31. März 2025

CocoRosie - Little Death Wishes


Was können die Casady-Schwestern eigentlich nicht? Bianca Cassidy arbeitet als bildende Künstlerin und experimentelle Theaterregisseurin, schreibt Gedichte und veranstaltet einen fortlaufenden Kurs für experimentelle Poesie. Sierra Casady arrangiert Musik und komponierte u.a. eine Oper, beide sind als radikale Feministinnen auch politisch aktiv und positionierten sich bereits bei Trumps erster Präsidentschaft klar.

Offensichtlich können sie sich aber nicht wirklich gut an Zeitpläne halten, denn nach diesen hätten wir „Little Death Wishes“, das achte gemeinsame Studioalbum als CocoRosie, bereits im letzten Herbst in den Händen halten müssen und uns bereits vorher über ein Akustik-Album namens „Elevator Angels“ erfreuen können, das zusammen mit der Pianistin Gael Rakotondrabe aufgenommen wurde und einerseits unveröffentlichte Songs als auch Neu-Interpretationen aus ihrer nun 20-jährigen Geschichte beinhalten sollte. Eine 5-Track-EP gab vor einem Jahr einen ersten Vorgeschmack auf dieses Projekt. Zumindest ein Album mit dem Kronos Quartett, das ebenfalls fertig sein soll, wurde noch nicht terminiert.

Für „Little Death Wishes“ wechselten die beiden umtriebigen und experimentierfreudigen Schwestern ihre gewohnten Rollen: Unter Biancas Anleitung übernahm Sierra den Beatmaking-Posten, der als Grundlage für ihre Songs funktioniert. Darüber schichtete das Duo das bekannte Sammelsurium aus schrägen Samples, schlichten Melodien, die auf Kinderinstrumenten gespielt werden, Geräusche von umfunktionierten Gebrauchsgegenständen und den äußersten wechselhaften Gesang der beiden Schwestern. Prototypisch sei hier auf den Song „Yesterday“ verwiesen. Auch ein Großteil der Texte stammte, im Gegensatz zu den früheren Alben, aus Sierras Feder. Auf „Girl In Town“ gibt es einen Gastbeitrag von Chance the Rapper zu hören, „It Ain’t Easy“ ist eine unerwartet soulige Ballade, die Hits des Albums sind „Pushing Daisies“, „Cut Stitch Scar“ und „Least I Have You“.

Von „Little Death Wishes“ sind zwei LP-Varianten erhältlich: Teardrop Aqua Blue Vinyl und Rainbow Stitch Vinyl.

CocoRosie in Deutschland:
2.6.25 Berlin, Silent Green
3.6.25 Berlin, Silent Green
4.6.25 Köln, Gloria
6.6.25 München, Muffathalle
7.6.25 Frankfurt, Zoom
23.6.25 Hamburg, Kampnagel


 


Weird und etwas neben der Spur geht es natürlich immer noch zu, doch „Little Death Wishes“ wirkt klarer und ist besser produziert als die Vorgänger. Das geht auf Kosten der Verzauberung der Welt, hat aber auch einen unbestreitbaren Vorteil: Man erreicht ein größeres Publikum.
„Nothing But Garbage“ spielt mit HipHop-Elementen – ohne den prahlerischen Dicke-Hose-Anteil –, die CocoRosie-typischen ratternden Beats sind dafür mit einer Portion Blues geerdet: „Love is lost, it’s gone/ Ain’t nothing but garbage.“ Bei „Girl In Town“ ist Chance The Rapper mit dabei, der es sich nicht nehmen lässt, seine Gastgeberinnen mit einem kleinen Battle-Rap auf die Schippe zu nehmen: „I’m a cutie bitch, I’m clementine adorable/ These bitches is ignorable, these bitches is deplorable.“
Der gelungenste Song ist die Trash-Fantasie „Pushing Daisies“, deren Melodie sich genussvoll durch ein Kabinett voller Sounds schlängelt. Wirklich überraschend sind diese kauzig-heiteren Rollenspiele heute nicht mehr – man hört sie aber trotzdem immer noch gern.


 


Klapperndes Geschirr wird percussiv eingesetzt, Spielzeugkeyboards mit großer Ernsthaftigkeit bespielt und kindlicher Gesang über nahezu jeden Track gegossen.
Einzig in „Paper Boat“ geht es mal runter mit der Stimme, was, tja, leider total entspannend wirkt. Konnte Björk im Laufe ihrer Karriere ihr Kinderstimmchen aus der reinen Zuckrigkeit befreien, gelingt das den Casady-Schwestern nicht, ist das Infantile als Mittel vielleicht auch einfach zu stark, zu signaturhaft. In „Girl In Town“ wird gerappt, das macht Spaß, „Unbroken“ ist zum Schluss ein kleiner Mutmacher. 




29. März 2025

Mumford & Sons - Rushmere


Marcus Mumford: 68-63-54-59. Wisst ihr, was das ist?

Ted Dwane: Die neue Telefonnummer von Paul Epworth, da du ihn seit unseren gemeinsamen Aufnahmen von „Delta“ unter seiner alten Nummer nicht mehr erreichen kannst?

Marcus Mumford: Nein, das ist der jeweilige Metascore bei Metacritic von „Sigh No More“, „Babel“, „Wilder Mind“ und „Delta“. Euch ist klar, was wir jetzt nun müssen, oder?

Ben Lovett: Keine Platten mehr veröffentlichen?

Marcus Mumford: Nein, wir haben die Menschen jetzt sieben Jahre verschont, nein, ich meine, warten lassen. Also, was tun?

Ted Dwane: Keine Plattenkritiken mehr lesen?

Marcus Mumford: Wir müssen wieder zu unserem früheren, folkigen Selbst zurückkehren!

Winston Marshall: Damit Liam Gallagher uns wieder als „fucking Amish people“ bezeichnen kann? Ich bin raus! (verlässt den Besprechungsraum und die Band)

Marcus Mumford (schreit ihm hinterher): Ohne dich habe ich für mein Soloalbum 69/100 Punkten bekommen! Besser waren wir zusammen nie!

Ben Lovett (leise zu Ted Dwane): Ich wusste, dass er das wieder erwähnen wird.  

Marcus Mumford: An meinem Soloalbum haben ja Blake Mills, Clairo oder auch Phoebe Bridgers mitgearbeitet. Und es hat ja auch… (Ben Lovett und Ted Dwane stimmen mit ein) 69 Punkte bei Metacritic erreicht. Deshalb habe ich auch schon Aaron Dessner und Madison Cunningham angerufen. Und beim Songwriting bekommen wir Unterstützung von Greg Kurstin und Justin Hayward-Young, denn so hat auch mein Soloalbum… (Ben Lovett und Ted Dwane stimmen mit ein) 69 Punkte bei Metacritic erreicht.

Ted Dwane: Und hast du auch Paul Epworth wieder engagiert?

Marcus Mumford (schreit): Damit der wieder Tagebuch führt und wir nur auf Platz 2 der UK Charts kommen!?! Daran hatte Epworth allein Schuld!

Ben Lovett: Wir könnten doch, wie für die Aufnahmen deines Soloalbums,…

Ted Dwane: …für das du 69 Punkte bei Metacritic erhalten hast…

Ben Lovett: …auch in die USA fahren.

Marcus Mumford: Ja, das mit den 69 Punkten ist natürlich ein Argument. Ein richtiges Folk-Album muss in Nashville, Tennessee, aufgenommen werden, am besten von Dave Cobb, der schon zahlreiche Grammy Awards in den Bereichen Country und Americana gewonnen hat. Auf geht’s! Make Mumford & Sons great again!

Rushmere“ ist als CD, Kassette und LP (Clear with red centre spot Vinyl, red Vinyl, red transparent Vinyl, black Vinyl, metallic silver-grey liquid LP) erhältlich.


 

   
Sieben Jahre nach dem Pop-Flirt von DELTA und zehn nach dem Arena-Rock-Exkurs WILDER MIND vollziehen die Folk-Freunde mit RUSHMERE auch musikalisch den Roots-Reset. Mag im Opener „Malibu“ trotz anfänglicher Zurückhaltung dann doch noch mit aufbrausender JOSHUA-TREE-Dringlichkeit das Stadiondach (und damit der Himmel aufgehen) oder muss sich das rasselnde Blues/Rock-Schwellen-Riff von „Truth“ in Sachen Vaterschaftsklage zwischen Jimmy Page oder Jack White entscheiden – auf RUSHMERE (dessen Titeltrack signifkanterweise mit einem manischen Banjo-Motiv daherkommt) dominieren ansonsten asketischere Arrangements und akustisches Instrumentarium.
Der Tabak-Wölkchen paffende Kaffeehaus-Traditionalismus von „Monochrome“ oder der programmatische wie erbauliche Closer „Carry On“ lassen keinen Zweifel daran, dass man sich im Ursprünglichen neu gefunden hat.





28. März 2025

Masha Qrella - Songbook


Dass Masha Qrella die Worte anderer Künstler zu vertonen weiß, zeigte sie zuletzt auf ihrem Doppelalbum „Woanders“, dem Texte von Thomas Brasch zu Grunde lagen. Als Belohnung gab es vor vier Jahren 7,375 Punkte und Platz 66 bei Platten vor Gericht. Dass sich die Berlinerin nicht nur auf ihren Soloalben oder den Platten mit ihren Bands Contriva und Mina austobte, zeigte sie in den letzten Jahren durch Theater- und Filmmusiken oder Hörspiele. „Songbook“ ist nun so etwas wie ein Querschnitt und versammelt ältere Songs, liegen gebliebene Entwürfe oder auch abgelehnte Ideen. 

„Cool Breeze“, eine Coverversion von Michael Fogarty & Jeremy Spencer, hätte eigentlich den Weg in einen ZDF-Montagsfilm mit Meret Becker finden sollen, genau wie eine kurellasche Interpretation von Whitney Houstons „I Wanna Dance With Somebody“, das wir hier aber in einer entschleunigten Fassung zu hören bekommen. „Heart Failed (In The Back Of A Taxi)“ zeugt davon, wie sich Masha Qrella in den Sound und Style von Saint Etienne verliebte. Und es gibt noch mehr Fremdkompositionen zu entdecken: Etwa „I Want To Break Free“, welches sie auf Einladung der Performancegruppe Gob Squad bei einer Queen-Reminiszenz live aufführte und nun erstmals aufnahm. Dadurch endete ihre jahrzehntelange Queen-Abstinenz, die ein traumatisches Erlebnis mit ihrem älteren Bruder herauf beschwor, dem sie als Kind eine in Ostberlin rare Queen Schallplatte unhörbar zerkratzte. Oder „Um die weite Welt zu sehen“, ihr Beitrag zum Manfred Krug-Sampler „Das schöne Leben des Herrn K“, das sie als Duett mit Andreas Bonkowski vorträgt.

Bei „Wut und Glück“ handelt es sich wohl um Qrellas ersten Versuch mit deutschen Texten, beruht auf einem Essay von Alexander Osang über Berlin und war der erste Song eines nicht fortgeführten Projektes mit dem polnischen Musiker Kuba Galinsky, zudem gibt es Vertonungen zu Texten von Novalis („Sometimes The Rain Just Keeps Falling For A Long Time“) und Nikolas Born („Erinnerungen an Gestern“) sowie mit „Nun lauft schon ihr Kleinen“ ein Song aus dem Singspiel „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, einer dystopischen Neuschreibung der Bremer Stadtmusikanten von Martin Heckmanns. Die Songs „Countryside (again)“ und „Crooked Dreams, Part 2“ kommen allen Fans von Masha Qrella sicherlich bekannt vor, da sie in Neuaufnahmen bereits auf ihrem Album „Analogies“ zu hören waren, aber offenbar wollte uns die Singer/Songwriterin die spannenderen Originale nicht vorenthalten.


„Songbook“ entstand mit den Musikern Andreas Bonkowski, Andi Haberl, Michael Mühlhaus, Tommy Baldu, Martin Wenk sowie Chikara Aoshima und ist als CD und LP (black Vinyl, clear Vinyl) erhältlich.

Masha Qrella unterwegs:
08.05.2025 Hamburg, Kampnagel

14.05.2025 Dresden, Chemiefabrik

15.05.2025 Leipzig, UT Connewitz Tickets 
17.05.2025 Magdeburg, Kulturzentrum Moritzhof 
21.05.2025 Düsseldorf, Zakk 
22.05.2025 Köln, Bumann & Sohn 
23.05.2025 Offenbach am Main, Hafen 2 
24.05.2025 Fulda, Kino35

25.05.2025 Bochum, Bahnhof Langendreer 
26.05.2025 Lärz, Fusion

27.05.2025 Berlin, Hebbel am Ufer 
15.10.2025 Regensburg, Ostentor Kino 
16.10.2025 Stuttgart, Kulturzentrum Merlin 
17.10.2025 München, Milla


   
 


   


   


   

27. März 2025

Cleopatrick - Fake Moon


Die erste Vorladung (VIII-MMXXV)

Personalien:
Aus Cobourg in Ontario stammt das kanadische Duo Cleopatrick, das aus Luke Gruntz (Gesang, Gitarre) und Ian Fraser (Schlagzeug) besteht.

Tathergang:
Luke und Ian lernten sich quasi im Sandkasten kennen und AC/DC begeisterte später die dann 8-jährigen Jungs für Musik. Als Teenager begannen sie dann selbst Musik aufzunehmen und veröffentlichten 2016 ihre erste EP. 2021 erschien mit „Bummer“ das Debütalbum von Cleopatrick, dem nun „Fake Moon“ folgt. Das Album, bei dem das Duo ein Hang zu Großbuchstaben hat, wurde von Gruntz und Fraser zusammen mit Phil Weinrobe (Adrianne Lenker, Tomberlin) produziert und am 14. März digital veröffentlicht. Ein physischer Release über Nowhere Special Recordings ist auf CD und LP (clear Vinyl) für den 11. April angekündigt. In Weinrobes Studio in Brooklyn erhielten Cleopatrick zusätzlich Input vom Gitarristen und Multiinstrumentalisten Mike Haldeman.

Plädoyer:
Von der Begeisterung über den Hardrock von AC/DC über die ersten eigenen Veröffentlichungen, die eher schroffem Alternative Rock oder kantigem Grunge zuzuschreiben waren, bis zum nun eher verletzlichen Slacker Rock, introvertierten Post-Rock oder melancholischen Shoegaze ging die musikalische Reise und Weiterentwicklung von Cleopatrick, die selbst die Wortschöpfung „Laptop Rock“ nutzen.

Zeugen:

Quarrelling with power and vulnerability, FAKE MOON serves up bit-crunched guitars, wavy synth lines and glitched vocals in an album that sees them embark on something far more adventurous than they've encountered before. Shaped in lo-fi grit, the record plays into this "fake moon" - a sinister CCTV surveillance looming us over us like some big shadow. It's this raw paranoia of power that the record navigates all the while acting in an individualistic defiance towards "the man". Initially inspired by the wasps disguised as cameras in 2003 vintage The Simpsons: Hit & Run, it soon developed into something far more anxiety-inducing - and far too real.
The record kicks things off with Heat Death, a repetitive low-res guitar scrunches as if stuck in a cutscene, before Luke Gruntz's vocals boot us up forward into a resolution. Pangs of guilt are mirrored on BAD GUY, the gloomy lead single fends off gritty synth and haunting guitar swoons. (…)
The boys sophomore is an shoegaze scope of a concept almost flawless in execution. A melancholic sound that is best enjoyed staring at ceilings at 3am. This is cleopatrick with FAKE MOON.

A sense of vulnerability comes to the fore, admittedly more through vibes than anything else, with the vocal feeling slightly muddied by over-production (‘BAD GUY’) and quite intense moments of background static (‘HAMMER’, ‘SOFTDRIVE’). Essentially, ‘FAKE MOON’ presents a myriad of ‘nearly’ moments. Generously, it could be described as a band bravely testing their boundaries; harshly, an over-worked yet under-developed selection of ideas. In reality, it’s somewhere in between those two positions; to paraphrase Neil Armstrong, it might be a giant leap for Cleopatrick, but they’re a few small steps away from landing it.
(DIY)

Indizien und Beweismittel:


  


   


   


    


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


26. März 2025

10 Schallplatten, die uns gut durch den April bringen


10. The Smashing Pumpkins - Siamese Dream (remastered, 180g, 2 LPs) (11.4.2025)








9. Stereophonics - Make 'em Laugh, Make 'em Cry, Make 'em Wait (180g, Recycled Vinyl) (25.4.2025)






8. Tara Nome Doyle - Ekko (Limited Edition, Clear Transparent Vinyl) (25.4.2025)






7. Rialto - Neon & Ghosts Signs (White Vinyl) (25.4.2025)






6. Somebody's Child - When Youth Fades Away (Indie Edition, Orange Splatter Vinyl) (4.4.2025)






5. Black Country, New Road - Forever Howlong (Limited Indie Edition, Transparent Blue Vinyl, 2 LPs) (4.4.2025)






4. Slowdive - Souvlaki (Bio Vinyl) (4.4.2025)





3. The Naked Souls - Reverb From The Depths (2 LPs) (28.3.2025)







2. The Underground Youth - Décollage (Indie Edition, Colored Vinyl) (4.4.2025)






1. Beirut - A Study Of Losses (Limited Edition, Dark & Stormy Vinyl, 2 LPs) (18.4.2025)







25. März 2025

Deacon Blue - The Great Western Road


10 Fakten zum neuen Album von Deacon Blue:

1. Nach dem Doppelschlag mit „City Of Love“ (2020) und „Riding On The Tide Of Love“ (2021) ließen sich Deacon Blue etwas zeit für ihr elftes Studioalbum: „The Great Western Road“ erschien am 21. März 2025 und damit 4 Jahre 1 Monat und 16 Tage nach seinem Vorgänger.

2. Das Album bietet 12 Songs in 46:44 Minuten und ist die erste Veröffentlichung von Deacon Blue beim Londoner Indie-Label Cooking Vinyl.

3. Für „The Great Western Road“ spendiert das Label CD, Kassette und mehrere LP-Varianten: black Vinyl, white marble Vinyl und blue transparent Vinyl. Nur in bestimmten Shops gibt es zudem yellow Vinyl und turquoise marble Vinyl.

4. Nur für eine Woche gibt es über den Shop von Deacon Blue zusätzlich eine digitale Deluxe Version des Albums zu kaufen: The digital deluxe includes three brand new, previously unreleased tracks, recorded at the Rockfield Studios album recording session, plus the band's recent BBC Radio 2 Piano Room session at Maida Vale. The Piano Room session includes their classic track Dignity, new single Late '88 and a cover of Beyonce's Texas Hold 'Em, all performed with the BBC Concert Orchestra, conducted by arranger, Joe Duddell. Die exklusiven Songs heißen „Easter Monday“, „Connie And Sam“ und „Charlie Boy“. 


Though the mood on much of The Great Western Road is seemingly introspective, the lyrics, hooks, vamps, and intricate harmonies underscore hope and possibility as they project outward. Deacon Blue committed themselves fully to this balancing act, and they shine in doing so. This 12-track set is every bit the equal of City of Love and arguably more poetic. It's a fitting testament for a band who continue to be creative and relevant 40 years after their birth.


5. Die vielen unterschiedlichen physischen Veröffentlichungen helfen Deacon Blue sicherlich beim Sturm auf die Spitze der Charts: Alle in diesem Jahrtausend veröffentlichten fünf Alben kamen unter die Top 6 im Vereinigten Königreich, „City Of Love“ sogar bis auf Platz 1. Insgesamt standen die Schotten dreimal an der Spitze der UK-Charts: Ihrem zweiten Album „When The World Knows Your Name“ (1989) und der Kompilation „Our Town - The Greatest Hits“ (1994) gelang dies ebenfalls.
In Deutschland gelang übrigens nur „When The World Knows Your Name“ (#56) und „Whatever You Say, Say Nothing“ (#91) der Sprung in die Charts.

6. „The Great Western Road“ wurde in den Rockfield Studios in Wales aufgenommen und von Sänger Ricky Ross unter Mithilfe von Gitarristen Gregor Philp produziert. Auch auf den beiden Vorgängern hatte Ricky Ross diesen Job bereits übernommen, nachdem zuvor bei drei Alben Paul Savage als Produzent tätig war. Als Toningenieur fungierte Matt Butler, der diese Aufgabe bereits beim Debütalbum „Raintown“ (1987) übernommen hatte. Das Video zum Titelsong gibt Einblicke in die Studioaufnahmen:


 


7. Die Veröffentlichung von The Great Western Road markiert den 40. Jahrestag der Bandgründung, nachdem sich Ricky Ross und Dougie Vipond zum ersten Mal trafen und schließlich Deacon Blue als Band gründeten. Textlich spiegelt das Album „die Reise der Band wider und bleibt ehrlich gegenüber dem Alter und den Erfahrungen, die sie geteilt haben“, wobei Leadsänger Ricky Ross erklärt, dass das Album „nur der nächste Teil des Abenteuers ist und es ist jetzt genauso aufregend wie damals 1988“. Passend dazu wurde als erste Single „Late ’88“ ausgewählt: 


 


8. Anders als in den Album-Charts finden Deacon Blue in den Bestenlisten der Singles nicht mehr statt. Zuletzt wurden diese mit „Bigger Than Dynamite“ (#130) 2006 erreichte. „Real Gone Kid“ (1988; #8) und „I’ll Never Fall In Love Again“ (1990; #2) bleiben somit die größten Chart-erfolge der Band.

9. Sieben Songs des Albums komponierte Ricky Ross allein. Vier lieder komponierte er gemeinsam mit Gregor Philp („Late ‚88“, „Wait On Me“, „Ashore“ und „Up Hope“). „Underneath The Stars“ komponierte Ross zusammen mit seiner Frau Lorraine McIntosh, die zusammen mit Dougie Vipond (Schlagzeug), James Prime (Keyboards, Piano) und Lewis Gordon (Bass) das schottische Sextett vervollständigt. 

10. Auch der Albumtitel hat eine nostalgische Note und wie „Raintown“ einen starken Bezug zu Glasgow, wie Ricky Ross erklärt: „Great Western Road leads from the city centre through the West End of Glasgow - which is a really cool and trendy part - and I always thought that for a certain time we owned that. It was the place we wanted to be and we seemed part of it for about two months in 1987.
The band would meet at a bar called Chimmy Chungas and it was the gang headquarters of Deacon Blue - that's what Great Western Road was for me."


24. März 2025

The Horrors - Night Life


Es kam schon vor, dass Oliver feststellen musste, dass eine Plattenvorstellung bei Facebook aufgrund des Plattencovers gelöscht wurde. Ob eine entblößte Brust dazu schon ausreicht? Falls nicht, hätte die alternative Variante des sechsten Albums von The Horrors noch etwas mehr Nacktheit zu bieten. In der Plattenhülle steckt übrigens das zum Albumtitel „Night Life“ passende Glow in the Dark Vinyl:

 
Der Ausflug ins Nachtleben mit The Horrors gestaltet sich vielfältig: episch-düsterer Artrock („Ariel“), brachiale Industrial-Ausbrüche im Elektrokorsett („Silent Sister“, „Trial By Fire“), tanzbarer Indierock („The Silence That Remains“) und atmosphärischer Synthpop („The Feeling Is Gone“), der auch gut auf das letzte Album von Depeche Mode gepasst hätte.

In den fast 8 Jahren seit ihrem letzten Album haben sich - neben der Neugestaltung des Sounds - weitere Neuerungen bei The Horrors ereignet: man hat bei Fiction Records unterschrieben und - zu Faris Badwan (Gesang), Joshua Hayward (Gitarre), Rhys Webb (Bass, Keyboards) - Amelia "Millie" Kidd (Keyboards) und Jordan Cook (Schlagzeug) ins Lineup aufgenommen und sich von den Gründungsmitgliedern Tom Furse und Joe Spurgeon verabschiedet. 
„Night Life“ wurde in Los Angeles mit dem Produzenten Yves Rothman (Warpaint, Lo Moon, Girl In Red, Sunflower Bean) aufgenommen und bietet 9 Songs in einer Dreiviertelstunde. Die Schallplatte gibt es auf black Vinyl, crystal clear Vinyl, Glow in the Dark Vinyl und pastel pink and black Vinyl.


 


Das emotionale Zentrum des Albums ist „The Silence That Remains“. Eine beklemmende Reflexion über das Warten auf schlechte Nachrichten, über Verlust und Isolation. Badwans palästinensische Wurzeln schwingen unüberhörbar mit, und es fällt schwer, diesen Song nicht als Reaktion auf den Nahostkonflikt zu verstehen. Doch statt politischer Parolen setzt die Band auf Atmosphäre, auf das Gefühl der Ohnmacht und des Verstummens in einer lauten Welt.
„Night Life“ ist ein melancholisches, aber nicht hoffnungsloses Album und steht damit in engerer Verwandtschaft zum letzten Album von The Cure „Songs Of A Lost World“. Ein Werk, das nicht nur zurückblickt, sondern weiterführt, was sie vor 20 Jahren begonnen haben: Musik zu schaffen, die mehr ist als Genre und Attitüde – ein Soundtrack für die Nacht.


  


Wäre dieses Werk mitten in der Dark-Synthpop-Hochphase in den 80ern erschienen, würden wir heute The Horrors als Legenden feiern. So bleiben sie irgendwo in der zweiten oder dritten Reihe haften: eine Band von unschätzbarem Wert, die einmal mehr bewiesen hat, wie unberechenbar sie nach wie vor ist und wie gut sie ihren Kernsound trotzdem beherrscht.


 


Trotzdem bleibt „Night Life“ in seiner Gesamtheit faszinierend. Gerade der mutige Spagat zwischen Endzeit-Synths, Shoegaze-Opulenz und harschem Industrial-Rock macht das Album zu einer der spannendsten Veröffentlichungen der Band.
Mit „Night Life“ beweisen The Horrors einmal mehr ihre Wandlungsfähigkeit und ihren Drang, musikalisches Neuland zu betreten. Ein Soundtrack für die Nacht – irgendwo zwischen Euphorie und Untergang, zwischen hypnotischem Sog und bedrohlicher Dunkelheit.




22. März 2025

Courting - Lust For Life, Or: ‘How To Thread The Needle And Come Out The Other Side To Tell The Story


Was vielleicht nicht alle wissen: Wir küren nicht nur unser Album des Jahres sondern vergeben auch noch den ein oder anderen Sonderpreis, beispielsweise für besonders gelungenes Artwork oder auffallend schönes Vinyl. Courting wissen davon, obwohl sie auf ihrem neuen Album kein Lied davon singen. Letztes Jahr räumten sie für „New Last Name “ unangefochten den Preis für den besten Merchandise-Artikel ab. Ein Schwert! Dieses Jahr erhielten sie bereits Nominierungen in den Kategorien „Längster Albumtitel“ und „misslungenstes Plattencover“. Jetzt aber zur Musik.

 „Lust For Life, Or: ‘How To Thread The Needle And Come Out The Other Side To Tell The Story“ ist das dritte Album des Quartetts aus Liverpool und trotz seiner Kürze (8 Titel in unter 26 Minuten) eine abwechslungsreiche Platte: Nach einem kurzen Geigen-Intro folgt das polternde und lärmende „Stealth Rollback“, doch nach diesem Fehlstart wird es besser: „Pause At You“ ist ein energetischer, gitarrenrockender Indiediscotanzflächenfüller erster Güteklasse und hätte Courting vor 20 Jahren im Schwung der Class of 2005 zusammen mit Bloc Party, Editors, The Futureheads, Franz Ferdinand, Arctic Monkeys, Maximo Park oder Kaiser Chiefs groß werden lassen. Gleiches gilt für das anschließende „Namcy“ sowie „After You“. „Eleven Sent (This Time)“ klingt so, als hätten Black Country, New Road einen melodiösen indiepop-Song eingespielt. Der Titelsong „Lust For Life“ ist kein Iggy Pop oder Lana Del Rey Cover, sondern wandelt sich im Verlauf von sechseinhalb Minuten von sanfter Electronica mit AutoTune-Gesang zu einem The Strokes mäßigen Gitarrenrocker.
Courting schaffen es in diese knappe halbe Stunde ein Konzept zu quetschen, denn jeder Song auf dem Album ist mit einem anderen verflochten und existiert in der gleichen Art von Welt.

Courting sind Sean Murphy-O’Neill (Gesang, Gitarre, Produktion), Sean Thomas (Schlagzeug), Joshua Cope (Bass, Gitarre) und Connor McCann (Bass). „Lust for Life, Or: ‘How To Thread The Needle And Come Out The Other Side To Tell The Story“ wurde am 14. März als CD und LP (black Vinyl) veröffentlicht. Ohne nennenswerte Merchandise-Artikel. 


  


Mit einem gehörigen Stilbruch lauern nach "Stealth rollback" gleich drei extrem eingängige Stücke zwischen Dance-Punk und Indie-Pop. Boring? Mitnichten. Hat man doch aus dem Genre zumindest länger wenig Frischeres gehört als den Parade-Indierocker "Namcy" oder das Bewegung stiftende "Pause at you". Und mit "Eleven sent (This time)" zeigt die Band anschließend, dass sie auch hochmelodiösen Indiepop mit formidabler Punchline beherrscht. "After you" feuert dann die sich in Vorfreude bereits anquetschende Menge vor den Oasis-Reunion-Bühnen des Sommers 2025 an.
Doch der nächste Bruch lauert schon. Das coole "Lust for life" steigert sich erst hintenraus und legt einen feinen Turn, nein, einen kompletten Haken hin, der nur auf der Tanzfläche enden kann. Bevor der Closer einen Klaxons-Dance-Beat aufdreht, als sei 2006 gerade gestern gewesen. 


 


Das Spiel mit den Genres und die Abwehrhaltung gegenüber dem der Popmusik inhärenten Drang nach Wiedererkennung schwingen bei Courting noch immer mit. Das mit der Tür ins Haus fallende „Stealth Rollback“ bestätigt dies aufs Trefflichste.
Trotz aller Experimentierfreude hält mit dem dritten Stück „Pause At You“ eine gewisse Ordnung Einzug. Der Sound wird kompakter und zielgerichteter. Leadsänger Sean Murphy-O’Neill liefert punktgenaue Lyrics, die uns in die Hektik einer hellerleuchteten Nacht versetzen.
Hier, wie auch in den folgenden Songs, referiert die 2018 gegründete Formation unüberhörbar auf Indiegrößen der Nullerjahre. Die dichten kurzen Rocknummern lassen uns an The Strokes, The Hives oder Franz Ferdinand denken.
Auch wenn es Courting nicht lassen können, uns immer wieder überraschen zu wollen, haben sie mit „Lust For Life“ einen Sound geschaffen, der im Ohr haften bleibt.




21. März 2025

Japanese Breakfast - For Melancholy Brunettes (& Sad Women)


Japanese Breakfast entwickeln sich zunehmend weiter: 2013 nahm die Songwriterin, Sängerin und Gitarristin Michelle Zauner erste Songs auf und veröffentlichte 2016 mit „Psychopomp“ ihr Debütalbum unter dem Namen Japanese Breakfast. Im folgenden Jahr konnten mit „Soft Sounds From Another Planet“ erste kleine Erfolge in diversen Indie-Charts erzielt werden und wurde durch den Einstig von Craig Hendrix (Schlagzeug), Deven Craige (Bass) und Peter Bradley (Gitarre) aus dem Soloprojekt eine richtige Band. „Jubilee“ führte Japanese Breakfast 2021 dann in die regulären Charts (USA #56 und UK #53), obwohl es erneut über das Indie-Label Dead Oceans veröffentlicht wurde. Zudem konnten sich  Michelle Zauner und ihre Mitstreiter über Grammy-Nomminierungen in den Kategorien Best New Artist und Best Alternative Music Album freuen. 

Für ihr viertes Album ging es nun erstmals in ein professionelles Tonstudio, nachdem alle vorherigen Aufnahmen in Lagerhäusern, Wohnwagen oder Lofts stattfanden. Zudem konnte mit dem Grammy-Preisträger Blake Mills (Fiona Apple, Feist, Perfume Genius, Conor Oberst) ein renommierter Produzent gewonnen werden. 

Ein Grund für überschäumende Freude scheint dies alles für Michelle Zauner nicht zu sein, denn auf „For Melancholy Brunettes (& Sad Women)“ dominieren - der Albumtitel lässt es erahnen - melancholische und traurige Töne: Es gibt Kammerpop zu Streichern und Flöten („Here Is Someone“), Enya-trifft-Disney-Soundtrack-Kitsch („Orlando in Love“), repetitiven Indierock („Honey Water“), Country-Schunkler („Men In Bars“, „Mega Circuit“), zarten Folkpop („Leda“), Indiepop mit Country-Touch im Stile von The Cardigans („Picture Window“), opulenten Sixties-Pop („Winter In LA“) und Dreampop zu Harfenklängen („Magic Mountain“) zu hören. 

Für „For Melancholy Brunettes (& Sad Women)“, das als CD, Kassette und LP (black Vinyl, frosted white silver Vinyl, frosted shadow Vinyl, summer sky splash Vinyl) erhältlich ist, haben Japanese Breakfast also reichlich aufgetischt.


 


Obwohl auf dem Album inhaltlich also ziemlich viele Tränen, Blut, Schweiß und andere Körperflüssigkeiten fließen und eigenartige literarische Referenzen wie „Orlando“ oder Thomas Mann's Zauberberg in „Magic Mountain“ poetisch codiert werden, wird diese thematische Ernsthaftigkeit durch die musikalischen Ambitionen mehr als ausbalanciert. Was auf diesem Album auffällt, ist dass es Michelle Zauner immer besser gelingt, ihre Ideen-Sperrfeuer mit verständlichen Songformaten einzufangen. Während die mit hippiesken Harfen, Streichern und Bläsern augmentierten Dreampop-Songs am Anfang der Scheibe in dieser Hinsicht vielleicht noch zurückhaltend konzipiert sind, sprechen mächtige Big-Music-Tracks wie „Honey Water“ oder „Winter In L.A.“ eine ganz andere Sprache – und „Mega Circuit“ und „Picture Windows“ sind im Prinzip – zwar ambitioniert arrangierte – perfekt inszenierte Pop-Songs. Ohne Frage ist Michelle Zauner mit ihrem Projekt Japanese Breakfast auf dem Besten Weg zum Superstar.




20. März 2025

Throwing Muses - Moonlight Concessions


Tanya Donelly hat Belly reaktiviert, zumindest um Jubiläums-Konzerte zu spielen, da sich neulich die Veröffentlichung von „King“ zum 30. Mal jährte, und Kristin Hersh hat Teile der Throwing Muses wieder zusammen getrommelt, um ein neues Album aufzunehmen: David Narcizo (Schlagzeuger seit 1983) und Bernard Georges (seit 1992 am Bass) sowie einige Gastmusiker sind dabei, ihre Stiefschwester Tanya Donelly leider nicht.

„Moonliight Concessions“ heißt das Ergebnis, es ist das elfte Studioalbum der Throwing Muses und deren viertes in diesem Jahrtausend. Die 9 Songs sind ein kurzes Vergnügen, da sie keine halbe Stunde laufen, und bieten trockenen, folkigen, sich meist behäbig dahin schleppenden Alternative Rock („Summer Of Love“, „Albatross“, „Moonliight Concessions“), der häufig durch Streicher verziert wird („Libretto“, „Sally’s Beauty“). Mir persönlich fehlt bei der rauchig-kratzigen Stimme Hershs der melodisch-harmonische Gegenpart, den Donelly schön hätte liefern können.  Das Album wurde von Kristin Hersh im Stable Sound Studio von Steve Rizzo in Portsmouth, Rhode Island, selbst produziert. 
Moonliight Concessions“ ist als CD und LP (black Vinyl, cream Vinyl, neon yellow Vinyl) erhältlich.

Throwing Muses in Deutschland:
14.5.25 Berlin, Lido
15.5.25 Köln, Gebäude 9


Erneut dominieren skizzenhafte Ausschnitte aus dem Alltag in der Tradition großer amerikanischer Kurzgeschichten, mal zärtlich, mal schroff erzählt. Gleich der Auftakt, „Summer Of Love“, ist verschleppter, aufs Gerippe abgenagter Power-Pop mit barockem Einschlag. (…)
In „Theremini“ verschwören sich die Saiteninstrumente gegen die Sängerin, es öffnet sich ein dunkler (Moog-)Bau. „Question: What happened?/ Answer: Everything.“ Einiges erinnert an die Anfangsjahre der Muses, doch nostalgisch ist hier nichts. Erstaunt folgt man dem Akustikgitarren-Tornado von „Drugstore Drastic“. Keines der schief grinsenden, esoterisch aufgeblasenen Stücke braucht mehr als drei Minuten, um ins Ziel zu gelangen. 


 


Wie immer, wenn Hersh für ihre Band textet, reiht sie kurze Sätze aneinander. Und so entsteht dieser typische Throwing-Muses-Sound, der schon dem Indie-Rock der 90er eine Art Haiku-Ebene geschenkt hatte: kurz, knapp, auf den Punkt. Damals spielte die Band ruppig, auf Hershs brillantem und erfolgreichem Soloalbum HIPS AND MAKERS bestimmte neben ihrer Stimme das Cello den Sound.
Das neue Album führt die beiden Welten zusammen. MOONLIGHT CONCESSIONS ist ein Throwing-Muses-Unplugged-Album. Mit meditativen Stücken wie „Theremini“ oder dem rustikalen „Drugstore Classic“, bei dem Kristin Hersh singt wie Stevie Nicks nach einem verdammt schlechten Tag.


19. März 2025

Albert af Ekenstam - Ghost in us


 

Vor einigen Tagen durften wir schon etwas Frühling schnuppern, nun kam noch ein mal ein kleiner Rückschlag bezüglich Temperaturen und zumindest hier auch mit trübem Wetter. Dieses Spannungsfeld passt gut zu Albert af Ekenstams Veröffentlichtung: Melancholische Melodien für trübe Tage, Post Rock Stimmung für die Spannung und Indiefolk für den Blick in den nahenden Frühling. 

Sechs Jahre und eine EP lagen zwischen der Veröffentlichung von Ekenstams erstem Album "Ashes" und seinem aktuellen Werk "Ghost in us". Nimmt man das Ergebnis dieser Zeit als Maßstab, zog er sich während dieser Zeit tief in sich zurück, um mit einem subtilen Ausbruch zurückzukehren. 

"Echoes from the past" und der Titelsongs sind für mich die Highlights auf "Ghost in us". 

Als Referenzen werden u. a. The National, Nick Cave & The Bad Seeds, Fink und Bon Iver genannt. Der Produzent Filip Leyman hat über viele Jahre mit Anna von Hausswolff und für den Song "Koad" mit ihr und Yann Tiersen gearbeitet. Auch das gibt einen Hinweis auf das, was den Hörer mit "Ghost in us" erwartet. 

Auftritte in Deutschland sind bislang nicht angekündigt. 

"Lily":


"Ghost in us":


"Echoes from the past":

18. März 2025

The Slow Readers Club - Out Of A Dream


Gut, das selbstbetitelte Debütalbum des Slow Readers Club haben wir verpasst, aber seitdem kann sich das Quartett aus Manchester regelmäßig über ordentliche Bewertungen und Platzierungen bei Platten vor Gericht freuen. So schnitten die Werke von Aaron Starkie (Gesang), Kurtis Starkie (Gitarre), James Ryan (Bass) und David Whitworth (Schlagzeug) bisher ab:
Cavalcade“ (2015; 7,333 Punkte, Platz 61)
Build A Tower“ (2018; 7,375 Punkte, Platz 43)
The Joy Of The Return“ (2020; 7,800 Punkte, Platz 20)
91 Days In Isolation“ (2020; 7,750 Punkte, Platz 25)
Knowledge Freedom Power“ (2023; 7,500 Punkte, Platz 46)

Die Prognose für „Out Of A Dream“, das siebte Album von The Slow Readers Club, lautet also: 7,552 Punkte, Platz 39.

Die 10 Songs kombinieren wie gewohnt energetischen, gitarrenlastigen Indierock mit dezenten Elektro-/Synthie-Impulsen sowie 80ies-Referenzen und düsteren bis kritischen Texten rund um das Thema Technologie. Nur selten reduziert das Quartett das Tempo und zeigt sich etwas verträumter („Little White Lies“). Highlights sind im Bereich Hymnen „Technofear“ und „Animals“ sowie im Bereich Dramatik „Know This I Am“ und „Our Song Is Sung“. 

Für ihre Fans hat die Band „Out Of A Dream“ nicht nur als CD und Kassette sondern auch in unterschiedlichen Vinyl-Varianten selbst veröffentlicht: black Vinyl und cloudy blue Vinyl sowie cloudburst Splatter Vinyl und black Dust Vinyl (beide in alternativem Artwork).




Die Qualitäten des Slow Readers Club, die sich nicht vor White Lies oder Editors verstecken müssen, sprechen sich langsam aber sicher herum. So sind deren beiden Konzerte in Deutschland mittlerweile ausverkauft:
25.04.25 Köln, Luxor
26.04.25 Hamburg, Kent Club


 


 


Of the ten tracks, several stand out. The opener sets the tone by exploring the unease surrounding our increasing dependence—perhaps even obsession—with the digital world. Frontman Aaron Starkie’s evocative vocals lend an air of certainty to the lyrics, reinforcing the idea that despite technology’s encroaching grip, we need not surrender our individuality or souls to binary machines.
“Animals” brims with urgent energy, unfolding on sharp, shimmering guitars before melting into a sleek, melodic groove. Starkie’s shifting vocal tones add a sense of anticipation, capturing the electric thrill of love. Meanwhile, “Little White Lies” emerges as a highlight, its rippling harmonics and syncopated rhythms painting a luminous, dreamy soundscape steeped in longing.
On the darker end of the spectrum, “Dear Silence” channels a moody fusion of new wave and indie rock, its propulsive momentum simmering like a pressure cooker on the verge of release. “Boy So Blue,” with its atmospheric textures, hints at a U2 influence while leaning into a polished, radio-friendly appeal.


 





17. März 2025

No Body - Loves You


Ich würde vorschlagen, dass die Plattenrichter über den Titel des zweiten Albums von No Body entscheiden dürfen: 

- Sollte der Punktedurchschnitt für „Loves You“ (Band und Albumtitel sind nach dem Song „Nobody Loves You (When You're Down and Out)“ (1974) von John Lennon benannt) unter 7,000 liegen, dann sollte es „Wants It“ (benannt nach dem Song „Nobody Wants It“ (2013) von Sevendust) heißen.

- Sollte der Punktedurchschnitt für das Debütalbum des Projektes von Aydo Abay (Blackmail, Musa Dagh, Abay, Freindz, Ken), Thomas Götz (Beatsteaks, Freindz) und Sascha Wiercinski (Old Nobody) zwischen 7,000 und 7,750 liegen, dann sollte es „Is Perfect“ (benannt nach dem Song „Nobody Is Perfect“ (2021) von Davina Michelle) heißen.

- Sollte der Punktedurchschnitt jedoch über 7,750 liegen, wodurch sich No Body gute Chancen auf unsere Jahres-Top 20 ausrechnen könnten, dann sollte der Albumtitel „Does It Better“ (benannt nach dem Song „Nobody Does It Better“ (1977) von Carly Simon) lauten.

„Loves You“ wurde Anfang März als CD und LP (coloured Vinyl) veröffentlicht. Die Songs wurden vom „Hobbymusiker“ Sascha Wiercinski (Gitarre, Bass, Keyboards)  bereits in den letzten Jahren unter dem Namen Old Nobody veröffentlicht und nun mit den „Profimusikern“ Aydo Abay (Gesang) und Thomas Götz (Schlagzeug, Percussions) und unter Mithilfe von Gästen, wie beispielsweise Suzie Kerstgens (Klee) auf „Pancake Heart“, aufgenommen. Sascha Wiercinski hatte, als Fan von Blackmail, Aydo Abay einfach angeschrieben und nach einer Zusammenarbeit gefragt, aus der dann doch mehr wurde. Und vielleicht bleibt es ja nicht bei einem Album, was uns wieder zum Anfang bringt…


(…) Er schrieb ihm kurzerhand bei Facebook, wenig später hatte er Abays Zusage. Der hatte sich in den ruppigen Sound verliebt, in den geradlinigen Rocker „The Hideout“ etwa. „Out On Crystal“ wird von stoischen Drums und einem wütenden Riff angepeitscht, Abays Stimme steigt empor, kristallklar, aber emotionslos. Anderes ist sphärischer, wie „Twisties“, dessen verhallte Keys und Kajal tragende Gitarren an The Cure erinnern. Aus Facebook-Nachrichten kann also sehr Schönes entstehen.


  


Und es erstaunt beim Hören, wie harmonisch sich "Loves you" in die schillernde Abay-Diskografie einfügt. Wenn sich nach einer knappen Minute des Openers "0101" diese markante Stimme mit den Worten "Painful like a memory" zwischen die Bläsersounds mischt und dazu die Drums einsetzen, gefolgt von den Gitarren, dann ist das gar nicht painful, sondern eher wie ein Nachhausekommen.
Noch mehr, wenn diese melancholische Stimme durch die Gitarrenwände von "Out on crystal" führt, bei denen Erinnerungen an beste Blackmail-Zeiten aufkommen. Während auch das eingängige "Computer yearbook '72" in diese (post-)rockige Richtung geht, überrascht das hypnotische „"Fear of the golden hour" mit sphärischen Sounds und erinnert so eher an das stark unterschätzte Soundtrack-Projekt Crash:Conspiracy. Angemessen David-Lynch-eskes Video inklusive. Auch "I have to bomb this mountain" und das düstere "Twisties" gehören zu den verträumteren Stücken der Platte, wohingegen das knackige "The hideout" noch einmal die Gitarren kreisen lässt. Und wenn sich zum Finale in "Pancake heart" harmonisch die Stimmen von Abay und Suzie Kerstgens von Klee umschlingen, gehen endgültig alle Herzen auf.


 


Musikalisch bewegt sich Loves You zwischen kantigem Post-Rock, sphärischen Soundlandschaften und direkten, treibenden Rockmomenten. Out On Crystal erinnert mit seinen stoischen Drums und dem wütenden Riff an die beste Phase von Blackmail, während Twisties mit verhallten Keys und schwebenden Gitarren Post-Rock-Melancholie verströmt.
Doch das Album hat auch experimentelle Facetten. Fear of the Golden Hour spielt mit hypnotischen Soundflächen und düsteren Stimmungen, während I Have to Bomb This Mountain fast meditativ wirkt. Mit The Hideout folgt dann einer der direktesten Songs der Platte – ein kompakter, energiegeladener Track, der die Dynamik von No Body in ihrer reinsten Form einfängt. In Pancake Heart verschmelzen Abays Stimme und die von Suzie Kerstgens (Klee) zu einer berührenden Harmonie, die das Album mit einem emotionalen Ausrufezeichen beendet.
Allerdings zeigt sich an manchen Stellen auch eine Schwäche dieser ungewöhnlichen Arbeitsweise: Einige Stücke wirken durch die fehlende gemeinsame Studiozeit in ihrer Struktur zu vorhersehbar. Dynamische Entwicklungen bleiben oft aus, was dazu führt, dass sich bestimmte Muster wiederholen, ohne sich weiterzuentwickeln. Gerade bei längeren Tracks wäre eine stärkere Dramaturgie wünschenswert gewesen, um den Spannungsbogen noch konsequenter aufzubauen.




16. März 2025

Divorce - Drive To Goldenhammer


Platten vor Gericht fragt - Silke antwortet
 
Platten vor Gericht: Silke, in letzter Zeit sprach Florian im Lehrerzimmer häufig über dich und Divorce, was mich immer kurz zusammenzucken lässt. Aber es handelt sich wohl um deine neue Lieblingsband, oder? 
 
Silke: Florian meinte, er habe auch kurz zusammengezuckt als er den Bandnamen las...;-) Da war er gerade ohne mich auf dem Weg nach Zürich und ich schrieb ihm , er solle sich mal Divorce anhören, "damit habe ich gerade viel Freude!" 😉
 
PVG: Wie bist du auf die Band, die jetzt mit „Drive To Goldenhammer“ ihr Debütalbum veröffentlicht hat, aufmerksam geworden?
 
Silke: Ich denke, das kam über BBC6, da höre ich regelmäßig den New Music Fix. und wurde ich auf die Single "Birds" aufmerksam. Dieser Track landete umgehend auf meiner Playlist. Als mir dann auch die weiteren Singles bzw. die EP "Heady Metal" gefielen war schnell klar: diese Band ist nicht nur ein "One-Night-Stand".
 
PVG: Was kannst du uns über Divorce erzählen?
 
Silke: Divorce ist für mich eine dieser Neuentdeckungen, die man sofort mag und deshalb umgehend seinen Freunden immer wieder ans Herz legt, aber - so wie in diesem Fall - mit wenig bis keinem Erfolg. Meiner Begeisterung hat es allerdings keinen Abbruch getan. Im Gegenteil, meine Liebe zur Band wurde immer größer. Irgendwann hab ich bei der Nennung des Bandnamens immer noch den Zusatz verwendet "ja, das ist die Band, die außer mir keiner mag". Also bezogen auf mein Umfeld.
 
PVG: Bei Bandcamp verwendet die Band aus Nottingham die recht unterschiedlichen Tags „Alternative, Country, Grunge, Indie Rock und Post-Grunge“ - wie würdest du deren Musik beschreiben?
 
Silke: Oh, ist das so? Musikbeschreibungen sind immer so eine Sache... ich fühle die Songs jedenfalls ganz dolle 🙂
 
PVG: Welchen Song würdest du für ein Mixtape auswählen und zwischen welchen Liedern anderer Künstler würdest du ihn platzieren?
 
Silke: Für ein Mixtape würde ich "Checking Out" wählen. Den Song platziere ich vermutlich zwischen anderen britischen Künstlern, bei denen ich ebenso Spaß habe mitzusingen (also den Refrain). Da fällt mir ADMT mit "Weekend Offender" ein und Somebody's Child mit "I need ya" vielleicht? 
 
PVG: Welche weiteren Songs aus „Drive To Goldenhammer“ kannst du uns besonders ans Herz legen?
 
Silke: Hmm, gar nicht so leicht... Den Opener "Antarctica" mag ich gerne. Auch "All my Freaks" oder "Lord"? Aber machen wir uns nichts vor, aus meiner Sicht lohnt sich das ganze Album.
 

  


PVG: Mit München, Berlin und Hamburg werden Divorce nicht gerade in unsere Nähe kommen. Also kein Live-Erlebnis für dich?
 
Silke: Ein kleines Live-Erlebnis hatte ich bereits letztes Jahr im Rahmen des Reeperbahn-Festivals,  dass Divorce dort spielten hat maßgeblich dazu beigetragen, den Weg nach Hamburg auf mich zu nehmen.
Somit war die Enttäuschung nicht ganz so groß.
Beim genaueren Prüfen der Tourdaten habe ich neulich bemerkt, dass Divorce während der geplanten Urlaubswoche Ende April in Gent und Lille auftreten.
Also bearbeitete ich Florian,  mit mir in eine der Städte in den Osterferien zu fahren. Als es um die Entscheidung welche Stadt es werden soll,  wurde es schließlich Lille, da sich dort die Gelegenheit bietet, dort ebenfalls Ride live zu sehen. 




PVG: Florian kauft zusammen mit mir manchmal tolle Platten bei Blood Records, da hat er dich bestimmt über die schöne und auf 350 Exemplare limitierte multi-splatter LP informiert, oder?
 
Silke: Nein, leider nicht. Ich hatte es erst gesehen, als die Platte bereits nicht mehr verfügbar war, allerdings war dies wohl schon nach 18 Minuten der Fall.

 


These are big-hearted songs full of personal exploration and finding your feet, whether on the yearning of Lord – an ode to an inaugural queer relationship – or the tongue-in-cheek industry skewering of All My Freaks (“You and all of your toys are so deluded”).
Central to Divorce’s heart-on-sleeve charm is the pairing of co-vocalists Tiger Cohen-Towell and Felix Mackenzie-Barrow. Both storytellers with an ear for a pleasingly odd detail and a delivery that leaves it all on the stage, they’re the endearing fulcrum at the centre of a band that musically bend all sorts of ideas – country; indie; heavy, shouty catharsis on Karen; Americana sweetness on Parachuter – to their own shape. (…)
But Drive to Goldenhammer displays a depth to the songwriting that feels hard-earned, exciting and entirely their own.


15. März 2025

Miya Folick - Erotica Veronica


Es heißt zwar „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, aber dennoch stelle ich - trotz des Blicks auf das Plattencover - „Erotica Veronica“ heute vor. Denn ich habe Wiedergutmachung bei Miya Folick zu leisten, denn erstens hatte ich ihr zweites Album „Roach“ (2023) einige Monate links liegen lassen und dann zweitens den sich anbahnenden 7,5000-Punktedurchschnitt mit meiner Wertung gesenkt, so dass statt einer möglichen Top 50-Platzierung nur Rang 100 heraus sprang.

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder“ heißt es es bei Franz-Josef Degenhardt, aber Miya Folick möchte genau dies. Ihre Lieder soll man singen und hören und dazu ist es förderlich, dass ein möglichst breites Spektrum abgedeckt wird. Dieses reicht von lieblichem Pop im Stile Natalie Imbruglias („Erotica“) über flötenden Artpop („Felicity“) und pluckernden Elektropop („Hypergiant“) bis zu sich langsam steigerndem Indierock („Fist“, „Hate Me“, „Love Wants Me Dead“). 

Für den im Vergleich zu den Vorgängeralben etwas rockig-dreckigeren Sound - irgendwie muss ja noch einmal auf das Cover eingegangen werden - sorgte Miya Folick als Produzentin wohl selbst. Insgesamt bietet „Erotica Veronica“ 11 Pop-/Rock-Songs in knapp 42 Minuten. 


 


Wenn sich die neuen Songs zuweilen ein wenig süßlich anhören, dann liegt das nur daran, dass Miyas mädchenhafte Stimme sich für ein solches Setting geradezu anbietet. Die Diskrepanzen zwischen dem gefälligen Schönklang und der Komplexität der Arrangements und der Vielschichtigkeit der Empowerment-Lyrics erschließen sich nämlich erst beim zweiten Hören. Schon alleine das Titelfoto, das Miya in einem Schlammtümpel zeigt, macht deutlich, dass es ihr nicht um den schönen Schein, sondern eher dem Schmutz unter den Fingernägeln der Psyche geht.


 


Und so ist EROTICA VERONICA gleichermaßen eine Platte, auf der die stimmlich Hochbegabte konsequent das Begehren umkreist, wie eine, auf der sie den Electro-Pop ihrer ersten beiden Alben weitestgehend hinter sich lässt.
Stattdessen hört man hier elf ebenso supergriffige wie emotional aufgeladene Songs zwischen smoothem Indie-Pop und tiefschürfendem Indie-Rock, die vor lauter Sehnen regelrecht zu vibrieren scheinen, und dabei mit Anleihen an Alanis-Morissette-Überschwang („La Da Da“) und Cranberries-Düsternis („Love Wants Me Dead“) ein Höchstmaß an Vitalität und Dringlichkeit versprühen. Toll!