30. September 2023

The Pretenders - Relentless


Vor drei Jahren standen The Pretenders hier erstmals mit einer Platte vor Gericht: „Hate For Sale“ kam lediglich auf einen Durchschnitt von 6,5 Punkten, obwohl es bei Kritikern (77/100 Punkten bei Metacritic) und Fans (mit Platz 29 beste US-Chartplatzierung seit 1994) recht gut ankam.

Nun folgt mit dem zwölften Studioalbum (die meisten wurden vor der Einberufung dieses Gerichtshofes veröffentlicht) die zweite Verhandlung, die vermutlich ein etwas wohlwollenderes Urteil erfahren wird. „Relentless“ konnte nämlich seinen Vorgänger hinsichtlich der Kritikerreaktion (ein Metascore von 85/100) sowie der Chartposition (#25 in den USA) bereits toppen.

Kompositorisch ergänzten sich Chrissie Hynde (Gesang, Gitarre) und James Walbourne (Gitarre) wie bei „Hate For Sale“ aus der Ferne, zu den Aufnahmen traf man sich erstmals mit dem Produzenten David Wrench (Manic Street Preachers, Oliver Sim, Jamie xx, Rank Ocean, Goldfrapp) in London und arbeitete mit einem eher offen gehaltenen The Pretenders Lineup zusammen, zu dem diesmal Carwyn Ellis (Gitarre), Chris Hill (Bass), Dave Page (Bass) und Kris Sonne (Schlagzeug) gehörten. 

„Relentless“ geht - und nun wird zum letzten Mal „Hate For Sale herangezogen - weniger in Richtung Garage-Punk als der Vorgänger sondern bewegt sich zwischen klassischem Rock inklusive diverser Gitarren-Soli („Losing My Sense Of Taste“, „Let The Sun Come In“, „Merry Widow“, „Vainglorious“) und dem reichlich bestückten Gegenpol an emotionalen Balladen („The Promise Of Love“, „Look Away“, „Your House Is On Fire“, „Just Let Go“). Das (mögliche) Highlight der 12 Songs warten am Ende: Für das über 6-minütige „I Think About You Daily“ hat nämlich Johnny Greenwood von Radiohead die Streicher-Arrangements geschrieben. 


 


Es scheint so, als würden sie mehr Platten denn je machen – und sogar bessere. Sie spielen sogar noch Gitarrensoli. Aber „Relentless“ wirkt nicht wie aus der Zeit gefallen, wie man so sagt. Gitarrenbands kehren ja immer zurück. Und Hyndes Lieder – die meisten hat sie mit dem Gitarristen James Walbourne geschrieben – sind niemals verzopft. Sie hat sich auf ein mittleres Tempo verlegt, nur ganz selten könnte man sagen, dass es sich um eine Ballade handelt. Und wenn, dann ist es schön, aber nicht kitschig.
Auf dieser Platte ist es ein beinahe Chris-Isaak-artiges Stück, „The Copa“, mit maunzender Gitarre. „A Love“, längst als „Single“ veröffentlicht, ist einer der besten Songs der Pretenders. Nicht „seit langer Zeit“. Sondern überhaupt. Früher wäre es ein Hit gewesen wie „Don’t Get Me Wrong“. Chrissie Hynde nennt die Platte „eine melodische Reise in zwölf Songs“. Das kann man so stehen lassen


 


Dieses Album beginnt mit einer Lüge. „I don’t even care about Rock’n’Roll“, singt Chrissie Hynde im Opener, „all my favorites seem tired and old“. Nur, um im weiteren Verlauf von RELENTLESS ausgiebig zu beweisen, dass der gute alte Rock’n’Roll einfach nicht totzukriegen ist. Hynde trägt auch mit 71 Jahren immer noch dieselbe Frisur und dasselbe kajaldunkle Make-up, aber vor allem singt sie auf dem zwölften Album der Pretenders immer noch, als hätte sie ihre Oberlippe abschätzig nach oben gezogen.
Dieser arrogante Zorn, mit dem sie damals jenes „cause I’m precious“ ausspuckte, findet sich immer noch, wenn auch subtiler, auf RELENTLESS, das nach dem Beginn an Fahrt verliert, generell eher balladenlastig ist und ein oder zwei Gitarrensoli zu viel hat, aber vor allem klingt wie: Pretenders. Das nennt man dann wohl: sich treu bleiben.




29. September 2023

Nation Of Language - Strange Disciple


Und schon wieder ein neues Album von Nation Of Language

Nachdem das Trio aus Brooklyn in seinen ersten Jahren einige Singles veröffentlicht hatte, ging es seit der Pandemie Schlag auf Schlag: Im Mai 2020 erschien das Debütalbum „Introduction, Presence“, welches die frühen Songs gar nichgt erst berücksichtigte, im November 2021 folgte „A Way Forward“ und keine zwei Jahre später steht mit „Strange Disciple“ der Nachfolger in den Plattenläden, und zwar als black Vinyl, clear Vinyl oder red and blue marble Vinyl.

„Strange Disciple“ wurde nicht unter den Beschränkungen der Pandemie aufgenommen, sondern mit Nick Millhiser von der Band Holy Ghost! im East Williamsburg Studio. Zudem gab es eine Veränderung im Lineup von Nation Of Language: Zu Ian Richard Devaney (Gesang, Gitarre, Synthesizer) und Aidan Noell (Synthesizer) gesellt sich nach dem Ausstieg von Michael Sue-Poi nun am Bass Alex MacKay.

Bis zum 27. Oktober wird „Strange Disciple“ auf jeden Fall das beste OMD-Album des Jahres bleiben, dann veröffentlichen Andy McCluskey und Paul Humphreys mit „Bauhaus Staircase“ selbst ein neues Album und man darf gespannt sein, wer am Ende die Nase vorn haben wird. Mit „A New Goodbye“ haben Nation Of Language aber auch einen tollen Hot Chip-Soundalike-Song an Bord und an frühe New Order erinnert beispielsweise „I Will Never Learn“.


 


Though their third LP is brimming with delightful moments, Nation Of Language’s true power shines when they hit all of their sweet spots simultaneously, pouring out pristine lyrics, retro propensities and imaginative soundscapes all at once. This can be heard in ‘Stumbling Still’, as they match crystalline sonics with raw lyrics, as the words, “I’ve been stumbling still waiting to fall,” sit on top of a stuttering beat, highlighting the band’s ability to play with space, words and sound. The result is a slow-building, burning example of the trio’s talent.
‘Strange Disciple’ is a testament to the band’s growth in the brisk three years since their debut. With their third album, Nation Of Language prove their able to stretch their auditory imagination, all while sticking to their roots. In just 10 quick tracks, the NYC band demonstrate that their reminiscent sound has always been more about the future than the past.
(NME)


 


Meanwhile, Devaney, whose deep but limber vocal delivery falls in the vicinity of new wave icons like Phil Oakley, Dave Gahan, and Men Without Hats' Ivan Doroschuk, issues frustrated lines like, "Empty idol, strange disciple" and "To only seek and never find." Although loaded with bloopy, melancholy Minimoog jams, the album's more tuneful highlights include the elegant "Spare Me the Decision" and more Devo-esque "Too Much Enough," while tracks like "Swimming in the Shallow Sea" and the racing "Stumbling Still" incorporate shoegazey shimmer, at least at the surface level. That said, Nation of Language adhere strictly to a core timbral palette and, at least so far, always sound like themselves. Despite its anxious closing words, "I will never learn," fans of the band's prior releases are almost guaranteed to embrace Strange Disciple, and it's an excellent entry point for the uninitiated.


27. September 2023

Revision: Pet Shop Boys


Heute feiert "Very", das fünfte Album der Pet Shop Boys, seinen 30. Geburtstag. Wir gratulierem Neil Tennant und Chris Lowe zu diesem Anlass recht herzlich mit dieser Revision, denn schließlich war "Very" ihr einziges Album, das es in Deutschland und im Vereinigten Königreich auf Platz 1 schaffte. 






"Please"

1986, Parlophone (11 Songs; 44:02 Minuten)

Dirk:
"Can I have the Pet Shop Boys album, 'Please‘?“ - das sollte man nach Auffassung von Neil Tennant und Chris Lowe im März 1986 im Plattenladen gesagt haben. Bei mir gab es zuvor bereits die „West End Girls“ Single und später die Maxi von „Suburbia“.
Den ein oder anderen etwas schwächeren Song der zweiten Plattenseite („Violence“, „I Want A Lover“, „Later Tonight“) hätte man gut durch B-Seiten ersetzen können („That’s My Impression“, „Was That What It Was?“) bzw. müssen („Paninaro“).

8,5 Punkte


Ingo:
Die Gnade der späten Geburt. 1986 haben mich die Pet Shop Boys nicht interessiert. In meinem Haushalt habe ich das Phänomen Pet Shop Boys erklärt mit “Mindestens einen Hit pro Album hatten die immer auf der Pfanne”. Für ein Debüt ist “Please” zweifellos beeindruckend. 

8 Punkte


Oliver:
Hier bin ich bei Dirk: Warum ist „Paninaro“ nicht auf dem Album?
Hier bin ich nicht bei Dirk: „Later Tonight“ gehört definitiv nicht zu den schwächeren Songs.
Und hier bin ich bei Axel: Bester Song ist „Suburbia“.

8,5 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Was soll ich zu einem Album schreiben, dem jeder hier mindestens 9 Punkte geben wird?! Ich gebe 9,5. Bester Song “Suburbia”, schlechtester “I want a lover”. Ein Album, das ich heute noch ab und an höre.

9,5 Punkte 


Gesamturteil: 8,625 Punkte








"Actually"

1987, Parlophone (10 Songs; 47:52 Minuten)

Dirk:
Vier grandiose Singles, mit Dusty Springfield eine überraschende Duett-Partnerin, ein ikonisches Plattencover und eine fast perfekte Synthpop-Platte. „It’s A Sin“ und „Rent“ werden immer zu meinen liebsten Pet Shop Boys Singles gehören und „King’s Cross“ ist ihr bester Song, der keine Single war.

9,5 Punkte 


Ingo: 
Auch 1987 haben mich die Pet Shop Boys nicht interessiert. In dem Jahr veröffentlichten U2 “Where the streets have no name”. Der Song, der später von den Pet Shop Boys verhunzt wurde. “Actually” profitiert davon, dass die Pet Shop Boys durch den Erfolg der ersten Singles und “Please” selbstbewusster wurden. Für ein Pop-Album gar nicht so schlecht.

8 Punkte
 

Oliver:
Hier bin ich ganz bei Dirk: „King’s Cross“ ist ihr bester Song, der keine Single war (und überhaupt ganz weit oben bei ihren besten Songs). „It’s A Sin“ ist ebenso eine meiner liebsten Pet Shop Boys Singles und „Rent“ ist auch ein toller Carter USM Song. Diese drei Songs sind dann auch das Zünglein für

9 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Was soll ich zu einem Album schreiben, dem jeder hier mindestens 9 Punkte geben wird?! Ich gebe 9,5. Bester Song ist natürlich “Rent”, schlechtester “Hit Music”. Ein Album, das ich heute noch ab und an höre. Gibt es eigentlich wirklich gute Lieder, bei denen buchstabiert wird wie in Shopping?! Ok, außer Pulp.

9,5 Punkte 


Gesamturteil: 9,000 Punkte








"Introspective"

1988, Parlophone (6 Songs; 48:06 Minuten)

Dirk:
Für mich würde das Album eher in ihre (dann fünfteilige) Disco-Reihe passen als zu den regulären Studioalbum. „Introspective“ bricht von der Optik mit dem Stil von „Please“, „Actually“ und später „Behaviour“ und bietet auch nur sechs Songs, darunter zwei Coverversionen („Always On My Mind“ und „It’s Alright“), eine frühere B-Seite („I Want A Dog“) und das für Eighth Wonder komponierte „I’m Not Scared“. Darüber hinaus werden alle Lieder in Versionen angeboten, die für Maxi-Singles geeignet wären, also zwischen 6 und knapp 10 Minuten dauern.  

6,5 Punkte


Ingo:
1988 hatte ich bestimmt viele Interessen und Vorlieben. Die Musik der Pet Shop Boys gehörte nicht dazu. Auf diesem Album war offensichtlich “Domino dancing”. Sehr nerviger Song und ein eindeutiges Zeichen, dass es mit der Musik der 80er Jahre dann auch mal gut war. 

6,5 Punkte


Oliver:
Hier bin ich bei Dirk: Für mich auch eher Teil der Disco-Reihe. Aber: In den 80ern war ich durchaus noch Fan von diesen langen 12“-Versionen, die ich auch regelmäßig in der Sendung „Maxi Mix“ im HR3-Radio auf Kassette aufgenommen habe. Da passten dann so 5 Songs auf eine Seite der C90 (falls man Glück hatte – es gab da so einen Mix von „Woodpeckers From Space“ (den Namen der darbietenden „Band“ habe ich vergessen), der nur ganz knapp auf eine Kassettenseite passte. Oder Volker?).
Hier bin ich unsicher, ob ich bei Axel bin: Ist „Always On My Mind“ im Original wirklich so eine schreckliche Schnulze. Dass die Pet Shop Boys was (noch) schöneres daraus gemacht haben, steht allerdings außer Frage.

7,5 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Elvis hat sich sicherlich im Grab umgedreht, als er gehört hat, was man Schönes aus dieser schrecklichen Schnulze machen kann. Das Album ist aber leider nur zur Hälfte gut - bester Song “Left to my own devices”, schlechtester “It’s alright”. 

7 Punkte 


Gesamturteil: 6,875 Punkte








"Behaviour"

1990, Parlophone (10 Songs; 49:01 Minuten)

Dirk:
Ein Mehr an Balladen, Melancholie und Gitarren (erstmals und nicht letztmals von Johnny Marr), der Einsatz von analogen Synthesizern mit dem Produzenten Harold Faltermeyer in München und „Violator“ von Depeche Mode als Vorbild. Das beste Album der Pet Shop Boys. Perfekt (obwohl es auch noch tolle B-Seiten wie “Miserablism” oder “We All Feel Better In The Dark” gibt).

10 Punkte


Ingo:
1990 kam ich nicht komplett an den Pet Shop Boys vorbei. Aber sie ließen sich dank des wenig poppigen Albums gut ignorieren. Trotz “Being boring”. Eigentlich eine schöne Beschreibung meines Eindrucks der Musik der sympathischen Herren.

7 Punkte


Oliver:
Hier bin ich fast bei Axel: „Jealousy“ ist toll, bester Song ist aber natürlich (und hier bin ich ganz bei Ingo) „Being Boring“.

8,5 Punkte


Volker:
-


Axel:
Es fällt mir schwer, das schlechteste Lied zu benennen - ein gutes Zeichen. Vielleicht “Nervously”. Das beste Stück ist…hm…”Jealousy”. 
Zum dritten Mal: 9,5 Punkte. Und wohl zum letzten Mal. 


Gesamturteil: 8,750 Punkte








"Very"

1993, Parlophone (12 Songs; 53:17 Minuten)

Dirk:
Das Lego-Cover der CD ein Kunstwerk, das Album gespickt mit eingängigen Dance-Pop-Songs und dazu die erfolgreichste Single ihrer Karriere (und erneut eine Coverversion). Also bis auf wenige Ausnahmen („Dreaming Of The Queen“, „Theatre“) alles ganz anders als beim Vorgänger „Behaviour“. 

8 Punkte 


Ingo:
Das einzige #1-Album der Band in der Heimat der Künstler. Ab Anfang der 90er Jahre hatte ich Zugang zu MTV und damit auch zu dem Video zu “Go west”. Als in etwa so künstlich und steril empfand ich auch das komplette Album. Mal ehrlich, in der Zeit konnte man kaum mit den Veröffentlichungen der Grunge-Bands mithalten. Selbige ziehe ich bis heute “Very” vor.

6,5 Punkte


Oliver:
Hier bin ich nicht ganz bei Axel – was seine Annahme angeht, dass er hier nur auf Volker zählen kann. Es rauscht wirklich ohne große Schwächen durch. „Liberation“, „A Different Point Of View“, „One In A Million“ und viele andere Titel sind schöne Popsongs, die 1993 allerdings große Konkurrenz im Bereich Gitarrenmusik hatten (hier bin ich bei Ingo – auch wenn ich nicht von Grunge rede). Gute

7,5 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Bei “Very” kann ich hier nur auf Volker zählen, denke ich.  Schlechtester Song ist die erste Singe “Can you forgive her?”, bester wieder schwer zu sagen…nach dem ersten Lied rauscht es ohne große Schwächen durch, und selbst “Go West” kann man zwar nicht mehr hören, ist aber ok. 

8,5 Punkte (inkl 0,5 für die Noppen)


Gesamturteil: 7,625 Punkte








"Bilingual"

1996, Parlophone (12 Songs; 53:56 Minuten)

Dirk:
Während der Hochzeit des Britpop kamen die Pet Shop Boys mit Latin Music-/Balearen-Pop daher - selten hat mich das Duo weniger erreicht. Im Rahmen der Lektüre von Kristof Magnussons „Pet Shop Boys“ habe ich „Bilingual“ nach vielen Jahren noch einmal gehört und und nun zur Revision erneut. Es hilft nichts. „A Red Letter Day“ ist gut, „Before“ und „To Step Aside“ sind okay. Mehr ist nicht zu holen, auch nicht bei den B-Seiten.

5,5 Punkte


Ingo:
Ab “Bilingual” war Schluss mit der “Mindestens ein Hit pro Album”-Garantie. Aber bestimmt findet sich der eine oder andere Richter, der selbst auf “Bilingual” irgendeinen Song mag. Mit diesem Album begann die bislang schwächste Phase der Band. 

5,5 Punkte


Oliver:
Hier sind wir uns wohl alle einig.

5,5 Punkte


Volker:
-


Axel: 
So schlimm hatte ich das gar nicht in Erinnerung! Absoluter Tiefpunkt bisher, vielleicht auch für immer?! Klingt größtenteils wie eine schlimme spanische Coverband der PSB. Gibt es eigentlich PSB-Coverbands?! Da könnte ich ja auch mitmachen als Chris Lowe. Schlechte Lieder gibt es viele, z.B. “Saturday Night Forever”, “Metamorphosis”, “Electricity”. Das beste ist wohl noch “Red Letter Day"... Puh. Ich hatte es sehr lange nicht mehr gehört und das hatte gute Gründe. 

5 Punkte


Gesamturteil: 5,375 Punkte








"Nightlife"

1999, Parlophone (12 Songs; 52:02 Minuten)

Dirk:
Wer hätte gedacht, dass Tennant & Lowe nach ihrer Pylonen-auf-dem-Kopf-Phase noch schlechtere Outfits hätten finden können? Glücklicherweise ist das Album - auch wenn dies hier nicht alle so sehen/hören - eine Rückkehr zu alter Stärke. „Nightlife“ wurde zusammen mit Craig Armstrong produziert und ist dementsprechend bombastisch geraten. Es gibt großartige Pop-Songs mit noch großartigeren Titeln („I Don't Know What You Want but I Can't Give It Any More“, „You Only Tell Me You Love Me When You're Drunk“), tolle Disco-Referenzen („New York City Boy“), ein Duett mit Kylie Minogue („In Denial“) und und und.

8,5 Punkte


Ingo:
“Nightlife” ging endlich wieder komplett an mir vorbei. Mit “I don’t know what you want but I can’t give it any more” hat die Band das Grundproblem ihres Verhältnisses zu mir perfekt beschrieben. 

5,5 Punkte


Oliver:
Hier bin ich immer ziemlich verwirrt. Wegen „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“ und „In Denial“ habe ich das Album oft besser in Erinnerung, als es ist. Am Ende landet es bei

6,5 Punkten


Volker:
-


Axel: 
Es geht wieder bergauf, aber wird dafür auch etwas  musicalesk. Das klingt jetzt schlimmer, als es ist - aber toll ist es auch nicht. “Radiophonic” gehört zur schwachen Hälfte, “You only tell me you love me when you´re drunk" zur guten. 

7,5 Punkte


Gesamturteil: 7,000 Punkte








"Release"

2002, Parlophone (10 Songs; 44:53 Minuten)

Dirk:
Das ruhigste und unaufdringlichste Album der Pet Shop Boys, auf dem Piano, Gitarre (auf sieben Songs von Johnny Marr gespielt), Bass und Percussion eine größere Rolle spielen. „Home And Dry“ und „London“ sind trotz des fürchterlichen Vocoder-Einsatzes die Highlights. Die Pet Shop Boys hätten den ein oder anderen Langweiler durch „Positive Role Model“ und vor allem „Sexy Northener“, die beide auf B-Seiten verschwendet wurden, ersetzen sollen.

7 Punkte


Ingo:
Ob ich “Release” vor dieser Revision schon mal gehört habe? Ich bin mir fast sicher, noch nicht einmal das Cover des Albums jemals gesehen zu haben. “Home and dry” ist mir aber schon mal zu Ohren gekommen. Toll für lange Aufzugsfahrten. 

5,5 Punkte


Oliver:
Hier war ich kurz vor dem Release auf dem Konzert in der Live Music Hall. Im Februar 2002 waren die Pet Shop Boys mit einer Band unterwegs auf einer kurzen Tour durch englische Universitäten. Das Kölner Konzert war ein one-off date und quasi der Abschluss dieser Tour. Das war durchaus ein sehr schönes Erlebnis.

7 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Warum habe ich "Release" solange nicht mehr gehört? Es enthält doch ein paar schöne Titel und nichts, was wirklich wehtut. Vielleicht, weil es insgesamt doch etwas langweilig ist… Bestes Lied ist “Love is a Catastrophe”, schlechtestes “E-Mail”.

7 Punkte 


Gesamturteil: 6,625 Punkte








"Fundamental"

2006, Parlophone (12 Songs; 48:39 Minuten)

Dirk:
Mit dem Produzenten Trevor Horn geht es zurück zum bombastischen Sound der 80er Jahre. Gut zu hören in „The Sodom And Gomorrah Show“, dem Highlight des Albums, das seltsamerweise keine Single wurde. 

8 Punkte


Ingo:
2006 waren mir die Pet Shop Boys egal. Und seien wir ehrlich: Mit “Fundamental” habe ich nichts verpasst. Aber irgendwie

5,5 Punkte


Oliver:
Hier gibt es aus dem gleichen Jahr ein wundervolles Livealbum namens „Concrete“, welches mit Orchester eingespielt wurde. Sechs Songs von „Fundamental“ sind dabei. Ich will nicht sagen, dass das schönere Versionen sind, aber das Livealbum bekommt 8,5 Punkte, „Fundamental“ „nur“

7,5 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Deutlich mehr als die Hälfte der Songs sind wirklich gut und die Singles gehören alle nicht zu den Highlights des Albums wie “The Sodom and Gomorrha Show”, “Casanova in Hell”, “Indefinite Leave to Remain” und “Integral”.

8 Punkte 


Gesamturteil: 7,250 Punkte








"Yes"

2009, Parlophone (11 Songs; 48:39 Minuten)

Dirk:
Johnny Marr ist wieder an der Gitarre dabei, Owen Pallett sorgt für Streicher, „Beautiful People“ und „Did You See Me Coming?“ sind stark, es gibt ein paar tolle B-Seiten zu entdecken („We’re All Criminals Now“, „Gin And Jag") und mit „Love Etc.“ gibt es eine der drei besten Pet Shop Boys Singles dieses Jahrtausends. Knapp

8 Punkte


Ingo:
An dem Album kam selbst ich nicht vorbei. Empfinde ich heute weniger nervig und belanglos als 2009. Daher gibt es eine kleine Aufwertung.

6 Punkte


Oliver:
Hier bin ich bei Axel: Ein bisschen langweilig. Das Album fängt gut an, mit der Zeit döse ich aber leicht weg – bis mich „Pandemonium“ wieder zurückholt, um folgende Punktzahl zu vergeben:

7 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Schwächer als der Vorgänger, ein bisschen langweilig. Bestes Lied “Pandemonium”, schlechtestes  “Legacy”.

7 Punkte


Gesamturteil: 7,000 Punkte








"Elysium"

2012, Parlophone (12 Songs; 51:02 Minuten)

Dirk:
Das letzte Album der Pet Shop Boys bei Parlophone ist ähnlich schwermütig und melancholisch geraten wie „Behaviour“ oder „Release“, qualitativ aber eher beim zuletzt genannten. Der klassische Disco-Pop-Single-Hit fehlt, auch wenn ich „Leaving“ sehr schätze. Ich bleibe nicht ganz bei bei meiner Wertung von vor 11 Jahren und passe diese „Release“ an:

7 Punkte


Ingo: 
Mick Jagger wurde dieses Jahr 80. Das erlaubt mir, mein Urteil aus dem Jahr 2012 zu zitieren: “Wenn die Rolling Stones noch immer mit den gleichen Ideen unterwegs sein dürfen, kann man das den Pet Shop Boys wohl kaum verwehren.” 

6 Punkte


Oliver:
Hier habe ich damals 6 Punkte vergeben. Die Platte plätschert – aber sie plätschert schön. Darum spendiere einen weiteren halben Punkt (den ich mir aber womöglich beim nächsten Album wieder zurückhole) und komme somit auf

6,5 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Ui, das habe ich auch länger nicht gehört und hatte es nicht so schlecht in Erinnerung. Vielleicht eine gute Idee, sich nach “Elysium” mal für drei Alben in eine etwas andere Richtung zu bewegen. Beim schlechtesten Lied kann ich mich kaum entscheiden (“Ego Music”), beim besten ist die Auswahl deutlich kleiner (“Memory of the future”). 

6 Punkte


Gesamturteil: 6,375 Punkte








"Electric"

2013, x2 (9 Songs; 49:12 Minuten)

Dirk:
Es gibt auf der Single „Love Is A Bourgeois Construct“ (dem besten Song des Albums) eine B-Seite namens „Entschuldigung!“ - und der Titel wäre ein guter Opener für „Electric“ gewesen, weil treffend für die viel zu langen Songs, diese reine Dance-Platte und die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Stuart Price. Ach nein, dann hätte der Song auch „Super“ und „Hotspot“ eröffnen müssen… Vor zehn Jahren kam ich zu dem Urteil „...das schlechteste Pet Shop Boys Album seit "Bilingual“.“ Dabei bleibe ich auch:

6 Punkte


Ingo: 
Ich bin gespannt, ob die anderen Richter die teilweise weit zu hoch gewählten Wertungen aus dem Jahr 2013 anpassen. Ich bleibe bei

6,5 Punkten
 

Oliver:
Hier hat jemand (ohne dass ich es mir explizit gewünscht hätte) tatsächlich ein Mash-Up aus „Fade To Grey“ und „Fluorescent“ gemacht. Zu finden auf YouTube unter, naja, „Fade To Fluorescent Grey“. Zudem hat Ingo hier recht: Die zu hoch gewählte Wertung aus dem Jahr 2013 muss leicht angepasst werden. Trotz toller Songs wie „Love Is A Bourgeois Construct“ kürze ich hier um einen halben Punkt auf

7,5 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Auch wenn sich mit “Shouting in the evening” ein schlimmes Lied auf dem Album befindet, bleibe ich bei meinen 8 Punkten von damals, Ingo. Auch wegen “Love is a bourgeois contruct”, ihrem besten Stück seit langer Zeit. 

8 Punkte


Gesamturteil: 7,000 Punkte








"Super"

2016, x2 (12 Songs; 46:33 Minuten)

Dirk:
Super, seien wir ehrlich, ist hier lediglich „The Pop Kids“. Den Gegenpol stellen „Groovy“ und „Pazzo!" dar. Marginal besser als der Vorgänger, da die Lieder nicht so lang laufen. Mit „Wiedersehen“ gibt es eine tolle Single B-Seite und ein Wiedersehen gibt es leider auch beim nächsten Album mit Stuart Price. 
Einige Songs aus den Aufnahme-Sessions zu „Super“ wurden übrigens dieses Jahr als „Lost“ EP veröffentlicht und entgingen der Price-Produktion!

6,5 Punkte 


Ingo: 
“Fast super” fand ich es 2016. Auch heute.

7 Punkte


Oliver:
Hier gab es von mir im Erscheinungsjahr knappe 7,5 Punkte. Um den Abstand zu „Electric“ zu wahren, werden aus knappen 7,5 Punkten glatte

7 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Welcher Künstler, welche Band haben es jemals geschafft, mit dem 13. Studioalbum noch eins hinzulegen, welches man als “super” bezeichnen kann?! Eben. Die Pet Shop Boys auch nicht. “Solide” wäre wohl der bessere Titel gewesen. “The dictator decides” ist top, “Pazzo!” flop. 

7 Punkte


Gesamturteil: 6,875 Punkte








"Hotspot"

2020, x2 (10 Songs; 42:03 Minuten)

Dirk:
Vor drei Jahren schrieb ich: "Gut, dass hiermit diese schwache Produzenten-Trilogie abgeschlossen ist. Warum es "Monkey Business" und "Wedding in Berlin" auf das Album geschafft haben, kann ich nicht verstehen. Auf den B-Seiten der Singles tummeln sich mit "An Open Mind", "No Boundaries", "Decide", "At Rock Bottom" und "New Boy" gleich 5 (!) bessere Songs.“ Die Fan-Boy-Wertung von damals korrigiere ich in diesem Rahmen um 0,5 Punkte nach unten:

7 Punkte


Ingo: 
Ich stehe zu meinem Urteil von 2006. Da ich mich nun dank der Revision intensiver mit dem “Backlog” befassen musste durfte kommt das Album in der vergleichenden Wertung damit sogar gut weg. 

6 Punkte


Oliver:
Hier muss ich sagen: Gut, dass es diese Revision gibt. Das vierte Pet Shop Boys Album, das eine Anpassung erhält – und das dritte, das nach unten korrigiert wird. Es bleiben

7,5 Punkte


Volker:
-


Axel: 
Fazit zu den letzten drei Alben:  Daraus hätte man ein sehr gutes, ein mittleres und ein äußerst schlechtes Album machen können. Wirklich furchtbar an “Hotspot” sind “Monkey business" und “Wedding in Berlin”, gelungen ist z.B. “Burning the heather”. Reicht insgesamt für

7 Punkte
 

Gesamturteil: 6,875 Punkte




26. September 2023

Teenage Fanclub - Nothing Lasts Forever


Nichts währt ewig, manches ist aber zeitlos. So wie das zwölfte Studioalbum von Teenage Fanclub. Wohlig-warmer Folkrock und melancholisch-melodiöser Janglepop zu mehrstimmig-harmonischen Gesang und akustischen Instrumenten, die aber gelegentlich mit Bläsern oder unterschwelligen Keyboard-Klängen angereichert werden, machen „Nothing Lasts Forever“ aus. 

Bei der 1989 gegründeten Band sind nur noch selten Feedbacks oder die E-Gitarren laut und lärmend zu hören („Foreign Land“). So ist das nunmal im Herbst der Karriere und diese Jahreszeit passt auch sehr gut zu einem auch textlich nachdenklichen Album, durch das immer wieder ein optimistischer Hoffnungsschimmer scheint („Back To The Light“). 

„Nothing Lasts Forever“ kann zwar an die Höhepunkte im Schaffen des Teenage Fanclub (von „Bandwagonesque“ (10991) bis „Songs From Northern Britain“ (1997)) nicht heranreichen, braucht sich aber vor keinem ihrer späteren Alben zu verstecken. Häufig sind es die längeren Songs, die beim Teenage Fanclub einen besonderen Zauber und Sog entwickkeln, so auch diesmal beim abschließenden siebenminütigen „I Will Love You“.

Für die Aufnahmen kehrten Norman Blake, Raymond McGinley, Francis Macdonald sowie Dave McGowan und Euros Child in die Rockfield Studios in Wales zurück, in denen sie vor über zwei Jahrzehnten bereits „Howdy!“ aufnahmen.  

Nothing Lasts Forever“ ist als CD und LP (black Vinyl, translucent red Vinyl, silver Vinyl, half silver/half black Vinyl) erhältlich.

Teenage Fanclub in Deutschland:
24.10.23 München, Kranhalle
25.10.23 Berlin, Heimathafen
26.10.23 Hamburg, Nochtspeicher
27.10.23 Köln, Kulturkirche




 


It's an uplifting vibration they conjure on the opening "Foreign Land," in which their slinky, fuzz-tone psych-guitar riffs frame Blake's lyrics about moving on from the past. He sings, "My heart was like a stone/But now it's beating brightly/The past's a foreign land/I did my best, you understand." The song nicely evokes the group's late '60s Laurel Canyon folk-rock influences and perfectly sets up the tone of what's to come. Equally soft-focus, organic textures follows as on the Todd Rundgren-esque "I Left the Light On," the piano-driven "Self Sedation" with its Paul Williams-meets-the Beach Boys vibe, and the shimmering "Middle of Mind" whose poetic melody and spectral synthesizers bring to mind Pink Floyd ballad. We also get the crunchy guitar sparkle of "Tired of Being Alone" and "Back to the Light," both of which recall the band's classic Grand Prix and Songs From Northern Britain albums. With Nothing Lasts Forever, Teenage Fanclub have made a poignant, delicately rendered rumination on the passing of time and the enduring promise of love, all of which underscores the timeless lyricism of their work.




 


Overall, though, Nothing Lasts Forever is characterised by Blake’s return to careful optimism. In the percussive, piano-led Self-Sedation, he turns McCartney-esque while quoting William Blake’s Auguries Of Innocence (“‘Some are born to endless night’/I’d say my namesake got that right”). In Back To The Light, the band brilliantly circle back to their primary Big Star influence as Blake joyously details the ending of a gig and the sheer wonder of jumping back on the tour bus before motoring off into the night.
It’s a song that encapsulates Teenage Fanclub in 2023. The years have proven that the deceptive simplicity of their music only increases its potency, working hand-in-hand with their long commitment to the healing powers of brotherhood and melody.


25. September 2023

The Slow Show - Subtle Love


Die Band aus Manchester hat offensichtlich einen Stein im Brett bei den Plattenrichtern: Seit 2015 haben The Slow Show vier Alben veröffentlicht, von denen drei in die Top 5 bei Platten vor Gericht kommen konnten! 
Nachdem „White Water“ (2015) und „Dream Darling“ (2016) auf Platz 4 bzw. 5 kommen konnten, gab es mit „Lust And Learn“ (2019) den einzigen Ausreißer nach unten (#42), denn „Still Life“ im letzten Jahr wieder korriegieren konnte (#2).

Nun also „Subtle Love“, das fünfte Studioalbum von Rob Goodwin (Gesang, Gitarre), Frederik 't Kindt (Keyboards), Joel Byrne-McCullough (Gitarre) und Chris Hough (Schlagzeug), für das sie sich in intimer Runde in einem Studio in Belfast verbarrikadierten und es mit Hilfe von familiärer Unterstützung - Dan Byrne-McCullough, der Bruder von Joel, fungierte als Produzent - in wenigen Tagen einspielten.

Bei diesem Albumtitel ist es wenig überraschend, dass die Platte romantisch geraten ist und laut Rob Goodwin eine Ode an die Liebe in all ihren Facetten darstellt. Noch weniger überraschend ist, dass es The Slow Show langsam und behaglich angehen lassen, so langsam und behaglich, dass vermutlich selbst Tindersticks, Elbow und The National beim Hören etwas ungeduldig mit den Hufen scharren und auf mehr Songs wie das etwas groovende „One Shot“ hoffen würden. Überhaupt nicht überraschend ist, dass The Slow Show wieder auf sanfte Streicher („Roulette“, „Trainride“), bombastische Streicher- und Chor-Arrangements („Learning To Dance“) sowie Crescendo-artigen Aufbau („Builder Boy“) setzen und schlichte Piano-Balladen („Pale“) und Folk-Miniaturen („Royal Blue“) mit weiblichenm Gesang als Gegenpol platzieren. Aber am wenigsten überraschend wäre es, wenn „Subtle Love“ am Ende des Jahres wieder ganz hoch in der Bestenliste von Platten vor Gericht auftauchen würde. 

The Slow Show unterwegs:
07.10.23 Köln, Kantine
09.10.23 Stuttgart, Im Wizemann
12.10.23 München, Freiheitshalle
13.10.23 Dresden, Beatpol
14.10.23 Hamburg, Gruenspan
15.10.23 Berlin, Columbia Theater
19.10.23 Münster, Gleis 22


 


Vom ersten Ton an kriecht Goodwin unter die Haut seiner Zuhörer*innen, gräbt sich dort tief ein und hinterlässt seine Spuren. "Roulette" ruft als Opener all das ab, was The Slow Show zu etwas Besonderem macht. Die tiefe Stimme, die greifbare Zurückhaltung der instrumentalen Untermalung, der subtile Eindruck einer erst nach und nach aufzudeckenden zweiten oder dritten Schicht: Die Band aus Manchester hat wieder einmal viel zu bieten. (…)
"Subtle love" geht den vom ersten Takt an eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Natürlich wird die 2010 gegründete Formation auch hier nicht zum unvermittelt ausbrechenden Rockbiest, und doch finden sich immer wieder kleine, feine Momente, die das Spektrum der Band klug erweitern. (…)
The Slow Show bleiben, trotz des Fokus auf die bewährten Stärken und trotz des Ausbleibens von einem oder zwei Über-Songs, spannend. Und vor allem: höchst gefühlvoll.


 


Nur selten noch streift das Manchester-Quartett Tindersticks-Pastiche. Vielmehr ist sein Stilradius erweitert und konzentriert zugleich. Große Emphase? Schon noch, aber sie wissen, wann es damit erst mal wieder gut ist. Fast zurückhaltend entfaltet sich gehobener Emo-Pop in zehn nie redundanten Songs. „Royal Blue“ entblößt sich in 2:28-Trad-Folk-Kulisse, das hymnische „One Shot“ konterkariert umgehend.




24. September 2023

Kylie Minogue - Tension


Einen kunterbunten Feiertag für alle Vinyl sammelnden, tanzwütigen Kylie-Fans (und davon gibt es nach dem „Padam Padam“ TikTok-Hype und ihrer erfolgreichsten Single seit „All The Lovers“ (2010) einige junge mehr) galt es letzten Freitag zu begehen. 

Denn mit „Tension“ veröffenlichte Minogue ihr 16. Studioalbum, das einmal durch quer durch alle Genre der elektronischen Tanzmusik seit der 70er Jahre streift (Disco, Synthpop, Funk, Eurodance, House, Elektropop, Dance-Pop) und in zahlreichen Vinyl-Varianten in allen Farben des Regenbogens strahlt:










Auch Kylie Minogue dürfte strahlen, denn „Tension“ steht aktuell bei Metacritic bei 86/100 Punkten.


 


Tension heißt das neue, 16. Album von Minogue. Es ist ihre Version von House und Disco, erweitert um sachten Motown-Swing. Eine sonnige Platte ohne Wolken, Temperatureinbrüche oder Stürme. Gar nicht so viel tension also. Mit ihrer hellen, anscheinend nicht alternden Stimme federt Minogue durch elf Songs. Das Piano hämmert vor sich hin, Streicher schwirren durch schlichte Harmonien. Drei, vier Akkorde, mehr braucht es ja auch nicht für einen schlüssigen Popsong. (…)
Zu glauben, das sei oberflächliche, schnell zusammengeschusterte Radioware, wäre ein Fehler. Gerade weil es so leicht daherkommt, an der Grenze zur Trivialität entlangtänzelt, ist Tension ein Glücksfall. Großer Pop kann ästhetisch überraschen, muss er aber nicht. Bei Minogue gibt es diesmal keine jener klanglichen Innovationen, die ihr zu Beginn der Nullerjahre mit Songs wie Can't Get You Out Of My Head gelangen. Stattdessen Hüpf- und Blubberbässe, Discomusik, die in den frühen Siebzigerjahren erst club- und dann salonfähig wurde. Trotzdem freut man sich, wenn die Wirkung einsetzt: Kopfnicken, Unruhe in Füßen und Beinen, gesteigertes Tanzbedürfnis. Alle möglichen Verrenkungen, nur keine semantischen.





23. September 2023

10 Schallplatten, die uns gut durch den Oktober bringen

 

10. James - Laid (2 LPs, Limited Edition, Translucent Red Vinyl) (13.10.2023)






9. Jacob Bellens - Off My Meds (LP) (12.10.2023)






8. Taylor Swift - 1989 (Taylor's Version) (2 LPs, Crystal Skies Blue Vinyl) (27.10.2023)





7. Sufjan Stevens - Javelin (Limited Edition, Lemonade Vinyl) (6.10.2023)






6. The Shins - Chutes Too Narrow (20th Anniversary, remastered, Limited Loser Edition, Transparent Sun Yellow Vinyl) (20.10.2023)






5. U2 - Zooropa (Limited 30th Anniversary Edition, 2 LPs, Transparent Yellow Vinyl) (20.10.2023)






4. Duran Duran - Danse Macabre (2 LPs, Limited Indie Edition, Smog Vinyl) (27.10.2023)






3. Metric - Formentera II (Translucent Pink Vinyl, Indie Exclusive Edition) (13.10.2023)






2. OMD - Bauhaus Staircase (Indie Exclusive Edition, Red Vinyl) (27.10.2023)






1. Babybird - Ugly Beautiful (2 LPs) (13.10.2023)










Still Talk - St. Banger


Die erste Vorladung (XIV)

Personalien:
Ben, Lucas, Kevin, Micha und Tanja kommen aus Köln und sind zusammen Still Talk. 

Tathergang:
Tanja Kührer stammt ursprünglich aus Österreich und findet nach einem Umzug in Köln die Mitstreiter für ihre als Soloprojekt gestartete Band Still Talk. 2021 werden die ersten Singles veröffentlicht, denen 2022 die „A Short Collection Of Songs About How Easily I’m Distracted“ EP folgt. Erste Radioeinsätzen sowie Berichte in Print- und Online-Magazinen sind die Folge, so dass auch zügig das Debütalbum in Angriff genommen wird. „St. Banger“ bietet bei 11 Songs (und einem kurzen Intro) keine Überschneidungen mit der EP und erscheint über das Kölner Indie Label hithome als LP (white Vinyl). 

Plädoyer:
Der Bandname entstammt dem Song „Let It Happen“ von Jimmy Eat World, der Albumtitel ist an Metallicas Album „St. Anger“ angeleht. Musikalisch gibt es zwar den ein oder anderen Hardcore- und Screamo-Ausbruch, bewegen sich Still Talk aber größtenteils zwischen Alternative Rock, Emo und Punk-Pop. Fans von Avril Lavigne, Paramore, Jimmy Eat World, Thrice und Pale Waves zu empfehlen.

Zeugen:

Dabei ist Still Talks Pop-Punk so radiotauglich, dass er auch schon im Radio lief. Um Schein und Sein geht es in “Move To L.A.”, in dem Sängerin Kührer in den Strophen mit Spoken-Words spielt. Die Antwort auf die Heuchelei ist recht einfach: “But the only thing that really helps is watching Gilmore Girls”.
Die Radiotauglichkeit von “Jokes About Heroin“ könnte am Titel scheitern, aber auch am Geschrei in der Bridge. Zudem sorgen Still Talk mit Zeilen wie “From knowing no way out of this machinery that got me trapped inside/ My head, my ways, last exit, suicide” für einen Kloß im Hals. “Talk To Myself” ist eine waschechte Emo-Hymne, das simple Drumming und ebenso simple Riffs sind daran schuld. “Bad Dream” kommt da schon mit mehr Punk-Wumms.
Einen Kontrast zum Rest des Albums bietet “Up To Eleven” mit Kührers Stimmverzerrung und äußerst effektlastigen Gitarren. Für “Along The Lines“ packt die Band die Akustikgitarre aus und in “Sad For Fun“ holen sie sich Blackout Problems–Gitarrist Moritz Hammrich alias Emmerich ans Mikro. Still Talk bewegen sich mit “St. Banger” eingängig und lebhaft innerhalb eines nostalgischen Rahmens, der auch ältere Emos anspricht. 

Der Titeltrack ist, wenig überraschend, ein verdammter Banger. Kurios, verspielt, poppig und mit dem vermaledeiten Lars-Ulrich-Snare-Sample veredelt, macht der Song tierisch Spass. Mit «Headcheck» und dem überraschenden «Jokes About Heroin» folgen zwei weitere astreine Pop-Punk-Hits, die sofort ins Ohr gehen. Letzterer wartet sogar mit heftigen Screams auf, die kurz in Richtung Hardcore schielen. Still Talk vermögen es wundervoll, verschiedene Einflüsse zu ihrem eigenen Sound zusammenfliessen zu lassen. Hier etwas Press Club, da etwas Avril Lavigne, dazu eine Prise The Menzingers und zu guter Letzt vielleicht etwas Thrice obendrauf. (…)
Still Talk überzeugen mit ihrer aufrichtigen und eingängigen Musik. Weit entfernt davon, nur eine weitere Pop-Punk-Gruppe zu sein, gelingt es ihnen, dem Genre mit kreativen, abwechslungsreichen Songs, schonungslos ehrlichen Texten und jeglichem Schmerz trotzender Lebensfreude einen angenehm frischen Wind einzuhauchen. «St. Banger» ist ein grossartiges Debüt, auf das Still Talk zurecht stolz sein dürfen. Und wir können uns von dieser Band hoffentlich noch so auf einiges gefasst machen.


Indizien und Beweismittel:








 


Ortstermine:
24.09.23 Offenbach, Hafen 2
28.09.23 Köln, Artheater (+ Shitney Beers, City Light Thief)
01.10.23 Berlin, Frannz Club (+ Captain Planet)
02.10.23 Dresden, Chemiefabrik (+ Captain Planet)
21.10.23 Wiesbaden, Kreativfabrik
27.10.23 Neunkirchen, Stummsche Reithalle

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...


22. September 2023

Ash - Race The Night


Das Albumcover ließ mich befürchten, dass sich Ash in den letzten fünf Jahren zu einer 80ies Synthpop / Nu-Disco-Band entwickelt hätten… 

… aber weit gefehlt, denn das nordirische Trio macht so ziemlich genau das, was es seit „1977“ (dem Album, nicht dem Jahr) so ausheckt: melodiösen Britpop („Race The Night“, „Usual Places“), tanzbaren Powerpop („Peanut Brain“), punkig-grungigen Rock („Like A God“) und hymnische Streicher-Balladen („Oslo“). 
Manchmal klingen Ash hier ziemlich nach Weezer („Reward In Mind“), das als Pop-Experiment beginnende „Crashed Out Wasted“ lässt mich zwiespältig zurück, packt mich aber im Verlauf seiner über sechs Minuten dann doch irgendwann (und lässt mich an „Clarity“ von Jimmy Eat World denken). Das gilt nicht für den Talkbox-Effekt in „Double Dare“ sowie das brachiale, instrumentale „Like A God (Reprise)“, auf die ich gut hätte verzichten können.

Apropos: Was hat sich bloß der Mensch gedacht, der diese Plattenkritik verzapft hat:

Dass sie angeblich einst gegründet worden waren, weil die Protagonisten auf Twisted Sister und Iron Maiden standen, mag man angesichts der Diskografie und des neuen Albums kaum glauben. Harsche Ansprache war noch nie die Sache der Nordiren, aber RACE THE NIGHT stellt in dieser Hinsicht einen Höhepunkt dar und bietet (auch aufgrund mancher skurril wirkenden Arrangements) vertonte Zuckerwatte. Aua.
Das zieht in Zahnhals sowie Ohr und geht im wahrsten Sinne des Wortes irgendwann auf die Nerven. Wenn Gitarrenmusik (das ist RACE THE NIGHT in der Seele noch immer) derart weichgespült präsentiert wird, bleibt die Dynamik komplett auf der Strecke. Dann lieber gleich The Beach Boys.


„Race The Night“ ist das achte Studioalbum von Ash und als transparent orange Vinyl, transparent violet Vinyl und purple Vinyl erschienen.

Ash in Deutschland:
20.11.23, Frankfurt, Das Bett
21.11.23, Köln, Bürgerhaus Stollwerck
23.11.23, Hannover, Faust
30.11.23, Berlin, Kesselhaus
01.12.23, Dresden, Beatpol
07.12.23, München, Technikum
08.12.23, Stuttgart, Im Wizemann


 


Bei „Usual Places“ sehnt man sich ins Goldene Zeitalter der Schrammel-Clubs der frühen Nullerjahre zurück, auf dem Smashing-Pumpkins-esken „Like A God“ kehrt die Band zum Hardrock ihres Konzeptwerks MELTDOWN zurück, mit dem sich die Indie-Heroen 2004 gegen den Zeitgeist gestellt hatten, „Braindead“ erfüllt das Stumpfspaß-Versprechen. Im epischen Duett mit Démira, „Oslo“, zeigt Wheeler, dass er den Kinderschuhen natürlich längst entwachsen ist. 


 


Auch der Titeltrack von „Race The Night“, dem selbst produzierten achten Album, sorgt ein paar Sekunden lang für Verwirrung: Hat eine böse Fee das nordirische Trio in The Rasmus verwandelt? Aber keine Sorge, die Riffs tragen durchtranspirierte Muskelshirts wie auf „Meltdown“ (2004), die Melodien sind so unwiderstehlich wie auf „Free All Angels“ (2001). Da fällt es leicht, den unerquicklichen Nu Metal von „Double Dare“ als gelungene Persiflage zu werten.




21. September 2023

Lewsberg - Out And About


Die erste Vorladung (XIII)

Personalien:
Lewsberg sind ein niederländisches Quartett, das in seiner aktuellen Besetzung aus Arie van Vliet (Gesang, Gitarre, Geige), Michiel Klein (Gitarre, Keyboards), Shalita Dietrich (Bass, Gesang) und Neuzugang Marrit Meinema (Schlagzeug, Gesang) besteht.

Tathergang:
Die Band hat sich bei ihrer Grpndung 2016 nach Robert Loesberg, einem früh verstorbenen Schriftsteller aus ihrer Heimatstadt Rotterdam, benannt und mittlerweile vier Alben herausgebracht:  „Lewsberg“ (2018), „In This House“ (2020), „In Your Hands“ (2021) und nun „Out And About“. Beschtenswert ist nicht nur die schnelle Abfolge der Veröffentlichungen sondern auch die Tatsache, dass alle Alben selbst veröffentlicht wurden. 
Out And About“ wurde im Frühjahr 2023 mit der Produzentin Yulya Divakova in Amsterdam aufgenommen, ist als CD und LP (black Vinyl, 140 g) erhältlich und bietet 11 Songs in 36:32 Minuten.

Plädoyer:
Stoischer, repetitiver Indierock mit Geige („Going Places“, „Canines“) sowie Boy-/Girl Gesang, der meistens doch eher Sprechgesang ist. Das alles lässt an The Velvet Underground denken (oder an „Songs For Drella“ von Lou Reed John Cale), gelegentlich an die Tindersticks oder The Go-Betweens.

Zeugen:

Lead single ‘An Ear to the Chest’ bases itself around a shrill and repetitive guitar lick, yet manages to assert itself as their attempt at a pop song of sorts and achieves this with ease. There are many other examples which see the band delve into this territory, such as the jangly ‘Out for Milk’ that wouldn’t feel out of place amongst artists on the C81/86 compilations, as well as ‘Without A Doubt’ which boasts some of the most singalong moments on the record.

On the other hand, there are a number of slower and more wistful moments scattered across the record. Opening track ‘Angle of Reflection’ immediately invites the listener into the warmth the album possesses with an electric organ that evokes a dreamy sound that feels like new territory for the group.

“Our first two records were pretty much our take on the music and literature that Arie [van Vliet] and I had been talking about for years,” says guitarist Michiel Klein. “Our third album, In Your Hands, was about keeping things small, quiet and intimate, partly in reaction to some of the unease we occasionally felt when Lewsberg was being lumped in with these muscular testosterone filled rock bands. For this album I was inspired by how I saw the personalities in the band when we became a quartet again, with the addition of Marrit.” “Testosterone-fueled” is a term I’ve never associated with Lewsberg but Meinema has definitely put new spark into a band who were threatening to wear out their groove. Despite its title, Out and About is a textbook example of a stay-at-home Sunday morning record and a wonderful one at that.


Indizien und Beweismittel:






 


Ortstermine:
06.11.23 München, Strom (mit Protomartyr)

Urteile:
Nun sind die werten Richter gefragt...