31. März 2026

The Boxer Rebellion - The Second I’m Asleep


Fünf Jahre nicht gesungen. Der Songtitel von Thees Uhlmann passt wie die Faust (im Boxhandschuh) aufs Auge zu The Boxer Rebellion. Nach 2018 blieben sie für fünf Jahre den Konzertbühnen fern, den Aufnahmestudios noch länger. Denn seit „Ghost Again“, dem sechsten Album der Londoner Band, vergingen bis zu dessen Nachfolger „The Second I’m Asleep“ 8 Jahre und 4 Tage. 

Nun sind sie mit 10 warmen, gefühlvollen Indierock-Songs, die, von Nathan Nicholsons klarem, oftmals ins Falsett kippendem Gesang getragen werden, zurück. Vergleiche zu The National, frühen Radiohead oder Coldplay passen, auch wenn die Stimme eher an The Temper Trap, Keane oder Wild Beasts denken lässt. Aufgenommen wurden die 10 neuen Songs mit einem Team aus hochkarätigen Engineers wie Rees Broomfield, Billy Bush und Kevin Grainger, was möglicherweise den atmosphärischen, cineastischen Sound beeinflusst hat. Von den temporeichen Stücken würde ich „Flowers In The Water“ und „Last Of A Dying Breed“ empfehlen, auch wenn sie nicht so packend sind wie „This House“, bei den Balladen sticht „Hidden Meanings“ heraus. Übrigens alles Songs aus der ersten Hälfte des Albums.

„The Second I’m Asleep“ ist als CD und LP (black Vinyl, cream and blue Mix Vinyl) erhältlich.


As a whole, ‘The Second I’m Asleep’ feels less about big statements and more about fragments of emotion — longing, doubt, hope, regret — presented in different shades across its runtime. It may not flow as seamlessly as some of the band’s earlier work, but its individual moments are often strikingly beautiful, and when it lands, it lands with the same sincerity that has kept The Boxer Rebellion quietly enduring for more than twenty years. 
It’s a fittingly solemn and shining return.


 


 


The album’s emotional doorway opens with “Hidden Meanings,” a song that unfolds slowly, deliberately, like someone finally finding the courage to say the thing they’ve been avoiding for years.

“I no longer wish you dead…”

In just five words, vocalist and lyricist Nathan Nicholson dismantles the entire architecture of blame. What follows is not an accusation, but a revelation, that sometimes the deepest damage isn’t done by others, but by ourselves.

“I see hidden meanings. Follow me around. Like I’ve been burning down. My own house”

It’s a devastating image: self-sabotage as arson, grief as something we accidentally keep feeding. Yet the beauty of “Hidden Meanings” lies not in despair, but in recognition, the moment when you realize that naming the wound is the first step toward healing it.
Musically, the song blooms with restrained elegance: atmospheric guitars, patient drums, and a vocal that feels like it’s being held just above breaking point. It doesn’t demand attention, it earns it.


 





30. März 2026

The Julies - Cherisher


Die erste Vorladung (IV-MMXXVI)

Personalien:
Aus Pennsylvania stammen The Julies, die in ihrer aktuellen Besetzung aus Chris Newkirk (Gesang, Songwriting, Text), Alex Yost (Gitarre, Bass, Synthesizer) und Patrick Zbyszewski (Gitarre, Bass) bestehen. Die Gründungsmitglieder John Bada und Greg Hohman gehören nicht mehr zur Band.

Tathergang:
Das mit den Gründungsmitgliedern ist deshalb erwähnenswert, weil es sich bei The Julies um keine ganz junge Band mehr handelt. Bereits Mitte der 90er Jahre waren sie ein aufsteigender Stern am Shoegaze- und Dreampop-Himmel. Jedoch stand dieser, trotz des wachsenden Zuspruchs von Fans und Kritikern und Interesse von Major Labeln, nie besonders hoch am Firmament, so dass ein Debütalbum nie verwirklicht wurde.
Also zumindest nicht damals. Erst vor einigen Jahren fand man wieder zusammen und mit Lost In Ohio ein Label, das „Always & Always“ (2023) veröffentlichte. Diesem folgte im Frühjahr „Cherisher“, das auf Willow Haze Vinyl erhältlich ist.
Das Album wurde von der Band selbst aufgenommen und produziert. Für den finalen Schliff holten sie sich jedoch prominente Hilfe: Es wurde in London von James Aparicio gemischt und gemastert, der bereits für Größen wie Depeche Mode, Spiritualized und Mogwai gearbeitet hat. Leider ließ die Band die im letzten Jahr veröffentlichten Singles „Black Metal“ und „The Heartbreak Life“ außen vor, so dass das Album lediglich auf 8 Songs in 34:04 Minuten kommt.

Plädoyer:
Stimmlich erinnert mich der gehauchte Gesang von Chris Newkirk gelegentlich an Billy Corgan, musikalisch stehen The Julies aber mit ihrer Mischung aus Shoegaze, New Wave und Indierock in der Tradition von The Cure, The Church, New Order, Ride oder The Pains Of Being Pure At Heart. Bei „Teenage Sadness“ oder „Love Is Treason“ kann einem in den Sinn kommen, dass Newkirk & Co. auch schon von Adorable gehört haben.

Zeugen:

Sonically, ”Cherisher”’s standout influences, like the prior record, include 80s alternative stalwarts The Cure and New Order, as well as 90s bands like Ride, Lush, Kitchens of Distinction, Adorable, and Catherine Wheel, which all help define the band’s ethos.
As with their last record, Sarah Fuschia was recruited again, delivering beautiful sleeve art with a gentle nod of respect to Factory Records graphic designer, Peter Saville.
The new long-player may conjure the past but more as a reference to make sense of and navigate today’s world. It kicks off with a caffeinated jolt. “Marigolds” successfully marries heavy guitar pyrotechnics with Robert Smith -like one-string melodies in the vein of ”Disintegration”. (…)
“Rooms” ends ”Cherisher”. The 80s-rich synth intro and slower tempo is a welcome change for this fitting closer. With a somber, longing melodic structure, it’s actually one of the more inspiring, call-to-action tracks on the album.


Indizien und Beweismittel:


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


27. März 2026

The Twilight Sad - It’s The Long Goodbye


10 Fakten zum neuen Album von The Twilight Sad:

1. Nach vier Alben bei Fat Cat Records veröffentlichten The Twilightd Sad ihr fünftes Album „It Won/t Be Like This All The Time“ bei Rock Action Records, dem Label ihrer schottischen Landsmänner von Mogwai.

2. „It Won/t Be Like This All The Time“ wurde prompt ihr erfolgreichstes Album: In Schottland konnte Platz 1 erreicht werden (zuvor war Platz 13 die beste Platzierung gewesen) und im Vereinigten Königreich klappte es mit der ersten Platzierung (nach den Rängen 30 und 29) in den Top 10: #9. Das sind die Werte, die „It’s The Long Goodbye“, das ma heutigen 27. März veröffentlicht wird, zu schlagen gilt. 

3. Das Album bietet 10 Songs in 49:00 Minuten. Damit reiht es sich knapp hinter „Forget The Night Ahead“ (2009; 49:14 Minuten) als zweitlängstes der sechs Alben ein.

4. „It’s The Long Goodbye“ hat auch eine lange Entstehungsgeschichte, so dass The Twilight Sad hier die 4 Jahre, 2 Monate und 22 Tage, die zwischen „Nobody Wants To Be Here And Nobody Wants To Leave“ und „It Won/t Be Like This All The Time“ lagen, deutlich überboten werden: Seit ihrem letzten Album vergingen 7 Jahre, 2 Monate und 9 Tage.


 


5. „It’s The Long Goodbye“ ist als CD und LP erhältlich. Bei der Farbe der Schallplatte hat man - passen zum Albumcover - die Wahl zwischen black Vinyl, red Vinyl und yellow Vinyl. Nur blue Vinyl konnte ich nirgendwo finden…

6. Zuletzt gingen James Alexander Graham (Gesang) und Andy Mac Farlane (Gitarre) der Bassist, der Schlagzeuger und der Keyboarder verloren, so dass The Twilight Sad aktuell ein Duo sind, das live von Ex-Primal Scream Mitglied Simone Butler (Bass) und Cat Myers (Schlagzeug), ehemals bei Honeyblood, unterstützt wird. Auf dem Album übernahmen noch David Jeans (von Arab Strap) und Alex Mackay (von Mogwai) diese Jobs.


 


7. Robert Smith ist großer Fan der Band und nimmt sie auch als Support Act von The Cure mit in die Berliner Wuhlheide (10.-12.07.26). Auf dem Album ist auch zu hören, und zwar an der Gitarre auf der ersten Single „Waiting For The Phone Call“.

8. The Twilight Sad werden ihr neues Album aber auch zuvor live in Deutschland vorstellen. Das sind die vier Termine und Orte:
15.04.2026 München, Ampere
16.04.2026 Berlin, Gretchen
22.04.2026 Hamburg, Gruenspan
25.04.2026 Köln, Gebäude 9

9. Das Album wurde in den Willesden’s Battery Studios in London mit Andy Savours (My Bloody Valentine) aufgenommen und von Chris Coady (Yeah Yeah Yeahs, Slowdive) abgemischt.


The Twilight Sad schaffen gleich im ersten Stück einen richtigen "Ballermann", bei dem ruhigere Strophen mit raffiniert verschachteltem Taktmaß auf die volle Gitarrenbreitseite im Refrain treffen. Sehr schön auch, wie die neue Rhythmusgruppe in den Folgetracks für Vergnügen sorgt, denn sie rumpelt zuweilen schlampig und gleichzeitig präzise, wie David Lovering und Kim Deal zu allerbersten Pixies-Zeiten. Auch schön: Es sind immer wieder ungewohnt poppige Akzente dabei, wie zum Beispiel in "Attempt a crash landing - theme" oder "Waiting for the phone call", in denen die Synthie-Sounds verdächtig – und wunderbar! – nach The Cure aus der "The head on the door"-Phase klingen. Auch an Interpol muss man häufiger denken: Beim Intro von "The ceiling underground" könnte sich Daniel Kessler in die Band reingemogelt haben. Der gedoppelt-oktavierte Leadgesang zahlt ebenso auf diese Reminiszenz ein – doch nach der recht langen Exposition kommt auch hier wieder der erlösende Twilight-Sad-Moment, in dem alle Beteiligten gleichzeitig ihre Volume-Pedale niedertreten und voll auf die Zwölf gehen; ein Ausbruch, den sich Interpol wohl in dieser Vehemenz verkniffen hätten.
Höhepunkt ist vielleicht "Dead flowers", das sich zu Beginn einen sinistren Mahlstrom aus britzelnden Gitarren erlaubt, sekundiert von knalligen Drums – um sich dann auf mehr als sieben Minuten Spielzeit langsam zu einer lärmenden, irisierenden und involvierenden Wall of Sound hochzuschwingen. 


10. Bei Metacritic stehen aktuell für „It’s The Long Goodbye“ 85/100 Punkte zu Buche. Damit übertrumpft es seinen Vorgänger und den bisherigen Rekordhalter um einen Punkt.


 



26. März 2026

Ladytron - Paradises


Alben können ja auch zu lang dauern. Nicht wahr, Ladytron? War vielleicht Reuben Wu, der die Band 2023 nach 24 Jahren und kurz nach der Veröffentlichung ihres letzten Albums verlassen hat, für die Begrenzung der Spielzeit zuständig? Oder hat sich vielleicht jemand bei „Time’s Arrow“ über die 41:16 Minuten Musik beschwert, die Ladytrons Negativrekord von 47:47 Minuten („Gravity The Seducer“) deutlich unterboten? Ich weiß es nicht, aber „Paradises“ sprengt alle Grenzen und übertrumpft dabei „Light & Magic“ (62:45 Minuten) aus dem Jahre 2002 deutlich: Das achte Studioalbum von Ladytron bietet nämlich 16 Songs in stolzen 71:31 Minuten.
Klar, so viel Musik passt noch auf eine CD, aber Vinyl-Fans müssen den Preis für gleich zwei Schallplatten berappen (black Vinyl oder multi-colour Vinyl oder green Vinyl).

Es ist also das erste Album in der Historie der Band, das als Trio (Helen Marnie, Daniel Hunt und Mira Aroyo) entstand, wobei Daniel Hunt das kreative Zepter fest in seinen Händen hielt: 12 Songs komponierte er allein, zwei zusammen mit Mira Aroyo („Secret Dreams Of Thieves“ und „Solid Light“) und nur „Sing“ und „Ordinary Love“ stammen aus der Feder von Helen Marnie. Klar, dass die sechs vorab veröffentlichten Singles von ihm geschrieben wurden, denn er produzierte das Album auch im Alleingang und führte Regie bei den meisten Videos. Den finalen Mix unternahm er zusammen mit Jim Abbiss (Editors, Arctic Monkeys, Kasabian), der auch schon bei „Witching Hour“ und „Ladytron“ für die Band arbeitete.  
Über TikTok („Seventeen“) oder als Bestandteil („Destroy Everything You Want“) des Soundtracks zum Grammy nominierten Film „Saltburn“ haben Ladytron jüngst auch neue Zielgruppen für ihren tanzbaren, unterkühlten Retro-Elektropop gewinnen können und geben diesen nun reichlich Futter. 


Verständlich aber auch, dass sie sich jetzt mit PARADISES wieder mehr Hokuspokus gönnen. In den Texten von Songs von „In Blood“ oder „Death In London“ sind die Stammthemen wie Blut, Tod und die dunkle Seite der Liebe angelegt.
Die Musik dagegen entzieht sich im Verlauf des sehr langen Albums den Klischees. Die Bands selbst spricht von „Balearic Noir“, und das trifft es sehr gut: Es gab früher auf den beliebten CAFE-DEL-MAR-Compilations mit Chill-Out-Musik für Tanzschuppen am Mittelmeer mindestens einen Track, der davon handelte, dass die Entspannungszeit nach der Dance-Nacht auch für Begegnungen mit Dämonen taugt. PARADISES ist voll von solchen Tracks.


 


 


 


 


 





25. März 2026

10 Schallplatten, die uns gut durch den April bringen


10. Tomora - Come Closer (Specialist Retailer Exclusive Edition) (White Vinyl) 17.4.2026






9. The Cure - Three Imaginary Boys (Picture Disc) 24.4.2026






8. Metric - Romanticize The Dive (Indie Exclusive Edition, Metallic Silver Vinyl) 24.4.2026






7. Eels - Daisies of the Galaxy (25th Anniversary Edition, Glow In The Dark Vinyl, 2 LP's) 27.3.2026






6. Wintersleep - Wishing Moon (Marbled Vinyl, 2 LPs) 10.4.2026






5. A Place To Bury Strangers - Rare and Deadly (Black Vinyl) 3.4.2026






4. Duran Duran - Duran Duran (The Wedding Album) (2026 Edition, 2 LPs) 10.4.2026






3. The Beths - Expert In A Dying Field (Blue Eco Mix) 3.4.2026






2. The Sultans Of Ping FC - Casual Sex in the Cineplex (180g, Limited Numbered Edition, Pink Vinyl) 10.4.2026




1. The Reds, Pinks & Purples - Acknowledge Kindness (Dark Cloud Vinyl) 24.4.2026







24. März 2026

Alexis Taylor - Paris In The Spring


In den letzten Tagen habe ich häufig „Paris In The Spring“ von Alexis Taylor gehört. Auf seinem siebten Soloalbum experimentiert der Sänger von Hot Chip mit sanft pluckernder („Your Only Life“) oder zeitlupenartiger Electronica („Colombia“), tanzbarem Synthpop, der deutlich nach seiner Hauptband klingt („I Can Feel Your Love“ oder „Out Of Phase“, ein Duett mit Lola Kirke), Ambient-Soundscapes im Stile von Vangelis, Piano-Balladen („For A Toy“) und tatsächlich auch Country-Anleihen: So knistert und klackert „Wild Horses“, eine Coverversion der Rolling Stones, und entpuppt sich als musikalische Äquivalent zu Knallbrause - im Mund eines Cowboys.

Der Albumtitel lässt es schon erahnen: Der Großteil wurde im Studio von Nicolas Godin (Air) in Paris mit analogen Gerätschaften - von Mellotrons bis hin zu alten Drum-Machines - aufgenommen. Neben Kirke und Godin fanden sich mit The Avalanches,  Étienne de Crécy und Green Gartside von Scritti Politti weitere bekannte Musiker im Studio ein.

„Paris In Spring“ ist als CD und LP (black Vinyl, limited EditionDeluxe blue Vinyl + 7’’ Single) erschienen.


He trades verses with Lola Kirke on "Out of Phase," a wistful, slightly uncanny tribute to David Lynch that floats on synths as dreamy and drifting as anything Angelo Badalamenti might have conjured. The Green Gartside duet "On a Whim" is another standout, connecting the dots between Scritti Politti and Hot Chip's brainy, heartfelt styles with ease. And while the mellow groove of "I Can Feel Your Love" could have easily appeared on A Bath Full of Ecstasy or Freakout/Release, much of Paris in the Spring shows how well Taylor's gently witty midlife reflections suit the solo format. "Your Only Life" percolates with equal parts hope and anxiety, and when Taylor sings, "I don't know if I'm in a rainbow of gloom," it reaffirms his skill at inviting his audience into his world with a light touch. When he lets himself fully sink into heartache, the results are some of his most affecting music. The desolation and alienation of "Colombia" is shockingly bleak -- even if it's not strictly autobiographical, the anguish is real. Similarly, "For a Toy"'s twinkling, music box melody and self-loathing lyrics ("why do I keep on f*cking up/the only thing I have ever loved?") is a devastating pairing that throws the devotion of songs like Hot Chip's "One Life Stand" into sharp relief. Moments like these are so revealing and deeply felt that the cover of the Rolling Stones' "Wild Horses" feels anticlimactic by comparison, even if Taylor manages to find tender new colors within it. 


 


 





23. März 2026

Ellie O’Neill - Time Of Fallow


Bei der heutigen Plattenvorstellung gibt es so etwas wie einen Spoiler, der euch möglicherweise den Genuss des Albums etwas verderben wird.

Die in Dublin lebende Ellie O’Neill präsentiert auf „Time Of Fallow“ 10 karg instrumentierte Folksongs zur Akustikgitarre („Witness“), zu der sich gelegentlich Schlagzeug („Silent Water“, „Little Sister“) oder zumindest Percussion („Sister Of The Sea“, „Aconite“) gesellt. Textlich erforscht sie auf rohe und intuitive Weise Intimität und Verlust, Freundschaft und queere Identität. Referenzen von Joni Mitchell über Laura Marling bis Adrianne Lenker sind durchaus zutreffend.

Diese Intimität, die vermutlich auch in der Plattenfülle widergespiegelt werden soll, zeigt sich auch auf den zarten Ballade „Half Immune“ und „Sean's Song“, die am knarzenden Piano vorgetragen werden und so klingen, als säße man direkt neben der Künstlerin.

Dabei - und jetzt kommt es - übertreibt es O’Neill bisweilen ein wenig. So sind häufig, beispielsweise auf „Bohemia“, ihre inspiratorischen Geräusche derart deutlich zu hören, dass es mich persönlich stört. Dies sorgt bei mir nicht für ein ASMR-Phänomen und etwa Gänsehaut, sondern lässt mich nur noch auf das hörbare Einatmen achten und den Song aus den Augen (oder Ohren) verlieren.


Stilistisch zwischen Folk und Indie greifen die Tracks diese Stimmung unterschiedlich auf. Half Immune als einer der offensten Momente – schwebend, fast schwerelos, eher Gefühl als klare Struktur. Der Song ist bewusst roh belassen, inklusive hörbarer Hintergrundgeräusche und kleiner Störungen. Stücke wie Little Sister, Silent Water oder Seabird sind stärker im akustischen Songwriting verankert, haben sich aber eine flüchtige Skizzenhaftigkeit bewahrt. Oft stehen nur Stimme und wenige Instrumente im Raum, vieles bleibt angedeutet. Die Songs funktionieren weniger als abgeschlossene Geschichten, sondern eher wie lose Szenen oder Erinnerungsfragmente, die kurz auftauchen und dann wieder verschwinden.
Am Ende ist Time of Fallow kein Album, das sich festlegen will. Vieles bleibt offen, manches bewusst unaufgelöst. Gerade das funktioniert gut: Die Songs geben genug Raum, um sich darin zu verlieren – ohne sich aufzudrängen.


 


 




20. März 2026

Hater - Mosquito


Bei Discogs werden insgesamt 10 Bands gelistet, die für sich den Namen Hater ausgesucht  haben. Wir haben es heute mit einem Quartett aus Malmö zu tun, das aus Caroline Landahl (Gesang), Måns Leonartsson (Gitarre), Rasmus Andersson (Schlagzeug) und dem zur Band zurückgekehrten Adam Agace (Bass) besteht.

In dieser Besetzung haben die Schweden 2017 ihr Debüt „You Tried“ veröffentlicht und sind anschließend vom Londoner Indielabel Fire Records unter Vertrag genommen worden. Es folgten die Alben „Siesta“ (2018), „Sincere“ (2022) und nun „Mosquito“, das als CD und LP (clear Vinyl) erhältlich ist.

Es bietet 11 Songs, die Hater zusammen mit dem Produzenten und langjährigen Weggefährten Joakim Lindberg in den AGM Studios in Vollsjö und im Studio Sickan aufnahmen. Indiepop („Brighter“) und Dreampop („Angel Cupid“) sind die beiden Schubladen, in die man „Mosquito“ stecken sollte, gelegentlich lässt das Quartett aber auch gitarrigere Shoegaze-Momente („Mosquito“) durchscheinen. Als Referenzen sollen andere Bands mit blonden Sängerinnen herhalten, also Alvvays, The Concretes und The Cardigans.


 


Gleich der Opener „Landslide“ überzeugt als solider, ambitioniert strukturierter Rock-Song mit interessanten strukturellen und harmonischen Wendungen. Die totale Antithese dazu ist die darauffolgende Dreampop-Ballade „Angel Cupid“. Auf die dann der vielleicht interessanteste Track des Albums „This Guy“ folgt, den Hater selbst als „verwirrend“ bezeichnen. Dieser gefällt dann auch nicht wegen seines mystisch codierten Textsalates und nicht einmal wegen der anheimelnden Melodie, sondern weil der ganze Song um einen mitreißenden, pulsierenden, von Cure-Gitarren umwebten Bass-Lauf herum angerichtet ist – und von einem zu Herzen gehenden Gitarrensturm gekrönt wird.
(…) denn „Mosquito“ ist ein „All Killer – No Filler“-Album ohne jedwede Schwachstellen geworden. Neu ist das dabei alles nicht – aber gerade weil Hater ihre Sache so gut machen und somit ein gewisses Gefühl der Nostalgie evozieren, lässt das Album für Freunde dieser Art von Indie-Pop keine Wünsche offen.




18. März 2026

The Sophs - Goldstar


Die erste Vorladung (III-MMXXVI)

Personalien:
The Sophs sind ein Sextett aus Los Angeles, das aus Ethan Ramon (Gesang), Sam Yuh (Keyboard), Austin Parker Jones (E-Gitarre), Seth Smades (Akustikgitarre), Devin Russ (Schlagzeug) und Cole Bobbitt (Bass) besteht.

Tathergang:
Die Sage geht so: The Sophs verschickten ihre Demos per E-Mail an Geoff Travis und Jeannette Lee, die Labelchefs von Rough Trade Records, noch bevor sie überhaupt ein Konzert gespielt hatten. Am nächsten Tag hatten sie das Angebot für einen Plattenvertrag.
Im letzten Jahr übertrug sich deren Begeisterung Dank der Singles „I’m Your Fiend“, „Sweat“ und „Death In The Family“ auf eine breitere Öffentlichkeit und nun steht das Debütalbum „Goldstar“ als CD und LP (black Vinyl, clear red Vinyl) in den Plattenläden.  

Plädoyer:
Wie klingen Green Day mit Flamenco-Gitarren, was wäre, wenn Muse mit Bläsern experimentiert hätten, dann tanzen alle betrunken Sirtaki und am Ende erzählt noch einer, dass er sich eine Maultrommel gekauft hat, die unbedingt auf einen Country & Western.-Song muss. Das ist nur ein kleiner Auszug aus dem kreativen Chaos des Albums. Und ich überspitze nur ein wenig.

Zeugen:

Bei Metacritic ist aktuell ein Metascore von 85/100 Punkten für „Goldstar“ verzeichnet.

Often like Muse without the bombast, the guitars are huge but not over utilised, infrequently giving way to delta blues, gothic poems or pure pop. An album which reveals more with each listen, ‘Goldstar’ has all the ingredients needed to propel the six-piece outfit into the mainstream, whether they like it or not. Thrillingly weird and wonderful.

Elsewhere, ‘GOLDSTAR’ leans into lounge jazz, hillbilly hoedowns, and wishes for a death in the family to liven things up, while penultimate track ‘They Told Me Jump, I Said How High’ offers a perfectly baffling, rambling stream of consciousness. It’s whimsical, yes, but The Sophs carry it with a raucous expertise akin to the lofty comparisons drawn out by their 2025 run of singles. As a collection, ‘GOLDSTAR’ is the type of first impression that may well leave one slightly lost, a little confused, and with their head certainly spinning, but after it all anyone who meets them will be damn happy they did.


Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
28.04.2026 Hamburg, Molotow
29.04.2026 Berlin, LARK
30.04.2026 München, Live Evil
02.05.2026 Köln, Blue Shell

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


17. März 2026

Brigitte Calls Me Baby - Irreversible


Welchen Stellenwert Morrissey hier einst inne hatte, lässt sich vielleicht auch daran zeigen, dass die The Smiths-Epigonen Brigitte Calls Me Baby mit ihrem Debütalbum vor zwei Jahren stolze 8,300 Punkte und damit Platz 4 bei Platten vor Gericht erreichten.

„Irreversible“ erscheint nun 19 Monate nach „The Future Is Our Way Out“ und braucht den direkten Vergleich nicht zu scheuen. Natürlich hört man die stimmlichen Manierismen eines Morrissey („There Always“) und das Gitarrenspiel von Johnny Marr („The Early Days Of Love“) weiterhin häufig heraus, aber insgesamt ist die Mischung aus 80ies Touch (nicht nur auf dem Coverfoto), New Wave und Indierock druckvoller geraten als beim Debüt. Einen Song wie „Slumber Party“ sucht man auf „Make-Up Is A Lie“ leider vergebens, auch wenn der Janglepop-Anteil sowie der Roy Orbison-Schmelz („I Can’t Have You All To Myself“) im Vergleich zum Debüt etwas zurückgefahren wurden.
„Truth Is Stranger Than Fiction“ klingt nach gitarrigen The Killers und das elektronischer aufgestellte „These Acts Of Which We’re Designed“ lässt an New Order denken.

Irreversible“ ist als CD und LP (white Vinyl, blue and clear split Vinyl) erhältlich.


Musikalisch geht das Quintett von einer Basis von 80er-Klängen (Post-Punk, New Wave, New Romanticism) aus, deren Instrumenten zwischen Klarheit und Hall pendeln. Von dort aus werden die Band-Arme oktopusartig in verschiedene Richtungen ausgestreckt. Bei der rockigen Vorab-Single „Slumber Party“ darf die Gitarre schrammeln wie bei einer New Yorker Indie-Band aus den 00er Jahren. „I Danced With…“ umarmt The Cure so doll, dass die Schminke verschmiert. Bei „These Acts Of…“ verweben sich Synthesizer und Gitarren zu einer dunklen Decke wie bei den White Lies. Und bei „I Can Take The Sun Out Of Sky“ stellt sich passenderweise eine ungekannte, sonnige Lockerheit ein.
Der bestehenden Fanbase geben Brigitte Calls Me Baby mit „Irreversible“ neues Futter, das aber genug Punch um Ambition hat, um neue Anhänger*innen zu gewinnen. Die großen Hallen sind nicht mehr weit.


 


 




16. März 2026

M. Walking On The Water - e


Wie ungewöhnlich, da hatten doch zwei meiner liebsten deutschen Bands die gleiche Idee und veröffentlichen deren Umsetzung im Abstand von nur wenigen Tagen. 

Kommen wir nach The Notwist zu M. Walking On The Water. Die 1985 gegründete Band veröffentlichte 2021 „Lov“, 10 Jahre nach „Flowers For The Departed“, ein neues Album. Jetzt können sich Fans des Quintetts  freuen, dass die Wartezeit auf neue Musik der M.s deutlich kürzer ausgefallen ist. Einerseits vervollständigt „e“ seinen Vorgänger „Lov“ und führt auch die tierische schwarz-weiß Cover-Serie fort (begonnen 2018 mit der akustisch gehaltenen „Dogma 18“ Kompilation). Andererseits ist es das exakte Gegenstück zum Vorgänger, denn dieser war während der COVID 19 Pandemie auf Distanz entstanden, so dass sich die Band entschied, das Album zusammen live im Studio aufzunehmen. Dabei gingen Markus Maria Jansen (Gesang, Gitarre), Mike Pelzer (Gesang, Akkordeon, Keyboards), Axel Ruhland (Violine), Konrad Mathieu (Bass) und Martell Beigang (Schlagzeug) aber noch einen Schritt weiter als The Notwist: Sie luden am 22. und 23. Mai 2025 Publikum zu sich ins Krefelder Studio K22 ein, um das Album einzuspielen und das Live-Gefühl noch unmittelbarer festzuhalten. Eine Idee, die sicherlich auch im Zusammenhang mit dem 40. Bandjubiläum zusammenhing, dass Jansen, Pelzer & Co. eine (musikalische) Kneipentour ihrer Anfangstage durchs Ruhrgebiet wiederholten. 

Sehen und hören kann man den Aufnahmevorgang hier bei „Cosmic Weirdos“, dem Song des Albums, der sich am schnellsten in den Gehörgängen festsetzt:


 


Weitere Anspielttipps aus dem Album sind „Silent War“, das mit einer leichtfüßigen Piano-melodie besticht, oder der schunkelnde und an das Debütalbum erinnernde Folk-Rocker „Five Minutes Paradise“ oder …

Erwähnen muss ich auch noch die auf 300 Exemplare (ich habe #73) limitierte LP-Auflage (clear Vinyl), die in einer zum Artwork passenden grauen Fellhülle steckt, für die aber kein Esel oder anderes Tier leiden musste:




13. März 2026

The Notwist - News From Planet Zombie


Wie ungewöhnlich, da hatten doch zwei meiner liebsten deutschen Bands eine ähnliche Idee und veröffentlichen deren Umsetzung im Abstand von nur wenigen Tagen. 

Beginnen wir mit The Notwist. Die 1989 gegründete Band nahm ihr aktuelles Studioalbum nämlich live als Band im Studio auf. Die Brüder Markus (Gesang, Gitarre) und Micha Acher (Bass, Sousaphon, Euphonium, Trompete) sowie Christoph „Cico“ Beck (Elektronik, Keyboards, Gitarre, Blockflöte, Schlagzeug) brachten die Songs mit ins Münchener Studio, arrangierten, und probten es vor den Aufnahmen gemeinsam mit den restlichen Bandmitgliedern Theresa Loibl (Bassklarinette, Klarinette, Klavier, Harmonium, Orgel), Max Punktezahl (Gitarre), Karl Ivar Refseth (Marimbaphon, Vibraphon, Glockenspiel, Congas, Schlagzeug) und Andi Haberl (Schlagzeug, Hackbrett). Zudem luden sie Freunde ins Studio ein (Enid Valu singt, Haruka Yoshizawa spielt Taishōgoto und Harmonium, Tianping Christoph Xiao Klarinette und Mathias Götz Posaune), die den Sound von „News From Planet Zombie“ entscheidend mit prägten.

Wer einmal einen dieser furiosen Auftritte von The Notwist live erleben durfte, der weiß, welch eine famose Idee dieser Platte zu Grunde liegt. Man höre nur den sich langsam über sechs Minuten hinweg aufbauenden Opener „Teeth“, der wie auch acht weitere Lieder durch den weiblichen Hintergrundgesang gewinnt. Das folgende vertrackte „X-Ray“ lässt an die lärmenden Konzertmomente denken, wenn The Notwist sich auf ihre frühen Noise- und Hardcore-Tage zurück besinnen. Ein zweiter Ausbruch dieser Art erfolgt später mit „Silver Lines“.
Der deutsche Titel des Songs „Propeller“ weist beim englisch singenden Herrn Acher schon darauf hin, dass er ohne Worte auskommen muss. Was bei anderen Bands schnell zum Skip-Faktor wird, ist bei The Notwist eine Krautrock-Exkursion, auf die man sich, wie beispielsweise auch bei „0-4“, auf Platte und live sehr freuen darf. Der Hit des Albums ist übrigens ohne jeden Zweifel „The Turning“. 

Kommen wir noch zu ein paar Neuerungen und Überraschungen: Mit „Red Sun“ (Neil Young) und „How The Story Ends“ (Lovers) befinden sich gleich zwei Coverversionen unter den 11 Titeln. Neben dem bereits erwähntem weiblichen Gesang nehmen auch die Bläser großen Einfluss auf den Sound des Album („Red Sun“, „Projectors“, „Like The River“). Wer dachte, dass The Notwist zwischen Indietronic, Alternative Rock und Hardcore Punk schon alle Musikrichtungen für sich erschlossen hatten, der darf Dank „Red Sun“ oder „Projectors“ auch ein Häkchen bei Folk setzen. 

Mein Lieblingsalbum von The Notwist wird für alle Zeiten „Neon Golden“ bleiben - aber wie verdammt gut ist „News From Planet Zombie“!

Das Album ist über Morr Music als CD und LP (black Vinyl, clear neon orange Vinyl, clear green Vinyl, blue Vinyl) erschienen.
     

 


 




12. März 2026

Heavenly - Highway To Heavenly


Heute spült uns die beliebte Serie „Comebacks, auf die die Welt gewartet hat, oder?“ eine kleine Sensation an: Die britischen Indie-Pop-Ikonen Heavenly haben ein neues Album veröffentlicht!

Nach dem tragischen Tod ihres Schlagzeugers Mathew Fletcher hatten sich Heavenly 1996 aufgelöst und die Bandmitglieder waren in vielen unterschiedlichen Bands aktiv. 2023 kehrten sie für einzelne Reunion-Shows zurück, spielten auch einige neue Songs und nun gibt es mit „Highway To Heavenly“ auch ein neues Studioalbum. Zu diesem lässt sich sagen, dass die ehemalige Sarah Records-Band nun auf dem eigenen Label Skep Wax Records veröffentlicht, wir mittlerweile bei deren fünftem Album angekommen sind, die Tradiotion, dass in den Albumtiteln das Wörtchen Heavenly vorkommen muss, beibehalten wird und seit dem Voränger knapp 30 Jahre vergangen sind. Vielleicht zur Einschätzung, wie lang das her ist: „Operation Heavenly“ erschien kurz vor „If You’re Feeling Sinister“ von Belle & Sebastian, „The Week Never Starts Round Here“ von Arab Strap  oder „Dizzy Heights“ von Lightning Seeds.

Heavenly bestehen aus den Gründungs- und ehemaligen Talulah Gosh-Mitglieder Amelia Fletcher (Gesang/Gitarre), Peter Momtchiloff (Gitarre) und Rob Pursey (Bass), zu denen sich in den frühen 90ern Cathy Rogers (Gesang/Keyboards) gesellte. Den verwaisten Platz am Schlagzeug hat Ian Button übernommen.

Highway To Heavenly“ bietet auf 11 Songs leichtfüßigem Indiepop samt charmantem Harmoniegesang und mit Disco-Touch („Scene Stealing“), Janglepop-Gitarren („Deflicted“) und irgendwie niedlicher Punk-Attitüde („Excuse Me“). Bei Metacritic sind aktuell 83/100 Punkten für das Album, das als CD und LP (white Vinyl) erhältlich ist, hinterlegt.


 


Sonically, the album feels cohesive yet varied. Recorded in Deptford and Kent with producer Toby Burroughs, it carries a warmth that suits its human focus. Sparkling guitar lines and crisp keyboards anchor the sound, while Ian Button’s drumming and Rob Pursey’s melodic basslines bring both drive and restraint. Fletcher and Rogers’ vocals, alternately tender and defiant, remain the band’s emotional compass. Perhaps the most striking thing about ‘Highway To Heavenly’ is how naturally it speaks to a new generation of listeners without diluting its principles. Heavenly never chased trends, and that independence now feels like foresight. In an era marked by aggressive posturing and hollow bravado, their insistence on empathy, joy, and resistance through pop feels quietly revolutionary.




11. März 2026

Nothing - A Short History Of Decay


Den 7. Platz konnten Nothing vor sechs Jahren mit „The Great Dismal“ hier erreichen. Nach einigen Umbesetzungen im Bandgefüge startet die Band von Domenic "Nicky" Palermo nun mit ihrem insgesamt fünften Album einen erneuten Anlauf auf eine Spitzenposition bei Platten vor Gericht.

„A Short History Of Decay“ atmet dabei den Größenwahn von „Mellon Collie & the Infinite Sadness“, auch wenn es sich nur um 9 Titel handelt. Es gibt opulente Streicherarrangements („Purple Strings“), mit u.a. Mary Lattimore an der Harfe, dazu noisigen Shoegaze („A Short History Of Decay“) in bester My Bloody Valentine-Tradition, entrückten, folkigen Dreampop („The Rain Don’t Care“) an der Grenze zwischen Mojave 3 und Slowdive, krachigen Alternative Rock im Breakbeat-Sperrfeuer („Cannibal World“) und immer wieder Songs in einer Qualität und Melodiösität, die Billy Corgan schon seit Jahren nicht mehr einfallen („Never Come Never Morning“).

A Short History Of Decay“ gibt es - leider nicht in einer alternativen Plattenhülle - in zahlreichen Vinyl-Varianten: Red Transparent With Glitter Vinyl, Yellow Translucent With Silver Glitter Vinyl, Clear With Black Smoke Vinyl, Bubblegum Splatter Vinyl, Jawbreaker Splatter Vinyl, Peppermint Pinwheel Vinyl, Blue Vinyl, Green Vinyl, Purple Vinyl und Candy Corn (Yellow, Orange, White) Vinyl.


 

 


The quality of A Short History Of Decay continues to build over the first four tracks, but the record really reaches its peak with “Toothless Coal”. Its hissing Linkin Park-style opening fires into a musical whirlpool, sucking you in. Palermo tries a little Chino Moreno detachment, his abstract lyrics injecting a deep sense of transience and trauma as he mourns the cost of his craft (“fluently in our decadence / poetry it petrifies me / tying me in knots”). Elsewhere, Bobb Bruno powers in on bass, whilst additional guitars from producer Nicholas Bassett give the track a shimmering, surreal edge. 
For all its confidence, not every experiment works. “Purple Strings”, for instance, drips with harp loops and string swells that, while beautiful, jar against the more cathartic aspects of Nothing‘s sound and lyrics. It’s a welcome experimentation that should have been reserved for a future release. 
Portishead, Massive Attack or Sonic Youth, this is definitely not. It’s something grittier, darker and a little chaotic, trading art-school theoretics for raw, dangerous and yet beautiful practicality. A Short History of Decay at its finest is a defiantly messy, deeply human album. It finally reclaims Nothing’s story for the better. 


 




10. März 2026

Morrissey - Make-Up Is A Lie


Welchen Stellenwert Morrissey hier einst inne hatte, lässt sich vielleicht einfach daran zeigen, dass er die Ehre unserer ersten Revision hatte, „Ringleader Of The Tormentors“ (2006) und „Years Of Refusal“ (2009) nur knapp das Siegertreppchen verpassten, auf dem „You Are The Quarry“ 2004 als unser Album des Jahres noch thronte. Selbst „World Peace Is None Of Your Business“ erreichte noch Platz 17 bei Platten vor Gericht. 
Aber, seinen wir ehrlich, seitdem veröffentlich der ehemalige Sänger von The Smiths mit „Low In High School“ (2017) und „I Am Not A Dog On A Chain“ (2020) bestenfalls mediokre Alben. Zwischendurch gab es noch ein überflüssiges Album mit Coverversionen („California Sun“) und viele Aussagen seinerseits, die einem den Spaß an seiner Musik reichlich vergällen.

Dennoch besteht bei jedem Fan die Hoffnung, dass Morrissey (in vielerlei Hinsicht) noch einmal die Kurve bekommt. Aber die Vorgeschichte des neuen Albums war schon nicht vielversprechend: Sein Album „Bonfire Of Teenagers“, das eigentlich 2023 hätte erscheinen sollen, blieb aufgrund von Streitigkeiten mit seiner damaligen Plattenfirma (wahrlich keine Seltenheit bei Morrissey) bisher unveröffentlicht. „Make-Up Is A Lie“ sollte ursprünglich „Without Music The World Dies“ heißen und ganz andere Songs beinhalten, denn ein großer Teil der ursprünglichen Trackliste wurde verworfen und durch neuere Aufnahmen ersetzt. Dass diese erneut mit dem Produzenten Joe Chiccarelli - seit Jahren ein Garant für Enttäuschungen im Morrissey-Kosmos - entstanden, ließ Schlimmes befürchten.

Und genau das bietet „Make-Up Is A Lie“ in 50 Minuten zuhauf. Ist der Titelsong die schwächste Single seiner Karriere? Müssen wir eine weitere unnötige Coverversion („Amazona“) ertragen, nur weil Morrissey  im Song „Lester Bangs“ dem legendären US-Musikjournalisten ein Denkmal setzt, auf seine eigene Jugend als Musik-Nerd zurück blickt und Roxy Music (neben den New York Dolls) erwähnt? Hätten es „Zoom Zoom The Little Boy“ oder „The Night Pop Dropped“ früher überhaupt auf B-Seiten seiner Singles geschafft (Ich glaube nicht)? Und ist „Notre-Dame“, eigentlich ein überraschender Synth-Pop-Songs im Stile der Pet Shop Boys, überhaupt hörbar, wenn man weiß, dass frühere Live-Versionen mit einer rechtsextremen Verschwörungstheorie zum Brand von Notre-Dame kokettieren, die behauptete, dass es sich um einen „vorsätzlichen“ Brandanschlag gehandelt habe und mit „antichristlichen Angriffen“ in Verbindung stehe? Da hilft es auch wenig, dass er nach „Notre-Dame, we know who tried to kill you“ nun „Before investigations, They said, ‘There’s nothing to see here’“ statt ursprünglich „Before investigations, They said, ‘It’s not terrorism’” singt.
  
Aber erwähnt werden sollte auch, dass „Headache“ oder „Kerching Kerching“ durchaus gefallen können und das düster-atmosphärische „Many Icebergs Ago“ aus dem Album heraus ragt, wie ein Eisberg aus dem Meer. 



 


Zum Auftakt singt Steven Patrick Morrissey, 66 Jahre alt, „You’re Right, It’s Time“, ein weiterer verworfener Albumtitel. Zeit wofür? „In search of wisdom/ So much wiser than my own/ I wanna let somebody love me/ If they can“, behauptet er mit dieser immer noch fantastischen Stimme, die Haken, Pirouetten und Schlaufen tanzen kann, von denen andere nur träumen können. Das schwermütige „Headache“ profitiert davon, das dramatische „Boulevard“ und die liebevolle Klavier-Hommage „Lester Bangs“ ebenso.
Diese Stimme kann man nicht nicht lieben. Doch die Melodien bleiben schal, die Texte banal bis beknackt.




9. März 2026

Harry Styles - Kiss All The Time. Disco, Occasionally


10 Fakten zum neuen Album von Harry Styles:

1. Die Fans von Harry Styles mussten so lang auf ein neues Album von ihm warten, wie nie zuvor. 2 Jahre, 7 Monate und 1 Tag vergingen zwischen seinem Solodebüt „Harry Styles“ (2017) und „Fine Line“ (2019), auf „Harry’s House“ (2022) mussten sie 2 Jahre, 5 Monate und 7 Tage warten, nun waren es 3 Jahre, 10 Monate und 17 Tage. 

2. „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ steht seit dem 6. März 2026 in den Plattenläden und bietet 12 Songs in 42:33 Minuten - Standard für Alben von Harry Styles, denn deren Spielzeiten lagen bisher zwischen 40:18 Minuten und 46:37 Minuten.

3. Apropos Plattenläden: Dort steht „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ als CD (auch als Casebook CD), Kassette (Silver Glitter) oder LP in zahlreichen Varianten: Black Vinyl, Tomato Red Vinyl, Pop-Blue Vinyl, Pink Kiss Vinyl, Smoke Machine Silver oder Milky Clear Vinyl.


4. Nennen müssen wir noch das Pomodoro CD Box Set für ca. 65,- €, das mit seltsamen Quatsch daher kommt: Includes an egg timer, mesh grocery bag, keychain, notepad and pencil set, tea towel and a CD.


 


5. „As It Was“ war der größte Hit von Harry Styles und wird es vermutlich auch bleiben, drei Gründe dafür: 1. Laut der IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) war „As It Was“ die erfolgreichste Single des Jahres 2022 weltweit. 2. Auf Spotify war es der meistgestreamte Song des Jahres 2022 weltweit. 3. n den USA (Billboard Hot 100) hielt sich der Song 15 Wochen auf Platz 1 – das war ein Rekord für einen britischen Solokünstler. Da konnte „Aperture“, die erste Single aus „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ natürlich nur schwerlich mithalten. Dennoch wurde es seine dritte Nummer 1 Single im Vereinigten Künigreich und den USA nach „As It Was“ und „Sign Of The Times“ bzw. „Watermelon Sugar“. In Deutschland erreichte nur „As It Was“ Platz 1, die beiden anderen genannten Songs kamen in die Top 20. „Aperture“ schaffte nun Platz 7. 

6. Harry Styles arbeitet hauptsächlich mit dem US-Amerikaner Tyler Johnson (Beyoncé, Halsey, Miley Cyrus) und dem Engländer Thomas Hull aka Kid Harpoon (Florence + The Machine, Jessie Ware, Lykke Li) zusammen. So fungieren diese beiden auch, wie bei den Vorgängern, auf „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ als Produzenten und Co-Songwriter.

7. Die Aufnahmen fanden u.a. in den Londoner Abbey Road Studios, in New York oder Los Angeles statt. Ein Großteil des Albums entstand in den legendären Hansa Studios in Berlin. Styles hat dort viel Zeit verbracht und sich von der dortigen Clubkultur inspirieren lassen. Aber auch sportlich war er in unserer Hauptstadt aktiv: Während der Aufnahmen in Berlin lief er 2025 inkognito beim Berlin Marathon mit. 


  


8. Vermutlich fand sich Ellie Rowsell, die Sängerin von Wolf Alice, eher in einem Londoner Studio ein, um ihre Backing Vocals für gleich drei Songs („Aperture“, „Taste Back“ und „Season 2 Weight Loss“) aufzunehmen, gleiches gilt für den Londoner House Gospel Choir, der auf insgesamt vier Liedern („Aperture“, „Are You Listening Yet?“, „Season 2 Weight Loss“ und „Pop“) zu hören ist. 

9. Den größten musikalischen Einfluss auf das vierte Album von Harry Styles lieferte LCD Soundsystem, die Styles mehrmals live in Madrid gesehen hatte. So wollte er unbedingt auf trockene, treibende Beats und diese typischen „kratzigen“ Analog-Synthesizer setzen, die man sonst eher von James Murphy kennt. Als visuelle Hommagedarf selbstverständlich die Disckokugel herhalten, die auch das legendäre selbstbetitelte Debütalbum von LCD Soundsystem aus dem Jahr 2005 zierte.


Doch „Kiss All the Time. Disco, Occasionally.“ ist sinnlicher und weniger starorientiert als die Musik, die sie zuvor gemacht haben. Styles‘ Stimme ist manchmal dem Track untergeordnet, gefiltert oder im Mix versenkt. Und obwohl es Hooks gibt – jede Menge davon – treten auch diese manchmal hinter Tieffrequenz-Thumps, Grooves, Shimmies und Shakes zurück, die sowohl klanglich als auch erotisch dirty sind. Das ist Musik, der es mehr ums Sein als ums Bedeuten geht, um Erfahrung statt Ego.
„Kiss All the Time. Disco, Occasionally.“ eröffnet mit vier echten Bangern: dem trance-lastigen „Aperture“; „American Girls“ mit einem beißenden Low End, das wie aus einem 8-Bit-Videospiel geklaut klingt; „Ready, Steady, Go!“, das eine Chic-Basslinie mit einem Flugzeug-Whoosh-Effekt verbindet, als würde ein DJ denselben Track auf zwei leicht versetzten Turntables spielen; und „Are You Listening Yet?“, wo schwere 2010er-Vibes sowohl an LCD Soundsystem als auch an Stargate-Synth-Bounce-Productions für Rihanna erinnern. Dazu kommt „Dance No More“, ein Achtzigerjahre-Synth-Fest nach dem No-Parking-on-the-Dance-Floor-Prinzip, mit Chorus-Shouts von „Respect your mother!“, die Drag-Ball-Kultur beschwören.


10. Zum Abschluss kommen wir immer auf Konzerte zu sprechen, da dies aber für die deutschen Fans von Harry Styles kein schönes Thema ist - vor allem, wenn man bedenkt, dass das Album in Berlin entstanden ist. Daher werfen wir einen Blick auf den Metascore seiner vier Alben bei Metacritic:  „Harry Styles“ (68/100 Punkten), „Fine Line“ (76/100, „Harry’s House“ (83/100) und „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ (78/100).


5. März 2026

Voxtrot - Dreamers In Exile


Es gibt sie noch, die guten Nachrichten, auch wenn sie nur musikalischer Natur sind: Voxtrot sind zurück, sogar mit einem Album!

Die Indiepop-Band Voxtrot wurde 2003 gegründet, veröffentlichte drei EPs, erfuhr einen Hype in der Blogger-Szene, brachte 2007 ihr selbstbetiteltes Debütalbum heraus und zerbrach dann, möglicherweise am hohen Erwartungsdruck. 2010 löste der Sänger und Songwriter Ramesh Srivastava die Band nach einem letzten Auftritt an seinem 27. Geburtstag auf. 

Seit ihrer Trennung sind fast 16 Jahre vergangen, ihr einziges Album „Voxtrot“ feiert im Mai auch schon den 19. Geburtstag und seit letzter Woche darf man „Dreamers In Exile“ hören und als CD, Kassette oder LP (black Vinyl) in den Händen halten.

2022 hatte sich eine Reunion mit der Wiederveröffentlichung früher Aufnahmen über das bandeigene Label Cult Hero Records angedeutet. Es folgte eine Tournee und im folgenden Jahr gab die Band bekannt, dass sie wieder gemeinsam im Studio sei. Mit „Another Fire“ und „New World Romance“ erschienen 2023 tatsächlich zwei neue Lieder und wer aufgrund ihrer Veröffentlichungshistorie dachte, dass bestenfalls eine EP folgen würde, sah sich getäuscht. Tatsächlich nahmen Ramesh Srivastava (Gesang, Gitarre, Keyboards), Jason Chronis (Bass, Synthesizer) sowie Matt Simon (Schlagzeug), diesmal der kreative Kern Quintetts, zusammen mit Mitch Calvert (Gitarre) und Jared Van Fleet (Keyboards, Gitarre) im Haunted Air Studio des Bassisten in Lockhart, Texas (mindestens) 11 Songs auf, die zusammen „Dreamers In Exile“ bilden. Abgemischt wurde das Album von Dean Reid (Lana Del Rey, Tom Odell, James Blake).

Dreamers In Exile“ klingt genau so, wie man einen zeitnahen Nachfolger von „Voxtrot“ erwartet hätte: Es gibt eingängigen, temporeichen Gitarrenpop („Fighting Back“, „Dreamers In Exile“, „Change“) mit melancholischen und nostalgischen Noten (die 80er Jahre und Bands wie The Smiths oder The Go-Betweens lassen schön grüßen), der allen Fans von Death Cab For Cutie gefallen dürfte. Darüber hinaus werden verstärkt Streicher („New World Romance“, „Esprit Du Coeur“, „Quiet Noise“) und Bläser („New World Romance“, „My Peace“, „Babylone“) in den Sound integriert. Ein einziges Mal zeigen sich Voxtrot auch als Rocker („Rock & Roll Jesus“).     


 


Voxtrot have never marketed themselves as an experimental band, so the lack of adventure isn’t particularly bothersome. Plus, the five members have not made any new music together in almost 20 years; since the music sounds good overall, even if a bit corny and nostalgic at times, the Austin five-piece made something not only familiar to old fans, but also to themselves — to warm everyone back up again before hitting the road for a promotional tour. It’s dorky at times, charming and pleasant overall. For an original Voxtrot diehard — or anyone who was fifteen in 2005, went to at least one When We Were Young festival recently, and still religiously listens to early ‘00s alternative rock — this album will bring a lot of joy.



  


Throughout Dreamers in Exile, Voxtrot is in perpetual dialogue with its two eras: the earnestness of youth and the practicality of adulthood. They are not the first band to mine these thematic waters, and they definitely won’t be the last. Groups of all shapes and sizes have broken up because of disagreements about these very ideas. Yet, there’s a reason that this quintet reunited after a decade-plus hiatus—they clearly love playing music together. You can hear that obvious joy in each song, and they use that infectious energy as fuel for their continued creativity.