30. Juni 2023

A.S. Fanning - Mushroom Cloud


Die erste Vorladung (III)

Personalien:
Der aus Dublin stammende A.S. Fanning lebt und arbeitet seit 2011 in Berlin.

Tathergang:
Über das Label Proper Octopus hat der Ire zuvor bereits zwei Alben veröffentlicht: „Second Life“ (2017) und „You Should Go Mad“ (2020). Die acht Songs seiner dritten Platte entstanden während der Pandemie und behandeln größtenteils düstere Themen wie Paranoia, Klimawandel, Katastrophen und Kriege. Gemeinsam mit Bernardo Sousa (E-Gitarre), Dave Adams (Orgel, Piano), Jeff Collier (Drums), Felix Buchner (Bass) und dem Oriel Quartett (Cello, Bratsche, Geige) wurde „Mushroom Cloud“ innerhalb weniger Tage im Berliner Impression Studio des Produzenten Robbie Moore aufgenommen.
In Deutschland ist das Album über K&F Records Ende Mai als CD und LP (black Vinyl, red transparent Vinyl) veröffentlicht worden.

Plädoyer:
The Divine Comedy, Dave Gahan & Soulsavers, Anywhen, Pulp, Jens Lekman, Nick Cave And The Bad Seeds - der melancholische Folk Noir des Iren mit dem warmen Bariton führt bei mir nur zu wundervollen Vergleichen!

Zeugen:

Obwohl das Album „Mushroom Cloud“ keine wirklich konstruktiven Lösungsansätze bietet, den von A.S. FANNING angesprochenen Dystopien irgendwelche positiven Aspekte abgewinnen zu können, wirkt das Werk keineswegs so deprimierend und desolat auf den Hörer, wie anzunehmen gewesen wäre, was darin begründet ist, dass er seine Songs nicht mit der rührseligen Larmoyanz vieler ich-bezogener 'Männerschmerz- Songwriter' vorträgt – und auch nicht mit der biblischen Opulenz etwa eines LEONARD COHEN oder NICK CAVE – sondern eher als schrulliger Stoiker, der die Dinge einfach so hinnimmt, wie sie sind. Tatsächlich werden Freunde dieser Art von Musik am Ende dann sogar eine versöhnliche, tröstliche Note im Wirken A.S. FANNINGs entdecken können.

Der zentrale Leitgedanke des Albums manifestiert sich vermutlich in einer Zeile aus "I feel bad", in der Fannings Erzähler seine Weltsicht fast genüsslich konzise auf den Punkt bringt: "The arc of human history bends towards misery." Der Song mündet in einem ekstatischen Strudel der Aufzählung düsterer Motive von Amokläufern bis hin zu vergifteten Brunnen. Diese Bilderwelt wird dabei im Vortrag derart lustvoll zelebriert, dass Fanning hier durchaus ein gewisses selbstironisches Augenzwinkern zuzutrauen ist. Der ohrenschmeichelnde Bariton Fannings erinnert oft an Neil Hannons The Divine Comedy, ein Stück wie "Disease" würde jedoch auch auf einem der letzten Alben von The National keine schlechte Figur machen. Glücklicherweise ist es für den Hörgenuss hier ganz und gar nicht essentiell notwendig, ein missmutiger Misantroph zu sein.

Indizien und Beweismittel:






 


Ortstermine:
08.07.23 Kirchruine Wachau, Leipzig (Ancient Echoes-Festival)
14.07.23 Marktplatz Lörrach, Lörrach /Stimmen Festival mit alt-J)
10.08.23 Figurentheater Mottenkäfig, Pforzheim (Open Air Sommerfrische)

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


29. Juni 2023

Portugal. The Man - Chris Black Changed My Life


Ich habe die 2004 gegründete Band aus Alaska, die mittlerweile in Portland beheimatet ist, erst mit dem Album „Evil Friends“ (2013) für mich entdeckt und war dann vom Nachfolger „Woodstock“ (2017) so enttäuscht, dass ich meine 4,5-Punkte Wertung wie folgt kommentierte: Ich will meine alten Portugal. The Man zurück! 

Dieser Wunsch hat sich leider nicht erfüllt, was auch nicht verwunderlich ist, da die Gruppe um John Gourley für die aus „Woodstock“ ausgekoppelte Single „Feel It Still“ nicht nur mit dem Grammy ausgezeichnet wurde sondern auch hoch in den Charts landen konnten: Platz 7 in Deutschland, Platz 3 im Vereinigten Königreich und Platz 4 in ihrer Heimat USA. 
Schon die Wahl des Produzenten Jeff Bhasker, der für Erfolge von Mark Ronson, Kanye West, Harry Styles oder Bruno Mars mit verantwortlich war, deutete für „Chris Black Changed My Life“ in eine ähnliche Richtung. 

Portugal. The Man spielen wundervollen Psychedelic Retro-Pop, den sie in dieses Jahrzehnt transferieren - soll heißen mit Autotune, R’n’B-Beats, Rap-Einlagen und mehreren Features (u.a. Edgar Winter, Unknown Mortal Orchestra) verschlimmbessern. Freunde von The Polyphonic Spree, The Flaming Lips, Foxygen und MGMT könnten es dennoch mit dem neunten Studioalbum von Portugal. The Man versuchen. 

„Chris Black Changed My Life“, welches die Band ihrem 2019 verstorbenen Freund Chris Black widmete, ist als CD und LP (black Vinyl, ultra clear Vinyl, pink Vinyl, purple Vinyl) erhältlich. 


 


Der Sound in der ersten Albumhälfte ist trocken, dünn und ziemlich flach, das ist genau so gewollt, denn auf dieser leichten Grundlage bewegt sich der Groove sehr einfach nach vorne und lassen sich wunderbar Popmelodien entwickeln. Nett, aber wenig interessant. Gut, dass ein Stück wie „Ghost Town“ etwas süffiger klingen darf und die Band am Ende den Song „Anxiety:Clarity“ über die Zweifel an der Existenz spielt, im Stil einer apokalyptischen Soul- und Gospelrevue – und mit einer Hingabe, die man sich für das gesamte Album gewünscht hätte.


 


Auch sonst bringt einen „Chris Black Changed My Life“ gern durcheinander: mit Stilbrüchen, einer Unmenge hübscher Details, mit unwiderstehlichen Hooklines.
Bei „Grim Generation“ wird mit Soul herumgealbert, die Ballade „Doubt“ setzt dem Softrock der Seventies ein Denkmal, „Ghost Town“ ist ein niedlicher Twist zur Akustikgitarre, „Summer Of Luv“ wippt zu einem R&B-­Groove durchs Hedonistenparadies. Und bei fast jedem Stück hat man den Eindruck, dass es das nächste „Feel It Still“ sein könnte.





28. Juni 2023

10 Schallplatten, die uns gut durch den Juli bringen


10. Swervedriver - Mezcal Head (180g, Limited Numbered 30th Anniversary Edition, Blue Marbled Vinyl) (7.7.2023)






9. PJ Harvey - I Inside The Old Year Dying (Black Vinyl) (7.7.2023)






8. ANOHNI And The Johnsons - My Back Was a Bridge for you to Cross (Limited Edition, White Vinyl) (7.7.2023)






7. Camera Obscura - Let’s Get Out Of This Country (Clear Vinyl) (30.6.2023)






6. Ned's Atomic Dustbin - Are You Normal? (180g, Limited Numbered Edition, Translucent Blue Vinyl) (14.7.2023)






5. Camera Obscura - Underachievers Please Try Harder (Orange Vinyl) (30.6.2023)






4. Fury In The Slaughterhouse - Hope (180g, Limited Edition, Orange Marbled Vinyl) (28.7.2023)






3. Jim Bob - Thanks For Reaching Out (Purple Vinyl) (7.7.2023)






2. Lilac Time - Dance Till All The Stars Come Down (Black Vinyl) (28.7.2023)






1. Blur - The Ballad Of Darren (Limited Indie Exclusive Edition, Blue Vinyl) (21.7.2023)







27. Juni 2023

M. Byrd - The Seed


Die erste Vorladung (II)

Personalien:
Hinter dem Künstlernamen M. Byrd steckt der vor wenigen Tagen 30 gewordene Maximilian Barth aus dem saarländischen Wadern. 

Tathergang:
Als Bassist in der Band von Ilgen-Nur spielte er 2019 im Tourbus eigene Demos vor und wurde ermutigt daran weiter zu arbeiten. Es folgte 2020 eine erste, häufig gestreamte Single („Mountain“) sowie ein erster physischer Tonträger (Orion“ EP, 2021). 
Mit dem Produzenten Eugen Koop wurden in einem Detmolder Bunker, der zu einem Studio umgebaut wurde und im Zweiten Weltkrieg noch dem britischen Militär als Squash-Halle diente, neun Songs aufgenommen, die über das kanadische Label Nettwerk nun als LP (Transparent Red Vinyl) veröffentlicht wurden.

Plädoyer:
The Seed“ bietet sommerlich Westcoast-Pop und sehnsuchtsvollen Soft-Rock, der seine Vorbilder jenseits des Atlantiks bei The War On Drugs, Elliott Smith oder Tom Petty sucht.

Zeugen:

Das mit etwas mehr als einer halben Stunde Gesamtspielzeit nicht nur kurze, sondern zugleich angenehm kurzweilige Album verzeichnet keine Schwäche. M. Byrd schafft es, eingängige Momente, flottere Passagen und ganz intime Momente clever zu mischen. Selbst ein ganz ruhiges, minimalistisches Stück wie "Pyrrhula" weiß zu packen. Und ganz am Ende, im feinfühligen "Wish I was", verarbeitet er noch einen schmerzlichen Verlust: "The sound in my brain is thickening / The color of my skin is fading / I keep on missing you and everything / So meet me in the morning / When I am free.“

Indizien und Beweismittel:






 


Ortstermine:
04.10.2023 Berlin, Privatclub
07.10.2023 Hamburg, Turmzimmer
18.10.2023 Köln, Helios 37
19.10.2023 München, Milla

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...



26. Juni 2023

Lloyd Cole - On Pain


Lloyd Cole veröffentlicht seit fast 40 Jahren Musik und hat sich dabei größtenteils in Pop/Rock-Gefilden getummelt und zwischen Folkrock, Janglepop und Alternative Rock mit The Commotions bzw. The Negatives oder solo das ein oder andere Genre abgehakt. 

In den letzten Jahren hat sich der englische Singer/Songwriter verstärkt der elektronischen Musik zugewandt und so darf sein zwölftes Soloalbum durchaus mit dem Label „Synthpop“ versehen werden. Als Produzent konnte - nicht zum ersten Mal - Chris Hughes (Red Box, Peter Gabriel, Paul McCartney, Gene) gewonnen werden, der in den Jahren, als auch Lloyd Cole seine ersten Platten veröffentlichte, starken Einfluss auf „The Hurting“ und „Songs From The Big Chair“ von Tears For Fears hatte. Und dies ist auf „On Pain“, das (bis auf den Auto-Tune-Quatsch bei „I Can Hear Everything“) ziemlich nach Mitte der 80er Jahre klingt, auch deutlich zu hören. Mit Blair Cowan und Neil Clark sind sogar zwei ehemalige The Commotions-Mitglieder mit an Bord.

Synthesizer dominieren den Sound der acht Songs des Album, so dass „The Idiot“, welches den Umzug von Iggy Pop und David Bowie nach Berlin thematisiert, „This Can’t Be Happening“ oder „More Of What You Are“ an O.M.D., Kraftwerk oder frühe Tears For Fears denken lassen. Freunde der Gitarre ziehen vermutlich „Warm By The Fire“ oder „You Are Here Now“ vor, denn hier ist diese nicht gänzlich überlagert. 

Lloyd Cole in Deutschland:
02.11.23 Köln, Theater am Tanzbrunnen     


… und man erkennt auch, dass es Lloyd-Cole-Songs sind, weil Lloyd Cole sie singt. Sie sind nur komisch instrumentiert. Er legt Keyboardflächen und lässt dazu eine Art Bontempi-Rhythmusmaschine klöppeln. Um die Jahrtausendwende hat er ungefähr so eine Instrumentalplatte aufgemacht.
Hat man sich erst einmal an die Apparate gewöhnt, ist „Warm By The Fire“ beinahe wie ein Stück mit den Commotions aus den Achtzigern. Der Commotions Mann Blair Cowan ist für einige Stücke zurückgekehrt. Viele Songs sind es ohnehin nicht: acht Stücke, und das beste, „Wolves“ (verträumt, verführerisch, dräuend, glamourös), ist sieben Minuten lang.





24. Juni 2023

Susanne Sundfør - Blómi


Eine norwegische Rap-Band namens Undergrunn hat verhindert, dass Susanne Sundfør zum fünften Mal in Folge mit einem Album auf Platz 1 in ihrer Heimat gekommen ist. Das wird die Singer/Songwriterin vermutlich aufgrund ihres privaten Glücks verschmerzen können, denn während der Pandemie kam ihre erste Tochter zur Welt und letztes Jahr heiratete sie deren Vater und Jazz Musiker André Roligheten. 

„Blómi“ ist ein höchst optimistisches und emotionales Album geworden, welches einerseits die positiven Lebensveränderungen der Mutterschaft beschreibt und als eine Art Liebesbrief an ihre kleine Tochter zu verstehen ist und andererseits starken Bezug zur eigenen persönlichen Lebensgeschichte, wie die akademische Arbeit ihres Großvaters, eines auf semitische Sprachen spezialisierten Linguisten, nimmt.

Musikalisch setzt sie den mit „Music For People In Trouble“ (2017) eingeschlagenen Weg fort, verzichtet auf Synthesizer und andere elektronischen Gerätschaften und konzentriert sich auf intimen Folk mit Ausflügen in Richtung Jazz und Gospel, bezaubernden Kammerpop sowie experimentelle Fieldrecordings samt Spoken Word Beiträgen. Hier wird ein Song nur vom Piano getragen, dort schwelgen Streicher und Chöre und da säuseln ein Saxophon und Flöten. Gesungen wird größtenteils auf norwegisch, jedoch gibt es auch englische („Alyosha“, „Náttsǫngr“) und deutsche Texte („Sānnu yārru lī“) zu vernehmen - letzterer wird Susannes Töchterchen möglicherweise erröten lassen, wenn sie ihn verstehen wird.

Blómi“ wäre schon ein höchst ungewöhnliches Album für die Spitze der Charts gewesen - als Ausgleich gibt es ausreichend Kritikerlob: Bei Metacritic sind aktuell 88/100 Punkten verzeichnet.
Das Ende April veröffentlichte „Blómi“ ist mittlerweile auch in Deutschland als CD und LP (black Vinyl) erhältlich.


 


Die gleichzeitige Intimität und Unnahbarkeit ist das größte Faszinosum dieser zehn Stücke. Sundfør umgibt jeden Ton mit einer heilig strahlenden Aura, ohne als Priesterin von oben herab zu predigen. Eine folkige Akustikgitarre buddelt das nach dem Himmel strebende "Rūnā" mit beiden Füßen in den Boden ein, auf dem auch der unpathetische Gospel von "Fare thee well" bleibt – und die einladende Augenhöhe des nur mit Vogelzwitschern, Handclaps und leiser Percussion geschmückten Community-Songs "Leikara ljóð" leidet selbst dann nicht, wenn in der Schlussminute eine irisch anmutende Geige ihr Solokonzert spielt. Nicht der größte Überraschungsmoment des Albums: "Ṣānnu yārru lī" leiht sich seinen Torkel-Beat aus Tom Waits' Whiskey-Schrank und die Flöten aus Björks Baumhaus, während Sundfør auf Deutsch (!) einen Text aufsagt, der aus einem metaphernreichen Billig-Erotik-Roman stammen könnte. Wo sie den herhat, wissen wir nicht, ob das ernst gemeint ist, genauso wenig. Fakt ist: Musikalisch fesselnder in Szene gesetzt und auf seltsame Weise unterhaltsamer haben Zeilen wie "Du sollst den Boden brechen, mein Steifer" selten geklungen.




23. Juni 2023

Gallus - We Don't Like The People We've Become


Auctioneers. The Duke’s Umbrella. The Allison Arms. Drum & Monkey. The Butterfly & The Pig. Oder auch Drygate.  

So hätten Barry Dolan (Gesang), Craig Duris (Bass), Eamon Ewins (Gitarre) und Paul Ewins (Schlagzeug) ihre Band nennen können, aber der Glasgower Pub, in dem sie während der Namensfindung saßen, trug eben den Namen Gallus.

Seit 2020 veröffentlichen die Schotten, zu denen mittlerweile auch Gianluca Bernacchi (Gitarre) gehört, mehrere Singles, rockten im Vereinigten Königreich die ein oder andere Bühne in Schutt und Asche und erspielten sich somit den Ruf einer herausragenden aber auch chaotischen Live-Band. 

Nun gibt es das Debütalbum „We Don't Like The People We've Become“, das ungezügelt durch 12 rohe Songs tobt und wie eine Mischung aus Nirvana und Maximo Park klingt oder aus The Strokes und Fontaines D.C. oder aus Arctic Monkeys und Sex Pistols. 

We Don't Like The People We've Become“ ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, blue Vinyl, green Vinyl) erhältlich.


Well, the damn album sounds like it’s got ADHD. “Moderation” kicks off with a maelstrom of punk, but by the first chorus, it’s gone full-on The Strokes. And that’s sort of that.
Then there’s “Fruitflies,” a track that explores mental health but still yearns to inhabit the same arenas as Stereophonics in years to come. However, where Gallus truly excels is in writing from a personal perspective. “Eye To Eye” channels its anger into the hopelessness of joblessness, with Barry Dolan singing, “I want to be a Jack just so I can have a trade.” This rawness echoes the chaotic energy of Sleaford Mods.
These are genuinely impressive indie anthems, and tracks like “Basic Instinct” deserve bonus points for being delivered in their “normal” accents. The best working-class heroes always did that. Craig Duris’s bass anchors “Missiles” in a mid-’90s alt-rock vibe, while “What Do I Know” is a dancefloor-filling gem.




 


The album opens with the song ‘Moderation’. It’s an energetic, slightly frenetic song that evokes Public Image Ltd and John Lydon with lead and rhythm guitars that echo Queens of the Stone Age. ‘Eye to Eye’ is a great pogo song. It’s infectious and upbeat. You can’t help but bop your head to it. ‘What Do I Know’ is a total earworm. It’s a song that definitely will get played on repeat. The drumming is sublime and the bass is front and center. The chorus is sing-along-able.
Gallus’ We Don’t Like the People We’ve Become is a wonderful album. The music and lyrics are accessible, fun, and engaging. Everything about We Don’t Like the People We’ve Become is practically perfect in a quirky way. The album can easily be played on repeat and be as fresh and fun on the thirty-third listen as it was on the third.


 





22. Juni 2023

Frau Pauli - Digitale Gefühle


Die erste Vorladung (I)

Personalien:
Susanne Pauli stammt aus dem Osten der Republik und lebt mittlerweile und seit fast 20 Jahren mit Kind, Hund und Garten in Göttingen. 

Tathergang:
Die Liedermacherin hat unter dem Namen Frau Pauli mit „Ganz großes Tennis“ (2017) und „vorbei, vorbei“ (2020) bisher zwei Alben über BMG veröffentlicht. Den Titelsong ihrer letzten Platte gibt es nun erst auf ihrem dritten und - nach eigener Aussage - besten Album zu hören. Dieses wurde Dank der Förderung der Initiative Musik und einer Crowdfunding Kampagne finanziert. 
Digitale Gefühle“ bietet 10 Songs und ist als CD und LP über unserallereins zu beziehen.

Plädoyer:
Indiepop mit deutschen Texten, irgendwo zwischen früher Maya Singh und späten Quarks, der im Radio besser aufgehoben wäre als so manch anderes. Das etwss druckvollere und gitarrige Anti-Kriegs-Lied „Kalina“ sticht heraus, „Die Gefühle sind weg“ klingt schön nach Die Höchste Eisenbahn und beatlesken Psychedelic-Pop gibt es auch („vorbei, vorbei“). 

Zeugen:

„Die Gefühle sind weg“ stellt FRAU PAULI gleich zu Beginn im Trap-Beat fest, um mit „Ich kann nicht mehr“ eine Hymne auf die Verfügbarkeitslüge anzustimmen: Indie-Funk-Pop für Gescheiterte! „Vorbei, vorbei“ heißt nicht nur die zweite Langrille, sondern auch der nächste hörenswerte Track, der mit einem Hauch Melancholie vom Ende einer Beziehung kündet. „Was Jesus tut“ vertont die Erkenntnis, dass es unheimlich hart ist, ein guter Mensch zu sein. Derweil ist „Pommes + Lachs“ eine tanzbare Mini-Romanze über 1:55 min und „Fremdes Haus“ ein sentimentaler Abgesang, der mich an ANNETTE HUMPE denken lässt. Als „Bester Verlierer der Stadt“ bezeichnet sich FRAU PAULI im stillen Wettbewerb der Loser mitten in und nach Krisen aller Art. „Kalina“ stammt bereits aus dem Jahr 2014 und wurde anlässlich der Annexion der Krim geschrieben. Es verbindet fröhliche Melodien mit so schwierigen Themen wie den jahrzehntelang andauernden Traumata des Krieges und den Geschichten des Großvaters aus seiner Gefangenschaft in Kaliningrad. Leise Töne schlägt hingegen „LUNVG“ an – kurz für ‚Lass uns nicht verloren gehen‘. Es geht um unsinnigen Streit und die Hoffnung auf Versöhnung, während das finale „Eine Traurigkeit“ ein poetisches Aufklärungslied über die verschiedenen Gesichter der Depression ist.

Indizien und Beweismittel:








 


Ortstermine:
25.6.2023  Uslar, Gut Steimke Festival
30.6.2023 Kassel, Kulturfabrik Salzmann 
1.7.2023 Kassel,  LyriKA
15.9.2023 Speyer, Ullis Wohnzimnmer


Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


21. Juni 2023

Sophie-Ellis Bextor - Hana


Die ersten Vier Alben von Ed Harcourt erschienen über Heavenly Records und waren bedingt erfolgreich: „From Every Sphere“ erreichte 2003 - als beste Platzierung - knapp die Top 40 im Vereinigten Königreich (#39). Das sollte ihm später als Solomusiker nicht mehr gelingen, seit 2017 veröffentlichte er sieben Alben selbst ohne die Charts zu erreichen.

Jedoch war er auch als Studiomusiker gefragt (The Streets, Paloma Faith, Lana Del Rey, Marianne Faithful, Mark Lanegan, Dave Gahan & Soulsavers) und als Produzent sowie Komponist für eine erfolggekrönte Trilogie mit Sophie-Ellis Bextor verantwortlich: „Wanderlust“ (2014; #4), „Familia“ (2016; #12) und aktuell „Hana“ (2023; #8).

Der Albumtitel „Hana“ bedeutet auf Japanisch (花) „Blume“ und wurde gewählt, da Sophie-Ellis Bextor von einer präpandemischen Reise für dieses Album inspiriert wurde. Eigentlich hätte der Familientrip nach Japan ohne sie stattfinden sollen, jedoch erkrankte ihr Stiefvater, so dass sie dessen Platz einnahm. Im weiteren Verlauf des Jahres verstarb er, so dass ihre Trauer auch die Entstehung der 12 Songs beeinflussten. Der in Japan häufig verwendete obi-Strip, der japanische Albumtitel und das an Kirschblüten erinnernde Albumcover visualisieren den Japan-Bezug zusätzlich.

Musikalisch gibt es meist tanzbaren Synthpop, der sich an der Disco-Musik der 70er („Reflections“) oder dem Pop der 80er Jahre („Everything Is Sweet“, „Breaking The Circle“, „Hearing In Colour“) orientiert, aber gelegentlich auch textlich („Until The Wheels Fall Off“ greift den Text eines Briefes ihres verstorbenen Stiefvaters an ihre Mutter auf) und musikalisch („A Thousand Orchids“, „Tokyo“) eher melancholisch bis entspannt daher kommt. Hoffentlich hört Kylie Minogue vor ihrer nächsten Veröffentlichung hier gut hin!

„Hanna“ ist als CD, Kassette und LP (ice blue Vinyl, pastel pink Vinyl, sandstone Vinyl).


 


There are immediate standouts that announce themselves: the handsome new wave snapper of “Everything Is Sweet,” the pop-soul breeziness of “Lost in the Sunshine,” and the melodic dance-punk excursion “Hearing in Colour.” Still, every cut here feels special, capable of functioning alone or as part of a greater whole. Vocally, Ellis-Bextor is in bewitching form throughout HANA, approximating passion (“Tokyo”) and observational cool (“We’ve Been Watching You”) in equal measure.
An inventive use of the deeper synth-pop colors and alternative rock tones (matched to varying tempos) on HANA keeps familiar sounds fresh, while giving Ellis-Bextor space to sketch out something different—like the modish psychedelia of “We’ve Been Watching You.” Discerning Ellis-Bextor fans, who have championed her non-single cuts, B-sides and her earlier Britpop incarnation with theaudience, will be thrilled with the 12 tracks presented. But outsiders will be curious too, mostly because nothing on this offering is inaccessible or overindulgent, just politely esoteric, and experimental.
From the beginning, Ellis-Bextor always understood that style and substance do not have to be mutually exclusive ideas. HANA is proof positive of this belief, and it stands as a current career triumph. 





20. Juni 2023

Gengahr - Red Sun Titans


Hoffnungsvoll veröffentlichten Gengahr 2020 ihr drittes Album „Sanctuary“ bei einem neuen Label, um dann festzustellen zu müssen, dass eine Pandemie allen Tatendrang ausbremsen und Optimismus verblassen lassen würde.

Aber das aus Hugh Schulte (Bass), Danny Ward (Schlagzeug), Felix Bushe (Gesang, Gitarre) und John Victor (Gitarre) bestehende Londoner Quartett hat offensichtlich wieder Hoffnung geschürt und kehrt mit sonnigem, leichtfüßigem Indiepop („A Ladder“, „In The Moment“), der mit reichlich Kopfstimme gesungen wird, ein wenig funky sein darf („In My Way“) und frühere Psychedelic-Rock-Aspekte gänzlich außen vor lässt, zurück. 
Für meine persönlichen Highlights („Napoleon“ und „Collapse“) muss man bis zum Ende des Albums durchhalten.

Die 11 Songs (zudem gibt es noch 3 Interludes) auf „Red Sun Titans“ strahlen am besten in einer Playliste neben den letzten Veröffentlichungen von Phoenix, Foals, Blossoms oder Two Door Cinema Club. An den Reglern und Mischpulten saßen im Studio Charlie Andrew (Alt-J, James, London Grammar) und Matthew Glasbey (Alt-J, Coldplay, Ed Sheeran).

Red Sun Titans“ ist als CD, Kassette und LP erhältlich, die Schallplatte erscheint als white Vinyl und in limitierter Auflage auch mit alöternativem Artwork.


 


Upon resuming following a brief interlude, the listener is transported back to Gengahr’s earlier singles, A Ladder and In The Moment. These tunes demonstrate the band’s adeptness in crafting infectious pop melodies that have amassed a devoted following. (…)
Heels To The Moon is an atmospheric, bouncy number that is propelled by acoustic guitar and the steady drum beat of Danny Ward, with White Lightening then a more rock-influenced number, both tracks showcase the band’s ability to push the boundaries of genre, whilst maintaining in line with their signature style, which will surely satisfy existing fans whilst attracting new ones. (…)
Red Sun Titans is the sound of a band re-born, with the energy and inspiration from the past in their back pockets, Gengahr feel refreshed, with a bright, independent outlook for the future. Allowing them to embrace the idea of being the underdogs, the album is so good because of its message of Gengahr being a group of friends finding joy in doing what they love.


 


Revitalised, the new sound – or, tongue in cheek, now labelled ‘Gengahr 2.0’ – dabbles mainly with 90’s indie rock and psychedelia, traditionally the home of outfits like Glass Animals or Django Django.
Not everything – or at least the aspects that in the past made Gengahr intriguing in a crowded field – has been lost: Bushe’s playful, multi-octave voice gives the songs a familiarly pied-piper quality; opener Alkali flirts, butterfly-like, between brains and brawn, the story a plotting of the fine line between insomnia and a desire to be in the moment.
Having been on the sidelines for so long, participation is also the subject matter of In The Moment, its stop-start buzz and delicate guitar lines soundtracking nocturnal dreams whilst the vibrant, loved-up afrobeat of A Ladder is a reminder that making pop doesn’t always have to mean compromise or disposability.
These explorations of the way in which our inner child still tries to surface despite the barriers of adult life are a conscious attempt to divide Red Sun Titans into equal parts, Bushe revealing: “The album sits at that crossroads where you can still see the past, but you’re trying your best to embrace the future.”





19. Juni 2023

The Ballet - Daddy Issues


Seltsam, nachdem The Ballet hier vor zehn Jahren für „I Blame Society“ eine Durchschnittswertung von 7,25 Punkten erhielten, haben wir sie etwas aus den Augen verloren… 

… und das ist so schade, denn wir haben ein Album verpasst und auf „Daddy Issues“ gibt es erneut wunderschönen, beschwingten, catchy Indiepop zwischen The Magnetic Fields, New Order, The Hidden Cameras, Belle & Sebastian, Jens Lekman und Sam Vance-Law zu hören.

„I Blame Society“ wurde 2013 über das legendäre Fortuna Pop! Label veröffentlicht und war bereits das dritte Album von Greg Goldberg und Craig Willse. Nach dem Ende des Labels im Jahr 2018 wechselte das Duo zu Fika Recordings, das im folgendenen Jahr „Matchy Matchy“ heraus brachte. 

Greg Goldberg, der das Album komponiert, arrangiert und Zuhause aufgenommen hat, bietet textlich eine detailreiche Untersuchung des zeitgenössischen queeren Lebens, mit besonderem Augenmerk auf die stigmatisierten Wünsche, Vergnügen und Beziehungen schwuler Männer. Der doppeldeutige Titel des fünften Albums von The Ballet bezieht sich auf eine populäre psychologische Diagnose für Menschen, die angeblich Ersatzväter in ihren sexuellen oder romantischen Partnern suchen, aber er verweist auch auf die Probleme der so genannten Daddies (ältere schwule Männer). 

Daddy Issues“ ist in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren auf clear frosted Vinyl erschienen.


 


Perhaps catchy as hell (you know what word I have replaced…) would be a more adroit description as The Little Hand, Daddy’s Boy, and The Fountain Of Youth twist tight, incidental jangled riffs through Casio-inflected charity shop pop that is reminiscent of the Au Revoir Simone vibe but is ultimately far too perfectly self-indulgent to be anything other signature The Ballet.
Jangle is never too far from being revealed within the retro pop meets twee template, with the deliberated twang of A Married Man and Eeenie Meenie being joined by the most perfect examples of what feels so very mid-2000s jangly twee-pop in the simply superlative Two Boyfriends and Since You’ve Been Gone.
The Ballet has never been anything short of brilliant, and Daddy Issues certainly continues that trend.


 



17. Juni 2023

The Boo Radleys - Eight


„Giant Steps“, eine meiner liebsten Platten, wird dieses Jahr 30 Jahre alt und erhält zum Jubiläum eine Neuauflage auf Vinyl. Endlich. 

Das hätte für Fans der wiedervereinigten The Boo Radleys schon ausreichen müssen, um aus 2023 ein gelungenes Jahr werden zu lassen - und dann überraschen Simon „Sice“ Rowbottom, Tim Brown und Rob Cieka (leider immer noch ohne Martin Carr) auch noch mit einem weiteren neuen Album! Dabei war erst vor 15 Monaten - nach 24 Jahren Pause - mit „Keep On With Falling“ ein neues Album veröffentlicht wurden.

Die mit dem höchst einfallslosen Albumtitel „Eight“ - denn das wievielte Album der Band mag es wohl sein? - einher gehenden Befürchtungen können schnell ad acta gelegt werden, denn auch die 13 neuen Songs bewegen sich zwischen eingängigem Britpop mit Bläsern („Seeker“), verhalten lärmenden Shoegaze („Way I Am“, „Dust“), trippige Space-Pop-Experimente („Sorrow (I Just Want To Be Free)“, „Wash Away That Feeling“) und beatlesken Psychedelic-Pop samt Streichern („Sometimes I Sleep“, „A Shadow Darker Than The Rest“) und halten den Vergleich zum Vorgänger statt.

Wie bei „Keep On With Falling“ gibt es, neben der regulären CD, eine Deluxe-Variante mit zweitem Silberling, der Alternative und Piano Versionen von einigen Albumtracks (5) sowie weitere Lieder (3) und Live-Aufnahmen älterer Songs (3) enthält. Freunde der Schallplatte können zu transparent red Vinyl greifen.


"Seeker" tosses together grunge-lite distorted guitars and bubbly horn sections, occasionally detouring away from its steady groove into sunny vocal harmonies and brief moments of Beatlesque psychedelia. "The Unconscious" also follows this busy template, using a faux-reggae foundation to build an intricately ornamented lounge pop arrangement. More than the shoegaze experimentation some of their early work is known for, there's a relaxed and carefree element present in songs like "Skeleton Woman" or the effervescent electronic touches of "Sorrow (I Just Want to Be Free)" that recalls the space age bachelor pad movement of the mid- to late '90s, which included artists like Saint Etienne, the Cardigans, and Ivy. Even when tackling heavier subject matter like racism and violence on "Now That's What I Call Obscene," the band sound like they're having the time of their lives, with singer/guitarist Simon "Sice" Rowbottom's voice shooting through the entire sonic picture with an exuberance borrowed from the most upbeat moments of the Style Council. The band still rock out at times on Eight, but instead of shoegaze thrashing, it takes the form of orchestral moodiness on "Swift's Requiem" and robotic synth pop on peppy album closer "How Was I To Know." The feedback squalls and backwards guitars on "Dust" are as close as this iteration of the Boo Radleys get to traditional shoegaze, and even then, the blasts of guitar melt into baroque string parts. Eight is energetic, inspired, and hits with one melodic hook after another, capturing the sound of a band overjoyed to be back and having the time of their lives.










16. Juni 2023

Sigur Rós - ÁTTA


Es ist Mitternacht und es läuft für die nächsten knapp 57 Minuten das höchst kurzfristig neu angekündigte Album von Sigur Rós. Eine physische Veröffentlichung steht erst im September an: Neben der Doppel-LP auf black Vinyl wird es eine limitierte Auflage auf clear Vinyl sowie coloured Vinyl über die Homepage von Sigur Rós direkt geben.

10 Jahre und 4 Tage sind seit „Kveikur“, dem siebten und bis heute letzten Album der Isländer vergangen. Der Schlagzeuger Orri Páll Dýrason hat aufgrund der vor einigen Jahren gegen ihn erhobenen Vorwürfe die Band 2018 verlassen, der Multi-Instrumentalist Kjartan "Kjarri" Sveinsson (u.a. Piano, Synthesizer) ist im Februar 2022 und damit rund neun Jahre nach seinem Ausstieg ins Team von Jón Þór "Jónsi" Birgisson (Gesang, Gitarre) und Georg "Goggi" Hólm (Bass) zurück gekehrt.

Diese personellen Wechsel definieren auch den Klang von „ÁTTA“. Kjartan "Kjarri" Sveinsson hat sich in den letzten Jahren viel zwischen Soundtracks für Theater und Film sowie zeitgenössischer Klassik bewegt, und daher werden die größtenteils ruhigen, getragenen und epischen Songs von den Streichern des London Contemporary Orchestra unter der Leitung von Robert Ames sowie  den Bläsern, die von Sigur Rós’ langjährigen isländischen Kollegen Brassgat í bala gespielt werden, geprägt. „ÁTTA“ (deutsch: acht) ist neben „Valtari“ das bedächtigste und friedvollste Album der Isländer geworden, driftet jedoch nicht in dessen teils langweile Ambient-Sphären ab (Highlights: die erste Single „Blóðberg“, „Mór“ und das abschließende fast 10-minütige „8“).
Und wenn kein Schlagzeuger mehr vorhanden ist, dann verzichten Jónsi & Co. ebenfalls größtenteils auf dieses Instrument (Ausnahmen und ebenfalls in die Kategorie „Highlights“ gehörend: „Klettur“ und „Gold“).

Das Album entstand zusammen mit dem Produzenten und Sound Artist Paul Corley, der zusammen mit Jónsi und dessen partner Alex Somers das Projekt Liminal betreibt, und wurde im eigenen Sundlaugin Studio in Island, den Abbey Road Studios in London und in mehreren Studios in den USA aufgenommen. 

Das Artwork stammt aus einer Performence des isländische Künstler Rúrí, der am 25. August 1983 in Korpúlfsstaðir einen siebzehn Meter hohen bogenförmigen Stoffregenbogen anzündete. Die Aktion „Rainbow I“ dauerte zwanzig Minuten bis die Flammen den bunten Stoff entlang der aufgehängten Kurve zerrissen und auflösten, so dass nur das tragende Rückgrat übrig blieb.




15. Juni 2023

Dream Wife - Social Lubrication


„Never judge a book by its cover“, aber „buy a record by its cover“ ist doch in Ordnung, oder?
So nämlich geschehen bei mir und „Social Lubrication“. 

Das dritte Album von Dream Wife, einem englischen Indierock-Trio aus Brighton, ist nämlich über Blood Records als „black and red splatter effect LP with gel sleeve“ erschienen und ein solches Gel Cover fehlte einfach noch in meiner Sammlung, so dass ich hier unbedingt zuschlagen musste. 




Die Riot-Grrrls Rakel Mjöll (Gesang/Geschrei), Alice Gough (Gitarre, Gesang) und Bella Podpadec (Bass, Gesang) werden am Schlagzeug von Alex Paveley unterstützt und haben noch zwei weitere schicke Schallplatten-Versionen im Angebot: Deep Red Vinyl und Red In Black Vinyl mit alternativem Artwork.

Die zehn energetisch wütenden Songs (lediglich bei „Honestly“ schnaufen sie ein wenig durch) wurden von Alice Gough selbst produziert und von Alan Moulder (Ride, Editors, Interpol, Foals) bzw. Caesar Edmunds (Iggy Pop, Suede, Beach House, Jehnny Beth) abgemischt.  




 


Am Anfang steht dieser Schädelbasisbruch von einem Song: Mit „Kick In The Teeth“ kracht es los, das dritte Album des Brightoner Frauen Trios Dream Wife. Kein Zweifel, Rakel Mjöll, Alice Go und Bella Podpadec meinen es ernst. Vergessen scheint der Trip in die harmloseren Regionen des Indie-Pop des Vorgängers SO WHEN YOU GONNA… Ja, Dream Wife screamen sich ihre Seelen leer und den Hörer:innen ihre Themen wie das Patriarchat-Dilemma oder missglückte Sex- Partys ins Gesicht.
Blöd nämlich, wenn man für jene nur Baumwoll-Schlüpfer zum Anziehen hat: Das jedenfalls beklagt Mjöll in „Curious“ und zeigt, dass sich Dream Wife auch Albernheiten leisten. „Wir wollten ein Album machen, das kickt“, sagt die Sängerin. Dazu sind keine männlichen Vorbilder nötig, das Trio hat den Geist vergangener Generationen wichtiger Punk- und Post-Punk-Frauen eingeatmet: von den Slits über Sleater-Kinney bis Le Tigre und Karen O, mitunter angetrieben vom Dance-Punk der Nullerjahre.







14. Juni 2023

Anna B Savage - in|FLUX


In sieben Kategorien werden jährlich die VUT Indie Awards (VIA), der erste und einzige Kritiker*innenpreis der unabhängigen Musikbranche, verliehen. In der Kategorie „Bestes Album“, in der zuletzt „Monsters“ (Sophia Kennedy, 2022), „Vertigo Days“ (The Notwist, 2021) und „Designer“ (Aldous Harding, 2020) ausgezeichnet wurden, darf ich in der Jury sitzen. 

Im Rahmen des Nomminierungsprozesses fiel mir auf, dass „in|FLUX“, das zweite Album der britischen Singer/Songwriterin Anna B Savage hier noch nicht vorgestellt wurde und auf keinen Fall vergessen werden sollte. Für dieses hat sie sich mit dem Produzenten und Tunng-Mitglied Mike Lindsay zusammengetan, so dass ihre mit Streichern und jazzigen Bläsern versehenen düsteren und gelegentlich exaltierten Folk-Songs auch mit sanfter Elektronik durchtränkt sind. 

in|FLUX“ ist über City Slang als CD und LP (black Vinyl, Translucent Orange Vinyl, Orange Marbled Vinyl) erschienen und wurde hoch gelobt:


Um Sexualität, Berühren und Begehren geht es auf IN|FLUX, nicht nur in „Pavlov’s Dog“ oder „Touch Me“. Man merkt überdies, dass das Werk in einer Phase der Selbstfindung entstanden ist. Dass dieser Prozess erfolgreich war, daran zweifelt man keine Sekunde, wenn man dieses fantastische Album hört.
Vom Gesang her erinnert es gelegentlich an PJ Harvey oder Anohni, durch das Saxofon- und Klarinettenspiel bekommt die Musik auch mal eine jazzige Note. Ansonsten regiert der ruhige, von Gitarre und Keyboard getragene Pop- oder Folksong, der uns tief in die Gefühls- und Gedankenwelt einer jungen Frau führt, die viel zu erzählen hat.


 


Aber die Lieder von Anna B Savage wurzeln in tiefen Schichten der Romantik und der Folklore, des Ritus und des Gospels. Man denkt an Sandy Denny und die flehentlich gesprochenen Gedichte von Anne Clark, an Kate Bush sowieso. Savage ist eine versierte Gitarristin und eine noch viel bessere Sängerin (ihre Mutter ist Opernsängerin), sie kann die Songs allein tragen.
Auf „In | Flux“ kommen tief tö­nende Streicher und Bläserhinzu und ein wenig Elektronik; die Songs sind atemnehmend, unheimlich und manchmal etwas überkandidelt. Eine Geisterbeschwö­rung, eine Gespensterplatte, erhebend auf die Weise, in der Nick Caves Musik erhebend ist. Oder erhaben.





13. Juni 2023

Lanterns On The Lake - Versions Of Us


Bereits vor ihrem hoch gelobten und für den Mercury Prize nominierten letzten Album „Spook The Herd“ (2020) rettete möglicherweise nur eine längere Auszeit die Lanterns On The Lake. Und auch nun knirschte es während der Aufnahmen zu ihrer fünften Platte wieder im Getriebe der Band (von psychischen und persönlichen Problemen ist die Rede), so dass letztendlich ihr Schlagzeuger und Gründungsmitglied Oliver Ketteringham nach über 15 Jahren seine Sachen packte.

Das verbliebene Quartett - Hazel Wilde (Gesang, Gitarre, Piano), Paul Gregory (Gitarre), Bob Allan (Bass) und Angela Chan (Geige, Cello) - verwarf die bisherigen Aufnahmen, kehrte zu den ursprünglichen Demoaufnahmen zurück und verdankte es den Impulsen des eingesprungenen Radiohead-Schlagzeuger Philip Selway, dass „Versions Of Us“ in der nun vorliegenden Fassung fertig gestellt wurde.   

Auf dem weniger zerbrechlich wirkenden Album überwiegen nun die druckvollen, vielschichtigen Indierock-Songs gegenüber den entrückten, atmosphärischen Dreampop-Liedern. Die Stimme von Hazel Wilde tritt deutlicher und kraftvoller hervor, was möglicherweise auch thematisch begründet ist, da sich ihre Perspektive als Texterin aufgrund ihrer Mutterschaft und einer veränderten Sicht auf die Welt grundlegend verändert hat. 

Versions Of Us“ ist seit Anfang Juni als CD und LP (translucent orange Vinyl) erhältlich. 


 


Paul and Hazel’s guitar work is bursting with invention and on ‘Vatican’ the playing brings in some stylish interjections between jazzy laid out chords that allow Hazel to carry the song. One of the strongest melodies permeates the lush ‘String Theory’ and your ears will be caressed with some lovely velvety tones from the guitars. The arrangements at the end of the track are wonderful and widescreen, not to mention pure heart breaking. ‘Thumb of War’ is a grandiose and shimmering beauty of a track, with sweeping guitar work that reminds me of Bernard Butler in his Suede days. Lanterns On The Lake sure know how to create a wall of sound and there’s an incredible amount of layers to every song. (…)
The songs are superbly crafted, and every play reveals new details and layers appear you’d not detected before. It’s not just an audiophile’s dream though, the melodies have been carefully crafted and there is an abundance of memorable hooks throughout. The time has come for Lanterns On The Lake to elevate to arena status, Versions Of Us is just exceptional, it really is.


 


Versions Of Us is a majestic career peak record from a band that has evolved constantly over more than a decade. It’s their fifth and most focused sounding album despite the difficulties in making it. The production belies being done in a bedroom, at points the instrumentation sounds widescreen and big budget without losing sight of where it’s come from. Lyrically, it’s raw, honest and painfully open at parts, a catharsis being used to make sense of what’s gone on and how to recover from it.




12. Juni 2023

Eydís Evensen - The Light


Vor einigen Jahren verbrachte ich die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr in Reykjavik und war, trotz meines Vorwissens über die winterlichen Lichtverhältnisse im hohen Norden, beeindruckt vom spärlichen Dämmerlicht, das die vorherrschende Dunkelheit für nur wenige Stunden durchbrach. Kein Wunder, dass die Isländer bereits am späten Nachmittag des 31. Dezembers damit begannen, mit Feuern und einer von mir noch nie gesehenen Menge an Feuerwerken über viele Stunden hinweg ins neue Jahr zu feiern. 

Die isländische Komponistin und Pianistin Eydís Evensen thematisiert auf ihrem neuen Album „The Light“ den Gegensatz zwischen den über viele Wochen hinweg vorherrschenden örtlichen Gegebenheiten in ihrem Heimatland und ihrem „inneren Licht“, das für sie ein Gefühl von Hoffnung und Zuversicht beschreibt.

Das der Neo-Klassik zuzuschreibende Album bietet rein instrumentales, minimalistisches Piano-Spiel („Anna’s Theme“, „Disturbance“, „Transcending“), welches gelegentlich um Streicher („17.03.22“, „Tranquillant“) sowie zusätzliche Bläser („Tephra Horizon“, „Resolution“) erweitert wird. 
Besonders hervor stechen „The Light II“, die a capella mit dem Chor der Schola Cantorum Reykjavicensis vorgetragene Umsetzung eines Gedichtes von Eydís Evensen, sowie „Dreaming Of Light“, zu dem wir auch erstmals Evensens Singstimme hören.

Nach „Bylur“, das vor zwei Jahren hier 7,333 Punkte erhielt, ist „The Light“ das zweite Album von Eydís Evensen und als CD und LP erhältlich. 

Eydís Evensen live in Deutschland:
15.06.23 Darmstadt, Centralstation
16.06.23 Köln, Stadtgarten
17.06.23 Berlin, silent green Kulturquartier
18.06.23 Leipzig, UT Connewitz









11. Juni 2023

Christine And The Queens - Paranoia, Angels, True Love


10 Fakten zum neuen Album von Christine And The Queens:

1. Mit einer Spielzeit von 96:49 Minuten (bei 20 Songs) hat sich das vierte Album von Christine And The Queens mit Sicherheit bereits einen Platz in den Top 10 der längsten Pop-Alben des Jahres 2023 gesichert.

2. Ausgehend von den ersten beiden Alben - „Chaleur humaine“ (2014) und „Chris“ (2018), die es beispielsweise in Frankreich, Belgien und im Vereinigten Königreich jeweils unter die Top 3 der Charts schafften - sollte man bei „Paranoia, Angels, True Love“ auch mit einer sehr hohen Position in den Verkaufs-Charts rechnen. Wäre da nicht zuletzt „Redcar les adorables étoiles (prologue)“ gewesen, das nur folgende Plätze erreichen konnte: Frankreich #36, Belgien #22 und Großbritannien #45.
In Deutschland ist die Musik von Christine And The Queens noch nicht auf große Begeisterung gestoßen: Lediglich „Chris“ (#36) konnte charten.

3. Die Veröffentlichung von „Redcar les adorables étoiles (prologue)“ liegt erst 6 Monate und 29 Tage zurück und genau dieses (kommerziell weniger erfolgreiche) Album wird von Héloïse Letissier als erster Teil angesehen, der nun um drei weitere Teile, nämlich „Paranoia“ (auch mit Umlaut auf dem ï geschrieben), „Angels“ und „True Love“, ergänzt wird. Die Inspiration für dieses Konzeptalbum erfolgte über das von Tony Kushner geschriebene und mit dem Pultzer-Preis und Tony Award ausgezeichnete Theaterstück „Angels In America“.

4. Dieses Konzept spiegelt sich auch in den physischen Tonträgern wider, denn „Paranoia, Angels, True Love“ wird als 3fach CD und Triple Vinyl (180g black Vinyl)veröffentlicht. 
Wem das alles doch zu viel Musik ist, der kann auch eine auf 9 Songs reduzierte Highlight-Version des Albums (CD, LP) mit alternativem Artwork käuflich erwerben.



5. Das Foto auf dem Plattencover stammt vom in Paris lebenden  italienischen Fotografen Paolo Roversi, der hauptsächlich im Bereich Modefotografie tätig aber auch für seine Aktfotografien bekannt ist. 


 


6. Als erste Single wurde im März „To Be Honest“ ausgewählt und mit einem Video versehen. Es folgten kurz vor der Albumveröffentlichung „True Love“ und „Tears Can Be So Soft“.


 


7. Gleich auf 3 Songs des Albums ist Madonna (sprechend) zu hören („Angels Crying In My Bed“), „I Met An Angel“ und „Lick The Light Out“). Die US-Raperin Danielle Balbuena (aka 070 Shake) ist bei „True Love“ sowie „Let Me Touch You Once“ dabei.

8. Als Produzent fungiert, neben Christine And The Queens, der US-Amerikaner Mike Dean, der als Produzent, Engineer, Songwriter und an den Synthesizern bereits für nahezu alle namhaften Künstler aus den Bereichen R&B, Hip Hop und Pop tätig war, u.a. für The Weeknd, Kanye West, 2Pac, Travis Scott, Jay-Z, Beyoncé, Drake, Madonna, Selena Gomez oder Lana Del Rey. 


  


9. Auch bei den Kritikern kamen die ersten beiden Alben von Christine And The Queens deutlich besser weg als das zuletzt veröffentlichte. Laut Metacritic ist das neue Album aber wieder ein Schritt in die richtige Richtung: „Chaleur humaine“ (85/100 Punkten), „Chris“ (89/100), „Redcar les adorables étoiles (prologue)“ (71/100) und „Paranoia, Angels, True Love“ (80/100).

PARANOÏA, ANGELS, TRUE LOVE bietet fantastische Synth-Pop-Tracks wie „To Be Honest“ oder „True Love“ – das sind die Singles. Doch was sich um sie herum abspielt, macht diese Platte so überirdisch gut. Chris steigt intim ein: „Tears Can Be Soft“ enthält ein Marvin-Gaye-Sample, der Sound erinnert an WHAT’S GOING ON. Der elegante Neo-R’n’B-Track „A Day In The Water“ zeigt, wie wichtig Chris auf diesem Album die Melodien sind, „Track 10“ ist ein mehr als elf Minuten langer Avantgarde-Ritt, irgendwo zwischen Scott Walters Spätwerk, Drum’n’Bass und This Mortal Coil.

10. In Europa sind aktuell 23 Konzerte geplant, lediglich ein Auftritt von Christine And The Queens wird in Deutschland stattfinden:
14.09.23 Berlin, Verti Music Hall