31. Mai 2023

Panic Pocket - Mad Half Hour


Für Schallplatten aus den 90er Jahren, die teilweise in klein(er)en Stückzahlen erschienen sind und dann im Plattenladen stehen blieben, weil man sich schon der CD zugewandt hatte, muss man heute ein kleines Vermögen bei den einschlägigen Online-Anbietern hinlegen. Schön, wenn es dann Re-Releases, wie zuletzt bei „Le Jardin de Heavenly“ geschehen, gibt.

Das Album von Heavenly war 1992 über Sarah Records erschienen, die Wiederveröffentlichung erfolgte im Mai über Skep Wax Records, das Label, welches Amelia Fletcher, die ehemalige Sängerin und Gitarristin von Heavenly, zusammen mit Rob Pursey betreibt. 
Schön, dass das nur 8 Songs umfassende Album um zwei Singles (und deren B-Seiten), die damals im Vorfeld von „Le Jardin de Heavenly“ separat erschienen sind, ergänzt wurden.

Aber Amelia Fletcher und Rob Pursey widmen sich nicht nur der Wiederveröffentlung von Heavenly Alben - „Heavenly Vs Satan“ kam im November 2022, „The Decline And Fall Of Heavenly“ und „Operation Heavenly“ werden im Herbst 2023 bzw. im nächsten Jahr folgen - sondern entdecken auch neue Bands, womit wir bei Panic Pocket angekommen wären.

“Panic Pocket know how to turn anger and humour into brilliant pop songs”, sagen Fletcher und Pursey über das Duo, welches sie auch an Bands erinnert, die sie selbst lieben, wie Bratmobile, Lovely Eggs, Sleater-Kinney oder Le Tigre. Dies lassen wir einfach so stehen und wundern uns nicht, dass das Debütalbum nun über Skep Wax erscheint. 

Mad Half Hour“ macht mit zehn kurzen Songs zwischen ruppigem Gitarrenpop, Janglepop mit DIY-Charme und eingängigem Indiepop für C-86-Freunde seinem Namen alle Ehre. 
Natalie Healey (Gesang, Gitarre) und Sophie Peacock (Gesang, Keyboards, Piano) sind seit vielen Jahren befreundet und gründeten 2017 ihre Band Panic Pocket, die seit 2018 einige Singles veröffentlicht hat. „Mad Half Hour“ entstand im letzten Jahr mit Healey Becks (Bass) und Laura Ankles (Schlagzeug) und ist als CD und LP (pink Vinyl) erhältlich. 


 


It may depend on one's identity and station in life whether the album's confrontational stance feels like a provocation or a sheer delight as the under-half-hour track list works its way through catchy, deadpanned bops calling out privilege and bad behavior from a romantically unattached, feminist point of view. With a chorus that repeats "once a month," the title track, for instance, refers not only to the album itself but to a monthly half-hour allotted for losing your cool ("When I came out of the womb/I had to scream 'girl power'"). That song, like many others here, revels in melodic jangle, but the band -- the guitarist and keyboardist are backed on Mad Half Hour by bassist Healey Becks and drummer Laura Ankles -- delves into dirtier guitar tones on occasion, including on opener "Get Me," which starts the album with a simple "Back in Black"-type guitar riff. ("Get Me," it turns out, is short for "You gotta, gotta, gotta get me out of here.") Elsewhere, "Mr Big," an ironic tribute to Sex and the City, is downright grungy. The bulk of the record, however, is tunefully sweet, with uptempo entries like "Still the Bad Guy" ("You're no ally") and "I've Earned My Right to Be Petty" ("I'm so sick of the way you brag/Don't you know it's such a drag?") burrowing earworms with their relatable, off-key melodic anthems. When the time comes, it seems only appropriate that Mad Half Hour ends with "Don't Get Me Started.“




30. Mai 2023

Alex Lahey - The Answer Is Always Yes


Alex Lahey hat gut Lachen: privat ist sie seit sechs Jahren glücklich mit der Musikerin Sophie Payten (aka Gordi) liiert, beruflich wurde ein neues Label gefunden, nach vier Jahren Funkstille ihr drittes Album „The Answer Is Always Yes“, welches mit zahlreichen positiven Kritiken bedacht wurde (bei Metacritic stehen aktuell 78/100 Punkte zu Buche), veröffentlicht und Tourneen sind auch wieder möglich. 

Die gute Laune schlägt sich auch im ehemaligen Slacker Rock der Australierin nieder, der nun häufig mit verspielten, fröhlichen Melodien Richtung überschwänglichem Powerpop tendiert, und auch bei den kritischen bis unangenehmen, ihr Leben reflektierenden Texten werden humorvolle, zugängliche und positive Aspekte hervor gehoben. 

Erstmals arbeitete Alex Lahey bei diesen zehn leichtfüßigen und weniger schroffen Songs mit zahlreichen außenstehenden Produzenten (Oscar Dawson, John Castle und Chris Collins) sowie Songschreibern (u.a. Jacknife Lee, Jenny Owen Young, John Mark Nelson und Suzy Shinn) zusammen.

The Answer Is Always Yes“ ist in diversen LP-Varianten erhältlich: Coke Bottle Green Clear Vinyl, Gold Vinyl und Blue & White Marbled Vinyl.


Zu Beginn strahlt die Sonne Melbournes jedoch noch wolkenfrei durch die Platte. Zwar schneidet eine Laufsteg-fertige St.-Vincent-Gitarre durch die Handclap-Strophen des eröffnenden "Good time", doch bläst der Refrain jedes windschiefe Dach wieder gerade. Die Hooks bleiben das Herzstück von Laheys Songwriting, dessen Einfachheit nie mit Banalität zu verwechseln ist. "They wouldn't let me in" behandelt schlaglichtartig, wie ihre Teenie-Zeit von Ablehnung und Ausschluss geprägt war – und bildet den daraus gewachsenen Frust mit knorrigem Post-Punk samt Sprechgesang, Gang-Of-Four-Riffs und borstigem Bass ab, der sich jeder Auflockerung verweigert. Nicht das einzige Mal, dass "The answer is always yes" seine erlösenden Ausbrüche hinauszögert: Das Emo-Storytelling von "The sky is melting" baut sich Schicht für Schicht auf und entfesselt seine ganze melodische Wucht erst am Ende nach einem Piano-dominierten Intermezzo. Die Laut-Leise-Dynamik versteht auch das akustisch beginnende "Permanent", wenn es in der zweiten Hälfte auf kathartische Weise den Strom anstellt. In solchen weniger konzisen Tracks beweist Lahey auch ohne radikale Stilbrüche die Dehnbarkeit ihrer Pop-Formel.









29. Mai 2023

Grateful Cat - Stray With Me


Mehr Cat Content in diesem Gerichtssaal? Bitteschön, hier überlegen unsere Kater Iggy & Bowie gerade, welche Platte als nächstes aufgelegt werden soll:



Seit Freitag könnte die Wahl auch auf „Stray With Me“ von Grateful Cat fallen, das als LP (und CD) über Waterfall Records veröffentlicht wurde. 

Das Berliner Duo nimmt uns mit auf einen Retro-Trip zu gitarrigem Indiepop, nostalgischem Folkpop und niedlichem Twee-Pop mit Girl/Boy-Gesang, der jedoch nicht in den 90er Jahren und bei Bands wie The Housemartins, Teenage Fanclub und Throw That Beat In The Garbagecan verweilt, sondern noch einige Jahrzehnte weiter zurück in Richtung von The Beatles, The Byrds oder The Velvet Underground schielt.

Gitarre, Bass, Gesang, eine Mundharmonika, ein paar Rasseln und ihren zweistimmigen Gesang - viel mehr brauchten Gwendolin Tägert und Franky Fuzz (zwei Drittel der Band Cremant Ding Dong) nicht, um die 12 Songs ihres gemeinsamen Debütalbums mit reichlich LoFi-Charme in der eigenen Küche aufzunehmen.


Die Songs auf dem Debüt-Album „Stray With Me“ von Grateful Cat klingen erwartungsgemäß nach den folkigen Sechzigern, den britischen Dreampopbands der späten Achtziger und dem Britpop der neunziger Jahre. Es gibt keine Keyboards oder ähnlichen Schnickschnack. Nur Gitarre und Bass mit Röhrenverstärkersound, schlichtes Schlagwerk, ein bisschen Orgel und satten mehrstimmigen Gesang wie bei den Byrds, den Beatles oder dem Teenage Fanclub. Und selbst das Cover wirkt wie eine Fotografie, die auch auf den frühen Dylan- oder Beatles-Alben das Cover hätte zieren können. (…)
Der Küche ist konsequenterweise eine eigene Nummer auf dem Album gewidmet, „In My Kitchen“. Ein Song, der klingt, als wäre er dem berühmten C86-Tape des „New Musical Express“ entnommen, nur besser irgendwie. Franky Fuzz zeigt sich hier als hervorragender Sänger, der mit seiner Stimme den Sound der sechziger Jahre perfekt einfängt.









27. Mai 2023

Tanlines - The Big Mess


Berufliche Verpflichtungen, Familiengründungen und eine räumliche Trennung sorgten dafür, dass die Zukunft des Duos Tanlines auf wackligen Beinen stand. Jedoch komponierte der Sänger und Gitarrist Eric Emm seit dem letzten gemeinsamen Album „Highlights“ (2015) sowie seinem Umzug ins ländliche Connecticut eifrig weiter Songs, so dass Schlagzeuger Jesse Cohen, in Brooklyn verbleibend und an einer Marketing-Karriere und einem erfolgreichen Podcast feilend, seine Zustimmung für die Fortführung von Tanlines gab, auch wenn seine eigenen musikalischen Beiträge begrenzt sein würden.

Tatsächlich traf man sich - gemeinsdam mit Patrick Ford - erst 2022 für zehn Tage in einem Studio in Connecticut, um die 11 Songs aufzunehmen, die das dritte gemeinsame Album „The Big Mess“ bilden sollten. Das Duo veröffentlicht erstmals eine Platte (black Vinyl oder in der limitierten Auflage als  Multicolour in Swirl Vinyl) via Merge Records, für den finalen Mix sorgte Peter Katis (The National, Interpol).

Und damit hätten wir auch schon eine gute Überleitung zum Opener und Titelsong des Albums, denn dieser lässt stilistisch sehr an The National denken. Im weiteren Verlauf der Platte gesellen sich auch zunehmend wieder repetitive Elemente und elektronische Komponenten zum Klanggefüge („Arm’s Length Away“, „Outer Banks“), lädt uns „Burns Effect“ ins „Blue Hotel“ von Chris Isaak ein, oder plätschert es etwas zu spannungsarm und Chris Rea-haft dahin („Hold On“).




 


It's an album that's infused with the kind of epic yearning for the past and simpler times that can come with entering one's forties during the band's time apart. They capture this vibe on the title track, a slowly driving rock anthem in which Emm opines, "It's been a long time since the campfire days, I have a hard time imagining/It's been forever since we had the chance to reminisce." The song feels like the tense lead-up to an accident, or an expected death scene in a movie, and perfectly sets the tone for what follows. Without ever romanticizing the past, Tanlines dig into the difficulty and joy of everyday life and how just getting by is sometimes the best you can do. There's also a moody paranoia running through the album that feels particularly post-pandemic, as if Emm is struggling with how to make life work. It's a sentiment he underlines on "New Reality" singing, "I'm just trying to be me, in this new reality." With Emm's voice having marinated into a deep baritone croon and with the duo leaning into a more organic, guitar-based sound, they sound less upbeat and more akin to the laconic post-punk of Nick Cave or the National. Still, there are kinetic moments here, as on "Clouds" and "Unreal," where bass grooves and airy synth and guitar textures evince a more muted, '80s new wave club atmosphere. With The Big Mess, Tanlines capture the memory of dancing and the way reminiscing about the past can often well up feelings deep in your bones.







25. Mai 2023

Esben And The Witch - Hold Sacred


So entrückt wie auf „Hold Sacred“ klangen Esben And The Witch in ihrer Karriere noch nicht. Die lärmenden, energetischen Aspekte von Noise- und Post-Rock wurden aus dem düster-verträumten Sound ihres sechsten Studioalbum ausradiert, Gitarre, Bass, Keyboards und rare, fast zeitlupenhafte Beats sind stark reduziert, im Mittelpunkt steht der sanfte und zarte Gesang der Sängerin. Eine knappe dreiviertel Stunde schlafwandelt das Trio an der Grenze von Dreampop zu Ambient und könnte so Fans von Mazzy Star und Daughter überzeugen.

Rachel Davies (Gesang, Bass), Thomas Fisher (Gitarre) und Daniel Copeman (Keyboards, Programming) haben die neun Songs in einem baufälligen alten Gebäude im ländlichen Brandenburg aufgenommen und zuvor in ähnlich abgelegenen Orten, wie einer Terrakottavilla eine Stunde außerhalb von Rom, an einem verlassenen Strand in einem Fischerdorf in der Nähe von Porto mit Blick auf den Atlantik oder in einer einsamen Hütte im französischen Nirgendwo, ersonnen.

„Hold Sacred“ wurde über das eigene Label Nostromo Records als CD und LP (black Vinyl, silver smoke Vinyl, amethyst Vinyl) veröffentlicht.


 


Despite its minimalistic and raw approach, Hold Sacred is incredibly rich, hauntingly beautiful and empowering. ESBEN AND THE WITCH have created an album that sounds like your soul singing to you, showing you how powerful you are and how full of love you are, despite your fears and the darkness you’ve been through. This album is to be cherished with gentle care and is a powerful message to everyone.


 


The album shows definite progression and development, with the trio songs getting more and more layers and textures, with Davies’ well, bewitching vocals being the most prominent element, and rightly so.
Of course, that dark streak within their music gives And The Witch exactly that element that makes them stand out among current purveyors of dream pop.




24. Mai 2023

10 Schallplatten, die uns gut durch den Juni bringen

 

10. Jason Isbell - Weathervanes (2 LPs, Limited Edition Opaque Army Green Vinyl) (9.6.2023)






9. Comet Gain - The Misfit Jukebox (LP) (2.6.2023)






8. Lanterns On The Lake - Versions Of Us (Limited Edition Transparent Orange Vinyl) (2.6.2023)






7. Ocean Colour Scene - Yesterday Today 1999 - 2003 (3 LPs, Limited Edition Green, Brown & Yellow Vinyl) (16.6.2023)






6. RVG - Brain Worms (Limited Edition Blue Vinyl) (2.6.2023)






5. Bdrmm - I Don't Know (Limited Edition) (White Marble Vinyl) (30.6.2023)






4. Embrace - Good Will Out (2 LPs) (9.6.2023)






3. Baxter Dury - I Thought I Was Better Than You (Ltd. Pink LP) (2.6.2023)






2. Noel Gallagher's High Flying Birds - Council Skies (LP, Single 7") (2.6.2023)






1. The Boo Radleys - Eight (Transparent Red Vinyl LP) (30.6.2023)







23. Mai 2023

Motorama - Sleep, And I Will Sing


Es gibt sie noch, die guten Nachrichten im Zusammenhang mit Russland (2)

Die aus Rostow am Don stammende Band Motorama besteht seit 2005 und beglückt ihre Fans deutlich häufiger mit Alben als ihre Landsleute von Human Tetris. Zudem gibt es von der Band um Vladislav Parshin zwischendurch immer wieder Singles, die sich nicht auf einem Album befinden, aktuell wäre dies „Tomorrow“ aus aus dem letzten Jahr.

Seit dem Debüt „Alps“ (2010) sind sechs weitere Alben veröffentlicht worden, die Wartezeit war nie länger als drei Jahre. Mit „Sleep, And I Will Sing“ ist vor einigen Tagen Studioalbum Nummer sieben erschienen. 

In der Kürze liegt auch bei dieser russischen New Wave/Post-Punk-Band offensichtlich die Würze: 8 Songs in 29 Minuten werden geboten. Nachdem die Tonträger von Motorama jahrelang über das französische Label Talitres Records erschienen und auch alle bisherigen Alben auf Vinyl erhältlich sind, bricht mit dem selbst veröffentlichten „Sleep, And I Will Sing“ die Serie, denn dieses Album ist aktuell nur digital erhältlich.


 


There’s an underappreciated art to crafting great hooks while being constrained to a mellower tempo, but this band makes it look effortless. The bass on tracks like “Twilight Song” and “Unknown” is practically hypnotic, acting as the perfect scaffolding to support any song it’s backing. The guitar-playing is no slouch either though; perfectly trebly, almost-folksy playing that recalls classic jangle pop bands of yesteryear while still sounding modern behind the band’s typical new wave synth stylings. “Next to Me,” one of the album’s highlights in my eyes, is soothing like a lullaby, while still managing to be so chilling and poetic. Motorama has never really wowed me with their lyrics, but something about lead singer Vladislav Parshin’s voice playing duet with that lovely pan-flute just brings the song to a whole other level.


22. Mai 2023

Human Tetris - Two Rooms


Es gibt sie noch, die guten Nachrichten im Zusammenhang mit Russland (1)

Die aus Moskau stammende Band Human Tetris besteht seit 2008 und beglückt ihre Fans recht selten mit neuen Alben, denn insgesamt gibt es erst deren drei. 

2012 war mit „Happy Way In The Maze Of Rebirth“ das Debüt erschienen, „Memorabilia“ folgte erst 2018 und nun gibt es „Two Rooms“. Man könnte also erfreut anmerken, dass diesmal die Wartezeit 14 Monate kürzer war als zuvor! 

Apropos kürzer: Erneut spendieren Arvid Kriger, Tonia Minaeva und Ramil Mubinov, so die aktuelle Besetzung von Human Tetris, nur 7 Songs und knapp 30 Minuten Musik zwischen düsterem New Wave und stoischem Post-Punk. Auf Vinyl wurde noch kein Album der Band, die ohne Label ist, veröffentlicht und bei „Two Rooms“ gibt es zurzeit gar keinen physischen Tonträger. 


19. Mai 2023

Lael Neale - Star Eaters Delight


Der Rückzug vom trubeligen Los Angeles auf die Farm ihrer Familie im ländlichen Virginia, das konsequente Nutzen eines Klapphandys, der Einsatz des 1981 von Suzuki Musical Instruments entwickelten Omnichords, der Verzicht auf modernste Technik im Studio und die Rückgriffe auf die repetitiven und hypnotischen Aspekte von The Velvet Underground - auf ihrem dritten Album zeigt sich Lael Neale nicht gerade der Zukunft zugewendet und macht dennoch für sich einen Schritt nach vorne. 

Star Eaters Delight“ wird nämlich zurecht vielfach besprochen, hoch gelobt und - wie der Vorgänger „Acquainted With Night“ (2021) - über ^Sub Pop veröffentlicht. 81/100 Punkten sind das Resultat bei Metacritic für eine Platte (gold Vinyl) in der Schnittmenge zwischen Lana Del Rey und Suicide oder Nico und New Order oder Aldous Harding und Spiritualized.

Lael Neale in Deutschland:
22.05.23 Berlin, Kantine am Berghain
23.05.23 Hamburg, Aalhaus


Eher sollte man genau hinhören auf das irgendwie fremd und windschief mitten in „I Am The River“, dem Opener des dritten Album von Lael Neale, stehende Omnichord. Gleich anschließend in „If I Had No Wings“ kommt dieses elektronische Urinstrument einer Orgel gleich direkt aus der Kirche, die Melodie aus dem Gesangbuch.
Immer getragener wird das Tempo auf STAR EATER’S DELIGHT, immer wehmütiger die Stimmung, das Omnichord spielt den roten Faden, und passend dazu geht es stets um Vergehen, um Ewigkeit und Vergeblichkeit. Alles Leben endet irgendwann im großen Ozean („I Am The River“), selbst im Frühling wird nur geweint („Must Be Tears“) und für „In Verona“ reaktiviert Neale die alte Geschichte von Romeo und Julia, und wie die endete, das weiß man ja.




 


Doch anstatt dort noch tiefer in ihr Innenleben einzutauchen, zeigt sich Lael Neale auf „Star Eaters Delight“ geradezu extrovertiert. Die Musik ist opulenter, erinnert an die ruhigen Seiten von Velvet Underground und, in sphärischen Momenten, auch an Spacemen 3. Im Zentrum steht das gut achtminütige „In Verona“, eine hypnotische Klage über eine von Spaltung und Heuchelei geplagte Gesellschaft: „I don’t belong here!“ Tolle Stimme auch.







18. Mai 2023

Fior Parie - People Die And Leave Their Names


Da wir gestern über Nick & June, ihre neue EP und Wohnzimmerkonzerte sprachen, können wir genau an dieser Stelle mit Fior Parie fortfahren, denn hinter diesem Namen verbirgt sich Suzie-Lou Kraft, die weibliche Hälfte des Duos. 

Ihr Solo-Debüt trägt den Titel „People Die And Leave Their Names“ und bewegt sich zwischen charmantem LoFi-Folkpop und  zartem Dreampop, der an Soko („Clementine“, „L.A. Girl“), Princess Chelsea („Dear Stranger“, „Peach Mouse“) oder Mazzy Star („Aprilfool“, „Charlotte Sometimes Always“) denken lässt. Das Album hat eine ähnlich lange Entstehungsgeschichte wie die „Beach Baby, Baby“ EP, denn erste Songs wurden bereits vor 3 Jahren veröffentlicht, entstand im Münchener "In Our House“-Home-Studio, in dem bereits The Notwist oder Aloa Input aufnahmen, und steht morgen als LP auf limitiertem transparentem Vinyl in den Plattenläden. 

An eine Live-Umsetzung ihres Projektes denkt Suzie zurzeit noch nicht, aber auch innerhalb eines Sets von Nick & June könnten diese Lieder bezaubern und wir würden der Umsetzung eine Bühne bieten… 












17. Mai 2023

Nick & June - Beach Baby, Baby


Wir warten auch tagein tagaus mit der Hand am Telefonhörer darauf, dass sich Nick & June bei uns melden, um das schöne Wohnzimmerkonzert bei uns zu wiedeholen.

Bisher heißt es jedoch täglich „Bonjour Tristesse“, was gleichzeitig der Opener einer neuen EP ist, mit der Nick Wolf & Suzie-Lou Kraft die Wartezeit auf ihr drittes Album, das im nächsten Jahr erscheinen soll, überbrücken. An dieser 7-Song-Sammlung wurde schon seit längerer Zeit gewerkelt, da „My November My“ bereits sechs Jahre zurück liegt und beispielsweise „Anything But Time“ und „Manic Pixie Dream Girl“, die beiden kleinen aber feinen Hits der EP, bereits im Sommer 2021 in unserem Wohnzimmer dargeboten wurde. 

Die bei ihren Konzerten gern gepflegte Tradition, auch persönliche Lieblingslieder anderer Künstler zu spielen, wird auf „Beach Baby, Baby“ mit einer extrem entschleunigten Version von „Can’t Help Falling In Love“ nachgekommen. Zum Abschluss gibt es mit „Starman“ eine weitere Fremdkomposition, bei der mir einfällt, dass Nick & June bei ihrem nächsten Besuch bei uns unsere neuen Birma-Kater Iggy & Bowie kennenlernen könnten.

„Beach Baby, Baby“ beinhaltet 7 Songs und ist digital, als CD und auf blue Vinyl erhältlich

Nick & June unterwegs:
22.07.2023 Nürnberg, Bardentreffen
23.07.2023 Bremen, Irgendwo Open Air
13.09.2023 Aachen, Franz
23.11.2023 Halle, Objekt 5
25.11.2023 Bielefeld, Bunker Ulmenwall











16. Mai 2023

JFDR - Museum


Jófríður Ákadóttir ist die Tochter des isländischen Musikers und Komponisten Áki Ásgeirsson, bekam das musikalische Talent bereits in die Wiege gelegt und gründete mit 14 Jahren - gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Ásthildur - ihre erste Band. Als Mitglied von Pascal Pinon, Samaris und Gangly veröffentlichte sie zahlreiche Alben, war u.a. in Projekte mit Low Roar, Damien Rice oder Ólafur Arnalds involviert und ist seit 2017 unter dem Namen JFDR solo unterwegs. „Museum“ ist nach „Brazil“ (2017) und „New Dreams“ (2020) ihr drittes Album. 

Der Opener „The Orchid“ entführt uns in eine verwunschene Traumwelt, die klingt, als würden Björk, múm und The Irrepressibles zusammen musizieren. Sanfte Streicher, dezentes elektronisches Pluckern und Sirren, dazu das von ihrer Schwester Ásthildur gespielte Piano und die ungewöhnlich metallenen Klänge des traditionellen isländischen Instruments Langspil zu Jófríðurs entrücktem, gehauchtem Gesang. Über 35 Minuten hinweg schweben die 9 Songs zwischen zartem, verträumtem Folkpop und hypnotischem Kammerpop.

Museum“ ist als CD im Digipack und als LP (white Vinyl, clear Vinyl) erschienen. 

JFDR wird zwei Konzerte in Deutschland spielen: 
18.05.23 Köln, Jaki
20.05.23 Berlin, Prachtwerk




Museum is a haunting affair, delicate and understated at all times yet bold enough to be decidedly impressive. This boldness primarily derives itself from JDFR’s magical voice: it is breathy and light, yet self assured and ultimately constitutes the glue that keeps the record focused and comprehensible. Rather than focusing on one aspect of the artist’s style, the album finds a compromise by shrouding a plethora of sounds in Museum’s subdued, greyish aesthetics. While ‘Life Man’ is an oddly upbeat number, it is not guided by its relatively peppy beat: instead, the washed out ambience directs the song to a hazy conclusion underscored by gorgeous harmonies. Closing cut ‘Underneath the Sun’ might feel like a token folksy song at first, yet follows a similar path. Its acoustic guitars are undeniably pristine, however, the true driving force behind the song reveals itself to be JFDR’s vocals atop nearly indistinguishable ambience. 


 


Across nine songs, she deftly hypothesizes what emotional boundaries exist in and beyond her world. It’s an individualistic, tender sermon on healing that arrives as not just a collection of songs, but a full-bodied movement. And, though the themes are well-loved and widely approached in contemporary terms—Ákadóttir brings a refreshing sense of vulnerability to Museum. One of the most generous parts of the project comes through how she considers all of the possible outcomes in the act of infinite romance. Of course, the nirvana of love might prevail; but, it’s very likely that her forever is equally measured in something much more fixed. As she sings near the end of “Underneath The Sun”: “Lost is the answer in the fabric of the clouds / A promise in the distance, whether it saves you or faults.”





15. Mai 2023

Alison Goldfrapp - The Love Invention


10 Fakten zum neuen Album von Alison Goldfrapp:

1. Vor annähernd 30 Jahren steuerte Alison Goldfrapp den Gesang zu Titeln von Orbital („Sad But True“, „Are We Here?“), Dreadzone (“The Good, The Bad And The Dread Part One + Two“), oder Tricky („Pumpkin“) bei und nahm zwei Lieder zum „The Confessional“-Soundtrack mit Stefan Girardet („Bare“, „Mane“) auf. Im Jahr 1999 gründete sie mit Will Gregory das Duo Goldfrapp, das seitdem 7 Alben veröffentlicht hat. Nun ist mit „The Love Invention“ ihr erstes Soloalbum veröffentlicht wurden.

2. Beim in Brighton and Hove beheimateten Dance Label Skint Records (u.a. Roísín Murphy, Hercules & Love Affair) hat Alison Goldfrapp ein für „The Love Invention“ passendes Zuhause gefunden.


 


3. Das Album bietet in seiner regulären Version 11 Songs, die 46:50 Minuten laufen. In der digitalen Deluxe Edition gibt es 6 Bonus Tracks (Remixe etc.), die weitere knapp 30 Minuten bieten. 

4. Zu diesen Bonus Tracks gehört beispielsweise „Impossible“, eine im letzten Jahr erschienene Single mit Röyksopp im „Alison’s „Touch The Sky“ Edit. Nicht enthalten ist „The Night“, eine weitere Zusammenarbeit mit dem norwegischen Duo, die im gleichen Jahr als Single ausgekoppelt wurde.


 


5. Apropos Singles: Im Januar und Februar 2023 erschienen mit „Digging Deeper“ und „Fever“ zwei Singles, die Alison Goldfrapp mit  den DJs/Produzenten Claptone bzw. Paul Woolford aufgenommen hatte. Die als Singles veröffentlichten Fassungen finden sich unter den besagten Bonus Tracks, auf dem Album gibt es die ursprünglichen Versionen der Lieder zu hören, die hier „Digging Deeper Now“ und „Fever (This Is The Real Thing“ heißen.


 


6. Die erste reguläre (Solo-)Single trägt den Titel „So Hard So Hot“ und wurde im März veröffentlicht, im April folgten ihr „NeverStop“ und „Love Invention“. Am Record Store Day erschien zudem ein auf 1000 Exemplare limitierter physischer Tonträger als 12’’ Vinyl. Dieser kombinierte die genannten Kooperationen „Digging Deep“, „Impossible“ und „Fever“ sowie den Album Track „Gatto Gelato“ im Niina Remix, der ebenfalls zu den besagten Bonus Tracks zählt.  


 


7. „The Love Invention“ ist als CD (Digisleeve) und LP (Gatefold; black Vinyl) erschienen. Zudem gibt es limitierte Auflagen der Schallplatte auf purple Vinyl und green Vinyl.

8. „The Love Invention“ gehört in die Kategorie „Lockdown Alben“. Goldfrapp hatten 2017 ihr letztes Studioalbum „Silver Eye“ veröffentlichten und wollten vor der Pandemie eigentlich anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von „Felt Mountain“ touren. Die Tour musste verschoben werden und Alison Goldfrapp hatte plötzlich viel Zeit…

9. Als Produzenten und Co-Komponisten fungierten neben Alsion Goldfrapp James Greenwood (Daniel Avery, Kelly Lee Owens, Teleman) und Richard X (Saint Etienne, Kylie Minogue, Pet Shop Boys), der auch für „Head First“ (2010) erstmals für Goldfrapp arbeitete.

10. Bei Metacritic steht „The Love Invention“ aktuell bei einem Metascore von 77/100 Punkten. In einem ähnlichen Punktespektrum sind die Alben von Goldfrapp zu finden: „Supernature“ (2006) schneidet hier mit 79/100 am besten und „Head First“ (68/100) mit Abstand am schlechtesten ab.

“Fever (This Is the Real Thing)” is sleek and undulating—and markedly more sophisticated than the Paul Woolford piano-house remix of the song that was released earlier this year. With “In Electric Blue,” Goldfrapp dips her toes into M83-style dream-pop, propelled by a rollicking bassline and shimmering synths that ripple like party streamers at a ’80s prom. Throughout songs like that and the infectious “Love Invention,” Goldfrapp sounds like she’s singing through a box of issues—an effect that’s both curious and curiously mesmerizing. (…)
Later in the album, though, when Goldfrapp gets more experimental—or at least dispenses with conventional pop structures—things begin to feel more immersive. “Subterfuge” and “Gatto Gelato” in particular recapture some of the avant-garde magic of 2003’s Black Cherry. The latter song, which lives up its cheeky title, is a synth bass-driven doodle filled with satisfyingly squelchy electro and post-disco flourishes. It’s in moments such as those, when Goldfrapp embraces the comfort zone of her inner weirdo, that The Love Invention feels truly inventive.


 



12. Mai 2023

Tom Meighan - The Reckoning


So unterschiedlich kann eine Trennung gesehen werden. Während Kasabian offiziell von einem einvernehmlichen Ausstiegs ihres Sängers sprechen, nachdem dieser im April 2020 eine körperliche Ausseinandersetzung mit seiner damaligen Freundin hatte und letztendlich zu 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt wurde, stellt Tom Meighan in aktuellen Interviews die damaligen Vorgänge gänzlich anders dar: die restlichen Bandmitglieder isolierten ihn schon zuvor bewusst, Sergio Pizzorno wollte auch die Rolle des Sängers übernehmen, beim Songwriting durfte er sich nicht einbringen und über seinen Ausstieg wurde er nicht persönlich sondern per E-Mail informiert. Seitdem gab es keinen Kontakt zu seinen ehemaligen Bandmitgliedern und diese hätten auch in keinster Weise auf seine Hochzeit mit seiner damaligen Freundin reagiert.

Letztes Jahr legten Kasabian mit „The Alchemist’s Euphoria“ ihr erstes Album ohne ihren ehemaligen Sänger vor, nun lässt Tom Meighan sein Solodebut folgen. 
Für „The Reckoning“ hat er sich mit Bnann (Danny) Watts, der früher Sänger in der Band Infadels war, und dem Produzenten und Schlagzeuger Gareth Young zusammen getan, um gemeinsam Songs zu schreiben. Dabei waren sie offensichtlich recht produktiv, denn einige der vorab veröffentlichten Lieder (etwa „Would You Mind“ oder „Let It Ride“) haben es nicht auf das Album geschafft.

Das Dutzend Songs bietet größtenteils energetischen, dumpf wummernden Alternative Rock, der sich bei Glam-, Elektro- und Psychedelic-Rock bedient und fürs Mitgrölen Laa-la-la-laa-las („Rise“) und Whoo-oohs („Deep Dive“) einstreut, so dass Fans der frühen Kasabian durchaus begeistert reagieren dürften und diese Lieder auf Konzerten, die rund zur Hälfte aus Kasabian-Songs bestehen, zwischen „Shoot The Runner“ und „Club Foot“ nicht weiter negativ auffallen. „Rise“, „Shout It Out“, „Acrobat“ oder „Movin’ On“ seien hier exemplarisch genannt. Mit „Scared“ und „The Reckoning“ gibt es auch zwei Streicher-Balladen, die man pathetisch oder dramatisch nennen darf. 

„The Reckoning“ erscheint über Meighans eigenes Label Destruct Records und ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl oder white Vinyl) erhältlich.











11. Mai 2023

YUUN - I’ve Got My Head In The Cloud, But The Server Is Down


Der Wunsch, in Weimar einen Ort für das Gedächtnis an den dort 1900 verstorbenen Philosophen Friedrich Nietzsche zu errichten, bestand bereits vor über 110 Jahren, umgesetzt wurde er aber erst Mitte der 30er Jahre unter der Herrschaft der Nationalsozialisten. Albert Speer und Adolf Hitler, der den mit Spenden finanzierten Bau auch „aus persönlichen Mitteln“ unterstützte, überarbeiteten die Pläne des ursprünglichen Architekten. Aufgrund fehlender Ressourcen wurde der Bau erst spätet 1940 fertig gestellt, ohne jemals eine Nietzsche-Gedächtnisstätte zu werden, da er in der Endphase des Krieges u.a. als Lagerraum für Kunstgegenstände genutzt wurde. 
Nach dem Ende des Krieges und weiteren Umbauten wurde das Gebäude zu einem Funkhaus umfunktioniert und nahm für rund 30 Jahre auch ein Synchronisationsstudio in sich auf. Bis ins Jahr 2000 wurde aus der Weimarer Humboldstraße 36 heraus gesendet, danach stand das Gebäude größtenteils leer und war dem Verfall überlassen. Die Akustik des Sendesaales hatte einen so guten Ruf, so dass dort über Jahre hinweg Musikaufnahmen stattfanden.  

Davon müssen auch Basti, Jannis und Max von YUUN gehört haben, denn diese haben sich, allen widrigen Umständen trotzend, in den Lost Place in Weimar einquartiert und dort (neben weiteren verlassenen Orten) ihr Debütalbum aufgenommen.

Unter wechselnden Bandnamen ist das Würzburger Trio seit annähernd 10 Jahren aktiv, veröffentlicht aber seit einem Jahr nach und nach als YUUN Songs aus „I’ve Got My Head In The Cloud, But The Server Is Down“. Im September 2022 erschien bereits die erste Hälfte des Albums als EP, nun gibt es auch die fünf restlichen Lieder ihres zwischen leichtfüßigem Synthpop und softem Dreampop tänzelndem Albums. In Playlisten könnte für YUUN ein Plätzchen zwischen Metronomy, Tame Impala und Sébastian Tellier reserviert werden.

„I’ve Got My Head In The Cloud, But The Server Is Down“ ist als CD und LP (clear Vinyl) zu haben.

YUUN unterwegs:
12.05.23 Leipzig, Noch Besser Leben
14.05.23 München, Milla
15.05.23 Berlin, Badehaus (mit Quirinello)
19.05.23 Hamburg, Häkken (mit Quirinello)
20.05.23 Bremen, MS Loretta









10. Mai 2023

The Album Leaf - Future Falling


Während der Pandemie war Jimmy LaValle offensichtlich noch umtriebiger als sonst und so konnte man zwischen verschollenen Nebenprojekten, einzelnen Singles, neu aufgelegten EPs, Überarbeitungen ältererer Alben und mehreren Soundtracks leicht den Überblick verlieren. 

Für sein siebtes Album unter dem Namen The Album Leaf hat er rund 200 Demos gesichtet und letztendlich zehn ausgewählt und fertig gestellt. „Future Falling“, das sieben Jahre nach seinem letzten regulären Album „Between Waves“ erscheint, ist größtenteils instrumental geblieben und kombiniert dabei elektronische und organische Klänge zu düsteren, melodiösen Soundscapes, die eine meditative Wirkung entfachen können. Zahlreiche Mitstreiter steuerten im Studio Synthesizer-, aber auch Gitarren-, Geigen- oder Bläser-Aufnahmen bei. Mit Kimbra und Natasha Khan (Bat For Lashes) konnten für „Afterglow“ und „Near“ auch zwei prominente weibliche Gaststimmen gewonnen werden.

Future Falling“ ist bereits digital erschienen, auf die limitierte Doppel-LP (neon pink Vinyl) muss man noch bis zum 19. Mai warten.

  
 


Oftentimes, Future Falling sounds like the soundtrack to the 12 stages of grief. The mostly instrumental album starts off on a sullen note with the subdued “Prologue” and “Dust Collects.” Flip the record to side B—turn over the new Leaf, so to speak—and the sentiments are similar on songs like “Give In” and “Cycles.” Thankfully, LaValle is one to loyally stick by the grieving—and there’s no escaping him on an Album Leaf record. Like a hospice expert or a Stephen Minister, he offers guidance as death slowly takes hold, the colorful leaves outside the hospital window dancing, somersaulting, and crumbling apart on the ground until their, and our, inevitable demise. (…)
Never does LaValle get as dark as, say, Mogwai, even when The Album Leaf sometimes sounds an awfully lot like them (see: “Breathe”). He never goes down the same dark but often gaudy tunnel as Perturbator or other newer instrumental projects inspired by John Carpenter soundtracks.


  


The LP flows gently from beginning to end, bobbing on a sea of calm ~ the same name as one of LaValle’s apps.  Even the bubbling “Afterglow” keeps its percussion light enough to melt into the surrounding tracks, its synth echoing the horns of “Dust Collects.”  And while Natasha Khan (Bat for Lashes) calls her track “a sort of ambient fairytale,” the same could be said of the entire set.  One can see this in the visualizer for “Future Falling,” as colors and shapes vibrate and morph ever so slightly during the course of the ambient, piano-led piece.
As the album progresses, the trajectory is revealed through a trio of action titles:  “Breathe,” “Give In,” “Stride.”  Without recorded words, LaValle is giving advice to himself and others.  The first is an invitation to pause, relax, just breathe, the peaceful chimes a reassurance.  The second implies healthy surrender, letting go, the percussion a sign of resolve.  The tempo increases in the third and most confident piece, settling on a walking pace that is brisk but not fast.  The horns return, triumphant, a promise of what might come should the first two directives be embraced.  LaValle has lived through this cycle, emerged intact, and returned to tell his story.  





9. Mai 2023

The Smashing Pumpkins - Atum

 

Vorhang auf und Bühne frei für Billy Corgans dreiteilige Rock Oper „Atum“ am Rande zum Größenwahn: 33 Songs, die knapp 140 Minuten laufen, den Abschluss einer Geschichte bilden sollen, deren Erzählung mit „Mellon Collie And The Infinite Sadness“ begonnen und mit „Machina / The Machines Of God“ fortgeführt wurde, und beim exklusivsten physischen Tonträger noch um 10 weitere Lieder ergänzt werden! Besagtes limitiertes und schickes Boxset kostet 499 USD. Versandkosten (und Steuern) kommen zusätzlich hinzu.

Um uns nicht zu viel auf einmal zuzumuten, hat Corgan die drei Akte zeitlich versetzt veröffentlicht, aber bereits die Reaktionen auf den ersten Teil waren hier bei Platten vor Gericht bescheiden: Nur 4,3 Punkte gab es im Durchschnitt, schlechter schnitt im Jahr 2022 keine andere Platte ab

Auf „Atum“ findet sich eine Vielzahl an gitarrigen Rock-Songs unterschiedlichster Güteklasse sowie Härteausprägung, von denen einige (etwa „Empires“ oder „Spellbinding“) auch auf den besten Alben der Smashing Pumpkins eine passable Figur abgegeben hätten. 

Leider gibt es mindestens eben so viele verzichtbare bis ärgerliche Synth-Pop-Songs („Night Waves“, „Pacer“ oder „Hooray!“), bei denen man sich fragt, ob Gitarrist, Bassist und Schlagzeuger so gar kein Mitspracherecht im Studio hatten. Denn von James Iha, Jeff Schroeder und Jimmy Chamberlin ist unter den dominierenden (teilweise billig anmutenden) Synthie-Klängen kaum etwas zu vernehmen. Statt dessen gibt es häufigen weiblichen Backroundgesang und gelegentlich epische Ausflüge in eine Richtung, die freundlichst mit sphärischem Sci-Fi-Soundtrack umschrieben werden darf („Sojourner“, „Intergalactic“). 

In einer Liga mit „Today“, „Disarm“, „Tonight, Tonight“, „Bullet With Butterfly Wings“ oder „Stand Inside Your Love“ (um nur einige zu nennen) spielt jedoch kein Song auf „Atum“.

„Atum“ ist mit leichter Verspätung Anfang Mai erschienen und in den regulären Versionen in Form von 3 CDs oder 4 LPs erhältlich. 







8. Mai 2023

Matt Maltese - Driving Just To Drive


Heute gibt es eine Portion Piano-Pop für Freunde von Ben Folds oder Billy Joel. Die beschwingteren Songs aus „Driving Just To Drive“ könnten gut aus dem Autoradio erschallen, wenn man mit seinem Fahrzeug quer durch die USA braust. Jedoch stammen sie nicht von einem US-amerikanischen Künstler, sondern vom 25-jährigen Matt Maltese, der aus dem englischen Reading stammt und seine ersten Songs bereits als Teenager komponierte. 

Ausgerechnet der Titelsong kommt etwas schwerer und düsterer daher und lässt an eine Radiohead-Ballade denken, beim anschließenden „Hello Black Dog“ meint man, von Rufus Wainwright begrüßt zu werden.

Dank TikTok sorgte eine seiner frühen Single namens „As The World Caves In“ in den letzten Jahren für reichlich Aufmerksamkeit. Matt Maltese veröffentlichte jüngst via Nettwerk bereits sein viertes Studioalbum.  


 


‘Florence’ also reflects on youthful exuberance, dressed as a piano bar ballad and cited as a “pretty old song”, originally written as a flourish of inspiration from a Florence and the Machine gig. Stirring, Maltese builds a chorus brick by brick with his signature satin voice, unvarnished and delicious like the bygones he presents. 
‘Museum’ is another track for the sentimentalists, bittersweetness painted by warbling guitars and the poetic detail of prosaic beauty that comes with visiting your hometown. As a working class home counties expat, ‘Museum’ feels like looking in a mirror. (…)
‘Driving Just to Drive’ ends with bittersweet return to the piano stool – ‘But leaving is’. Maltese accepts the reality of letting go, and vows to take love at face value.
The listener may also deduce that this is the best way to receive Maltese’s latest project – as is, rather than wanting more. ‘Driving Just to Drive’ drives safely. Perhaps too safely. We may yearn for Maltese to put his foot down, but it could be argued there is solace in safety. Not everything has to be hell for leather.


 


With its unhurried vibe and ebullient, largely optimistic melodies, for Maltese, ‘Driving Just To Drive’ represents a major change – and one that he commands. That sense of release is evident not only in the wide spectrum of styles he adopts here, but in the certainty with which he pushes his homespun pop sound outwards. Guided by a funky piano line, ‘Florence’ conjures warm memories of a transformative teenage gig for Maltese; later, ‘Suspend Your Disbelief’ luxuriates in an ambiance of lo-fi sound effects, banjos and peppy drums. A guest vocal from Biig Piig on ‘Coward’, meanwhile, amplifies a set of luminous harmonies. (…)
Despite its overarching playfulness, ‘Driving Just To Drive’ has a central, standout moment of disquiet. On ‘Widows’, Maltese’s lyrics feel purposefully restrained: “And pull your blinds up / Watch the sky fall / Catch the birds’ funeral song.” Fans of Maltese’s typically lucid approach may find this impressionism frustrating, but it gradually builds an effective picture of fear. Here, his sense of scale is more nuanced and outward-facing than ever before, and in turn, Maltese’s writing will continue to become all the more captivating for it.
(NME)


 



5. Mai 2023

Jungstötter - One Star


Selbstverständlich erhielt „One Star“ weder beim Rolling Stone noch im Musikexpress eine Ein-Stern-Bewertung, denn der ehemalige Sizarr-Sänger liefert auch mit seinem zweiten Soloalbum auf hohem Niveau ab. 4 von 5 Sternen (Rolling Stone) bzw. 4 von 6 (Musikexpress) sind es letztendlich geworden.  

Vier Jahre sind seit Fabian Altstötters erstem Album „Love Is“ vergangen und haben zu einem bisweilen dramatischen Kammerpop-Album mit größtenteils verschachtelten Liedern geführt, die sich dem Hörer weniger schnell erschließen als noch beim Vorgänger, der bei Platten vor Gericht 2019 auf Platz 9 landen konnte. 

In die ausgefeilten Arrangements investierte er offensichtlich viel Zeit und Mühe, denn hier werden auf vertrackte Rhythmen fulminante Streicher und Bläser geschichtet, klangliche Experimente gewagt und elektronische Sounds eingebettet. Das zweite Werk von Jungstötter kann man sich als ein Aufeinandertreffen von Björk und Nick Cave oder The Notwist und Antony And The Johnsons oder Patrick Wolf und Soap&Skin vorstellen. Die zuetzt genannte Anja Plaschg ist übrigens die Partnerin von Fabian Altstötters und wurde mit ihrem letzten Album „From Gas to Solid / You Are My Friend“ hier zum Album des Jahres 2018 gewählt. Vielleicht gelingt auch Jungstötter ein solcher Überraschungscoup?


 


Atemberaubend dunkel schillern die Farben der Songs, Melancholie ist allgegenwärtig, was sicher auch daran liegt, dass Altstötters Partnerin Anja Plaschg alias Soap&Skin „musische und künstlerische Impulse“ beigesteuert hat. Die samtigen Arrangements sind außerordentlich komplex, wirken dabei aber nie überladen oder effekthascherisch. „One Star“ ist von einer glanzvollen Künstlichkeit, die man so in Deutschland lange nicht gehört hat.


 


Die dichte Produktion auf ONE STAR vereint mal schwelgerische, mal knarzende Streicher, vertrackte Percussion und schwermütige Bläser mit Altstötters hochdramatischem, immer etwas zittrigem Gesang.
Und lässt viel Raum für Stille: Bei „Sensation“ etwa, einer ruhigen E-Piano-Ballade, die nach rund einer Minute scheinbar aufhört. Der folgende Refrain kommt aus dem Nichts mit Trompeteneinwürfen, stotterndem Beat und desorientierenden, flirrenden Synths. So beeindruckend Produktion und viele kleine Sounddetails sind – zum ganz großen Wurf fehlt Abwechslung.
Alles ist sehr düster, fast gruselig was Altstötter an Songs versammelt hat. Seltene Momente spröder Schönheit, wie ein himmlischer Chor heben etwa den Titeltrack auf ein anderes Level – und verstärken durch den Kontrast die beklemmende Grundstimmung sogar.