31. Januar 2023

Gena Rose Bruce - Deep Is The Way


Die Australierin Gena Rose Bruce veröffentlichte 2019 ihr viel gelobtes Debütalbum „Can’t Make You Love Me“ und machte sich auf, die Welt zu erobern. Oder so ähnlich. Zumindest hatte sie eine Einladung zum SXSW Festival erhalten, eine Tournee durchs Vereinigte Königreich war bereits geplant und Auftritte in Japan sollten stattfinden - da funkte eine Pandemie dazwischen.  

Diese lieferte ihr andererseits reichlich Zeit, um ihre Liebe zur Gartenarbeit neu zu entdecken und die therapeutischen Qualitäten der Natur zu genießen, den Singer/Songwriter Bill Callahan zu kontaktieren, um gemeinsam mit ihm zwei Songs zu komponieren („Foolishly In Love“ und „Deep Is The Way“, auf dem er auch mit ihr duettiert) und 9 weitere Songs gemeinsam mit ihrem Produzenten Tim Harvey zu schreiben, einzuspielen und aufzunehmen. 

Stilistisch bieten die knapp 40 Minuten gitarrigen Indierock („Harsh Light“, „Destroy Myself“), synthetisch-elektronischen Indie-Pop („Foolishly In Love“, „Misery And Misfortune“), melancholischen Americana („Deep Is The Way“, „Morning Star“) und auch opulenten Dreampop („Love“, „Future“), also irgendwie The Cardigans treffen Angel Olsen. 

Deep Is The Way“ ist als LP auf bright pink Vinyl erschienen.


I’ve long called Bruce Australia’s answer to Angel Olsen, and the comparison holds true on this thoughtful record. Both are purveyors of a certain kind of melancholic, country-tinged blend of indie and alternative music, underpinned by emotional vulnerability and intelligence. It can be hard to cut through the noise of an ever-growing cohort of musicians in this vein, but Bruce’s sharp, honest songwriting stands out by pushing beyond genre conventions and largely avoiding cliche. The album opens with Future, on which she alternates between whispering the lyrics and, sometimes moments later, using the highest part of her versatile register. These vocal acrobatics, pulled off effortlessly, are part of what makes her music so compelling. (…)
This is the kind of slow, reflective record that’s best enjoyed in the same mood. It charts many of the anxieties that have become part and parcel of daily living in a post-Covid world, and Bruce is frank in the ways in which these thoughts can take a toll. But songs might save us all: as she sings on Misery and Misfortune, “I’ve just gotta own my situation” – then, a moment later, “I’m just happy to be feeling.”









30. Januar 2023

Samia - Honey


Die junge Dame auf dem Plattencover heißt mit vollem Namen Samia Najimy Finnerty, stammt aus Nashville und lebt in New York City. Genau wie ihre Eltern verdient sie ihr Geld als Schauspielerin und Sängerin. In Zukunft vermutlich mehr, so dass sie sich auch Kleidung leisten kann, und hauptsächlich mit ihrer zweiten Professionalität. Denn „Honey“, der Nachfolger ihres Debütalbums „The Baby“ (2020), wird derzeit mit Lob überschüttet: Metacritic steht aktuell bei 84/100 Punkten.

Wer sich für Phoebe Bridgers, Mitski und Olivia Rodrigo (um Häkchen bei Singer/Songwriter, Indiepop und Pop setzen zu können) begeistern kann, ist mit den 11 Songs von Samia gut beraten. Wer erst einmal über die fünf weiter unten befindlichen Videos in die Musik reinschnuppern möchte, dem seien meine Favoriten „Kill Her Freak Out“ und „Honey“ empfohlen, um den zusammen mit Rostam Batmanglij (Ex-Vamire Weekend) entstanden Pop-Quatsch „Mad At Me“ würde ich einen Bogen machen.  
Das dazugehörige Album gibt es auf black Vinyl, pink & black Swirl Vinyl, ultra clear Vinyl, sweetart Vinyl, purple Vinyl, clear blue Vinyl, magenta Vinyl und natürlich honey yellow Vinyl.


Die Beschaulichkeit, vor allem deutlich in den nahezu kirchenschifftauglichen „Sea Lions“ oder „Kill Her Freak Out“, ist natürlich ein Trick, denn hinter dem bisweilen gar kleinmädchenhaften Klangbild, das nur gelegentlich von ratternden Beats, Indie-Rock-Anfällen und der einen oder anderen verzerrten Gitarre gestört wird, versteckt die 25-Jährige bisweilen bitterböse Texte, in denen Gefühlslagen bis in die tiefsten Teenager-Abgründe erkundet werden. Es geht um unglückliche Schwangerschaften, das Gefühl der Wertlosigkeit, um Mobbing, Sprachlosigkeit, Depressionen und Suizid, aber immerhin die Träume sind immer noch umsonst.













29. Januar 2023

Kimbra - A Reckoning


Ist dies wieder eines der Alben, bei denen Oliver befürchten muss, dass der Post bei Facebook recht schnell wegen des Plattencovers gelöscht wird?

Ist „A Reckoning“ das Album, welches bei Volker Entzücken ob der Ähnlichkeiten zu Prince („La Type“) auslösen und zu Lamentieren führen wird, da wir anderen Pop („New Habit“) wieder einmal nicht verstanden haben?

Ist es ein Album, das Ingo an die stilistisch vielfältige FKA Twigs sowie Björk zu „Homogenic“-Zeiten („Save Me“) erinnert und daher zu einer hohen Wertung verleiten wird?

Ist das vierte Album von Kimbra eine der Platten, bei denen uns Dirk verraten wird, welche zahlreichen Vinyl-Varianten es gibt?

Zumindest die letzte Frage lässt sich jetzt bereits mit „Jein“ beantworten, denn mehr als eine Auflage auf black Vinyl wird nicht angeboten.


Bedient die Platte einerseits fast schon gängige Pop-Klischees à la Katy Perry („new habit“) oder Beyoncé („GLT“), finden sich mit „save me“, „la type“ oder „replay!“ auch echte Ausreißer darauf. Kimbra springt – zusammen mit ihren Gästen Erick The Great, Tommy Raps, Pink Siifu und Ryan Lott – quer durch unterschiedlichste Stilistiken. Ob Soul, R’n’B, Avantgarde, Alternative, Indie, Dub, Downtempo oder Electronica, nichts scheint niet- und nagelfest, wenn die 32-jährige auf Inspirationssuche geht. Das hat den Vorteil, dass es nie langweilig wird und man häufiger Überraschungen ausgesetzt wird. Gleichsam ist diese Stärke auch die Achillesferse der LP. Denn hat man sich in eins der Stücke besonders verguckt und wünscht sich dahingehend weiterführende Ausdifferenzierungen, wird man eher enttäuscht. Oder bleibt erwartungsvoll zurück. 









28. Januar 2023

10 Schallplatten, die uns gut durch den Februar bringen


10. The Notwist - Vertigo Days - Live From Alien Research Center (LP) (10.2.2023)






9. Algiers - Shook (2 LPs, Limited Indie Edition, Gold Vinyl) (24.2.2023)






8. Belle & Sebastian - Late Developers (Clear Orange Vinyl) (13.1.2023)






7. Ocean Colour Scene - Yesterday Today 1992-1997 (5 LPs) (24.2.2023)






6. Inhaler - Cuts & Bruises (Clear White Vinyl) (17.2.2023)






5. Saint Etienne - Good Humor (Green & White Splatter Vinyl) (10.2.2023)






4. a-ha - Hunting High and Low (6 LPs, Super Deluxe Boxset) (24.2.2023)






3. Kraków Loves Adana  - Oceanflower (Orange Vinyl) (14.2.2023)






2. Molly - Picturesque (Sea Foam Green Vinyl) (3.2.2023)






1. Ash - Nu-Clear Sounds (remastered, Clear & Nuclear Green Splatter Vinyl) (24.2.2023)







27. Januar 2023

Gemma Ray - Gemma Ray & The Death Bell Gang


Wer dachte, er hätte bereits alle Gesichter und Facetten von Gemma Ray gesehen bzw. gehört, der sieht sich Dank „Gemma Ray & The Death Bell Gang“ eines Besseren belehrt. 

Ein wenig erinnert mich „Gemma Ray & The Death Bell Gang“ an die Entwicklung von Low, nachdem sie auf den Produzenten BJ Burton trafen und deren Slowcore einmal durch den elektronischen Hexler jagten. Die Fragmentierung ihres Sounds nahm für Alan Sparhawk und seine leider im letzten Jahr verstorbene Frau Mimi Parker von „Ones And Sixes“ (2015) über „Double Negatives“ (2018) bis „Hey What“ (2021) bekanntlich zu. 

Der Produzent, der sich mitverantwortlich für die Umwandlung von Gemma Rays Retro-Noir-Dreampop zeigt, trägt den Namen Ralf Goldkind und ist als Gründer von Lucilectric und als Produzent bekannt (Die Fantastischen Vier, Thomas D., Nina Hagen). Die britische Wahl-Berlinerin schaute im Tempelhof-Studio auf eine Tasse Tee bei ihrem Studionachbarn vorbei und daraus entwickelte sich ein 10 Song starker Trip durch dubbige Electronica, monotonen Krautrock, psychedelischen Space-Gospel und groovenden New Wave. Gemeinsam mit Gemma Ray (Gesang, Gitarre, Synthsizer) und Ralf Goldkind (Sounddesign, Bass, Flöre, Synthesizer) sorgten Andy Zammit (Schlagzeug) und Kristof Hahn (Lap-steel Gitarre) für den organischen Anteil dieses Soundexperiments. 

Gemma Ray & The Death Bell Gang“ ist in zwei unterschiedlichen Vinyl-Varianten erschienen: neben dem Eco-Mix Recyled Vinyl, bei dem man vorher nicht weiß, welche Farbmarmorierung einen erwartet, gibt es auch noch das auf 400 Exemplare weltweit limitierte Splatter Vinyl (black and yellow on clear Vinyl).


Aus manipulierten Orgel-, Gitarren- und Gesangsspuren und vor allem sehr viel Hall entsteht eine geisterhafte, verwehte Atmosphäre, die aber niemals zum Gothic-Mummenschanz verkommt.
In „Come Oblivion“ bittet Gemma Ray das Vergessen, sie in den Arm zu nehmen, und während die „Procession“ über den Friedhof schreitet, wartet man unweigerlich darauf, dass eine „Spiel mir das Lied vom Tod“- Mundharmonika vorbeischaut. So hat sich die Wahlberlinerin schlussendlich gar nicht so weit von ihren, zumeist in den Sixties verorteten Einflüssen entfernt, nur dass sie nun die ganz dunkle Seite des Jahrzehnts erforscht.


 


Im Auftakt, „No Love“, läutet dann auch tatsächlich gleich mal eine Totenglocke in die Pause hinein, die Gemma Ray setzt, nachdem sie „early warnings were clear“ gesungen hat. Ja, das hier ist durchaus schwerer Stoff. „No happy shit“ stand schließlich als Warnhinweis an der Studiowand. Also geht es gleich anschließend mit viel Uh-huh zur „Procession“, während der paranoide Electro-Gospel „I Am Not Who I Am“ und der kleine Fuzz-Albtraum „All These Things“ die Schraube später noch etwas fester ziehen.

26. Januar 2023

The Murder Capital - Gigi’s Recovery


Mit ihrem Debütalbum „When I Have Fears“ verpassten James McGovern (Gesang), Damien Tuit (Gitarre), Cathal Roper (Gitarre), Gabriel Paschal Blake (Bass) und Diarmuid Brennan (Schlagzeug) vor drei Jahren höchst knapp die Top 50 bei Platten vor Gericht. Nun liegt das zweite Album von The Murder Capital vor und für den NME ist es „the first great guitar album of 2023“.

„Gigi’s Recovery“ bietet 10 Songs in einer dreiviertel Stunde plus einem kurzen Intro („Existence“) und Outro („Exist“) und darf als Weiterentwicklung verstanden werden. „Return My Head“ und „Ethel“ gehören zu den wenigen, lärmenden Post-Punk-Stücken des Albums, der Großteil ist vielschichtiger sowie getragener geraten und mäandert - auch durch das Integrieren elektronischer Komponenten im Sound - in Richtung düster-atmosphärischem New Wave/Indierock. James McGovern zieht den Hörer jederzeit in seinen Bann, egal, ob er monoton spricht, sehnsüchtig singt oder emotional schreit, und strebt seinen Vorbildern Ian Curtis, Iggy Pop & Co. nach. 


 


Nachdem beim Vorgänger Flood als Produzent fungierte, konnte diesmal im eng gefüllten Terminkalender von John Congleton, der allein im letzten Jahr u.a. an den Alben von Death Cab For Cutie, Ezra Furman, Regina Spektor, Tegan And Sara, Midlake, Whitney und Warpaint beteiligt war, eine Lücke gefunden werden.

Gigi’s Recovery“ verzeichnet aktuell bei Metacritic 84/100 Punkte und ist, neben der CD, in zahlreichen LP-Varianten erhältlich: black Vinyl, green Vinyl, clear Vinyl, blue marbled Vinyl und pink translucent Vinyl.

The Murder Capital in Deutschland:
05.02.23 Köln, Luxor
06.02.23 Hamburg, Molotow
08.02.23 Berlin, Lido
09.02.23 München, Hansa 39


 


Bis dahin ist GIGI’S RECOVERY nach dem Debütalbum WHEN I HAVE FEARS ein weiter Beleg für die Fähigkeit dieser Band, dem Grau ein Funkeln zu verleihen. Es geht zumeist um die bare Existenz in diesen Liedern, es wird geheult, gelogen und verschwunden, aber auch geliebt, hemmungslos geliebt.
In den 90er-Jahren spielte in Irland die fantastische Band Whipping Boy eine ähnliche Musik, auch The Twilight Sad aus dem seelenverwandten Schottland sind nicht weit entfernt, das Titelstück wiederum erinnert an eine dunkelgetönte Variante von The Divine Comedy, dem Projekt des ebenfalls in Dublin ansässigen geborenen Nordiren Neil Hannon. Alles dies sind Brüder im Geiste, wenn es darum geht, aus alltäglichen Geschichten existenzielle Dramen abzuleiten. Nicht aus Weinerlichkeit heraus. Sondern als Feier des permanenten Überlebens.




25. Januar 2023

Dave Rowntree - Radio Songs


Blur sind wieder zurück, 8 Jahre nach ihrem letzten gemeinsamen Konzert. Aus einem Konzert in London wurden zwei, dann wurden nach und nach sechs (Festival-)Auftritte vor und fünf nach diesem Termin bekannt gegeben. Deutschland ist aktuell nicht dabei.

Ob es nach „The Magic Whip“ (2015) auch neue Musik von Blur geben wird, ist bisher nicht durchgesickert. Aber mit „Radio Songs“ veröffentlichte nun auch der Schlagzeuger Dave Rowntree ein erstes Soloalbum, das mit dem instrumentalen „HK“ auch tatsächlich ein Stück zu bieten hat, das in Hongkong entstand, als Blur dort festsaßen und „The Magic Whip“ aufnahmen. Die Single „London Bridge“ hätte auch auf einem Album seiner Hauptband eine gute Figur gemacht und recht gut auf „Blur“ gepasst. 

Der Rest steht stilistisch den beiden Platten von Damon Albarn („Everyday Robots“ (2014), „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“ (2021)) recht nahe und auch stimmlich meint man gelegentlich eine Verwandtschaft zum Blur-Sänger zu hören. Rowntree erklärt den Albumtitel wie folgt: „Die Idee von „Radio Songs“ ist, dass ich die Sendersuche durchdrehe. Es hört sich an, als hätte man ein Radio auf ein Rauschen eingestellt und man dreht an der Sendersuche, und der Song taucht daraus auf. Und dann drehst du die Sendersuche noch einmal, und der Song löst sich wieder im Rauschen auf.“ 

Und so dürfen auf den 10 größtenteil melancholisch-getragenen Britpop-Songs die von einem Orchester in Budapest aufgenommenen Streicher groß aufspielen, der Gesang am Vocoder verzerrt bzw. durch weiblichen Gesang ergänzt werden, oder auch einmal die Synthesizer zu pluckernden Beats übernehmen.  

„Radio Songs“ ist als CD und LP (black Vinyl und mandarin orange Vinyl) erschienen und steht aktuell bei Metacritic bei 73/100 Punkten und damit doch etwas hinter „The Magic Whip“ (81/100), „Everyday Robots“ (76/100) und „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“ (80/100) zurück.


 


Für Film und Fernsehen komponiert er sowieso, und so besitzen viele Songs auch Soundtrack-Qualität und basieren auf Keyboardteppichen und orchestralen Passagen, dieweil es im Hintergrund quirlt, perlt und zirpt. Rowntree versteht es, seine persönlichen Stimmungen für die Allgemeinheit zu transferieren, etwa im getragenen „1000 Miles“, das von Beziehungsproblemen aufgrund von räumlicher Entfernung handelt.
Die Zerrissenheit ist jederzeit zu spüren. Scheinbar direkt und simpel zeigt sich dagegen das New-Wave-artige „London Bridge“ – ein Neuzugang für die Sammlung von La‑la‑la-Songs. Ein Brexit-Song gefällig? Bitte schön, da hätten wir das düster-verhaltene „Downtown“. „HK“ wiederum offenbart Rowntrees experimentelle Seite: Hier fügt er Aufnahmen aus Radiosendungen zusammen, die er in seiner Zeit in Hongkong aufgenommen hat. „Tape Measure“ brilliert durch einen synkopischen Rhythmus und zuckersüße weibliche Backing Vocals, „Volcano“ wird von Auto-Tune beherrscht. Passt alles!


 



24. Januar 2023

Circa Waves - Never Going Under


„Never Going Under“ spürt dem Erfolg von Sam Fender nach, „Do You Wanna Talk“ ist ein Fest für Freunde des Two Door Cinema Clubs, „Hell On Earth“ leitet in einer Party-Playliste perfekt von „I Love It“ (Icona Pop) zu gitarrigem Indierock über, „Your Ghost“ könnte auch gut von The Kooks stammen, … Und so könnte man auch bei den noch sieben folgenden Titeln von „Never Going Under“ fortfahren. 

Ein Plattenrichter merkt gelegentlich fehlende Mashups an und ich möchte ihm hier vorgreifen und mir eine Version von „Northern Town“ wünschen, bei der in diesen Song das „Ah-hey-ma-ma-ma Hey-y-yah“ von The Dream Academy eingewoben wurde.

Alle Songs von „Never Going Under“ bereiten Spaß, laden zum Mitwippen, -tanzen und -singen ein, lassen aber das typische Alleinstellungsmerkmal von Circa Waves missen. Niemand würde auf die Idee kommen, bei Liedern anderer Künstler oder Bands zu sagen: „Das klingt wie Circa Waves!“.

„Never Going Under“ ist das fünfte Album des Liverpooler Quintetts (Kieran Shudall (Gesang, Gitarre), Joe Falconer (Gitarre, Piano), Sam Rourke (Bass, Keyboards) und Colin Jones (Schlagzeug)) und als CD, Kassette und LP am 13. Januar erschienen. Freunde der Schallplatte können sich auf black Vinyl, white Vinyl, orange Vinyl, purple Vinyl und eine auf 500 Exemplare limitierte Auflage blue/orange swirl Vinyl via Blood Records freuen. 

Im Februar gastieren Circa Waves für 4 Konzerte in Deutschland:
17.02.23 Hamburg, Molotow
18.02.23 München, Strom
20.02.23 Berlin, Frannz Club
22.02.23 Köln, MTC


Zwar haben Circa Waves im Jahr 2020 mit ihrem Vorgängeralbum Platz 4 der UK-Charts erstürmt, nun mäandert NEVER GOING UNDER zwischen coldplayhaftem Bombast und dem Herumkriechen auf Spuren, die Strokes oder Arctic Monkeys vor langer, langer Zeit gelegt haben. Lediglich das Heimatlied „Northern Town“ lässt eigene Ideen aufblitzen, denn es beschäftigt sich mit der Geburt des Sängers und der seines Kindes … Ach, doch nicht, dafür ist es dann doch wieder zu Prefab-Sprout-haft. Was bekommt man, wenn man dieses Album streamt oder gar kauft? Man bekommt Gute-Laune-Rockfür Ben-Sherman-Fans.








23. Januar 2023

Måneskin - Rush!


An Volkers Ehrentag 10 Fakten zum neuen Album von Måneskin:

1. Nachdem die Laufzeit der ersten beiden Alben von Måneskin rund um die 30-Minuten-Marke pendelte („Il ballo della vita“ lief 34:11 Minuten und „Teatro d'ira: Vol. I“ sogar nur 29:03 Minuten), packen sie diesmal stolze 52:42 Minuten Musik auf ihr drittes Album.

2. Im Verlauf der Aufnahmen sollen rund 50 Songs entstandensein, davon bietet „Rush!“ insgesamt 17 Lieder. In Japan gibt es zudem den Bonus Track „Touch Me“.


 


3. Die Arbeiten im Studio fanden mit international erfolgreichen Komponisten- und Produzententeams (Captain Cuts, Mattman & Robin, Rami Yacoub, Sylvester Sivertsen) statt. An erster Stelle ist hier natürlich Max Martin zu nenen, der bereits auf 25 Nummer Eins-Singles in den USA kommt, u.a. für Katy Perry, Pink, Taylor Swift, Justin Timberlake, The Weekend oder Coldplay.  
Auf ihrem ersten „internationalen Album“ rückt auch die englische Sprache weiter in den Fokus: 14 Lieder werden auf englisch und nur noch 3 auf italienisch gesungen. 


 


4. In Italien gingen alle bisherigen Alben von Måneskin auf Platz 1 der Charts. In den übrigen europäischen Ländern ist die Tendenz ansteigend und dürfte auch von „Rush!“ fortgeführt werden: erreichte „Il ballo della vita“ Platz 37 in Deutschland und „Teatro d'ira: Vol. I“ Rang 11. Am 27. Januar dürfte die dritte Nummer 1 in Italien und die erste Tiop Ten PLatzierung in Deutschland sicher sein.

5. „Rush!“ steht seit dem 20. Januar in den Plattenläden. Neben der regulären CD gibt es auch eine Deluxe CD (Digibook (Hardcover) (32 Seiten + 5 Fotokarten)). Bei der Schallplatte hat man die Wahl zwischen black Vinyl, red Vinyl, white Vinyl und einer Picture Disc.

6. Wirkliche Fans greifen selbstverständlich zum Deluxe Box Set für  rund 160 €: 64-seitiges Fotoheft, 7" Vinyl, Silberfolienhülle Vinyl, CD, Kassette, Poster.


 


7. Die schickste Variante hat(te) aber wieder einmal Blood Records zu bieten: ‘Rush!’ gets exclusively pressed to red & black marble vinyl with our first-ever ‘red-goo’ gel sleeve, limited to 2,000 copies. 



8. Dem Album gingen bereits im letzten Jahr drei Singles voraus: „Mammamia“, „Supermodel“ und „The Loneliest“ konnten in Italien an frühere Single-Erfolge anknüpfen (Platz 6, 11 bzw. 1). In Deutschland blieben Måneskin etwas hinter den Erwartungen zurück: Nachdem „Beggin’“, „Zitti e buoni“ und „I Wanna Be Your Slave“ auf die Plätze 1, 9 und 3 kamen, strandeten die aktuellen Singles auf den Rängen 60, 49 und 82.  
Eine Woche vor der Albumveröffentlichung erschien mit „Gossip“ eine weitere Single aus „Rush!“, auf der Tom Morello von Rage Against The Machine zu hören ist.


 


9. Måneskin begeistern die Massen, aber nicht die Plattenkritiker: Bei Metacritic steht „Rush!“ aktuell bei 69/100 Punkten.


Die Band treibt mit dem Album zur Perfektion, was sie seit Jahren fabriziert: Musik, die gefährlich glitzert und doch seicht genug für Colawerbespots bleibt. Rush! klingt zentnerschwer und graziös in der Detailarbeit. Es ist Rockmusik mit ganz großem R, mächtigem Schlagzeug und Gitarren, die in jeden Refrain reinrauschen wie ein besoffener Monstertruckfahrer. Beim Graben in der Vergangenheit fördern Måneskin allerdings auch Klischees zutage, wie man sie aus guten Gründen eigentlich nie mehr hören wollte. The Loneliest etwa ist so ein Song, zu dem sich Männer in Filmen (Liam Hemsworth zum Beispiel, Til Schweiger geht zur Not auch) die Sonnenbrille von der Nase reißen und einem Flugzeug auf dem Rollfeld hinterherspurten, weil ihre große Liebe gerade auf Nimmerwiedersehen verschwinden möchte. An anderer Stelle demonstrieren Måneskin eine Verbissenheit, wegen der man schon Rage Against the Machine nur in geringen Dosen ertrug. Deren Gitarrist Tom Morello, der im Song Gossip vorbeischaut, hält nicht umsonst viel von seinen fleißigen Schülern.
Einige Stücke sind also deutlich zu doof auf Rush!, andere dafür genau richtig doof. Måneskin beherrschen die Muskelspiele des Hardrock, sind sich nicht zu fein dafür, als Sensation aus Italien einen Song namens Mammamia aufzunehmen und finden unter den abgegriffenen Bildern ihres Genres zielsicher die dreistesten: "I'm a lion tamer/ Of indecent behavior/ Making love with danger", singt Damiano David allen Ernstes in Don't Wanna Sleep. Der Raubtierbändiger, der gern Sex mit der Gefahr hat (wie auch immer das aussehen mag), spult seine Show ab zu Gestampfe, Gitarrengeseier und dem berühmten Rhythmus, wo man mit muss. "Ha, ha, ha" reimt sich auf "Bla, bla, bla", und das alles ist in seiner verführerischen Stumpfheit nun auch nicht so viel schlechter als manches von Iggy Pop.


10. Måneskin werden für zwei Konzerte in Deutschland gastieren. Das sind die Termine:
06.03.23 Berlin, Mercedes-Benz-Arena
10.03.23 Köln, LANXESS Arena



22. Januar 2023

Tuvaband - New Orders


Wir befinden uns noch in der dritten Kalenderwoche und ein Platz unter den Top 20 des Jahres 2023 bei Platten vor Gericht ist bereits jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vergeben. Diesmal meine ich jedoch die Unterkategorie „Hässlichstes Plattencover“, die mit „Bloom Mountain“ von Hazlett bereits schon eine titelwürdige Hülle vorzuweisen hat.

Bei Tuvaband handedelt es sich nicht direkt um eine Band, sondern vielmehr um das Projekt von Tuva Hellum Marschhäuser. „New Orders“ ist ihr viertes Album und wurde nahezu im Alleingang von der Norwegerin komponiert, eingespielt, aufhenommen, abgemischt und produziert. Lediglich Kenneth Ishak und Andreas Rotevatn haben Schlagzeug und Posaune beigesteuert. Und natürlich das Artwork! Der Schuldige hierfür trägt den Namen Marius Mathisrud. Was er beruflich macht, ist mir nicht bekannt.

„New Orders“ bietet eine Mischung aus entrückten Dreampop und sanftem Folkpop, der mit zahlreichen Schichten von Synthesizern, Gitarren, Bass, Flöten, Harfen und Hörnern zusammengekleistert wurde. Enya, Cocteau Twins, Florence + The Machine und Kate Bush könnten Paten für diesen Sound gewesen sein. Der Opener „Rejuvenate“ sowie „Karma Is A Beach“ setzen sich sehr schnell im Gehörgang fest, „A Liquid Matter/Attenborough“ könnte noch beeindruckender sein, wenn der eingeschlagene Shoegaze-Weg noch weiter verfolgt worden wäre.

„New Orders“ ist als CD und LP am 20. Januar veröffentlicht worden.


Ihr viertes Album NEW ORDERS hat die Norwegerin fast im Alleingang auf dem Höhepunkt der Pandemie aufgenommen. Es ist immer dann am besten, wenn die Qualität der Songs hinter den Produktionsgimmicks hervortritt, wenn sich das Amalgam aus Indie-Pop, Folk-Einflüssen und Post-Rock zugunsten eines seiner Bestandteile auflöst wie etwa in „Cross My Fingers“ oder in „Your Ride To Be Free“.  Aber angesichts vergleichbarer Künstlerinnen wie Zola Jesus, Austra und in Teilen auch Chelsea Wolfe wird deutlich, dass der Musik von Tuvaband oft die Dringlichkeit abgeht.









21. Januar 2023

Ladytron - Time’s Arrow


Kommen wir nun zu den beliebten Platten vor Gericht Einkaufsempfehlungen für das Wochenende und begeben uns dazu in den virtuellen Kauflanden von Ladytron. Dort kann man für rund 400 Euro (ohne Versandgebühren) die folgenden zehn, äh, ziemlich bunten Artikel zum siebten Studiuoalbum „Time’s Arrow“ erwerben:

10. Time's Arrow CD (Gatefold digisleeve with remus spine, Booklet with lyrics and credits), ca. 12 €




9. Time's Arrow Bandana, ca. 19 €




8. Time's Arrow - Cassette (Four panel j card in clear jewel case with black cassette), ca. 8 €




7. Time's Arrow - All-Over Print Tee, ca. 42 €




6. Time's Arrow - Turqouise Vinyl LP (Includes download code and lyrics insert), ca. 25 €




5. Time's Arrow - Throw Pillow, ca. 33 €




4. Time's Arrow - Unisex Hoodie (Design based on the artist Peter Kelly's album cover art), ca. 75 €




3. Time's Arrow - Red Vinyl LP (Limited edition run of 250 RED vinyl copies), ca. 26 €




2. Time's Arrow Mens High Top Canvas Shoes (Left and right shoes have different prints), ca. 93 €




1. Time's Arrow Leggings, ca. 56 €




Leider kann man keine Konzertkarten für Auftritte in Deutschland in den Warenkorb legen, da bisher keine angekündigt wurden. Während der Einkaufstour bitte folgende Lieder hören:


 


Smothering each track in dream-sequence levels of reverb, keyboards pile up into vitreous obelisks of sound, while drum machines charge ahead with regimental vigour. The vocals too remain as inimitable and distinctive as ever, pitched exquisitely between mechanical coolness and warm-blooded vulnerability. There are numerous highlights: ‘City of Angels’ and ‘We Never Went Away’ strut and swagger in that vintage, evergreen Ladytron vein, while ‘Misery Remember Me’ sways with a Cocteau Twins angelicness, showcasing the group’s underlying dream-pop allegiances. While the album may find itself guilty of treading the line of pretty-but-unassuming at times - the sheer beauty of every detail is impressive, if not a little tiring - ‘Time’s Arrow’ remains a sumptuous listen.
(DIY)





20. Januar 2023

We Are Scientists - Lobes


Man darf mit Fug und Recht behaupten, dass We Are Scientists im Verlauf von mehr als 20 Jahren Bandhistorie und über acht Alben hinweg ihren Stil gefunden haben und diesem treu geblieben sind. Und auch, dass wir uns zu sehr daran gewöhnt haben, an die eingängigen Melodien, den tanzbaren Indierock, die humorvollen Konzerte, eine neue Albumveröffentlichung alle zwei bis drei Jahre …
   
Was eigentlich ein wenig schade ist, denn ich würde mir wünschen, „Lobes“ als ein Album einer mir bisher unbekannten Band entdecken zu können, um danach Feuer und Flamme für dieses Duo zu sein. Denn hier jagt ein kleiner Hit den nächsten („Operator Error“, „Human Resources“, „Lucky Just To be Here“, „Less From You“), wie ihn The Wombats, The Kilers und The Wieauchimmersieheißen seit Jahren nicht mehr hinbekommen haben. 

Im Vergleich zum Vorgänger „Huffy“ stehen die 10 Songs dem elektronischen Synth-Pop deutlich näher als dem gitarrigen Indierock und sicherlich im oberen Drittel der Discography von Keith Murray und Chris Cain. 
„Lobes“ erscheint am heutigen 20. Januar als CD, Kassette und LP (black Vinyl oder curacao transparent Vinyl). Nur im Shop der Wissenschaftler gibt es die auf 400 Exemplare limitierte black lobe in a cathode blue bath Vinyl LP.



We Are Scientists in Deutschland:
31.03.23 Köln, Luxor
02.04.23 Hamburg, Knust
03.04.23 Berlin, Hole 44
04.04.23 Leipzig, Werk2
05.04.22 Nürnberg, Z-Bau
11.04.23 München, Hansa 39
12.04.23 Wiesbaden, Schlachthof


 


Und damit auch die Rocker weich fallen, kommen in "Parachutes" und dem Rausschmeißer "Miracle of 22" genau die Gitarren zum Einsatz, dank derer sich We Are Scientists nach wie vor neben Franz Ferdinand oder The Killers pudelwohl fühlen. Natürlich erst, nachdem "Less from you" kurz vor Schluss noch einmal alle Stärken von "Lobes" gebündelt hat: catchy, tanzbar, idiotensicher. Da fällt das bisschen gelegentliche Altbackenheit kaum auf. Dass dieses Duo nach wie vor weiß, was es tut, umso mehr.


 


Obwohl das gesamte Album deutlich weniger organisch klingt als das vorherige, ist es voller Beweise dafür, dass We Are Scientists ihr Handwerk verstehen. So präsentieren sie zum Beispiel auf „Human Ressources“ einen formschönen Refrain, der beinahe Flügel zu bekommen scheint. Gekonnt hindern sie ihn allerdings daran wegzufliegen und zu entgleiten. (…)
We Are Scientists sind wirklich Wissenschaftler. Auf diesem Album haben sie bewiesen, dass es absolut funktionieren kann, wenn man Reagenzgläser voller Synthesizer, Indie, Techno, Rock und Pop zusammenmischt. Das Ergebnis dieses Experiments ist ein Album, das große Lust auf den Festivalsommer macht.




19. Januar 2023

July Talk - Remember Never Before

 

Über July Talk müssen wir bereits im Januar sprechen, denn die kanadische Band veröffentlicht in diesem Monat ihr viertes Album. Und dieses muss eine Tradition fortführen, denn seine drei Vorgänger konnten 2015, 2017 und 2021 den Juno Award in der Kategorie „Alternative Album of the Year“ gewinnen. Ein Kunststück, das sonst nur Arcade Fire gelang.

July Talk existieren seit 2012 und haben mit Leah Fay Goldstein und Peter Dreimanis gleich zwei Frontleute sowie mit Danny Miles und Dani Nash auch zwei Schlagzeuger im Lineup. Dieses wird durch Ian Docherty und Josh Warburton an Gitarre und Bass ergänzt. 

Der Alternative Rock des Sextetts darf als ruppig, verschachtelt, energetisch, aber auch eingängig beschrieben werden und bezieht seinen besonderen Reiz - vielleicht auch in Tradition ihrer Landsleute von Arcade Fire und Stars - gerade aus dem stimmliche Gegensatz zwischen Peter (kratzig) und Leah (geschmeidig) bzw. der Kombinationen beider Stimmen. 

Remember Never Before“ bietet 11 Songs, läuft knapp 41 Minuten und erscheint am 20. Januar als CD und LP (black Vinyl).


Die Hitmomente auf “Remember Never Before” von JULY TALK sind da, sogar zuhauf. Aber sie springen den Hörerinnen und Hörern nicht ins Gesicht, da man erstmal die vielen Schichten auf sich wirken lassen muss (oder eher sollte). Zerlegt man einzelne Kompositionen mal gedanklich in ihre Einzelteile, dann wird schnell klar, dass andere Bands daraus mehrere Lieder machen könnten… und würden.
JULY TALK entscheiden sich aber für die volle Pracht auf einmal, ohne die Songs damit zu überfrachten. Schon der Opener “After This” setzt sich zwischen alle Zeiten, klingt modern und altbacken zugleich. Relativ schnell sind wir mittendrin und schon in der ersten halben Minute, fliegen mindestens fünf unterschiedliche, musikalische Bausteine an uns vorbei.
Häufig ist gar nicht klar, ob JULY TALKS alles aufeinander aufbauen lassen oder einfach immer wieder neu ansetzen. Trotzdem entsteht ein nachvollziehbarer Song, auch wenn man in der Mitte manchmal schon nicht mehr weiß, wie genau man hierhin gelangt ist. Exemplarisch ist wahrscheinlich “Human Side” gut geeignet, um nachvollziehen zu können, wie gut Pop, Anspruch, Tanzbarkeit und Rockigkeit ineinanderlaufen können, ohne dass es unübersichtlich wird. Sublimiert wird die Platte natürlich noch durch einen überragenden Sound, der alles angemessen abbildet. Damit steht und fällt solche Art von Kreativität.













18. Januar 2023

Hazlett - Bloom Mountain


 

Das Ende einer Beziehung einerseits und ein tolles Album andererseits... auch bei Hazlett liegen Freud und Leid eng beieinander. Obwohl in Hazletts Fall fast die halbe Welt dazwischen liegt. Angebote für seine Musik von Australien nach Stockholm umzusiedeln hatte der australische Multi-Instrumentalist bereits in der Vergangenheit. Doch erst nach dem Ende seiner Beziehung war er bereit für diesen Schritt. Das Ergebnis waren eine Reihe von Singles, EPs, Streamingerfolge und nun der erste Longplayer "Bloom Mountain". 

Auf diesem verwebt Hazlett in bester Singer/Songwriter Manier Indiefolk mit Indiepop. Experimentelle und elektronische Klänge bilden den runden und gefälligen Abschluss. 

"Even if it's lonely", "My skin" und "Tell me what you dream about" sind meine Anspieltipps. Und auch ansonsten sind die 36 Minuten Spieldauer kurzweilig. 


Das Video zu "My skin":



"Please don't be":



Dabei handelt es sich prinzipiell um ein klassisches Männerschmerz-Album im zeitgemäßen Folkpop-Stil, mittels dessen sich Hazlett - oft im schnieken, angesagten Hochtonbereich - durch eine Sammlung sehnsüchtiger Songs über verpasste Gelegenheiten, verflossene Momente und wohl kaum erreichbare Träumereien arbeitet.  [...]Dass der Mann heutzutage in Schweden residiert, hat dabei offensichtlich bereits abgefärbt, denn das ganze Projekt wird von einem gewissen skandinavischen Schwermut getragen, der aber natürlich der emotionalen Gemengelage des Materials durchaus zuträglich ist.

P.S.: Während ich diesen Beitrag verfasste, genoß ich passend zu Hazletts Heimat eine Wattleseed-Praline. ;-) Danke Dirk und Ursula. 

17. Januar 2023

James Yorkston, Nina Persson & The Second Hand Orchestra - The Great White Sea Eagle


Hach, ist das schön, die Stimme von Nina Persson wieder zu hören! Immerhin liegt die Veröffentlichung ihres Solodebüts „Animal Heart“ ziemlich genau 8 Jahre zurück und noch viel länger ist es her, dass ihre Bands A Camp (2009, „Colonia“) und The Cardigans (2005, „Super Extra Gravity“) etwas von sich hören ließen.

Aber nach „Sam And Jeanie McGreagor“, dem Opener von „The Great White Sea Eagle“, verflüchtigt sich diese Freude ein wenig, nämlich genau so wie die Stimme von Nina Persson auf diesen 12 Songs.  Zwar singt sie hier („An Upturned Crab“, „Keeping Up With The Grandchildren, Yeah“), da („Peter Paulo Van Der Heyden“, „Mary“) und dort („Hold Ourt For Love“, „The Harmony“, „A Hollow Skeleton Lifts A Heavy Wing“) noch mit, ist aber nicht mehr so dominant und präsent. Es hat daher auch stimmlich seine Berechtigung, dass James Yorkston bei der Aufzählung der beteiligten Künstler als erstes genannt wird. 

Bei „The Great White Sea Eagle“ handelt es sich übrigens nach „The Wide, Wide River“ (2021) um die zweite Zusammenarbeit zwischen dem Engländer und dem vielköpfigen schwedischen The Second Hand Orchestra. Neben der Gastsängerin ist der größte Unterschied zum Vorgänger, dass Yorkston beim Komponieren die Gitarre zur Seite legte und sich dazu statt dessen ans Piano setzte. Die Arrangements entstanden erst bei einem gemeinsamen Treffen im Studio, als der schottische Singer/Songwriter dem Orchester von Karl-Jonas Winqvist die luftigen Folk-Lieder mehrmals vorspielte und diese nach und nach mit zahlreichen Instrumenten angefüllt wurden. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise reicht von zauberhaftem Kammerfolk („A Forest Of Rogues“, „A Hollow Skeleton Lifts A Heavy Wing“) bis zu nervig-jazzigen Ergüssen („A Heavy Lyric Police“).     

Neben der regulären Vinyl Variante gibt es „The Great White Sea Eagle“ auch auf green Vinyl und oxblood Vinyl


 


Yorkstons Songs besitzen die gewohnte Klasse: schwebender Folk, der sich loslöst vom Pub-Mief und auf die Frische des offenen Meeres verweist.
Während die Musiker*innen des Second Hand Orchestras dazu improvisieren, umgarnen sich die Vocals von Persson und Yorkston. Vermeintliche Duo-Regeln ignorieren die beiden, lieber lassen sie sich in die Stücke fallen, die wie bei „Keeping Up With The Grandchildren, Yeah“ den Indie-Pop-Himmel erreichen: Früher haben Belle & Sebastian solche schwerelosen Wunderlieder gespielt, jetzt füllen Yorkston und Persson diese Lücke.




16. Januar 2023

Molly - Picturesque


Wir befinden uns in der dritten Kalenderwoche und ein Platz unter den Top 20 des Jahres 2023 bei Platten vor Gericht ist bereits jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vergeben.

Warum? Das aus Österreich stammende Duo Molly hat sein zweites Album veröffentlicht und dieses ist noch besser als sein Vorgänger „All That Ever Could Have Been“, der es 2019 auf Platz 13 bei Platten vor Gericht schaffte. 
Außerdem haben ähnlich klingende und zwischen Dreampop, Shoegaze sowie Post-Rock schwebende Bands wie Slowdive, Yucatan oder Sigur Rós hier in den letzten Jahren sogar den Titel „Album des Jahres“ abräumen können. Warum nicht auch Molly?

Lars Andersson (Gesang, Gitarre) hat die 6 Songs, die 46 Minuten laufen und zwei Mal die 10-Minuten-Marke durchbrechen, in den vergangenen zwei Jahren komponiert, aufgenommen und in seinem Alpine Audio Studio gemischt und gemastert, während sein Bandkollege Phillip Dornauer Schlagzeug spielte. 

Picturesque“ wurde am 13. Januar via Sonic Cathedral veröffentlicht und lief hier direkt mehrmals hintereinander, die LP (limited edition pressed on sea foam green vinyl in a gatefold sleeve) wurde direkt bestellt. Kurz hatte ich auch an die auf 400 Exemplare limitierte Dinked Edition (exclusive metallic blue artwork, midnight blue vinyl) gedacht, aber der Import auf Großbritannien war zuletzt leider immer teuer und/oder nervig.

Molly gastieren für drei Konzerte in Deutschland, leider überhaupt nicht in meiner Nähe:
28.01.23 Berlin, Loophole
29.01.23 Dresden, Scheune-Blechschloss
31.01.23 Stuttgart, Café Galad


 


MOLLY’s songs aren’t as bleak and foreboding as your average Sigur Rós track. Even at their most pensive or emotionally fraught, on Picturesque they often conjure a soaring, glittering sensation comparable to Slowdive or Alcest. The band has cited inspirations ranging from noise-rock royalty Swans to psych-pop festival-killers Pond to trembling folk-pop balladeer Daniel Johnston, and all of those references come into focus upon knowing them. If you’re wondering how lo-fi singer-songwriter Daniel Johnston factors into a band so obsessed with splendor, I can hear him in Andersson’s less celestial vocal turns. Singing in English, the MOLLY vocalist refracts back an expressive range of reference points within the indie and folk-rock sphere, sometimes mirroring fragile yet powerful 2000s blog-rockers like Daniel Rossen, Avey Tare, or the Notwist’s Markus Acher. This is especially true on “Sunday Kid,” a relatively lo-fi quickie on which Andersson’s vocals are buried under blurry waves of fuzzed-out keyboard.
“Sunday Kid” is an outlier in form and texture on an album that tends toward multi-segmented sprawl and pristine clarity. Andersson says Picturesque was guided by the credo of “more is more.” Even “Ballerina,” which begins the new album on a surprisingly brief and immediate note, manages to feel regal, celestial, and expansive in about four minutes. So imagine what MOLLY can pull off on the subsequent “Metamorphosis,” which goes silent three and a half minutes in before revving back up for another nine minutes of slow-build grandeur. At just under eight minutes, lead single “The Golden Age” splits the difference, launching with brisk ominous elegance before piling on all kinds of orchestration and layers of crushing guitar. The choice between going big and going home isn’t a choice at all for these guys.


 


15. Januar 2023

Marlody - I’m Not Sure At All


Düstere Texte treffen auf sanften, oft verschachtelten Harmoniegesang und hoffnungsvolle Melodien. Diese perlen aus dem Keyboard heraus, werden von der Pianistin Jennifer Rowan gespielt und gelegentlich von programmierten Percussions begleitet. Am spannendsten pluckern diese im Song „Friends in Low Places“.

Der Gegensatz zwischen Musik und Text offenbart sich vielleicht am deutlichsten im munter dahin hüpfenden „Malevolence“, welches den schrecklichen Drang, unentschuldbare Gewalt zu begehen, thematisiert. 

Die erste Single „Summer“ schildert aus der Sicht eines Kindes die Anfänge eines neuen Lebens nach dem Verlust eines Elternteils und wurde von Louder Than War wie folgt gelobt:

This single, Summer, is the first taste of what’s to come as the beauty of the music; the rolling waves of keyboard, the apparently simple vocal melody hit you first, but it’s like a trap. It’s draws you into a darker place. The artist explains, the track is sung from the perspective of a young girl whose mother has died, Summer gives a disturbing, eerie picture of an adult world that’s losing its moorings. The innocence of the child and the sweetness of the music pull us safely through, saving us from the worst of it.

Summer is a perfect example of Marlody’s ability to weave songs so disarming that, for a few minutes, we feel as innocent as the child in the song. For a while, we don’t notice that summer is over. We don’t notice how dark it’s getting.


 


Die aus Ashford, Kent stammende Singer/Songwriterin nimmt ihre Musik unter dem Namen Marlody auf und veröffentlichte ihr Debütalbum am 13. Januar über Skep Wax Records, dem Label von Amelia Fletcher und David Pursey (Heavenly/The Catenary Wires). „I’m Not Sure At All“ ist als CD erhältlich, zudem gibt es eine limitierte Auflage auf white Vinyl. Die 10 Songs / 35 Minuten könnten Fans von Kate Bush und Cate LeBon gefallen.