19. Januar 2026

Die Sterne - Wenn es Liebe ist


„Was hat unsere Chart-Statistik bloß so ruiniert?“, fragten sich vielleicht Frank Spilker und seine Kolleg*innen am vergangenen Freitag. Zwar sind die Zeiten, in denen sich neue Alben von Die Sterne wochenlang in den deutschen Top 100 tummelten längst vorbei (das 1996 veröffentlichte „Posen“ kommt als Rekordhalter auf insgesamt 9 Wochen), aber die fünf letzten Studioalben erreichten zumindest jeweils für eine Woche die Charts - und das bei recht konstanten Platzierungen: „Räuber und Gedärm“ (2006; #58), „24/7“ (2010; #61), „Flucht in die Flucht“ (2014; #43), „Die Sterne“ (2020; #38) und „Hallo Euphoria“ (2022; #38). 

Vermutlich schauten Frank Spilker, Jan Philipp Janzen, Phillip Tielsch und Dyan Valdés am 17. Januar, also eine Woche nach der Veröffentlichung von „Wenn es Liebe ist“, aus Gewohnheit erst einmal auf Platz 38 der deutschen Albumcharts nach, ob dem 13. Album von Die Sterne erneut der Einstieg auf diesem Rang gelungen sei. Dort war aber „Rumours“ von Fleetwood Mac platziert, das seit seinem Erscheinen im Jahr 1977 insgesamt 120 Wochen in der Hitparade ansammeln konnte. 

Vielleicht erfolgte anschließend der hoffnungsvolle Blick des Quartetts in höhere Charts-Regionen. Denn wenn selbst „70 Jahre - Die große Jubiläumsedition“ von Heintje wieder auf Rang 32 neu einsteigen konnte, dann könnte vielleicht für Die Sterne einiges möglich sein… Gleich sechs Mal konnten sie noch das Wörtchen „NEW“ lesen, aber dahinter standen Lionheart, J.B.O., Hinterlandgang oder Alter Bridge, aber nicht Die Sterne. Plötzlich erkannten sie, dass Taylor Swifts „The Life Of A Showgirl“ vom Thron gestoßen wurde und zwar von zwei weiteren Neuzugängen, aber auch hier tauchten nicht Die Sterne sondern Beyond The Black und Versengold auf. 

Dann senkte sich wohl der Blick wieder nach unten, vorbei an besagtem Platz 38, vorbei an den Neuplatzierten Dry Cleaning, Bullet sowie Ramzey, vorbei am absoluten Rekordhalter mit 566 Wochen Chart-Anwesenheit (Simone Sommerland, Karsten Glück & die Kita-Frösche mit „Die 30 besten Spiel- und Bewegungslieder“) bis zu Platz 100. Und nirgendwo Die Sterne. 

Vielleicht trösten Die Sterne ja die guten Plattenkritiken:


Immer noch eine Spezialität der Sterne: Instant-Indie-Hits wie der Opener „Ich nehme das Amt nicht an“, den die Band selbst als „Riff-Rock“ beschreibt – ein treibender Track zwischen T. Rex und White Stripes. Währenddessen werden Neu! und Can mit krautrockigem Flow im fließend flirrenden „GNZRZND“ zitiert. Synthteppiche sorgen überall für einen dichten Sound, was an Dyan Valdés, der seit letztem Album mitspielenden Keyboarderin liegt und die auch bei dem hypnotisch-experimentellen Stream-Of-Consciousness-Stück “Open Water” den Lead-Sprech-Gesang übernimmt, genauso wie im cool-minimalistischen Electronica-Vocoder-Track “Fans von irgendetwas”, der frappant an Malarias “Kaltes klares Wasser” erinnert.


 


Das zehnminütige Instrumental „Immer noch sprachlos“ übertreibt es fast ein wenig mit dem Reenactment des Sounds von Neu!. Auch das von Dyan Valdés geschriebene und gesungene „Open Water“ fällt (positiv) aus dem Rahmen – ein in atemlosem Englisch vorgetragener Stream of Unconsciousness, untermalt von treibenden Motorik-Beats und irrlichternden Psych-Gitarren.
Am besten sind trotzdem die songorientierten Stücke. „Ich habe nichts gemacht (außer weiter)“ ist eine herrlich augenzwinkernde Karrierebilanz (…). Gigantisch auch das straight nach vorn gespielte, aber im Refrain melodisch in den Himmel segelnde „Es war nur ein Traum“. Im Video zum riffsatten „Ich nehme das Amt nicht an“ agiert Spilker als überforderter Vampir mit Minipli, der den Tod im Tageslicht sucht, weil er sich von diesem Land heillos überfordert fühlt. Ein schönes, poetisches Album zum Stand der Dinge.


 


Es gibt Songs wie „GNZRZND“, die eigentlich gar keine Songs sind, sondern nur ein endlos groovender Groove, über den Spilker Satzfetzen, vielleicht auch mal ein paar gereimte Zeilen wirft. Oder es wird in „Ändern wir je den Akkord“ gegroovt, gegroovt und weiter gegroovt, bis Frank Spilker dann doch noch ins Hoffen kommt: „Vielleicht wäre es gut und die Vernunft würde siegen.“
Ist das noch Postpunk oder schon Krautrock? Egal, solange Spilker über diesem Groove das tut, was er so gut wie kaum jemand kann: die gesellschaftlichen Zustände aufgreift, nicht analysiert, aber anreißt, in Rollen schlüpft, Fragen stellt und Antworten verweigert, aber vor allem versucht, aus seiner Blase auszubrechen, ohne sie gleich platzen zu lassen. 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen