31. Mai 2024

Bat For Lashes - The Dream Of Delphi


Heute startet das 13. Maifeld Derby Festival mit u.a. Slowdive, Chelsea Wolfe, The Vaccines, Roísín Murphy, Edwin Rosen und Modeselektor. Vor einem Jahr war in Mannheim Bat For Lashes der Hauptact des ersten Tages. Natasha Khan präsentierte damals mit „The Dream Of Delphi“, „At Your Feet“ und „Letter To My Daughter“ bereits drei Lieder aus ihrem neuen Album, das jedoch erst heute veröffentlicht wurde.

Wenn man sich die Songtitel so anschaut und weiß, dass ihre erste Tochter den Namen Delphi trägt und während der COVID 19-Pandemie zur Welt kam, dann ergeben sich die Themen des sechsten Bat For Lashes Albums recht schlüssig: Die Künstlerin reflektiert auf „The Dream Of Delphi“ die Empfängnis und Geburt ihrer Tochter.

Eine Ode an die Mutterschaft, eine Tochter, die nach dem griechischen Orakel benannt ist, das schreit bei diesem Albumtitel doch nach sanftem, kunstvollem, meditativem, spirituellem, versponnenem Dreampop, oder? Und genau das liefert Natasha Khan mit kleinen Ausflügen in Richtung Kammerpop, Ambient, Elektropop, Instrumental (mehrmals) oder Wiegenlied. Über dem gesamten Album hängt ein hauch von Traurigkeit, was einerseits an den pandemischen Umständen der Geburt liegen könnte, andererseits daran, dass die Beziehung mit Delphis Vater, dem australischen Schauspieler Samuel Watkins, nicht lange nach deren Geburt zu Ende ging.

„The Dream Of Delphi“ bietet 10 Lieder (plus eine überflüssige „Extended Strings Version“ des Titelsongs) und ist als CD und LP (black Vinyl, red Vinyl, brown marble Vinyl) erhältlich.


 


 


Die elektronische Ästhetik von "Lost girls" behält "The dream of Delphi" zum größten Teil bei, leitet daraus jedoch keine Achtziger-Pop-Hommagen, sondern Tasten- und Orchesterflächen ohne klare Songstrukturen ab. Sofern man die richtige Stimmung dafür findet, ist die von dieser Mechanik erzeugte Schönheit stellenweise atemberaubend.
Das gilt vor allem dann, wenn die Tracks am Ende ihre Intensität steigern, wie es sowohl "Letter to my daughter" als auch das Klaviergedicht "At your feet" tun. (…)
Der Dance-Pop von "Home" holt "The dream of Delphi" zwischenzeitlich ins Weltliche zurück, Zeilen wie "I'm on my way so don't change your pain" implizieren auch textlich den Wunsch nach dem Körperlichen. (…)
"Delphi dancing" heißt es später zu geschmackvollerem, zwischen Synth-Zerren und Piano-Klarheit aufgespanntem Dream-Pop, ehe "Waking up" Xylofon-unterstützt die Sonne begrüßt. Das letzte Aufbäumen eines nicht einfach zu erschließenden, aber außergewöhnlichen Albums, dessen Geheimnisse auf ewig zwischen der Künstlerin und ihrer einzigen direkten Adressatin verborgen bleiben werden – und das dennoch so viel Liebe zu geben hat, dass auch das verschmähte Publikum noch genug davon abbekommt.


 





30. Mai 2024

Angus & Julia Stone - Cape Forestier


Zuletzt standen die beiden Stone-Geschwister vor drei Jahren vor Gericht, denn mit „Life Is Strange“ hatten sie einen Soundtrack zu einem Computerspiel geschaffen. Ihr letztes reguläres Studioalbum liegt schon etwas länger zurück: „Snow“ war 2017 veröffentlicht worden. Die Urteile bei Platten vor Gericht lauteten ähnlich: „Life Is Strange“ kam auf Platz 115 (7,000 Punkte) und „Snow“ erreichte (mit 6,875 Punkten) Platz 116.

Mit ihrem fünften Studioalbum versuchen Angus & Julia Stone nun ihre Platzierungen (und ihren Punkteschnitt) wieder zu verbessern. In den Charts gelang dies übrigens nicht: In ihrer australischen Heimat sprang nach zwei Nummer Eins-Alben und zuletzt einem 2. Platz nur Rang 5 für „Cape Forestier“ heraus, in Deutschland ist die Tendenz ebenfalls stark nachlassend: nach Platz 8 bzw. 21 kletterte ihr neues Album nur bis zur Nummer 36. 

Zu Beginn des neuen Albums lassen Keyboard-Klänge, elektronischen Rhythmen und poppige Melodien erfreulicher Weise an Wolf & Moon denken („Losing You“, „Down The Sea“), danach gewinnen behagliche Folk-Songs die Oberhand („Somehow“ ist das schönste Beispiel und auch „No Boat No Aeroplane“ sticht mit seinem Hauch an Dramatik und Dynamik positiv hervor) und rutschen Angus & Julia Stone leider auch mehrmals in Country-Gefilde ab („The Wedding Song“, „Country Sign“). Ich hätte ihnen empfohlen, auf Pedal Steel Guitar und das Pfeifen zu, äh, pfeifen. Wer bei „I Want You“ lobend herausstellt, dass man den Song direkt im Ohr hat und mitsingen möchte, dem sei entgegnet, dass es sich hierbei auch um eine Bob Dylan-Coverversion handelt. Bei der zweiten Fremdkomposition („The Wonder Of You“) belassen es die Geschwister seltsamer Weise bei weniger als eine Minuteund dem zu reinen Streicherklängen gesungenen Refrain. Auch hierzu hätte ich ihnen eine Empfehlungen geben können…

„Cape Forestier“ ist in drei unterschiedlichen Schallplatten-Varianten zu haben: black Vinyl, golden Vinyl und orange marble Vinyl.
 

 


Und so klingt auch "Cape Forestier" eben zu annähernd 100 Prozent so wie erwartet. Was aktuell womöglich einen Nerv trifft, wenn man die Vorverkaufszahlen der anstehenden Tour sieht. Es sei ihnen gegönnt, nur der olle Kritiker verdreht die Augen, wenn er den 3.527. kuscheligen Folk-, Country- oder Americana-Standard wie "Little Alaskan anchor" oder "County sign" durchstehen muss. Manches ist selbst für die Verhältnisse von Angus & Julia Stone arg spannungsarm geraten.


 


Die Joanna-Newsom-Reminiszenz blitzt in „City Lights“ durch, dazu Wildwest-Gepfeife, Chöre und repetitive, minimale Percussions. Doch, doch, das ist ein schönes kleines Stück Musik. „Country Sign“ hält ihren inneren Bob Dylan hoch, ein bisschen Blues und Folk, hier ein Banjo, da eine Steel Guitar. Alles ganz dezent, so wie die Farbtöne bei „& Other Stories“ oder irgendwelchen Hygge-Stores.
Und von da an wird es so beliebig wie „The Frostier“, das auch von Landsmann Jack Johnson stammen könnte. Die in diesem Magazin einst gefallene Unterstellung „Kuschelrock“ klingt gemein, ist aber nicht unberechtigt: Auch diese Platte kann man gut und gerne beim ersten heimischen Date zu Kerzenschein anmachen, ohne Gefahr zu laufen, dass das Gegen über wegrennt. Im Falle von zu viel Rotwein aber vielleicht einschläft.


 


Die daraus geschaffene, etwas lose Song-Sammlung profitiert weniger von eindrücklichen Deep Cuts als manche der früheren Alben, nimmt sich dafür aber auch nicht allzu ernst. Die wenigen schweren, melancholischen Momente auf No Boat No Aeroplane oder Somehow sind aufrichtig und triefen nicht vor Kitsch.  (…)
Die 45 Minuten Cape Forestier sind eine kleine Kapsel, die uns in eine geborgenere Zeit oder zumindest an einen Strand in Australien katapultieren. Das ist stimmig – und harmlos, worin ab und an das Problem des Albums liegt. Doch viel mehr als eine Kapsel Lagerfeuermusik und Meerluft scheinen Julia & Angus auch gar nicht zu wollen, und das wiederum ist wahrscheinlich ein gutes Zeichen.




29. Mai 2024

The Pearlfishers - Making Tapes For Girls


Nostalgischer 60ies Gitarrenpop mit Streichern, Chorgesang und Handclaps, dazu der Songtitel „Making Tapes For Girls“ und das auch noch in einer so hübschen Plattenhülle. Hach, was soll ich noch sagen…

 
  


Die Band um David Scott kehrt fünf Jahre nach „Open Up Your Colouring Book“ zurück und nahm u.a. in den mit reichlich Vintage-Equipment ausgestatteten La Chunky Studios in Glasgow „Making Tapes For Girls“ auf. Das Album ist über Marina Records als CD, MC (natürlich) und LP erhältlich.





28. Mai 2024

10 Schallplatten, die uns gut durch den Juni bringen


10. Aurora - What Happened To The Heart? (2 LPs) (7.6.2024)






9. Eivør Pálsdóttir - Enn (Crystal Clear Vinyl) (14.6.2024)






8. Isobel Campbell - Bow To Love (Yellow Vinyl) (14.6.2024)






7. Moby - Always Centered At Night (Limited Handnumbered Indie Edition Yellow Vinyl, 2 LPs) (14.6.2024)






6. Alcest - Les Chants de l'Aurore (Transparent Yellow Vinyl) (21.6.2024)






5. Linn Koch-Emmery - Borderline Iconic (black Vinyl) (7.6.2024)






4. Emiliana Torrini - Miss Flower (Red Vinyl) (21.6.2024)






3. Eels - Eels Time! (Translucent Neon Pink Vinyl) (7.6.2024)






2. John Grant - The Art Of The Lie (Limited Edition Pink Vinyl, 2 LPs) (14.6.2024)






1. The Decemberists - As It Ever Was, So It Will Be Again (Opaque Fruit Punch Vinyl, 2 LPs) (14.6.2024)







27. Mai 2024

J. Bernardt - Contigo


J. Bernardt ist Jinte Deprez, welcher der Sänger und Gitarrist der belgischen Band Balthazar ist. Sein Soloprojekt rief er ins Leben, als seine Hauptband gerade eine Auszeit nahm. Somit ist J. Bernardt das Gegenstück zu Warhaus, das von Maarten Devoldere, dem anderen Balthazar-Kopf, nebenbei betrieben wir. Den drei Warhaus-Alben stehen nun zwei Veröffentlichungen von J. Bernardt gegenüber, denn dem Debüt „Running Days“ (2017) folgte diesen Monat „Contigo“ nach.

Jinte Deprez zeigt sich auf den 11 Songs vielfältiger als bei Balthazar und wandelt, häufig von schwülstigen Streichern getragen, zwischen Rock, Pop, Soul und Funk umher. Beim Hören muss ich gelegentlich („Last Waltz“) an Serge Gainsbourg oder Baxter Dury denken, auch wenn Deprez natürlich der deutlich bessere Sänger ist. Bei „Free“ kommen einem unwillkürlich die Spaghetti-Western-Klänge von Ennio Morricone in den Sinn.

„Contigo“ ist als CD und LP (black Vinyl oder transparent orange Vinyl) erhältlich.


 


Jeder Ton flüstert Sex, und Romantik ist kein billiges Gefühl, sondern ein mondäner Dauerzustand. Wie Bernardt in „Left Bathroom Sink“ immer wieder „I just thought it was you“ wiederholt, mal flüstert, mal brummt, mal säuselt, bis der Song abbricht, zum Stehen kommt und sich dann noch ein mal aufschwingt zu einem so kurzen wie großen Bläserfinale, zeichnet in fünfeinhalb epischen Minuten mit aller möglichen Grandezza eine gescheiterte Beziehung nach. Oder eben einen melodramatischen Liebesfilm in gedeckten, aber ungemein üppigen Farben.




24. Mai 2024

Paul Weller - 66


10 Fakten zum neuen Album von Paul Weller

1. Nein, ich habe mich nicht beim Cover vertan, denn dort steht zwar Peter Blake statt Paul Weller, aber hierbei handelt es sich um den Namen des Künstlers, der das Artwork erschaffen hat. Blake ist mittlerweile 91 Jahre alt und hatte für Weller schon das Cover für „Stanley Road“ gestaltet, Am bekanntesten ist sicherlich seine Plattenhülle zu „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“.

2. Der Albumtitel ist eine Referenz an Paul Wellers Alter, denn dieser feiert am Tag nach der Albumveröffentlichung, also am morgigen 25.05.24, seinen 66. Geburtstag. 

3. 17 Soloalben innerhalb von 32 Jahren, das bedeutet, dass die 3 Jahre und 10 Tage Wartezeit seit „Fat Pop (Vulume 1)“ überdurchschnittlich sind. Tatsächlich mussten Fans von Paul Weller erst ein Mal länger auf neue Musik warten, nämlich zwischen „Sonik Kicks“ (20912) und „Saturn Pattern“, nämlich 3 Jahre, 1 Monat und 22 Tage.


 


4. Drei Jahre ohne neue Musik? Nicht mit Paul Weller! Nach „Fat Pop (Volume 1)“ erschien zwar nicht dessen zweiter Teil, sondern seine zweite B-Seiten Zusammenstellung: „Will Of The People“ versammelte 31 Songs, danach folgten weitere Singles, wie „Going To A Go-Go“, „Ooh Do U Fink U R“, eine Kooperation mit Graham McPherson aka Suggs, dem Sänger von Madness, oder die „Whoosh“ EP.

5. Der Song hat es zwar nicht auf „66“ geschafft, jedoch gibt es auf dem Album, das 12 Lieder enthält und 41:50 Minuten läuft, dennoch eine weitere Zusammenarbeit mit Suggs („Ship Of Fools“). Weitere prominente Mitstreiter sind: Noel Gallagher („Jumble Queen“), Bobby Gillespie („Soul Wondering“), Richard Hawley, Dr Robert (The Blow Monkeys), Christophe Vaillant (Le SuperHomard) und Erland Cooper. 
Die Streicher-Arrangements, die von einem 20-köpfigen Orchester in den Abbey Roads Studios eingespielt wurden, stammen von Hannah Peel.


 


6. „66“ ist als CD und Kassette erhältlich. Zudem gibt es eine Deluxe Auflage als Hardcover Buch mit einem zweiten Silberling, der 4 Bonus-Tracks beinhaltet: „Wheel Of Fortune“, „In A Silent World“, „Now Is Here“ und „Gotta Get On“.

7. Freunde der Schallplatte haben die Wahl zwischen black Vinyl, red Vinyl, blue Vinyl und green Vinyl

8. Die beiden teuersten Varianten von „66“ sind das Deluxe Vinyl Boxset für rund 100 €, das u.a. auf einer 10’’ auch die 4 Bonus Tracks offeriert, und das 7’’ Box Set für knapp 80€, das die 12 Songs des Albums auf 6 Singles verteilt. 

9. Im Februar und April wurden dem Album zwei Singles voraus geschickt: „Soul Wandering“ und „Rise Up Singing“. Beide wurden in limitierter Auflage auch als physische Single veröffentlicht, „Rise Up Singing“ erhielt auch ein Video des Regisseurs Calum Macdiamid:


 


10. Zum Abschluss noch „66“ in der Plattenkritik: Zurzeit steht das Album bei Metacritic bei 85/100 Punkten. Die letzten zwölf Studioalben von Paul Weller sind dort gelistet, nur „A Kind Revolution“ (2017) erzielte einen marginal (86/100) besseren Metascore. 

66 is an impressionistic journey through aging, time and people passing, watching young children grow and becoming a grandfather, while still checking newspapers for conspiracies. It’s grown-up, accomplished, with a sense of play, yet never complacent; it’s about not just living, but revelling in the moment. Paul Weller’s electric autumn that began with 22 Dreams effortlessly continues, and this may be the best instalment yet.

(…) and the lovely, slow exhalation of Rise Up Singing, bolstered by Hannah Peel’s sumptuous Philly soul orchestration and a guitar solo that nods in the direction of You’re the Best Thing. It isn’t the only moment that evokes Weller’s time as the head of the Style Council: the years when their Francophile tendencies extended to employing an accordion player are reflected in the gorgeous, chanson-like waltz of My Best Friend’s Coat.
Nor is 66 above springing surprises. Flying Fish rests on disco drums and burbling synths and features a distinctly Abba-esque melody: to be specific, it sounds pleasingly like The Winner Takes It All, but its gleeful buoyancy makes 66’s preoccupation with ageing and the passing of time seem curiously besides the point. For a man showing signs of slowing down, Paul Weller can seem remarkably like an artist still in the thick of it.



23. Mai 2024

Principe Valiente - In This Light


Die schwedische Band Principe Valiente existiert seit 2007 und hat mit „In This Light“ in diesem Monat ihr fünftes Studioalbum als CD und LP (black Vinyl) vorgelegt. Jedoch sind Rebecka Johansson (Keyboards) und Joakim Janthe (Schlagzeug) nicht mehr an Bord, so dass sich Fernando Honorato (Gesang, Bass) und  Jimmy Ottosson (Gitarre) für die 10 neuen Songs allein verantwortlich zeichnen. 

Mit der personellen Veränderung geht auch eine stilistische Feinjustierung einher: Die Post-Punk- und Shoegaze-Momente wurden reduziert, Dark- und Dreampop-Anteile verstärkt. In „In This Light“ steckt weniger Joy Division als New Order, mehr „Disintegration“ als „Pornography“. Passend zu dieser Neuerung wurde „Something New“ als erste Single ausgewählt:


Dass Principe Valiente große Anhänger der opulenten Pop-Produktionen der 80er Jahre sind, haben sie 2020 durch die gelungene Coverversion von Mr. Misters „Broken Wings“ angedeutet. Auf „In This Light“ ist dieses Faible an allen Ecken und Enden wahrnehmbar. „Abandoned Car“ beginnt mit einem markanten Drumfill, das an New Orders „True Faith“ erinnert, während „Facing The Truth“ und „Silent Dreamer“ noch die Dringlichkeit ihrer alten Werke weiter aufrechterhalten. Zuletzt beweisen Principe Valiente mit „All I Know“, dass sie auch mit ruhigen Tönen Spannung aufbauen können. „In This Light“ markiert eine konsequente Weiterentwicklung des musikalischen Kosmos der Schweden und festigt einmal mehr ihren Ruf, zu den innovativsten und individuellsten Bands der jüngsten Musikgeschichte zu gehören.




22. Mai 2024

Billie Eilish - Hit Me Hard And Soft


10 Fakten zum neuen Album von Billie Eilish: 

1. Die 2 Jahre 9 Monate und 17 Tage seit ihrem letzten Album „Happier Than Ever“ mussten Fans von Billie Eilish nicht komplett ohne neue Musik auskommen, denn die Zeit wurde mit der „Guitar Songs“ EP (2022) und dem mit einem Golden Globe sowie einem Oscar ausgezeichneten Song „What Was I Made For?“ (2023) aus dem Soundtrack zum Film „Barbie“ überbrückt.

2. Da war es auch nicht tragisch, dass es keine Vorab-Single aus dem am 17. Mai veröffentlichten „Hit Me Hard And Soft“ gab. Erst mit dem Album wurden „Lunch“ als Single herausgebracht und mit einem Video versehen, bei dem Billie Eilish selbst Regie führte:


 


3. Wie bei den beiden vorherigen Alben wurden die Songs von Billie Eilish und ihrem Bruder Finneas O’Connell komponiert. Finneas kümmerte sich in gewohnter Marnier auch um die Produktion.

4. „Hit Me Hard And Soft“ bietet 10 Songs in 43:45 Minuten und ist als CD im 6-Panel-Softpack erhältlich. Wer es individuell mag, kann die limitierte Splatter Paint CD käuflich erwerben, auf die Billie Eilish persönlich rote Farbe kleckste. Selbstverständlich gibt es das Album auch auf Kassette und LP (black Vinyl).   

5. Kommen wir also zu den limitierten farbigen Auflagen der LP. Der Künstlerin ist offensichtlich der Hinweis wichtig, dass alle Platten aus wiederverwertbaren oder recycelten Materialien hergestellt werden und alle Verpackungen aus recyceltem Papier/Karton bestehen. Die verwendete Tinte ist auf pflanzlicher Basis und Dispersionslack auf Wasserbasis. Ähnliches gilt selbstverständlich auf für CD und Kassette. Also, Billie, dann zeig’ uns doch einmal die Schallplatten, vielleicht nicht alle auf einmal, sondern immer nur zwei: Blue Vinyl und Yellow Vinyl.




6. Seablue Vinyl und Grey Vinyl.




7. Milky White Vinyl und Red Vinyl.




8. Auf gleich 3 Stücken („Skinny“, „The Greatest“ und „Blue“) ist ein aus Andrew Yee (Cello), Nathan Schramm (Bratsche), Amy Schroeder (Geige) und Domenic Salerni (Geige) bestehendes Streicher-Quartett zu hören (Attacca Quartet).

9. Bei Metacritic hat „Hit Me Hard And Soft“ zurzeit „Cowboy Carter“ von Beyoncé von Platz 1 der Jahres-Charts verdrängt, denn der Metascore beträgt aktuell 92/100. 
„Happier Than Ever“ kam auf 86/100 und „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ auf 82/100 Punkten.

„Birds Of A Feather“ hat den Vibe von College-Pop-Bands aus den 80ern, mit Sängerinnen, die Blumenkleider und Strohhüte trugen. „The Greatest“ huldigt im Titel und mit der Musik Cat Power, „The Diner“ wirkt wie Billies Bewerbung bei den Gorillaz, „Bittersuite“ ist digitaler Cocktail-Pop, „Blue“ eine Studie in Schwermut, die allerhand Täler durchläuft, um am Ende im TripHop-Dauerregen auf der Strecke zu bleiben.
Wenig überraschend sind die Texte. Es geht um den Verlust von Liebe und Freiheit, um verpasste Chancen und ein Dasein wie im Vogelkäfig, immer an der Kante zur depressiven Stimmung. In „L’amour De Ma Vie“ laufen diesen Themen zusammen: Billie Eilish singt extrem nah am Mikro, nutzt ihr Tremolo, der sonst gern genutzte Hall wird abgeschaltet. Liebe ist Lüge, ist Enttäuschung, ist Quatsch. Dann schaltet sich einen Puppenstimme ein, wie aus einem Horrorfilm: Wenn du das alles weißt, warum dann das Drama? Nun beginnt der Track zu hüpfen wie ein Europophit, wie die Venga Boys auf einem Kraftwerk-Trip, bevor Billie Eilish mit verzerrter Stimme ratlos und verstört feststellt: „It’s such a pity/ We’re both so pretty.“ Gleich noch einmal hören. Es gibt noch so viel zu entdecken.

10. Billie Eilish wird für (zurzeit) 4 Konzerte nach Deutschland kommen, jedoch erst im nächsten Jahr:
02.05.25 Hannover, ZAG Arena
09.05.25 Berlin, Uber Arena
29.05.25 Köln, Lanxess Arena
30.05.25 Köln, Lanxess Arena


21. Mai 2024

Beth Gibbons - Lives Outgrown


Wenn am Ende des Jahres die diversen Bestenlisten erstellt werden, dürfte „Lives Outgrown“ in zahlreichen von diesen sehr weit oben auftauchen.

Obwohl Beth Gibbons mittlerweile 59 Jahre alt ist, kann man ihre Studioalben tatsächlich an einer Hand abzählen: Da wären die drei Alben mit Portishead („Dummy“, 1994, „Portishead“, 1997, und „Third“, 2008), das 2002 zusammen mit Rustin Man (Paul Webb von Talk Talk) veröffentlichte „Out Of Season“ und nun ihr erstes Soloalbum „Lives Outgrown“. Erwähnen sollte man noch die beiden live aufgenommenen Orchesteralben „Roseland NYC Live“ (mit Portishead aus dem Jahr 1998) und „Henryk Górecki: Symphony No. 3 (Symphony of Sorrowful Songs)“, das 2019 mit dem Polish National Radio Symphony Orchestra entstand. 

An den zehn Songs von „Lives Outgrown“ arbeitete Beth Gibbons mehr als eine Dekade und sie verarbeiten Themen wie Mutterschaft, Angst, Menopause und Sterblichkeit. Vier Lieder komponierte sie gemeinsam mit Lee Harris, ein weiteres ehemaliges Mitglied von Talk Talk, der auch schon bei „Out Of Season“ Schlagzeug spielte. Dritter im Studio-Bunde war James Ford, der allein in den letzten beiden Jahren mitverantwortlich für die Alben von Depeche Mode, Blur, The Last Dinner Party und Pet Shop Boys zeichnete.

Ob man das Album nun als opulent, aber auch dissonant und ungewöhnlich arrangierten Folk oder melancholisch-harmonischen Kammerpop bezeichnen oder als Verbindung zwischen den kunstvollen, späten Talk Talk und dem intimen „Out Of Season“ sehen möchte, ist einerlei, denn klar ist, dass „Lives Outgrown“ am Ende des Jahres in zahlreichen Bestenlisten sehr weit oben auftauchen wird. Sehr sehr weit oben.


  


»Floating on a Moment« ist der vielleicht schönste Song, den Gibbons bisher geschrieben hat. Inmitten eines burlesken, gemächlich vor sich hin schunkelnden Straßenmusikantenstadls, begleitet von Flötentönen und Kinderchören, gibt sie darin eine Alice im Wunderland der letzten Dinge. Auf dem Lebensfluss ins große Nowhere sei das Hier und Jetzt alles, was wir haben: »All we have is here and now«, singt sie in diesem so wundersamen wie wunderschönen Lied, das so viel Halt und Hoffnung verspricht wie eine leuchtende Rettungsboje auf offenem Meer. (…)
Mehr als zehn Jahre brauchte Gibbons, um ihren neuen musikalischen Weg zu finden – und diesen irren, neuen, immer leicht windzerzausten Sound. Sie ließ Harris auf Holzschubladen, Tupperdosen und einer Paellapfanne trommeln, dazu besorgte sie ungewöhnliche Instrumente wie Mellotron, Mizmar und Dulcimer. Inmitten dieser aus allen Zeiten gefallenen Rumpel- und Echokammer der zittrigen, klappernden und quietschenden Töne findet die Sängerin genug Vitalität und Geborgenheit, um der verdammten Vergänglichkeit zu trotzen.


 


Im atonalen Streicher-Zwischenteil, der einem in „Burden Of Life“ den Boden unter den Füßen wegreißt. Im martialischen 5/4-Groove von „Rewind“, der auch auf einem Swans-Album nicht fehl am Platz wäre – wenn die Noise-Gitarren nicht von sehnsüchtigen Streichern umgarnt würden. In dem mal sanften, mal verwirrenden und dann wieder antreibenden Getrommel und Geklacker, das Harris in nahezu jedem Moment beisteuert. Und vor allem in der fast schon hemmungslosen Schönheit, die immer wieder durch diese Trauermusik bricht. Das von Breakbeats und Trompeten angepeitschte „Reaching Out“ mündet in ein zartes Outro, in dem Gibbons mit den Violinen im Chor seufzt. „I need your love to silence all my shame“, singt sie. „I need you always.“ Es sind diese Momente, die das Gewicht der Welt plötzlich leichter wirken lassen.





20. Mai 2024

Douglas Dare - Omni


Eines meiner wegen der COVID 19-Pandemie ausgefallenen, mehrmals verschobenen und letztendlich wegen des Termins nicht besuchten Konzerte hätte - in Verbindung mit einem Wochenendausflug - in Leipzig stattfinden sollen. Irgendwie habe ich also mit dem nicht erstatteten Ticket noch ein Konzert bei Douglas Dare gut, was er aber bei seiner Planung für 2024 nicht berücksichtigt hat, denn er kommt erneut nur werktags nach Deutschland, und zwar nach Hamburg (Nachtasyl, 26.09.24) und Berlin (Kantine am Berghain, 27.09.24).

Die Konzerte dürften jedoch diesmal kein bestuhltes und intimes Kammerpop-Spektakel sein, denn auf seinem vierten Album „Omni“ verabschiedet sich der Brite vom Piano und wendet sich Synthesizern und Drumcomputern zu. Das Ergebnis sind zehn pulsierende, düstere Elektropop-Songs, die mich, wie beispielsweise das in Kooperation mit dem Ryan Lee West aka Rival Consoles entstandene „Mouth To Mouth“, an Radiohead denken lassen. Auch Björk kommt mir häufig beim Hören von „Omni“ in den Sinn, jedoch nicht ihre oftmals zu kunstvollen Alben der letzten zwei Jahrzehnte, sondern meine Lieblingsplatten zwischen 1995 und 2001: Passt „Painter“ nicht perfekt auf „Post“ (auch abseits der Alliteration)? Könnte das Beats und Streicher (von Simon Goff) kombinierende „Sailor“ nicht von „Homogenic“ stammen? Und klingt das versponnene „Teach Me“ nicht nach „Vespertine“?  

Omni“ wurde über Erased Tapes Rcords als LP (translucent red Vinyl) veröffentlicht.


 


Douglas Dare hat zwar schon früher mit Synthies angebandelt, mit "Omni" legt der Londoner Musiker aber nun eine waschechte Electronica-Platte vor, die sogar sein heißgeliebtes Klavier verlegen in den Hintergrund treten lässt. Seiner Begeisterung für die Club-Kultur will der 33-Jährige damit Ausdruck verleihen, auch für die deutsche, so gibt er zu Protokoll – die Tendenz sei schon immer dagewesen, jetzt gebe er ihr richtig nach. So sehr "Omni" aber auch drückt und dröhnt, das Markenzeichen des Künstlers bleibt klipp und klar: das Leid. Nicht zuletzt durch seine glasklare Stimme, die an eine Anohni erinnert oder zumindest an einen Thom Yorke, der seine feminine Seite umarmt, überzieht Dare selbst rhythmisch-synthetisches Gewummer mit der Aura des Aussichtslosen. Schlüge man "Weltschmerz" im Wörterbuch nach, fände man dort bestimmt sein Bild – Downbeat im Wortsinn.


 


Douglas Dare beherrscht die Kunst der Vielseitigkeit: Von synthetisch geprägten Club-Tracks wie “Mouth To Mouth” bis hin zu art-pop-inspirierten Liedern wie “Teach Me” reicht sein Repertoire.
Doch auch märchenhafte und düstere Atmosphären finden sich in Songs wie “Sailor” oder dem Interlude “Omni” wieder. Die facettenreiche Tracklist zeigt deutlich, dass der Wechsel vom Klavier zu Synthesizern und Drumcomputern die richtige Entscheidung war.
“Omni” strahlt vor Energie, Leidenschaft und einem losgelösten Gefühl von Genre-Grenzen. Die Wiedergeburt von Douglas Dare ist ein voller Erfolg, und es scheint, als würde er sich in seinem neuen künstlerischen Umfeld vollkommen zu Hause fühlen.
Das Album ist visionär und zeitlos zugleich, und es wäre nicht verwunderlich, wenn Dare damit sein bisheriges Magnum Opus geschaffen hat.


 



19. Mai 2024

Joywave - Permanent Pleasure


Promoterin: Hi Dirk, schau doch gerne, ob das neue Album „Permanent Pleasure“ von Joywave noch was für eine Review wäre? 

Dirk: Aber es gibt aktuell noch so viele andere Platten, über die wir zu Gericht sitzen müssen…

Promoterin: Aber die gefeierte Indie-Rock-Band Joywave veröffentlichte am 17. Mai ihr lang erwartetes fünftes Studioalbum "Permanent Pleasure“ - und auf dem Plattencover ist eine Katze.

Dirk: Das ist natürlich ein Argument… Ich weiß nicht so recht, denn das US-Trio konnte bei Platten vor Gericht mit „Possession“ (2020) wirklich nicht überzeugen und nur 6,000 Punkte erreichen. Das war lediglich Platz 234 in unseren Jahres-Charts! Da haben wir uns den Nachfolger „Cleaners“ vor zwei Jahren gleich gespart.

Promoterin: Dazu sagt Sänger und Produzent Daniel Armbruster folgendes: „Wir haben die klare Struktur von ‚Cleanse' zerstört und mehr Abwechslung in die Klangpalette gebracht, während wir gleichzeitig eine Gitarren- und Streicherplatte aufgenommen haben (weniger Tasten), aber wir haben es geschafft. Wir haben die Fortschritte im Songwriting, die wir auf dem Weg dorthin gemacht haben, beibehalten. Es ist im Ganzen ein bisschen wie 'How Do You Feel Now?‘ war, aber inklusive dem Songwriting der letzten Alben, für das wir jetzt bekannt sind. Auch die Texte sind klarer und nicht mehr so metaphorisch. Deutlich persönlicher. Das Album ist Joywaves 'Was immer wir tun wollen, wann immer wir es tun wollen' in seiner besten Form.“
Und ich möchte ergänzen, dass auch im Video zu „Scared“ eine Katze zu sehen ist.

Dirk: Warum sagst du das nicht direkt? Jetzt bin ich überzeugt. Toll wie „Scared“ mit der Angst der Katze vor dem Staubsauger visualisiert wird! Unsere beiden Kater, Iggy und Bowie, fürchten sich übrigens überhaupt nicht vor dem Staubsauger.


 


Promoterin: Im Video zu „Brain Damage“ spielt die Katze auch die Hauptrolle. Und auf Tournee werden Daniel Armbruster, Paul Brenner und Joseph Morinelli auch von ihr begleitet und zwar am 09.11.24 in Köln (Artheater) und am 10.11.24 im Berliner Badehaus. Da lässt sich bestimmt ein Streicheln der Katze für dich organisieren…

Dirk: Das wird ja immer besser.


 


Promoterin: Und die LP (black Vinyl) gibt es als „3D pop-out gatefold edition“ inklusive der limitierten Auflage einer kleinen Katzenfigur. Außerdem gibt es noch die „Luxurious Red Carpet Variant“ auf rotem Viny, welche von der Katze selbst ausgeliefert wird. Und das Deluxe Bundle (Double Beam Variant blue/yellow Vinyl) hat u.a. ein mit Katzenminze gefülltes Katzenspielzeug aus Plüsch zu bieten…

Dirk: Stop, aufhören. Iggy und Bowie haben sich gerade diese Auflage für über 100 € online bestellt.




18. Mai 2024

Mammoth Penguins - Here


Die erste Vorladung (VI)

Personalien:
Mammoth Penguins sind ein seit 2013 bestehendes Trio aus Cambridgeshire: Neben Emma Kupa, die singt, Gitarre spielt und die Songs komponiert, gehören der Bassist Mark Boxall und der Schlagzeuger Tom Barden zur Band.

Tathergang:
Mit „Hide And Seek“ (2015) wurde das Debütalbum über das nicht mehr existierende Label Fortuna Pop! veröffentlicht. Es folgten noch „John Doe“ (2017) und - bei ihrem aktuellen Label Fika Recordings - „There’s No Fight We Can’t Both Win“ (2019). 
Die COVID-19 Pandemie und Emma Kupas Solodebüt „It Will Come Easier“ (2020) verzögerten etwas die Entstehung und Veröffentlichung des vierten Albums von Mammoth Penguins. Doch seit Anfang Mai ist „Here“ als CD und LP (orange smoke Vinyl) erhältlich.

Plädoyer:
Leicht schräger, schrammeliger Indierock mit minimalen Mitteln („Species“, „Flyers“), der direkt aus einer englischen Garage zu kommen scheint und nur gelegentlich einen Gang zurück schaltet. DIY wird hier groß geschrieben. Lediglich „Here“ und „Success“ brechen aufgrund der Streicherarrangements von Mary Erskine mit dieser Vorgabe.

Zeugen:

Lead single “Species” sets the tone with its jagged guitars and explosive energy, offering a poignant reflection on finding one’s place in the world. Meanwhile, tracks like “Everything That I Write” delve into the complexities of long-term relationships, while “Flyers” offers a poignant ode to the challenges of the music industry.

Throughout the album, Emma’s vocals soar with a rawness and vulnerability that cuts straight to the heart. From the introspective introspection of “Blue Plaque” to the anthemic energy of “Nothing and Everything,” Mammoth Penguins invite one to join them on a journey of self-discovery and musical exploration. A journey that is as exhilarating as it is deeply personal.

Kupa has a unique voice. It’s one that might be more suited for an acoustic genre, at times sounding a little overpowered with the music. Particularly in I Know the Signs, there seems to be higher notes that she struggles to reach. This is just a small occurrence within the album.  
I particularly liked how Blue Plaque, Success and Old Friends highlight the talents of Max Boxall and Tom Barden, by having a clearer sound to them. You can appreciate their parts throughout the whole album, but these songs are where they shine. Although I do enjoy the positivity of Here and A Plea for Kindness.


Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


17. Mai 2024

Emily Barker - Fragile As Humans


Möglicherweise können viele mit dem Namen Emily Barker nichts anfangen, obwohl sie deren Song „Nostalgia“ schon gehört haben. Dieser eröffnet nämlich die BBC-Serie „Wallander“, in der Kenneth Branagh in 4 Staffeln in die Rolle des schwedischen Ermittlers schlüpfte.

Emily Barker selbst stammt aus Australien und hat im Verlauf der letzten zwei Dekaden in unterschiedlichen Konstellationen rund ein Dutzend Alben heraus gebracht. Ihre neueste Veröffentlichung trägt den Titel „Fragile As Humans“ und entstand zusammen mit dem Produzenten Luke Potashnick (Katie Melua, Robbie Williams, James Blunt, Take That) in dessen The Wool Hall Studio in Somerset, in dem auch schon Tears For Fears oder The Smiths aufnahmen. 

Musikalisch geht es jedoch in eine andere Richtung: Die Singer/Songwriterin bietet emotionalen, ruhigen Folkpop, der Trauer, Schmerz, Einsamkeit und Verlust thematisiert und gleichzeitig vor Hoffnung und Optimismus sprüht. Besonders auffallend sind die schönen Streicher Arrangements, beispielsweise bei „Wild To Be Sharing This Moment“, „Feathered Thing“ oder dem Albumhighlight „Loneliness“.

Fragile As Humans“ ist als CD und LP (black Vinyl, translucent magenta BioVinyl) erhältlich.


 


 





16. Mai 2024

Villagers - That Golden Time


Conor O’Brien ist aus seinem Fiebertraum, der auch uns schlaflose Nächte bereitete und nur 6,75 Punkte für „Fever Dreams“ erbrachte, erwacht und findet zu gewohntem Stil und alter Form zurück. Zwar gibt es noch den ein oder anderen leichten Rückfall (etwa die in eine experimentelle Soundcollage mündende Minute des elegischen „Behind That Curtain“), aber so ist da vermutlich auf dem Weg der Genesung.

„That Golden Time“ wurde im Gegensatz zum Vorgänger wieder von Conor O’Brien nahezu im Alleingang in seinem Zuhause aufgenommen und selbst produziert. Lediglich für Instrumente, die er nicht selbst einspielen konnte, wie Violine, Bratsche, Cello, Bouzouki oder Pedal-Steel-Guitar, wurden am Ende der Aufnahmen Gastmusiker ins Studio geladen. Das sechste Album der Villagers setzt wieder verstärkt auf intimen Folkpop, der in „First Responder“, dem leichtfüßigen „The Lucky One“ und dem düster grollenden Titelsong seine Highlights findet. Elektronische Rhythmen und Spielereien nutzt O’Brien auf „Truly Alone“ und „Keepsake“. Mein persönlicher Lieblingssong ist „No Drama“, der in seinem Aufbau und dem verwendeten Arrangement tatsächlich sehr dramatisch ist.

Ein Album, das den Titel „That Golden Time“ trägt, muss selbstverständlich auch auf golden Vinyl veröffentlich werden, zudem gibt es black und clear Vinyl

Villagers in Deutschland:
30.05.24 Hamburg, Christianskirche (Pop Salon)
01.06.24 Berlin, Passionskirche
02.06.24 Köln, Luxor


 


Für eine in Großaufnahmen mündende Intimität wie in „First Responder“ würden andere Singer/Songwriter trotzdem noch immer töten. Den unter Donner auslaufenden Refrain des Titeltracks könnte man nahtlos mit John Lennons „Uuhuuuuuh… You might say I’m a dreamer …“ weitersingen, und mit dieser Referenz ist im Grunde alles gesagt: betörende Harmonien und Eskapismen, once again. 




15. Mai 2024

Fischer-Z - Triptych


Das Triptychon meiner liebsten Songs von Fischer-Z bilden „Pretty Paracetamol“ (1979), „Marliese“ (1981) und „The Perfect Day“ (1987).

Daran ändern auch die 12 Kandidaten aus „Triptych“ nichts. Aber auch aus diesem Album kann ich meine drei liebsten Lieder benennen: „Amoral Vacuum“, „A Plea“ und „Twilight Zone“.

Die Band um John Watts besteht seit 1976, nahm sich jedoch eine 5-jährigen Auszeit sowie eine 13-jährige Phase ohne Albumveröffentlichungen. So kommt es, dass „Triptych“ erst das 14. Studioalbum von Fischer-Z ist.
Im Vordergrund stehen John Watts’ einschneidende Stimme und seine akustische Gitarre, ergänzt werden sie von Schlagzeug (Jamie Bush), Gitarre (Marian Menge), Bass (Steve Forward) und Keyboard (Adrien Rades). „Triptych“ befasst sich inhaltlichen mit dem Dreiklang aus Psychologie, Politik und Beziehung. So singt Watts über Themen wie Depressionen („The Anaesthetist“), die Sinnlosigkeit des Krieges („The Plea“) oder das breite Spektrum menschlicher Beziehungen, von der Euphorie der ersten Liebe bis zum tragischen Ende („ Nefertete “ und „The Hamburg Beat“). 

Auch in den Veröffentlichungen spiegelte sich diese Dreiteilung wider, denn nach drei unterschiedlichen EPs zu besagten Themen (Love, Power und People) folgt nun die vollständige Vollsammlung „Triptych“ als CD und LP (black Vinyl).


 


John Watts hat wohl eine der prägnantesten Stimmen im Musikbusiness und so ist jedes neue Album von FISCHER-Z auch sofort als solches zu erkennen.
„Triptych“ mach da keine Ausnahme und sobald der Gesang beim Eröffnungs-Reggae „Nefertete“ einsetzt, befindet man sich im Gute-Laune-Modus. Musikalisch lässt sich Watts wieder mal auf keinen Stil festlegen und so finden sich hier neben Reggae auch Rock, Pop oder New Wave, die sich zum einzigartigen FISCHER-Z-Sound verbinden. (…)
So bringt „Triptych“ alles mit, was der langjährige Fan erwartet und daher kann ich auch eine unbedingte Kaufempfehlung aussprechen und euch noch folgende Anspieltipps empfehlen: Die erste Single „A Plea“, die Ode an seine Frau „This Woman And I“ und das swingende „The Hamburg Beat“.





14. Mai 2024

Blushing - Sugarcoat


Blushing bringen erneut britischen Shoegaze und US-amerikanischen Alternative Rock zusammen, so dass „Sugarcoat“ wie ein Zusammentreffen von Lush, My Bloody Valentine und Curve mit The Smashing Pumpkins, Veruca Salt und  Garbage klingt. Auch für die Arbeit im Studio haben sie sich erneut Unterstützung von dies- und jenseits des Atlantiks gesucht: Mark Gardener von Ride sorgte in seinem Oxforder Studio für das Mastern, Elliott Frazier von Ringo Deathstarr, der auch auf dem Song „Silver Teeth“ mitsingt, war für die Produktion und das Abmischen verantwortlich. 

Nachdem Miki Berenyi (Lush) bereits beim vorherigen Album als Gastsängerin verpflichtet werden konnte, durften Blushing nun ein weiteren Namen von ihrer Gastmusiker-Wunschliste streichen: für „Seafoam“ konnte der Gitarrist Jeff Schroeder (The Smashing Pumpkins) gewonnen werden.

Sugarcoat“ erscheint wie der Vorgänger „Possessions“ (2022) über Kanine Records und ist als CD und LP (translucent red Vinyl, teal with pink splatter Vinyl) erhältlich. Es ist das insgesamt dritte Album der Band aus Austin, die aus den beiden Paaren Michelle (Gesang, Gitarre) und Jacob Soto (Schlagzeug) sowie Christina (Bass) und Noe Carmona (Gitarre) besteht.


Sugarcoat is a dense, reverb-laden exploration of altrock’s 40+ year history that conjures up concord from chaos. This album is where the band get to explore their love for expanding genres, from Post-punk, Psych-gaze, Grunge pop, Indie Pop, Slowcore and beyond.
Definitely, Sugarcoat is an album made for non-stop listening from start to finish, and on repeat.


 


 





13. Mai 2024

Arab Strap - I'm Totally Fine with It 👍 Don't Give A Fuck Anymore 👍


 

Irgendetwas muss sich in der zehnjährigen Zeitspanne, in der das schottische Duo nicht existierte, hinsichtlich der Rezension von Arab Strap verändert haben. Denn zwischen 1996 und 2005 veröffentlichten Aidan Moffat und Malcolm Middleton sechs Alben über das Indie-Label Chemikal Underground, die so mittelmäßig erfolgreich waren. „Philophobia“ erreichte 1998 immerhin Platz 34 in ihrer Heimat und Platz 37 in den UK Charts. Ihre letzte Veröffentlichung vor der Auflösung, „The Last Romance“ (2005), kam nur noch auf die Ränge 68 bzw. 199. Das Interesse an Arab Strap war somit deutlich abgeflacht.

Um so erstaunlicher, dass nach der Wiedervereinigung das über Rock Action veröffentlichte „As Days Get Dark“ (2021) die höchsten Chartpositionen in der Historie von Arab Strap erreichte: Platz 1 in Schottland und Platz 14 im Vereinigten Königreich. 
Auch bei Platten vor Gericht wurde ihr Comeback-Album abgefeiert und kam mit 8,071 Punkten vor drei Jahren auf Platz 6

Dass ein Plattenrichter aus der Reihe tanzen und bei der Lobhudelei nicht mitmachen wollte, stellte für Arab Strap kein Problem dar und war ihnen auch scheißegal. Und mit dieser bandinternen Textnachricht hatten sie auch schon den Titel für ihr achtes Studioalbum: „I'm Totally Fine with It 👍 Don't Give A Fuck Anymore 👍“ entstand erneut in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Paul Savage (The Delgados, Mogwai, King Creosote, Deacon Blue) und erscheint in limitierten Auflagen als Schallplatte - passend zum Artwork und dem Albumtitel - auf Emoji yellow Vinyl und Text Bubble blue Vinyl. Vom gitarrenrockenden „Allatonceness“ bis zum beatsbollernden „Bliss“ sind gerate erst zwei Stücke des Albums vergangen, die das breite Spektrum von Arab Strap gut abstecken. Bei Metacritic stehen aktuell 85/100 Punkten zu Buche.


Aidan Moffat singt kaum noch über Ego-Desaster, er ist nun ein Beobachter des gesellschaftlichen Geschehens. Das führt aber auch nicht zu besserer Laune, denn natürlich beschreibt auch ein Song mit dem Titel „Summer Season“ kein Vergnügen und ist der „Strawberry Moon“ keine romantische Chiffre.
Doch wenn Arab Strap einen Chorus einführen, der an The National erinnert, oder mit „Haven’t You Heard“ ihre Variante von Synthie-Pop spielen, wird klar, dass das dunkle Grau der schottischen Vorstadtwelt Brüche bekommt. Und handelt es sich bei „Turn Off The Light“ womöglich um ein Liebeslied ohne doppelten Boden?