30. August 2024

The Softies - The Bed I Made


Die erste Vorladung (XVI)

Personalien:
Hinter The Softies stecken die beiden US-amerikanischen Sängerinnen und Musikerinnen Rose Melberg und Jen Sbragia.

Tathergang:
Ihre gemeinsame (Band-)Vergangenheit in der Twee-Pop-Bewegung im pazifischen Nordwesten der USA führte das Duo bereits vor 30 Jahren zusammen und zu diesem Nebenprojekt, das drei Alben abwarf: „It’s Love“ (1995), „Winter Pageant“ (1997) und „Holiday In Rhode Island“ (2000). Danach gingen The Softies in einen längeren Urlaub, der nur sporadisch von gemeinsamen Auftritten unterbrochen wurde.
Der Kontakt zwischen Melberg und Sbragia riss jedoch nicht ab und verbunden durch die Trauer über den Tod ihrer Mütter entschlossen sie sich, ein neues Softies-Album aufzunehmen. Sie schickten sich erste Demos zu, verbrachten einige Monate damit, die Songs fertig zu stellen und buchten letztendlich ein Aufnahmestudio in Anacortes, Washington - auf halbem Weg zwischen Vancouver und Portland. 

Plädoyer:
„The Bed I Made“ erscheint 24 Jahre nach dem letzten Album von The Softies und bietet 14 minimalistische, zärtliche Folkpop-Songs über Themen wie Freundschaft, Trauer und Liebe, die sich lediglich auf den Harmoniegesang von Rose Melberg und Jen Sbragia sowie deren Gitarrenspiel fokussieren. Das Album ist als CD und LP (black Vinyl) via Father/Daughter Records erhältlich. 

Zeugen:

Im Jahr 2000 beendeten The Softies ihre leise Karriere, jetzt sind sie zurück, noch immer mit großen Brillen, Blumen im Haar und auf den Kleidern. THE BED I MADE ist genau die kleine, sensationelle Platte, die man von Melberg und Sbragia erwarten darf: 14 kurze Stücke, 34 Minuten, minimalistisch arrangiert, aufgenommen, produziert.
Wie immer schmiegen sich die zwei Stimmen aneinander, um sich gegenseitig bei den Gedanken über eine erste, längst verlorene Liebe oder die Ereignisse am 23. Geburtstag zu trösten. Richtig, die Themen sind genauso wenig erwachsen geworden, wie die Softies: 14 Lieder für die ewigtraurige Jugend.

Indizien und Beweismittel:


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...

29. August 2024

Telenova - Time Is A Flower


Sie suchen maßgeschneiderte IT-Business-Kommunikationslösungen + Services in München? - Nein, das kann nicht unser Telenova sein.

Sie suchen maßgeschneiderten düsteren, cineastischen Synthpop mit Spuren von Trip Hop und Electronica im Stile von Saint Etienne, Goldfrapp, Dubstar, Mono + Hooverphonic? - Ja, jetzt sind wir richtig.

Telenova stammen aus Melbourne und bestehen aus der Sängerin Angeline Armstrong sowie den Multiinstrumentalisten und Produzenten Edward Quinn und Joshua Moriaty. Sie fanden sich 2020 zusammen und veröffentlichte in den beiden folgenden Jahren zwei EPs („Tranquilize“ und „Stained Glass Love“). Dem Debüt des australischen Trios gingen in diesem Jahr bereits vier Singles voraus, lediglich das 2023 veröffentlichte „Lost In The Rush“ fehlt unter den 12 Songs des Albums.

„Time Is A Flower“ ist als black marbled Vinyl erhältlich.

Telenova in Deutschland:
24.9.24 Berlin, Kantine am Berghain
25.9.24 Hamburg, Nochtwache
26.9.24 Köln, Jaki
  
Schade, dass München nicht mit dabei ist, sonst hätten Telenova bei telenova vorbei schauen können…


Time Is A Flower opens with the smokey song ‘The Wallpaper’, immediately ushering listeners into Telenova’s grandiose world, before swiftly launching into previous releases ‘Teardrops’ and ‘Power’.
‘Teardrops’ is a hypnotically moody disco track with lyrics that teeter on the precipice of light and dark: “a teardrop on the fire of sunshine”. Telenova’s slick blend of chiaroscuro-esque composition sees crystalline choruses contrasted against the distorted closing refrain “throwing all my words like a weapon / was not my intention”. (…)
The gorgeously rich ‘Power’ brims with melodramatic strings and undeniable disco influence while its lyrics explore the oh-so-human desire for connection and community. (…)
As the album unfurls, we’re brought further into Telenova’s increasingly cinematic world. ‘Margot’ is one of the highlights of the album with its rapid fire verse and vivid storytelling - an absolute gem of dark romanticism and alt pop. (…)
It almost feels obvious that Telenova are on their way to Big Things, with Time Is A Flower as another signpost in their well-deserved ascent. 


 


 




28. August 2024

Orlando Weeks - LOJA


Überrascht habe ich festgestellt, dass Orland Weeks über keinen eigenen Wikipedia-Eintrag verfügt. Wie kann das sein?
Er fungierte als Sänger der britischen Band The Maccabees, deren Bekanntheitsgrad sich im Verlauf von vier Alben - wie man an der Chartplatzierungen in ihrer Heimat ablesen kann - sich stetig erweiterte: „Colour It In“ (2007; #24), „Wall Of Arms“ (2009; #13), „Given To The Wild“ (2012; #4) und „Marks To Prove It“ (2015; #1). Auf dem Höhepunkt ihrer Erfolgswelle löste sich die Band auf. Orlando Weeks veröffentlichte danach drei Soloalben - „The Gritterman“ (2017), „A Quickening“ (2020) und „Hop Up“ (2022) - von denen sich die ersten beiden ebenfalls in den UK Charts platzieren konnten (#33 und #36).




Überrascht habe ich festgestellt, dass Orland Weeks’ neues Album sowohl in der Dinked Version (Clear with Black & White Splatter Vinyl) als auch in der auf 500 Exemplare limitierten Auflage von Blood Records (Chequerboard Pastel Pink and Green Vinyl) noch erhältlich ist. Wie kann das sein?
„Loja“ bleibt in den Läden liegen, was aus zwei Gründen besonders tragisch ist, denn erstens bedeutet der Titel - den Weeks gewählt hat, da Lissabon seine neue Wahlheimat ist und er seinem dortigen Studio diesen namen verliehen hat - auf portugisisch Laden und zweitens ist es sein bisher überzeugendstes Solowerk: vom krautrockigen Artrock in „Dig“, auf dem auch Rhian Teasdale von Wet Leg zu hören ist, bis zu hypnotischem Indiepop mit 80er Jahre Anleihen, die an Talk Talk („Wake Up“) oder Tears For Fears („You & The Packhorse Blues“) denken lassen. 





Indeed, ‘LOJA’ is a record of subtle highs, and calming lows. ‘My Love Is (Daylight Saving)’ has a painterly feel – Orlando has also created a series of drawing and paintings to exhibit alongside the album – while the synth-dappled ‘Please Hold’ is a neat search for connection, the clinical electronics given a warming appeal in the final mix.
Album highlight (and 6Music ear-worm) ‘Dig’ is almost post-punk in its angular structure, all sharp corners and tightly coiled energy. Bonus vocals from Wet Leg’s Rhian Teasdale pivot the song in new directions, adding differing shades and hues to Orlando’s choir boy delivery.
Closing with the hopeful ‘Tomorrow’ and the softly endearing ‘Beautiful Place’, this is a refined, well-rounded project. Aided by his live band and close collaborators, Orlando Weeks succeeds in grappling with new chapters in his personal life, adding a freshness to his indie pop template in the process.


 


Loja is the sum of Weeks’ long and winding road. It captures not only the brilliance of The Gritterman, A Quickening and Hop Up, which each took massive strides forward for him as an artist, but also the journey Weeks has experienced as a man. No longer the shiny-faced young adult with a collar so tightened to the top one feared his head might pop off, Weeks is now creating records that act as maps to the landscape of his adult life.
Effortlessly blending electronic modernism with the rich organic crema that one can only find in the cafes of Lisbon, Weeks is clearly evolving beyond anything his audience may have imagined. There’s a dexterity to Loja that hasn’t been seen before, as he not only provides a sense of welcoming warmth but doesn’t ignore the chill of the shadows it can cast.
Similarly, it’s difficult not to see Loja – an ode to the new artist studio he resides in – as Week’s striding out of the shadow of his former work and enveloping himself in the blissful sunshine of a new chapter. It is a record that feels liberated enough to do what it pleases.



27. August 2024

Charly Bliss - Forever


Die erste Vorladung (XV)

Personalien:
Die New Yorker Band besteht aus den Zwillingen Eva (Gesang, Gitarre) und Sam Hendricks (Schlagzeug) sowie Spencer Fox (Gitarre) und Dan Shure (Bass).

Tathergang:
Die 2011 gegründeten Charly Bliss kamen nach einer ersten EP bei Barsuk Records unter und veröffentlichten dort die Alben „Guppy“ (2017) und „Young Enough“ (2019). Trotz dezenter erster kommerzielle Erfolge nahm sich das Quartett im Anschluss eine Auszeit, verabschiedete sich vom stressigen Album-Tour-Trott, ließ sich gegenseitig mehr Freiraum, gründeten Familien oder zogen nach Australien, änderte den Prozess des Songschreibens, das früher gemeinsam im Studio oder Proberaum stattfand, und wechselte das Label. 
Mehr als 5 Jahre nach dem letzten Album ist nun „Forever“ erschienen, das gemeinsam mit den Produzenten Jake Luppen (Hippo Campus) und Caleb Wright (Samia) aufgenommen wurde. Lucky Numer Music spendiert dem Album folgende Auflagen: blue & yellow Vinyl, transparent clear Vinyl und blue in yellow two color Vinyl.  

Plädoyer:
Charly Bliss wollen mit Songs über romantische Liebe, Freundesliebe, Verknalltheit und Gefühlsstürme gute Laune verbreiten. Das funktioniert, wenn man das in dieser Penetranz wirklich möchte.
Das Kofferwort Bubblegumgrunge, zusammengesetzt aus Bubblegum Pop und Grunge Music, das früher für die Musik des Quartetts genutzt wurde, ist so nicht mehr zutreffend, da Pop hier schon groß geschrieben wird. Powerpop, ja das passt besser und in einer Playliste gehört das irgendwo zwischen Miley Cyrus, Carly Rae Jepsen, Olivia Rodrigo und Grouplove. 

Zeugen:

Der Sound der 2000er trieft vor Synthesizern und Autotune (“Calling You Out”, “Back There Now”) und versucht irgendwie, zwischen Balladen und poppigen Ohrwürmern (“Nineteen”) die Balance zu halten.
Bei einigen Songs fühlt es sich so an, als ob die Band wieder zu alten Wurzeln zurückkehrt (“I’m Not Dead”), ohne dabei wirklich Neues zu wagen. (…) 
Auf den ersten Blick wirkt “Forever” wie eine verlockende Tüte voller Süßigkeiten, bei der einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Doch je mehr man nascht, desto mehr merkt man, dass es vielleicht doch etwas zu viel des Guten war.
Am Ende tut der Bauch weh und man wünscht sich ein wenig mehr Abwechslung.

Trotz des eher dürftigen Einstiegs mit dem Synth-lastigen und doch kontrastarmen Opener „Tragic“, berappeln sich die Musiker schnell mit den nächsten beiden Titeln. „Calling You Out“ und „Back There Now“ bringen sommerliche Pop-Beats an den Start, die dann doch überraschend gut ins Ohr gehen und auch bleiben. (…)
Instrumentell noch gemäßigter geht es in „Easy To Love“ zu, dem „reinsten“ Track der Platte. Der akustische Gitarrentraum am Lagerfeuer beweist gemeinsam mit „Nineteen“, dass auch in diesem Fall weniger bekanntlich mehr ist – und zudem geben sich Charly Bliss als wahre Puristen zu erkennen, denen das Simple sehr gut liegt.

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
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26. August 2024

Elena Rud - Heimlich weinen


Die erste Vorladung (XIV)

Personalien:
Elena Rud ist eine aus München stammende Band, zu der Elena Rudolph und ihre vier - von ihr Rudel genannten - Mistreiter Eley Ellmer, Hendrik Noeller, Maximilian Mumme und Rafael Kindermann gehören.

Tathergang:
Im Laufe der Zeit fand Elena nicht nur Mitstreiter für ihr (Solo-)Projekt, sondern auch zu deutschen Texten. Die Einträge bei Spotify gehen bis ins Jahr 2019 zurück, jedoch immer in englischer Sprache. Erst seit 2022/2023 singt Elena mit rauchiger Stimme auf Deutsch über Körperbewusstsein, Queerness, psychische Gesundheit, sexualisierte Gewalt und Selbstbestimmung. Dem in Eigenregie aufgenommenen und veröffentlichten Debütalbum „Heimlich weinen“ (white Vinyl) gingen seit dem letzten Jahr sechs Singles voran.

Plädoyer:
Für die 10 Songs, die nach Wir sind Helden und Ideal, die in „Blaue Augen“ auch zitiert werden, klingen und zwischen Indierock, Neue Deutsche Welle und Punk-Pop wild und temperamentvoll hin und her springen, finden Elena Rud selbst folgende Umschreibung: „Eigentlich ist unser Sound eine Mischung aus dem Sound unserer Kindheit und dem Sound der Kindheit unserer Eltern.“ 

Zeugen:

Der Sound des Quintetts ist authentisch, zum Tanzen anregend und wild, mit Einflüssen aus Indie-Rock, Punk und NDW. Mit ihrer markanten Stimme bewegt sich die gleichnamige Frontfrau zwischen einem beinahe zerbrechlichen Klang und einer tiefgehenden Intensität. Zusammen mit ihrer Band setzt sich Elena mit ihrer Musik und Auftreten gegen schädliche Stereotypen zur Wehr, an denen sie selbst gemessen wird. Auf „Heimlich weinen“ geben Einblick in die gefühlsmäßige und seelische Tiefe von fünf sehr verschiedenen Künstler:innen und Musiker:innen.

Der Opener „Problem“ wird mit einer fast schon unverschämten Rotzigkeit präsentiert, so dass der Song vor Authentizität nur so trieft. Musikalisch tobt sich die Band sehr bunt aus und drückt nacheinander Knöpfe, auf denen „Neue Deutsche Welle“, „Punk“ oder „Indie“ steht – manchmal sogar gleichzeitig. (…)
Doch mit „Niemand“ wird es ruhiger, sensibler, zurückhaltender: Die verletzliche Seite kommt zum Vorschein („Niemand fühlt wie Du“). Elena Rud macht es ihrem Publikum nicht leicht, das Album kippt von einem Extrem ins andere. Tanzbare, ekstatisch wilde Partymusik trifft auf Flüstertöne in Supertraurigkeit.

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


 


 


Ortstermine:
27.09.24 Regensburg, Alte Mälzerei
28.09.24 Stuttgart, Wagenhallen
02.10.24 Berlin, Berghain Kantine
03.10.24 Hamburg, hebebühne
04.10.24 Köln, Helios 37
05.10.24 München, Milla

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


24. August 2024

10 Schallplatten, die uns gut durch den September bringen


10. Bright Eyes - Five Dice, All Threes (Limited Indie Edition, Ghostly Blue Vinyl, 2 LPs) (20.9.2024)






9. Die drei ??? - Die drei ??? (Folge 229) Drehbuch der Täuschung (2 LPs) (6.9.2024)






8. Galaxie 500 - Uncollected Noise New York 88-90 (Coloured Vinyl) (20.9.2024)






7. The Lightning Seeds - Dizzy Heights (Curacao Blue Vinyl) (6.9.2024)






6. The Flaming Lips - The Soft Bulletin (25th Anniversary Edition, Picture Zoetrope Vinyl, 2 LPs) (6.9.2024)






5. Nilüfer Yanya - My Method Actor (Limited Indie Edition, Green Transparent Vinyl) (13.9.2024)






4. Desperate Journalist - No Hero (White Vinyl) (27.9.2024)






3. Maxïmo Park - Stream Of Life (Limited Indie Edition, Eco-Splatter Vinyl) (27.9.2024)






2. Hayden Thorpe - Ness (140g Black Bio Vinyl) (27.9.2024)






1. Kraków Loves Adana - I Saw You I Saw Myself (Colored Re-Vinyl) (13.9.2024)







23. August 2024

Royel Otis - Pratts & Pain


Das Debütalbum von Royel Otis hätte auch gut „The Red Lion“, „The Crown“ oder „The Bell“ heißen können, denn die Wahrscheinlichkeit, dass der Pub in den Nähe von Dan Careys Studio, welchen die beiden Australier während der Aufnahmen so gern aufsuchten, einen dieser Namen trägt, war deutlich höher als bei „Pratts & Pain“, da die drei erstgenannten Namen alle in den Top 10 der häufigsten englischen Pubnamen auftauchen.

Royel Otis hätten auch gut Maddell Pavlovic heißen können, wenn sie statt ihrer Vor- ihre Nachnamen kombiniert hätten. Aber beides ist nicht so und daher verhandeln wir heute über „Pratts & Pain von Royel Otis.

2019 fanden Royel Maddell (Gitarre) und Otis Pavlovic (Gesang) musikalisch zusammen und veröffentlichten seit 2021 jährlich neue Musik. Jedoch schaffte es von den zahlreichen frühen Songs keiner unter die 12 Lieder des Albums. Erst unter den drei Bonus-Tracks der Deluxe Version (bzw. der Streaming-Version) taucht mit „Sofa King“ ein alter Bekannter auf. Das Duo bestätigt, dass ihre mit Dan Carey (Foals, Fontaines D.C., Hot Chip, Franz Ferdinand) in London aufgenommenen Songs düsterer und grauer klingen als ihre Frühwerke, die auch von der sommerlichen Strand-Atmosphäre im australischen Byron Bay geprägt waren. Der Gitarrenpop / Indierock von Royel Otis wurde von Alan Moulder (Ride, Editors, Interpol, Arctic Monkeys) abgemischt und könnte gut in einer Playliste mit Phoenix, The Kooks, The Drums, Metronomy, MGMT, Circa Waves oder Vampire Weekend passen. 

In ihrer Heimat wurde „Pratts & Pain“ bereits im Februar veröffentlicht und erreichte Platz 10 der Charts. Freunde der Schallplatte haben die Wahl zwischen clear Vinyl, blue Vinyl, powder pink Vinyl und black Vinyl. 


Royel Otis in Deutschland:
03.11.24 Hamburg, Markthalle
05.11.24 Berlin, Metropol
11.11.24 München, Theaterfabrik
22.11.24 Köln, Gebäude 9


 


There’s a sense of adventure to the whole album – ‘Foam’ takes a leaf from MGMT’s ‘Congratulations’-era psychedelic pop, while the more guitar-driven ‘Daisy Chain’ sounds closer to Dinosaur Jr. Yet the duo test these waters without losing the sense of fun they started with. ‘Big Ciggie’ depicts dramatic car-crash deaths, but it does so in remarkably upbeat fashion while Carey’s 11-year-old nephew plays the drums in the background.
(…) But when sunny days start to reach the rest of the world again, it’s easy to imagine the band finally hitting the mainstream with this sublime debut.
(NME)


 


‘PRATTS & PAIN’ is a leap forward sonically, but it’s also Royel Otis being comfortable with their sound being as eclectic as they are. Take ‘Foam’ for example; thematically, it’s about addiction and the emotional exhaustion it can have on a relationship that is derived from a longing for love. It is also the grooviest bit of psych pop since TOPS’ ‘Picture You Staring’ – an ambitious number that recalls Parcels’ ‘Clockscared’ and pins a glimmery, disco bounce to Pavlovic’s woozy rasp. ‘Heading For The Door’ is an exercise in accepting chaos that laces 1980s’ dance-pop ideals with a moody spiral of keys and fuzz. ‘Molly’, which drifts into a weighted blanket of shoegaze, cuts distortion with glossy guitar tones before nodding off. And ‘IHYSM’ is The Cure perfecting beach pop as it couples another intoxicating ‘Bar & Grill’ groove with reverb, handclaps, subtle Devo ad libs, and enough libido to move your hips and shimmy until the skies are pink again. 


 



22. August 2024

Hamish Hawk - A Firmer Hand


Im letzten Jahr stand Hamish Hawk hier erstmals vor Gericht. Mit seinem zweiten Album „Angel Numbers“ erreichte eine eine Durchschnittsbewertung von 7,500 Punkten und knackte unsere Top 50.

Vor etwas mehr als zwei Monaten sah ich Hamish Hawk im Vorprogramm der Villagers. Er trat allein mit akustischer Gitarre auf, überraschte mit sehr guten Deutsch-Kenntnissen und spielte ein zu kurzes Set, das noch keine neuen Songs enthielt. „Das wäre ein toller Künstler für ein Wohnzimmerkonzert!“, dachte ich mir.

Vor einigen Tagen wollte ich mir bei Rough Trade sein drittes Album „A Firmer Hand“ in der limitierten Auflage auf Clear Vinyl with Black and White Splatter bestellen - ging leider nicht mehr. Jetzt habe ich noch die Wahl zwischen white Vinyl, black Vinyl oder half black & half white Vinyl. Die schwarz-weiß Optik soll es wohl diesmal unbedingt sein.

Vielleicht, da „A Firmer Hand“ sowohl klanglich als auch thematisch von Hawks bisherigem Schaffen abweicht und sich mit düsteren, autobiografischen Themen rund um seine Beziehungen zu Männern dreht und sich auf Sex, Lust, Ablehnung, Männlichkeit, Scham und sexuelle Unterdrückung konzentriert. Aufgenommen wurde das Album mit seiner Band, die aus Andrew Pearson (Gitarre), Stefan Maurice (Schlagzeug), Alex Duthie (Bass) und John Cashman (Keyboards) besteht, im Post Electric Studio in Leith im nördlichen Edinburgh. Auf 12 Songs werden Art Rock, Sophist-Pop, Glam Rock, New Wave und Post-Punk gestriffen. Und wenn in Plattenkritiken Vergleiche zu Neil Hannon, Pet Shop Boys, Stephin Merritt, Pulp, Morrissey oder Franz Ferdinand gezogen werden, dann ist klar, dass wir mit „A Firmer Hand“ - auch ohne die orchestralen Arrangements des Vorgängers - definitiv einen Top 50-Anwärter vorliegen haben.

Hamish Hawk wird im Vorprogramm von Travis in Deutschland zu sehen sein:
03.09.24 Köln, Live Music Hall
04.09.24 Berlin, Huxleys neue Welt
05.09.24 Hamburg, Docks


 


Mit dunkler Stimme singt er seine Story, setzt dabei auf einen Sound zwischen 60ies-Nostalgie und 80ies-Neonbeleuchtung. „Big Cat Tattoos“ klingt, als hätte Duran Duran von irgendwoher Elvis als Sänger rekrutiert. „The Hard Won“ erinnert an die Eleganz der jüngsten Arctic-Monkeys-Platten, „Men Like Wire“ legt den Verdacht nahe, Bruce Springsteen und Morrissey hätten sich für eine geheime Session in den alten Gemäuern von Edinburgh versteckt. Aber Hamish Hawk wird sie finden.


 


Der Dunkelheit gegenüber steht eine berührende Wehmut, etwa bei „Juliet As Epi­thet“. „I am the open secret no one’s ever gonna blow“, singt Hawk und erinnert sich vielleicht an eine nicht öffentlich gemachte Liebe. Auch toll ist das elegische „The Hard Won“: Verletzlichkeit und Kontrolle. Hawk sagt, die Offenheit seiner neuen Texte habe ihn erschreckt und dass das hier eventuell die erste Platte sei, die seine Eltern nicht mögen werden. (…)
Passend zu den Inhalten klingen diese Lieder nun strenger und knapper als früher nach Wave und britischem Eighties-Indie-Rock, obwohl die Eleganz weiterhin die Playbacks prägt, wie in der anrührenden Piano-Miniatur ­Christoper St.“.




21. August 2024

Fontaines D.C. - Romance


Sagen wir, wie es ist: Betrachtet man die letzten 5 Jahre, sind Fontaines D.C. die beste Band der Welt. 

Grundlage für diese Aussage ist neben einem beeindruckenden Output („Dogrel“ (2019), „A Hero’s Death“ (2020), „Skinty Fia“ (2022) sowie nun „Romance“ (2024) und dazwischen war mit „Chaos For The Fly“ (2023) noch das Soloalbum des Sängers Grian Chatten erschienen) noch eine beachtliche stilistische Weiterentwicklung, die den rohen Post-Punk des Debüts mittlerweile meilenweit hinter sich gelassen hat.

Romance“ ist das erste Album der Iren bei XL Recordings, bricht erstmals zusammen mit dem Produzenten James Ford (Arctic Monkeys, Depeche Mode, Blur, Foals) mit dem bandeigenen Credo „if we can’t play it live, let’s not do it“ und ist der Höhepunkt dieser Entwicklung.

So spielt „Starbuster“ mit Elementen aus Trip Hop und Hip Hop und klingt nach dem besten Unkle-Song seit Ewigkeiten, mit Streichern versehen hätte es die Größe von „Lonely Soul“. Aber die Sache mit den Streichern haben sich Fontaines D.C. ja für die Bombast-Ballade „In The Modern World“ aufgehoben. „Motorcycle Boy“ ist noch cineastischer und ausgeklügelter im Sound geraten. Im Mittelteil von „Romance“ wird plötzlich die akustische Gitarre zum wichtigsten Instrument. Bei „Sundowner“ übernimmt Gitarrist Connor Curley den Lead Gesang, Bassist Connor Deegan III unterstützt Grian Chatten auf „In The Modern World“ als zweite Stimme und wie beim Vorgänger gibt es vielfach spannende Gesangsharmonien zu entdecken („Desire“, „Sundowner“). Post-Punk können sie immer noch (Here’s The Thing“, „Death Kink“), aber plötzlich auch melodischen Gitarrenpop („Favourite“, „Bug“) und Grunge („Death Kink“). Wo soll das denn noch hinführen?

Das Artwork des Albums und der Singles stammt übrigens von der taiwanesischen Künstlern Lulu Lin, deren Kunstwerke dieses Jahr auch schon die Platten(n) von Walt Disco zierten.
„Romance“ steht aktuell bei Metacritic bei 92/100 Punkten und ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, clear Vinyl, pink Vinyl) erhältlich. Zudem gibt es eine limitierte Doppel-LP auf schwarzem Vinyl (triple Gatefold). 

Fontaines D.C. in Deutschland:
07.11.24 München, Zenith
08.11 24 Berlin, Uber Eats Music Hall
11.11.24 Hamburg, Sporthalle
12.11.24 Köln, E-Werk


 


It felt indicative of how ‘Romance’ is the band’s most considered and intricately crafted release yet, dotted with wide-ranging allusions to decay (a cascading ‘Sundowner’), apocalyptic visions and all the ghosts who have passed through their lives (‘Death Kink’). ‘Romance’ offers moments of wonder and gravity while also feeling occasionally foreboding.
(NME)


  


Romance is more straightforwardly approachable than any Fontaines DC album to date – you can easily imagine Desire provoking an immense crowd into singing along. But it doesn’t sacrifice any of the band’s potency in the process: thrillingly, it still carries the same grimy, careworn, aggressive qualities as their previous work. There’s clearly currently an opening for an alternative guitar band to tip over into festival headlining, arena-packing territory. Romance definitely sounds like a band applying to fill said vacancy, but it’s no craven lunge for mass acceptance: it invites a bigger audience into Fontaines DC’s world, but it never begs them to accept. You suspect they’ll take up the offer regardless.


 


Musical allusions are fired indiscriminately into the crowd, though the album never errs remotely on pastiche: pinpointing Nirvana amidst Fontaines’ lean-in to grunge entirely, while The Cure, Placebo, The Smiths all exist in the liminal space at the fringes of the album’s downtempo captures; even Lana Del Rey on In the Modern World, call-and-response with amorous background vocals included. Sharing its name with the album, the opening track offers an almost inverted instrumentation of the Us trailer’s orchestral take on Luniz’s 5 On It, surging to whiplashing orchestral hits reserved for the advertisement of horror films. 




20. August 2024

Die Mausis - In einem blauen Mond


Mausgezeichnet, die Mausis haben nach ihrer 2017 EP „Die Mausis“ einen weiteren Mausflug ins Studio unternommen! Irgendwo in diesem Berliner Mauseloch haben Stella Sommer (Die Heiterkeit) und Max Gruber (Drangsal) wieder mit dem mausführenden Produzenten Max Rieger (Die Nerven, All diese Gewalt) gemauschelt und neue Songs aufgenommen. Irgendwie gelang es ihnen auch, Dirk von Lowtzow (Tocotronic) mausfindig zu machen und in diese Mausefall zu locken und so musste er dort so lange mausharren, bis er die Zeilen „Ich leg’ mein Geld in Käse an. - Warum? Weil ich es ka-a-ann. / Ich leg’ mein Geld in Käse an. - Auf einer Schweizer Ba-a-ank.“ mausgepresst hatte. Bei den Aufnahmen zeigten sich Die Mausis äußerst mausdauernd und so mauserte sich die Songanzahl für das Album auf deren 12.

Die Schallplatte von „In einem blauen Mond“ gibt es in zwei Mausführungen: black Vinyl und marble blue Vinyl. Jedoch hätte mich nur eine mausgraue Aluminiumausführung zu einer Konsumausgabe verleitet.

Die Plattenvorstellung soll jetzt nicht mausarten und daher beschreibt der mausikexpress, äh, musikexpress die Platte des Monats (★★★★★★) mausführlicher:
Alles ist möglich, wenn zwei der begnadetsten Songschreiber:innen des Landes zusammenkommen, sogar der größte Klamauk, aber natürlich auch tiefliegende Erkenntnis­se, raumgreifende Gefühle und richtig großer Pop.

Dass Sommer dabei den Schlagerdrall von Drangsal ein wenig abmildert wie noch auf der nun auch schon sieben Jahre zurückliegenden ersten EP des Duos, kann man nicht mehr sa­gen. Eher übertreiben die beiden das Genre nun ins Karikaturhafte, ohne sich aber lustig zu machen. Wenn Gruber Zeilen singt wie „Im großen ABC meiner Ängste sind immer noch so viele Plätze frei“, dann kommt man stattdessen ins Grübeln: Ist intelligenter Schlager möglich? Oder doch nur eine Schimäre, die Die Mausis aber klasse zum Klingen bringen?

Leider gibt es keine Filmausschnitte zu sehen sondern nur etwas zu hören, bevor die Plattenrichter entscheiden müssen, ob „In einem blauen Mond“ als Ohrenschmaus zu Atemausetzern oder doch als schlagerhafter Systemausfall zur Darmausleerung führt….  


 


 





19. August 2024

Chappell Roan - The Rise And Fall Of A Midwest Princess


Gut, da der Lockversuch mit „Brat“ bisher ins Leere lief, hilft jetzt nur noch eins: pure Provokation! Und was könnte Volker mehr in Rage versetzen, als die Vorstellung (und Verhandlung) einer Platte, DIE BEREITS IM LETZTEN JAHR VERÖFFENTLICHT WURDE!?!

Diese Tatsache lässt sich im Falle von „The Rise And Fall Of A Midwest Princess“ auch gut verschleiern, denn einerseits hat sich der kommerzielle Erfolg des Albums erst im Verlauf dieses Jahres eingestellt und andererseits steht eine limitierte Wiederveröffentlichung der Schallplatte kurz bevor. 

Eine Tour mit Olivia Rodrigo, eine erfolgreiche neue Single („Good Luck, Babe!“, die jedoch nicht auf dem Album enthalten ist), zahlreiche TV- und Festivalauftritte sowie der Support von bekannten Kolleginnen (Lady Gaga, Ariana Grande, Sabrina Carpenter) ließen Chappel Roans Bekanntheitsgrad steigen, sie zu einem „queer pop icon“ werden und „The Rise And fall Of A Midwest Princess“ Anfang August 2024 auf Platz 1 der Charts im Vereinigten Königreich klettern.

Der Weg dahin war für die mittlerweile 26-jährige US-Amerikanerin, die eigentlich Kayleigh Rose Amstutz heißt, weder kurz noch einfach. Nachdem Atlantic Records seit 2017 eine erste EP („School Nights“) sowie einige Singles veröffentlicht hatte, ließ man die Künstlerin wieder fallen. Aufgrund einer Trennung, der Pandemie und der Enttäuschung über ihr Label zog sie von Los Angeles zurück in ihre Heimat in Missouri, um dort zu arbeiten, Geld zu sparen und letztendlich einen neuen Anlauf in Los Angeles zu nehmen. Bei Island Records dürfte man sich mittlerweile sehr über das fehlende Vertrauen von Atlantic Records in die Künstlerin, die auf ihrem Debütalbum ihre Geschichte über die Entdeckung des eigenen Selbst und der furchtlosen Umarmung der Queerness sowie den Kontrast zwischen midwestlicher Erziehung und großstädtischer Offenheit erzählt, freuen. 

Chappell Roan hat gemeinsam mit dem Produzenten und Songwriter Dan Nigro (Kylie Minogue, Olivia Rodrigo, Caroline Polachek) 14 Songs komponiert und aufgenommen, die sich am Synthpop der 80er Jahre und dem 2000er Pop orientieren und einige bombastisch-dramatische Piano-Balladen einbindet.

„The Rise And Fall Of A Midwest Princess“ erscheint Mitte September in begrenzter Auflage: Limited edition double vinyl on 2-disc 180g coral vinyl in gatefold jacket, embossed die-cut o-card, and mylar glitter stars inserts). Bei Blood Records gab es letzte Woche ein limitierte Auflage, die in weniger als einer Viertelstunde ausverkauft war - 12 000 Stück!

Chappell Roan in Deutschland:
31.08.24 Berlin, Columbiahalle


 


 


 


 


 





18. August 2024

Charli XCX - Brat


Autopanne, Schneechaos, die Bahn war nicht pünktlich oder kam gar nicht - jeder von uns ist, aus unterschiedlichen Gründen, schon einmal zu spät zur Arbeit erschienen. - Aber 8 Monate und 20 Tage? So lang hat Volker schon nicht mehr den Gerichtssaal betreten!

Was können wir also tun, um ihn wieder einmal in diese heiligen Hallen zu locken? Vielleicht mehr Plattenvorstellungen aus den Bereichen Folk und Country? Oder doch seiner - in einem investigativen Interview auf RTL entlockten - geheimen Leidenschaft Jazz mehr Platz bei Platten vor Gericht einräumen? 

Nein, ich hab’s, wir schieben doch noch das Pop-Album des Jahres ein, denn außer Volker versteht hier keiner Pop. Das muss ihn doch ködern!

„Brat“ ist das sechste Studioalbum der englischen Musikern Charli XCX, die eigentlich Charlotte Emma Aitchison heißt, und tummelt sich auf 15 Songs irgendwo zwischen Elektroclash, Rave, Dance und Hyperpop. Wenige Tage nach der Veröffentlichung am 7. Juni gab es eine DEluxe Version mit drei zusätzlichen Songs, die den Titel „Brat and It's the Same but There's Three More Songs So It's Not“ trägt.
Bereits 10 Monate vor der Albumveröffentlichung startete die Promotion-Maschinerie, die zu einer Meme-Welle bezüglich des Plattencovers führte, die letztendlich sogar die Präsidentschaftskampagne von Kamala Harris erreichen sollte, und einen kulturellen Trend, Brat Girl Summer genannt, auslöste, der für eine Abkehr von der Clean Girl-Ästhetik steht und stattdessen einen unbekümmerten, wilden Party-Lifestyle zelebriert. 
Ein Video („360“) mit It-Girls wie Chloë Sevigny, ein Feature von Billie Eilish („Guess“), Remixe von Lorde oder Robyn („Girl, So Confusing“ bzw. „360“) und textliche Anspielungen auf Beziehungen mit Marina Diamandis, Rina Sawayama oder Lorde („Girl, So Confusing“) bzw. Taylor Swift oder Matt Healy von The 1975 („Sympathy Is a Knife“) fachten den Hype um „Brat“ noch weiter an.  

Sowohl im Vereinigten Königreich als auch in den USA knackte „Brat“ daraufhin die Top 3. Noch begeisterter zeigten sich die Musikkritiker, denn aktuell führt das Album die Jahres-Charts bei Metacritic an. Der aktuelle Metascore von 95/100 ist gleichbedeutend mit Platz 16 aller in diesem Jahrtausend dort erfassten Alben.

Wir freuen uns auf Volkers fachliche Einschätzung zu „Brat“ und schauen uns - bis diese eintrifft - auf TikTok an, wie er die Dance-Moves zu „Apple“ nachahmt.
 

Aber trotz der Vorabsingles wie eben „360“, dem treibenden „Club classics“ (sein Name ist Programm und zitiert Eurodance, Dubstep und vor allem die Art von Ekstase, wie man sie nur auf dem Dancefloor findet), der düsteren Heartbreak-Hymne „B2b“ oder „von dutch“ (wie auch „mean girls“ eine Reminiszenz an Bloody Beetroots, Ed Banger und die Ästhetiken der Nullerjahre), die den Eindruck einer basslastige Raveplatte vermittelten, ist „brat“ auf der nun veröffentlichten vollen Länge gespickt mit verletzlichen und nachdenklichen Momenten, auf denen sich Charli xcx mit eigenen Unsicherheiten, Imposter-Syndrom und Selbstzweifeln auseinandersetzt.
Die kommen zwar auch mal im Dance-Outfit daher, aber beispielsweise etwa bei dem SOPHIE-Nachruf „So I“, oder der grandiosen Meditation über pro und contra des Kinderkriegens „I think about it all the time“ auch ganz still und zart. Charli xcx ist ein Chamäleon des Pop – aber genau deswegen auch vielleicht die wahrhaftigste aller Popprinzessinnen und -prinzen: wo andere Authentizität performen, setzt sie auf das Spiel mit der absoluten Oberflächlichkeit. Und lässt damit ihr Publikum so nah an sich heran wie niemand sonst. Die vielleicht jetzt schon beste Popplatte des Jahres.


 


 




17. August 2024

Leathers - Ultraviolet


Die erste Vorladung (XIII)

Personalien:
Hinter dem Projekt Leathers steckt die aus Vancouver stammende Grafikdesignerin und Fotografin Shannon Hemmett.

Tathergang:
2016 stieg Hemmett als Keyboarderin in die Post-Punk-Band Actors ein, die bisher mit „It Will Come To You“ (2018) und „Acts Of Worship“ (2021) zwei Alben veröffentlichten. Zeitgleich erschienen auch bereits erste, selbst veröffentlichte Singles ihres Soloprojektes Leathers, bei dem sie Unterstützung von Bandkollege Jason Corbett erhielt. Seit 2021 wurden über Artoffact Records, bei denen auch Actors unter Vertrag stehen, sechs Singles veröffentlicht, denen sich nun das 10 Song starke Debütalbum von Leathers anschließt. Jedoch wurde bei der Zusammenstellung des Albums auf den Song „Reckless“ verzichtet.
Shannon Hemmett sagt sazu: "I got my hands dirty in every aspect of this record, not just with the songs and the lyrics, but making my own music videos, photographs, and designing an entire visual motif for the project. I find it so satisfying to create a total aesthetic."
Ultraviolet“ ist seit gestern als CD und LP (translucent blue Vinyl) erhältlich.

Plädoyer:
Anstatt den Chromatics zwei Auftritte im Roadhouse in „Twin Peaks“ zu gönnen, hätte David Lynch auch gut Leathers fragen können. Die unterkühlte Mischung aus New Wave, Synthpop, Elektropop und Darkwave hätte auch in diesem Setting gut funktioniert. Die ersten Alben von Ladytron wären sicherlich eine weitere gute Referenz. 
Wer es gern mit den 80ern hält, aber sich noch mehr Gitarren wünscht (ähnlich wie Editors oder White Lies), dem sei Actors empfohlen.

Zeugen:
With a dreamy motorik drive and a chilling backdrop of synth drones, ‘Ultraviolet’ acts as a fine opener but much more ominous, the combination of octave bass motifs, drones and bursts of guitar gives ‘Highrise’ a gothic disco action offset by spoken and sung vocals. Utilising a straight four ostinato, the disquieting ‘Crash’ highlights the dark appeal of danger and hypnotises with “no more questions, no more lies”; using lyrical inspiration from JG Ballard and THE NORMAL’s ‘Warm Leatherette’, the thrill is to “Crash the car, survive the wreckage, feel the fear, under the steel”.
Set to a pulsing rhythmic swing, ‘Fascination’ fixes onto the LEATHERS ident of spoken and sung vocals over spy drama resonances. Proceedings are taken down for ‘Day For Night’, an introspective synth-laden ballad with the occasional six and four string intervention that allies it to the moody atmospheres of CHROMATICS and structurally comes over like a dreampop version of MAZZY STAR.
Recalling BLONDIE’s ‘Call Me’ reworked for darkwave dancefloors, ‘Divine’ is a delightful schaffel where Hammett plays dominatrix and “rules do not apply”. ‘Phantom Heart’ though is fiercer and perhaps not that far removed from ACTORS with Hemmett being more contralto to suit with melodic bass guitar flitting in. But ‘Daydream Trash’ is a wonderful outlier, a summery new wave pop tune recalling LA trio CANNONS with an electronic groove that is “100 in the shade” and could have easily come off the soundtrack of a John Hughes film.

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


 


Ortstermine:
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Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


16. August 2024

Beabadoobee - This Is How Tomorrow Moves


Die Begeisterung über die ersten beiden Alben von Beatrice Laus alias Beabadoobee hielten sich bei Platten vor Gericht in Grenzen: Sowohl „Fake It Flowers“ (2020) als auch „Beatopia“ (2022) kamen über einen Durchschnittswert von 6,5 Punkten nicht hinaus. 

Vielleicht ändert sich dies bei „This Is How Tomorrow Moves“, denn einerseits sprechen viele Kritiker vom „erwachsensten“ Album der 24-jährigen Singer/Songwriterin und andererseits konnte mit Rick Rubin ein in nahezu allen Genres erfahrender Produzent gewonnen werden. Und so wurde der LoFi-Bedroompop von Beabadoobee in dessen Shangri-La Studio in Malibu aufgepäppelt und mit Streichern hier und Bläsern da aufgehübscht.

Auch wenn jetzt plötzlich kein Hip Hop oder NuMetal erklingt, zeigt sich Beabadoobee auch auf den 14 vorliegenden Songs gewohnt vielschichtig: Die Londonerin haucht und säuselt zu balladeskem Piano-Pop mit 70ies Touch („Girl Song“), spannendem Synthpop („Ever Seen“), schunkelndem Boss Nova („A Cruel Affair“), jazzigem Folk („Everything I Want“) und 90er Jahre MTV-Rock („Take A Bite“, „California“). Gerade von zuletzt Genannten hätte es gern mehr sein dürfen. 

This Is How Tomorrow Moves“ ist als CD, Kassette und in mehreren LP-Varianten erhältlich: Sea Glass Vinyl, Light Blue Vinyl, Electric Blue Vinyl, Light Blue Vinyl, Split Blue and Milky-Clear Vinyl, Milky Clear Vinyl, Red Apple Vinyl und Picture Disc.

Beabadoobee in Deutschland:
29.11.24 Köln, Carlswerk Victoria
03.12.24 Berlin, Columbiahalle


Das inhaltliche Oberthema von THIS IS HOW TOMORROW MOVES ist allerdings eher dunkel und introspektiv, es geht vor allem um Beas persönliche Entwicklung mit allen Höhen, Tiefen und selbstkritischen Bezichtigungen. Aber auch mit Spaß: Der Opener „Take A ­ Bite“ erzählt eine sexuell aufgeladene Coming-of-Age-Story, während es im euphorisch instrumentierten „California“ darum geht, zum richtigen Zeitpunkt den Ort zu wechseln.
„Girl Song“ dagegen thematisiert alle Issues, die ein junges Mädchen in der TikTok-Ära aufgebürdet bekommt (zu dick, zu dünn, zu schön, zu wenig schön), Beabadoobees einzige Begleitung ist ein Klavier, der Effekt kammermusikalisch-ergreifend. Auf Albumlänge zu versäuselt, in kleinen Dosen empowernd.


 


 





15. August 2024

Clairo - Charm


Ein zweiter Versuch für Claire Cottrill bei Platten vor Gericht. Der von Jack Antonoff produzierte Vorgänger „Sling“ war hier vor drei Jahren hochgelobt (84/100 Punkte bei Metacritic) bei 6,5 Punkten und auf Rang 185 gestrandet. 

Das insgesamt dritte Album von Clairo erhält nun nicht nur von Kritikern (der Metascore beträgt 81/100) sondern auch von Fans Anerkennung: Platz 8 in den US-Charts, Platz 4 in Australien und Platz 13 im Vereinigten Königreich für das selbst veröffentlichte „Charm“. 

Das Album wurde in New York live auf analogem Band aufgenommen und von Claire Cottrill zusammen mit Leon Michels, der zuvor für Jazz- und Soul-Künstler wie Norah Jones , Sharon Jones & the Dap-Kings und Liam Bailey gearbeitet hatte, produziert. Der Pressemitteilung, dass die 11 Songs eine „collection of warm, '70s-inspired grooves that move lithely between jazz, psychedelic folk and soul“ seien, ist wirklich nichts hinzuzufügen.  

Kann Clairo mit „Charm“ die Plattenrichter diesmal verzaubern?


 


Auch, wenn die Gesten groß sind; die Songs besitzen immer eine gewisse Verschrobenheit. Es ist nicht so, dass das bei Clairo, die eigentlich Claire Elizabeth Cottrill heißt, früher anders gewesen wäre. Und doch hat man den Eindruck, dass im Vergleich zum 2021 erschienenen, von Jack Antonoff produzierten Vorgängeralbum SLING unvorsehbarer agiert wird.
„Echo“ etwa wirkt barock; halb Chamber-Pop, halb Folk, während „Second Nature“ mit seinen Da-Da-Da-Vocals beinahe Easy Listening ist, wohlgemerkt mit dem richtigen Groove. „Thank You“ heißt einer der Songs, Clairo, die hier singt wie Elliott Smith, bedankt sich darin begleitet von allerhand Tasteninstrumenten für unsere Zeit. Wir haben zu danken.




14. August 2024

Kitty Solaris - James Bond


PVG: Als großer James Bond- und Listen-Fan bist du die ideale Wahl für diese Plattenvorstellung. Daher wollen wir dich um einige persönliche Top 5-Listen zum Thema James Bond bitten. Beginnen wir mit den Darstellern: Es gab deren insgesamt sechs und vermutlich wird Timothy Dalton nicht deine Top 5 erblicken, oder? 
 
Oliver: Wenn man es ganz genau nimmt, gibt es natürlich noch mehr Darsteller:innen, die 007 verkörpern durften. Neben denen, die du wahrscheinlich ansprichst wären da noch Barry Nelson, David Niven, Peter Sellers und nicht zuletzt (naja, eigentlich doch zuletzt) Lashana Lynch, die zwischenzeitliche Bond-Nachfolgerin in „Keine Zeit zu sterben“. Also – Top 5:

5. Pierce Brosnan
4. Sean Connery
3. George Lazenby
2. Lashana Lynch
1. Daniel Craig

 
PVG: Bei IMDb führen zwei Daniel Craig Filme die Liste mit den besten Bond-Filmen an. Wie sehen deine Top 5 Filme aus?
 
Oliver: Die Filme mit Daniel Craig haben die Reihe auf eine ganz neue Ebene gehoben. Im Prinzip stehen die ganz oben („Ein Quantum Trost“ vielleicht mal ausgenommen) und dann kommt der Rest. Ich versuche es trotzdem mal:

5. Goldfinger
4. GoldenEye
3. Casino Royale (2006)
2. Im Geheimdienst Ihrer Majestät
1. Skyfall
 

PVG: Der Beißer oder Ernst Stavro Blofeld oder Auric Goldfinger oder ... - wer sind deine liebsten Bond-Bösewichter?
 
Oliver: Diese drei führen in der Tat meine Top 5 an. Es folgen:

8. Francisco Scaramanga
7. Rosa Klebb
6. Raoul Silva
5. Elektra King
4. Le Chiffre
 

PVG: Dann müssen natürlich auch noch die Bond-Girls folgen...
 
Oliver: Die eigentliche Nummer 1 dieser Top 5 als Bond-Girl zu bezeichnen wäre eine Frechheit – Teresa di Vicenzo war schließlich mit James Bond verheiratet. Tracy läuft somit außer Konkurrenz. Eine Top 5 könnte ungefähr so aussehen:

5. Giacinta "Jinx" Johnson
4. Honey Ryder
3. Christmas Jones
2. Pussy Galore
1. Vesper Lynd
 

PVG: Und jetzt wird es endlich musikalisch! "A View To A Kill" von Duran Duran war übrigens 1985 der erste Titelsong, der es auf Platz 1 der US-Charts schaffte. In Deutschland ("Skyfall" von Adele) und Großbritannien ("Writing's On The Wall" von Sam Smith) dauerte es für die erste Bond-Nummer-Eins bis 2012 bzw. 2015. Was sind deine fünf liebsten Bond-Songs?
 
Oliver: Diese Top 5 …

5. Shirley Bassey - Diamonds Are Forever
4. Garbage - The World Is Not Enough
3. Louis Armstrong - We Have All The Time In The World
2. Rita Coolidge - All Time High
1. Adele - Skyfall

… ist nur eine Momentaufnahme. Wenn du mich in 10 Minuten nochmal fragen würdest, würden da wahrscheinlich You Only Live Twice, Live And Let Die oder Nobody Does It Better auftauchen. Und das zurecht!
 

PVG: Kitty Solaris ist eine aus Berlin stammende Singer/Songwriterin und Labelbetreiberin (Solaris Empire), die ihr aktuelles Studioalbum "James Bond" benannte und darauf Indiepop, Disco, Dreampop, Elektronik und 80ies Synthpop kombiniert. Welche 5 Songs von "James Bond" gefallen dir am besten? 
 
Oliver: Zuletzt hatten wir mit Angus & Julia Stone mal wieder eine Platte der Kategorie „Wenn der Cover-Song das beste Lied auf dem Album ist.“ Das ist bei Kitty Solaris nicht der Fall – auch wenn sich der Cover-Song des Albums in die Top 5 geschlichen hat:

5. Peace Train
4. Follow The Beatniks
3. Johnny and Mary
2. James Bond
1. Go With The Flow

Zum Abschluss noch eine Bonus-Liste. Die Top 3-Songs, die mit einem "You are sleeping, you do not want to believe"-Sample enden:

3. Kitty Solaris – Heroes
2. Joerg Nawra – Sie trinkt Kaffee, er trinkt Tee (das eigentliche Thema)
1. The Smiths – Rubber Ring
 

  


Schon deren Titelsong als erster Vorbote von James Bond war ja Anfang des Jahres ein ziemlicher Hammer. Da tanzte Kirsten/Kitty mit keckem Sonnenhut und der für sie typischen großflächigen Sonnenbrille in einer kargen Landschaft herum, zu einem wunderbar entspannt treibenden New-Order-Groove und einer im Hintergrund flirrenden, Flamenco/Latin-inspirierten Gitarre erklang on top ihr erzcooler Gesang. (…)
Und eine wirklich tolle Indiepop-Platte gemacht, der man lediglich eines vorwerfen kann – dass sie (wie das erwähnte Leben) ziemlich kurz ist.


    


Robert Palmers „Johnny And Mary“ wird jetzt von einem scheppernden Casio-­Beat begleitet. Der Synthiepop-Hit aus den 80er-Jahren verwandelt sich in dieser Zeitlupenversion in eine seltsame Beschwörung. Überhaupt liebt Kitty Solaris auf „­James Bond“ Verwirrspiele. Hinter „Peace Train“ und „Heroes“ lauern dann eben nicht Cat-Stevens– und David-Bowie-Coverversionen, sondern eine knuffige Dream-Pop-Nummer und eine hübsch-spröde Indie-­Hymne, die Freiheit für Julian As­sange ­fordert.