28. Februar 2025

Christopher Annen & Francesco Wilking - Alles was ich je werden wollte


Christopher Annen
ist das A in AMK, der Gitarrist bei AnnenMayKantereit. Deren Debütalbum „Alles nix Konkretes“ (2016) hat es auch zu Platten vor Gericht geschafft, jedoch konnte das verheerende Urteil der Richter nicht verhindern, dass es bis auf Platz 1 in den deutschen Charts ging. Seitdem hat die Kölner Pop-Rockband drei weitere, ähnlich erfolgreiche Alben herausgebracht. 

Francesco Wilking
war zunächst Sänger der Band Tele, veröffentlichte dann ein Soloalbum und gründete anschließend mit Moritz Krämer die Band Die Höchste Eisenbahn. Er ist Mitinitiator der Albumserie „Unter meinem Bett“ sowie der Projekte Crucchi-Gang und Artur & Vanessa.

Los ging es tatsächlich mit Wilkings Anfrage, ob AnnenMayKantereit ein Lied für „Unter meinem Bett“ beisteuern könnten. Konnten sie nicht. Jedoch hatte Annen dann einen Solosong („Ohne dich hätt’ ich mich nicht getraut“) für die fünfte der mittlerweile achtteiligen Kinderlied-Reihe. 
Der Kontakt war geknüpft, die Lust, gemeinsam zu musizieren, vorhanden, und so traf man sich 2023 um einen einen Annen- und einen Wilking-Song zusammen aufzunehmen. Im Studio wurden dann aus zwei Liedern sechs. Im folgenden Jahr traf man sich noch einmal und heraus kamen neuen weitere Annen & Wilking-Songs, die Freunde mit Bläsern, Streichern und Gesang (beispielsweise Stefanie Schrank („Blackbox“) und Rocko Schamoni („Hundertmal Nichts (Gold)“)) aufhübschten. Zu finden sind diese 15 Lieder nun auf „Alles was ich je werden wollte“. Das Album bietet größtenteils entspannten, melancholischen Liedermacherpop, Ausnahmen sind beispielsweise die flotteren „Die Entscheidung ist vertagt“ und „An nem guten Tag“, die an Wir sind Helden bzw. International Music denken lassen.


15 Songs, die wie nebenbei hingetupft wirken, aber zugleich doch fein zise­liert und ausformuliert sind. Zeilen, die simpler nicht sein könnten, aber doch weise das Menschsein auf den Punkt bringen.
So wie in der herrlich verwehten Klage „Kein Tourist (Nur damit ihrs wisst)“, die jeder gut ver­stehen kann, der schon mal in Rom oder Barcelona oder Machu Pic­chu einer von vielen war, aber doch glaubte, er sei dann doch anders als all die anderen. (…)
Angesichts die­ser Themen ist es kein Wunder, dass die Grundstimmung melancholisch ist, aber all die schönen Sätze flie­ßen eben ganz selbstverständlich vorbei – lässig wie die Musik, die im­mer den naheliegenden Ton und den warmen Klang im mittleren Tempo findet, ohne – und das ist dann die Kunst, die Francesco Wilking wie kaum jemand sonst beherrscht – auch nur eine Sekunde eintönig zu klingen.


 


 


Grob lässt sich diese knappe Dreiviertelstunde zwischen den Polen Indie, Pop und Rock verorten. Christopher Annen und Francesco Wilking streifen auf ihrem Weg zwischendrin auch sehr ruhige Gewässer, "Ich glaub, wir meinen das Gleiche" ist dafür ein gutes Beispiel mit seinen feinen Zeilen "Doch ein Gespräch zwischen Tür und Angel kommt halt nur zustande, wenn man sich nicht knapp verpasst". Fast schon schwelgerische Opulenz hält in "Frag mich, was Du willst" Einzug. (…)
Mit klugem Witz, gebotenem Ernst und vielen cleveren Ideen spielt sich hier ein Duo in den Vordergrund, aus dem vielleicht eine festere Verbindung entstehen kann. 


 





27. Februar 2025

Cutouts - Snakeskin


Die erste Vorladung (VI-MMXXV)

Personalien:
Alex MacKay kennt man als aktuellen Bassisten der New Yorker Synthpop-Band Nation Of Language, Cutouts ist sein Soloprojekt. 

Tathergang:
Erst 2022 stieg MacKay bei Nation Of Language ein, bereits zuvor musizierte er unter dem Namen Cutouts und veröffentlichte 2017 auf Kassette mit „Baby Blue Suede“ eine erste EP.
Aber auch als Mitglied von Nation Of Language wurden weiterhin digital Singles von ihm veröffentlicht („Zeke“, „Narc“, „Cowgirl“, „Paw Of The Monkey“, Bloodsucker“ und „Firstborn“), die nun - mit Ausnahme von „Rotation“ - auf dem ersten Album von Cutouts versammelt sind. In die Entstehung von „Snakeskin“, das in limitierter Auflage auch als LP (black Vinyl) erhältlich ist, waren keine seiner Bandmitglieder involviert, jedoch arbeitete er mit dem Stufdiotüftler Abe Seiferth zusammen, der auch das Debütalbum von Nation Of Language produziert hatte. Auf „Cowgirl“ hören wir die Stimme der Folksängerin Sarah Beth Tomberlin. 

Plädoyer:
Snakeskin“ könnte wie alle Alben von Nation Of Language auch gut ein Produkt der 80er Jahre sein, wäre damals aber wohl vor allem in Darkwave-Kreisen zu Beliebtheit gelangt. Düstere und tanzbare Elektronik-Sounds und Einflüsse von Post-Punk und Industrial sind zu vernehmen, fehlt nur noch, dass Trockeneis-Nebel aus den Lautsprechern wabert.

Zeugen:

The album, titled Snakeskin, is a captivating blend of shimmering synths and vocals layered over pulsating beats and bass lines. It defies easy categorization, occupying a space between synth-pop and darkwave with its unique fusion of dark and heavy elements. From the opening track “Narc” with its growling bass and driving beat, Snakeskin immediately commands attention and refuses to let go. I highly recommend it.

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


26. Februar 2025

The Murder Capital - Blindness


Erneut legen The Murder Capital zu Beginn des Jahres ein Album vor, an dem die anderen Veröffentlichungen in den verbleibenden 10 Monaten erst einmal punktemäßig vorbeiziehen müssen. So zum ersten Mal geschehen 2023, als das im Januar erschienene „Gigi’s Recovery“ nur insgesamt 16 andere Platten passieren lassen musste und mit 7,875 Punkte die Top 20 erreichte und damit das Debüt „When I Have Fears“ (2019; 7,333 Punkte, Platz 51) klar übertrumpfte.

Erneut ging das Dubliner Quartett mit dem Produzenten John Congleton (Sigur Rós, Death Cab For Cutie, St. Vincent) ins Studio, jedoch mit einer veränderten Herangehensweise: James McGovern (Gesang), Damien Tuit (Gitarre), Cathal Roper (Gitarre), Gabriel Paschal Blake (Bass) und Diarmuid Brennan (Schlagzeug) hatten live wohl Schwierigkeiten den Sound von „Gigi’s Recovery“ zu reproduzieren, so dass „Blindness“ möglichst schnell und ohne großen Firlefanz sowie Studiotricksereien eingespielt wurde. Entsprechend roh und lärmend wirkt der Post-Punk auf „Moonshot“, „The Fall“ oder „Can't Pretend To Know“. Das sechsminütige „Love Of Country“ wagt bei gedrosseltem Tempo ein paar Schlenker, „Words Lost Meaning“ schaut beim Grunge vorbei und kommt einem Hit am nächsten, „Trailing A Wing“ zeigt uns The Murder Capital als schräge Melancholiker.

„Blindness“ bietet 11 Songs in 41 Minuten und ist über das bandeigene Label Human Season Records als CD, Kassette und LP (yellow Vinyl, black Vinyl, black Splatter Vinyl) erschienen. 


Folgerichtig klingt „Blindness“ dringlich, dreckig, rauschhaft – und ist trotz der rasanten Eröffnung „Moonshot“ kein Post-Punk-Schnellschuss geworden.
Das neue Album versprüht einerseits den Willen zur Ursprünglichkeit: nichts verkomplizieren oder mit Overdubs vollstopfen. Großartig, wie sich in „That Feeling“ E-Gitarren aus dem Mumpf eines schimmligen Proberaums wühlen. Andererseits können The Murder Capital Songs schreiben. Und was für welche! 


 


 




25. Februar 2025

10 Schallplatten, die uns gut durch den März bringen


10. Masha Qrella - Songbook (Limited Edition) (Clear Vinyl)  (28.3.25)








9. No Body - Loves You (Coloured Vinyl) (07.03.2025)






8. Lady Gaga - Mayhem (Opaque White Vinyl, 2 LPs) (7.3.25)






7. Jason Isbell - Foxes In The Snow (Indie Edition) (Metallic Gold Vinyl) (7.3.25)






6. Deacon Blue - The Great Western Road (Blue Colored) (21.3.25)






5. Bob Mould - Here We Go Crazy (Limited Edition) (Black, Blue & White Smush Vinyl) (7.3.25)






4. Kraftwerk - Autobahn (50th Anniversary) (2009 remastered) (Picture Disc) (7.3.25)






3. CocoRosie - Little Death Wishes (Teardrop Aqua Vinyl) (28.3.25)







2. The Slow Readers Club - Out Of A Dream (Cloudburst Splatter Vinyl) (Indie Exclusive) (14.3.25)






1. Athlete - Tourist (20th Anniversary) (Dinked Archive Edition) (remastered) (Limited Edition) (Crystal Clear Vinyl) (Black Vinyl 7") (28.3.2025)







24. Februar 2025

Rats On Rafts - Deep Below


Die erste Vorladung (V-MMXXV)

Personalien:
Nicht Snail On Ice, sondern Rats On Rafts ist der Bandname dieses Quartetts aus Rotterdam, das aus David Fagan (Gesang, Gitarre), Arnoud Verheul (Gitarre, Gesang), Natasha van Waardenburg (Bass, Keyboards) und Mathijs Burgler (Schlagzeug) besteht.

Tathergang:
Die Band existiert seit 2005, auch wenn es im Verlauf von zwei Jahrzehnten Wechsel im Lineup an Bass und Schlagzeug gab. 2011 wurde das Debütalbum „The Moon Is Big“ veröffentlicht, dem „Tape Hiss“ (2015), „Excerpts From Chapter 3: The Mind Runs a Net of Rabbit Paths“ (2021) und nun „Deep Below“ folgten. Das vierte Album wurde im eigenen Kurious Recording Studio aufgenommen, von Fagan und Verheul produziert und ist über Fire Records als LP (grey Vinyl) erschienen.

Plädoyer:
Neun kalte und verhallte Songs in 41:21 Minuten, die den Post-Punk, Gothic Rock und New Wave der 80er Jahre herauf beschwören und Freunden von The Cure bis Echo & The Bunnymen gefallen könnten.

Zeugen:

So ist es generell auf „Deep Below“ mit seinen stimmungsmäßig starken Stücken. Einige davon sind unglaublich charismatisch, den meisten liegen jedoch erst mal traurige Melodien und düster angestrichene, schwer krachende Riffs zugrunde, wie man sie von The Cure und Echo & The Bunnymen kennt.
Danach bringen ein triumphierendes Schlagzeug und frei stehende, lange, hell klingende Synth-Passagen das Ganze aber gleichzeitig zum Leuchten und verweisen auf die Hoffnung am Horizont. Um die Dichotomie aus Dunkelheit und hauchfeinem Lichtstrahl geht es insgesamt auf „Deep Below“. (…)
Einige Songs des Quartetts verpflichten sich der nahtlosen Fortführung schneidender und doch zugleich melodiöser Musik im Stile der Psychedelic Furs. Sie ziehen die Register des Post-Punk mit undurchdringlichen Gitarren, die fast alle Lyrik zur Seite wischen.
Das massive „Sleepwalking“ dröhnt wie eine große Walze und ist der lang gezogene Höhepunkt des Albums, auf der am Ende die perfekt ausbuchstabierte Tristesse kulminiert.
„Deep Below“ eignet sich für Hörer*innen, die sich Depeche Modes „Enjoy The Silence“ mit sägenden Gitarren und  Einstürzende Neubauten in sphärischen Minuten vorstellen können und beides gut fänden.

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
03.04.25 Freiburg, Swamp
0404.25 Karlsruhe, Kohi
05.04.25 Schorndorf, Manufaktur
06.04.25 Neu-Ulm, Gold
22.04.25 Aachen, Musikbunker
23.04.25 Hamburg, Goldener Salon
24.04.25 Jena, Trafo
25.04.25 Berlin, Schokoladen
26.04.25 Leipzig, UT Connewitz

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


22. Februar 2025

Sam Fender - People Watching


Werfen wir heute einen Blick auf das gestern veröffentlichte neue Album von Sam Fender. Oder, um genauer zu sein, auf die Schallplatte und das Plattencover, in dem diese steckt, denn da hat Fender fast so viele Varianten wie Songs zu bieten. Hier sind sie:

1. Green Vinyl (mit alternativem Artwork):
 



2. Black and white striped Vinyl  (mit alternativem Artwork):




3. Black Vinyl (und dem regulären Plattencover):




4. „Blue Yolk“ Vinyl (mit alternativem Artwork):




5. White Vinyl (mit alternativem Artwork):




6. „Pink Yolk“ Vinyl (mit alternativem Artwork):




7. Picture Disc (with exclusive artwork by Neal Fox):




8. Silver with purple splatter Vinyl (im regulären Plattencover):





 


Treibende Gitarren, Pathos-Dusche im Refrain und das obligatorische Saxofon: Mit dem euphorischen Titelsong „People Watching“ geht Fenders dritte Platte los. Das klingt vertraut: Der 30-jährige Liedermacher aus North Shields hat wieder seinen Bruce Springsteen studiert, mit produziert hat den Song Adam Granduciel, an dessen Band The War On Drugs später auch der sozialkritische US-Rock „Crumbling Empire“ erinnert. Folk-lastiger sind dagegen Songs wie „Wild Long Lie“.
(…) PEOPLE WATCHING ist ein tolles RoadtripAlbum, das daran erinnert, wie berührend Gitarrenmusik sein kann.


 


Mit einigen Stücken von „Seventeen Going Under“ (2021) hat sich der englische Sänger und Songschreiber zum Springsteen für Millennials aufgeschwungen. Heartland-Rock britischer Provenienz. Pathetisch, mitreißend, großartig. Ein Versprechen, das Sam Fender auf seinem dritten Album nur bedingt einlösen kann. Das Hauptproblem liegt darin, dass „People Watching“ die epigonale Formel einfach wiederholt. (…)
„Nostalgia’s Lie“ lässt keinen anderen Vergleich als Ryan Adams zu, „Chin Up“ ist die überlebensgroße Britpop-Sinfonie im Stil von The Verve. Die durch Bläser beseelte Hymne „Remember My Name“ zeigt, dass Fender auch abseits des generischen Rock-Sounds Talente hat.


21. Februar 2025

Basia Bulat - Basia’s Palace


Der beste Song von Basia Bulat - und daran ändert auch ihr siebtes Album nichts - ist „It Can’t Be You“ aus dem Jahr 2013. Zwei Jahre später hatte ich das Glück, den Song, solo von der kanadischen Folkmusikerin vorgetragen, im Vorprogramm von Sufjan Stevens live hören zu dürfen.

Neulich war Basia Bulat wieder in Deutschland unterwegs und fast hätte sie mich wieder als Support positiv überrascht, aber diesmal hatte ich mich gegen einen Ticketkauf entschieden, da Efterklang, mit denen sie unterwegs war, gleich zwei Einträge auf meiner Festival 2025-Liste haben (Maifeld Derby und Traumzeit Festival), so dass ich auf deren Tour verzichtete. Ich warte ja noch auf den Tag, an dem ich entdecken, dass Barbara Josephine Bulat allein mit Mandoline und Autoharp (oder zur Not auch in kleiner Bandbesetzung) durch Deutschland tourt und zwischen ihren Stationen in Köln und Frankfurt noch einen freien Tag für ein Wohnzimmerkonzert hat.

Jetzt aber erst einmal zu ihrem neuen Studioalbum „Basia’s Palace“, das fünf Jahre nach „Are You In Love?“ auf CD und LP (Coke Bottle green Vinyl) veröffentlicht wird (zwischen durch war noch eine Art Retrospektive in Streicher-Arrangements namens „The Garden“ (2022) erschienen).
Minimalistische Folkklänge und melancholische Streicher-Neuinterpretationen hat Basia Bulat hinter sich gelassen und tänzelt schwungvoll in Richtung elektronischer Popmusik („My Angel“, „Spirit“). Dabei können aber auch immer Herzschmerz oder Nostalgie mitschwingen, wie beispielsweise auf „Disco Polo“, in dem sie über die Liebe ihres verstorbenen Vaters zur polnischen Variante des Eurodance singt. Dazu gehört wohl auch, dass sie in ihrer „Vatersprache“ singt: 
Mama would play guitar and papa had his Disco Polo 
Mama na gitarze grała , tata sluchal disco polo 
 

 


Gegen Ende von „Basia’s Palace“ werden in mehreren Songs („Daylight“ oder „Laughter“) aber auch Einsamkeit und Verlust thematisiert und bei gedrosseltem Tempo in ein passenden Dreampop-Klang gewandet.
Das Album wurde von Basia Bulat zusammen mit ihrem langjährigen Weggefährten Mark Lawson produziert und vom legendären Tontechniker Tucker Martine (Beth Orton, Neko Case, The National) abgemischt. Die Streicherarrangemtens - denn von diesen hat sich die Kanadierin nicht verabschiedet - stammen von Drew Jurecka (Dua Lipa, Alvvays).


 


The result feels like an album that was concealed behind the backings of Bulat’s childhood photos—tracks like “My Angel,” where mystery and romance mingle over squelchy synths + drum-machine, with a soaring string arrangement by Drew Jurecka (Dua Lipa, Alvvays), or “Laughter”— which was mixed, like all tracks on the record, by legendary engineer Tucker Martine (Beth Orton, Neko Case, The National)— that takes a quiet domestic scene and sees it build to a deafening sublime. “Disco Polo” is a track Bulat’s been threatening to make forever—a folk-song named for a genre of trashy Polish dance music that was beloved of her father—whereas “Baby,” which took years to finish, makes an elegant dance number out of an oh-too-familiar predicament: “Baby, baby, baby,” Basia sings, “I don’t learn!” At some moments there are shades of Serge Gainsbourg and Brigitte Bardot’s “Bonnie and Clyde” or Charles Aznavour’s “Emmenez-Moi”; at others it’s the silicon-shiny sweetness of The Cardigans’ “Lovefool” or Air’s Moon Safari.

 


20. Februar 2025

Heather Nova - Breath And Air


Vor der Veröffentlichung des dreizehnten Studioalbums von Heather Nova habe ich mir noch einmal „Oyster“ angehört, um zu ergründen, was mich vor mehr als 30 Jahren so für die Musikerin aus Bermuda begeistert hat: „Walk This World“ ist gitarriger Indiepop, der aufgrund seiner Eingängigkeit Zurecht seinen Weg ins Radio fand, „Islands“ ist eine akustische Ballade mit Cello-Begleitung und Novas Hintergrundgesang zeigt, warum bei ihrem nächsten Album der Titel „Siren“ gut gewählt war, „Throwing Fire At The Sun“ wird von E-Gitarre, Bass und Schlagzeug befeuert und zeigt die rockige Seite von Heather Nova. Die restlichen Songs lassen  sich gut und nahezu gleichberechtigt diesen drei Kategorien zuordnen, was „Oyster“ zu einem abwechslungsreichen Album werden lässt.

Auf diese rockigen Elemente verzichtet Heather Nova - und dies gilt für nahezu alle Alben nach „Siren“ - leider auf „Breath And Air“ komplett. Sie spart jedoch nicht an den mit, von Midori Jaeger eingespielten, Cello verzierten Akustik-Balladen („Ebbs And Flows“, „Beginner“, „I Blame It On Myself“, „Magnificent“). Das frühe Einlullen verhindern sanft pulsierende elektronische Beats, die neu im Angebot sind und mich ein wenig an MissinCat denken lassen. So bietet „November Skies“ fast so etwas wie Dramatik oder verführt „From Up Here“ zum Mitwippen. „A Human Experience“ experimentiert mit an- und abschwellenden Synthesizerklängen, Beats im Rhythmus des Herzschlages sowie verzerrten Stimmen und wird somit zum spannendsten Song des Albums.
Etwas mehr Varianz, wie beispielsweise beim etwas schnelleren „Butterflies And Moths“, hätte „Breath And Air“ gut getan.

Die 13 Songs wurden mit dem Produzenten Chris Bond (Ben Howard) in dessen Studio in Devon in vier Wochen innerhalb der letzten beiden Jahre aufgenommen. „Breath And Air“ ist als CD und LP erhältlich. Die Farben der Schallplatte wurden dem Artwork angepasst: cool blue Vinyl, solid orange Vinyl und green transparent Vinyl.


 


 





19. Februar 2025

Tocotronic - Golden Years

 

Natürlich, wenn ein Album „Golden Years“ heißt, muss es auch auf gold Vinyl erscheinen. Neben dieser limitierten Auflage gibt es das 14. Albums von Tocotronic auch als CD, Kassette, LP (transparent Vinyl) und - damit kommen wir noch einmal zum Aurum zurück - als special gold Vinyl im schwarzen Gatefold Cover mit 7’’ Vinyl mit zwei Bonussongs.

Bei Platten vor Gericht reichte es für Dirk von Lowtzow (Gesang, Gitarre), Jan Müller (Bass), Arne Zank (Schlagzeug) und Rick McPhail (Gitarre, Keyboards), der sich nach den Aufnahmen zu „Golden Years“ auf unbestimmte Zeit „aus persönlichen und gesundheitlichen Gründen“ eine Auszeit von der Band nimmt, bisher nicht zur Goldmedaille. 

Zumindest die Top 20 wurden mit den letzten drei Alben erreicht: „Nie wieder Krieg“ #11 (2022), „Die Unendlichkeit“ #5 (2018) und „Tocotronic (das rote Album)“ #9 (2015). Vielleicht geben sich die Hamburger ja auch mit der Silber- oder Bronzemedaille zufrieden. Schauen wir einmal, wie die professionellen plattenkritiker die Chancen von Tocotronic einschätzen:


Aber nicht nur die Vergangenheit ist nicht so glorreich, wie es schien, vor allem die Gegenwart sieht nicht gut aus: Berlin ist auch nicht mehr das, was es mal war („Bye Bye Berlin“), Depression greift um sich („Niedrig“), und in der Zukunft warten nur der Tod und sogar der jüngste Tag, der „nur einen Wimpernschlag entfernt“ ist („Ein Rockstar stirbt zum zweiten Mal“). Doch: Wir sind hier nicht im Selbstmordkommando, Dirk!
Es gibt auch seltsam steifen Humor und Schüttelreime („Tanz“ auf „Romanz-e“ auf „Ambulanz“), die ein wenig Erleichterung verschaffen. Und es gibt den Song, der den Kopf musikalisch und inhaltlich nicht hängen lässt. „Denn sie wissen, was sie tun“ ist laut und kämpferisch und hat einen dermaßen überzeugenden Ton-Steine-Scherben-Vibe, dass man drei Minuten und 19 Sekunden doch tatsächlich glauben möchte, dass Küsse helfen gegen die, die „völlig selbstverständlich Fiesheit als Identität“ leben und „immer mehr“ werden. Die Hoffnung, dass uns vielleicht doch noch GOLDEN YEARS bevorstehen, stirbt also zuletzt.


  


Ernste Themen und Grübeleien auf dem Album einer Band, die dennoch gerne mit ihrem eigenen Humor kokettiert. Das schön rauschig-knisternde "Mein Unfreiwillig Asoziales Jahr" bringt mit seinem albernen Titel zumindest kurz Heiterkeit, auch wenn das lyrische Ich hier eher in Agonie erstarrt und sorgenvoll in die Zukunft blickt. Es sind kleine Mini-Dramen, die sich abspielen, so kämpft "Ein Rockstar Stirbt Zum Zweiten Mal" mit Bedeutungsverlust. "Es ist nur ein Wimpernschlag bis zum Jüngsten Tag": Die Hölle öffnet ihre Pforten, doch der Rockstar landet nur im Hospital. Ein überraschend harter Rocksong, besonders in Anbetracht der letzten Alben, die eine Transformation Richtung Pop durchliefen.
Weniger Arrangement, dafür kompromisslos nach vorne, das dürfte Fans der Hamburg Years durchaus gefallen. Eine Phase, in der Tocotronic ihren Idolen Dinosaur Jr. und Hardcore-Punk-Bands nacheiferten. Auch "Bye Bye Berlin", eine leicht sarkastische Anklage der Berliner Kahlschlag-Politik, flirtet wieder mehr mit dem Lo-Fi-Pastiche der frühen Tage. (…)
Es fühlt sich an, als ob Tocotronic mit "Golden Years" eine Trilogie über Leben, Tod und Unendlichkeit beenden. Eine Zeit, die uns allen viel Kraft, Mut und Hoffnung kostete, aber auch daran erinnerte, was Menschlichkeit bedeutet. So ist mit "Golden Years" vielleicht die Zeit gemeint, die wir miteinander und nicht mehr gegeneinander verbringen.


 


Die an der Rätselhaftigkeit des Daseins knabbernden Slacker geben Tocotronic wie üblich nur noch selten. Etwa in "Mein unfreiwillig asoziales Jahr", das zu Jaul-Gitarre und windschiefen Streichern entweder die Corona-Isolation rekapituliert oder aber dem eigenen LoFi-Frühwerk zunickt. Der flackernde Dub-Reggae "Niedrig" hingegen beklagt omnipräsentes Niveaulimbo so umnachtet, als hätten sich Die Sterne für das ähnlich entrückte "Klebrig-vermutlich" die Geister-Mundharmonika von Clinic geborgt. Kein Außen mehr? Gut möglich, wenn das prächtig wogende, gniedelige Quasi-Epos "Wie ich mir selbst entkam" über Identität und Chaosmose brütet und "Der Seher" die Dynamik so weit anzieht, bis der pointierteste Hit herauskommt, zu dem man hier mit dem Popo wackeln kann. Man sollte sogar, denn wenig später heißt es: "Ich verbrenne jeden Tag einen neuen Song / Über die Todesangst, die mich besuchen kommt, wenn ich nicht schlafen kann." Die Folter endet nie. Dieses großartige Album nach gut 40 Minuten leider schon.




18. Februar 2025

The Wombats - Oh! The Ocean


Oh, The Wombats! Bei Platten vor Gericht verlief es für das Trio reziprok zu den Charts in ihrer Heimat. Den Höhepunkt erreichten die drei Jungs aus Liverpool bereits direkt mit ihrer ersten (Japan only) Veröffentlichung „Girls, Boys & Marsupials“, die Platz 8 erreichen konnte, danach landeten Matthew Murphy (Gesang, Gitarre, Keyboards), Tord Øverland Knudsen (Bass) und Dan Haggis (Schlagzeug) eher unter ferner liefen. Das kleine Zwischenhoch für „Beautiful People Will Ruin Your Life“ (2018; Rang 25) soll aber nicht verschwiegen werden. In die Hitlisten des Vereinigten Königreiches konnten The Wombats mit ihrem eigentlichen Debüt „A Guide to Love, Loss & Desperation“ erstmals einziehen und danach sollte es Album für Album besser werden, so dass mit „Fix Yourself, Not The World“ 2022 erstmals die Spitze der Charts erreicht werden konnte.

Ihr sechstes Studioalbum soll diesen Erfolg nun wiederholen und dabei sollen zahlreiche physische Tonträger helfen: „Oh! The Ocean“ ist als CD (auch als Extra-Waves Edition mit 4 Demoversionen), Kassette und Schallplatte (transparent blue Vinyl, light/dark blue Vinyl, cloudy clear Vinyl, yellow and blue-sparkle split Vinyl, eco-record Vinyl mit alternativem Artwork) erhältlich.

Entstanden ist das Album in sechs Wochen im Echo Park in Los Angeles mit dem Produzenten John Congleton (St. Vincent, The Decemberists, Death Cab for Cutie, The Polyphonic Spree). Von den insgesamt 50 aufgenommenen Songs wurden 12 für das Album ausgewählt, so dass keine Skip-Kandidaten zu erkennen sind. Mal zeigen sich The Wombats - und das muss wohl an L.A., der Sonne und dem Meer liegen - in entspannter Stimmung (etwa bei „Sorry I'm Late, I Didn't Want To Come“ oder bei „Reality Is A Wild Ride“, das ziemlich nach Death Cab For Cutie klingt), selten lassen sie es rocken („Blood On The Hospital Floor“), aber immer sind sie melodiös. Zu den Highlights zählen für mich „Kate Moss“ und  „My Head Is Not My Friend“.

The Wombats in Deutschland:
01. April 2025 Köln, E-Werk
03. April 2025 München, Theaterfabrik
07. April 2025 Berlin, Columbiahalle 
08. April 2025 Münster, Jovel Music Hall



  


Songs wie „Can’t Say No“ blicken erwachsener auf selbstzerstörerische Impulse. Statt unrefektiert in die Mitte des Geschehens zu tauchen. Heute gibt Murphy gute Ratschläge, nicht denselben Scheiß wie er selbst zu machen: „We do everything we can to create some noise / And we don‘t care if it‘s trash that fills the void.“
Ein 180-Grad-Wandel, aber logisch, wenn man mehr Zeit zum Nachdenken hat. Trotzdem bewahrt OH! THE OCEAN noch die jugendliche Spannung, die die Wombats erst so populär gemacht hat und zeichnet romantisierte Bilder vom jugendlichen Leichtsinn. Eine neue Ära für die Band aus Liverpool, die das Vergangene nicht verleugnet.


 


Jeder Song birgt eine Überraschung, der neue Produzent John Congleton sorgte für warme Backing-Teppiche. „I Love America And She Hates Me“ groovt wie die Hölle, und „The World’s Not Out To Get Me, I Am“ verhaftet einen sofort. Und ja, Sänger Murph, geläutert und nüchtern, ist besser bei Stimme denn je. 




17. Februar 2025

Kim Wilde - Closer


Die 5 besten Singles von Kim Wilde stammen aus den 80er Jahren und wurden von ihrem Bruder Ricky und ihrem Vater Marty komponiert, lediglich der zuletzt genannte Song stammt aus der Feder der beiden Geschwister: „Kids In America“ (1980), „Chequered Love“ (1981), „Cambodia“ (1981), „The Second Time“ (1984) und „You Came“ (1988) lautet die chronologische Reihenfolge. Außen vor gelassen wurde die nicht minder tolle Coverversion „You Keep Me Hangin’ On“ (1986).

Seitdem sind rund drei Jahrzehnte vergangen, die ohne tolle Kim Wilde Single auskommen mussten. Weitere Singles und Alben hat die heute 64-jährige weiterhin veröffentlicht, zuletzt „Here Come The Aliens“, das sie 2018 nach langer Chart-Abstinenz wieder auf Platz 21 in ihrer englischen Heimat führte. Auf ihrem aktuellen Album „Closer“ spielt sie nicht nur wegen des Titels und des Plattencovers auf ihr sechstes Album „Close“ (1988) an, sondern knüpft auch an den 80iger Jahre New Wave-, Pop- und Synthpop-Sound an. Mit Midge Ure (Ultravox, Visage) wurde für „Sorrow Replaced“ auch ein passender Gesangspartner gefunden. Lediglich „Love Is Love“ fällt mit seinen dumpfen Beats aus der Rolle. 

Auch wenn Papa Wilde mit seinen 85 Jahren nicht mehr involviert ist, so handelt es sich bei „Closer“ dennoch um eine Familienangelegenheit: Ricky Wilde übernahm die Produktion und das Mixing, spielte Gitarren und Keyboards ein und kümmerte sich um das Programming. Auf allen 10 Songs wird er als Komponist gelistet. Sängerin Kim Wilde selbst war bei 7  Titeln Mitkomponistin, ihre Nichte und Rickys Tochter, Scarlett Wilde singt Backing Vocals und komponierte bei 5 Liedern mit.

Es scheint sich um ein Erfolgsrezept zu handeln, denn im Vereinigten Königreich erreichte „Closer“ Platz 27 und in Deutschland sogar den 11. Rang. 


(…) das inzwischen Mittsechziger-Mädchen aus Chiswick ist immer noch fest in den 80er-Jahren verankert, singt gegen fiese Gitarren und Keyboard-Teppiche an – aber nennt in gleichem Maße unwiderstehliche Melodien ihr Eigen.
Ihr Überhit „Kids In America“ feiert eine Auferstehung in „Scorpio“, Sigue Sigue Sputnik wird in – ja, ausgerechnet – „Rocket To The Moon“ kopiert, und „Trail Of Destruction“ ist der Hit, den wir von Kylie erwartet hätten. Also: alles richtig gemacht.


 





16. Februar 2025

Heartworms - Glutton For Punishment


Die erste Vorladung (IV-MMXXV)

Personalien:
Der Name Heartworms entlieh sich Josephine Orme vom 2017er Album von The Shins. Orme wurde in London geboren und hat familiäre Wurzeln in Dänemark und China (mütterlicherseits) sowie Afghanistan und Pakistan (von Seiten des Vaters).

Tathergang:
Über Instagram kamen Josephine Orme und der Produzent Dan Carey (Fontaines D.C., Foals, Grimes, Franz Ferdinand, Hot Chip) in Kontakt, bei dessem Label Speedy Wunderground sie auch 2022 einen Vertrag unterschrieb. 2023 erfolgte eine erste EP Veröffentlichung („A Comforting Notion“) und am 7. Februar 2025 folgte das Debütalbum von Heartworms. „Glutton For Punishment“ bietet, nach einem kurzen instrumentalen Einstieg, 8 Songs in 37:08 Minuten und ist als CD und LP (black Vinyl, black & white split colour Vinyl) erhältlich.

Plädoyer:
Post-Punk trifft Gothic Rock trifft Elektropop. Freunden von Garbage, PJ Harvey, Interpol, Billie Eilish, Siouxsie And The Banshees, Depeche Mode und LCD Soundsystem zu empfehlen.

Zeugen:

Mit düsterem Post-Punk machte sich die Sängerin bereits einen Namen. Ihr wildwucherndes Albumdebüt ummantelt diesen noch mit einem diffusen, aber sehr stilsicheren Gothic-Pop – brillant produziert von Dan Carey. Zwischen nüchtern geschildertem Familien-Ungemach und lyrisch anspruchsvoll ausbuchstabierten Alltagskatastrophen findet Heartworms Musik auf einem Schlachtfeld statt. „Just To Ask A Dance“ beginnt wie eine Kriegserklärung, in „Warplane“ wird erbarmungslos der Abschuss eines Piloten geschildert. Eine Rundschau musikalisch zelebrierter Züchtigungen.

Gesanglich wandelbar von flötend bezirzend bei „Just To Ask A Dance“ über das beschwörende „Extraordinary“ hin zum storytellenden Titeltrack, erweist sich Heartworms als wortgewandte Künstlerin, deren Organ sich der Atmosphäre des Songs perfekt annimmt. So entführt das genannte „Just To Ask A Dance“ in selige 80er Jahre Synthiepop Zeiten, industrielle Beats treffen auf einen Poprhythmus, den sich Jojo Orme zum Untertan macht.
Nervös vollgepumpt, den Post-Punk zelebrierend, schleicht „Jacked“ durch Großstadtnächte, packt unbedarfte Nachtwandler am Kragen und schreit ihnen das Unbehagen ins Gesicht, rast mit mörderischer Geschwindigkeit über leere Straßen und meidet doch das immerwährende künstliche Licht der Nacht.


Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
06.03.25 Berlin, Kantine am Berghain
07.03.25 Hamburg, Nochtwache
08.03.25 Köln, Blue Shell

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


15. Februar 2025

Sivert Høyem - Dancing Headlights


Was in der römischen Zeit Pollice verso war ist heute das "Du hast / ihr habt Pop nicht verstanden" Urteil unseres Pop und Jazz-Richters. Unter diesen Vorzeichen ist es mutig von Sivert Høyem, sein neues Album "Dancing headlights" als "Pop" zu bezeichnen. 

Vor ziemlich genau einem Jahr erschien "On an island". Die Abgeschiedenheit des Aufnahmeortes konservierend, punktete es durch Intimität und verzichtete dabei auf die stimmungsvolle "Gewalt", welche das Vorgängeralbum "Lioness" und Madrugadas "Chimes at midnight" entfalteten. 

Für "Dancing in the headlights" nutzte Høyem seine bestens eingespielte Tourband, um acht Songs z. T. live einzuspielen. Das Ergebnis ist vielseitig und kurzweilig. Aber ist es poppig? Für Sivert Høyem und vor allem für seine Solo-Alben ist "Dancing headlights" ein vergleichsweise gefälliges und damit vielleicht sogar poppiges Album. Doch Høyems Tiefe und seine Baritonstimme sorgen für die Schwermut, die seine Fans lieben, obwohl es eher nach a-ha als nach Nick Cave klingt. Es handelt sich bereits um sein siebtes Soloalbum. Damit hat er mehr Platten unter seinem Namen veröffentlicht als mit Madrugada. Sollten sich die Fanlager unterscheiden, wird er mit "Dancing headlights" beiden gerecht. "Hurdle" ist für mich der Hit der Platte. 


Am 05. März wird Sivert Høyem im Rahmen seiner aktuellen Tour in Hamburg auftreten. 


"Love vs. The World":



"Dancing headlights":



Immer mit einer gewissen Melancholie, etwas Tragik und einer "Am Ende wird alles gut"-Zuversicht, die einem Musik eben manchmal vermitteln muss, wenn alles drumherum nicht nach solcher aussieht. Dafür ist Høyem da. Emotionalität in vielen Facetten. Sei es im eröffnenden, großformatigen Midtempo-Rock-Titelstück oder der ersten Single "Love vs. the world", versehen mit unverschämt eingängigen Melodiebögen. Es ist diese Schmissigkeit, die bereits "Majesty", "The kids are on high street" oder "Hands up, I love you" auszeichnete und hier mindestens gut reproduziert wird. Die Stärke von "Dancing headlights" liegt in der Abwechslung.

(Plattentests)

14. Februar 2025

Arliston - Disappointment Machine


Die erste Vorladung (III-MMXXV)

Personalien:
Hinter dem in London residierenden Duo Arliston stecken Jack Ratcliffe (Gesang) und George Hasbury (Gitarre, Produktion).

Tathergang:
Das in nur zwei Wochen entstandene Debütalbum „Disappointment Machine“ hat einen langen Anlauf benötigt, denn Arliston haben bereits 2018 mit „Enough“ ihren ersten Song veröffentlicht. Es folgten seitdem jährlich Singles und insgesamt vier digitale EPs. Den Ursprung des Albums, das als black Vinyl erhältlich ist, bildet eine romantische Enttäuschung, die Ratcliffe durchleben musste, so dass es sich thematisch um unerwiderte Liebe, daraus resultierenden Herzschmerz und den anschließenden Heilungsprozess dreht.

Plädoyer:
Arliston bezeichnen sich selbst als „Sad song specialists“ und damit könnte fast schon genug gesagt sein. Man nehme die traurigsten Lieder von Matt Berninger, Hail The Ghost, Damien Rice sowie Bon Iver (samt der unvermeidlichen AutoTune-Verfehlungen) und kommt damit dem Sound von Jack Ratcliffe und George Hasbury schon recht nahe. Und wenn das Duo in Anlehnung an „Sleep Well Beast“ von The National einen Song „Sleep Well Bean“ nennt, dann zeigt sich zwischen Trübsinn und Schwermut auch eine gute Portion Selbstironie: „I was not James Bond I was never James Dean - If I could do it over, I’d be a little less overkeen - I wasn’t very James Bond I was Mr. Fucking Bean.“ 

Zeugen:

„Disappointment Machine“ von ARLISTON nimmt uns musikalisch ganz tief mit ins Tal der Tränen ausgelöst durch Trennung, Selbstzweifel und Einsamkeit. Wunderbar schmerzlich transportiert über die reduzierte, atmosphärische Musik und traurig-schön erzählt durch die nachdenkliche und melancholische Stimme von JACK RATCLIFFE. Das Album ist sicherlich keine Musik, um gute Laune zu bekommen, eher was für die nachdenklichen Momente des Lebens. ARLISTON kann man somit den selbsternannten Titel als ‚Sad Song Specialists‘ bescheinigen. Hoffen wir nur, dass die beiden Jungs sich bald auf andere musikalische Stimmungen ‚spezialisieren‘, für andauernde Trauer sind sie doch etwas jung.


Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


13. Februar 2025

Low Roar - House In The Woods


Zuerst die erfreulichen Nachrichten: Im September 2022 wurde von Ryan Karazija nicht nur eine Re-Release der bisherigen Alben seiner Band auf Vinyl sondern auch ein neues Album angekündigt. Am 7. Februar 2025 erfolgte dann die physische Veröffentlichung des sechsten Studioalbums von Low Roar. „House In The Woods“ ist als CD und Doppel-LP (green Vinyl) erhältlich. Die 11 sanften, getragenen Songs laufen 52 Minuten, schweben irgendwo zwischen Folktronica, Dreampop, Ambientpop und Indierock dahin, laden zum Träumen und lassen einen an Sigur Rós, Talk, Talk, Radiohead oder Ólafur Arnalds denken. 

Nun zu den traurigen Nachrichten: Der nach Island ausgewanderte US-Amerikaner Ryan Karazija, Gründer, Sänger und Komponist von Low Roar verstarb nur fünf Wochen nach den oben genannten Ankündigungen Ende Oktober 2022 im Alter von nur 40 Jahren an Lungenentzündung. Das Album, an dem er mit Mike Lindsay (Synthesizer, Produktion) von Tunng und Andrew Scheps (Produktion, Harmonium, Bass, trompete, Flügelhorn, Synthesizer) arbeitete, war zu diesem Zeitpunkt bereits nahezu komplett fertig. Scheps, der an allen Low Roar Alben mitarbeitete und bereits Musik für The Smashing Pumpkins, Adele, Red Hot Chili Peppers, Lana Del Rey oder Beyoncé produzierte, stellte „House In The Woods“ fertig. 

One of Low Roar’s notable strengths has been the ability to oscillate between different tangents within its immersive trademark sound with each release, never seeming to repeat the same formula while remaining true to its essential vision. To these ears, house in the woods feels a little too close in style to its predecessor LP, leaning upon the same slow-moving glacial ambient pop sound which maybe tomorrow… trafficked in. Where it differs is in its more scattershot nature, incorporating as it does several interlude-ish tracks and periodically engaging in more abrasive textures, like the ending moments of “Field of Dreams” or the nightmarish repetitions in the midst of “Gone Fishing”. The results come out rather uneven.

Said critiques shouldn’t be taken to reject the simple truth that house in the woods is often, even usually, a pretty wonderful record. True to form, the music here tends to be absolutely gorgeous. There are hordes of poignant moments, too, made only more powerful from the heartbreaking context of this release. In the final analysis, while I’m skeptical this will be too many fans’ favorite Low Roar effort, it’s also likely to satisfy nearly everyone, and to bring a tear to many an eye. Indeed, an exceptionally worthy artistic career signs off here with the title track, an absolutely pristine stunner which could not have been better chosen for the purpose. Over a gentle and sublime backdrop, Karazija murmurs lyrics both pastoral and cosmic, near the end crooning “and I will write what I’ve seen, will you read what I write?”. It’s a simply perfect moment, and goes to show that the mournful contemplation I pulled from “Field of Dreams” for fitting use as the review summary will happily be proven wrong, as this kind of transcendent art will surely stand the test of time. Rest easy.


 


 





12. Februar 2025

Horsegirl - Phonetics On And On


Als Schülerinnen und Noch-nicht-ganz-Erwachsene nahmen Nora Cheng, Penelope Lowenstein und Gigi Reece ihr Debütalbum „Versions Of Modern Performance“ (2022) in Steve Albinis Studio mit dem renommierten Produzenten John Agnello sowie mit freundlicher Unterstützung mehrere Mitglieder von Sonic Youth auf und erhielten viel Kritikerlob, das sich in einem Metascore von 82/100 kurz zusammenfassen lässt.

Mittlerweile studieren zwei Drittel der Chicagoer Band in New York und die neue Perspektive hat sie möglicherweise zum Experimentieren angeregt. Für ihr zweites Album „Phonetics On And On“ kehrten Horsegirl zwar nach Chicago in das „The Loft“ Studio von Wilco zurück, ließen aber ihren krachenden 90er Jahre Alternative Rock von Folkrock, Krautrock und Psychedelic-Rock unterwandern. Gemeinsam mit der walisischen Musikerin und Produzenten Cate Le Bon (Deerhunter, John Grant, Devendra Banhardt, Wilco) wurden die Songstrukturen vertrackter und die Arrangements ausgefeilter. Zu Gitarre, Bass und Schlagzeug gesellen sich nun mehrstimmiger Harmoniegesang, Geigen, Synthesizer und Gamelan, was eine umfassende Bezeichnung für unterschiedliche indonesische Musikensembles, die aus Metallophonen, einzelnen Gongs, Gongreihen und Trommeln bestehen.

Phonetics On And On“ bietet 11 Songs in knapp 38 Minuten und ist als CD und LP (black Vinyl, crystal clear Vinyl) erhältlich.

Horsegirl stellen ihre neuen Songs in Deutschland live vor:
10.06.25 Hamburg, Molotow Club
11.06.25 Berlin, Badehaus Szimpla
16.06.25 Köln, Bumann & Sohn


 


 





11. Februar 2025

Manic Street Preachers - Critical Thinking


10 Fakten zum neuen Album der Manic Street Preachers:

1. Es hat ein paar Jahre gedauert, aber mit ihrem letzten Album, „The Ultra Vivid Lament“ (2021), gelang den Manic Street Preachers ziemlich genau 23 Jahren nach der Veröffentlichung von „This Is My Truth Tell Me Yours“ (1998) zum zweiten Mal der Sprung auf Platz 1 der UK Charts. Ob sie diesen Erfolg mit ihrem fünfzehnten Album wiederholen können? 

2. Vielleicht helfen dabei zahlreiche physische Tonträger: „Critical Thinking“ gibt es als Standard CD, Deluxe CD (als Hardcover Book mit 12 Demo-Versionen auf einer zweiten CD), Kassette und Schallplatte (black eco Vinyl, clear Vinyl, Picture Disc). Bei der Standard LP kann man zusätzlich zu einer limitierten Variante mit einem alternativen Cover greifen:
3. Zudem gab es bei Blood Records eine längst ausverkaufte limitierte Auflage (2000 Exemplare) auf black and transparent Vinyl:



4. „Critical Thinking“ sollte eigentlich noch im Januar veröffentlicht werden, wurde dann aber zweimal verschoben, so dass es am 14. Februar in den Plattenläden stehen wird, 3 Jahre, 5 Monate und 4 Tage nach „The Ultra Vivid Lament“. Damit mussten Fans der Manic Street Preachers erst zum vierten Mal länger als drei Jahre auf ein neues Album warten. Rekordhalter ist der Abstand zwischen „Futurology“ (2014) und „Resistance Is Futile“ (2018) mit 3 Jahren 9 Monaten und 6 Tagen.

5. Jedoch gab es für hartgesottene Fans im Juli 2022 noch ein digitales „Schmankerl“: Die „Sleep Next To Plastic“-Compilation versammelte in über 60 Minuten 17 Coverversionen, welche die Waliser im Verlauf von drei Jahrzehnten aufgenommen und teilweise auf B-Seiten veröffentlicht hatten. Zu hören gab es so unterschiedliche Songs wie „Borderline“ (Madonna), „Sweet Child O’ Mine“ (Gun N’ Roses), „(Feels Like) Heaven“ (Fiction Factory), „Summer Wind“ (Frank Sinatra), „In Between Days“ (The Cure) oder „Under My Wheels“ (Alice Cooper). 


 


6. Auch bei den Singles haben Nicky Wire (Bass), James Dean Bradfield (Gesang, Gitarre) und Sean Moore (Schlagzeug) übrigens zwei Nummer-Eins-Positionen im Vereinigten Königreich erreicht: „If You Tolerate This Your Children Will Be Next“ (1998) und „The Masses Against The Classes“ (2000). Einen weiteren Spitzenreiter wird es vermutlich nicht mehr geben, denn mit „Decline & Fall“, „Hiding In Plain Sight“ und „People Ruin Paintings“ verpassten alle Singles aus Critical Thinking“ die Charts.  

7. Auf der im Oktober 2024 veröffentlichten Single „Hiding In Plain Sight“ ist erstmals der Lead-Gesang von Bassist/Texter Nicky Wire zu hören.


 


8. Auf „Critical Thinking“ halten sich die Manic Street Preachers relativ kurz: 12 Songs in 41:44 Minuten wurden in ihrer Karriere erst einmal unterboten: „Send Away The Tigers“ (2007) lief nur 38:12 Minuten.


Außerdem folgen dem hochtrabenden Titelstück elf unverschämt gut gelaunte Songs. Sie strotzen vor Optimismus mit hellem Gitarrengeklingel und Dur-Harmonien, die die Band uns mit unerklärlicher Euphorie und schamlos altmodischen Rock-Arrangements um die Ohren dengelt. Mittfünfziger Bradfeld jubelt in den hohen Tönen wie ein Zwanzigjähriger, man wähnt sich bei einem Pub-Gig der Brilliant Corners oder der Waterboys Ende der 80er- Jahre. Ist das jugendlicher Übermut oder beginnende Demenz? Hoffen wir auf Ersteres.


9. Bei Metacritic steht das aktuelle Album der Manic Street Preachers sehr gut da - was man nicht über alle ihre dort gesammelten Veröffentlichungen sagen kann: „Know Your Enemy“ (2001; 57/100 Punkten), „Lifeblood“ (2004; 66/100 Punkten), „Send Away The Tigers“ (2007; 69/100 Punkten), „Journal For Plague Lovers“ (2009; 85/100 Punkten), „Postcards From A Young Man“ (2010; 76/100 Punkten), „Rewind The Film“ (2001; 80/100 Punkten), „Futurology“ (2014; 83/100 Punkten), „Resistance Is Futile“ (2018; 73/100 Punkten), „The Ultra Vivid Lament“ (2021; 79/100 Punkten) und „Critical Thinking“ (20251; 81/100 Punkten).
 

Es gibt die linksintellektuellen Alternative-Rock-Manics und die linksintellektuellen Überlasst-den-Mainstream-nicht-den-Spacken-Manics. Letztere Version haben sie seit „Postcards From A Young Man“ (2010) nicht mehr so überzeugend gespielt. Unter der glatten Oberfläche lauern wieder mal die Tiefen des politisch grundierten Liebeslieds, etwa in dem von Nicky Wire gesungenen „Hiding In Plain Sight“.


10. Auf Konzerte in Deutschland warten ihre Fans bisher vergebens und auch schon recht lang: 2018 spielen die Manic Street Preachers zuletzt bei uns, obwohl sie in keinem Land außerhalb des Vereinigten Königreiches bisher mehr Auftritte hatten.