28. April 2023

The National - First Two Pages Of Frankenstein


10 Fakten zum neuen Album von The National:

1. Das neunte Studioalbum von The National trägt den Titel „First Two Pages Of Frankenstein“, steht seit heute in den Plattenläden und bietet 11 Songs, die 47:34 Minuten laufen.

2. Zuletzt boten The National auf ihren Alben relativ viel neue Musik: „I Am Easy to Find“ dauerte 63:35 Minuten und „Sleep Well Beast“ lief 57:32 Minuten. „First Two Pages Of Frankenstein“ wird zeitlich nur von den frühen Alben „The National“ (2001), „Sad Songs For Dirty Lovers“ (2003) und „Boxer“ (2007) unterboten.

3. Zuletzt ließen The National ihre Alben relativ schnell aufeinander folgen: Zwischen „Sleep Well Beast“ und „I Am Easy to Find“ vergingen nur 1 Jahr, 8 Monate und 9 Tage. Auf „First Two Pages Of Frankenstein“ mussten die Fans etwas länger warten, nämlich 3 Jahre, 11 Moante und 11 Tage. Eine über vierjährige Wartezeit gab es in der Geschichte der Band erst einmal, und zwar zwischen „Trouble Will Find Me“ und „Sleep Well Beast“ (4 Jahre, 3 Monate und 22 Tage).


 


4. Fans und Sammler wurden in den knapp 4 Jahren aber nicht kurz gehalten, denn es gab einerseits das Soloalbum von Matt Berninger („Serpentine Prison“), ein Album des Projektes LNZNDRF der Devendorf-Brüder („II“), ein Album („How Long Do You Think It's Gonna Last?“) von Big Red Machine (Aaron Dessner und Bon Iver), sowie das ein oder andere Nebenprojekt („Complete Mountain Almanac“) und die vielfältigen Studiotätigkeiten der Dessner-Zwillinge (u.a. Taylor Swift), andererseits drei Singles von The National, die in diesem Zeitraum veröffentlicht wurden und auf keinem ihrer Alben zu finden sind: „Never Tear Us Apart“ (2020), eine INXS-Coverversion (aus „Songs For Australia“), „Somebody Desperate“ (2021) aus dem Soundtrack zu „Cyrano“ und „Weird Goodbyes“ (2022), das zusammen mit Bon Iver entstand.  

5. Seitdem Baggers Banquet in 4AD übergegangen ist, erscheinen die Alben von The National auf diesem Label. Für „First Two Pages Of Frankenstein“ wurden vom Label neben der regulären CD und der LP (black Vinyl) zwei limitierte Auflagen der Schallplatte spendiert: red Vinyl und white Vinyl. 

6. In den ersten vier Monaten dieses Jahres veröffentlichten The National vorab vier Singles aus „First Two Pages Of Frankenstein“: „Tropic Morning News“ im Januar, „New Order T-Shirt“ im Februar, „Eucalyptus“ im März und „Your Mind Is Not Your Friend“ im April.


 


7. Zeitgleich mit dem Album erschien als Single #5 „The Alcott“. Auf dieser ist Taylor Swift als Gastsängerin zu hören. Mit Sufjan Stevens („Once Upon A Poolside“) und Phoebe Bridgers („This Isn’t Helping“ und „Your Mind Is Not Your Friend“) sind zwei weitere höchst prominente Gastmusiker auf dem Album vertreten.


  


8. Das Album wurde - erstmals seit „High Violet“ (2010) - von der Band allein produziert und im Long Pond Studio im Hudson Valley in New York aufgenommen. 2015 ließ sich Aaron Dessner das Studio vom Architekten Erlend Neumann entwerfen und bauen.

9. Bis auf das Debütalbum sind alle Alben von The National bei Metacritic verzeichnet und ist ein Metascore hinterlegt. Mit 86 von 100 Punkten führt „Boxer“ das Klassement knapp vor „Sleep Well Beast“ und „High Violet“ (beide 85/100) an, am Ende des Rankings rangieren zurzeit mit einer Wertung von 78/100 „Sad Songs For Dirty Lovers“ und „First Two Pages Of Frankenstein“. 


Sufjan Stevens haucht der kontemplativ-gedämpften Klavier- und Streicherballade „Once Upon A Poolside“ einen zweiten Raum hinzu, in dem es klerikal hallt.
Phoebe Bridgers hält sich auf „This Isn’t Helping“ ebenfalls im Hintergrund; lediglich bei Taylor Swift hat man den Eindruck, dass die fruchtbare Zusammenarbeit der vergangenen Jahre zu etwas mehr Platz führt: „The Alcott“ hätte sich mit seinen moosigen Beats und den augenzwinkernden Aphorismen auch auf Swifts FOLKLORE oder EVERMORE gut gemacht. Aber, und das ist ein wichtiges Aber: Dass die prominenten Gäste hier nicht breitbeinig durchpreschen, tut dem Album unglaublich gut.
FIRST TWO PAGES OF FRANKENSTEIN ist eine Meisterstück der Balance und bevorratet einige der besten The-National-Songs überhaupt. „New Order T-Shirt“, gleichzeitig nervös und völlig in sich ruhend eine offenbar vergangene Zwischenmenschlichkeit bilanzierend, „Ice Machines“ mit seinen Selbstzweifeln oder das abschließende „Send For Me“: ein Lied wie eine ausgestreckte Hand, der mit ziemlicher Sicherheit eine Umarmung folgen wird. Eine rundum schöne Platte.


10. Im September und Oktober 2023 werden in Europa 12 Konzerte von The National stattfinden, zwei davon in Deutschland:
30.09.23 Berlin, Max-Schmeling-Halle
01.10.23 München, Zenith



27. April 2023

Temples - Exotico


Das britische Quartett Temples möchte uns zu einer Reise auf die Insel „Exotico“ einladen. Diese liegt in azurblauen Gewässern, hat Strände aus feinstem Sand, kaskadenartige Wasserfälle, tropische Lagunen und eine exotische Tierwelt zu bieten. Zur Begrüßung werden bunt schillerne Cocktails mit Schirmchen gereicht, auf Nachfrage kann sicherlich auch die ein oder andere halluzinogene Droge besorgt werden, denn diesbezüglich sind die Gesetze auf „Exotico“ äußerst entspannt.

Entdeckt wurde „Exotico“ übrigens vor Jahrzehnten von Forschenden um das Team Lennon und McCartney, kartographiert von einer Gruppe um Barrett, Waters und Gilmour. Die Insel geriet anschließend ein wenig in Vergessenheit, wurde aber in den 90ern Dank Crispian Mills und seinen Kollegen wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt und seitdem häufig von u.a. Wayne Coyne, Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser, Tom Rowlands und Ed Simons oder Kevin Parker besucht.

Der Aufenthalt von Temples, bei dem sie von ihrem Produzenten Sean Lennon und Mixer Dave Fridman über die Insel geführt wurden, hat zu ihrem bisher melodiösestem und eingängisgsten Album geführt, aber insgesamt zu lang gedauert, denn das Ergebnis sind 16 Psychedelic Rock/Pop-Songs, die rund 60 Minuten laufen. Über den genauen Standtort der Insel wird übrigens nichts verraten, aber die gelegentlich zu vernehmenden fernöstlichen Klänge geben Anlass zu der Vermutung, dass diese irgendwo in den Weiten des Indischen Ozeans liegen könnte.

„Exotico“ ist als CD, Kassette und Doppel-LP (black Vinyl, yellow with pInk and blue Splatter Vinyl, pink Vinyl, blue coudy Vinyl, blue and yellow Swirl Vinyl) erhältlich.


 


Geradezu penibel achten James Bagshaw und Tom Walmsley, zwei der vielleicht talentiertesten Songwriter ihrer Generation, auf die präzise Einhaltung des Popsong-Prinzips ABABC, mit Strophe, Bridge, Chorus, C-Teil – noch immer die einzige Ohrwurmformel, und die beherrschen Temples auch auf diesem Album. Nicht selbstverständlich für eine Rock-Band, die sich Psychedelia und dem (Klang-)Exzess verschrieben hat, was bei den weit modernistischer arrangierten Tame-Impala-Werken zu einer Verschiebung weg zu Melodie und hin zu Atmosphäre geführt hat. (…)
Die bekannten Motive Bagshaws, seine Fantasien über Raumzeit („Time is a Light“) sowie die Auslotung von Gedankenwelten („Crystall Hall“), stehen weiterhin im Mittelpunkt, aber Temples haben ihr Spektrum erweitert, huldigen den Kriminalfilmmusiken Morricones („Faded Actor“), Westcoast-Jangle („Slow Days“), Schlager („Inner Space“) und Lounge („Exotico“). Der süßliche Klang wird viele ärgern, die Band wohl weiter Hörer verlieren – aber diese vierte Platte ist eine gute Platte. Temples haben ihr hohes Level gehalten.


 


Doch dafür können die Temples unter Sean Lennons Studioregie die hinlänglich bekannte Formel für ultraharmonische, leicht umnebelte, bunt schillernde Popsongs ausreizen. Ein besonders hübsches Beispiel ist Cicada, das wie eine angeschrägte, exotische Mischung aus indischer Musik und italienischem Filmscore daherkommt. Auch Oval Stones und Slow Days führen Stilelemente zusammen, die unter weniger kundiger Anleitung wohl zu einer wüsten, disparaten Mixtur verkommen wären.
Gelegentlich haben Sean Lennon und die Temples ihre Retro-Reise etwas zu schematisch angelegt, aber meist funktioniert sie – etwa im tollen Opener Liquid Air oder in der bis zu den nasalen Vocals konsequenten John-Lennon-Hommage Time Is A Light. 




26. April 2023

Everything But The Girl - Fuse


10 Fakten zum neuen Album von Everything But The Girl:

1. „Fuse“ ist das erste Album von Tracey Thorn und Ben Watt in diesem Jahrtausend. Ihre letzte gemeinsame Veröffentlichung erfolgte am 27. September 1999 und trug den Titel „Temperamental“. Seitdem vergingen 23 Jahre, 6 Monate und 24 Tage.

2. Um so erstaunlicher ist diese Tatsache, wenn man bedenkt, dass Tracey Thorn und Ben Watt seit 2009 miteinander verheiratet sind, nachdem sie bereits zuvor 28 Jahre in einer gemeinsamen Beziehung waren. Das Paar hat drei gemeinsame Kinder und in der Everything But The Girl-losen Zeit u.a. vier bzw. drei Soloalben veröffentlicht. 

3. „Fuse“ bietet 10 neue Songs, die 35:38 Minuten laufen. Einige Alben von Everything But The Girl haben eine Laufzeit von unter 40 Minuten, jedoch nur „Eden“ (1984) hatte eine noch kürzere Spielzeit zu bieten. Eine Länge von mehr als 50 Minuten boten nur zuletzt „Walking Wounded“ (1996) und „Temperamental“ (1999).

4. Wie diese beiden Vorgänger wird auch das neue Album des Duos über Virgin Records vertrieben. „Fuse“ erscheint über das 2003 von ben Watt gegründete und sich zunächst auf House und Techno spezialisierende Label Buzzin’ Fly Reciords. Die ersten acht Alben von Everything But The Girl wurden über das Label Blanco y Negro veröffentlicht.

5. „Fuse“ ist seit dem 21. April in folgenden physischen Formaten erhältlich: CD, ltd. CD + Blu-Ray, LP (black Vinyl oder ltd. green Vinyl).


 


6. Am 10. Januar 2023 wurde mit „Nothing Left to Lose“ eine erste Single aus dem Album ausgekoppelt. Das Video stammt (wie auch das zu „Run A Red Light“) von Charlie Di Placido.


 


7. Mit „Cloud To The Wind“, „Run A Red Light“ und „No One Knows We’re Dancing“ folgten im rund vierwöchigen Abstand weitere Singles, Keine der vier Singles konnte die Charts erreichen. Somit bleiben im Vereinigten Königreich „I Don’t Want To Talk About It“ (1988) und „Missing (Todd Terry Remix)“ jeweils mit Platz 3 die erfolgreichsten Singles. In Deutschland erreichte der Remix von „Missing“ sogar die Spitze der Charts.

8. Drei der bisher zehn veröffentlichten Alben von Everything But The Girl konnten die Top Ten im Vereinigten Königreich erreichen. Die beste Platzierung gelang 1996 „Walking Wounded“ mit Rang 4. 
In Deutschland schafften bisher nur vier ihrer Alben den Sprung in die Charts, „Amplified Heart“ (1994) kletterte am höchsten (#21).

9. „Fuse“ wurde im Frühjahr 2021 von Ben Watt und Tracey Thorn geschrieben und produziert. Das Paar nahm zu Hause und schließlich diskret in den Riverside Studios außerhalb von Bath mit Freund und Tontechniker Bruno Ellingham auf. Offensichtlich war man sich anfangs noch unsicher, ob es ein neues Album von Everything But The Girl werden würde, denn zunächst liefen die Aufnahmen unter dem Namen TREN (Tracey and Ben). Neben den drei genannten Personen war lediglich der britische DJ Ewan Pearson in die Aufnahmen involviert („No One Knows We're Dancing“).

10. Bei Metacritic steht „Fuse“ aktuell bei einem Metascore von 80/100 Punkten:

The most beautiful song could be Run a Red Light – it’s got a particularly prepossessing melody – but, for all his boasting about the infallibility of his plans, you get the distinct feeling that its protagonist is doomed to failure, perhaps just doomed full stop.
Of course, the mood was ever thus in EBTG’s world, the link between the twentysomethings recording songs infused with samba rhythms and the influence of cool jazz in the old footage online and the 60-year-olds who have made Fuse. It’s an album that manages to be different from anything they’ve recorded before yet perfectly in keeping with their past: a comeback worth waiting for.

The group’s earlier work has a more reverent jazz quality, and this comes back to the fore with ‘When You Mess Up’ – a brooding, husked performance, one brimming in emotional impact. Tracey Thorn’s career is replete with highlights, but the way she delivers the line “for God’s sake have another cigarette…” ranks with the most dramatic, and impactful.
‘Time & Time Again’ veers into 80s pop aspects, recalling at times their peers in downcast British musicality Pet Shop Boys. ‘Lost’ goes for the gut, while the glitz of ‘Forever’ offers shards of light amid the darkness. Closing with the emphatic one-two of ‘Interior Space’ and ‘Karaoke’ this isn’t just a match for former glories, it also stands as one of the best albums Everything But The Girl have put their name against. A rich, atmospheric song cycle, it has the emotional heft of The Blue Nile and the production nous of Massive Attack. In the end, it could only be Everything But The Girl.


25. April 2023

Accidental Bird - The Old News Shrug


Die Band Honig wird bei Platten vor Gericht besonders wertgeschätzt. Daher fand sich deren Album „Empty Orchestra“ auch in unserem Sammelalbum wieder und konnte Stefan Honig den entsprechenden Sticker auch in sein eigenes Exemplar einkleben. 
Auf mehreren Kanälen habe ich prä-pandemisch Honig kontaktiert und eine Einladung für ein Wohnzimmerkonzert bei uns verschickt. In der Vergangenheit haben wir auf solche Anfragen weniger als eine handvoll Absagen erhalten und zahlreiche schöne Konzerte mit nationalen (z. B. Enno Bunger, Dirk Darmstaedter, Nick & June) und internationalen Künstlern (u.a. Pelle Carlberg, Pete Fij, Wolf & Moon, Loch Lomond) veranstaltet. Von Honig gab es keine Reaktion. 

Wirklich keine Reaktion? Nein, das kann man so auch nicht sagen, denn das Projekt Honig wurde wenig später für beendet erklärt. Vielleicht also sogar ein wenig überreagiert, nur um nicht in unserem Wohnzimmer spielen und Sammelbildchen tauschen zu müssen.

Statt dessen wurde Accidental Bird aus der Taufe gehoben, welches dabei viel eher einem Soloprojekt von Stefan Honig entspricht als es die Band Honig zuletzt tat. Der Begriff Accidental Bird, der Vögel bezeichnet, die sich weit außerhalb ihres normalen Brut-, Überwinterungs- oder Zuggebiets verirrt haben, ist ein wenig dem Zufall, Whatsapp, Emojis und Stefans kleiner Tochter geschuldet.
 
Glücklicherweise wurde zumindest die Anfrage von Grand Hotel van Cleef  beantwortet, denn über das Hamburger Label ist nun das Debütalbum erschienen, welches mit seinem warmen, soften und melancholischen Folkpop dem Sound und den weiten Arrangements der letzten Alben von Honig doch recht nahe steht. Der Accidental Bird hat sich also nicht allzu weit außerhalb seines natürlichen Lebensraumes begeben.

„The Old News Shrug“ ist als CD und LP erhältlich.

Accidental Bird unterwegs:
09.05.23 Münster, Pension Schmidt
19.05.23 Mainz, Schon Schön
20.05.23 München, Heppel & Ettlich
21.05.23 Stuttgart ClubCANN
27.05.23 Hamburg, Molotow Skybar
28.05.23 Beverungen, Orange Blossom Special
01.07.23 Mastholte, Sommer Am See
02.07.23 Haldern, Pop Bar
04.07.23 Berlin, Monarch (mit Tim Neuhaus + Jim Bryson)
06.07.23 Köln, Weltempfänger
07.12.23 Gütersloh, GTown Music Acoustic Session


 


“The Old News Shrug” beginnt mit dem wundervollen “Pools”, einem der schönsten Stücke des noch jungen Jahres. Die Melancholie in der Stimme Honigs ist zu einem seiner Markenzeichen geworden. Die ausgewogene und warme Produktion des von einem Piano getragenen Stücks lassen direkt erkennen, dass hier mit viel Liebe zum Detail gearbeitet wurde.
Und so wirkt jeder Song des Albums wie aus einem Guss. Aus den klassischen Songwriter-Strukturen brechen ACCIDENTAL BIRD zum ersten Mal mit “Higher Goals To Shoot For” aus. Der mit allerlei Effekten und Achtzigerjahre-Spielereien belegte Song wächst erst beim mehrfachen Hören, sorgt aber für kluge Abwechslung in Sachen Arrangement und Klangwelt. (…)
Mit der flotten Uptempo-Nummer “Climate Change” wird der hintere Teil des Albums eingeläutet, der aus klassischen Honig-Nummern besteht. Womit wir zum einzigen klitzekleinen Kritikpunkt kommen. Gegen Ende des Albums wünschte man sich eben doch noch ein bisschen mehr Abwechslung. So wundervoll der Schlusspunkt “The Light” auch ist, er geht ein bisschen in der getragenen Grundstimmung der übrigen Stücke unter. 




24. April 2023

Wednesday - Rat Saw God


Nach der über 8-minütigen Tortur „Bull Believer“ weiß man gar nicht, wer mehr gefoltert wurde, die Sängerin, die ob der ihr zugefügten Qualen am Ende des Songs schrecklich schreit, oder der geneigte und dennoch gepeinigte Zuhörer.
Aber natürlich dient dies alles einem Zweck und Sängerin Karly Hartzman unterstreicht so ihre offene und schonungslose Aufarbeitung der eigenen Jugendzeit im ländlichen North Carolina. 

Glücklicherweise mäßigen sich Wednesday im Anschluss deutlich, so dass es auch noch knackigen 90er Jahre Alternative Rock („Hot Rotten Grass Smell“, „Quarry“), Country-Referenzen („Formula One“, „Chosen To Deserve“) oder noisigen Shoegaze („Bath Country“) zu hören gibt. Man stelle sich Big Thief im Lärm-und Krach-Modus vor.

Rat Sax Gold“ ist bereits das fünfte Album der von Karly Hartzman (Gitarre, Gesang) 2017 gegründeten Band, zu der noch MJ Lenderman (Gitarre), Xandy Chelmis (Lap-Steel-Gitarre) , Margo Schultz (Bass) und Alan Miller (Schlagzeug) gehören. Es ist ihre erste Veröffentlichung bei Dead Oceans, die Wednesday zahlreiche Tonträger ermöglichen: CD, Kassette, LP (black Vinyl, seafoam green Vinyl, purple Vinyl, clear sunspot Vinyl, clear gereen Vinyl)

Bei Metacritic steht „Rat Sax Gold“ aktuell bei ausgezeichneten 90/100 Punkten und damit hinter Caroline Polachek und Boygenius an der Spitze der Veröffentlichungen des Jahres 2023. Man sollte das Album also trotz aller anfänglicher Qualen gehört haben.

Der Auftritt im Mai im Berliner Schokoladen ist bereits ausverkauft, aber im Herbst gibt es zwei weitere Gelegenheiten:
30.10.23 Berlin, Frannz Club
01.11.23 Köln, Bumann & Sohn




 


Anders als die prägendsten und oft auch beliebtesten Indie-Acts der letzten Jahre, bei denen es sich oft um Solokünstlerinnen wie Phoebe Bridgers oder De-facto-Ein-Mann-Bands wie Tame Impala handelte, schöpfen Wednesday ihre emotionale Wucht nicht nur aus verträumter Melancholie, sondern aus, nun ja, musikalischer Wucht. Häufig explodieren ihre Songs so plötzlich, brachial und dissonant wie die besten Pixies-Stücke, kombinieren schweres Getrommel mit Rückkopplungen von gefühlt jedem anderen Instrument, enthalten statt konventioneller Zwischenparts etwas viel Besseres: sorgfältig konstruierten Lärm. 
Hart ist diese Musik, aber eben nicht im Sinne von Headbanging und Pommesgabel-Handzeichen, sondern so, wie es hart sein kann, aus einer Matratze wieder hochzukommen, in der man ganz tief versunken ist. Nach Shoegaze klingen Wednesday dann, diesem hypnotisierenden Rockmusik-Genre, in dem gelangweilt aussehen eine bewusste Entscheidung ist und man hinter Wänden aus E-Gitarren keine einzelnen Noten mehr heraushören kann. Es dröhnt auf Rat Saw God, und nicht immer weiß man genau, woher es kommt. Muss ja auch nicht, soll wahrscheinlich auch nicht. 






23. April 2023

10 Schallplatten, die uns gut durch den Mai bringen

 

10. Die drei ??? - Die drei ??? (Folge 222) - und die Gesetzlosen (2 LPs) (12.5.2023)






9. Therapy? - Hard Cold Fire (Limited Indie Edition, White Vinyl) (5.5.2023)






8. Ocean Colour Scene - B-Sides, Seasides & Freerides (Record Store Day 2023 Blue Vinyl Edition) (22.4.2023)






7. The Lemonheads - Come On Feel The Lemonheads (30th Anniversary Edition, Black Vinyl) (2 LPs) (19.5.2023)






6. Alamo Race Track - Black Cat John Brown (180g, White Coloured Vinyl) (12.5.2023)






5. Heavenly - Le Jardin De Heavenly (LP) (12.5.2023)






4. Carter USM - 30 Something (Picture Disc, Record Store Day 2023 Edition) (22.4.2023)






3. Tomte - Du weißt, was ich meine (Limited Edition, Orange Vinyl) (28.4.2023)






2. Jonathan Bree - Pre-Code Hollywood (Opaque White Vinyl) (12.5.2023)






1. Phillip Boa & The Voodooclub - Boaphenia (30 Jahre Jubiläumsedition, 2 LPs, White Vinyl) (12.5.2023)







22. April 2023

Jana Horn - The Window Is The Dream


Leicht jazziger Folk - das müsste doch unserem Jazz-Volker gefallen!

Beim Debütalbum von Jana Horn verweigerte besagter Plattenrichter noch ein Urteil (die übrigen Wertungen für „Optimism“ bewegten sich zwischen 5,5 und 7 Punkten), was vermutlich daran lag, dass das Album bereits in Eigenregie 2020 veröffentlicht worden war, die Plattenvorstellung aber erst mit dem Vinyl-Release über No Quarter im letzten Jahr erfolgte. 

Bei „The Window Is The Dream“ sind das Label, das black Vinyl und clear Vinyl offeriert, sowie Platten vor Gericht aber pünktlich. Und so sei es dem Musikexpress überlassen, ein Loblied auf das rund 30-minütige Album zu singen:

Dass Horn in ihrer Jugend gerne Screamo-Konzerte besuchte, hört man ihrem sanften Folk nicht mehr an. Dass sie Literarisches Schreiben unterrichtet, dagegen schon. Ihre Lyrics bleiben enigmatisch und poetisch: flüchtige Gedankenströme, die sich in der Eingeschlossenheit ihres Zimmers aneinanderreihen, ohne ein Tagebuch sein zu wollen. Musikalisch reichert die Singer/Songwriterin ihre Traumlandschaften mit Cello und Vibrafon an. Die folk-typischen Akustik-Gitarren wechseln sich mit solchen ab, die elektronisch sind. Doch selbst treibende Gitarren treiben bei Jana Horn eben bedächtig und sanft.









21. April 2023

Fenne Lily - Big Picture

 

Das Plattencover ziert eine vom Künstler Thomas Doyle geschaffene Miniaturwelt, die mich ein wenig an das Miniaturwunderland in Hamburg erinnert. Hier wie dort muss man ein wenig verweilen und genau hinsehen, um Einzelheiten entdecken und das Besondere finden zu können. Die Hülle von „Big Picture“ zeigt den Einsturz eines Hauses, das in einer Glocke eingeschlossen ist, und enthält mehrere zentimeterhohe Modelle von Fenne an verschiedenen Stellen.

Auch bei der Musik der Singer/Songwriterin gilt es, inne zu halten, um im eher intimen, schlichten und unaufgeregten Folk Details erhaschen und Feinheiten heraushören zu können. Erst dann erschließt sich die wundervolle Mniaturwelt der Fenne Lily.
Besonders Freunden von Angel Olsen, Laura Marling, Mazzy Star, Cowboy Junkies und Phoebe Bridgers ist „Big Picture“ zu empfehlen.

Die aus Bristol stammende Musikerin zog nach dem Komponieren ihrer zehn neuen Lieder nach New York, um weit von ihrer Heimat entfernt gemeinsam mit ihrem Co-Produzenten Brad Cook (Bon Iver, Snail Mail, Kevin Morby, Waxahatchee) in Americana-Welten  zu wildern. 

„Big Picture“ ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl oder coke bottle clear Vinyl in der limitierten Auflage) erhältlich.

Fenne Lily in Deutschland:
27.04.23 Hamburg, Nochtspeicher
29.04.23 Berlin, Frannz
01.05.23 München, Ampere
02.05.23 Köln, Stadtgarten


 


„Map Of Japan“, der erste Song, ist der beste, mit einer einfachen Akkordfolge und einem schönen Arrangement, zaghaften Doo-Wop-Backings, einer wunderbaren, mächtig verhallten E-­Gitarre und Fenne Lilys zittriger Stimme. Auch „In My Own Time“, ein wehmütiger Walzer, ist schön. Von den übrigen Liedern bleiben vorallem die Eigenheiten der Backing-Band hängen, die hell verhallte Gitarrenfigur nach dem Refrain von „Lights Light Up“ zum Beispiel oder überhaupt die warme Dichte der Arrangements.




20. April 2023

Cindy - Why Not Now?

 

In der Band Cindy gibt es eine Karina sowie einen Aaron, Mike und Stanley, aber keine Cindy. 

Und für das vierte Album von Cindy trifft dies eigentlich auch nur bedingt zu, denn Karina Gill hat die ersten Demos allein in ihrem Keller aufgenommen und später ihren Keyboarder Aaron Diko hinzu gezogen, um die Songs wieter auszufeilen. Letztendlich holte man sich - neben Stanley Martinez (Gitarre) und Mike Ramos (Schlagzeug) - noch Musiker aus der blühenden San Fancrisco-Popszene ins Boot, um die minimalistischen Visionen zu verwirklichen. Und so vervollständigten zahlreiche Musiker von Flowertown, Telephone Numbers, April Magazine, Famous Mammals oder Sad Eyed Beatniks das, was als niedlicher Indiepop („Earthly Belonging“, „Why Not Now“), entrückter Slowcore („August“) oder sanfter Dreampop („A Trumpet On The Hillside“) bezeichnet werden darf und den Titel „Why Not Now?“ trägt. 

Freunden von Galaxie 500, Low und Mazzy Star zu empfehlen!







19. April 2023

Jonathan Bree - Pre-Code Hollywood


Mit seinen letzten beiden Alben hat sich Jonathan Bree jeweils unter den Top 50 bei Platten vor Gericht positionieren können: „Sleepwalking“ erreichte 2018 Platz 30 und „After The Curtains Close“ kam zwei Jahre später auf Rang 45, wobei die Durchschnittswertung der Plattenrichter jeweils bei 7,500 Punkten lag.

Würde man für „Pre-Code Hollywood“ einen passenden Film für einen Soundtrack-Beitrag suchen, so hätte sich ein Film von John Hughes angeboten. Damit wäre auch bereits eine stilistische und zeitliche Orientierungshilfe für das fünfte Album des Neuseeländers geliefert. Passend dazu kontaktierte Jonathan Bree auch hoffnungsvoll Nile Rodgers, der Mitte der 80er Jahre beispielsweise in die Produktion von „Let’s Dance“ (David Bowie), „The Wild Boys“ (Duran Duran) oder „Like A Virgin“ (Madonna) involviert war, um mit diesem zusammenzuarbeiten. Sein Ersuchen war erfolgreich, so dass Rodgers nun als Gitarrist auf „Miss You“ und dem Titelsong (hier auch als Co-Produzent) zu hören ist.


 


Mit Chelsea Nikkel (aka Princess Chelsea) gibt es eine weitere prominente Mitstreiterin auf zwei Songs der Platte („Miss You“ sowie „Destiny“), welche häufig als „Dark Disco“-Album postuliert wird und uns Jonathan Bree in seiner bisher zugänglichsten und poppigsten Ausprägung präsentiert.


 


Digital ist „Pre-Code Hollywood“ bereits erhältlich, auf die physischen Tonträger (CD und LP (opaque white Vinyl)) wird man sich noch bis Mitte Mai gedulden müssen. Vorher wird Jonathan Bree noch einmal in Deutschland gastieren:
01.05.23 München, Strom


 


Indeed, much of the album sounds like it was packed in dry ice. Chilly synths team up with Bree's monochromatic vocals to create a mood and the frozen space between the notes on many of the songs helps turn down the heat as well. It works very well on both the uptempo tracks like "When We Met" that sound low-key dramatic enough to fit perfectly in a John Hughes movie, if one of those actually had some realistic depth. A couple of the ballads have that mix of restrained grandeur and teardrops too, and Bree even gets swept up so much by the melodic beauty of "We'll All Be Forgotten" that he pushes past his usual vocal style to indulge in some first rate crooning. That song is maybe the most '80s sounding of the record, sneaking in some New Order bass and a classic OMD feel. Bree isn't pulling some kind of nostalgic heist though, he's using the sounds as shorthand references to get his feelings across in a new way. It's far more satisfying to hear an artist do this kind of subtle borrowing rather than just slapping a bunch of clichéd '80s stuff on and calling it good. Here and always, Bree never takes the easy route. He's out to create serious art with serious heart and Pre-Code Hollywood is a stunning example of just how skilled he is at that pursuit.


 



18. April 2023

Teleman - Good Time / Hard Time


Hier darf man gespannt sein, ob das Hören des neuen Albums von Teleman als good time oder doch eher als hard time aufgefasst werden wird.

Nach dem Ausstieg ihres Keyboarders Jonny Sanders vor drei jahren war vielleicht nicht unbedingt damit zu rechnen, dass sich „Good Time / Hard Time“ noch deutlicher Richtung Tanzfläche bewegen und Keyboards sowie Drumcomputer noch mehr Raum gegeben würde. Eingängige Indiepop-Songs haben Teleman weiterhin im Gepäck, aber zwischendurch schwooft es doch recht häufig behäbig oder funky dahin, so dass man dem Trio einen Platz in einer Plaliste neben Metronomy freihalten möchte. Immerhin kommt der abschließende Titelsong mit einem kinderchor daher! 

Das vierte Album von Thomas Sanders (Gesang, Gitarre), Peter Cattermoul (Keyboards, Bass) und Hiro Amamiya (Schlagzeug) ist als CD und LP erhältlich, die limitierten Auflage der Schallplatte gibt es als colour-in-colour natural & black Vinyl und red/black half & half Vinyl.

Teleman in Deutschland:
25.09.23 Berlin, Privatclub
26.09.23 Köln, Blue Shell




 


Occasionally, however, it's too apparent that they're trying to appeal to the widest possible audience. "Short Life"'s chugging guitars and nagging keyboard add some heft to the band's message to seize the day, but it feels like some of their distinctive songwriting quirks have been straightened out in an attempt to be anthemic. Similarly, the title track closes the album with a reminder of how hard it is to write crowd-pleasing singalongs that aren't overly simplistic. Nevertheless, Teleman find some typically atypical ways of expressing these universal feelings. (…)
Teleman imbue those synthetic sounds with a sizable dose of warmth on "Hello Everybody," a vocodered, optimistic transmission from the future that compares life to cherry pie ("eat it while it's hot"), and the romantic, slow-motion disco of "Cherish." Also like Aliens, some of Good Time/Hard Time's gems are buried on its second half, whether it's "The Juice"'s flirtatious, funky synth pop, "The Girls Who Came to Stay"'s carefree sensuality, or "I Can Do It for You," a fusion of ELO pomp and dance-punk that finds the band at their earwormy best. Teleman might still be finding their feet as a three-piece, but Good Time/Hard Time is especially strong when they lean into their wit and individuality.






17. April 2023

DMA’s - How Many Dreams?


In der DNA von DMA’s sind die 90er Britpop-Jahre fest verankert: Es gibt die gitarrigen Rocker, die nach den Manic Street Preachers klingen („Olympia“), die Streicher-Balladen, bei denen man sofort an The Verve denken muss („Forever“, „Dear Future“), den Versuch einer gallagherschen Stadion-Hymne nachzueifern („Jai Alai“) und die leichtfüßig-eingängigen Pop-Songs, die dem Geiste von Ian Broudie hätten entsprungen sein können („Get Ravey“). 

Aber warum führt der Titelsong die Lightning Seeds in die Großraumdisco, lädt uns „Something We’re Overcoming“ zum Auto-Scooter fahren ein, schreit „I Don’t Need To Hide“ nach einem Mash-Up mit Chers „Believe“ und hat sich von „De Carle“ der Chemical Brothers-Remix auf das Album verirrt?

„How Many Dreams?“ ist das vierte Studioalbum des australischen Trios, entstand in Zusammenarbeit mit den Produzenten Rich Costey (Muse, New Order, Interpol, Kasabian) und Stuart Price (Madonna, Pet Shop Boys, Kylie Minogue) und ist offensichtlich der Versuch, sich musikalisch etwas breiter aufzustellen und vielfältiger zu präsentieren. Das Album ist als CD, Kassette und LP (black Vinyl, white Vinyl, yellow/green/black splatter Vinyl, neon green Vinyl, neon yellow Vinyl) erhältlich. 

DMA’s in Deutschland:
27.04.23 Köln, Luxor
28.04.23 Berlin, Cassiopeia


If there ever was a moment for DMA’s to really commit to a sound, and to do so fearlessly, it would be on album four – frustratingly, it feels like they’ve held back at points. ‘Dear Future’ has the plod of latter-day Gallagher brothers, while quieter moments ‘Get Ravey’ and ‘Forever’ do little to amp up the album’s bigger set-pieces – they’re an uncomfortable pause while the DJ drops a bit of a stinker.
This isn’t entirely a wasted opportunity, though. ‘How Many Dreams?’ is ambitious and catchy enough to satiate old fans and realign the narrative for those who may have written DMA’s off. But it’s hard to not leave feeling that this was their moment, and they’ve only grabbed it with one hand.
(NME)













16. April 2023

Feist - Multitudes


10 Fakten zum neuen Album von Feist:

1. Wenn Feist ihre Fans zwei Wochen länger hätte warten lassen, wären die sechs Jahre seit der Veröffentlichung von „Pleasure“ (2017) voll gewesen. So viel Zeit war bisher nie zwischen zwei Alben von ihr verstrichen. Der Rekord lag bisher bei 5 Jahren, 6 Monaten und 24 Tagen zwischen „Metals“ und „Pleasure“.

2. Nachdem ihre Alben zuletzt immer 50 und mehr Minuten Musik geboten hatten, kommen die 12 Songs von „Multitudes“ nur auf 46:12 Minuten Spielzeit. Noch 3 Minuten kürzer war 2004 „Let It Die“ (2004).

3. Einen weiteren neuen Song von Feist wird es im Verlauf des Jahres noch geben, denn auf dem Anfang Juli veröffentlichten „The Endless Coloured Ways: The Songs Of Nick Drake“ wird sie (neben Aurora, John Grant, John Parish and Aldous Harding, Fontaines DC oder Craig Armstrong feat. Self Esteem) mit der Coverversion von „River Man“ zu hören sein.

4. Die Entstehung der Songs war etwas ungewöhnlich: Bereits im Sommer 2021 startete Feist ihre „Multitudes“-Gastspiel-Reise in Europa. In reduzierter und intimer Umgebung wurden hier neue Songs vorgestellt und stetig weiterentwickelt. Im letzten Jahr wurde diese Methode in den USA fortgeführt, bevor es schließlich an die Aufnahmen im nordkalifornischen Redwood Forest ging. 

5. Feist hat „Multitudes“ gemeinsam mit ihren langjährigen Kreativpartnern Robbie Lackritz (The Weather Station, Bahamas, Robbie Robertson) und Mocky (Jamie Lidell, Vulfpeck, Kelela) produziert. Blake Mills (Bob Dylan, Fiona Apple, Perfume Genius) und Joseph Lorge haben das Album abgemischt.


 


6. Zeitgleich mit der Albumankündigung veröffentlichte Feist gleich drei Songs aus „Multitudes“, nämlich „Hiding Out in the Open“, „In Lightning“ und „Love Who We Are Meant To“.


 


7. „Multitudes“ ist seit dem 14. April als CD und LP (black Vinyl) erhältlich. Es gibt zudem zwei limiteirte Auflagen der Schallplatte auf clear Vinyl und green Vinyl.

8. Einen Monat vor der Albumveröffentlichung wurde mit „Borrow Trouble“ ein weiterer Song veröffentlicht:


 


9. Feist ist hohe Kritikerbwertungen gewohnt. So sind bei Metacritic für „The Reminder“ 79/100 Punkte verbucht, für „Metals“ 81/100 und „Pleasure“ liegt bei 80/100. „Multitudes“ toppt diese Alben mit einem aktuellen metascore von 85/100.

With Multitudes Feist has entered a new era in her artistry, one in which she makes space for reverie. Her grand realisations are beautifully stated: “Love is not a thing you try to do / It wants to be the thing compelling you.” Multitudes leaves listeners feeling like they have something to learn from Feist, who is becoming a prophet of her generation.

Yet as deeply felt as these songs obviously are, Multitudes feels anything but precious or fragile or even very vulnerable. Instead, the album may be even bolder and more bracing than the theatrical experiment that preceded it. As she did on stage, Feist delights in dismantling the cliché of the forlorn singer-songwriter pouring one’s heart out to the accompaniment of a strummed acoustic guitar. While the songs started that way at the recording’s onset – and a handful retain that rawness – their shapes were often distended as they incorporated other elements, including the remarkable variety of voices that Feist weaves together in angelic choral passages and less obviously mellifluous arrangements. 

10. Bisher sind nur Konzerte in Kanada und den USA angekündigt, so dass sich Fans hierzulande erst einmal mit diesem Mini-Konzert („The Redwing“, „Hiding Out In The Open“, „Love Who We Are Meant To“) begnügen müssen:





15. April 2023

Frankie Rose - Love As Projection


Frankie Rose war früher Mitglied in den Bands Crystal Stilts, Dum Dum Girls, Vivian Girls sowie Beverly, hat ein Album als „Frankie Rose And The Outs“ herausgebracht, drei Soloalben veröffentlicht und mit Matthew Ford das Projekt Fine Place gegründet. Dennoch hat sich in ihrer persönlichen Diskographie zuletzt eine recht große Lücke offenbart, denn seit 2017, als einerseits „Cage Tropical“ erschienen ist und andererseits „Seventeen Seconds“ von The Cure komplett von ihr gecovert wurde, gab es keine neue Musik unter ihrem eigenen Namen.

Auf „Love As Projection“ setzt die US-Amerikanerin ihren mit „Cage Tropical“ eingeschlagenen Weg fort: Die Zeiten, in denen bei ihren Plattenvorstellungen Begriffe wie Garage, Shoegaze oder Noise benutzt werden konnten, sind vorbei, denn die Gitarren rutschen in den Hintergrund und Synthesizer sowie die Klänge der 80er Jahre treten deutlich in den Vordergrund. Die zehn neuen Songs bewegen sich zwischen Synthpop („Sixteen Ways“), New Wave („Anything“), Dreampop („Saltwater Girl“) und sogar Ambient („Feel Light“) und dürften sich damit für Playlisten qualifizieren, in denen neben Wild Nothing, School Of Seven Bells, M83, Chromatics, Beach House auch Saint Etienne, Dubstar und Enya zu finden sind.

„Love As Projection“ ist als Cd und LP (black Vinyl) erschienen, die Schallplatte gibt es zudem in zwei limitierten Auflagen als Amethyst-In-Glass Vinyl und Blood-In-Glass Vinyl.


Traumartige Gebilde, kombiniert mit ihrem DIY-Ansatz, ergeben hier einen uniquen Stil, den Frankie Rose nach sechsjähriger Pause hier scheinbar leicht und lässig perfektioniert hat.
Ihre Liebe zu New-Wave-Hooks und Post-Punk-Drive bleibt allgegenwärtig, und doch klingen die neuen Songs absolut gegenwärtig und geistesklar – und keineswegs verkaufsfördernd vintageverliebt. Diese Art der niedlichen Nostalgie verhindert die minimale Herangehensweise der Songs, die so eine erstaunliche Komplexität entfalten können: Art-Pop, der mit charakteristischen Melodien und dichten, ätherischen Harmonien in die Zukunft treibt.


14. April 2023

Murray A. Lightburn - Once Upon A Time In Montréal


Der Vorhang in einem alten Theater öffnet sich, im Mittelpunkt der mit rotem Brokat ausgekleideten und in schummriges Licht getauchten Bühne steht ein Klavier. An diesem sitzt, gut ausgeleuchtet, Murray A. Lightburn, in schwarzem Anzug, weißem Hemd und mit schwarzer Krawatte. Hinter ihm im Halbschatten befindet sich ein 14-köpfiges Orchester mit zahlreichen Streich- und Blasinstrumenten, ebenfalls dem Ort und Anlass entsprechend gewandet. Den Bühnenhintergrund nimmt ein stark vergrößertes, altes schwarz-weiß Foto eines schwarzen Saxofonisten ein. Vor der Bühne sitzt in roten Samtsesseln ein aufmerksam lauschendes Publikum, das vollkommen auf Lightburn konzentriert ist, der sich zu schwelgenden Streichern durch sein drittes Soloalbum croont. Burt Bacharach und Damon Albarn, ebenfalls anwesend, seufzen anerkennend. 
Das wäre das ideale Setting für „Once Upon A Time In  Montréal“, das Ende März digital veröffentlicht wurde und im Verlauf diesen Monats als LP folgen wird.

Der Sänger der kanadischen Indierock-Band The Dears bezeichnet sein Album als Audio-Version eines Biopics, das durch den Tod seines Vaters, eines Jazzmusikers aus Belize, der über New York nach Montreal zog, um seine Jugendliebe wiederzufinden und mit ihr 56 Jahre lang verheiratet zu sein, inspiriert wurde. Reverend William J. Lightburn verstarb nach einer Erkrankung an Alzheimer im April 2020 in einem Pflegeheim in Quebec.
    

 


Once Upon A Time In Montreal is a gentle 8-song assortment, sung from both Lightburn’s view as the pondering son, to his father’s imagined perspective; reminiscing on life and its finality.
Lightburn softly utilizes his crisp, unique, distinctive voice and his exceptional vocal range to present the release in what could be considered a concept album, with it’s focused storytelling and cinematic feel, which was produced by Lightburn’s old friend Howard Bilerman (Arcade Fire, Leonard Cohen), Amongst others, Lightburn also enlisted The Dears drummer, Jeff Luciani, and Montreal saxophonist Frank Lozano, who delivered the rousing sax solo on the title track.
Once Upon A Time In Montreal feels overwhelmingly like a heartful celebration of life, created in part to help make sense of and quell the loss of a loved one.


 


13. April 2023

Daughter - Stereo Mind Game


Kaum zu glauben, dass seit dem letzten regulären Album von Daughter bereits mehr als sieben Jahre vergangen sein sollen! 

Vielleicht sorgten der Soundtrack „Music From Before The Storm“ (2017) und „Ex:Re“, das selbstbetitelte Album (2018) des Soloprojekts von Elena Tonra, dafür, dass einem die Zeit kürzer vorkam und vielleicht dämpften diese auch etwas die Hoffnungen auf bzw. die Erwartungen an ein neues Album des Trios.

Doch mittlerweile ist „Stereo Mind Game“ zu hören und sofort als eine neue Platte von Daughter zu identifizieren. Dies liegt einerseits an der unverwechselbaren Stimme von Elena Tonra und andererseits an diesem sehnsüchtigen, somnambulen Shoegaze, den sie gemeinsam mit Igor Haefeli und Remi Aguilella fabriziert („Neptune“, „To Rage“). 

Aber „Stereo Mind Game“ wartet auch mit zahlreichen Neuerungen oder zumindest Feinjusttierungen im Klangkosmos von Daughter auf: Mit „Be On Your Way“, „Party“ und „Dandelion“ wird die auf „Not To Disappear“ eingeschlagene Richtung, in der es auch einmal etwas schneller und rockiger zugehen darf (und textlich etwas Optimus durchschimmern darf), auf den ersten drei Liedern des Albums fortgesetzt. Wir hören mehrfach ein Streicherensemble sowie ein Blechbläserquartett („Neptune“, „To Rage“) das Soundspektrum erweitern, Elena Tonra bietet einen Call and Reponse-Song an („Dandelion“), es gibt einen Gesangsbeitrag von Igor Haefeli („Future Lover“) sowie Chorgesang („Neptune“) und eingeflochtene Experimente mit Sprachnachrichten („(Missed Callls)“, „Wish I Could Cross The Sea“) von Freunden und Familie. 

„Stereo Mind Game“ ist über 4AD als CD, Kassette und LP (black Vinyl, eco-coloured Vinyl) erhältlich.


 


So gibt das von Streichern und Synthies getragene The-xx-Soundalike „Be On Your Way“ gleich zum Einstieg einen Weg aus der Dunkelheit vor, dem Daughter in der Folge mal mit altbekannten, mal mit ungewohnten Mitteln folgen. Natürlich ist da immer noch dieser Hang zum ätherisch verhallten Dream-Pop-Wohlklang, der allein schon in der ebenso zarten wie entrückten Stimme Elena Tonras steckt.
Spannend wird es aber, wenn Daughter ihre Wandlungsfähigkeit zum Tragen bringen. Das trocken in den siebten Harmonie-Himmel des Indie-Rock produzierte „Party“, die neongolden pluckernde und wogende Spoken-Word-Indietronica von „Junkmail“ oder die fligran herunterskeletierte Indie-Folk-Miniatur „Isolation“ stehen dabei repräsentativ für eine Band, die bei aller Variation spürbar ihre Mitte gefunden hat.


 


Das wiedervereinte Trio umkreist hier in zwölf Stücken die große Sehnsucht, vor allem wie damit umzugehen ist, wenn sie sich nicht erfüllt (das soll ja eher die Regel sein), derweil diese verdammten Stimmen da im Kopf ein „Stereo Mind Game“ aufführen. Doch wenn hinter der Pause auch die stille Sehnsucht nach ein bisschen Veränderung stand, ist zumindest diese Realität geworden. „Isolation“, zart hingetupft, ist der guten alten Daughter-Verzweiflung am nächsten, aber schon hier ist Ausweglosigkeit keine Option mehr in versöhnlicheren Grautönen.




12. April 2023

Element Of Crime - Morgens um vier


1990 habe ich Elements Of Crime erstmals live gesehen, damals sangen sie noch auf englisch und ihre Alben verkauften sich so spärlich, dass sie nicht in die deutschen Charts aber zumindest in meinen Plattenschrank kamen. Mit den deutschen Texten wuchs meine Begeisterung und hielt über sechs Alben hinweg und knapp bis ins neue Jahrtausend.

„Mittelpunkt der Welt“ hatte 2005 zumindest noch einen herausragenden Titelsong zu bieten, aber als dessen letzte Töne verklungen waren, schwand auch meine Leidenschaft für Sven Regener und seine Mitstreiter deutlich. 

Offensichtlich verläuft meine Passion für Element Of Crime reziprok   zu der der Allgemeinheit, denn mit „Mittelpunkt der Welt“ erreichten sie erstmals die Top Ten der Charts und die drei folgenden Alben konnten sich sogar auf den Rängen 2 bzw. 3 platzieren. 

Mittlerweile gibt es das fünfzehnte Album in der 38-jährigen Bandgeschichte. „Morgens um vier“ kann der Bandhistorie wenig Neues hinzufügen (mit Ausnahme eines Duetts mit Tobias Bamborschke von Isolation Berlin), hat aber - wie „Mittelpunkt der Welt“ - einen tollen*, fast siebenminütigen Titelsong als Rausschmeißer. Dieser schunkelt schön im Walzertakt und lässt mich das größtenteils melancholische Album letztendlich doch mit einem besseren Gefühl verlassen als zuletzt.

*bis auf das Saxofon-Solo


„Morgens um vier“ bleibt im unverwechselbaren Kaschemmen-Swing, wie in „Ohne Liebe geht es auch“ oder „Wieder Sonntag“. Kneipenhocker-Pop. Nach dem Prinzip „Keine Experimente“, um mit Altkanzler Conny Adenauer zu sprechen. „Die Zeiten werden wilder (…) Wir haben keine Ahnung, wir haben Bilder“, singt Regener. Nach der Hinwendung zu den Westberliner Wurzeln beim letzten Album hat es auch hier kräftig Lokalkolorit. Das Album umweht die Aura einer längst nicht mehr existenten Stadt.


 


Abermals stehen die Protagonist*innen ihrer Stücke an den Wegscheiden der Liebe – sie sehnen, leiden, schmachten, träumen. Ihren Observationen des Alltags und bedröppelten Gedanken zu folgen, legt Balsam auf lädierte Herzen: „Die Erinnerung ist wie ein niedliches Reh, das beißt wie ein Hund und frisst wie ein Schwein“, heißt es etwa in „Was mein ist, ist auch dein“.
Von lakonischen Versen und romantischen Bildern zehrt auch das wunderschöne Sehnsuchtslied „Dann kommst du wieder“. Sobald der Flieder die Bienen wieder verzaubert, kehrt auch die Liebste zurück, so das Kalkül der Duettpartner Sven Regener und Tobias Bamborschke (Isolation Berlin). Alles bleibt, wie es war: Wenn Melancholie die Schönheit im Traurigen meint, dann kommt nichts dieser Empfndung so nahe wie der durch Trompete und Akkordeon sublimierte Chanson-Rock von Element of Crime.


 


Element Of Crime unterwegs (die ersten vier Berliner Konzerte sind bereits ausverkauft):

21.08.2023 Berlin, Privatclub 

22.08.2023 Berlin, Lido 

23.08.2023 Berlin, SO 36  

24.08.2023 Berlin, Admiralspalast 

25.08.2023 Berlin, Zitadelle Spandau
27.08.2023 Bochum, Zeltfestival Ruhr
05.09.2023 Hamburg, Laeiszhalle
06.09.2023 Hamburg, Laeiszhalle
14.09.2023 Köln, Open Air am Tanzbrunnen
15.09.2023 Münster, Jovel Music Hall
16.09.2023 Dresden, Freilichtbühne Junge Garde
17.09.2023 Leipzig, Haus Auensee
18.09.2023 Erfurt, Alte Oper
20.09.2023 Linz, Posthof,
21.09.2023 Wien, Wiener Konzerthaus
22.09.2023 Wien, Wiener Konzerthaus
23.09.2023 München, Isarphilharmonie
24.09.2023 Salzburg, SZENE Salzburg
26.09.2023 Nürnberg, Meistersingerhalle
27.09.2023 Stuttgart, Liederhalle,
28.09.2023 Zürich, Kaufleuten
29.09.2023 Zürich, Kaufleuten
30.09.2023 Bern, Casino
02.10.2023 Frankfurt, Alte Oper
03.10.2023 Bielefeld, Lokschuppen
05.10.2023 Hannover, Theater am Aegi
06.10.2023 Bremen, Glocke
07.10.2023 Bremen, Glocke