das ergreifende "Du hast in mein Herz gemalt" ist nicht nur ein wunderbar melancholischer Track, er offenbart zugleich auch Entwicklung, denn Betterovs Gesang, speziell Tonalität und Dringlichkeit, wirkten in Kombination mit der Instrumentierung bisher kaum so großartig wie hier. Auch, weil da wieder diese sphärischen, dichten "Turn on the bright lights"-Gitarren lauern, die Post-Punk-Druck aufbauen.