31. Januar 2026

The Molotovs - Wasted On Youth


Die Geschwister Mathew Cartlidge (Gesang, Gitarre) und Issey Cartlidge (Bass, Gesang) aus Brighton haben in ihrem Debütalbum eine explosive Mischung abgefüllt und rocken sich einmal quer durch die britische Gitarrenrock-Historie. 

Los geht es in den 60er Jahren mit Referenzen an Small Faces oder The Kinks und später wird das Mod-Revival aufgegriffen, indem Paul Wellers The Jam gehuldigt wird („Nothing Keeps Her Away“). Den Retro-Vibe ziehen die Cartlidge-Geschwister auch optisch durch: Mathew und Issey treten fast immer in einer Art modernen Interpretation der Mod-Uniform der 60er und 70er Jahre auf (maßgeschneiderten Anzügen, eng geschnittenen Hemden und Krawatten) und tragen dazu passende Frisuren.

Aus der Britpop-Hochphase lassen Oasis durch Ähnlichkeiten mit „The Girl In The Dirty Shirt“ („Daydreaming“) und „Bring It On Down“ („Wasted On Youth“) schön grüßen, bei „Popstar“ darf man auch gern an Supergrass denken. Die Post-Punk-Energie von The Libertines („Get A Life“) oder The Futureheads („More More More“) nehmen The Molotovs auch mit, so dass die 11 Songs in 32 Minuten durchgepowert sind. 

„Wasted On Youth“ ist mit variierenden Artworks in unterschiedlichen CD- und Kassetten- und LP-Varianten erhältlich. Die Schallplatte gibt es auf pink Vinyl, blue Vinyl, red Vinyl, half pink and half blue Split Vinyl und Zoetrope Vinyl.
 

Opener Get A Life kicks the door straight off its hinges. It’s snarling and packed with attitude, the kind of opening statement that immediately tells you this band know exactly who they are. There’s a scrappy confidence to the delivery, the guitars fizzing with urgency as the rhythm section locks in like it’s been doing this for decades. More More More, a track steeped in Mod swagger, is all bright hooks and elastic grooves. It feels proudly Jam-esque, with a melodic punch that could’ve easily landed on a FIFA playlist circa 2005. It leans more into the pop sensibilities of punk, but it’s delivered with enough grit to stop it tipping into nostalgia.


  


 




30. Januar 2026

Yumi Zouma - No Love Lost To Kindness


Das neuseeländische Quartett konnte bei Platten vor Gericht bisher keine Bäume ausreißen: „Present Tense“ erreichte 2022 6,25 Punkte, „Truth Or Consequencees“ schloss zwei Jahre zuvor mit einem Durchschnittswert von 6,5 Punkten einen Hauch besser ab. 

Dieser Wahrheit mussten sich Yumi Zouma stellen und daraus Konsequenzen ziehen: Die über drei Kontinente verteilt lebende Band (Melbourne, Wellington, London und New York sind, um genau zu sein, aktuell die Wohnorte) beschloss, für die Aufnahmen nach Mexiko zu gehen, eine Entscheidung, die im Nachhinein als als spannungsreich und reibungsvoll bezeichnet wurde. Sollte aber die Abkehr vom allzu harmlosem Dreampop und sanften Bedroom-Pop der insgesamt vier früheren Alben das Ergebnis dieser Wahl gewesen sein, dann haben sich Yumi Zouma richtig entschieden. 

Vor allem in der ersten Hälfte von „No Love Lost To Kindness“ überraschen die Neuseeländer mit teilweise gitarrigen und rauen Klängen, die an den Alternative Rock der 90er Jahre, Shoegaze oder Grunge denken lassen („Cross My Heart And Hope To Die“, „Drag“, „Phoebe’s Song“). Erst im weiteren Verlauf des Albums breiten sich vermehrt Synthesizer im sanften Elektropop und balladesken Indiepop aus („Did You See Her?“, „Every False Embrace“). 

Ich wollte schon schreiben, dass man sich beim Hören von „No Love Lost To Kindness“ gut auf die erste Seite der Schallplatte konzentrieren kann, aber tatsächlich gibt es bisher keine Vinyl-Ankündigung. Bis auf „95“ stammen alle der folgenden Videos von der (noch nicht vorhandenen) A-Seite des Albums:


 


 


 
 


Auf ihrem neuen Album haben Yumi Zouma zwölf Songs aus dem Ärmel geschüttelt, die man nicht mehr nebenbei hören will. Aus dem SynthiePop ist schwebender Indie-Rock geworden. Songs wie der Opener „Cross My Heart And Hope To Die“, „Blister“ oder die Single „Phoebe’s Song“ passen in einen melancholischen Samstagnachmittag, an dem man entspannt mit einer Weißweinschorle in der Hand durchs Wohnzimmer segelt, um sich dann ausgehfertig zu machen. Sanft-rockiger Shoegaze ohne viel Distortion, aber mit einer ausgeprägten Pop-Sensibilität.


 


 





29. Januar 2026

10 Schallplatten, die uns gut durch den Februar bringen


10. Chapterhouse - Whirlpool (180g) (Limited Numbered Edition) (White & Black Marbled Vinyl) 27.2.2026






9. Voxtrot - Dreamers In Exile (Black Vinyl) 27.2.2026






8. Hundreds - Sirens (LP) 6.2.2026






7. Kishi Bashi - Sonderlust (10th Anniversary Edition) (2 LPs) 27.2.2026






6. Ist Ist - Dagger (Limited Indie Edition) (Black In Clear Vinyl) 6.2.2026






5. A.S. Fanning - Take Me Back To Nowhere (Transparent Blue Vinyl) 6.2.2026






4. Mumford & Sons - Prizefighter (Limited Edition) ('Clover' Black On Clear Vinyl) 20.2.2026






3. Apparat - A Hum Of Maybe (Limited Indie Edition) (Turquoise Vinyl) (2 LPs) (20.2.2026






2. Paul Draper - Mansun Retold (Coloured Splatter Vinyl) 20.2.2026






1. Heavenly - Highway To Heavenly (Coke / Transparent Turqoise Vinyl) 27.2.2026







28. Januar 2026

Delaney Bailey - Concave


Die erste Vorladung (II-MMXXVI)

Personalien:
Die 24-jährige Delaney Bailey wuchs in Indiana in einer Großfamilie mit sieben Geschwistern auf. Sie studierte Design an der Indiana University Bloomington und lebt und arbeitet zurzeit in Chicago.

Tathergang:
Während ihres Studiums veröffentlichte Delaney Bailey 2020 in Eigenregie ihre ersten Singles und erreichte über Plattformen wie TikTok größere Bekanntheit. Das Label Clean Slate wurde auf sie aufmerksam und veröffentlichte 2022 mit „(I Would Have Followed You)“ ein erstes Mini-Album. Der Opener „J's Lullaby (Darlin' I'd Wait For You)“ darf als ihr großer Hit bezeichnet werden, denn allein bei Spotify sind mehr als 143 000 000 Streams für diesen Song verbucht.
Am 21. Januar 2026 folgte mit „Concave“ ihr Debütalbum. Im Gegensatz zu ihren früheren, eher akustischen Balladen, nutzt sie hier eine vollere Produktion mit Drums, Synthesizern und vielschichtigen Vocals. Thematisch behandelt sie Ängste vor dem Älterwerden, Identität und Familiengeschichten. Das Album, bei dem Bailey die volle kreative Kontrolle hatte, wurde über AWAL Recordings veröffentlicht. Freunde der Schallplatte können „Concave“ als Sea Blue Vinyl käuflich erwerben.

Plädoyer:
Der Gothic-Look, denn die Homepage und das Plattencover ausstrahlen, weist ein wenig in die falsche Richtung, denn Delaney Bailey bewegt sich zwischen zartem Folk, unheilvollem Indiepop und entrücktem Dreampop. Das Ergebnis lässt sehr stark an Azure Ray denken, ist aber durch den geschickten Einsatz von E-Gitarre, Drums und elektronischen Sounds abwechslungsreicher gestaltet. Als Beispiele hierfür seien „Lion“ und „Retainer“ genannt. Den Stimmverzerrer auf „Wake Up“ hätte sie aber besser schlummern lassen.

Zeugen:

(…) an album where she seems to care very little about neat musical labels and genres, covering a vast ground between dream pop and everything else, keeping that introspective music and lyrics concept fully intact.
And she may be doing it all instinctively, but she seems to have a deep musical background that she has transformed into music of her own with such ease. The previous three EPs that went so well both with critics and the streaming audience certainly did help, but Concave, although formally a debut, presents an artist with a fully developed vision that knows exactly how to give it a shape and form that will reach the audiences.

Intimate, chilling and spectral.

Delaney Bailey’s Concave is hauntingly beautiful. Each track indelibly brings new versions of Bailey to the table, going from eerie echoes to subdued and earnest lyrics to heavy vocal distortion with ease. 

Indizien und Beweismittel:


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


27. Januar 2026

Kula Shaker - Wormslayer


10 Fakten zum neuen Album von Kula Shaker:

1. In den UK Charts ging es für die Alben von Kula Shaker, ähnlich zu einem Jo-Jo, rauf und runter und wieder rauf und…: Das Debütalbum „K“ konnte 1996 zur Hochphase des Britpop Platz 1 im Vereinigten Königreich erlangen, danach ging es über die Plätze 9 und 69 peu und peu à unten, bis „Pilgrims Progress“ 2010 auf Platz 117 strandete. „K 2.0“ konnte zwar 2016 nicht den Erfolg von „K“ wiederholen, aber immerhin den 32. Rang erreichen. Für das folgende „1st Congregational Church Of Eternal Love And Free Hugs“ war Platz 1 wieder extrem weit entfernt. Platz 169 stellte das Karrieretief von Kula Shaker dar, bevor es nur zwei Jahre später mit „Natural Magick“ (2024) wieder bergauf ging - und zwar bis zu Platz 22.

2. Kula Shaker nahmen sich teilweise etwas Zeit zwischen ihren Alben (Rekord: 8 Jahre 5 Monate und 12 Tage), daher überrascht es, dass sie jetzt zum zweiten Mal in Folge weniger als 2 Jahre für ein neues Studioalbum benötigten: „Wormslayer“ folgt nicht ganz so schnell auf seinen Vorgänger wie zuletzt „Natural Magick“, aber die Zwei-Jahres-Grenze konnte um 3 Tage unterboten werden.


 


3. „Wormslayer“ erscheint offiziell am 30. Januar 2026 - wie alle Alben von Kula Shaker in diesem Jahrtausend -  über das bandeigene Label Strange F.O.L.K. und bietet 11 Songs in einer Laufzeit von 46:44 Minuten.

4. Nicht auf das Album geschafft haben es „Rational Man“ und „Bringing It Back Home“, die im Mai 2024, also drei Monate nach der Veröffentlichung von „Natural Magick“, digital und auf Vinyl-Single erhältlich waren. Gleich fünf Singles wurden seit April 2025 dem Album voraus geschickt: „Charge Of The Light Brigade“, „Broke As Folk“, „Good Money“, „Be Merciful“ (ohne Video) und „Lucky Number“. In die UK Charts konnte keiner dieser Songs einziehen, daher bleibt die Coverversion „Hush“ aus dem Jahr 1997 ihre erfolgreichste Single (#2).

5. „Wormslayer“ als CD und LP (Black Vinyl) erhältlich. Darüber hinaus gibt es die „Limited Indie Edition“ der Schallplatte auf Crystal Clear Vinyl.


 


6. Drei besondere Auflagen der LP gibt es zudem: Smokey Purple & Blue Marble Vinyl im Shop von Kula Shaker, Blue Galaxy Vinyl exklusiv bei Rough Trade und limitiert auf 500 Exemplare und - nur für den australischen/neuseeländischen Markt - das Red/Yellow Marbled Vinyl.

7. Kula Shaker beziehen sich mit dem Albumtitel „Wormslayer“ auf König Kulasekhara, einen bedeutenden Herrscher und Dichterkönig aus dem 9. Jahrhundert in Südindien, der Crispian Mills auch zum Bandnamen inspirierte. Der Frontmann hat das visuelle Konzept und das Artwork maßgeblich selbst entworfen, wobei er indische Mythologie und mittelalterliche Epik mit 60er-Jahre-Ästhetik mischt.


 


8. Die Nummer 8:  Auf dem Plattencover sieht man auch den brasilianischen Fußballer Sócrates, den Crispian Mills als „Fußball-Philosoph“ als das moderne Gegenstück zum antiken Dichterkönig Kulasekhara sieht. Seine ikonische Rückennummer taucht im Album-Kontext auch als Symbol für Unendlichkeit und als Hinweis auf das achte Studioalbum der Band auf.

9. Die Aufnahmen von „Wormslayer“ fanden größtenteils in den Belgian Studios von Bassist Alonza Bevan statt. Als Produzenten fungierten hauptsächlich Mills und Bevan mit ihren Bandkollegen, den Mix übernahm John McEntire, der Mitglied von Tortoise und The Sea And Cake ist und im Studio bereits für Bright Eyes, Sterelab, Teenage Fanclub, Blur oder Yo La Tengo tätig war. Als Gastmusiker waren u.a. auf vier Stücken das Streicherquartett Iskra Strings unter der Leitung von James Underwood, Melinda Bronstein, eine regelmäßige Wegbegleiterin der Band (Backing Vocals) oder auch Will Twynham, der am Cembalo (Harpsichord) den barocken Psychedelia-Vibe verstärkt, beteiligt.


 


10. Kurz nach dem Albumrelease kommen Kula Shaker auch für vier Konzerte nach Deutschland. Das sind die Termine:
25.02.26 Köln, Bürgerhaus Stollwerck
28.02.26 Hamburg, Gruenspan
02.03.26 Berlin, Heimathafen Neukölln
03.03.26 München, Technikum)


26. Januar 2026

European Sun - When Britain Was Great


Die erste Vorladung (I-MMXXVI)

Personalien:
Hinter dem Projekt European Sun steckt der in North Somerset lebende Vater, Pädagoge, Musiker und Schriftsteller Steve Miles.

Tathergang:
Musikalisch wurde der frühere Punk über die Radiosendungen von John Peel, den NME, und den Melody Maker sozialisiert, so dass Buzzcocks, The Only Ones und Joy Division zu seinem Lieblingsbands wurden. Seine Punk-Scheuklappen hat er aber seitdem ablegen können. Laut Steve Miles begann seine musikalische Karriere in einer rein imaginären Band in seinem Kopf mit schlechten Songs, die er auf der Gitarre komponierte. Auch seine reale Laufbahn als Schlagzeuger war wohl nicht besonders überzeugend.
Doch dann führte vor einigen Jahren das Treffen mit einem alten Schulfreund und dessen Einladung zum gemeinsamen Musizieren mit seiner Frau zu einem Ergebnis. Denn bei dem alten Freund handelte es sich um Rob Pursey und bei seiner Frau um Amelia Fletcher, bekannt von der Twee Pop Band Heavenly und Besitzer des Labels Skep Wax Records. 
2020 erschien das selbstbetitelte Debütalbum von European Sun über das Londoner Label wiaiwya, nun folgt, auch als red Vinyl, „When Britain Was Great“ über Skep Wax Records. 

Plädoyer:
Die nostalgische Note, die in diesem Album mitschwingt, ist schon im Albumtitel zu erahnen. Und wer einen epischen 17-minütigen Song wie „School Report“ als erste Single veröffentlicht, der ist in seinem Herzen ein Punk geblieben. So ausufernd sind die anderen 12 Songs, die Steve Miles mehr erzählend als singend vorträgt, nicht geraten, meistens bewegen sie sich um die 2-Minuten-Marke herum und können als experimentellen DIY-Indiepop bezeichnet werden. Freunden von TV Personalities, The Pastels, Arab Strap, Belle & Sebastian und Billy Bragg zu empfehlen.

Zeugen:

With the vocally kindred Elin Miles stepping in for Fletcher on backing vocals, their second album, When Britain Was Great, sees Miles let loose more as a writer, with confessional songs full of observant social commentary, pop culture references, and timidity. (…)
In the ironic "When Britain Was Great," Miles skewers the toxic misogyny and racism of the Post-War Era idealized by some. While the sentiments here run deep, the delivery is mostly fun, as Miles and his band put a '60s beat-music spin on vignettes and commentaries that likewise connect the past and the present.


Indizien und Beweismittel:


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...



22. Januar 2026

PVA - No More Like This


PVA bei PVG. 

Das hätten Ella Harris (Gesang, Synthesizer), Josh Baxter (Gesang, Synthesizer) und Louis Satchell (Schlagzeug) vermutlicht nicht gedacht, nachdem ihr Debütalbum „Blush“ (2022) keine Vorladung zu Platten vor Gericht erhalten hatte. 

Das Trio aus dem Süden Londons kombiniert auf den 10 Songs von „No More Like This“ Electronica, Synth-Pop und Trip Hop. Ella Harris erinnert mich mit ihrer Mischung aus Singen und Sprechen an die Vorträge von Sarah Nixey bei Black Box Recorder, musikalisch sind es vor allem Massive Attack, die einem bei „Mate“ oder „Okay“ in den Sinn kommen. The Knife, Björk oder Leftfield sind weitere oft genannten Referenzen.

Das Album wurde von Kwake Bass (Sampha, Kae Tempest) produziert und ist ab dem 23. Januar als CD und LP (black Vinyl, transparent Vinyl) erhältlich.

PVA in Deutschland:
13.03.26 Berlin, Mikropol
14.03.26 Hamburg, Molotow


 




Die vitalisierende Wirkung von „No More Like This“ von PVA ist eher unterschwellig. Langsam graben sich die durchaus einprägsamen Kompositionen ins Langzeitgedächtnis; erst nach und nach versteht man den Gesang als echtes weiteres Instrument und weniger als Mittel zum Zweck („Okay“). PVA empfehlen sich für die leicht angetörnte Strandparty ebenso wie für den zuckenden Club oder die Entspannungsreise allein daheim. (…)
„Mate“ ist im Prinzip ein maximal heruntergetunter IDLES-Song, der ohne deren Druck die gleiche Feurigkeit im Ergebnis erzielt. Zwischen Düsternis und Mantra pendelnd, lässt sich das Lied partout nicht einordnen. Das folgende „Send“ ist mit Abstand der beweglichste Song, ein Fest für Fans von YEARS OF DENIAL und ähnlichen Bands. Ohne viel am Konzept zu ändern und komplett in der Wiederholung verbissen, schaffen PVA hier dennoch einen Klimax.
„No More Like This“ von PVA überzeugt vor allem mit dem Widerspruch aus Intimität und Kälte, aber auch mit der vollkommenen Abwesenheit von Angriffslust. Die Musik steht für sich, behauptet sich und wirkt nach.


 




21. Januar 2026

10 Schallplatten, die uns gut durch den Januar bringen


10. European Sun - When Britain Was Great (red Vinyl) 23.1.2026






9. Pale Blue Eyes - PBE Archives Vol. 1 (clear Vinyl orange limited Edition) 23.1.2026






8. Kula Shaker - Wormslayer (Limited Indie Edition) (Crystal Clear Vinyl) 30.1.2026






7. Death Cab For Cutie - Plans (Atlantic 75 Series, 180g, 45 RPM, 2 LPs) 9.1.2026






6. Ailbhe Reddy - Kiss Big (red Vinyl) 30.1.2026






5. Naked Lunch - Songs For The Exhausted (black Vinyl) 16.1.2026






4. The Molotovs - Wasted On Youth (Limited Indie Edition) (Half & Half Pink & Blue Color Split Vinyl) 30.1.2026






3. The Wedding Present - Maxi (Clear Vinyl) 12'' 16.1.2026






2. Mercury Rev - All Is Dream (25th Anniversary Gatefold Black 2LP) 30.1.2026






1. Cast - Yeah Yeah Yeah (Cornetto Vinyl) 30.1.2026







20. Januar 2026

Sleaford Mods - The Demise Of Planet X


Genau wie die gestern vorgestellten Die Sterne kommen auch die Sleaford Mods auf mittlerweile dreizehn Studioalben. Jedoch benötigte das Duo aus Notthingham nicht wie ihre Hamburger Kollegen 35 Jahre für diese Anzahl an Alben, sondern lediglich deren 19. Da wundert es fast schon, dass zwischen „UK Grim“ (2023) und nun „The Demise Of Planet X“ fast drei Jahre ohne neue Veröffentlichung vergingen. 

Für gleich mehrere Songs auf „The Demise Of Planet X“ konnten die Sleaford Mods unterschiedlichste Musiker*innen gewinnen, die etwas Abwechslung in den Sprechgesang von Jason Williamson brachten: die Schauspielerin Gwendoline Christie und die Punk-Band Big Special beim Opener „The Good Life“, die neuseeländische Folkmusikerin Aldous Harding („Elitest G.O.A.T.“), Sue Tompkins von der Indierock-Band Life Without Buildings („No Touch“), den Singer/Songwriter Liam Bailey („Flood The Zone“), der sich sonst eher im Soul, Reggae und Blues zu Hause fühlt, sowie den Grime-MC und Rapper Snowy („Kill List“).

The Demise Of Planet X“ ist über Rough Trade als CD, Kassette und LP (black Vinyl, Glow in the Dark Vinyl, neon pink Vinyl) erhältlich. Bei Metacritic stehen zurzeit nur 78/100 Punkten für das Album zu Buche, damit es das einzige dort gelistete Album der Sleaford Mods, das keine 8 beim Zehner hat.


 


 


Bizarre Dub-Einsprengsel, dystopische Synths, rotzige Spoken Words und minimal New Wave sind die Zutaten dieses Soundtracks zum Ende der Welt, Tanz-Therapie inklusive. „The Demise Of Planet X“ ist dabei nicht nur eine Abrechnung mit allen toxischen Idioten auf diesem Planeten, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den inneren Dämonen. Zwischen provokant lässigen Melodien und provozierend wütenden Sounds spielt sich die ganze Skala von Resignation und Hoffnung angesichts dem Wahnsinn dieser Welt dank Sleaford Mods immer noch frech freshem DIY-Charme und Coolness ab.


 




19. Januar 2026

Die Sterne - Wenn es Liebe ist


„Was hat unsere Chart-Statistik bloß so ruiniert?“, fragten sich vielleicht Frank Spilker und seine Kolleg*innen am vergangenen Freitag. Zwar sind die Zeiten, in denen sich neue Alben von Die Sterne wochenlang in den deutschen Top 100 tummelten längst vorbei (das 1996 veröffentlichte „Posen“ kommt als Rekordhalter auf insgesamt 9 Wochen), aber die fünf letzten Studioalben erreichten zumindest jeweils für eine Woche die Charts - und das bei recht konstanten Platzierungen: „Räuber und Gedärm“ (2006; #58), „24/7“ (2010; #61), „Flucht in die Flucht“ (2014; #43), „Die Sterne“ (2020; #38) und „Hallo Euphoria“ (2022; #38). 

Vermutlich schauten Frank Spilker, Jan Philipp Janzen, Phillip Tielsch und Dyan Valdés am 17. Januar, also eine Woche nach der Veröffentlichung von „Wenn es Liebe ist“, aus Gewohnheit erst einmal auf Platz 38 der deutschen Albumcharts nach, ob dem 13. Album von Die Sterne erneut der Einstieg auf diesem Rang gelungen sei. Dort war aber „Rumours“ von Fleetwood Mac platziert, das seit seinem Erscheinen im Jahr 1977 insgesamt 120 Wochen in der Hitparade ansammeln konnte. 

Vielleicht erfolgte anschließend der hoffnungsvolle Blick des Quartetts in höhere Charts-Regionen. Denn wenn selbst „70 Jahre - Die große Jubiläumsedition“ von Heintje wieder auf Rang 32 neu einsteigen konnte, dann könnte vielleicht für Die Sterne einiges möglich sein… Gleich sechs Mal konnten sie noch das Wörtchen „NEW“ lesen, aber dahinter standen Lionheart, J.B.O., Hinterlandgang oder Alter Bridge, aber nicht Die Sterne. Plötzlich erkannten sie, dass Taylor Swifts „The Life Of A Showgirl“ vom Thron gestoßen wurde und zwar von zwei weiteren Neuzugängen, aber auch hier tauchten nicht Die Sterne sondern Beyond The Black und Versengold auf. 

Dann senkte sich wohl der Blick wieder nach unten, vorbei an besagtem Platz 38, vorbei an den Neuplatzierten Dry Cleaning, Bullet sowie Ramzey, vorbei am absoluten Rekordhalter mit 566 Wochen Chart-Anwesenheit (Simone Sommerland, Karsten Glück & die Kita-Frösche mit „Die 30 besten Spiel- und Bewegungslieder“) bis zu Platz 100. Und nirgendwo Die Sterne. 

Vielleicht trösten Die Sterne ja die guten Plattenkritiken:


Immer noch eine Spezialität der Sterne: Instant-Indie-Hits wie der Opener „Ich nehme das Amt nicht an“, den die Band selbst als „Riff-Rock“ beschreibt – ein treibender Track zwischen T. Rex und White Stripes. Währenddessen werden Neu! und Can mit krautrockigem Flow im fließend flirrenden „GNZRZND“ zitiert. Synthteppiche sorgen überall für einen dichten Sound, was an Dyan Valdés, der seit letztem Album mitspielenden Keyboarderin liegt und die auch bei dem hypnotisch-experimentellen Stream-Of-Consciousness-Stück “Open Water” den Lead-Sprech-Gesang übernimmt, genauso wie im cool-minimalistischen Electronica-Vocoder-Track “Fans von irgendetwas”, der frappant an Malarias “Kaltes klares Wasser” erinnert.


 


Das zehnminütige Instrumental „Immer noch sprachlos“ übertreibt es fast ein wenig mit dem Reenactment des Sounds von Neu!. Auch das von Dyan Valdés geschriebene und gesungene „Open Water“ fällt (positiv) aus dem Rahmen – ein in atemlosem Englisch vorgetragener Stream of Unconsciousness, untermalt von treibenden Motorik-Beats und irrlichternden Psych-Gitarren.
Am besten sind trotzdem die songorientierten Stücke. „Ich habe nichts gemacht (außer weiter)“ ist eine herrlich augenzwinkernde Karrierebilanz (…). Gigantisch auch das straight nach vorn gespielte, aber im Refrain melodisch in den Himmel segelnde „Es war nur ein Traum“. Im Video zum riffsatten „Ich nehme das Amt nicht an“ agiert Spilker als überforderter Vampir mit Minipli, der den Tod im Tageslicht sucht, weil er sich von diesem Land heillos überfordert fühlt. Ein schönes, poetisches Album zum Stand der Dinge.


 


Es gibt Songs wie „GNZRZND“, die eigentlich gar keine Songs sind, sondern nur ein endlos groovender Groove, über den Spilker Satzfetzen, vielleicht auch mal ein paar gereimte Zeilen wirft. Oder es wird in „Ändern wir je den Akkord“ gegroovt, gegroovt und weiter gegroovt, bis Frank Spilker dann doch noch ins Hoffen kommt: „Vielleicht wäre es gut und die Vernunft würde siegen.“
Ist das noch Postpunk oder schon Krautrock? Egal, solange Spilker über diesem Groove das tut, was er so gut wie kaum jemand kann: die gesellschaftlichen Zustände aufgreift, nicht analysiert, aber anreißt, in Rollen schlüpft, Fragen stellt und Antworten verweigert, aber vor allem versucht, aus seiner Blase auszubrechen, ohne sie gleich platzen zu lassen. 


17. Januar 2026

Robbie Williams - Britpop


10 Fakten zum neuen Album von Robbie Williams:

1. Was für ein Hin und Her: Ursprünglich sollte „Britpop“ am 10. Oktober 2025 veröffentlicht werden, doch dann kündigte Taylor Swift die Veröffentlichung ihres Albums „The Life Of A Showgirl“ für den gleichen Tag an. Als Reaktion darauf und um einen wenig Erfolg versprechenden Wettstreit um Platz 1 der Charts aus dem Weg zu gehen, verschob Robbie Williams seinen eigenen Veröffentlichungstermin und stand auch dazu: „I could pretend it's not, but it is. It's selfish. I want a 16th No 1 album.“ Das dreizehnte Studioalbum von Robbie Williams wurde somit für den 6. Februar 2026 angekündigt. Plötzlich und überraschend war „Britpop“ dann aber bereits gestern, am 16. Januar, erhältlich.

2. Wie kann Robbie Williams mit bisher zwölf veröffentlichten Studioalben von seinem sechzehnten Nummer 1 Album sprechen? Bis auf „REality Killed the Video Star“ (2009, #2) errecihten alle anderen Soloalben Platz 1 der UK Charts. Dies gelang auch „Better Man“ (2024), dem Soundtrack zu seiner gleichnamigen Filmbiografie, sowie gleich drei Best of-Compilations: „Greatest Hits“ (2004), „In And Out Of Consciousness: Greatest Hits 1990–2010“ (2010) und  „XXV“ (2022).

3. Zuletzt lagen 3 Jahre und 18 Tage zwischen der Veröffentlichung von „The Heavy Entertainment Show“ (2016) und „The Christmas Present“ (2019), damit übertraf Robbie Williams seinen bisherigen persönlichen Negativrekord um einige Tage. Seitdem mussten seine Fans aber 6 Jahre, 1 Monat und 25 Tage auf ein neues Album von ihm warten. Die Netflix-Serie, das Biopick und zwei Compilations halfen ihnen aber durch diese lange Zeit. 


Natürlich ist es herrlich, wie beim Auftakt „Rocket“ Black-Sabbath-Gitarrist Tony Iommi rumgniedelt und Robbie emphatisch „What a time to be alive!“ behauptet. Doch Teile von „Britpop“ klingen eher nach käsigen 80erJahren als nach Cool Britannia – und leider versucht sich Robbie zwischendurch als Rapper („Bite Your Tongue“, „You“). So wird es keine konsequente Zeitreise in die eigene Jugend, sondern ein durchwachsener Mischmasch an Möchtegern-Hits. Wenn er im banalen „Pretty Face“ immer wieder „Hello, hello“ singt, möchte man zurückrufen: Hallo, wo ist denn dein Pop-Gespür hin? „Human“, mit dem mexikanischen Duo Jesse & Joy gesungen, plätschert mit Standard-Erbauungslyrik („None of the strongest will survive/ Just make the most of being alive“) vor sich hin. „Morrissey“ funktioniert nicht, obwohl die Idee, Robbie würde den fehlgeleiteten Kollegen für den Rest seines Lebens festhalten, putzig ist – leider verdirbt ein billiger Dance-Beat alles.


4. Jetzt können beim Shoppen kräftig zuschlagen: CD, Deluxe CD und CD Zine mit 40-seitigem Magazin. Zwei unterschiedliche Kassetten und mehrere Schallplatten-Varianten: black Vinyl, solid white Vinyl, pink Vinyl und „blue Plaque“ Vinyl. Das ungewöhnlichste Format: die VHS Edition!


5. Die reguläre Version von „Britpop“ liefert 11 Songs in 38:13 Minuten. Die erwähnte Deluxe Edition packt noch einmal 6 Songs dazu: „Selfish Disco“, „G.E.M.B“, „Comment Section“, „Fucking Amazing“, „100% Beau“ und „Desire“.


 


6. Auf dem zuletzt genannten Song sind Robbie Williams und Laura Pausini zu hören, es ist die neue offizielle FIFA-Hymne, die man schon bei der Club WM zu hören bekam und die auch bei der Fußball WM 2026 vor jedem Spiel laufen wird.

7. Neben Laura Pausini sind auf dem Album Tony Iommi von Black Sabbath an der Gitarre („Rocket“) und das mexikanische Pop-Duo Jesse & Joy („Human“) zu hören. Den Song „Morrissey“ komponierte Williams zusammen mit seinem Take That-Kollegen Gary Barlow. 


 


8. Bereits am 21. Mai 2025 wurde mit „Rocket“ die erste Single veröffentlicht. Es folgten im Sommer noch „Spies“ und „Human“. Wenige Tage nach dem ursprünglichen Veröffentlichungstermin kam statt des Albums die Single „Pretty Face“, mit „Britpop“ erschien dann „All My Life“ als Single. In den offiziellen UK Charts spielte keine dieser Singles eine Rolle, dort kam zuletzt 2016 „Love My Life“ auf Platz 22. In Deutschland platzierte sich zuletzt 2020 „Can’t Stop Christmas“ in den Charts (#59).

9. Das zentrale Bild des Plattencovers zeigt Robbie Williams in seinem berühmten roten Adidas-Trainingsanzug, den er 1995 beim Glastonbury Festival trug. Dies war kurz nach seinem Ausstieg bei Take That und markierte seinen symbolischen Wechsel vom Boygroup-Mitglied zum „Britpop-Bad-Boy“. Das Artwork ist eine Mischung aus Fotografie und Malerei. Das ursprüngliche Foto stammt von Mick Hutson, während das Gemälde auf dem Cover von der Künstlerin Kate Oleska geschaffen wurde. Die Porträtfotografie für das Projekt übernahm Julian Broad. Die zwei Demonstranten tragen Shirts mit der Aufschrift „Just Stop Pop“, eine ironische Anspielung auf die Klimaschutzgruppe „ust Stop Oil“, gleichzeitig persifliert Robbies eigenen Status als Pop-Ikone.


 


10. Am 5. und 6. Juni 2026 kann man Robbie Williams live in der Düsseldorfer Merkur-Spiel Arena sehen. Eine ungewöhnlichere Setliste liefert seine „Long 90’s" Club-Tour, denn bei dieser wir er im Februar in kleineren Konzertorten sein Debütalbum „Life Thru A Lens“ (1997) und das neue Album „Britpop“ jeweils in voller Länge spielen.


15. Januar 2026

Black Swan Lane - The Messenger


Auch wenn bereits die ersten neuen Platten des Jahres 2026 erschienen sind, werfen wir heute den Blick noch einmal vier Wochen zurück. Denn am 12.12. wurde das 12. Studioalbum von Black Swan Lane veröffentlicht, das selbstverständlich aus 12 Songs besteht. 

Von den drei ursprünglichen Mitgliedern der 2007 gegründeten Band ist im Verlauf der Jahre nur noch Jack Sobel verblieben, der allen Fans von Echo & The Bunnymen und The Mission über Whipping Boy und The Chameleons bis zu Madrugada und Sisters Of Mercy mit „The Messenger“ eine Freude bereiten dürfte. Die scheint es bei Platten vor Gericht zu geben, denn „Dead Souls Collide“ (2023) und „Blind“ (2022) konnten sich hoch in unseren Jahres-Charts platzieren (Platz 44  mit 7,600 Punkten bzw. Platz 10 mit 8,000 Punkten). 

The Messenger“ bewegt sich zwischen getragenem, atmosphärischen Alternative Rock („Laces“) und düsterem Gothic-Rock („The Messenger“), „Drawing In Your Heart“ ist ein Langsamtaucher in Shoegaze-Gefilde und „Shockwave“ macht seinem Namen alle Ehre und rüttelt einen anschließend wieder auf. 

Eigentlich erstaunlich, dass von Black Swan Lane so wenige Musikfans Notiz nehmen. Werfen wir einmal einen Blick auf die monatlichen Zuhörer*innen bei Spotify bei den sechs eingangs erwähnten Bands: 
Echo & The Bunnymen          2.110.000
The Mission          175.000
Whipping Boy          23.000
The Chameleons          190.000
Madrugada          425.000
The Sisters Of Mercy          1.000.000
Selbst Whipping Boy haben mehr als doppelt so viele Zuhörer*innen wie Black Swan Lane mit 10.904. Von den anderen brauchen wir gar nicht zu reden.


 


Alles ist top produziert, mit überlebensgroßen Melodien ausgestattet, Pop trifft Tiefgang und Atmosphäre. Der Opener 'Promise' klingt noch fast schroff, dafür weiß man im späteren Verlauf mit 'Laces', 'Look At Me The Same' dem kraftvollen Titelsong oder 'Waves Whisper' Hits zu schreiben, wie ich es bei all den Vorgängern ungezählte Male bereits zu schätzen wusste.  BSL gehören auf größere Bühnen, haben Format für viel mehr und kreuzen hymnischen Stadion Rock mit emotionalem, dunklen alternativen Sounds.
Viele Stile/Einflüsse finden sich im dichten, schmachtenden Klang der Amis wieder und trotzdem ist es gerade das Klare, das Strahlende, eine gewisse emotionale Unmittelbarkeit in den Songs, die direkt durch die Wolkendecke ins empfängliche Herz zu spielen weiß. Erneut sind BSL in ihrem melancholischen Element, weiß man mit "The Messenger" Trennungsschmerz, Trauer und Sehnsucht in unglaublich eingängig, treibend-driftende Kleinode von Pop-Songs zu packen und gäbe es im Musik-Biz irgendwie Gerechtigkeit, wäre diese Band mit ihrem atmosphärischen Pop-Appeal längst im Olymp angekommen.


 


13. Januar 2026

Dry Cleaning - Secret Love


Die ersten beiden Alben von Dry Cleaning , einer Post-Punk-Kapelle aus London, die hauptsächlich durch den Sprechgesang von Florence Shaw heraussticht, sorgten für reichlich Furore: „New Long Leg“ (2021) wurde von Kritikern und Musikfans geliebt, was ein Metascore von 86/100 und Platz 4 in den UK Charts belegen. Der schnell hinterher geschobene Nachfolger „Stumpwork“ (2022), ebenfalls von John Parish (PJ Harvey, Aldous Harding) produziert, konnte da nicht ganz mithalten: 85/100 bei Metacritic und #11 in den Album-Charts in ihrer Heimat waren das Resultat.

Für „Secret Love“ ließ sich das Quartett nun etwas mehr zeit und wählte die walisische Musikerin Cate Le Bon als Produzentin (John Grant, Wilco, Horsegirl) aus. Jeff Tweedy stellte sich der Band nach einem gemeinsamen Festival als Fan vor, es fanden Demoaufnahmen in dessen Studio statt und da Wilco gerade mit Cate Le Bon an „Cousin“ arbeiteten war auch dieser Kontakt schnell vermittelt. Zusammen mit der Waliserin wurden alle in der Zwischenzeit entstandenen Demoaufnahmen in den Black Box Studios im französischen Loire Tal neu aufgenommen. Offensichtlich hatte die Umgebung eine entspannende Wirkung auf die Band und Le Bon animierte Florence Shaw wohl dazu, es in den Refrains auch einmal mit Gesang und nicht nur reinem Spoken Word zu versuchen. Der Einsatz von Synthesizern, Mandoline, Klarinette oder Saxophon erweiterte zudem das Klangsprektrum von Dry Cleaning.

Zum Abschneiden von „Secret Love“ lässt sich noch nichts sagen, aber bei Metacritic stehen aktuell 90/100 Punkten zu Buche. 

Secret Love“ wurde am 9. Januar über 4AD Records als CD, Kassette und LP (black Vinyl, apricot Vinyl) veröffentlicht.


 


Dry Cleaning fühlen sich wohl an der Grenze zum Unbehagen. Das beginnt bei den Albumcovern: zuletzt die Haare auf der Seife, jetzt die Augenspülung. Dagegen strahlt der stoisch gemurmelte Sprechgesang von Florence Shaw etwas Beruhigendes aus – wären da nicht der böse Humor und die düsteren Bilder, wenn Shaw von einem relevanzheischenden „Cruise Ship Designer“, grotesker Fleischpassion („Evil Evil Idiot“) und dem Hintergrundrauschen des Krieges („Blood“) erzählt.
Oder humoristische Reime einstreut: „I don’t like to clean / I find cleaning demeaning“. Vom Lachen zum Gruseln ist es nur ein kleiner Schritt. Und zwischen sägenden No Wave Gitarren und motorischen Drums formen sich spröde Ohrwürmer und geradezu beschwingte Jangle Pop Episoden. (…)
Da passt es, dass Shaw nach dem Cold Noise Stampfer „Rocks“ in „The Cute Things“ ihren lieblichsten Gesang herausholt, und die Gitarre schiefe Country Vibes verbreitet. Die Gegenwart ist dystopisch. Doch Spaß muss auch sein.


 


Florence Shaw breitet ihre absurden, mitunter süffisanten Reflexionen und Gegenwartsbetrachtungen diesmal nicht nur über herzflimmernde No-Wave-Kaskaden, die aus abgebrochenen Pixies-Demos editiert sein könnten („My Soul/Half Pint“), sondern auch über harsche Dream-Pop-Ebenen („Secret Love“) und verkrautete Folk-Flächen („Let Me Grow And You’ll See The Fruit“). Das Fragmentarische ist die DNA, aus der Dry-Cleaning-Songs geboren werden. In die Bilderflut aus Lebenslügen, Kriegsgräueln und propagandistischer Dauerberieselung mischt sich hier eine neue Zärtlichkeit.




12. Januar 2026

The Cribs - Selling A Vibe


Das war sicherlich enttäuschend für die Jarman-Brüder: Nach vier Top Ten-Alben in Folge  konnte „Night Network“ lediglich Platz 19 in den UK-Charts erreichen. Die Zwillinge Gary (Gesang, Bass) und Ryan (Gitarre) sowie ihr jüngerer Bruder Ross (Schlagzeug)  konnten leicht die COVID 19-Pandemie für den fehlenden kommerziellen Erfolg verantwortlich machen, denn ihr achtes Studioalbum kam im November 2020 heraus. Aber möglicherweise erkannte das Trio auch, dass es ein Fehler war, erstmals eigenverantwortlich die Produktion eines Albums übernommen zu haben. Schließlich standen ihnen in der Vergangenheit Edwyn Collins, Alex Kapranos, Nick Launay, Dave Fridman, Steve Albini oder Ric Ocasek als Produzenten zur Seite.

Für „Selling A Vibe“ korrigierten sie diesen Fehler nicht nur, sondern gingen noch einen Schritt weiter und wählten mit Patrick Wimberly jemanden als Produzenten aus, den man direkt mit Rock-Musik in Verbindung bringt. Er war bis 2017 eine Hälfte des Synth-Pop-Duos Chairlift und arbeitete nach deren Trennung als Songwriter und Komponist für Solange, Blood Orange, Paloma Faith, Ellie Golding oder MGMT. 
Das Verlassen der eigenen Komfortzone und die Hinwendung zum Pop sorgen dafür, dass The Cribs das beste Weezer-Album der letzten Jahre vorlegen. Schicker Harmoniegesang und melodiöser Indierock, aber auch Keyboard-Klänge, sommerliche Surf-Pop-Momente und 80ies Feeling. So könnte „Never The Same“ beispielsweise in einer Playliste gut den Übergang von The Strokes zu Blossoms bewerkstelligen.

Das neunte Studioalbum von The Cribs steht seit dem 9. Januar als CD und LP (black Vinyl, Seagram green Vinyl, red and black Splatter Vinyl with silver Glitter, red/black Turbine Vinyl) in den Plattenläden.  


 


The brothers’ raw, almost-breaking vocals are in full force on ‘A Point Too Hard To Make’, while the one-two of ‘Never The Same’ and ‘Summer Seizures’ – the former, a Beatles-y jangler; the latter, an air-punching slow burn – take classic Jarman qualities but add the lyrical wisdom that only comes with time. It’s the work of a group who’ve managed to grow up without losing their spark. On ‘Selling A Vibe’, the trio are still finding new ways to sound like The Cribs – and that’s a more impressive and unusual feat than it might first appear.
(NME)


  


(…) there’s a faint 80s pop sheen to A Point Too Hard to Make and a drum machine pulse underpinning Rose Mist, but it’s not a radical departure. What is striking is how uniformly well-written and powerful the songs are. Time and again, they hit a perfect balance: nothing here feels slick or overworked, but the melodies soar, the choruses hit, everything clicks faultlessly. If Selling a Vibe was a debut album, people might well be working themselves into a froth about it, but then again, it’s unlikely the songs here could be by a new artist: they speak of experience, the product of a band who have worked out exactly what they do and how to do it.




9. Januar 2026

The Belair Lip Bombs - Again


The Belair Lip Bombs sind die erste australische Band, die von Third Man Records, dem Label von Jack White, unter Vertrag genommen wurde. Nachdem zuerst das Debütalbum „Lush Life“ (2023) neu aufgelegt wurde, erschien Ende Oktober dort auch dessen Nachfolger „Again“.

The Belair Lip Bombs sind auch die erste Band, die mir auf der Jahres-CD von Florian*, die sich auf Singles fokussiert, aufgefallen sind. Über die Qualität des Albums müssen wir dann hier verspätet beraten.

The Belair Lip Bombs sind Maisie Everett (Gesang, Gitarre, Keyboards) und ihre drei männlichen Mitstreiter Mike Bradvica (Gitarre), Daniel Devlin (Schlagzeug) und James Droughton (Bass). Durch die zehn zackigen Indierock- sowie melodiösen Powerpop-Songs hat sich das Quartett in 33 Minuten durchgespielt und sich somit nicht nur für Florians liebste Songs ’25 qualifiziert sondern vielleicht auch für Playlisten zwischen The Strokes und Rolling Blackout Coastal Fever, deren Joe (nicht Jack) White hier auch als Co-Produzent tätig war.

Again“ ist als CD und LP (black Vinyl, Lobster red Vinyl, Sky Blue Vinyl) erhältlich.

* Und hier kann seine Top 60 hören.


 


Across 10 tracks, the band blends a slew of musical, cross-generational influences, from the Rolling Stones and Television to The War On Drugs and The Strokes. The Belair Lip Bombs are essentially genre agnostic, sounding like a pop band on one song and a distortion-heavy opener for Sonic Youth on another. It’s that refusal to stick to a single sound that makes Again such a compelling album. It’s not surprising that Jack White quickly snatched up the band for his Third Man Records here in the US.
Again marks a strong evolution of the band’s sound, building on the foundation of 2023’s much-lauded Lush Life, without losing any of the experimentation or looseness that made that debut so impressive.