31. Oktober 2023

Pano - Pano


Die erste Vorladung (XV)

Personalien:
Hinter Pano steckt die aus Buchen im Odenwald stammende und mittlerweile in Berlin lebende 32-jährige Singer/Songwriterin Verona Fischer.

Tathergang:
2019 nutze die Singer/Songwriterin, die eigentlich als Sozialarbeiterin arbeitete, ihr Erspartes, um unter professionellen Bedingungen die „Water“ EP aufzunehmen. 2020 spülte die Teilnahme an einem Newcomer-Wettbewerb, bei dem sie sich gegen 2500 Mitbewerber*innen durchsetzen konnte, frisches (Preis-)Geld aufs Konto, so dass ein Studio in Malaga gebucht werden konnte, um mit dem Produzenten Ralf Christian Meyer das Debütalbum aufzunehmen. „Pano“ ist digital und als LP (black Vinyl) in Eigenregie erschienen.

Plädoyer:
Beim Künstlernamen genau die gleiche Idee wie ein Deutsch-Rapper zu haben, nämlich das Esperanto Wort für Brot zu wählen, und dann dem Album auch noch den gleichen Titel zu verpassen - keine guten Entscheidungen, wenn man Pano und deren Musik schnell im Internet finden möchte. 
Und das sollten Freunde von melancholischen Klavier-Balladen („BCH“) und munterem akustischen Folkpop („Clouds“). Schön, wenn es zwischendurch auch leichtfüßigen, tanzbaren Gitarrenpop („Let’s Go“, „Indiesmasher“, „Cut The Corners“), der in eine Playliste zwischen Shout Out Louds und Two Door Cinema Club passt. 

Zeugen:

Junge Junge. Ich könnte nicht fröhlicher sein, dass mir dieser Song vor einigen Tagen auf Apple Music empfohlen wurde. Kopfhörer rein, den Fahrtwind in der Luft während eines Sprunges auf dem Mountainbike fühlen. Unbeschreiblicher Moment. Danke für diese Bescherung.
(Simon Fpv bei YouTube)

Oh dear... I'm totally obsessed with this one... masterfully crafted tune and lyrics that leave space for thoughts and perspective.. aaand I love your smokey timbre... Big ups!
PS: It's been a while since I listened to a song in heavy rotation…
(Tom Turelur bei YouTube)

Tippi toppi, bringt hier klein und groß zum zappeln
(Kelalla bei YouTube)

Indizien und Beweismittel:


 


 


Ortstermine:
Im November/Dezember wird Pano Betterov bei acht Konzerten supporten, nächstes Jahr folgt eine eigene kleine Tournee:
09.04.2024 Leipzig - Werk02 // mit nothingspecial

10.04.2024 Köln - Blue Shell 

11.04.2024 Hamburg - Molotow Sky Bar 

12.04.2024 Berlin - Privatclub 

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


30. Oktober 2023

Orchestral Manoeuvres In The Dark - Bauhaus Staircase


10 Fakten zum neuen Album von OMD:

1. Rund 10 Jahre existierten Orchestral Manoeuvres In The Dark nicht mehr und erst eine unerwartete Einladung in eine schlimme deutsche Chart Show im Fernsehen führte die Band wieder zusammen. Abgesehen von dieser Pause mussten Fans von Andy McCluskey und Paul Humphreys noch nie so lang auf ein neues Album von OMD warten: „Bauhaus Staircase“ erscheint 6 Jahre, 1 Monat und 26 Tage nach „The Punishment Of Luxury“. 

2. „Bauhaus Staircase“ ist das vierte Album von OMD seit ihrer Wiedervereinigung und gerüchteweise ihr letztes. Es steht seit dem 27. Oktober als CD, Kassette und LP in den Plattenläden. Die CD gibt es auch als Deluxe Edition mit einem zusätzlichen Silberling, auf dem sich 13 Demo-Version befinden, die auf die Zeit zwischen November 2018 („Don’t Go“) und  März 2021 („Kleptocracy“) datiert sind.


 


3. Die LP gibt es als black Vinyl, grey Vinyl, clear Vinyl, red Vinyl, white Vinyl und split red and grey Vinyl. Mit der folgenden sind es dann sieben unterschiedliche Schallplattenfarben:

4. Nur die auf 2500 Exemplare limitierte (und ausverkaufte) Auflage auf yellow Vinyl gibt es mit diesem alternativen Cover im Die Cut Sleeve:



5. Beide Artworks stammen vom Liverpooler Künstler John Petch, der bereits für das Cover von „The Punishment Of Luxury“ und der dazugehörigen Singles verantwortlich war. 


 


6. Der Albumtitel wurde dem Gemälde „Bauhaustreppe“ des deutschen Malers, Bildhauers und Bühnenbildners Oskar Schlemmer entliehen. Es entstand als Protest gegen die von der nationalsozialistischen Mehrheit im Dessauer Gemeinderat verfügte Schließung des Bauhauses zum 30. September 1932 und hängt im Museum of Modern Art in New York.


And yet, in some ways, ‘Bauhaus Staircase’ could very much be seen as a catalogue of their best bits. It just happens to take the form of a new album. All of the elements that make OMD so consistently compelling are here in abundance – artsy flourishes (just how resolutely OMD is that album title?), dreamy torch ballads (‘Look At You Now’, ‘Where We Started’), vital, upbeat, dramatic energetic pop filled with persuasive melodies (‘Don’t Go’), poetic lyrics (‘Aphrodite’s Favourite Child’), political awareness (‘Anthropocene’, ‘Kleptocracy’). Oh, and the choral sample that has become their sonic signifier since they first employed it on ‘Souvenir’, way back in 1981. 


7. „Bauhaus Staircase“ wurde weitgehend von der Weltpolitik der späten 2010er und frühen 2020er Jahre inspiriert und wird von der Band als ihre „explizit politischste Platte“ bezeichnet. „Kleptocracy" richtet sich etwa gegen rechtsgerichtete Politiker wie Donald Trump, Vladimir Putin und Boris Johnson, „Anthropocene“ (ursprünglich als Titelsong geplant) und „Evolution of Species“ befassen sich mit ökologischen Themen. 


 


8. Das Album bietet insgesamt 12 Songs, die 42:50 Minuten laufen. Es wurde von OMD selbst produziert, die Songs „Kleptocracy“ und „Slow Train“ erhielten einen zusätzlichen Mix von David Watts (Kaiser Chiefs, Richard Hawley). Seltsam ist, dass sich auch „Don’t Go“ auf dem Album befindet, da dieser Song bereits auf der Compilation „Souvenir“ (2019) enthalten war und als Single veröffentlicht wurde.

9. Mit „Bauhaus Staircase“, „Slow Train“ und „Veruschka“ wurden vorab drei Singles aus dem Album ausgekoppelt. In den Charts konnten sie sich nicht platzieren. Dies gelang OMD zuletzt in Deutschland und im Vereinigten Königreich 2010 mit ihrer Comeback-Single „If You Want It“.


 


10. Orchestral Manoeuvres In The Dark werden im Frühjahr 2024 auf Tournee gehen. Das sind die Termine in Deutschland:
30.01.24 Offenbach, Stadthalle
01.02.24 Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
02.02.24 Hamburg, Sporthalle
03.02.24 Chemnitz, Stadthalle
11.02.24 Leipzig, Haus Auensee
12.02.24 Berlin, Tempodrom


29. Oktober 2023

Echo Ladies - Lilies


Heute räumen wir einmal mit einem Gerücht auf. Dass sich die Band Echo & The Bunnymen nach einer in ihrer Frühphase benutzten Drum Machine namens Echo benannt habe, dementierte Will Sergeant bereits recht früh und erzählte von einem Kumpel der ständig blöde Bandnamen wie The Daz Men oder Glisserol And The Fan Extractors vorschlug. Echo & The Bunnymen war einer von ihnen.

Dieses Gerücht muss es auch bis nach Schweden - Malmö, um genau zu sein - geschafft haben, denn dort haben sich Matilda Botwid, Mattis Andersson und Joar Andersén in Ermangelung eines kreativen Kumpels selbst einen Bandnamen verpassen müssen. Da dieser ihren Sound widerspiegeln sollte, wählten sie den Namen besagter Drum Machine von Echo & The Bunnymen, weil diese eine ihrer gemeinsamen Lieblingsbands war. 

Als Echo Ladies veröffentlichten die ehemaligen Schulfreunde 2018 mit „Pink Noise“ ihr Debütalbum, dem dieses Jahr „Lilies“ folgte. Die Drum Machine darf im unterkühlten Shoegaze/Dreampop-Sound der Schweden, der perfekt ans Ende der 80er / zum Beginn der 90er Jahre gepasst hätte, nicht fehlen, eine Nebel Maschine sollten sie sich - falls noch nicht vorhanden - für Konzerte ebenfalls zulegen. 
Ich hätte ihnen ja als Bandnamen Jesus & The Lush Curve vorgeschlagen.

Lilies“ bietet 10 Songs in knapp 42 Minuten und ist als CD und LP (silver Vinyl oder white Vinyl) zu haben.


 


Lead single “Dirty Dancing” opens with stabs of doomy synths and a sparse drum beat akin to Joy Division’s “She Lost Control,” but once again Botwid’s soothing vocal wraps itself around a swooning melody that lands a world away from Ian Curtis’ austere baritone.
Comparisons to the Echo Ladies sound have understandably fixated on shoegaze and dream-pop royalty like as Slowdive and Cocteau Twins, but the mangled guitar squall of “Coming Home” doesn’t even try to hide its homage to the more contemporary influence of A Place to Bury Strangers. Having spoken of their fandom of the “loudest band in New York,” Echo Ladies unleash a tune of such explosiveness that it would sit comfortably on any of Oliver Ackermann and co.’s latest long players.
But don’t be lulled into thinking Echo Ladies have turned their backs on the sort of sugary melodies that leave you yearning for the romance of a youth you probably only ever lived in daydreams. For a few seconds into “Getting On Me” it sounds like they’re about to cover “Footloose,” but where you may have been prepared for leg warmers and leotards you instead get comforting layers of fuzz and mechanical drum machine beats.






28. Oktober 2023

10 Schallplatten, die uns gut durch den November bringen


10. King Creosote - I DES (Limited Edition, Gold Vinyl) (3.11.2023)






9. Kishi Bashi - Music From The Song Film: Omoiyari (2 LPs, Blue & Sky Blue Vinyl) (17.11.2023)






8. Bosse - Übers Träumen (LP, 180g) (27.10.2023)






7. Black Box Recorder - England Made Me (25th Anniversary Edition, LP + Single 10", remastered) (17.11.2023)






6. The Sultans Of Ping FC - Casual Sex In The Cineplex (180g, Limited Numbered 30th Anniversary Edition), Translucent Yellow Vinyl) (10.11.2023)






5. Catatonia - International Velvet (Recycled Vinyl) (3.11.2023)






4. Beirut - Hadsel (Limited Indie Edition, Ice Breaker Vinyl) (10.11.2023)






3. The Polyphonic Spree - Salvage Enterprise (Lemon Vinyl) (17.11.2023)






2. Oasis - The Masterplan (2 LPs, Remastered Edition, Silver Vinyl) (3.11.2023)






1. The National - Laugh Track (2 LPs, Limited Edition, Pink Vinyl) (17.11.2023)







27. Oktober 2023

Duran Duran - Danse Macabre

 

10 Fakten zum neuen Album von Duran Duran:

1. Das sechzehnte Studioalbum von Duran Duran ist eine seltsame Mischung aus Coverversionen, neuen Liedern („Black Moonlight“, „Danse Macabre“, „Confession In The Afterlife“) und neu aufgenommenen älteren Songs: „Night Boat“ (aus „Duran Duran“, 1981), „Secret October 31st“ (B-Seite der Single „Union Of The Snake“, 1983), „Love Voudou (aus „Duran Duran (Wedding Album)“, 1993) und „Lonely in Your Nightmare“ (aus „Rio“, 1982) - letzteres in einem Mashup mit „Super Freak“ von Rick James.

2. Durch insgesamt 7 Coverversionen (u.a. von Talking Heads („Psycho Killer“), Siouxsie And The Banshees („Spellbound“), The Specials („Ghost Town“), Cerrone („Supernature“) oder Billie Eilish („Bury A Friend“) kommt „Danse Macabre“ auf 13 Titel und eine Laufzeit von 50 Minuten.

3. Die Coverversionen deuten schon auf das Konzept des Albums hin, denn „Danse Macabre“ wurde von einer Halloween Show in Las Vegas im letzten Jahr inspiriert und erscheint passend dazu kurz vor Halloween 2023.


 


4. Für den schaurigen Clip zum Titelsong nutzte der Kreativdirektor Linc Gasking die K.I.-Technologie und ließ Dracula, Pennywise und andere Horrorgestalten auf einer Gruselparty auf die untoten Version der Duran Duran-Bandmitglieder treffen. Wäre nicht „Monsterparty“ von Die Ärzte ein treffende Coverversion gewesen? 

5. „Danse Macabre“ ist als CD, Blu-Ray Audio und Doppel-LP (black Vinyl, smoke (grey) Vinyl, translucent galaxy (orange-brown) Vinyl, white and red splatter Vinyl) erhältlich.

6. Auch das Artwork passt zum Konzept, denn alle Bilder stammen aus einer Sammlung authentischer alter Séance-Fotos, die Bandmitglied Nick Rhodes bei einer Auktion erworben hat.


 


7. Als das klassische Duran Duran Lineup gilt die Besetzung mit Nick Rhodes, Andy Taylor, Roger Taylor, John Taylor und Simon Le Bon. Diese gab es (mit jahrelanger Unterbrechung) für nur rund ein Dutzend Jahre und zuletzt bis 2006 und zum Album „Astronaut“. Für 4 Stücke auf „Danse Macabre“ kehrte der an Krebs erkrankte Andy Taylor zurück.

8. Auch Warren Cuccurello, der Andy Taylor nach 1989 als Bandmitglied bzw. Tour-/Sessionmusiker ersetzte, ist auf zwei Liedern an der Gitarre zu hören.

9. Aus dem von Duran Duran, Josh Blair und Mr Hudson produziertem Album wurden vorab mit „Danse Macabre“, „Black Moonlight“ und „Psycho KIller“ drei Singles veröffentlicht.

10. Mit Victoria De Angelis von Måneskin und Nile Rodgers gibt es auf „Psycho Killer“ und „Black Moonlight“ an Bass bzw. Gitarre zwei weitere bekannte Musiker zu hören.





26. Oktober 2023

Squirrel Flower - Tomorrow’s Fire


Bisher zückten die Plattenrichter für Squirrel Flower lediglich die Wertungstäfelchen, auf denen 6 Punkte, 6,5 Punkte oder 7 Punkte aufgedruckt waren. So kamen „I Was Born Swimming“ (2020) und „Planet (i)“ (2021) auf einen Durchschnittswert von 6,5 Punkten bzw. 6,667 Punkte.

Vielleicht müsste man nun über ein weiteres Werk von Ella Williams gar nicht weiter sprechen, wären die Kritiker jenseits des Atlantiks nicht der Meinung, dass es sich bei „Tomorrow’s Fire“ um ihr bestes Album handeln würde. 

Im Studio wurde Ella Williams von Mitgliedern von The War On Drugs, Bon Iver und Wednesday unterstützt, die gemeinsam mit ihr und dem renommierten Toningenieur Alex Farrar für einen rohen, grungy US-Indierock-Sound sorgten.
„Tomorrow’s Fire“ ist anders als seine Vorgänger kein folkiger Schwelbrand mit gelegentlich auflodernden Bränden, sondern eine wütende Rock-Feuersbrunst, die allen gefallen dürfte, denen das aktuelle Album von PJ Harvey zu ruhig geraten ist. 

Tomorrow’s Fire“ ist als CD und LP (clear Vinyl, orange Vinyl) erschienen.


Her third album, Tomorrow’s Fire, is her best work. Leaning in harder than ever to rock music, the roiling catharsis so often found in Williams’ vocal performance now bleeds into the production. Tomorrow’s Fire is lean, clocking in at 34 minutes across 10 tracks, but Williams doesn’t waste a second of it.


  


Throughout Tomorrow’s Fire, Williams sounds strategically self-effacing while also cradling a quiet, growing inner certainty. The result feels like the sound of someone coming into their own, albeit not without some rough patches; she still gets good and angry, but where rage used to feel like a deadend in her previous songs, here it drives her forward.


 


Standout "Alley Light" is a daydreaming paean to escape while "Stick" refuses change at great cost. Simmering desire makes itself known in the hushed "Almost Pulled Away" and the mighty "Canyon," a common theme strung between two sonic poles. All of it is cloaked in a fug of fuzzed-out guitars and echo, yet no amount of rugged texture can dim the purity of Williams' dulcet voice. Tomorrow's Fire may be the most melancholic of Squirrel Flower's albums, but its sense of drama is captivating.





25. Oktober 2023

Emma Anderson - Pearlies


Offensichtlich hat Emma Anderson die kurzzeitige Reunion von Lush vor einigen Jahren viel Spaß bereitet, jedoch kam außer einigen Konzerten nur noch die „Blind Spot“ EP mit den ehemaligen Weggefährten zustande. Für Anderson war dies aber der Anstoß, um nach drei Alben mit Lush (dazu kamen einige EPs und ein Mini-Album) in den 90er Jahren sowie zwei wenig beachteten Alben als Mitglied von Sing-Sing zu Beginn des Jahrtausends, sich, in der Ü50-Altersgruppe angekommen, erstmals an einem Soloalbum zu versuchen.

Emma Anderson konnte bei dem mehrjährigen Prozess, der durch die COVID 19-Pandemie noch in die Länge gezogen wurde, auch auf Songs zurückgreifen, die sie eigentlich für ein neues Album von Lush komponiert hatte. Mit James Chapman, der unter dem Namen Maps als Songwriter, Produzent und Remixer fungiert, und Richard Oakes von Suede, der hier auf gleich vier Songs Gitarre spielt, konnten zwei renommierte Mitstreiter gewonnen werden, die bei der musikalischen Umsetzung der 10 Songs halfen.

Das zwischen Dreampop und Indiepop schwebende „Pearlies“ ist unschwer dem Lush-Umfeld zuzordnen, bringt aber durch Chapman mehr elektronische Klänge mit ein. „Inter Light“ sorgt durch seinen cineastischen Sound für Erinnerungen an das Goldfrapp Debüt, wenn es etwas grooviger wird, wie zum Beispiel bei „Clusters“, kommen einem auch Stereolab in den Sinn.

„Pearlies“ ist als CD un LP erschienen - letzteres natürlich auf pearl white Vinyl oder pearl blue Vinyl. Außerdem gibt es noch eine limitierte Dinked Version mit alternativem Artwork auf purple Vinyl.  

Lassen wir aber in diesem Genre lieber Frau Dr. shg. drp. Kerstin Kratochwill zu Worte kommen:

Die Songs sind mal psychedelisch, dann wieder ein wenig folkig und auch ein bisschen elektronisch gefärbt. Sie schillern zwischen Acts wie Goldfrapp, Stereolab, Broadcast, Portishead und Cocteau Twins, aber natürlich spukt auch Lush durch sie hindurch.
Schaurige Kinoklassiker hinterlassen ebenfalls Spuren in den Tracks, so ist "Willow And Mallow“ vom Folk-Horror-Kultfilm "The Wicker Man" inspiriert, und über "Xanthe" schwebt dank Andersons nachhallendem la-la-la-Lullaby-Gesang der Horror von "Rosemary's Baby". Wie ein guter Grusel-Soundtrack kommt auch die Musik auf "Pearlies" leise daher, und man weiß gar nicht, warum man plötzlich eine Gänsehaut hat – aber sie ist da und das Gefühl etwas Jenseitiges erlebt zu haben setzt sich fest.
In "Pearlies" haust sicherlich auch der spooky Geist von Lush. Doch Emma Anderson ist eine Überlebende, deren verflochtene Musik aus Sixties-Psych-Folk und Nineties-Dreampop Vergangenheit und Zukunft versöhnen kann.









24. Oktober 2023

Glen Hansard - All That Was East Is West Of Me Now


Wer Glen Hansard nur als folkigen Singer/Songwriter abgespeichert hat, der wird sich zunächst höchst verwundert die Ohren reiben oder „All That Was East Is West Of Me Now“ sogar bereits nach zwei Liedern ausschalten. 

Auf „The Feast Of St. John“ und „Down On Your Knees“ präsentiert sich der Ire nämlich als kraftvoller, energetischer Rocker, der an der Violine die Unterstützung von Warren Ellis erhielt und frühere Mitstreiter von The Frames ins Studio einlud. Ob dieser ungewohnte Einstieg daran lag, dass Hansard mit Eddie Vedder auf Tour war und sie gemeinsam im Bus viel Neil Young hörten?
Erst mit dem folgenden „There’s No Mountain“ (und später bei „Between Us There Is Music“ oder „Ghost“) werden die Töne wieder ruhiger und folkiger. Auf der dramatisch-schwelgerischen Ballade „Sure As The Rain“ vollzieht Hansard zu Streicherklängen den Wandel von Nick Cave über Robbie Robertson zu Stuart A. Staples.     

Auf „All That Was East Is West Of Me Now“ mussten Fans über vier Jahre warten und können nun zu CD oder LP (black Vinyl, clear Vinyl) greifen.

Glen Hansard in Deutschland:
05.11.23 Köln, E-Werk

06.11.23 Frankfurt, Jahrhunderthalle

08.11.23 München, Circus Krone

17.11.23 Berlin, Verti Music Hall


 


If you are into classic singer songwriters, this album is for you. Throughout ‘All That Was East is West of Me Now’ you can hear Dylan, Waits, Cave, Stevens/Islam, Cohen and Petty. This is what you’d expect from a journeyman as Glen Hansard. The songs are well written with glorious instrumentation. Hansard is the owner of, well, a decent pair of pipes and whether he’s singing, crooning, bellowing or whispering you feel the emotion in this voice. The downside to the album is, well, we’ve heard it all before. There isn’t anything new here. Vocals, guitars, piano, bass and drums. The problem is there aren’t many places to hide if it goes a bit awry. If you aren’t feeling the start of the song, chances are you won’t feel the middle or the end. Luckily this doesn’t happen very often and overall, the album is strong, if a bit samey. 


 



23. Oktober 2023

Bombay Bicycle Club - My Big Day


Vier beste Freunde, die Spaß am Musizieren und Experimentieren haben wollten und drei Jahre in 11 Songs investierten. So lässt sich das sechste Album des Bombay Bicycle Club recht kurz zusammen fassen. 

Das Londoner Quartett griff bei der Zubereitung von „My Big Day“ dementsprechend auch zu unüblichen Zutaten (eine Prise Funk, ein EL Electronica, zwei TL Hip Hop), denn die bewährte Mischung aus Indierock und Indiepop war für sie wohl nicht mehr das Gelbe vom Ei. Und an das Sprichwort, dass viele Köche das Spiegelei verderben, wollten sie wohl auch nicht recht glauben und luden reichlich unterschiedliche Gaststimmen ins Studio ein: Nilüfer Yanya, Holly Humberstone, Chaka Khan, Jay Som und Damon Albarn. Das finale Abschmecken Übernahm Dave Fridman, so dass „My Big Day“ auch noch ein Psychedelia-Duft umweht. 

Passenderweise erscheint die Platte über ihr eigenes, Mmm… Records betiteltes Label, als pink Vinyl, transparent Vinyl, black Vinyl und selbstverständlich egg Vinyl. Läuft euch bei einem Metascore von 86/100 Punkten schon das Wasser im Munde zusammen?


  


„Just A Little More Time“ spielt mit Nineties-HipHop-Verweisen – das ist hier öfters ein Thema.
„I Want To Be Your Only Pet“ hat ein psychedelisches Gefühl. Damon Albarn steuert zum friedlichen HipHop-Track „Heaven“ Vocals bei, Holly Humberstone veredelt den nostalgischen Sommerpop von „Diving“. Auch toll: der Post-Indie-Punk-Rock „Meditate“, gesungen im Duett mit Nilüfer Yanya.


 


(…) diese Platte soll aus der Diskografe herausstechen. Das gelingt, weil die meisten Gäste nicht einfach nur Featurings beisteuern, sondern die Lieder prägen.
Die Dreampop-Singer-Songwriterin Jay Som überführt „Sleepless“ in Richtung US-Westküste, Damon Albarn singt bei „Heaven“ nicht einfach mit, sondern fügt dem Track einen eigenständigen Part hinzu. 





22. Oktober 2023

Conor Furlong - Undo The Past


Der irische Musiker Conor Furlong beschreibt sich selbst als introvertiert und langweilig. Der Lockdown während der Corona-Pandemie hat sein Leben gar nicht so sehr auf den Kopf gestellt, da er bereits zuvor viel Zeit Zuhause verbrachte, Serien sah, Musik hörte und selbst komponierte. Vielleicht liegt es daran, dass sein Output recht groß ist: 2019 erschien „Rapid Eye Movement“ und an dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass die Musik, die er in den eigenen vier Wänden hört, häufig von R.E.M., a-ha, David Bowie, The Beach Boys, ABBA, Beck, Radiohead, Mercury Rev oder Air stammt. In Songs wie „R.E.M. Saved My Life Tonight“ oder „We’re Listening To David Bowie“ benennt er seine Einflüsse auch recht eindeutig.
Das folgende Jahr brachte mit „Adore“ nur eine EP, aber sowohl 2021 („Recurring Dream“) als auch 2022 („In Ruins“) und nun 2023 („Undo The Past“) bescherten weitere Alben. 

„Undo The Past“ wurde von Conor Furlong im Alleingang geschrieben und arrangiert sowie zwischen von Dezember 2022 bis März 2023 aufgenommen und produziert. Der Musiker umschreibt seine Musik, die nur digital erschienen ist, selbst mit „Alternative Pop“ und man möchte noch Adjektive wie schwelgerisch, entrückt, einschmeichelnd oder verträumt davor schieben.


The latest record from Furlong is, as usual completely unsurprisingly, is a compilation of yet more characteristically irresistibly entrancing pop/rock offerings that showcase splendidly spirited singing and delightfully mellifluous instrumentation throughout their runtime, as well as yet another album that’s sure to satisfy its creator’s established fans while simultaneously turning plenty of new heads in the strikingly talented musician’s direction.









21. Oktober 2023

Kids With Buns - Out Of Place


Heute lernen wir wieder etwas bei Platten vor Gericht: Der Begriff Dizephalie bezeichnet allgemein das Auftreten zweier Köpfe bei Lebewesen. Die Zweiköpfigkeit tritt bei Säugetieren besonders häufig bei Ziegen und Rindern auf, beim Menschen in einer speziellen Form der „siamesischen Zwillinge“. Ein Vorkommen bei Teddybären war bisher nicht bekannt.

Auch das aus Belgien stammende queere Indiepop-Duo Kids With Buns ist bisher nicht so bekannt, dabei dürfte es aber nicht bleiben. 
2021 gewannen Amber Piddington und Marie Van Uytcanck den Talentwettbewerb eines Radiosenders und sorgten mit ihre Single „Bad Grades“ für Furore und reichlich Streams. 2022 folgte mit „Waiting Room“ eine erste EP und mittlerweile gibt es das Debütalbum, das nach einem kurzen Intro 11 Songs bietet, welche die sechs im letzten Jahr veröffentlichten Lieder außen vor lassen.

Für das Gitarrenspiel nennen sie Nick Drake als Vorbild, ansonsten dürften bei Plattenkritiken zu „Out Of Place“ Girl in Red, Wolf & Moon und Daughter für Vergleiche herangezogen werden. Erwähnenswert ist auch noch der tiefe, androgyne Gesang von Marie Van Uytcanck, der, ähnlich wie bei Romy Vager von RVG, einen zunächst überlegen lässt, ob denn hier ein Mann oder eine Frau singt.

„Out Of Place“ ist als CD und LP (black Vinyl, white Vinyl) erschienen. 
 

 


Intimer Indie-Rock, inspiriert von Nick Drake, Ben Howard und girl in red, der von Ambers melodischen Gitarren und Maries einzigartiger tiefer Stimme angetrieben wird und traurige Hits hervorbringt, zu denen man während eines Nervenzusammenbruchs auf dem Klo tanzen kann. 


 


Eingedenk dessen, dass beide aus Belgien kommen – einem Land, das für seine musikalische Offenheit und Toleranz bekannt ist und in dem viele Künstler einen Anything-Goes-Ansatz verfolgen – ist es nicht verwunderlich, dass sich die Musik von KIDS WITH BUNS keinem bestimmten Genre zurechnen lässt, sondern stattdessen zwischen Folkpop, Rock, New Wave, Club-Beats, Laurel-Canyon-Flair, Akustik-Balladen – und nicht zuletzt Psychedelia pendelt. Sogar ein ambientmäßiges Intro, das in dem transzendenten Closer-Track „What Happens In Your Brain“ gespiegelt wird, fügt sich in den facettenreichen stilistischen Flow ein. Erstaunlich ist dann eigentlich nur noch, mit welcher Souveränität KIDS WITH BUNS die Sache kompositorisch, performerisch, strukturell und arrangement-technisch angehen. 




18. Oktober 2023

The Coral - Holy Joe’s Coral Island Medicine Show


Über die eine Hälfte des von The Coral veröffentlichten Doppelschlag haben wir ja bereits heute vor vier Wochen gesprochen, nun kommen wir noch kurz zum anderen: Während „Sea Of Mirrors“ Platz 3 der UK Charts erreichen konnte, kam „Holy Joe’s Coral Island Medicine Show“ nur auf Platz 36. Dies könnte zwei Gründe haben. 

Denn einerseits ist das Album nur in physischer Form (CD, Kassette, LP (black Vinyl)) erschienen und bei den Streaming Diensten nicht zu finden, so dass beim Bestimmen der Chartplatzierungen die Stream komplett aus der Wertung gefallen sind. 

Andererseits handelt es sich bei „Holy Joe’s Coral Island Medicine Show“ um das Folk & Western & Country Album von The Coral. Ähnlich wie bei „Coral Island“ (2021) führt uns The Great Muriarty alias Ian Murray, der Großvater der Skelly-Brüder, als Erzähler/Radio-DJ Holy Joe in Form von gleich sieben Ansagen durch die Platte/die Nacht und spielt Mörderballaden, Todeslieder und Songs über Herumtreiber, Gauner und andere zwielichtige Gestalten. Da haben vermutlich nicht alle Fans der Band das Radio eingeschaltet…


 


Songs like The Road Is Calling and Down By The Riverside recall their early Magic And Medicine years, but the band take moments to really delve further back in time. Baby Face Nelson is a great ninety-second skiffle trip and Long Drive To The City returns to aLee Hazlewood with Nancy Sinatra country-psych style. One thing that marks out the album, as well as the pure strength in the songwriting, are the collaborations that abound. On Holy Joe… we also get an appearance from John Simm, reading Power’s poem Drifter’s Prayer.
The final song on the album, Coral Island Killer, may be a breadcrumb marking the next turn in the road for the band, another character to explore. Over simple acoustic arpeggios, the killer stalks the boardwalks, an angel or a clown, the wickedness blowing through their seaside town, whispering to residents as they drift through winter nights. Whichever way the band decide to take on their next album, the fact that they sign off the album with Holy Joe rolling the credits on the show signals that, after two great albums set on Coral Island, they may be ready to set sail for more distant shores once again.


 


17. Oktober 2023

Hania Rani - Ghosts


„Spielt bald in der Ólafur Arnalds-Liga“, kommentierte ich vor drei Jahren zu Hania Ranis „Home“ und vergab 7 Punkte. Hätte ich gesagt: „Spielt bald mit Ólafur Arnalds in der selben Liga“, dann müsste ich es wohl auch demnächst mit Fußballwetten oder den Lottozahlen probieren…

Denn auf „Ghosts“, dem neuen Album von Hani Rani, spielt Ólafur Arnalds mit („Whispering House“). Auch wenn dies eigentlich ein wenig doppelt gemoppelt ist. Zudem leiht Patrick Watson ihr für ein Duett seine Stimme („Dancong With Ghosts“) und steuert Duncan Bellamy (Portico Quartet) zu „Don’t Break My Heart“ und „Thine Line“ Loops bei. Ansonsten sind die 13 Songs, die auch wegen des 11-minütigen „Komeda“ locker die Stunden-Marke überwschreiten, eine kontinuierliche Fortführung ihres Albums von 2020. 

Die Polin spielt auf ihrem dritten regulären Album Klavier, Keyboards und Synthesizer irgendwo zwischen Ambient, Soundtrack und zeitgenösssicher Klassik („Nostalgia“, „The Boat“), singt häufiger als zuletzt dazu („Utrata“, „Hello“, „Don’t Break My Heart“, „A Day In Never“, „Moans“, „Thin Line“), wagt sich auch in den Bereich der Electronica, baut Streicher von Viktor Orri Árnason ein und lässt sich von Ziemowit Klimek (Bass, Moog) unterstützen.

„Ghosts“ ist als CD und Doppel-LP im Gatefold Cover (clear Vinyl) erschienen.


 


"There's a song that never ends / Falls down my spine / Again and again", singt Hania Rani im erhabenen "Utrata", und sie beschreibt damit vortrefflich, wie es einem mit diesem kleinen Wunder von Album ergeht. Man möchte es wieder und wieder hören, tief eintauchen in einen mal schwelgerischen, mal wohligen und gelegentlich auch beängstigend bis gespenstischen Klangkosmos voller Entdeckungen. In dem eine Ausnahmekünstlerin auch für sich selbst ganz viel Neues erforscht und ausprobiert hat. Erst ganz am Ende, beim finalen "Nostalgia", sitzt sie wieder dort, wo sie auf ihrem Solodebüt "Esja" anzutreffen war: alleine am Klavier, ganz bei sich selbst. So schön auch das noch immer klingt: Es ist ein jederzeit greifbarer Gewinn, dass sie sich konsequent auf zuvor unbetretenes Terrain begeben hat.





16. Oktober 2023

Metric - Formentera II


Herzlich willkommen zur Resteverwertung von Emily Haines & Co.! Hier finden sich die Überbleibsel von dem im letzten Jahr veröffentlichten „Formentera“, ergänzt um eine handvoll Remixe, sowie akustischen Versionen und dem ein oder anderen neueren, auf Tour entstandenen Song.

Alles blanker Unsinn! Offensichtlich hatten Metric während der Pandemie nicht nur viel Zeit sondern auch eine äußerst kreative Phase. Denn der nun nachgeschobene zweite Teil von „Formentera“ enthält nicht die oben beschriebenen Übel, sondern weitere neun Songs, die ebenfalls mit dem bewährten Team in den bandeigenen Main Street Studios in der Nähe von Toronto aufgenommen und 2023 in den Motorbass Studios in Paris finalisiert wurden.

„Formentera II“ ist jedoch größtenteils nicht so düster wie der Vorgänger geraten und bieten reichlich Tanzbares für die Indiedisco („Detour Up“, „Just the Once“). „Stone Window“ leibäugelt mit Glam Rock, „Suckers“ verzichtet auf den Glam-Faktor und ist ein für Metric-Verhältnisse recht roher Rocker, „Nothing Is Perfect“ ist eine tolle, rein akustisch gehaltene Ballade und das sechsminütige „Days Of Oblivion“ zählt zu den absoluten Highlights dieser 18-Song-Sammlung.

Wer den ersten Teil noch nicht sein Eigen nennt, kann beide Platten zusammen in limitierter Auflage als Doppel-LP auf opaque white Vinyl kaufen. Wer nur noch „Formentera II“ kaufen muss, der kann zu CD oder LP (black Vinyl, seaglass blue Vinyl, marble blue Vinyl, translucent pink Vinyl) greifen.


  


“Just The Once” etwa ist der offensichtliche Hit der Platte und bringt auch 2023 noch jede Playlist zum Funkeln. Aber dass Tanzen nicht alles ist, weiß man nach all den Jahren als Band dann auch.
Entsprechend befinden sich mit Songs wie “Days Of Obilivion” und “Who Would You Be For Me” ganze Melancholie-Tümpel auf dieser Platte. Die sind in der Regel gebettet in große Achtziger-Beats und ganz viel Hingabe für schöne Melodien. So weit, so stimmig.
Ergänzend dazu gibt es mit dem Akustik-Stück “Nothing Is Perfect” den musikalischen Beweis, wie überirdisch Mehrstimmigkeit klingen kann, denn trotz des sehr reduzierten Klangbilds schnuppert dieser Song Weltraum-Luft.
Zum Abschluss der Platte holen “Descendants” und “Go Ahead And Cry” nochmal die Synthesizer aus dem Kofferraum. Der erste Track führt mit seiner bedrückenden Klimax unvorhersehbar in echte Clubbing-Gefilde, der Closer hingegen bleibt trotz all der Beats deprimiert und sanftmütig.


 


Oft eher von der geradlinigeren Sorte, wie bereits die erste Single "Just the once" mit ihrer glitzernden "Regret disco" (Haines) beweist. In die gleiche Kerbe schlagen mit "Detour up" und "Stone window" auch die anderen beiden Songs des ersten Drittels, wobei letzterer ein bisschen mehr Dampf hinterm Schlagzeug macht. Häufiger geht es aber auch balladesk zu. Das schrammt schon mal an Käseregal oder Lagerfeuer entlang ("Who would you be for me", "Nothing is perfect"), wird aber immer durch die starke Produktion und das Händchen für prägnante Melodien aufgefangen – und natürlich über Haines‘ markante Stimme. Und Songs mit Power – wie den knackigen Rocker "Suckers" – oder solche mit überraschenden Wendungen gibt es letztlich dann auch noch: "Days of oblivion" startet eher besinnlich, erhebt sich dann aber und schwebt auf seiner Wall of Sound dann fast Richtung Air davon. "Descendants" schleicht sich gemächlich an, droht mit dem Ausbruch auf die Tanzfläche, schlurft aber lieber zurück an die Bar – um dann doch noch kurz den Rave zu zünden.


 


14. Oktober 2023

Dennis Kiss - Norddeich Mole


Die erste Vorladung (XIV)

Personalien:
Der Deutsch-Schweizer Dennis Kiss pendelt zwischen Basel und Hamburg, denn in der Alpenrepublik ist er geboren und aufgewachsen, in Norddeutschland liegen seine familiären Wurzeln und dort lebt er auch.

Tathergang:
Bereits 2018 gab es erste musikalische Töne von Dennis Kiss zu hören. Damals noch mit dem Anhängsel „& The Sleepers“, als Quartett zusammen mit Andreas Meyer, Manuel Neuhaus sowie Nicolas Ruedin und mit englischen Texten irgendwo zwischen Folk-, Indie- und Britpop. Nach dem Debütalbum „Poco Bono“ (2021) löste sich die Band jedoch auf.
Irgendwann im Verlauf der Pandemie entstanden erstmals Lieder in seiner Muttersprache, die im Verlauf von rund zwei Jahren zu einem Konzeptalbum und einer Hommage an den Norden wurden. Seit Anfang des Jahres wurden nach und nach 5 Lieder veröffentlicht, Anfang Oktober folgte das 10 Song starke Debütalbum „Norddeich Mole“ - leider bisher nur digital.

Plädoyer:
Auch wenn Dennis Kiss nicht in Nebraska aufwuchs oder in der Hansestadt die Schulbank drückte, kann man in seiner Musik doch wehmütig-melancholischen US-Rock und die Hamburger Schule heraushören. „Reclam“ und der über 7-minütige Titelsong ragen (für mich) aus „Norddeich Mole“ heraus. 

Zeugen:

Das Blumfeld blüht pünktlich zum Frühlingsbeginn und der Kettcar kommt mit frischem Anstrich aus der Garage.

Der in Deutsch gehaltene Gesang serviert wunderbare Sätze, plakative Aussagen und intime Beobachtungen. Die Band von Dennis Kiss formuliert kraftvolle Musik, schafft einen mitreissenden Rahmen und sorgt für die klingende Tiefe bei «Bordeaux» und «Flaschenpfand». Grossartig ist «Norddeich Mole» immer dann, wenn es laut und sehnsüchtig wird; wie beim Finale von «Reclam».
Da braucht es keine Kettcar, keine Tomte und keine Sleepers: Dennis Kiss hat sich neu erfunden, gewandelt und mit den Liedern ein Debütalbum geschaffen, das inhaltlich und musikalisch packt. Mit eingängigen Songs («Nebelmeer»), Pathos und der Sicherheit, angekommen zu sein (Titelsong). Ab ans Meer.

„Nebelfilm“ wird von Dennis Kiss als Moment des Innehaltens beschrieben. Der Song lädt dazu ein, die Augen zu schließen und tief durchzuatmen. Er offenbart, dass der Song aus der schmerzhaften und gleichzeitig beruhigenden Erkenntnis entstanden ist, dass das eigene Schicksal nur begrenzt beeinflusst werden kann. (…) Dennis Kiss Musik spiegelt die Melancholie des norddeutschen Lebens wider. Sein Debütalbum „Norddeich Mole“ enthält Geschichten aus seiner eigenen Perspektive, die von den Herausforderungen und Unsicherheiten einer ganzen Generation erzählen. Songs wie „Flaschenpfand“ reflektieren die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer, während „Für gerade ok“ die Tiefe von Freundschaft und Lebensfreude hervorhebt. 


Indizien und Beweismittel:










 


Ortstermine:
16.10.2023 Berlin - Bar Bobu
19.10.2023 Bern - Stellwerk
20.10.2023 Basel - Sommercasino
21.10.2023 Luzern - Treibhaus
07.12.2023 München - Glockenbachwerkstatt
09.12.2023 Wien - Loop

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...




12. Oktober 2023

The Anchoress - Versions


Eigentlich liegt diese Platte außerhalb unserer Gerichtsbarkeit (wie auch Best of-Compilations, Live-Alben, B-Seiten-Zusammenstellungen usw.), dennoch sollte sie nicht unerwähnt bleiben.

Dieser Tatsache war ich mir aber nicht bewusst, als ich „Versions“ im Auto startete. Vielleicht hätte ich dem Albumtitel mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, so aber überraschte (und erfreute) mich eine entschleunigte Coverversion von „Enjoy The Silence“ ziemlich. Der nächste Song offenbarte das Konzept des Albums und zeigte die Vielfältigkeit von The Anchoress, denn statt Gitarren traten nun Synthesizer in den Vordergrund und Commercial Breakup verloren ihren Titel für die beste Interpretation von „Bizarre Love Triangle“. Gegen Ende des Songs, als kurz nur der elektronische Beat zu hören war, dachte ich: „Jetzt müsste es kurz in den ikonischen Rhythmus von „Blue Monday“ switchen!“. Leider wurde die Chance vertan und mein Wunsch nicht erfüllt. Dies trifft nicht auf die weitere Songauswahl zu, denn offensichtlich haben Catherine Anne Davies und ich einen ähnlichen Musikgeschmack. 
Trip Hop Beats, ihr entrückter Gesang, dazu Streicher - mir war klar, dass nun ein Lied von Massive Attack folgen solte. Der Text war mir bekannt, aber ich konnte ihn keinem Song dieser Band zuordnen. Erst nach über einer Minute erkannte ich im Refrain, dass keine Single, sondern ein Albumtrack von „OK Computer“ ausgewählt worden war. Ein geschickter Zug, der im weiteren Verlauf des Albums, wiederholt werden sollte. Wie auch der, das Tempo eines Liedes komplett herunter zu fahren, wie beim vierten Song, den ich innerhalb von zwei Sekunden erkannte. Ihr merkt, nach Depeche Mode, New Order und Radiohead verrate ich einfach nichts mehr, um euch die Überraschung und den Spaß an „Versions“ nicht zu verderben…

„Versions“ ist als CD und LP (Eco-Mix Vinyl) erhältlich. 


 





11. Oktober 2023

Stornoway - Dig The Mountain!


Gestern sprachen wir bereits über Björk und heute geht es genau so weiter, denn auf dem vierten Album von Stornoway befindet sich eine bezaubernde Coverversion von „It’s Not Up To You“ (aus „Vespertine“, 2001).


 


Aber Stornoway? Wurde aus denen nicht 2017 „Stor-no-more“? 
Tatsächlich haben sich drei Viertel der Band (Brian Briggs, Jonathan Ouin und Oli Steadman - nur dessen Bruder Rob hatte offensichtlich keine Lust oder Zeit) nach einer mehrjährigen Auszeit wieder zusammengefunden. Wobei „Zusammengefunden“ erst einmal nicht wörtlich genommen werden darf, denn das Trio arbeitete zunächst von den jeweiligen Wohnorten in London, Oxford und Wales an den Songs. Als Schlagzeuger sprang Mike Monaghan (Gaz Coombes, Saint Etienne) ein und die Produktion übernahm Mike Lindsay von Tunng.

Aus den 11 Folk-Songs mit mehrstimmigem Gesang würde ich neben dem Björk-Cover, das als Duett mit der chinesischen Musikerin Yijia Tu präsentiert wird, „Trouble With The Green“ und „The Fisherman“ als Anspieltipps herausstellen. Die Kehrseite der Medaille stellen für mich der Titelsong und der 70er-Jahre-Rock von „The Navigator“ dar. 
Mit Fyfe Dangerfield (Guillemots) und Sam Lee gibt es auf „Anwen“ und „The Navigator“ noch zwei weitere Gastbeiträge.

Dig The Mountain!“ ist als CD und LP (clear Vinyl, Ecomix Vinyl) über Cooking Vinyl erschienen.


 


Die Begeisterung bei Plattentests hält sich für „Dig The Mountain!“ (wirklich besser als hier beschrieben und viel besser als das Plattencover) in Grenzen: 
 
Der Opener "Trouble with the green" singt sich ideenlos die Tonleiter hoch, "The fisherman" bringt ohne Charme das Trademark-Acapella der Briten zurück, und der Titelsong stapft mit Bläsern oder zumindest als Bläser getarnten Synthies ziellos in die Berge.
Dabei machen manche Stücke auch kurz neugierig. "Bag in the wind" eröffnet mit verzerrten Stimmen, nur um dann wie jeder mittelmäßige Song aus den 60ern zu klingen. "The manatee" wirft einen 90s-Drumloop an, zieht die Rockgeste dann aber kein bisschen durch. Und selbst das motivierte "The navigator" mit Unterstützung von Sam Lee versucht sich an The-Doors-Größe, aber ist zu schwach auf der Brust. Gut wird es eigentlich nur mit Unterstützung von Fyfe Dangerfield von Guillemots, der "Anwen" vor dem Verrecken rettet und den leeren Raum füllt. Und im absoluten Highlight der Platte, dem Björk-Cover "It's not up to you", das einen gemütlichen Bass laufen lässt, vor allem aber Yijia Tu am Guzheng featured, einer chinesischen Wölbbrettzither. Allerdings ist es auch symptomatisch, dass der beste Song auf "Dig the mountain!" ein Cover ist.







10. Oktober 2023

Glasser - Crux


Das Bestreben, den klanglichen Welten von Björk nachzuspüren, ist deutlich zu vernehmen: die Beats holtern und poltern, dazu Streicher (oder Keyboards, die Streicher imitieren oder diese ersetzen) und der hauchende, kieksende, purzelnde und oftmals verschachtelte Gesang mit ähnlicher Stimmfarbe. Nur der niedliche isländische Akzent fehlt. Kein Wunder, schließlich stammt Glasser alias Cameron Mesirow aus Boston, Massachusetts. 

Einige Lieder könnte man sogar recht gut einzelnen Björk Alben zuordnen: „Vine“ könnte sich gut auf „Homogenic“ verstecken, „Easy“ passt hervorragend zu „Post“, „Thick Waltz“ umweht ein „Vespertine“-Hauch und das abschließende „Choir Prayer“ würde das vokale Konzept von „Medúlla“ nicht überstrapazieren.

Selbstverständlich ist hier nicht alles Björk-Mimikry! „Ophrys“, „Drift“ oder „Clipt“ bieten eher zeitgenössischen, künstlerischen Elektropop und könnten in einer Playliste gut zwischen Aurora und Austra laufen.  

„Crux“ ist nach „Ring“ (2010) und „Interiors“ (2013) das dritte Album von Glasser und wurde am 6. Oktober über One Little Independent Records als CD und LP (black Vinyl, dark green Vinyl) veröffentlicht.




 


Bei der neuen Songsammlung ging es dann "vor allem um die Bedeutung von Kreativität und Schreiben während der Heilung, und auf individueller Ebene darum, den Blick nach Innen zu richten und darum, auf diese Weise die eigene Trauer, Angst und Unsicherheit zu untersuchen" - so heißt es in der aktuellen Bio. Ergo ist dieses Album thematisch dann sogar noch introspektiver ausgerichtet, als das "Interiors"-Album - wobei Glasser diese Themen intuitiv über den Gebrauch der Sprache und des Klangs des Gesangs verarbeitet. Interessanterweise ist das musikalisch ganz anders, denn obwohl die Basis der Glasser-Songs immer noch elektronische Klanglandschaften sind, kommen durch die neu gewonnenen Erkenntnisse durch das Studium der Gesangstechniken des Balkans in Hinsicht auf melodische und harmonische Bestandteile - und in einigen Fällen auch die Hinzunahme organischer, folkloristischer Elemente (wie z.B. in Songs wie "Clipt", "Ophyrs" oder "Choir Prayer" im Stile der Voices Of Bulgaria) ganz neue Dimensionen hinzu. "Crux" ist demzufolge eine interessante Synthese aus introvertierter Nabelschau und extrovertierter musikalischer Expansion geworden.