31. Juli 2026

Spearmint - Chase Me


Und direkt noch ein Konzeptalbum hinterher: Die Idee entstand bei einem Spaziergang in Südlondon von Sänger Shirley Lee mit seiner Frau. Ursprünglich dachte er über ein Drehbuch für einen Thriller nach, in dem sich jemand, um wieder etwas Spannung in sein leben zu bekommen, per App von einem maskierten Verfolger durch die nächtliche Stadt jagen lässt. Da die Band keine Filme sondern Musik macht, verwandelten sie das Konzept in ein 16-teiliges Album rund um drei Verfolgungsjagden und Liebe in der Großstadt. 

Chase Me“ entstand in London, stellt die sechste Zusammenarbeit mit dem Produzenten Rhodri Marsden da und ist als CD und LP (black Vinyl) erhältlich. Die Schallplatte enthält ein exklusives 24-seitiges, farbiges Textbuch mit Zeichnungen/Fotos sowie den exklusiven Bonus-Track „Is It Just Nostalgia?“. Es ist das elfte Album von Spearmint, zu denen neben Sänger und Haupt-Songwriter Shirley Lee seit 27 Jahren noch Simon Calnan (Gesang, Keyboards), James Parsons (Gitarre, Bass) und Ronan Larvor (Schlagzeug) gehören, und die fünfundsechzigste Veröffentlichung auf ihrem eigenen hitBACK Label. 

Das Album bewegt sich zwischen den Polen „Go Outside“ (tanzbarer, harscher Gitarrenpop) und „Leave Something Behind“ (Streicher durchtränkte Ballade). Anspieltipps aus dieser tollen, tollen, tollen Indiepop-Platte sind die beiden Singles „1986“ und „Stop Singing Baker Street“ sowie „I’m Not OK“ und die abwechslungsreichen und mit zahlreichen Ideen voll gepackten „The Chase“ und „Still Falling“.

Und da Shirley Lee ja die Idee zu einem Film hatte, zitiere ich zum Abschluss noch aus einem solchen:
„It pains me that we live in a world where nobody's heard of Spearmint.“


 


In an alternate and just universe, Spearmint would be huge. Musically, their songs are hook-ladened and radio friendly while the lyrics are heartfelt, emotional and vulnerable with unique angles. While ‘Chase Me’ is best listened to in full to get full value from its narrative arc, it contains many songs that would make wonderful singles. The album’s ambition proves the value of Spearmint being able to contentedly pursue their own vision. It is always a delight to enter their world.




30. Juli 2026

Luke Haines - Izzy Wizzy Let’s Get Bizzy


Vorhang auf, Abrakadabra und Simsalabim! Hier kommt Luke Haines mit seinem neuen Album „Izzy Wizzy Let’s Get Bizzy“. 

Wenn Haines die Bühne betritt, kann man sich auf einiges gefasst machen – schließlich lässt sich der Altmeister des Brit-Pop ungern in die Karten schauen. Mit „Izzy Wizzy Let's Get Bizzy“ zieht er nicht einfach nur ein neues Kaninchen aus dem Hut, sondern verzaubert seine Hörer mit reinster Magie des alten britischen Kinderfernsehens der 60er und 70er Jahre. Mit der Aura eines modernen Schamanen und der Gelassenheit eines musikalischen Druiden führt er durch die bizarre Welt der alten TV-Zauberer.

Wer gehofft hatte, der Musiker würde sich nach Jahrzehnten im Geschäft unsichtbar machen, sieht sich getäuscht, denn Haines zieht auf diesem Werk noch einmal sämtliche stilistischen Tricks aus dem Ärmel. So hext er dreizehn psychedelische Songs (und eine Reprise) zwischen Folk und Glam-Rock herbei, die vor schrägen Einfällen nur so strotzen. Mit spitzer Zunge und scharfen Akkorden verwandelt er nostalgische Jahrmarkt-Nostalgie in pures Gold (auch wenn das Album nur als silberne CD und auf schwarzem Vinyl palmiert) – und beweist einmal mehr, dass er nicht nur mit der Gitarre, sondern auch mit Worten bezirzen kann. Haines schwingt also ein weiteres Mal den musikalischen Zauberstab und zieht - nach zahlreichen Alben mit The Auteurs, Baader Meinhof, Black Box Recorder, solo oder in Kooperation mit Peter Buck - ein neues Ass aus dem Ärmel – ein wirklich eben so gelungenes wie obskures Werk.


 


Haines seems to find television a somewhat disturbing presence to begin with, while the stuff that was beamed into living rooms specifically intended for youngsters especially fascinates him. Then again, seeing horror movies you're supposedly too young to see plays into the formula ("The Omen 2"), as well as religious programming ("Spiritualist Church at 7.30pm Every Other Wednesday"). However, for the most part Izzy Wizzy Let's Get Bizzy focuses specifically on children's programming, which he recalls with a blend of wonder and disbelief, as if he discovered a secret that was hiding in plain sight. The details of the songs will be a challenge for listeners outside the United Kingdom, who are probably utterly unfamiliar with shows like Sooty, Children of the Stones, or Magpie, though his psychedelic memories of Mama Cass on Scooby Doo, Where Are You? will certainly resonate with Americans who grew up infatuated with Daphne or Velma. While many of Haines' recent albums were created in collaboration with Peter Buck and boasted rich arrangement and production, Izzy Wizzy takes a simpler approach, and the keening synthesizers, minimalist percussion, and occasional interjections of flutes and buzzy guitars lends this music a ghostly feel that suits the songs, with the stage whisper of Haines' vocals the crowning touch. Izzy Wizzy Let's Get Bizzy feels less like a major work from Haines than something he did for fun, and it's likely best suited for fans who already knew and enjoy his work, though it absolutely delivers on what it sets out to do, and if you grew up with mixed feelings about the images on that screen in the living room, this album's a must.


28. Juli 2026

Dodgy - Hello Beautiful


Zehn Jahre nach ihrem letzten Studioalbum machen die Britpop-Veteranen von Dodgy klar: „It’s Not The End“. 


 


Nach einer so langen Pause stellt sich allerdings die Frage, ob die Band heute noch Relevanz besitzt oder lediglich den Sound der Vergangenheit verwalte. Zumindest für die treue Fanbasis dürfte das siebte Studioalbum wie ein vertrautes Wiedersehen wirken dem ein begeistertes „Hello Beautiful“ entgegen gerufen wird.


 


Musikalisch setzen Dodgy wie gewohnt auf leichtfüßigen, sommerlichen Gitarrenpop. Tracks wie „Summer Forever“versprühen zuverlässig genau die sonnige Leichtigkeit, die man seit den 90ern von ihnen kennt. Das ist handwerklich absolut solide und lädt mit seinen sanften Melodien dazu ein: „Fall Into Me“ – lass dich einfach treiben, ohne groß nachdenken zu müssen. 


 


Gleichzeitig macht die Band kein Geheimnis daraus, wo ihre Inspirationen liegen: Mit üppigem Harmoniegesang, Streichern und Bläsern sowie deutlichen 60s- und 70s-Anleihen wirkt die Produktion unweigerlich etwas „Out Of Time“. Die Platte ist ein unverblümtes „Looking Back“ in musikalisch vergangene Zeiten (Electric Light Orchestra, The Beatles, Supertramp) – was je nach Perspektive als zeitlos charmant oder eben leicht überholt wahrgenommen werden kann.


 


Sollten Musikkritiker das Ganze als etwas zu gefällig oder altbacken abtun, antwortet Band und Fans offensichtlich mit „Call It What You Want“. Ob man es nun als gelungene Retro-Geste oder als bemühten Nostalgie-Aufguss verbucht: „Hello Beautiful“, veröffentlicht über Flip Flop Records als CD und LP (black Vinyl), bringt keine Revolutionen mehr mit sich, bietet Fans aber genau die gewohnte Dosis Optimismus, die sie erwarten.


 


Gleich der Titelsong-Singalong ist so ein unaufgeregtes Stück Positivismus, dass es entwaffnend ist – auch wenn der Opener exemplarisch für die meisten Stücke zu lange dauert und irgendwann unverbindlich plätschert, die Eingängigkeit zu belanglos und nett ohne wirklichen Kanten hofiert. The Likes of You and Me orientiert ein ein bisschen psychedelischer tändelnd am Insel Rock-Einerlei mit 60s-Vibe samt opulenter angehauchten orchestralem Finish und It’s Not the End wird als schöne Ballade von Bläsern begleitet.
Das friedliche, hippiesk gezupfte Call it What You Want schippert tänzelnd dann nach vorne, zwischen The Coral und Midlake, revidiert seine Ausrichtung hinten raus aber überraschend in den funky Twist, derweil das gut gelaunte Summer Forever eher zu den Beatles schielt und der solide Filler Looking Back (im Gegensatz zum eher eindruckslosen Out of Time) ein gelungenes Solo zu den immer angenehm zurückhaltenden Arrangements stellt.
Ja, streng genommen stimmt es schon: So wirklich konkret hängen bleibt wenig davon, das meiste ist einfach zu gefällig und harmlos angelegt.
Nicht nur wenn sich Fall in to Me (in dem irgendwo ein großer Song stecken sollte) und vor allem Beside Me aber wie niemals restlos in Griffweite kommende Erinnerungen an aus der Zeit gefallene Klassiker anfühlten, haben einen die Underdogs mit Hello Beautiful dann aber eben doch einmal mehr – wenngleich eher vielversprechend, als befriedigend – an der Angel. Und man rundet wertungstechnisch auf, wie es wohl nur mit langjährigem Sympathie-Bonus halbwegs zulässig ist.



Mary In The Junkyard - Role Model Hermit


Die erste Vorladung (IX-MMXXVI)

Personalien:
Keine Mary in der Londoner Band Mary In The Junkyard, statt dessen Clari Freeman-Taylor (Gesang, Gitarre), Saya Barbaglia (Viola, Geige, Bass) und David Addison (Schlagzeug, Percussion).

Tathergang:
Früh übt sich: Clari und Saya lernten sich bereits mit 14 Jahren in Sommerlagern für klassische Musik kennen, Clari und David spielten bereits gemeinsam in der Indie-Rock-Band Second Thoughts, 2022/2023 formierten sie sich in London als Trio und erspielten sich live eine wachsende Fangemeinde. 2024 wurde die von Richard Russell (Damon Albarn, Peter Gabriel, Gil Scott-Heron) produzierte EP „This Old House“ veröffentlicht (black Vinyl, clear transparent Vinyl, seafoam green Vinyl, ripple effect transparent seafoam and black Vinyl), in diesem Monat folgte das Debütalbum über AMF Records. Produdiert wurden die 11 Songs von Oli Bayston (Olivia Dean, Fat Dog).

Plädoyer:
Mit unkonventionellem Songstrukturen, ungewöhnlicher Instrumentierung (Viola, Geige, Akkordeon) und Sprechgesang haben sich bereits andere britische Bands, wie Dry Cleaning oder Black Country, New Road einen Namen gemacht. Mary In The Junkyard schlagen mit ihrem intimen Art Rock einen ähnlichen Weg ein. 

Zeugen:

Vor allem Clari Freeman-Taylor (Gitarre, Stimme) beeindruckt dabei mit wandlungsfähigem, fast hypnotischem Gesang, bei dem es von zarten Nuancen zu wütenden Ausbrüchen oft nicht weit ist. Schon die vorab veröffentlichte Nummer „Crash Landing“ glänzte mit prägenden Orgel-Drone-Sound und cineastischer Tiefe, während das vertrackte „Blood“ oder das kribbelige „New Muscles“ die enorme dynamische Reife der Band unterstreichen. Saya Barbaglias vielschichtige Läufe auf Bass und Viola (!) verschmelzen dabei nicht selten bruchlos mit David Addisons packenden, vom Post-Punk inspirierten Drums. Auf den Spuren von Adrianne Lenker oder Wolf Alice – und doch oft betont idiosynkratisch – verwebt „Role Model Hermit“ verwebt düstere Fabeln mit surrealen Geschichten und radikaler emotionaler Direktheit: Ein lebendiges, atmosphärisches Kunstwerk voller reizvoller Kontraste.

Im Schlüsselstück „New Muscles“ verkehrt sich der innere Rückzug ins Gegenteil. Statt in Selbstzweifeln zu verharren, geht es darum, sich und das, was man geleistet hat, anzunehmen. Das Motiv der Selbstliebe klingt bereits im Opener an: „It is yours babe, you deserve it“ lautet das Mantra in Dauerschleife. Ein sperriger Auftakt, bevor „Blood“ mit lockerem Groove loslegt. Im Zentrum steht Clari Freeman-Taylors wandlungsfähiger Gesang. Mal verfällt die helle Stimme in einen beiläufigen, an Dry Cleaning erinnernden Erzählton, wenig später überschlägt sie sich, klingt wütend oder weinerlich.

Wenn dann noch mit vertrackten Rhythmen, verspielten Gitarren- und schrägen Viola-Klängen Dynamik erzeugt wird, fühlt man sich wie im Wonderland. Nur die gefälligeren, teils folklastigen Momente im letzten Drittel nehmen dem Album etwas von seiner wilden Energie. Dafür wartet am Ende mit „Mouse“ wieder ein Höhepunkt. 

Indizien und Beweismittel:


 


 


 


Ortstermine:
-

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...



27. Juli 2026

JJerome87 - The Canyon


Lang (mehr als 4 Jahre) nichts mehr gehört von unseren Siegern (Alt-J) des Jahres 2012 gehört. So gut (Platz 1 mit 8,500 Punkten) schnitt die Band aus Leeds (England) nach ihrem Debütalbum („An Awesome Wave“) nicht mehr ab, auch wenn die drei folgenden Alben („This Is All Yours“ (Platz 4 mit 8,125 Punkten), „Relaxer“ (Platz 26 mit 7,500 Punkten) und „The Dream“ (Platz 12 mit 7,875 Punkten)) sich hier (Platten vor Gericht) konstant in den oberen Gefilden des Jahresendlisten (2014, 2017 bzw. 2022) tummelten.

Nun hat Joe Newman (als JJerome87) ohne die beiden anderen Alt-J-Mitglieder (Thom Sonny Green, Gus Unger-Hamilton) ein Soloalbum („The Canyon“) veröffentlicht. Die größtenteils sanften, vielschichtigen und cineastischen Lieder (10 plus ein Interlude) entstanden in Zusammenarbeit mit dem Produzenten Carlos de la Garza (Paramore, Best Coast, Bad Religion) und wurden zunächst nur über seine Webseite (www.jjerome87.com) veröffentlicht, erreichten aber mit etwas Verzögerung (sechs Monate) nun über Streaming-Dienste und als physische (CD und LP (black Vinyl, cream Vinyl, orange Vinyl)) Veröffentlichung (Mushroom Music) auch ein breiteres Publikum. Zu zwei („Brush Me Like A Horse“, „Track And Field“) der vier („Mr. Alligator“, „Green Velvet“) zuvor veröffentlichten Singles wurden Videos veröffentlicht, die man sich hier ansehen kann (unten).  

Der Autor (Josef Winkler) einer deutschen Musikzeitschrift (musikexpress) vergab an das Album eine stolze Wertung (5,5 von 6 Sternen):

Der Sound ist weich wie Zuckerwatte, die Melodien streicheln die Seele, Gitarren lauschen verliebt dem eigenen Klang hinterher, himmlische Gospelchöre kommen vorbei, der Blues schlürft ums Eck, und alles umfließt einen wie das Meer am Ende eines endlosen Sommers. Dass es mit „Quaaludes“ einen Song über das Beruhigungsmittel Methaqualon gibt, ist kein Wunder.

„Brush Me Like A Horse“ wiederum erzählt die Geschichte von dem Mann, der langsam in ein Pferd mutiert, aber es mutet weniger kafkaesk an als eher wie ein Märchen, eine Gutenachtgeschichte, alles atmet eine beruhigende Naivität. Und zum Ende von „Two Hearts“ schrauben sich schließlich die Streicher in die Höhe, als würden sie auf der Serpentinenstraße den Canyon erklimmen. Die Aussicht von dort oben ist grandios.


 




24. Juli 2026

10 Schallplatten, die uns gut durch den August bringen


10. Phoebe Bridgers - Lost Weekend (Rogue Planet Vinyl) (2 LPs) 14.8.2026






9. Weezer - Weezer (The Gold Album) (Indie Edition) (Gold Vinyl) 21.8.2026






8. Voxtrot - Early Music (Tiger Eye Vinyl) 14.8.2026






7. Black Marble - LIFE IN SMALL SPACES (Transparent Orange Vinyl) 21.8.2026



6. Happy Mondays - Pills'n'Thrills And Bellyaches (Limited Edition) (Boxset) (5 LPs) 21.8.2026





5. Pulp - Live! (Blue Vinyl) (2 LPs) 28.8.2026



4. Paul Heaton - Jenius (180g) (2 LPs) (Gold Viynl) 21.8.2026



3. Dinosaur Jr. - There Near (Splatter Vinyl) 28.8.2026






2. Interpol - This Mirror Weighs A Ton (Indie Edition) (Transparent Red Vinyl) (2 LPs) 28.8.2026



1. Jonathan Bree - Don't Call It Love (2 LPs) 28.8.2026






23. Juli 2026

The Strokes - Reality Awaits


10 Fakten zum neuen Album von The Strokes:

1. Auf einen Monat mehr oder weniger kommt es nun auch nicht mehr an. Ursprünglich war das neue Album von The Strokes für den 26. Juni angekündigt worden, jetzt erscheint es erst am 24. Juli. Die verlängerte Wartezeit auf „Reality Awaits“ (nun 6 Jahre, 3 Monate und 14 Tage) liegt immer noch unter der zwischen den Vorgängern „Comedown Machine“ und „The New Abnormal“ (7 Jahre und 15 Tage). Strokes-Fan-Herz was willst du mehr?

2. Vielleicht mehr Musik als „Reality Awaits“ bietet? Die 9 Songs in 42:39 Minuten wirken erst einmal wenig, aber auch „The New Abnormal“ hatte zuletzt lediglich neun Lieder zu bieten und gleich vier Alben der New Yorker Band weisen eine teilweise deutlich kürzere Laufzeit auf („Room On Fire“ ist bereits nach rund 33 Minuten einmal durchgelaufen).

3. RCA konnte 2001 einen Bieterwettstreit gewinnen und The Strokes unter Vertrag nehmen. Das hat sich vermutlich für das Label gelohnt, denn seitdem sind alle sieben Alben über dieses Label erschienen und allein in den USA konnte man mehr als 6 Millionen Tonträger verkaufen. In den dortigen Charts konnte das Quintett bisher nicht über Platz 4 („Room On Fire“, „First Impressions Of Earth“ und „Angles“) hinaus kommen, in Deutschland gelang lediglich „Room On Fire“ der Sprung in die Top Ten (#6) und im Vereinigten Königreich ist - gemessen an den Chart Positionen - „First Impressions Of Earth“ das erfolgreichste Album, da es Platz 1 erobern konnte.

4. Wie beim Vorgänger „The New Abnormal“ saß auch diesmal Rick Rubin (Johnny Cash, Red Hot Chilli Peppers, Weezer, Adele, Lady Gaga, Beastie Boys, Run-DMC) auf dem Produzentensessel. Dieser bestätigte die Aufnahmen in Costa Rica bereits 2022 in einem Podcast. 

5. Bis zur Veröffentlichung der ersten Single sollte aber noch ein wenig Zeit vergehen: „Going Shopping“ kam Anfang April 2026, einen Tag nach der Albumankündigung  heraus. Das dazugehörige Video mit dem Schauspieler Walton Goggins („Fallout“, „The White Lotus“) erschien Ende Juni:


 


6. Bevor die erste Single „Going Shopping“ auf Streaming-Plattformen wie Spotify oder Apple Music erschien, verschickten The Strokes physische Kassettenbänder mit dem neuen Song per Post an genau 100 ausgewählte Fans.Diese hatten sich zuvor über den offiziellen SMS-Promodienst der Band angemeldet, ohne zu wissen, was sie im Briefkasten erwarten würde.

7. Der zweite, im Mai veröffentlichte Song trägt den Titel „Falling Out Of Love“ - ob ein Video dann Ende Juli folgen wird? 
Die in den Charts erfolgreichste Single schein „Juicebox“ aus dem Jahr 2005 zu sein. Es ist eine von zwei Top Ten Singles im UK (#5 und damit zwei Ränge besser als „12:51“) und die einzige Single, die es in die deutschen Charts (#100) sowie die US Billboard Top 100 (#98) schaffen konnte.


 


8. Das Cover-Artwork für das Album „Reality Awaits“ basiert auf dem Werk „(Untitled) Cowboy“ von Richard Prince aus dem Jahr 1989. Die Fotografie stammt aus Princes berühmtester Werkserie der 1980er und 1990er Jahre. Für diese Serie fotografierte er bestehende Werbeanzeigen der Zigarettenmarke Marlboro ab („Rephotography“), schnitt den Text sowie die Markenlogos heraus und vergrößerte die Motive der Cowboys zu monumentalen Kunstwerken. Die Strokes setzen damit ihre Tradition fort, für ihre Album-Cover Werkschauen berühmter New Yorker bzw. US-amerikanischer Künstler zu nutzen, wie bereits 2020 bei „The New Abnormal“ mit einem Gemälde von Jean-Michel Basquiat.

9. „Reality Awaits“ ist als CD und LP (black Vinyl) erhältlich. zudem gibt es drei weitere farbige LP-Varianten: tri color marble Vinyl, metallic gold Vinyl, black ice glitter Vinyl.



10. The Strokes gehen auf Tournee und es gibt zwei Konzerte in Deutschland. Das sind die Termine:
13.10.26 Düsseldorf, PSD Bank Dome
15.10.26 Berlin, Uber Arena



22. Juli 2026

The Temper Trap - Sungazer


Den 50. Geburtstag seines 1972 in Melbourne gegründeten Labels Mushroom Records hat der 2021 verstorbene Michael Gudinski nicht mehr miterlebt. So fanden die Feierlichkeiten zum Jubiläum unter der Federführung seines Sohnes Matt statt und gipfelten in einem riesigen Konzert unter dem Motto „50 Songs for 50 Years“. Unter anderem traten dort The Temper Trap auf, die seit beginn ihrer Karriere eng mit der Mushroom-Familie verbunden waren.  Sie spielten an diesem Abend sowohl ihren größten Hit „Sweet Disposition“ als auch - der thematischen Vorgabe folgend -  eine Coverversion, nämlich „Under The Milky Way“ von The Church. 

Dougy Mandagi (Gesang, Gitarre), Jonathon Aherne (Bass), Toby Dundas (Schlagzeug) und Joseph Greer (Keyboard, Gitarre) hatten 2016 zuletzt ein Album veröffentlicht und 2019 eine Auszeit beschlossen. Gelegentlich spielte man zusammen Konzerte, aber neue Musik gab es von The Temper Trap für fast eine Dekade nicht zu hören. 

Dies änderte sich Ende 2025, als mit „Lucky Dimes“ und „Giving Up Air“ zwei Singles veröffentlicht wurden, die stilistisch für eine leicht veränderte Ausrichtung ihres vierten Studioalbums stehen sollten. Ihren gitarrigen Indierock kombinieren sie mal weniger („Lucky Dimes“) und mal mehr („Giving Up Air“) mit elektronischen Einflüssen sowie Synthesizer-Pop-Texturen. Für mich persönlich ist hier weniger mehr und daher zählen Songs wie „Into The Wild“, „Runaways“ oder „Dystopia Radio“ zu meinen Favoriten. 

„Sungazer“ ist als CD und LP (Black Vinyl, Blue Vinyl, Splatter Blue Green White Vinyl, Red/Blue/Green Handpour Vinyl, Red/Yellow/Green Handpour Vinyl, Blue & Black Sunburst Vinyl, White/Red/Magenta Splatter Vinyl) erhältlich und steht aktuell bei Metacritic bei einem Metascore von 74/100 Punkten.


So schafft "Sungazer" das Kunststück, trotz seiner konstanten Verhaftung im soften Indie-Pop-Rock kaum einen Song wie den anderen klingen zu lassen. "Halfway" stolpert mit Jangle-Riff und Peter-Hook-Gedächtnisbass vorwärts, bis der pulsierende Post-Punk von "Dystopia radio" das Momentum aufgreift und im Finale die Saiten durchs Gewitter tanzen lässt. Der Closer "Kuru" übt sich schließlich in ungewohnter Reduktion, nur um die Regler doch wieder hochzufahren und einen Streicher-gestützten Schlussakt im Geiste der frühen Arcade Fire zu zelebrieren – und damit ein "sense of wonder" zu vermitteln, wie es im Buche steht. The Temper Trap beweisen, dass sich die Neugier auch nach dem Erwachsenwerden bewahren lässt.


 


 




21. Juli 2026

Temples - Bliss


Offensichtlich konnte die Band aus Kettering selbst in ihrer britischen Heimat immer weniger Plattenkäufer und Musikhörer für ihren retrolastigen Psychedelic-Rock begeistern. Während das Debütalbum „Sun Structure“ (2014) mit Platz 7 noch die Top Ten der Charts erreichen konnte, ging es dort danach stetig bergab: „Volcano“ (2017) kam auf Platz 23, der Nachfolger „Hot Motion“ (2019) auf Platz 51 und „Exotico“ (2023) verfehlte zuletzt komplett die Hitlisten. 

Offensichtlich versuchen es James Bagshaw (Gesang, Gitarre), Adam Smith (Gitarre, Keyboards), Thomas Walmsley (Bass) und Rens Ottink (Schlagzeug) nun mit einem Neuanfang. „Bliss“ wurde einerseits von Temples komplett selbst produziert, abgemischt und gemastert sowie in ihrem bandeigenen Studio in Northamptonshire aufgenommen, andererseits orientiert es sich stark an der Rave- und Clubkultur der 90er Jahre und deren wummernden Beats. Temples lassen also in ihren Psychedelic Rock vermehrt Electronica, Dance und Synth-Pop einfließen. 


 


Beim Opener und der ersten Single „Jet Stream Heart“ (und nicht nur hier) drängt sich direkt der Vergleich zu Kasabian auf, bei der zweiten Single „Vendetta“ und dem sich auf dem Album anschließenden „Jaguar“ kommen einem Elemente (von Faithless bzw. Massive Attack) sehr bekannt vor.  Auch MGMT oder Underworld kommen einem beim Hören der 10 Songs in den Sinn. Schnell vergessen möchte man beispielsweise den mönchartigen Chorgesang auf „Revelations“ und das seichte „Fantasy Realm“, bei dem man nicht weiß, ob man noch bei Tame Impala oder schon bei David Guetta angekommen ist.

„Bliss“ ist als CD und LP (black Vinyl, white Vinyl, transparent pink Vinyl, yellow Vinyl) erhältlich. Den Weg zurück in die UK Charts hat es aber für Temples nicht bedeutet.


 


Sänger/Gitarrist James Edward Bagshaw verankert die partiell im Strobolicht pulsierenden Stücke stets mit eingängigen, Charts-kompatiblen Gesangsbögen, die vor allem auf dem beruhigten „Blue Flame“ – sowie noch deutlicher auf „Jaguar“ – stimmfarblich eher Neil Tennant und die Pet Shop Boys als Tame Impala auf den Plan rufen. Geschenkt, dass man die ausformulierte Refrain-Kompetenz Erstgenannter dabei genausowenig erreicht wie die Neo-Psychedelia-Puristen.


20. Juli 2026

Prism Shores - Softest Attack


Die jungen Teenage Fanclub haben ihre Mischung aus Alternative Rock, Powerpop und Janglepop teilweise noch recht noisig und schrammelig dargeboten. Und damit wären wir auch schon bei Prism Shores, einer Band aus Montreal. Die kanadische Band besteht aus Jack MacKenzie (Gesang, Gitarre), Ben Goss (Bass, Gesang), Luke Pound (Schlagzeug, Gesang) und Finn Dalbeth (Gitarre, Gesang). Im Studio erhielten sie Unterstützung vom Produzenten und Multi-Instrumentalisten Scott Munro.

2022 veröffentlichten die Prism Shores mit „Inside My Diving Bell“ ihr Debütalbum, dem 2025 „Out From Underneath“ folgte. Auf den Nachfolger, der auf black Vinyl erhältlich ist, mussten ihre Fans nicht so lange warten. Wer noch nicht Fan ist, aber Teenage Fanclub, The Wedding Present, Guided By Voices, Dinosaur Jr., Sugar oder The Lemonheads mag, sollte hier reinhören.


“Paperback Writer,” one of the greatest singles by The Beatles, never found its way one of their regular albums, but it did create one of the often underrated but at the same time greatly appreciated genres – power pop.
They say that key elements of power pop include strong catchy melodies and energetic guitar riffs, among others. Based on this, it seems Montreal’s Prism Shores are taking these elements that usually describe this genre to their hearts (rightly so) and turned it into the title of their latest album – Softest Attack.


 


The tracklist provides a virtuosic display of diverse indie-pop lineage, moving from the frenetic, distorted jangle of “Kid Gloves” to the sugary, high-velocity hooks of “I Didn’t Mean to Change My Mind.” “Idle Again” and “Resigned to the Fact” channel a quintessentially British sense of melody, while the motorik pulse of “Guidebook” pays homage to the persistent influence of the Dunedin sound. The track “Gossamer” serves as a bridge to their shoegaze roots, utilizing a wall of sound that leads into the introspective clarity of “Magical Thinking.” Lyrically, the album navigates the familiar terrain of ennui and self-doubt, but the delivery is reinvigorated by the addition of lush vocal harmonies on tracks like “Nothing to Find” and “A Faster Gun.”


17. Juli 2026

Modern Woman - Johnny’s Dreamworld


„Girl Pictures“ ist die berühmteste Fotoserie der US-amerikanischen Fotografin Justine Kurland. Die zwischen 1997 und 2002 entstandene Serie zeigt inszenierte Analogfotografien von jugendlichen Mädchen, die als fiktive Ausreißerinnen unabhängige Gemeinschaften am Rande von Städten und in wilden Naturlandschaften bilden. Damit wäre schon einmal die Referenz für das Artwork von „Johnny’s Dreamworld“ geklärt, für das die Fotografin Sandra Ebert verantwortet.

Kommen wir zum Inhalt des Albums: Die Band Modern Woman setzt auf harte Kontraste und dissonante Elemente, um ihrem Sound, der Art-Rock, Folk, Avantgarde und Post-Punk Collagen-artig miteinander zu verbinden sucht, eine individuelle Note zu verleihen. Die Stimme von Sophie Harris, die auch Gitarre spielt und die Haupt-Songwriterin ist, wird häufig mit Kate Bush und Dolores O’Riordan verglichen, ansonsten werden Dry Cleaning, Patti Smith oder die frühen Radiohead bzw. PJ Harvey als Referenzen herangezogen. Komplettiert wurde die Band, die als Harris’ intimes Solo-Folk-Projekt startete, durch David Denyer (Violine, Sampler, Komposition), Juan Brint-Gutiérrez (Bass, Saxophon) und Adam Blackhurst (Schlagzeug). 

Johnny’s Dreamworld“ ist das Debütalbum der Band, an dem diese über zwei Jahre hinweg zwischen ihren regulären Vollzeitjobs arbeitete. Zusammen mit dem Produzenten Joel Burton wurden die Songs, die nun über One Little Independent Records als CD und LP (Red Vinyl, Black Vinyl) veröffentlicht wurden, später dann unter professionellen Studiobedingungen teilweise neu aufgenommen. 


Nicht jeder Song verursacht ein Schleudertrauma: „Blessed Day“ ist griffiger Garagenrock, „Daniel“ und „The Garden“ sind anmutige Kunstlied-Balladen mit Joanna-Newsom-Touch. Aber Anschnallen ist für dieses Wechselbad aus Faszination und Irritation sinnvoll.


 


 


 





15. Juli 2026

Lime Garden - Maybe Not Tonight


In der heutigen Unterrichtsstunde lernen wir, was Wonk-Pop ist. Angesetzt ist diese auf 30 Minuten und erklärt wird uns dieses von Chloe Howard (Gesang, Gitarre), Leila Deeley (Gitarre), Tippi Morgan (Bass) und Annabel Whittle (Schlagzeug). Denn die Band aus Brighton, die sich Lime Garden nennt, bezeichnet ihre Mischung aus Indie-Dance, Garage-Rock und elektronischen Texturen mit eingängigen Pop-Melodien als solchen. Kritiker werfen zu Vergleichen gerne Wet Leg, Talking Heads, St. Vincent, Courtney Barnett, The Strokes und Lily Allen in den Raum. Nach „One More Thing“ (2024) haben Lime Garden zusammen mit dem Produzenten Charlie Andrew (Wolf Alice, Alt-J, Bloc Party) ihr zweites Album „Maybe Not Tonight“ aufgenommen, das als CD und LP (Midnight Blue Vinyl, Violet Quad Vinyl) erhältlich ist. Den Anstoss zum Album gab das, was das Quartett als eine „Massen-Trennung“ bezeichnet, denn kurz nach Veröffentlichung ihres Debüts trennten sich alle vier recht zeitnah von ihren jeweiligen Partnern.


Loosely structured across a big night out, the reckless spirit of the album might stem from a period of personal disarray but it also lends itself extremely well to the famously difficult junction of a second record. Where many bands overthink themselves into a corner, trying to turn out something slicker and more serious, there’s a hedonistic, ‘fuck it’ energy to the first half of ‘Maybe Not Tonight’ that practically fizzes out of the speakers. Lime Garden’s playfulness has always led to their best work, but here they sound fully unleashed: experimenting with cheeky, wonky synths on ‘All Bad Parts’ and deadpan slacker delivery on ‘Downtown Lover’. (…)
By the album’s second half, we’ve hit the self-lacerating part of the evening when the demons kick in. ‘Body’ seethes jealously at another woman across the room (“I hate the way I’m looking at you / You look so beautiful”), while ‘Undressed’ shrivels at the sight of an old flame over Deeley’s Strokes-esque guitars. But even when the internal monologues are dark, the band’s innate knack for an indie hook stops these thought spirals from ever killing ‘Maybe Not Tonight’’s vibe.
On ‘Always Talking About You’, Howard admits her secret fantasies: ”I want to be famous / I want to be rich / I want everybody to say that’s that bitch”. The first two points might remain in question, but when it comes to getting over your exes, Lime Garden are those bitches that have come out the other side, all guns blazing.
(NME)


Lime Garden in Deutschland:
15.09.26 Köln, Luxor
16.09.26 Berlin, Frannz


 


 


 




14. Juli 2026

Doublespeak - Doublespeak


Doublespeak:
Der Begriff Doublespeak bezeichnet eine Sprache, die absichtlich so konstruiert ist, dass sie die Wahrheit verschleiert, verdreht oder die Realität beschönigt, um Menschen zu manipulieren oder zu täuschen – ohne dabei formal direkt zu lügen.
Das Wort „Doublespeak“ entstand wohl in den 1950er Jahren nach der Veröffentlichung des Romans „1984“ von George Orwell und setzt sich aus denen dort verwendeten Begriffen Doublethink (Die Fähigkeit, zwei widersprüchliche Überzeugungen gleichzeitig im Geist zu halten und beide zu akzeptieren) und Newspeak (Die vom Regime modifizierte, extrem vereinfachte Sprache, die das Denken eigenständiger Gedanken unmöglich machen soll) zusammen. 


 


Doublespeak:
Die drei Musiker, die sich hinter Doublespeak verbergen, verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft, die bis in die Post-Punk-Ära und die Radio-Landschaften der späten 1970er und frühen 1980er Jahre zurückreicht, dabei zogen sich die Idee und die Aufnahmen für dieses Projekt über einen Zeitraum von sieben Jahren hinweg. Bei den drei Herren handelt es sich um Vince Clarke (Jahrgang 1960, Gründungsmitglied von Depeche Mode, Yazoo und Erasure), Neil Arthur (Jahrgang 1958, Kopf des Synthie-Pop-Duos Blancmange) und Ben Edwards (Jahrgang 1967) alias Benge, der sich - im Gegensatz zu seinen Mitstreitern - eher mit den experimentellen Aspekten elektronischer Musik auseinandersetzt und nicht in den Charts auftauchte. 


 


Hier wird nicht verschleiert, dass es sich bei den 11 Songs des Albums ausschließlich um Coverversionen handelt. Die Songauswahl ist eine Hommage an die musikalische Sozialisation der drei Musiker, denn sie interpretieren darauf elf Songs aus vier Jahrzehnten - von obskuren Post-Punk-Perlen über verborgene Indie-Schätze bis hin zu weltbekannten Pop-Klassikern. Wir hören beispielsweise „Brand New Life“ (Young Marble Giants), „Rock On“ (David Essex) oder „The Visitors“ (ABBA) in Retro-Elektro-/Synthpop-Gewand. Der älteste Song ist „Gentle On My Mind“ 1966, John Hartford), der jüngste „Richard!“ (2017, Ed Dowie). 


 


Erst 2017 kam er wieder auf Clarke zu, sieben Jahre sollten sie daran arbeiten, ihren Lieblingssongs ein analoges Denkmal zu setzen. Darunter finden sich viele bereits im Original mit analoger Elektronik ausgestattete Stücke, wie etwa Fad Gadgets „Back To Nature“. Und so verwundert es kaum, dass die Doublespeak-Version dem Original nichts hinzufügen kann, außer ein paar Effekten und etwas mehr Wumms.

Die Originale wurden wild kuratiert, von Post-Punk (Young Marble Giants) über Euro-Pop (Abba) bis Country (Glen Campbell) ist viel Kurioses im Angebot. Aber docken sie damit an das Klangbild von Blancmange oder Yazoo von 1982 an? Nö. Was damals filigran war, wird heute angedickt, der Sound ist durchgängig fett, klebrig und mitunter eindimensional.




13. Juli 2026

The Love Variants - Life Of Riley


So richtig viel kann ich euch über The Love Variants nicht berichten: Ein Quartett aus Austin, Texas, das dieses Jahr sein Debütalbum „Life Of Riley“ (8 Lieder in 28:13 Minuten) veröffentlicht hat - und zwar über Keeper Records als Kassette. Es bedurfte schon etwas detektivischer Arbeit, um die Bandmitglieder zu identifizieren: Chris Zaruba (Gesang, Gitarre, Keyboards), Aric Santini (Gitarre, Keyboards), Garrett Mesecher (Bass) und Shane Gordon (Schlagzeug). 

Beim Opener „Drifter“ könnte man noch vermuten, dass die Damen und Herren gleich in den Weltraum entschweben, doch dann setzen sie eindeutig auf eine Mischung aus C-86-Indie- und Janglepop. Das instrumentale „Red Moon“ hat einen gewissen Spaghetti Western-Flair und „Fade Away“ ist der beste New Order/Joy Division-Song den ich dieses Jahr bisher hören durfte.


The album opens with the stunning “Drifter,” immediately setting the tone with shimmering, incidental jangled riffs and dulcet, fluttering indie-pop. “Sea Of Days” follows suit, evoking the spirit of Caleb Carr’s projects like The Boltons and Bedroom Holiday. Glorious, isolated guitar lines add a resonant quality reminiscent of the recent Shopfires aesthetic, enhancing the band’s unique sonic identity in the title-track and “Hypnotized”.
The Love Variants truly shine when they delve into the fertile ground of the mid-to-late 1980s—a period when post-punk was evolving into jangle-pop. Tracks like “Golden Age” and “Silver Skies” capture the introspective, atmospheric qualities of The Chameleons, steeped in melody and melancholy. Meanwhile, the driving, chunky basslines on “Fade Away” steer the sound towards the territory of The Church or Bush Tetras, adding a dynamic edge to the album’s reflective mood.




11. Juli 2026

Liz Lawrence - Vespers


Wenn diese Plattenvorstellung online geht, haben wir auf unserer dreiwöchigen Namiarundreise schon die Kalahari und die Namib-Wüste durchquert und sicherlich zahlreiche Zebras, Antilopen, Giraffen, Löwen, Geparden und Strauße gesehen. Natürlich auch Elefanten - wenn auch wohl keiner auf einer Kugel balanciert haben wird.

„Vespers“ ist nach „Bedroom Hero“, „Pity Party“, „The Avalanche“ und „Peanuts“ bereits das fünfte Album der britischen Künstlerin, Multiinstrumentalistin und Musikproduzentin Liz Lawrence. Der Elefant auf dessen Cover steht wohl symbolisch für die unüberwindbare, „elefantengroße“ Last und die erdrückende Schwere der Trauer, die das gesamte Album durchzieht. Denn das Album entstand im Schatten einer persönlichen Tragödie, da im Jahr 2024 ihre ältere Schwester Jessie im Alter von 35 Jahren nach einem plötzlichen Unfall im Urlaub in Irland verstarb. Nach einer Phase der Trauer kehrte die Musik zu Liz Lawrence zurück und sechs Monate nach dem Verlust schrieb sie das Album in einem konzentrierten, dreiwöchigen Kreativschub. So verwundert es nicht, dass die Songs Titel wie „Where Did You Go“, „Sister“, „Heaven Didn’t Need Another Angel“ oder „Thank God For You“ tragen.

Aufgenommen wurden die 13 Titel von „Vespers“ im Spätsommer 2025 in den Vada Studios in Worcestershire, einem ehemaligen, entweihten Kirchengebäude, dessen ruhige und andächtige Atmosphäre den intimen Charakter der Aufnahmen unterstützte. Lawrence hat das Album, dessen Stil mit minimalistischem, von zarten Streichen untermaltem Folk beschrieben werden kann, komplett selbst aufgenommen und produziert.


With this in mind, and with all due respect to the musician’s sonic technicalities, Vespers is an album that you are listening to purely for the poetry. That’s not a criticism, to be clear – there’s a mesmeric quality to be found in the sheer intensity with which she communicates her words, and it’s something that the listener would be all the poorer for turning their attention away from.
Of course, the very nature of grief, unfortunately, means that it’s perhaps the most universal thing that could ever exist. By the same token, the conditions of it make it that it’s hidden away, highly private, and intensely scrutinised. For that, the release of the song ‘Thank God For You’ is the final realisation of hope and contentment after the storm of sadness that has passed.
Lawrence exhibits the true prime of her dominion on Vespers. She doesn’t need to be loud or overbearing about it, just simple and true to herself: this is her specific story of grief, but in doing so, she has made something entirely singular and relatable to every human being on Earth. There is no greater legacy to a lost loved one than that. 


 


 


 




9. Juli 2026

Christin Nichols - Christin Nichols


Vinyl Varianten: 1 - Stich! 
Selbstverständlich gibt es auch 2026 wieder vier neue Spielkarten für das Platten vor Gericht Quartett! 
So geht’s: Die erste Karte des sechsten Quartetts mit deutschen Künstler*innen und Bands ausdrucken, am Rand ausschneiden, sammeln und schon ganz bald spielen! 




Schon mit „Spotlight“, dem ersten Track ihres dritten, selbstbetitelten Albums, gehen die Super Trouper an. Das Stück kommt – wie das gesamte Album – als Hybrid aus The Strokes und Ideal daher, versprüht Dringlichkeit und Power. Was toll ist. Und Spaß macht.

Der Knackpunkt: Man kennt das alles schon, hat es so oder ähnlich bereits so oft gehört, dass die Gefahr eines Nebenbeilaufenlassens besteht. Und das ist schade, weil Nichols wirklich ein Händchen für Themen und Slogans hat. Diese werden leider unter hymnischer Pop-Action zerquetscht. In „Keine Kontrolle“ singt sie über PMMD, eine schwere Form des prämenstruellen Syndroms, und stellt die These auf, dieses würde verhindern, den Laden zu übernehmen, weil es Frauen einmal im Monat wirklich ausknockt. In „Keine Depressionen“ droppt sie den tollen Satz „Es stellt sich raus, ich hab keine Depressionen, es lag einfach nur an dir“ – und in „Bittere Pillen“ kooperiert sie mit der begabten Gwen Dolyn von der Band Tränen, was sich als stimmlich gut matchendes Duett entpuppt.

Besonders schön ist „Andere Frauen“, ein Pamphlet gegen die sich selbst zugeschriebene Deutungshoheit mancher Männer über Frauen und deren Lebensthemen: „Es heißt nicht Beziehungsdrama, es heißt Femizid.“ Dieses Stück geht musikalisch auf wie eine schöne Blüte und ist wirklich wunderbar. Aber sonst überwiegt musikalisch eben leider die Austauschbarkeit der Mittel. Das kann man wollen, das kann man machen, aber ich traue Christin Nichols viel mehr Innovationsvermögen zu.


 


 


 




8. Juli 2026

Urlaub in Polen - Objects, Beings & Parrots


Vinyl Varianten: 2 - Stich! 
Selbstverständlich gibt es auch 2026 wieder vier neue Spielkarten für das Platten vor Gericht Quartett! 
So geht’s: Die erste Karte des sechsten Quartetts mit deutschen Künstler*innen und Bands ausdrucken, am Rand ausschneiden, sammeln und schon ganz bald spielen! 




Erschien ihr gelungenes Comeback-Album ALL unglückseligerweise just im Seuchenjahr 2020, so dürfte OBJECTS, BEINGS AND PARROTS nun ungleich schneller auch live das Licht der Welt erblicken. Schön wäre es jedenfalls, denn auch diese neun Songs verströmen eine derart edel verdichtete Krautrock-Energie, dass man sofort zu ihnen lostanzen möchte.
Vom psychedelisch hochgeschraubten „Abacus“ bis zum funky entschlackten „Yours“ zünden die beiden hier verlässlich ein Groove-Feuerwerk nach dem nächsten: Sei es ihre „Washing Machine“, die direkt in den federnden Schleudergang schaltet, „Face Of Reason“, das seine fette perkussive Wirkmacht als finstere Reflexion auf sich vertiefende gesellschaftliche Gräben entfaltet, oder der rhythmisch vertrackt kreiselnde „Moonwalk“ – die große Kunst der Repetition lebt hier auf eine Weise wieder auf, wie man es seit dem Verschwinden der Berliner Krautrock-Wiedergänger Camera nicht mehr erlebt hat.


 




7. Juli 2026

Kapa Tult - Immer alles gleichzeitig


Vinyl Varianten: 1 - Stich! 
Selbstverständlich gibt es auch 2026 wieder vier neue Spielkarten für das Platten vor Gericht Quartett! 
So geht’s: Die erste Karte des sechsten Quartetts mit deutschen Künstler*innen und Bands ausdrucken, am Rand ausschneiden, sammeln und schon ganz bald spielen! 




Das Gefühl von Fremdheit in dem, was das Gros als Normalität bezeichnet, wabert durch alle Songs des Albums, wobei die Klarheit der Stimmen und die Schnörkellosigkeit des fröhlichen Elektroorgel-Rock, der hier meistens das musikalische Transportmittel ist, eben immer wieder verhindern, dass Weinerlichkeit, unreflektierter Hass und Selbstmitleid die Oberhand gewinnen.
Es geht um unzuverlässige Liebespartner:innen, Stillstand in der bundesdeutschen Politik, Datingmüdigkeit und das Ausmachen von temporärer Ödigkeit in dem, was eigentlich die aufregende Jugendzeit sein sollte. Die beste Zeit des Lebens also. Schnell, mit leichter Hand wurde dieses Album aufgenommen. Produzent Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic) ist zum Glück immer dann zur Stelle, wenn es darum geht, Bands mit großem Livepotenzial unter seine Fittiche zu nehmen. Nur fünf Tage war er mit Kapa Tult im Studio, gab den Bangern das Hymnische und den leisen Tracks das Intime mit. Meine Damen und Herren, in diesem Sommer hoffentlich auf allen Festivalbühnen: Kapa Tult!